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20070619

Mittelalter Neuzeit Städte Stände Adel Bürgertum zt-63

Die Gewinnung von Kommunalrechten durch die Städte ist der erste Markstein auf diesem Wege. Erst allmählich erfassen die Könige den Nutzen dieser ungewohnten Gebilde und es braucht Zeit bis erkannt wird, dass sie eine gewaltige Vergrößerung der eigenen Chancen bedeutet.
Dann aber fördern sie mit großer Konsequenz die Interessen dieses dritten Standes, soweit es ihren eigenen Interessen entspricht. Sie fördern vor allem die steuerbare, finanzielle Potenz der Bourgeoisie.

Aber sie bekämpfen mit allem Nachdruck den Anspruch der Städte auf Herrschaftsfunktionen. Der Anstieg des Königtums und des Bürgertums stehen in engster, funktioneller Abhängigkeit voneinander (S. 255).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Es fehlte auch nicht an Versuchen von Adel und Bürgertum, gegen den König zu packeln. Könige finden sich im Mittelalter in Situationen, in denen sie für bestimmte Maßnahmen die Einwilligung der versammelten Ständevertreter suchen müssen (S. 256).

Die ständischen Parlamente (wie Parteiparlamente) funktionieren, wenn eine unmittelbare Verständigung zwischen den Schichtenvertretern möglich ist. Umso größer die Spannungen in der Gesellschaft werden, umso größer werden die Machtchancen für den Zentralherrn.

In der mittelalterlichen Welt lebt jeder Stand in einem Bezirk für sich und sie konkurrieren noch nicht häufig. Nur an einer Stelle der Gesellschaft drängen aufsteigende, bürgerliche Elemente mit Hilfe des Königtums Ritter und Geistliche allmählich aus ihren Positionen: innerhalb der Herrschaftsapparatur, als Beamte (S. 256,257).

Im Gebiete Frankreichs steigt mit dem Wachstum der Städte zugleich der Anteil städtischer Elemente an den Posten der Königsverwaltung und diese Elemente durchdringen hier allmählich bereits während des Mittelalters den Herrschaftsapparat bis zu einem Grade, der in den meisten, deutschen Territorien noch bis weit in die Neuzeit hinein nicht erreicht wird (S. 258).

Die Bürger gelangen in diesen Apparat auf einem doppelten Weg. Durch den wachsenden Anteil an den weltlichen Stellen und dann durch ihren Anteil an geistlichen Stellen (clercs, Männer, die studiert haben und Latein lesen und schreiben können).

Der Verwaltungsapparat säkularisiert sich allmählich und man (manfrau eher die Ausnahme) lernt Latein nun auch um Beamter zu werden.
Die Mehrzahl der Bürgerlichen aber gelangt durch das Studium, durch die Kenntnis des kanonischen und römischen Rechts in die höheren Bezirke des Herrschaftsapparats.
Das Studium wird zu einem normalen Aufstiegsweg für die Söhne der städtischen Spitzenschichten.
Bürgerliche Elemente drängen langsam die adligen und geistlichen Elemente in dem Herrschaftsapparat zurück. Die Schicht der Fürstendiener, der Beamten wird -zum Unterschied von Deutschland- zu einer ausschließlich bürgerlichen Formation (S. 258).

Es bildet sich mit dem Wachstum des Königsbesitzes eine Spezialistenschicht, deren soziale Stellung in erster Linie von ihrer Dienststellung abhängt, deren ständisches Prestige, deren persönliches Interesse mit den Interessen des Königtums und des Herrschaftsapparates weitgehend identisch sind.

Nun sind die Angehörigen des dritten Standes die Schreiber, Räte, Steuerverwalter, Mitglieder des Gerichts, die die Interessen der Zentralfunktion und die Kontinuität der Königspolitik über das Leben des einzelnen Königs hinaus wahren. Hier tragen bürgerliche Schichten das Königtum und die Könige bürgerliche Schichten hoch (S. 259).

Mit der Zurückdrängung des Adels aus der Herrschaftsapparatur erlangt das Bürgertum eine Machtposition von großer Bedeutung. Es sind in Frankreich nicht die reichen Kaufleute, nicht unmittelbar die Zünfte, die in den Auseinandersetzung mit dem Adel das Bürgertum repräsentieren, es ist die (hohe) Beamtenschaft in ihren verschiedenen Formationen (S. 259).

Am Anfang des 17. Jahrhunderts (Anmerkung: gilt nicht als Mittelalter das ist 'Neuzeit'. Das 'Mittelalter' dauert so bis ca. 1500 oder je nachdem)erhebt diese (die Beamtenschaft) den Anspruch dem Adel sozial gleichwertig zu sein.
In dieser Zeit hat die Verflechtung zwischen Adel und Bürgertum jene Stärke erreicht, die dem Zentralherrn eine besonders große Macht sichert (S. 260). Diese Gewichtsverschiebung zuungunsten des Adels geht nur zum Teil auf bewusste und planmäßige Aktionen bürgerlicher Kreise zurück.

Die Interdependenz, König-Bürgertum ist eine Folge des Konkurrenzmechanismus, durch den der Adel quasi auf eine Stufe wie das Bürgertum gerät. Sie ist vor allem eine Folge der fortschreitenden Geldverflechtung. Mit der ansteigenden Vermehrung des Geldvolumens geht die ständige Geldentwertung Hand in Hand. Der Adel verarmt (S. 261).

Die Religionskriege verdecken mit Trubel und Unruhen die wahre wirtschaftlichen Umwälzungen. Sie wecken bei den Kriegern Hoffnungen von leichten Beutezügen, Rettung vor dem Absturz, aber sie (die Ritter) ahnen nichts von den wirtschaftlichen Umwälzungen, die sie getroffen haben.
Das Geld vermehrt sich, die Preise steigen und sie wissen nicht warum. Sie sind von Schulden bedrängt und oft ruiniert. Die Männer der Robe drängen auf Bezahlung und bemächtigen sich der Adelsgüter und oft genug der Adelstitel (S. 262).

(Anmerkung: Warum haben die Ritter diese Preissteigerungen so gespürt, wenn sie doch eigenen Boden hatten und gewissermaßen autark waren. Haben sie ihre Ansprüche erhöht, wofür brauchten sie Geld? Antwort: Da waren die Kriegssteuern, aus denen später die Steuern hervorgingen).

Der Kriegeradel begreift die Kräfte und die Gewalt der Prozesse nicht, die ihn aus seiner angestammten Position drängen. Sie müssen nun mit den Männern des dritten Standes um Geld, um die eigenen Böden und um den sozialen Vorrang konkurrieren. Damit stellt sich jene Gleichgewichtsapparatur her, die einem Einzelnen, dem Zentralherrn, seine optimale Verfügungsgewalt gibt (S. 263).

Schon in den Kämpfen des 16. u. 17. Jahrhunderts sind bürgerliche Korporationen so reich, stark und zahlreich, dass sie den Machtansprüchen des Adels stärksten Widerstand entgegensetzen können. Der Adel ist ökonomisch zu schwach um eine ständige Bedrohung zu sein. Er kann nicht über die städtischen Menschen und ihre Abgaben verfügen.

Dem Adel entgleitet in dieser Zeit die Funktion der Verwaltung und der Rechtssprechung völlig. Diese Funktionen liegen ganz in den Händen bürgerlicher Korporationen. Der König erscheint jeder Schicht oder Körperschaft als Helfer gegenüber der Bedrohung durch andere Gruppen, deren sie allein nicht Herr werden können (S. 263).

Spitzengruppen sind nicht an einer radikalen Änderung der bestehenden Ordnung interessiert. Die Vielfalt der Spannungen stärkt so die Herrschaftschancen der Könige.

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20070616

Monetarisierung Kommerzialisierung Privilegien Königsmechanismus zt-61

Der Antagonismus hat gewiss nicht die Form eines bewussten Kampfes. Was den Ausschlag gibt, was die Spannungen produziert, sind auch hier weit weniger Pläne und bewusst gesetzte Kampfziele, als anonyme Verflechtungsmechanismen.

Es sind weit mehr die Mechanismen der vordringenden Monetarisierung und Kommerzialisierung, als bewusste Anschläge bürgerlich-städtischer Kreise, die am Ausgang des Mittelalters das Gros der ritterlichen Feudalherren bergab drängen (S. 242).
(Anm: Also hier: Sein bestimmt Bewusstsein :-).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Die Frage war: Wie war es möglich, dass sich eine absolutistische Zentralgewalt heran bildete, obwohl die Zentralherren nicht weniger abhängig waren von der ganzen funktionsteiligen Maschinerie, wie die Inhaber andere Stellen?

Das Schema des Königsmechanismus gibt die Antwort: Nicht mehr die militärische Stärke, nicht mehr die Größe der Besitztümer und Einnahmen allein können die gesellschaftliche Stärke des Zentralherren in dieser Phase erklären, sondern es bedarf überdies noch einer besonderen Kräfteverteilung im Inneren der Gesellschaft (S. 243).

Die gesellschaftliche Institution des Königtums erlangt ihre größte gesellschaftliche Stärke in jener Phase der Gesellschaftsgeschichte, in der ein schwächer werdender Adel mit aufsteigenden bürgerlichen Gruppen rivalisieren muss.
Die rascher fortschreitende Monetarisierung und Kommerzialisierung des 16. Jahrhunderts gibt bürgerlichen Gruppen einen mächtigen Auftrieb und drückt den Adel beträchtlich herab.
Am Ende der sozialen Kämpfe ist die Interdependenz zwischen Teilen des Adels und Teilen des Bürgerstandes beträchtlich größer geworden (S. 244).

Das Ziel des Bürgerstande war nicht die Beseitigung des Adels (wie dann 1789) als gesellschaftliche Institution, sondern es war selbst Adelstitel mit seinen Privilegien zu erlangen. Sie wollen den Adel nicht als solches beseitigen sondern bestenfalls als neuer Adel an die Stelle oder neben den alten Adel treten.
Die Spitzengruppe 'Noblesse de robe' betont während des 17. u. 18. Jahrhunderts, dass ihr Adel ein ebenso guter, wichtiger und echter Adel ist wie der des Schwertadels (S. 244).

Das Bürgertum war in jener Phase nicht die gleiche Formation wie heute, so eine Art selbstständiger Kaufleute.
Der sozial einflussreichste repräsentative Vertreter des Bürgertums im 17. u. 18. Jahrhundert war der bürgerliche Fürsten- oder Königsdiener, dessen Vorfahren gewiss Kaufleute waren, der aber selbst nun eine amtsähnliche Stellung innerhalb des Herrschaftsapparates bekleidet.

Bevor kaufmännische Schichten selbst die Spitzengruppe des Bürgertums bildeten, stehen hier zunächst an der Spitze des dritten Standes Beamte, Männer der Robe, die das Bürgertum in den Ständeversammlungen vertreten.

In Frankreich ist dieser Bürger eine Mischung von Rentier und Beamter, der seine Stelle im Staatsapparat als Besitztum gekauft oder von seinem Vater ererbt hat. Auf Grund dieser Amtsstellung genießt er eine Reihe von Privilegien z.B. Steuerfreiheit (S. 245).

Gemeinsam ist dem dritten Stand (1.= Klerus, 2. = Adel) vor allem ein Interesse: Das Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer verschiedenen Privilegien. Denn durch Sonderrechte, durch Privilegien ist nicht nur die soziale Existenz des Adligen oder des Amtsinhabers ausgezeichnet; auf Privilegien ruht auch die Existenz des Kaufmanns in dieser Zeit ab; von Privilegien hängt der Bestand des Zunfthandwerks ab.

Bis in die Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein ist das Bürgertum, wie der Adel selbst, eine ständische, durch Sonderrechte charakterisierte und aufrecht erhaltene Formation.

Hier stößt man jetzt auf jene Verflechtungsmaschinerie, kraft derer dieses Bürgertum niemals zu einem entscheidenden Schlag gegen den Adel (den Gegenspieler) ausholen kann. Es kann und will auch niemals die gesellschaftliche Institution der Privilegien selbst beseitigen, denn seine eigene soziale Existenz, an deren Erhaltung ihm alles liegt, wird ebenfalls durch Privilegien aufrecht erhalten und geschützt (S. 246).

Erst, wenn immer stärker im Zellenaufbau der Gesellschaft bürgerliche Existenzen hervortreten, deren gesellschaftliche Basis nicht mehr ständische Privilegien sind, dann erst sind die sozialen Kräfte vorhanden, die den Adel entschieden bekämpfen können, die nicht nur einzelne Adelsprivilegien sondern das gesellschaftliche Institut der Adelsprivilegien selbst beseitigen wollen (S. 246, 247).

In der Tat ist die Revolution von 1789 nicht einfach ein Kampf des Bürgertums gegen den Adel. Durch sie wird die soziale Existenz des ständischen Bürgertums, voran die der Robe, der privilegierten Amtsinhaber des dritten Standes und auch die des alten, ständischen Zunfthandwerkes ganz ebenso vernichtet, wie die des Adelsstandes.

Vorher sind im Zeitalter des Absolutismus die politisch relevanten Teile des Bürgertums bis zum Hervortreten eines neuen, nicht ständischen Bürgertums völlig an den Bestand und die spezifische Balance einer ständischen Ordnung gebunden (S. 247).

Die gewichtigste Spannungsachse zwischen Adel und Bürgertum ist noch in eine Fülle von anderen, nicht weniger ambivalenten eingebettet.

Weltliche Ämterhierarchie via kirchlicher Ämterhierarchie.

Ein multipolares Balancesystem.

Der König oder sein Stellvertreter lenkt und steuert dieses Getriebe, indem er sein Gewicht bald in der einen, bald in der anderen Richtung einsetzt (Bild des Tauziehens).

Und seine gesellschaftliche Stärke ist eben deswegen so groß, weil die strukturelle Spannung zwischen den Hauptgruppen dieses Gesellschaftsgeflechts zu stark ist, um ein zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen den König zu gelangen. Alle Versuche dieser Art scheitern im 16. u. im frühen 17. Jahrhundert (S. 249).

Jede der Richtungen möchte vielmehr das Königtum zu ihren Gunsten beschränken und jede von ihnen ist gerade stark genug, um zu verhindern, dass das einer anderen gelingt.
Sie halten sich gegenseitig in Schach und finden sich dementsprechend am Ende wieder resigniert in gemeinsamer Abhängigkeit von einem starken König (S. 250).

Die Gegensätze zwischen den beiden Hauptgruppen sind zu groß, um einen entscheidenden Kompromiss zwischen ihnen wahrscheinlich zu machen. So, unfähig sich zu einigen, unfähig, sich mit voller Kraft zu bekämpfen und zu besiegen, müssen sie einem Zentralherrn alle jene Entscheidungen überlassen, die sie selbst nicht herbeiführen können (S. 250).

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Der Königsmechanismus zt-58

Immer stärker ambivalent wird mit der fortschreitenden Funktionsteilung auch die Beziehung zwischen verschiedenen sozialen Schichten innerhalb eines Herrschaftsverbandes. Hier kämpfen Gruppen, deren soziale Existenz funktionsteilig aufeinander abgestimmt ist, um bestimmte Chancen miteinander. Auch sie sind Gegner und Aktionspartner zugleich (S. 233). Es kommt auch zu gewaltsamen Entladungen, Revolutionen.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator

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Nun folgt der Schlüssel zum Verständnis der Veränderungen in der gesellschaftlichen Stärke der Zentralfunktionäre, die Konstellation, die Form der Beziehung:

Wenn die Kooperation der mächtigsten Funktionsklassen keine besondere Schwierigkeit macht, wenn ihre Interessengegensätze nicht groß genug sind, dann ist der Entscheidungsspielraum der Zentrale mehr oder weniger beschränkt.

Er neigt größer zu werden, wenn im Trend der Prozesse die Spannung zwischen bestimmten Hauptgruppen der Gesellschaft wächst, wenn aber zugleich auch der strukturelle Interessengegensatz zwischen mächtigen Funktionsgruppen so groß ist, dass ein regelmäßiger, freiwilliger Kompromiss kaum noch zustande kommt (S. 234).(Scharmützel ohne Sieg und Niederlage). (Anm.: Also absoluter Herrscher idealerweise als Zünglein an der Waage, zum Beispiel zwischen Bürgertum und Adel).

Am ausgeprägtesten ist das der Fall in Phasen, in denen verschiedene Gruppen annähernd gleich stark geworden sind und einander an gesellschaftlicher Stärke ungefähr die Waage halten.

Wer in dieser Konstellation, in einer solchen, durch entscheidungslose Kämpfe ermüdeten und unruhigen Gesellschaft die Verfügung über die obersten Regulations- und Kontrollorgane erlangen kann, hat die Chance, den Kompromiss zur Erhaltung der bestehenden Gewichtsverteilung zwischen den gespaltenen Interessen zu erzwingen.

Die verschiedenen Interessengruppen können weder auseinander noch zueinander; das macht sie zur Erhaltung ihrer aktuellen sozialen Existenz auf die oberste Koordinationszentrale in ganz anderem Maße angewiesen. Es macht sie abhängig.

Geht es dem Gros der verschiedenen Funktionsklassen nicht so schlecht und sind die Gewichte gleichmäßig verteilt und sie bedrohen sich gegenseitig, jede Seite fürchtet den mindesten Vorteil der anderen, dann binden sie gegenseitig ihre Kräfte.
Das gibt der Zentralgewalt eine größere Chance als jede andere Konstellation im Innern einer Gesellschaft; es gibt ihren Inhabern einen optimalen Entscheidungsspielraum (S. 235).

(Frage:) Wenn manfrau sich also frägt, wie gerade in einer reicher differenzierten Gesellschaft trotz der großen und gleichmäßigeren Interdependenz aller Funktionen voneinander eine starke Zentralgewalt möglich ist, hier die Antwort. Sie findet sich in einer bestimmten Konstellation:
Nochmals: Die Stunde der Zentralgewalt innerhalb einer reich differenzierten Gesellschaft rückt heran, wenn die Interessenambivalenz der wichtigsten Funktionsgruppen so groß wird UND die Gewichte sich zwischen ihnen so gleichmäßig verteilen, dass es weder zu einem entschiedenen Kompromiss, noch zu einem entschiedenen Kampf und Sieg zwischen ihnen kommt (S. 236).

Diese Verflechtungsapparatur wird hier als 'Königsmechanismus' bezeichnet.
Immer balanciert der Mann oder die Männer im Zentrum auf einer Spannung von großen und kleinen Gruppen, die sich als interdependente Gegner, als Gegner und Aktionspartner, wechselseitig in Schach halten.
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20070523

Kreuzzüge Mittelalter Geld Wirtschaft zt-45

Im Mittelalter: Boden wird knapp. Innere und äußere Kolonisation gehen Hand in Hand. Am Beginn der Kreuzzüge stehen der Druck und die verschlossenen Chancen in der Heimat; die Auswanderung Einzelner und deren Erfolg ziehen andere nach sich. Das Ganze war eigentlich nicht geplant. Kreuzfahrer lassen sich vom oströmischen Kaiser die zu erobernden Länder als Lehen geben und gründen neue feudale Territorialherrschaften.

Ohne dem sozialen Druck im Inneren wäre nichts zustande gekommen.

Die Spannungen im Innern dieser Gesellschaft kamen nicht nur als Verlangen nach Boden und Brot zum Ausdruck. Sie lasteten als seelischer Druck auf dem ganzen Menschen. Der gesellschaftliche Druck gab die bewegende Kraft, wie ein Motor Strom gibt.
Er setzte die Menschen in Bewegung. Die Kirche lenkte die vorgegebene Kraft. Sie nahm die Not auf und gab ihr eine Hoffnung und ein Ziel außerhalb Frankreichs. Sie gab dem Kampf um neue Böden einen umfassenden Sinn und eine Rechtfertigung. Sie ließ ihn zu einem Kampf für den Glauben werden. Die Kreuzzüge sind eine spezifische Form der ersten großen Expansions- und Kolonisationsbewegung des christlichen Abendlandes.

Wenn dann der Prozess der Zivilisation, mit ihm die Bindung und Regelung des Trieblebens, fortschreitet (in den oberen Schichten stärker), dann nimmt auch der Kinderreichtum langsam ab.

Aber in jener ersten Phase vermehrten sich die Herrschenden des Kriegerstandes so rasch wie die unteren Karnickel. Es bildet sich eine Reservearmee der Oberschicht. Die abendländische Ausbreitungsbewegung bekam den Hauptimpuls aus der Landnot der Ritter. Neue Böden konnten nur mit dem Schwert erobert werden.

Der Menschenüberschuss der Oberschicht, des Adels, gab dieser ersten Expansions- und Kolonisationsperiode ihr besonderes Gepräge. Die Abgedrängten aus der Nicht-Adeligen Schicht bilden das Menschenmaterial der werdenden Stadtkommunen.

Die Habenichtse unter den Rittern zeigen sich in den Jahrhunderten unter den verschiedensten sozialen Charaktermasken: Kreuzritter, Raubritter, Bandenführer, Soldritter, Minnesänger..

Jedes Stück Land kommt in festen Besitz. Die Nachfrage nach Land bleibt bestehen oder wächst noch. Drang nach neuen Böden. Manfrau hat geglaubt, das Besitzstreben sei eine kapitalistische Eigenart, aber im Mittelalter stellte Bodenbesitz die wesentliche Form des Besitzes dar.

Das Erwerbsstreben hat also hier eine andere Form und eine andere Richtung. Es verlangt andere Verhaltensweisen.

Zu dieser Zeit haben sich politische und militärische Funktionen (Aktionen) noch nicht von den ökonomischen differenziert wie später. Diese sind weitgehend identisch. Das Streben nach Reichtum = Streben nach Boden = Streben nach Macht. Der Reichste ist auch der militärisch Mächtigste.

Der Inhaber einer Gutsherrschaft stand einem anderen Gutsherrscher wie ein Staat dem anderen gegenüber. Und so ist es der einfache Mechanismus in dieser Phase der inneren und äußeren Expansion, dass sowohl die reicheren und mächtigen Ritter wie die ärmeren in Bewegung sind um den eigenen Besitz zu vergrößern. Wichtig dann die Hausmacht.

Auch die Menschen der Unterschicht wurden vom Boden abgedrängt. Hier führten die Zwänge zu einer Differenzierung der Arbeit. Die vom Boden abgedrängten Unfreien bildeten das Material für die werdenden Handwerkersiedlungen, die sich langsam an günstig gelegene Herrensitze ankristallisierten, das Material für die werdenden Städte.

Ab dem 9. Jahrhundert Agglomerationen von Menschen, Städte wäre zu viel gesagt. Es waren Festungen und zugleich landwirtschafliche Verwaltungszentren größerer Herren. Für jegliche wirtschaftliche Aktivität darin bildete allein die Gutswirtschaft, die Domäne des Gutsherrn, den Rahmen. Manfrau produzierte und konsumierte im wesentlichen auf dem gleichen Platz.

Im 11. Jahrhundert kamen diese Gebilde ins Wachsen. Man schloss sich zusammen und erzwang sich allmählich neue Rechte. Es handelt sich um die ersten Befreiungskämpfe arbeitender bürgerlicher Menschen.

Dieser langsame Auftrieb der unteren arbeitenden städtischen Schichten zu politischer Selbständigkeit, zunächst in Gestalt des Berufsbürgertums enthält den Schlüssel zu fast allen jenen strukturellen Besonderheiten durch die sich die abendländischen Gesellschaften von denen des Orients unterscheiden, und durch die sie ihr spezifisches Gepräge gewinnen (S. 60).

Eine Reihe von Handwerkersiedlungen, Kommunen erstreitet sich eigene Rechte und Rechtsprechung, Privilegien und Autonomie. Ein dritter Stand von Freien (außer Adel und Klerus) tritt neben die anderen. Die Gesellschaft expandiert gewissermaßen auch im Inneren: sie differenziert sich und setzt neue Zellen an, sie bildet neue Organe, die Städte. (Städte sind aber keine abendländische Erfindung).

Mit der wachsenden Differenzierung und neuen größeren Märkten, wächst auch der Bedarf an mobilen und einheitlichen Tauschmitteln. Die Ketten zwischen Produzenten und Konsumenten werden allmählich länger. Sind die Ketten kurz brauchts kein Geld, keine Recheneinheit, keine Tauschmittel. Nun mit der Herauslösung aus dem Gutshof, mit der Ausbildung eines wirtschaftlich selbständigen Handwerks kompliziert sich das Geflecht der Tauschakte. Die Ketten werden länger. Manfrau braucht mehr Geld.

Das Geld ist in der Tat eine Inkarnation des gesellschaftlichen Gewebes, ein Symbol für das Geflecht der Tauschakte und der Menschenketten, in die ein Gut auf dem Wege von seinem Naturalzustand zur Konsumtion gelangt. Manfrau braucht es erst, wenn sich innerhalb einer Austauschgesellschaft längere Ketten bilden, also bei einer bestimmten Bevölkerungsdichte, einer größeren, gesellschaftlichen Verflechtung und Differenzierung (S. 62). Zuerst gab es nur byzantinische Goldmünzen (Aus dem Orient).

In der Karolingerzeit reiste noch der König von Pfalz zu Pfalz, um die Produkte seiner Güter gewissermaßen an Ort und Stelle zu verzehren. Es war so beschwerlich, die Gütermengen, die man zu seiner Ernährung brauchte hin und her zu bewegen, dass sich die Menschen zu den Gütern bewegen mussten (S.64).

Das Wachstum der Binnenlandverflechtung drängte zur Entwicklung der Landverkehrsmittel. Die Landtransportmittel und Geräte zur Ausnutzung der tierischen Arbeitskraft werden verbessert. In einem gewaltigen Konstruktionseifer wird der Nutzungsbereich der tierischen Arbeit vergrößert. Das Hufeisen erscheint.

Und im 13. Jahrhundert ist im Prinzip die moderne Zugtechnik für Pferd und auch für Zugvieh geschaffen. Nun Räderkarren, Ansätze zu Straßenpflasterung. Wassermühle.

In der Antike kein genagelter Eisenhuf. Zentrierung des Hauptverkehrs um die Wasseradern ist für den Aufbau der antiken Gesellschaft nicht wenig charakteristisch. Wie schmale Nervenstränge waren die größeren, städtischen Siedlungen an den Wasserwegen entlang in die weiten Landgebiete eingelagert.

Das Meer (nostre mare) war für das Römerreich die Grundlage seiner politischen und seiner wirtschaftlichen Einheit. Die Besiedelung erfolgte um ein Meer. Nach Mohammed werden die Araber warum auch immer unternehmenslustig. Aus dem römischen Meer wird ein arabisches. Und die alte Bedeutung des Mittelmeeres als Verkehrsmittel und Bindemittel wird zerstört.


Die gesellschaftliche Verflechtung des Abendlandes war im Mittelalter anders als in der Antike. Aber es war in gewisser Hinsicht ein Aufbau auf älteren Fundamenten. Aber der Motor der Bewegung lag nicht im 'Lernen von der Antike'. Er lag im Innern dieser Gesellschaft selbst, in ihren Automatismen, in den Bedingungen, unter denen sich die Menschen miteinander einrichten mussten. Auch die Automatismen waren nicht die gleichen wie in der Antike.

Zwei Strukturunterschiede im Vergleich zur Antike:
1. Es fehlte in der Gesellschaft des Abendlandes die billige Arbeitskraft der Kriegsgefangenen, der Sklaven und
2. die Wiederbesiedelung vollzog sich im Binnenland und im Zusammenhang mit Landverkehrsadern.

Was geschieht bei Sklaverei?
Diese treibt die Freien aus der Arbeit (als einer unwürdigen Beschäftigung). Es bildet sich neben einer nichtarbeitenden Oberschicht eine nichtarbeitende Mittelschicht. Die Reproduktion des Kapitals ist an die Reproduktion der Sklaven gebunden.

(Anmerkung: Hier werden rationale Motive unterstellt. Das beantwortet aber nicht, warum manfrau keine Sklaven mehr 'gemacht'/gehabt hat. War es lustiger die Gefangenen zu metzeln und zu verstümmeln und dann selber zu arbeiten oder hatte man eh schon genügend Quasi-Sklaven, also Leibeigene und Ähnliches? Viel später in Amerika gab es wieder Sklaverei. Eine Reihe von Fragen bezüglich der Sklaverei bleibt hier offen).

Das Fehlen von Sklavenimporten und von Sklavenarbeit gibt den Arbeitenden auch als Unterschicht, ein beträchtliches, gesellschaftliches Schwergewicht. In der Folge (z.B. heute) zieht die abendländische Gesellschaft bei wachsender Abhängigkeit aller von allen, die ehemals nicht arbeitenden Oberschichten in den Kreislauf der Arbeitsteilung hinein. Auch die technische Entwicklung und die Entwicklung des Geldes hat das Fehlen von Sklavenarbeit und die Entwicklung freier Arbeit zur Voraussetzung.

Das Mittelalter war keine statische Periode (versteinerter Wald), es gab Phasen voller Bewegung, Expansion, fortschreitende Arbeitsteilung, gesellschaftliche Transformationen und Revolutionen, Verbesserung der Arbeitsgeräte und Transportgeräte (S. 75).

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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20070419

Zivilisation & Selbstbewusstsein zt-19

Ein Ausdruck und Spiegelbild dieser Reformideen ist der Begriff 'civilisation' der zunächst Ausdruck für die spezifische Hellsicht des Oppositionellen, des Gesellschaftskritikers ist. Auch das 'Zivilisiert-Sein' wird als Ausdruck eines Kreislaufs erkannt. Das ist der Sinn des Wortes 'Zivilisation' in diesem frühen Stadium seines Gebrauchs.

Nach Mirabeau steht die echte Zivilisation im Kreislauf zwischen der Barbarei und der falschen der 'dekadenten' Zivilisation, die durch einen Überfluss an Geld erzeugt wird. Es gilt auf einer mittleren Linie zwischen Barbarei und Dekadenz durch zu steuern. Ein Gedeihen der Gesellschaft zwischen diesen beiden Positionen.

Der Reformwille hält sich im Rahmen des bestehenden, von oben manipulierten Gesellschaftssystems. Er knüpft an das Bestehende an und er wünscht es zu bessern durch geschickte und aufgeklärte Maßnahmen, damit aus der falschen Zivilisation eine gute und wahre Zivilisation werde (S. 57).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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1773 Boston Tea Party, 1775 Unabhängigkeitserklärung der amerikanischen Kolonien. Die Regierung, heißt es, ist eingesetzt für das Glück des Volkes. Wenn sie dem Zweck nicht entspricht, hat eine Majorität des Volkes das Recht sie abzusetzen.

1774 stirbt Ludwig XV. Kampf um Reform mit verstärkter Gewalt. Turgot wird Finanzminister.

'Civilisation' nun als geläufiger, fixierter Begriff. Zwei Vorstellungen verschmelzen in diesem Begriff. Einmal ist er ein Gegenbegriff zum Zustand der Barbarei. Aber Zivilisiert-Sein ist nicht nur ein Zustand, sondern ein Prozess der weitergeführt werden muss. Das ist das Neue, was in diesem Begriff zum Ausdruck kommt.

Die Befreiung von alledem, was noch barbarisch oder vernunftwidrig an den bestehenden Zuständen ist (ob Gerichtsstrafen, ständische Schranken, Handelsbarrieren..). 'Civilisation' bezieht sich auf alles was noch 'barbarisch' ist. Manfrau sieht, wie die aufsteigende mittelständische Intelligenz Frankreichs im Zuge der höfisch-aristokratischen Tradition steht.

Der Begriff 'civilisation' spiegelt genau in dem gleichen Maße das spezifische, soziale Schicksal des französischen Bürgertums, wie der Begriff der 'Kultur' das des deutschen. Dieser Begriff ist ein Instrument oppositioneller, mittelständischer Kreise in der inneren gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Und er wird mit dem Aufstieg des Bürgertums zum Inbegriff der Nation, zum Ausdruck des nationalen Selbstbewusstseins. Bei der Revolution spielt er keine so große Rolle, aber schon kurz vor der Jahrhundertwende hat er seinen Sinn als Rechtfertigungsbegriff der nationalen Ausbreitungs- und Kolonisationsbestrebungen Frankreichs gefunden.

Napoleon 1798 auf dem Weg nach Ägypten zu seinen Soldaten: "Soldaten, Ihr unternehmt eine Eroberung, deren Folgen für die Zivilisation unberechenbar ist".

Von nun ab, erscheint den Völkern der Prozess der Zivilisation im Innern der eigenen Gesellschaft als vollendet; sie fühlen sich im wesentlichen als Überbringer einer bestehenden oder fertigen Zivilisation zu anderen, als Bannerträger der Zivilisation nach außen (S. 63).

Das Bewusstsein dieser 'Zivilisation' dient von nun ab zum mindesten denjenigen Nationen, die zu kolonisierenden Eroberern und damit zu einer Art von Oberschicht für weite Teile der außer europäischen Erde geworden sind, im gleichen Maße zur Rechtfertigung ihrer Herrschaft.

In der Tat ist eine wesentliche Phase des Prozesses der Zivilisation in eben jener Zeit abgeschlossen, in der das Bewusstsein der Zivilisation, das Bewusstsein von der Überlegenheit des eigenen Verhaltens (Substantialisierungen in Wissenschaft, Technik oder Kunst) sich auszubreiten beginnt (S. 64).

Physiokratismus zt-17

Physiokratismus und französische Reformbewegung.

Situation nach der Mitte des 18. Jhs.: Die gleichen Grundsätze wie zu den Zeiten Colberts. Strenger Protektionismus, Schutz der nationalen Manufaktur- und Handelstätigkeit vor ausländischer Konkurrenz hatte das Wirtschaftsleben gefördert, bzw. zur Förderung der Steuerkraft des Landes beigetragen.

Aber die Kapitalkraft war gewachsen. Das Handelsnetz war dichter, die Industrietätigkeit lebhafter, die Verkehrswege besser, die wirtschaftliche Verflechtung und Interdependenz enger geworden. ('Globalisierung'-Anmerkung).

Das traditionelle Steuer- und Zollsystem (und merkantilistische Bindungen der Getreidewirtschaft) wurde zunehmend als störend empfunden. Das freiere englische Handelssystem wurde beobachtet. Die Könige in dieser Zeit waren nicht mehr nach Gutdünken entscheidende Monarchen, sondern abhängig von Fraktionen des Hofes, die z.T. weit in mittelständische Kreise hineinreichten.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Der Physiokratismus ist einer der theoretischen Ausdrücke dieser Fraktionskämpfe. Er ist ein nicht nur ökonomisches sondern ein groß angelegtes politisches und soziales Reformsystem (Turgot). Auf der anderen Seite die Merkantilisten (Forbonnais).

In der Debatte zwischen diesen Fraktionen kommt bereits die Differenz innerhalb der modernen, industriellen Gesellschaft zu einem frühen Ausdruck, die Differenz zwischen stärker freihändlerischen und stärker protektionistischen Interessengruppen. Beide gehören zu der mittelständischen Reformbewegung.

Es war aber keineswegs so, dass das ganze Bürgertum reformwillig und die Aristokratie ausschließlich Gegner der Reform gewesen wäre. Interesse an einer Konservierung des 'ancien regime' hatten vor allem die höhere Beamtenschaft (Ämter waren Familienbesitz), das Zunfthandwerk und ein Teil der Steuerpächter.

Wichtig ist: In Frankreich spielten bürgerliche Schichten zu dieser Zeit bereits eine politische Rolle, in Deutschland nicht. Hier in Deutschland ist die Intelligenzschicht auf die Sphäre des Geistes und der Ideen beschränkt, während in Frankreich sich auch gesellschaftliche, ökonomische und administrative Fragen dem Nachdenken der Intelligenz stellen.

Die deutschen Gedankensysteme sind in ganz anderem Maße reine Forschung. Ihr sozialer Ort ist die Universität (S. 53). Der soziale Ort, aus dem der Physiokratismus hervorging ist der Hof und die höfische Gesellschaft.

Durchdringung bürgerlicher Kreise zt-16

Soziale Genese des französischen Begriffs 'Zivilisation'.

Die Entwicklung des französischen Bürgertums verlief in gewisser Hinsicht genau umgekehrt wie die des deutschen. Die Intelligenz wurde in die höfischen Kreise hineingezogen. Das alte Distinktionsmittel, die Ahnenprobe, spielte keine sehr entscheidende Rolle mehr als Barriere zwischen den Schichten.

Die Durchdringung bürgerlicher Kreise mit spezifisch aristokratischem Traditionsgut hatte in Frankreich ganz andere Ausmaße. Höfisches Bürgertum und höfische Aristokratie sprachen die gleiche Sprache, lasen die gleichen Bücher, hatten gleiche Manieren. Als das 'ancien régime' gesprengt wurde, als das Bürgertum zur Nation wurde, wurde vieles von dem was im Ursprunge spezifisch höfisch war zum Nationalcharakter.

Affektmodellierung, Wertschätzung der Höflichkeit, Wichtigkeit des Gutsprechens, der Konversation, Artikuliertheit der Sprache etc. bildete sich zunächst innerhalb der höfischen Gesellschaft und wird aus einem Sozial- zum Nationalcharakter (S. 44). In Frankreich war das Bürgertum bereits in ganz anderem Maße entwickelt und wohlhabend. Die aufsteigende Intelligenz hatte neben dem aristokratischen auch ein breiteres bürgerliches Bürgertum.

Hier die Paradoxie, dass in Deutschland wo die soziale Mauer zwischen Mittelstand und Aristokratie höher war, diese Spannung lange keinen politischen Ausdruck fand während die in Frankreich, wo die Standesbarrieren niedriger waren zum politischen Austrag kam (S. 45).

Das ist nur scheinbar paradox: In Frankreich früher Anteil bürgerlicher Elemente an Regierung und Verwaltung, damit eine stärkere politische Schulung und ein Denken in politischen Kategorien, während in Deutschland die Regierungsposten dem Adel vorbehalten waren (bzw. die entscheidende Rolle spielte).

In Deutschland war die gesellschaftliche Kraft des Bürgertums bis ins 19. Jh. relativ gering. Die Bürger waren abgedrängt von den meisten Schlüsselpositionen des Staates.

Der französische Zivilisationsbegriff bildete sich genau wie der entsprechende deutsche Kulturbegriff in dieser Oppositionsbewegung der zweiten Hälfte des 18. Jhs. Der Prozess seiner Bildung, seine Funktion und sein Sinn sind verschieden von denen des deutschen Begriffes. So verschieden wie die Verhältnisse und das Verhalten der Mittelschichten hier und dort. Der 'homme civilisé' als Spielart des Menschentyps, der das eigentliche Ideal der höfischen Gesellschaft darstellte, des 'honnet homme'.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Funktion der Charakterisierung des Selbstbewusstseins der europäischen Oberschicht gegenüber anderen. Der Zivilisationsbegriff als die Inkarnation des höfischen Selbstbewusstseins Die Einstellung zum 'einfachen Menschen' ('Wilden') ist ein Symbol für die Einstellung eines Menschen in der inneren gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Aus dem 'homme civilise' wird ein allgemeiner Charakter der Gesellschaft: Zivilisation.

Die höfische Reform-Intelligenz Frankreichs hält sich lange Zeit im Rahmen der höfischen Tradition. Sie schließt den Gedanken in sich, man müsse an Stelle der falschen, eine echte Zivilisation setzen. Sie nimmt die höfischen Modelle auf, um sie fortzubilden und zu transformieren.

Soziale Genese des französischen Begriffs 'Zivilisation'.

Die Entwicklung des französischen Bürgertums verlief in gewisser Hinsicht genau umgekehrt wie die des deutschen. Die Intelligenz wurde in die höfischen Kreise hineingezogen. Das alte Distinktionsmittel, die Ahnenprobe, spielte keine sehr entscheidende Rolle mehr als Barriere zwischen den Schichten.

Die Durchdringung bürgerlicher Kreise mit spezifisch aristokratischem Traditionsgut hatte in Frankreich ganz andere Ausmaße. Höfisches Bürgertum und höfische Aristokratie sprachen die gleiche Sprache, lasen die gleichen Bücher, hatten gleiche Manieren. Als das 'ancien régime' gesprengt wurde, als das Bürgertum zur Nation wurde, wurde vieles von dem was im Ursprunge spezifisch höfisch war zum Nationalcharakter.

Affektmodellierung, Wertschätzung der Höflichkeit, Wichtigkeit des Gutsprechens, der Konversation, Artikuliertheit der Sprache etc. bildete sich zunächst innerhalb der höfischen Gesellschaft und wird aus einem Sozial- zum Nationalcharakter (S. 44). In Frankreich war das Bürgertum bereits in ganz anderem Maße entwickelt und wohlhabend. Die aufsteigende Intelligenz hatte neben dem aristokratischen auch ein breiteres bürgerliches Bürgertum.

Hier die Paradoxie, dass in Deutschland wo die soziale Mauer zwischen Mittelstand und Aristokratie höher war, diese Spannung lange keinen politischen Ausdruck fand während die in Frankreich, wo die Standesbarrieren niedriger waren zum politischen Austrag kam (S. 45).

Das ist nur scheinbar paradox: In Frankreich früher Anteil bürgerlicher Elemente an Regierung und Verwaltung, damit eine stärkere politische Schulung und ein Denken in politischen Kategorien, während in Deutschland die Regierungsposten dem Adel vorbehalten waren (bzw. die entscheidende Rolle spielte).

In Deutschland war die gesellschaftliche Kraft des Bürgertums bis ins 19. Jh. relativ gering. Die Bürger waren abgedrängt von den meisten Schlüsselpositionen des Staates.

Der französische Zivilisationsbegriff bildete sich genau wie der entsprechende deutsche Kulturbegriff in dieser Oppositionsbewegung der zweiten Hälfte des 18. Jhs. Der Prozess seiner Bildung, seine Funktion und sein Sinn sind verschieden von denen des deutschen Begriffes. So verschieden wie die Verhältnisse und das Verhalten der Mittelschichten hier und dort. Der 'homme civilisé' als Spielart des Menschentyps, der das eigentliche Ideal der höfischen Gesellschaft darstellte, des 'honnet homme'.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Funktion der Charakterisierung des Selbstbewusstseins der europäischen Oberschicht gegenüber anderen. Der Zivilisationsbegriff als die Inkarnation des höfischen Selbstbewusstseins Die Einstellung zum 'einfachen Menschen' ('Wilden') ist ein Symbol für die Einstellung eines Menschen in der inneren gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Aus dem 'homme civilise' wird ein allgemeiner Charakter der Gesellschaft: Zivilisation.

Die höfische Reform-Intelligenz Frankreichs hält sich lange Zeit im Rahmen der höfischen Tradition. Sie schließt den Gedanken in sich, man müsse an Stelle der falschen, eine echte Zivilisation setzen. Sie nimmt die höfischen Modelle auf, um sie fortzubilden und zu transformieren.

20070328

TRANSFORMATION der GESELLSCHAFT zk-14

Dieses deutsche Bürgertum der zweiten Hälfte des 18. Jhs. spricht eine andere Sprache als der König. Ideale und Geschmack der bürgerlichen Jugend und die Modelle nach denen sie sich verhalten, sind den seinen fast entgegengesetzt. Goethe und Lessing haben den Geschmack des Volkes weit mehr für sich als die französischen Klassiker.

Die ganze literarische Bewegung der zweiten Hälfte des 18. Jhs. wird getragen von einer sozialen Schicht und dementsprechend von Geschmacksidealen, die Friedrichs Gesellschafts- und Geschmacksdisposition entgegengesetzt sind.

Diese literarische Bewegung (Klopstock, Herder, Lessing, die Dichter des 'Sturm und Drang', der junge Goethe, der junge Schiller) ist keine politische Bewegung. Bis 1789 keine Idee einer konkreten politischen Aktion.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Entwicklung von allgemeinen Grundsätzen (Kant) die im Widerspruch zu herrschenden Verhältnissen stehen. Überall eher vage Träume von einem neuen geeinten Deutschland, einem natürlichen Leben, 'natürlich' gegenüber der 'Unnatur' des höfisch gesellschaftlichen Lebens und Lust an dem eigenen Gefühlsüberschwang.

Der klein-staatlich absolutistische Aufbau der Gesellschaft bot keine Handhabe zu konkreter politischer Aktion. Die bürgerlichen Elemente sind abgedrängt von jeder politischen Betätigung in Deutschland.

Schreiben ist die wichtigste Entladung. Die Literaten drücken Träume aus, oppositionelle Ideale die den höfischen Idealen entgegen stehen.

Die literarische Bewegung der zweiten Hälfte des 18. Jhs. ist keine politische, aber Ausdruck einer sozialen Bewegung, einer Transformation der Gesellschaft. Viele über das Land verstreute in gleicher Lage von verwandter sozialer Herkunft.

Ideale der Natur- und Freiheitsliebe, einsames Schwärmen, Hingabe an die Erregung des eigenen Herzens ungehindert durch die 'kalte Vernunft'.

Bei Kant findet dieser Gegensatz Bürger-Hof Ausdruck in der Antithese von Kultur und Zivilisiertheit.

Sehr charakteristisch für das mittelständische Bewusstsein:
Die Tore nach unten sollen verschlossen bleiben, die Tore nach oben sollen sich öffnen.

In Frankreich wurden Talente aus Mittelstandskreisen in der weiten höfischen Gesellschaft rezipiert und assimiliert. In Deutschland dagegen blieben die durch Talent und Geist ausgezeichneten Mittelstandssöhne von dem höfisch-aristokratischen Leben abgesperrt (S.23).

Ursachen für diese besonders betonte Trennung waren die geringe Verschmelzung der höfisch-aristokratischen Modelle und 'Seins-Werte' mit den bürgerlichen Modellen und Leistungswerten. Was aus dieser Trennung folgte, hat das, was weiterhin als Nationalcharakter der Deutschen in Erscheinung tritt, für lange Phasen entscheidend bestimmt.

Frankreich expandiert und kolonisiert nicht nur, mit Deutschland verglichen, frühzeitig nach außen. Es ist eine Tendenz der höfischen Aristokratie zu assimilieren und zu kolonisieren.

Die stärkste Expansion des deutschen Imperiums dagegen fällt noch ins Mittelalter. Von dieser Zeit an wird das deutsche Reich langsam immer kleiner. Fast alle äußeren Grenzen liegen unter Druck.

Dementsprechend auch im inneren ein Kampf der verschiedenen sozialen Gruppen um enge Chancen und Selbstbehauptung. Es gibt eine Tendenz sich zu unterscheiden und gegeneinander abzuschließen (S. 25).

20070312

SCHWELLENLAND & BÜRGERRECHT sk-09

Dahrendorf konstatiert zwei Schwellen des Wandels: Eine Schwelle ist markiert durch den Übergang von der traditionellen Hierarchie der Stände- oder auch Kastengesellschaft zur offenen Schichtung moderner Gesellschaften.
Quelle bzw. behandelte Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
Konflikte, die den Prozess vorantreiben sind in aller Regel Bewegungen von Minoritäten.

Die zweite Schwelle ist die jener modernen Gesellschaften, in denen Bürgerrechte aufgehört haben ein dominantes Thema der Auseinandersetzung zu sein.

Zwischen diesen beiden Schwellen liegt die Phase, in der Bürgerrechte das Thema und Klassenkämpfe das Instrument des Wandels sind.

Es geht um Anrechtsfragen, also um den Status der Mitgliedschaft in Gesellschaften und die damit verbundenen Chancen. Der Ursprung des Klassenkonflikts findet sich in Herrschaftsstrukturen, die nicht mehr die absolute Qualität der traditionellen Hierarchie haben.

Das Thema des Klassenkonflikts heißt Lebenschancen. Sind diese nicht mehr Anrechtschancen sondern nur noch Angebotschancen nimmt der Konflikt eine neue Form an. Zur Bestimmung dessen Zeitpunktes sind Bürgerrechte der zentrale Begriff (S. 52).

Bürgerrechte stammen aus dem antiken Stadtstaat, der mittelalterlichen Stadt und dann der Burg. Sie führen am Ende zur Weltbürgerschaft. Ihre modernen Ausprägungen haben sie im Nationalstaat gewonnen.

Länder, in denen Bürgerrechte sich erst verspätet durchgesetzt haben, sind auch Länder die erst verspätet Nationen wurden. Warum?

Der moderne Nationalstaat ist im Kern die Form, in der das nicht feudale ( auch anti feudale) Bürgertum seinen Platz finden konnte.

Das Bürgertum brauchte die Nation, um Recht und Verfassung an die Stelle von überlieferten Bindungen und Gottesgnadentum zu setzen.

Insoweit ist der Nationalstaat Quelle des Fortschritts auf dem Weg zu einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft (S.53).

Der Nationalstaat schließt sowohl ein als auch aus. Das Bündnis von Liberalismus und Nationalismus zwischen 1789 bis 1848 bildete eine Kraft der Emanzipation. Der Nationalstaat erlaubte es die Idee der Bürgerrechte zu verallgemeinern. Das war schon ein Thema für Perikles S.53.

Cirka 2500 Jahre später setzt Toqueville Bürgerrechte als Demokratie gleich. Das 'Reich der Demokratie' wäre eines, in dem Rangunterschiede beseitigt, Eigentum weit gestreut und die Macht auf gesplittert wäre.

Demokratie als Gleichheit aller ist etwas anderes als politische Demokratie.

Alle sind gleich vor dem Gesetz, haben gleichen Anspruch auf politische Teilnahme und genießen diese Chancen unbeschadet ihrer sozialen Herkunft und Stellung. (Zu den Zeiten des Aristoteles gehörten Frauen und Sklaven nicht zu den Freien). Weitere Beschränkungen gab es im Geschichtsverlauf. Es dauerte Jahrhunderte bevor der gleiche Grundstatus aller Bürger so allgemein wurde.

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