20070502

Totalitarismus-Diktatur-Bürokratie-Autoritarismus-sk-21

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Totalitarismus fällt heraus aus dem Bild des Fortschritts von traditioneller zu rationaler Herrschaft, vom Autoritarismus zur Verfassung der Freiheit.

Ist Totalitarismus wirklich nur eine 'Staatsform' oder eine 'Legitimationsweise'?

Es wird das Ziel der totalen Kontrolle durch Mobilisierung erkennbar. Autoritäre Regimes suchen Kontrolle, aber gestatten große Bereiche der Privatheit und der Apathie; Demokratie mobilisiert, tut dies aber um Kontrolle zu dezentralisieren. In totalitären Regimes ist Mobilisierung das Instrument der zentralisierten Kontrolle.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Der zweite Weltkrieg ist aus den Eroberungsplänen totalitärer Machthaber hervorgegangen. Die Wurzeln totalitärer Ideologien reichen ins 18. Jahrhundert , aber sie wurden erst in der Zwischenkriegszeit virulent.

Nach Autoren die die Sozialstruktur autoritärer Regimes untersucht haben steht im Vordergrund:
Der Totalitarismus ist das Resultat der Ersetzung älterer und gefügterer Sozialstrukturen durch strukturlose 'Massen'-Gesellschaften. (Nach 1918 wurde das klassische Proletariat für manche zur bloßen Masse reduziert).

So Leonard Schapiro: Totalitarismus als eine neue Form der Diktatur, die aus den Bedingungen der Massendemokratie nach dem 1. WK hervorging.

Hannah Arendt führte den Totalitarismus nicht nur auf die 'Strukturlosigkeit einer Massengesellschaft' zurück, sondern auf die 'spezifischen Bedingungen einer atomisierten und individualisierten Masse' (nach Franz Neumann).

Neumann kehrte zu dieser Idee zurück und beschrieb die Technik des Totalitarismus unter anderem durch "die Atomisierung und Isolierung des Individuums, die negativ die Zerstörung oder zumindest Schwächung aller sozialen Einheiten bedeutet, die auf Biologie (Familie), Tradition (Religion) oder Kooperation in Arbeit und Freizeit beruhen und positiv die Oktroyierung von riesigen, undifferenzierten Massenorganisationen, die den Einzelnen isolieren und leichter manipulierbar machen". (So O-Ton Franz Neumann).

Die Autoren zitieren gerne Tocquevilles Befürchtungen der Heraufkunft einer Tyrannis der Mehrheit mit den Risiken eines neuen 'demokratischen Despotismus'.

Arthur Koestler sprach von einer Gesellschaft die nach Glauben dürstete.

Das hat mit Modernität zu tun und dem Verlust an Ligaturen. In der Versuchung des Totalitarismus ist ein anti moderner Zug zu sehen, eine Revolte gegen die Modernität.

Dahrendorf: Aber 'strukturlose Massengesellschaften'? Wovon sprachen die Autoren?

Wenn es eine Massengesellschaft in den 20er Jahren gab, dann war das die amerikanische Gesellschaft. Deutschland (die Weimarer Republik mit Spuren früherer sozialer Formationen) und Russland waren in den 20er Jahren alles andere als typische moderne Massengesellschaften von atomisierten Individuen.

Nun ein klares Wort von Dahrendorf: "Der Totalitarismus führte nicht atomisierte moderne Massen, sondern jene in Versuchung, die auf halbem Weg zwischen alt und neu stecken geblieben waren, die also das eine verloren hatten, ohne das andere zu finden, und vielleicht aus diesem Grunde auf das falsche Versprechen einer Verbindung der besten beider Welten herein fielen. Die Ingredenzien des Totalitarismus sind unvollkommene Modernität, der Verrat der Intellektuellen und die Sirenenklänge des einen Führers" (S.126, 127).

Statt des modernen sozialen Konflikts das Versprechen des Mutterschoßes der Gemeinschaft, mit einer klammen Identität zur Besänftigung der Angst vor der Freiheit, einem ausgeprägtem Verfolgungswahn zum Schutz vor den verbleibenden Selbstzweifel und natürlich der Führer.

Die Versuchung lag in der Hoffnung, den Mißlichkeiten einer unvollkommenen bürgerlichen Gesellschaft bei ungewissen wirtschaftlichen Aussichten zu entrinnen. In Versuchung geführt wurden vor allem die Wähler, die ihren Platz in einem älteren Schema der Dinge verloren hatten, ohne in der neuen Ordnung einen anderen zu finden.

Es waren entwurzelte Schichten, die des orientierten Produkte der Verwerfungen von alt und neu. Ihr Problem war es, dass sie heimatlose Gruppen waren, nicht atomisierte Massen aus einzelnen.

Die Ära des Totalitarismus war eine Ära der Feigheit. Intellektuelle haben die Bürgergesellschaft verraten.

Die Versuchungen des Kommunismus sind weit besser belegt. Verzweiflung und Einsamkeit als Hauptmotive für die Konversion zum Kommunismus (Richard Crossmann) aber eine zwingende Kraft hatte der Gedanke einer aktiven Kampfgemeinschaft und Kameradschaft.

Die Anziehungskraft des Kommunismus lag darin, dass er nichts bot, und alles verlangte einschließlich des Verzichts auf geistige Freiheit. Realität: Massaker von Kronstadt.., der mörderische Pfad der Entkulakisierung und Kollektivierung in der Ukraine ist erst in jüngster Zeit voll dokumentiert worden.

Zwischen der Sowjetunion und Deutschland bestehen Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Atomisierung und Individualisierung des Individuums ist, was Totalitarismus tut, nicht warum es ihn gibt.

Totalitarismus als Prozess (Hannah Arendt: Totalitarismus an der Macht) atomisiert und isoliert Menschen und muss das tun um seinen Zugriff zu sichern.

Der Totalitarismus ist nicht Resultat einer atomisierten Gesellschaft, sondern schafft diese erst (Trotzki: 'permanente Revolution').

Hannah Arendt argumentiert: Der totalitäre Herrscher hat doppelte Aufgabe: er muss die fiktive Welt der Bewegung als greifbare Realität des Alltagslebens etablieren und andererseits die neue Welt daran hindern, eine neue Stabilität zu entwickeln, da diese die Bewegung selbst liquidieren würde. Damit wäre der Totalitarismus keine lebensfähige Staatsform sondern nach Franz Neumanns Beschreibung ' ein Unstaat, ein Chaos, ein Zustand der Gesetzlosigkeit, der Rebellion und Anarchie'.

Der totalitäre Ausgangszustand besteht in einer Gesellschaft, die weder vorwärts zur bürgerlichen Gesellschaft noch zurück zu den traditionellen Mustern gehen kann.

Der totalitäre Prozess zerstört alle verbleibenden traditionellen oder autoritären Strukturen und setzt nichts Dauerhaftes an deren Stelle.

Totalitarismus ist reine Zerstörung. Die permanente Revolution ist ein permanenter Notstand.

Totalitarismus ist daher eine extreme Möglichkeit der Organisation von Desorganisation, ein Regime der Anarchie. Der Krieg half bei der Zementierung der Gewaltherrschaft.
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(Anmerkung: Dahrendorf geht jetzt noch auf Karl Poppers 'Die offene Gesellschaft und ihre Feinde' ein. Siehe dazu S. 133 u. 134 im Buch (Siehe Quelle). Ein Exzerpt oder Frage-Antwort Spiel bezüglich Poppers 'Offener Gesellschaft' wird in Bälde auf Transitenator erscheinen. Im Blickfeld steht auf Transitenator jeweils das Verbindende damit gemeint der soziale Stoff (Formen, Inhalte, etc.) der Menschen, Menschengruppen und diverse andere soziale Gebilde verbinden kann oder könnte bzw. Stoff der geeignet ist zu Menschen zu verbinden unter verschiedenen und aus verschiedenen Gesichtspunkten und sozialen Standorten heraus).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Ungewissheit ist schwer zu ertragen. Durch die Geschichte hin hat der Traum von Gewissheit die Wirklichkeit der Ungewissheit begleitet. Falsche Propheten können aber nicht wissen, was wir Übrigen nicht wissen. Konflikt und Wandel sind unsere Freiheit; ohne sie kann es Freiheit nicht geben. Es gibt keine Rückkehr in einen harmonischen Naturzustand.

So sind sich Dahrendorf und Popper einig: "Wir können wieder zu Bestien werden. Aber wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft" (S. 134).
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Kann der Totalitarismus dasselbe Land zweimal heimsuchen?

Ist Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg gegen Totalitarismus gefeit?

War die Sowjetunion nach Stalins Tod nicht mehr totalitär?

Ist die Geschichte eine Einbahnstraße?

Die Vielfalt und Verwirrung der Begriffe muss geordnet werden. Autoritarismus, Totalitarismus, Demokratie, Bürokratie, Autokratie sind Formen in denen der moderne soziale Konflikt ausgetragen wird. Die Begriffe müssen klar sein.

Jeane Kirkpatrick veröffentlichte 1979 einen Artikel mit dem Titel 'Diktaturen und einfache Maßstäbe' als Angriff auf Jimmy Carters Sicherheitsberater Brzezinskis vertretenen politischen Haltungen. Brzezinski vertrat die Meinung (so K.), dass die Modernisierung ein irreversibler Prozess ist der früher oder später alle vormodernen autoritären Regimes zerstört. Das Ergebnis dieses Prozesses könnte auch Kommunismus heißen. Das Modell Brzezinskis: Der Weg der Modernität führt stets vom Autoritarismus zur Demokratie (S.135).

Kirkpatrick teilte diese Analyse nicht. Vielmehr meint sie es gäbe sehr wenige Demokratien aber im wesentlichen Autokratien. Bei letzteren unterscheidet sie traditionelle und revolutionäre (böswillige). Traditionelle Autokratien tolerieren soziale Ungleichheiten, Brutalität und Armut, revolutionäre Autokratien schaffen diese eigens und zerstören alles Bekannte und Gewohnte.
Der Begriff des Autoritären wird bei ihr für Regimes verwendet, in denen eine relativ schmale Schicht die Herrschaft ausübt (Lehrer Franz Neumann). Die Elite kümmert sich um Wohlfahrt (wenn Menschen nicht mehr Teilnahme fordern).

Autoritarismus lässt sich in der modernen Welt schwer aufrecht erhalten. Die Verwerfungen der unvollkommenen Modernisierung können zum Totalitarismus führen. In Lateinamerika und Asien finden wir Regimes, die sozusagen zugleich pseudo-autoritär und sub-totalitär sind. Selbst ernannte Eliten ohne Tradition berufen sich zwar auf alte Werte, lenken aber den Reichtum in wenige Taschen.

Die bewusste Politik des wachsenden wirtschaftlichen Angebots verbindet sich mit den bewussten Einschränkungen der bürgerlichen Rechte der Mehrheit. Diese Variante schwankt ständig zwischen totalitärer Schließung und demokratischer Öffnung.

Kirkpatrick: "Gruppen, die sich als unsere Feinde verstehen, sollen auch als Feinde behandelt werden" (S. 136). ???

Diese Aussage lässt sich als ideologische Begründung der amerikanischen Unterstützung für die Autokratie korrupter Familien und Generäle in Lateinamerika lesen gegen (Anmerkung: 'kommunistische Volksbewegungen'). Geopolitisches Interesse wird moralischen Erwägungen übergeordnet.

Dahrendorf meint, dass Brzezinski wohl besser beraten war als Kirkpatrick, wenn er vor solchen Regimes warnte (auch wenn sie Amerika zugeneigt waren), denn in ihnen können gedankenlose Unternehmer viel Geld und gedankenlose Regierungen viel guten Willen einbüßen (S. 137).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Modernität schließt Diktatur nicht aus.

Die ernsteste Gefahr droht von Max Webers Alptraum, der Bürokratie (extremste Form die post-totalitäre Bürokratie des real existierenden Sozialismus, Breschnew). Sie ist kaum analysiert.

Es gibt eben nicht nur Autokratie und Demokratie, geschweige denn Totalitarismus und Freiheit.

In Osteuropa, in der Sowjetunion, China hatte statt Katastrophenregimes eine Nomenklatur die Macht übernommen. Ihre Hand war bleiern. Sie bildete eine gigantische Administration, die alle Lebensbereiche kontrollierte, ohne selbst kontrollierbar zu sein. Die Nomenklatur war vor allem an ihrem eigenen Überleben, ja Komfort interessiert und hielt alle Übrigen in einem Zustand der Abhängigkeit und Armut.

Der real existierende Sozialismus war eine Form dessen, was er zu überwunden geglaubt hatte oder dieses vorgab, nämlich der Ausbeutung. Angesichts der ökonomischen Inkompetenz der Nomenklatur ließ sich nicht viel ausbeuten.

Warum hielt sich eine solche Form der Herrschaft so lange?

1. Sie war besser als der Totalitarismus vor ihr.

2. Die bürokratische Herrschaft garantierte eine bestimmte Untergrenze der Sozialexistenz.

3. Allgegenwart der Herrschenden (KGB, Stasi, Securitate, Armee des großen Bruders).

Diese Herrschaftsform offerierte keine alternative Chance der Modernität, sondern versperrte eher den Weg zu den Segnungen moderner Gesellschaften. Menschen forderten mehr Anrechte und ein größeres Angebot und dies in einer Verfassung der Freiheit.

Manfrau muss vor allem die Entropie fürchten, die aus der falschen Verbindung von Bürokratie und Demokratie folgt.

Nichts lässt sich aufbrechen, wenn der Wille und Widerstand des Menschen nicht in Innovation und strategische Veränderungen übersetzt wird. Demokratie allein ist nicht genug, um die Bürokratie zu bewegen oder zu kontrollieren.

Der Niedergang und Fall der Nationen hat etwas zu tun mit ihrer Unfähigkeit zum Wandel, zur Erkundung neuer Wege, zur Steigerung der Lebenschancen sowohl durch die Anhebung der allen gemeinsamen Anrechte als auch durch die Ausweitung eines vielfältigen Angebots.
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(Anmerkung: Nun kommen noch zwei Fragen und eine Hoffnung von Dahrendorf zu Wegen zur Demokratie die er wohl so vor 15-20 Jahren (Schätzung) gestellt hat. Heute (2007) kommen wir zu welchen Antworten? Welche Antworten wollen wir? Welche Hoffnungen haben/wollen wir? Welche Fragen wollen wir (stellen wir), damit wir welche Antworten bekommen?).
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Dahrendorf: Warum sollte ein erfolgreiches Land nicht 'die Hebamme der Welt für Demokratie' sein? Die Verfassung der Freiheit ist nicht ein Privileg sondern eine Verpflichtung. Nur Diktaturen haben so einfache Maßstäbe. Offene freie Gesellschaften können anderen helfen und deren Eigenart respektieren. (???)
Was sind Markierungspunkte auf dem Weg zur Weltbürgerschaft?
Die Vereinten Nationen als Organisation zur Bewahrung von Frieden und Menschenrechten; der internationale Währungsfond und das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen als Wächter der Spielregeln wachsender Wirtschaften und das Weltbanksystem als Instrument der Förderung der Entwicklung (???) (S. 141).

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