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20070715

Verflechtungsmechanismen Spannungsdruck tz-13

Heute (1976, Erste Auflage), ist es noch unentschieden und unentscheidbar, wo die Zentren und wo die Grenzen der größeren Herrschaftseinheiten liegen werden.

Nur eines ist gewiss: Die Richtung, in der die Art unserer Verflechtung weitertreibt.

Die zwischenstaatlichen Konkurrenzspannungen können bei dem starken Spannungsdruck, den unser Gesellschaftsaufbau mit sich bringt, nicht zur Ruhe kommen, solange sich nicht, durch eine lange Reihe von blutigen oder unblutigen Machtproben, Gewaltmonopole und Zentralorganisationen für größere Herrschaftseinheiten stabilisiert haben, in deren Rahmen viele der kleineren, der 'Staaten', ihrerseits zu einer ausgewogeneren Einheit zusammen zuwachsen vermögen.

Hier führt das Hebelwerk der Verflechtungsmechanismen in der Tat von der Zeit der äußersten feudalen Desintegration bis zur Gegenwart hin die Veränderung des abendländischen Menschengeflechts in ein und derselben Richtung weiter (S. 438).

Ganz ähnlich steht es mit vielen anderen Bewegungen der 'Gegenwart'. Sie alle rücken in ein anderes Licht, wenn manfrau sie als Momente in jenem Strom sieht, den wir Geschichte nennen.

Auch innerhalb der verschiedenen Herrschaftseinheiten sehen wir heute monopolfreie Konkurrenzkämpfe. Aber hier treiben die freien Konkurrenzkämpfe an vielen Stellen bereits ihrer Abschlussphase entgegen. Allenthalben bilden sich in diesen mit wirtschaftlichen Waffen ausgefochtenen Kämpfen bereits private Monopolorganisationen heraus.

Wie ehemals bei der Bildung von Steuer- und Gewaltmonopolen so sehen wir heute Verflechtungszwänge am Werk die die Möglichkeit der privaten Verfügung beschränken (S. 439). (Elias nennt Verstaatlichung) und die am Ende zu einem organisatorischen Zusammenschluss beider hin drängen.

Zu diesem Zusammenschluss drängen auch die anderen Spannungen zwischen jenen Menschen, die über bestimmte Monopolinstrumente als vererblichen Besitz verfügen und jenen, die von solch einer Verfügung ausgeschlossen sind und die nicht in freier, sondern in gebundener Konkurrenz miteinander, gemeinsam von den Chancen abhängen, die die Monopolherrn zu vergeben haben. Hier befinden wir uns in einem geschichtlichen Schub (S. 439).

Es ist gezeigt worden, dass sich Schübe in dieser Richtung bereits in der Frühgeschichte der abendländischen Gesellschaft vollziehen.

Beispiel: Prozess der Feudalisierung.
Wenn die Funktionsteilung und mit ihr die Interdependenz aller Funktionen voneinander fortschreitet, dann äußert sich eine solche Gewichtsverlagerung in der Tendenz zu einer anders gerichteten Verfügung über die Monopolzentralen und die monopolisierten Chancen selbst und nicht mehr in der Tendenz zur Aufteilung der zuvor zentralisierten Monopolchancen unter viele einzelne Individuen. Die erste große Umschlagsphase dieser Art war die französische Revolution.

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20070624

Soziogenese des Steuermonopols, Entstehung von Steuern zt-65

Der rückblickende Betrachter kann sich kaum noch vergegenwärtigen, dass sich dieses absolutistische Königtum und dieser zentralisierte Herrschaftsapparat früher einmal ganz allmählich, als etwas Neues aus der mittelalterlichen Welt heraus hob. Der Versuch diesen Aspekt zurückzugewinnen gibt die Möglichkeit zu einem Verständnis für das, was da vor sich gegangen ist (S. 279).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Linie der Umbildung:

Der Landbesitz einer Kriegerfamilie, ihre Verfügungsgewalt über bestimmte Böden und ihr Anspruch auf Naturalabgaben oder Dienste verschiedener Art von den Menschen, die auf diesen Böden leben, verwandelt sich mit der fortschreitenden Funktionsteilung und im Laufe vieler Ausscheidungs- oder Konkurrenzkämpfe in eine zentralisierte Verfügung über die militärischen Machtmittel und über regelmäßige Geldabgaben oder Steuern eines weit größeren Gebietes (S. 279).

Niemand darf jetzt innerhalb dieses Gebietes Waffen und Befestigungswerke benutzen oder körperliche Gewalt in irgendeiner Art anwenden, ohne die Erlaubnis des Zentralherrn; das ist etwas sehr Neues in einer Gesellschaft, in der ursprünglich eine ganze Schicht von Menschen je nach ihren Einkünften und ihrem Belieben Waffen benutzen und körperliche Gewalt anwenden konnte.

Und jedermann, von dem es der Zentralherr verlangt, ist jetzt gehalten, regelmäßig einen bestimmten Teil seiner Geldeinahmen oder seines Geldbesitzes an den Zentralherrn abzuführen. Das ist erst recht etwas Neues, gemessen an dem, was ursprünglich in der mittelalterlichen Gesellschaft Brauch ist.

In der vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaft empfindet man das als etwas vollkommen Unerhörtes; man steht zu solchen Maßnahmen nicht sehr viel anders als zu Raubzügen oder zum Nehmen von Zins (S. 280). Zunächst waren wahrscheinlich kirchliche Institute wegen ihres großen Geldbesitzes von solchen Maßnahmen betroffen.

Immer wieder werden Zwangsabgaben verlangt. Die Geldabgaben, die die Könige verlangen, bedeuten in dieser relativ geldarmen Gesellschaft in der Tat etwas anderes als die Steuern in einer stärker kommerzialisierten Gesellschaft.

Niemand rechnete mit ihnen, der Marktverkehr und das ganze Preisniveau ist in keiner Weise auf sie eingestellt; sie kommen gewissermaßen aus heiterem Himmel als etwas Außergewöhnliches und Unerwartetes und führen dementsprechend zum Ruin einer ganzen Reihe von Existenzen (S. 281) und zu heftigen Erregungen.

Die allgemeine Vorstellung, auch der Könige selbst ist, dass die Territorialherren sich von ihrem Dominialbesitz erhalten müssen. Jeder Territorialherr verlangt bestimmte Abgaben, wenn sein Sohn zum Ritter geschlagen wird, seine Tochter heiratet, braucht Lösegeld bei Gefangenschaft.
Das sind die ursprünglichen feudalen Geldbeihilfen die 'aides féodales' und die Könige verlangen diese ebenfalls. Geldforderungen darüber hinaus haben keine Grundlage im Brauch; sie haben ein ähnliches Ansehen wie Raub und Erpressung (S. 282).

Im 12. u. 13. Jahrhundert beginnt sich langsam eine weitere Form der fürstlichen Geldbeschaffung einzubürgern. Die Städte wachsen. Die Bürger haben sich mit der Waffe ihre Stadtfreiheit erkämpft. Nun kommt der Brauch auf, auch die Stadtbewohner, die 'Bourgeois', zu Kriegsdiensten heranzuziehen.

Die Stadtbewohner ziehen es aber bald vor, dem Territorialherren statt der Kriegsdienste Geld anzubieten, damit er sich Krieger mieten kann. Sie kommerzialisieren die Kriegsdienste und Königen wie Feudalherren ist das nicht unwillkommen. So wird aus diesen städtischen Geldzahlungen zur Ablösung der Kriegsdienste ziemlich rasch ein fester Brauch oder eine Institution.

Dieser Brauch wird als eine weitere Form der feudalen Beihilfe verstanden. Diese gelegentlichen Geldabgaben zahlt niemand, der sich nicht mittelbar oder unmittelbar dazu gezwungen fühlt. Die Könige können und wollen nicht allzu starken Widerstand erregen, dazu ist die gesellschaftliche Stärke der Königsfunktion noch nicht groß genug. Auf der anderen Seite brauchen sie für Konkurrenzkämpfe, für ihre Funktion, ihre Selbstbehauptung immer wieder Geldbeträge, immer größere Geldbeträge, die sie sich nur durch solche 'Beihilfen' beschaffen können. Ihre Maßnahmen wechseln.

Manfrau spürt bei allem Hin und Her dass die gesellschaftliche Stärke des Königtums ständig im Wachsen ist, und mit diesem Wachstum bekommen die Geldabgaben allmählich einen anderen Charakter (S. 284).

1292 wird eine Abgabe von 1 Denier für jedes Pfund verkaufter Waren vom König verlangt, in den nächsten Jahren erhöht. Die Feudalherren sind höchst empört. Die Krieger fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. 1314 kommt es zu offenem Widerstand (der König brauchte Geld für einen Flandernfeldzug).

Die Adligen und Nichtadligen schlossen sich durch einen Eid zur Aufrechterhaltung ihrer Freiheiten und der des Vaterlandes zusammen. Die Erregung ist so groß, dass sich Städte und Feudalherren gegen den König verbinden.

Hier kann manfrau den Grad der Interessenverschiedenheit messen, die Stärke der Spannung die hier besteht. Die Einigkeit der Stände hält nicht lange, weil wechselseitiges Misstrauen.
Erschütterungen im Innern des Herrschaftsgebietes sind nicht ohne Gefahr für die Führung des Konkurrenzkampfes mit den äußeren Rivalen (S. 286).

Im Laufe des hundertjährigen Krieges wird der Krieg zu einer Dauererscheinung und mit ihm werden es die Geldabgaben, die der Zentralherr zu seiner Führung braucht.

Die Könige selbst haben nicht eigentlich die allgemeine Absicht 'ihre Steuermacht zu vergrößern', sie wollen von Fall zu Fall möglichst viel Geld aus ihrem Herrschaftsgebiet herausholen, es sind bestimmte Aufgaben, die sie drängen.

Kein einzelner Mensch hat die Steuern oder das Steuermonopol geschaffen; kein einzelner und auch keine Reihe von einzelnen durch die Jahrhunderte hat nach einem festgelegten Plan auf dieses Ziel hingearbeitet.

Die Steuern, wie jede andere Institution, ist ein Produkt der gesellschaftlichen Verflechtung. Sie entstehen aus dem Ringen der verschiedenen sozialen Gruppen und Interessen bis schließlich, mehr oder weniger spät, das Instrument, das sich da in einem ständigen Erproben der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse entwickelt hat, von den Interessierten immer bewusster und planmäßiger zu einer festgefügten Organisation oder Institution ausgebaut wird.

Auf diese Weise verwandeln sich die gelegentlichen Beihilfen an den Guts- oder Territorialherren (für einen bestimmten Kriegszug oder als Lösegeld, oder Ausstattung oder..) in regelmäßige Geldabgaben. Es gibt nun nach 1328 eine ganze Reihe von 'Experimenten' vorübergehende Beihilfen einzuziehen.

Dieser Zustrom von Geldern in die Kasse des Königs führt langsam aber sicher zu einer außerordentlichen Stärkung der Zentralfunktion. Jeder der Stände stemmt sich dagegen. Aber die Vielspältigkeit der Interessen schwächt diesen Widerstand.
Die Bedrohung von außen macht diese noch wenig interdependente, wenig einheitliche Gesellschaft auf den König, als obersten Koordinator und auf seinen Herrschaftsapparat angewiesen. Jahr für Jahr immer wieder neue 'außerordentliche Beihilfen' für den Krieg, der nicht endet (S. 289).

Nun vollzieht sich schon eine gewisse Anpassung des Marktverkehrs an solche Abgaben. In dieser Zeit des hundertjährigen Krieges, in der die 'Aides' langsam zu Dauererscheinungen werden, bilden sich auch spezielle Amtsfunktionen (zwei oberste Verwalter) heraus, die dem Einziehen und der damit verbundenen Gerichtsbarkeit (gerichtlichen Fragen) gewidmet sind.

Das ist die erste Erscheinung dessen, was später durch das ganze 'ancien régime' hin eines der wichtigsten Organe der Steuerverwaltung bleibt (Chambre oder Cour des Aides). Hier in den Jahren 1370-1380 ist sie noch im Prozess der Bildung.

Jedesmal, wenn das Königtum sich unter dem Widerstand von Bevölkerungsteilen einschränken muss, treten auch diese Amtsfunktionen zurück. Ihr Bestand und die Kurve ihres Wachstums ist ein ziemlich genauer Gradmesser für die gesellschaftliche Stärke der Zentralfunktion und des Zentralapparates im Verhältnis zu Adel, Klerus und den städtischen Schichten (S. 291).
Die Not wächst im Stillen; mit ihr auch die Unzufriedenheit.

Selbst für den König haben die Abgaben noch den Geruch des Unberechtigten und führen zu Gewissensbissen. 1380 revoltieren die Städte, die Königsbeamten die 'aides' einziehen werden verjagt. Das Finanzsystem wird geopfert.

Es spricht für die gesellschaftliche Stärke, die der Zentralapparat und die Königsfunktion in dieser Zeit tatsächlich schon besitzt, dass die verlorene Position verhältnismäßig schnell wieder gewonnen wird.
Die Chancen, die sich bei diesem Aufbau und bei dieser Lage der französischen Gesellschaft mit der Königsfunktion verbinden, sind bereits so groß, dass das Königtum an gesellschaftlicher Stärke zunehmen kann, selbst wenn der König persönlich schwach oder ganz unbedeutend ist.

Die Angwiesenheit der Gruppen und der Schichten dieser Gesellschaft auf einen obersten Koordinator wächst mit ihrer Interdependenz und sie wächst erst recht unter dem Druck einer Kriegsgefahr. Und so liefern sie dem König bald wieder die Mittel, die zur Kriegsführung notwendig sind; aber sie liefern damit zugleich auch dem Königtum die Mittel zu ihrer eigenen Beherrschung (S. 293).

1382 ist das Königtum wieder in der Lage den Städten, den Hauptzentren des Widerstandes, die Abgaben, die es für nötig hält zu diktieren. Die Frage der Abgaben steht im Zentrum der städtischen Aufstandsbewegung des Jahres 1382.

Im Kampf um die Abgaben und die Verteilung der Lasten wird die ganze Macht- und Herrschaftsverteilung erprobt und entschieden. Die städtischen Notabeln haben das Ziel sich die Mitbestimmung bei der Erhebung und Verteilung der Abgaben von einem zentralen Punkt aus zu sichern. In den Städten selbst gehen die Interessen der verschiedenen Schichten bei aller Verflechtung sehr in verschiedene Richtungen.

Es gibt eine privilegierte Oberschicht (eigentliche Bourgeoisie in städtischen Ämtern), eine Mittelschicht (Kleinbürgertum, Handwerker, Gewerbetreibende) und die Masse der Gesellen und Arbeiter (das 'Volk').

Auch hier bilden die Steuern den Knotenpunkt an dem Gegensätze deutlich zutage treten. Der Aufruhr ist den Oberen zuerst nicht unwillkommen, richtet sich aber dann gegen die Begüterten der Stadt selbst. Die städtische Oberschicht flieht und das Eintreffen der königlichen Truppen bedeutet meistens die Rettung.

Diese Kämpfe enden mit einer weiteren Gewichtsverschiebung zugunsten des Zentralapparates und des Königtums. Die Haupträdelsführer werden getötet, andere mit Geldstrafen bestraft.
Den Städten als Ganzes werden hohe Geldabgaben auferlegt, die festen Königsburgen verstärkt und von 'gens d'armes' besetzt und die städtischen Freiheiten werden beschränkt.
Die lokalen Stadtverwaltungen werden langsam königlichen Beamten unterstellt, bis auch sie im wesentlichen Organe des königlichen Herrschaftsapparates sind; damit reicht die Stufenleiter des zentralen Herrschaftsapparates, deren Stelleninhaber die Spitzengruppe des Bürgertums bilden, von den Ministerposten und den höchsten Gerichtsämtern bis zu den Stellen der Bürger- und Zunftmeister.
Die Frage der Abgaben ist entschieden, sie werden nun von der Zentrale diktiert.

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20070619

Mittelalter Neuzeit Städte Stände Adel Bürgertum zt-63

Die Gewinnung von Kommunalrechten durch die Städte ist der erste Markstein auf diesem Wege. Erst allmählich erfassen die Könige den Nutzen dieser ungewohnten Gebilde und es braucht Zeit bis erkannt wird, dass sie eine gewaltige Vergrößerung der eigenen Chancen bedeutet.
Dann aber fördern sie mit großer Konsequenz die Interessen dieses dritten Standes, soweit es ihren eigenen Interessen entspricht. Sie fördern vor allem die steuerbare, finanzielle Potenz der Bourgeoisie.

Aber sie bekämpfen mit allem Nachdruck den Anspruch der Städte auf Herrschaftsfunktionen. Der Anstieg des Königtums und des Bürgertums stehen in engster, funktioneller Abhängigkeit voneinander (S. 255).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Es fehlte auch nicht an Versuchen von Adel und Bürgertum, gegen den König zu packeln. Könige finden sich im Mittelalter in Situationen, in denen sie für bestimmte Maßnahmen die Einwilligung der versammelten Ständevertreter suchen müssen (S. 256).

Die ständischen Parlamente (wie Parteiparlamente) funktionieren, wenn eine unmittelbare Verständigung zwischen den Schichtenvertretern möglich ist. Umso größer die Spannungen in der Gesellschaft werden, umso größer werden die Machtchancen für den Zentralherrn.

In der mittelalterlichen Welt lebt jeder Stand in einem Bezirk für sich und sie konkurrieren noch nicht häufig. Nur an einer Stelle der Gesellschaft drängen aufsteigende, bürgerliche Elemente mit Hilfe des Königtums Ritter und Geistliche allmählich aus ihren Positionen: innerhalb der Herrschaftsapparatur, als Beamte (S. 256,257).

Im Gebiete Frankreichs steigt mit dem Wachstum der Städte zugleich der Anteil städtischer Elemente an den Posten der Königsverwaltung und diese Elemente durchdringen hier allmählich bereits während des Mittelalters den Herrschaftsapparat bis zu einem Grade, der in den meisten, deutschen Territorien noch bis weit in die Neuzeit hinein nicht erreicht wird (S. 258).

Die Bürger gelangen in diesen Apparat auf einem doppelten Weg. Durch den wachsenden Anteil an den weltlichen Stellen und dann durch ihren Anteil an geistlichen Stellen (clercs, Männer, die studiert haben und Latein lesen und schreiben können).

Der Verwaltungsapparat säkularisiert sich allmählich und man (manfrau eher die Ausnahme) lernt Latein nun auch um Beamter zu werden.
Die Mehrzahl der Bürgerlichen aber gelangt durch das Studium, durch die Kenntnis des kanonischen und römischen Rechts in die höheren Bezirke des Herrschaftsapparats.
Das Studium wird zu einem normalen Aufstiegsweg für die Söhne der städtischen Spitzenschichten.
Bürgerliche Elemente drängen langsam die adligen und geistlichen Elemente in dem Herrschaftsapparat zurück. Die Schicht der Fürstendiener, der Beamten wird -zum Unterschied von Deutschland- zu einer ausschließlich bürgerlichen Formation (S. 258).

Es bildet sich mit dem Wachstum des Königsbesitzes eine Spezialistenschicht, deren soziale Stellung in erster Linie von ihrer Dienststellung abhängt, deren ständisches Prestige, deren persönliches Interesse mit den Interessen des Königtums und des Herrschaftsapparates weitgehend identisch sind.

Nun sind die Angehörigen des dritten Standes die Schreiber, Räte, Steuerverwalter, Mitglieder des Gerichts, die die Interessen der Zentralfunktion und die Kontinuität der Königspolitik über das Leben des einzelnen Königs hinaus wahren. Hier tragen bürgerliche Schichten das Königtum und die Könige bürgerliche Schichten hoch (S. 259).

Mit der Zurückdrängung des Adels aus der Herrschaftsapparatur erlangt das Bürgertum eine Machtposition von großer Bedeutung. Es sind in Frankreich nicht die reichen Kaufleute, nicht unmittelbar die Zünfte, die in den Auseinandersetzung mit dem Adel das Bürgertum repräsentieren, es ist die (hohe) Beamtenschaft in ihren verschiedenen Formationen (S. 259).

Am Anfang des 17. Jahrhunderts (Anmerkung: gilt nicht als Mittelalter das ist 'Neuzeit'. Das 'Mittelalter' dauert so bis ca. 1500 oder je nachdem)erhebt diese (die Beamtenschaft) den Anspruch dem Adel sozial gleichwertig zu sein.
In dieser Zeit hat die Verflechtung zwischen Adel und Bürgertum jene Stärke erreicht, die dem Zentralherrn eine besonders große Macht sichert (S. 260). Diese Gewichtsverschiebung zuungunsten des Adels geht nur zum Teil auf bewusste und planmäßige Aktionen bürgerlicher Kreise zurück.

Die Interdependenz, König-Bürgertum ist eine Folge des Konkurrenzmechanismus, durch den der Adel quasi auf eine Stufe wie das Bürgertum gerät. Sie ist vor allem eine Folge der fortschreitenden Geldverflechtung. Mit der ansteigenden Vermehrung des Geldvolumens geht die ständige Geldentwertung Hand in Hand. Der Adel verarmt (S. 261).

Die Religionskriege verdecken mit Trubel und Unruhen die wahre wirtschaftlichen Umwälzungen. Sie wecken bei den Kriegern Hoffnungen von leichten Beutezügen, Rettung vor dem Absturz, aber sie (die Ritter) ahnen nichts von den wirtschaftlichen Umwälzungen, die sie getroffen haben.
Das Geld vermehrt sich, die Preise steigen und sie wissen nicht warum. Sie sind von Schulden bedrängt und oft ruiniert. Die Männer der Robe drängen auf Bezahlung und bemächtigen sich der Adelsgüter und oft genug der Adelstitel (S. 262).

(Anmerkung: Warum haben die Ritter diese Preissteigerungen so gespürt, wenn sie doch eigenen Boden hatten und gewissermaßen autark waren. Haben sie ihre Ansprüche erhöht, wofür brauchten sie Geld? Antwort: Da waren die Kriegssteuern, aus denen später die Steuern hervorgingen).

Der Kriegeradel begreift die Kräfte und die Gewalt der Prozesse nicht, die ihn aus seiner angestammten Position drängen. Sie müssen nun mit den Männern des dritten Standes um Geld, um die eigenen Böden und um den sozialen Vorrang konkurrieren. Damit stellt sich jene Gleichgewichtsapparatur her, die einem Einzelnen, dem Zentralherrn, seine optimale Verfügungsgewalt gibt (S. 263).

Schon in den Kämpfen des 16. u. 17. Jahrhunderts sind bürgerliche Korporationen so reich, stark und zahlreich, dass sie den Machtansprüchen des Adels stärksten Widerstand entgegensetzen können. Der Adel ist ökonomisch zu schwach um eine ständige Bedrohung zu sein. Er kann nicht über die städtischen Menschen und ihre Abgaben verfügen.

Dem Adel entgleitet in dieser Zeit die Funktion der Verwaltung und der Rechtssprechung völlig. Diese Funktionen liegen ganz in den Händen bürgerlicher Korporationen. Der König erscheint jeder Schicht oder Körperschaft als Helfer gegenüber der Bedrohung durch andere Gruppen, deren sie allein nicht Herr werden können (S. 263).

Spitzengruppen sind nicht an einer radikalen Änderung der bestehenden Ordnung interessiert. Die Vielfalt der Spannungen stärkt so die Herrschaftschancen der Könige.

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Mittelalter Kirche Ritter Klerus König zt-62

In der Gesellschaft des 9. u. 10. Jahrhunderts gibt es zwei Schichten von Freien, die Kleriker und die Krieger. Die Angewiesenheit der Krieger ist (vor allem in Friedenszeiten) vom König gering. Die Angewiesenheit der Kleriker ist größer. Hier im westfränkischen Reich werden die Bischöfe nicht Herzöge. Daher ist ihre zentrifugal wirkende Schwächung gering. Der Klerus liegt verstreut.

Die Kirche wünscht also eine Zentralgewalt, einen König, der Macht genug hat, ihr Schirmherr gegen weltliche Gewalt (ritterliche Übergriffe) zu sein (S. 251).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Verbindung zwischen Kapetingerkönigen und Kirche ist nichts Zufälliges. Ihre Ursache ist Ausdruck einer Interessenkonstellation. Die Königswürde ist ein Instrument der Priester in der Auseinandersetzung mit der Kriegerkaste.

Das Königtum erhält eine Art von sakralem Charakter, es wird gewissermaßen zu einer kirchlichen Funktion. Die Kirche ist älter und auch organisatorisch fester gefügt als die meisten Herrschaftsbereiche dieser Zeit. Bei Konkurrenzsituationen zwischen Zentralherrn und Papst wird der Papst auf seine geistliche Vormachtstellung zurückgeworfen und der weltliche Charakter der Könige tritt reiner hervor (S. 252).

Die enge Verbindung des Königshauses mit der Kirche macht die Klöster, Abteien und Bistümer im Gebiete anderer Territorialherren zu Bastionen des Königtums.

Sie stellt etwas von dem geistlichen Einfluss der kirchlichen Organisation über das ganze Land hin zu seiner Verfügung, die Könige profitieren von der Schreibgewandtheit der Kleriker, dem politischen und organisatorischen Erfahrungsschatz der kirchlichen Bürokratie und ziehen auch von der kirchlichen Finanzkraft auf mannigfache Weise Nutzen. (Anm: Unliebsame Gegner, mögliche Erben, Konkurrenten werden auf Lebenszeit in Kloster verbannt und dort quasi in Haft gehalten. Klöster konnten auch als Gefängnisse dienen).

Eines ist aber auch sicher: Die Könige (der Zentralherr) erhalten aus Gebieten jenseits ihres eigenen Territoriums Abgaben kirchlicher Institutionen.
Wenn etwas dem traditionellen Königshaus einen Vorsprung vor den konkurrierenden Häusern gibt, dann ist es dieses Bündnis der nominellen Zentralherren mit der Kirche (S. 253).

Diese gesellschaftliche Kraft der Kirche arbeitet für eine Kontinuität des Königtums und in Richtung der Zentralisierung.
Diese tritt dann in dem Maße zurück, in dem die gesellschaftliche Triebkraft des dritten Standes (dem Bürgertum) ansteigt.

Aber schon hier kann sich der Zentralherr die Spannungen zwischen Kirche und Kriegerschicht zunutze machen.
Gleichzeitig ist er aber auch an diese Spannungen gebunden und ihr Gefangener. Die Machtfülle der vielen Kriegsherren drängt König und Kirche zusammen.

Zu den ersten großen Auseinandersetzungen zwischen Kirche und König kommt es erst in jener Zeit, in der reichliche Geldmittel aus dem bürgerlichen Lager dem König zuströmen (S. 254).

Mit der Herausbildung des dritten Standes kompliziert sich das Spannungsgeflecht und die Spannungsachse im Innern der Gesellschaft verlagert sich.

Im 11. u. 12. Jahrhundert ist die zentrale Spannung zwischen Kriegern und dem Klerus.
In der Zeit danach rückt der Antagonismus zwischen den Kriegern und den städtisch-bürgerlichen Gruppen als zentrale Spannung in den Vordergrund.

Der Zentralherr gewinnt eine neue Bedeutung. Die Angewiesenheit aller Teile der Gesellschaft auf einen obersten Koordinator wächst.
Die Könige distanzieren sich immer deutlicher von allen übrigen Kriegern durch ihre Stellung zwischen ihnen und den städtischen Schichten. Sie legen ihr Gewicht bald zugunsten der einen, bald zugunsten der anderen in die Waagschale.

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20070616

Zentralisierung Staatenbildung Absolutismus zt-57

Der Verflechtungsmechanismus bestimmt die Zentralgewalt.

Die 'Zentralisierung', die Staatenbildung ist von außerhalb betrachtet worden (Seite der 'auswärtigen Angelegenheiten'). Nun stellt sich das Komplementärproblem.

Es stellt sich nun die Aufgabe jenen Verflechtungsvorgängen nachzugehen die innerhalb einer dieser Herrschaftseinheiten, der Zentralgewalt eine besondere Stärke und Festigkeit und damit dem Ganzen die Gestalt eines 'absolutistischen Staates' geben.

In der geschichtlichen Wirklichkeit wirken diese beiden Prozessreihen (die Gewichtsverteilung und -veränderung der Schichten innerhalb einer Herrschaftseinheit und die Gewichtsverlagerungen im Spannungssystem der verschiedenen Herrschaftseinheiten) unablässig ineinander (Anm: 'Innen- u. Außenpolitik').

Im Zuge der Konkurrenzkämpfe wächst langsam ein Fürstenhaus über die anderen hinaus. Es wächst in die Funktion eines obersten Regulators, aber es hat diese Funktion nicht geschaffen.
Sie fällt ihm kraft der Größe seines in Konkurrenzkämpfen akkumulierten Besitzes und der monopolistischen Verfügungsgewalt über Kriegsinstrumente und Abgaben zu; sie selbst aber bildet sich, sie erhält ihre Gestalt und ihre jeweilige Stärke kraft der zunehmenden Differenzierung der Funktionen im Ganzen dieses Gesellschaftsverbandes (S. 229).

Am Ausgang des Mittelalter erlangt der Zentralherr eine überaus große gesellschaftliche Stärke. Gerade in dieser Zeit gewinnt der Kreislauf der funktionsteiligen Aktionsketten eine immer größere Weite und Festigkeit. Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Prozesse, der Funktionärscharakter der Zentralgewalt macht sich nun bereits stärker geltend als im Mittelalter.

Ohne Zweifel ist Ludwig XIV. bereits viel stärker an diesen Kreislauf, an dieses Eigengesetz der Aktionsketten gebunden, als z.B. Karl der Große.

(Frage:) Wieso hatte der Zentralherr einen so großen Entscheidungsspielraum, ein so hohes Maß an gesellschaftlicher Stärke in der Phase der Staatenbildung ('Absolutheit')?
Warum erhöht sich seine gesellschaftliche Stärke wo er doch auch mit der voranschreitenden Funktionsteilung in funktionelle Abhängigkeit von den anderen Funktionen gerät?

Auf Grund einer eigentümlichen Verflechtungskonstellation war die Angewiesenheit, gerade der Spitzenschichten auf einen obersten Koordinator und Regulator in dieser Phase so groß, dass sie den Kampf um die Kontrolle und um die Mitbestimmung bei den obersten Entscheidungen für längere Zeit aufgeben mussten (S. 230).

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20070526

Feudalismus Feudalsystem zt-46

Die Expansionsbewegung kam im 11. Jahrhundert allmählich zum Stehen. Die Kriegerbevölkerung wuchs weiter. Das so genannte Feudalsystem das im 12. Jahrhundert deutlicher hervortritt, ist nichts anderes als die Abschlussform dieser Expansionsbewegung im agrarischen Sektor der Gesellschaft; im städtischen hält diese Bewegung noch etwas an und findet ihre Abschlussform im geschlossenen Zunftsystem.

Die Besitzverhältnisse versteifen sich. Der Aufstieg wird immer schwerer. Auch die Standesunterschiede versteifen sich. Die Hierarchie in der Adelsschicht, die den verschiedenen Größenordnungen des Landbesitzes korrespondiert, tritt immer deutlicher hervor.

Die verschiedenen Titel verbinden sich mit dem Namen eines bestimmten Hauses als Ausdruck für die Größe seines Bodenbesitzes und damit auch seiner militärischen Macht.

Herzöge, Grafen (Comtes), Schiffseigners (Sires). Jeder hält was er kann. Er lässt sich von oben nichts mehr entreißen. Und es kann von unten niemand mehr hinein. Das Land ist verteilt. Aus einer Gesellschaft mit relativ offenen Chancen, wird im Laufe einiger Generationen eine Gesellschaft mit mehr oder weniger geschlossenen Positionen (S. 77).

Manfrau erkennt solche Perioden schon von weitem an einer gewisseren Verdüsterung der Seelen, mindestens bei den zu kurz Gekommenen, an einer Verhärtung und Erstarrung der gesellschaftlichen Formen, an den Sprengungsversuchen von unten und, wie gesagt, an dem stärkeren Zusammenschluss der Gleichgelagerten in hierarchischer Ordnung.

Die einzelnen Krieger sind nun im weiten Gebiet isolierter als zuvor. Neue Beziehungsformen werden hergestellt. Der Einzelne hat keine andere Möglichkeit sich gegen sozial Stärkere zu schützen, als die sich in den Schutz eines Mächtigeren zu stellen!

Individuelle Angewiesenheiten stellen sich her. Man geht Bündnisse ein. Der im Heer höher Rangierende ist 'Lehnsherr', der sozial Schwächere der 'Vasall'.

Individuelle Bündnisse sind zunächst die einzige Form in der die Menschen vor den Menschen Schutz finden können.

Das Feudalsystem steht in einem eigentümlichen Kontrast zur Stammesverfassung. Mit deren Lösung entstehen neue Integrationsformen und ein mächtiger Schub von Individualisierung.

Es ist eine Individualisierung relativ zum Stammesverband und zum Teil auch relativ zum Familienverband. Der Lehnsschwur ist nichts anderes als die Besiegelung des Schutzbündnisses zwischen einzelnen Kriegern, als die sakrale Verfestigung der individuellen Beziehung zwischen einem Boden vergebenden und schützenden Krieger und einem Dienste vergebenden Krieger.

Der König am einen, der Leibeigene am anderen Ende. Alle Stufen dazwischen haben ein Doppelgesicht. Sie haben nach unten Land und Schutz und nach oben Dienste zu vergeben. Aber dieses Geflecht von Angewiesenheiten des jeweils Höheren auf (kriegerische) Dienste barg Spannungen in sich.

In einer bestimmten Phase ist immer und überall im Abendland die Angewiesenheit der jeweils Höheren auf Dienste größer als die Angewiesenheit der jeweiligen Vasallen, wenn sie einmal über ein Stück Land verfügen, auf Schutz. Das gibt den zentrifugalen Kräften in dieser Gesellschaft, in der jedes Stück Land seinen Herren ernährt, ihre Stärke.

Warum macht der König nicht seine 'Rechtsansprüche' geltend?

Es handelt sich hier nicht um das, was man in einer differenzierten Gesellschaft 'Rechtsfragen' nennt. Die Rechtsformen entsprechen in jeder Zeit dem Aufbau der Gesellschaft.

Das Recht ist nicht vom Himmel gefallen. Es ist wie in jeder Gesellschaft, Funktion des Gesellschaftsaufbaus, Ausdruck der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse, Symbol für den Angewiesenheits- und Abhängigkeitsgrad der verschiedenen sozialen Gruppen oder für die gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse (S. 82).

In der feudalen Gesellschaft gab es keine stabile Machtapparatur über das ganze Gebiet hin. Die Besitzverhältnisse regulierten sich unmittelbar nach dem Maß der wechselseitigen Angewiesenheit und der tatsächlichen gesellschaftlichen Stärke. Es ist geradezu die Voraussetzung für das Verständnis der feudalen Gesellschaft, dass man die eigenen 'Rechtsformen' nicht als das Recht schlechthin betrachtet.

Jeder Ritter hatte ein Schwert, jeder Ritter hatte ein Recht.

Zur gesellschaftlichen Stärke: Die gesellschaftliche Stärke eines Mannes ist, der Chance nach, in der feudalen Kriegergesellschaft genau so groß, wie der Umfang und die Ergiebigkeit des Bodens, über den er faktisch verfügt.

Wer nicht kämpfen kann, hat kaum eine Chance. Aber wer einmal in dieser Gesellschaft über ein größeres Stück Land verfügt, besitzt als Monopolist des in dieser Gesellschaft wichtigsten Produktionsmittels eine gesellschaftliche Stärke, nämlich Chancen über seine persönliche individuelle Kraft hinaus.

Dass seine gesellschaftliche Stärke so groß ist, wie der Umfang und die Ergiebigkeit der Böden, über die er tatsächlich verfügt heißt zugleich: sie ist so groß, wie sein Gefolge, sein Heer, seine kriegerische Stärke.

Damit ist auch klar, dass er auf Gefolgsleute angewiesen ist. Und das ist ein Element in deren gesellschaftlicher Stärke. Das politische Spiel selbst würde manches von seinem Hasard-Charakter und seinen Mysterien verlieren, wenn das Geflecht der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse aller Länder in Analysen einigermaßen offen läge (S. 84).

Auch in den Beziehungen zwischen den Staaten, entscheidet ganz unverhüllt die gesellschaftliche Stärke.

Es fehlt in dieser Zeit eine um greifende Machtapparatur, die einem solchen zwischenstaatlichen Recht Rückhalt geben könnte.

Bei einem Völkerrecht ohne Machtapparatur bedeutet das bloß eine Regulierung nach gesellschaftlichen Stärkeverhältnissen und dass ein Machtzuwachs eines Landes, bei wachsender Verflechtung, eine Schwächung der gesellschaftlichen Stärke anderer Länder bedeutet (S. 85).

Es ist mehr als eine zufällige Analogie, die zwischen dem Verhältnis der einzelnen Burgherren in der feudalen Gesellschaft und dem von Staaten in der industriellen besteht!

Die Beziehungen der einzelnen Burgherren untereinander ähneln denen der heutigen Staaten. Um so unmittelbarer entscheidet für das Verhältnis zwischen den Einzelnen ihr Kriegspotential, Größe des Gefolges, des Bodens. Kein Treueschwur, kein Vertrag hält Veränderungen der gesellschaftlichen Stärke stand. Die Vasallentreue regulierte sich letzten Endes immer ganz genau nach dem tatsächlichen Maß von Angewiesenheit zwischen dem Spiel von Angebot und Nachfrage.

Boden ist in der feudalen Gesellschaft immer 'Eigentum' dessen, der tatsächlich darüber verfügt, der die Besitzrechte wirklich ausübt und stark genug ist es zu verteidigen.

Der, der Böden verlehnen muss um Dienste zu bekommen befindet sich daher im Nachteil. Der 'Lehnsherr' hat das 'Recht' auf den verlehnten Boden, aber der Belehnte verfügt tatsächlich darüber. Der Lehnsherr kann manche vom Boden verjagen aber er kann es nicht mit allen machen, da er Dienste der Krieger braucht um andere Krieger zu verjagen. Den Kriegern die ihm halfen, muss er wieder Boden geben usw.

So zerfällt das westfränkische Reich in eine Fülle kleinerer Herrschaftsgebiete. Feudalisierung ist nichts anderes als die Desintegrierung des Besitzes, der Übergang des Bodens aus der Verfügungsgewalt der Könige in die abgestufte Verfügungsgewalt der Kriegergesellschaft im ganzen (S. 88).


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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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20070523

Kreuzzüge Mittelalter Geld Wirtschaft zt-45

Im Mittelalter: Boden wird knapp. Innere und äußere Kolonisation gehen Hand in Hand. Am Beginn der Kreuzzüge stehen der Druck und die verschlossenen Chancen in der Heimat; die Auswanderung Einzelner und deren Erfolg ziehen andere nach sich. Das Ganze war eigentlich nicht geplant. Kreuzfahrer lassen sich vom oströmischen Kaiser die zu erobernden Länder als Lehen geben und gründen neue feudale Territorialherrschaften.

Ohne dem sozialen Druck im Inneren wäre nichts zustande gekommen.

Die Spannungen im Innern dieser Gesellschaft kamen nicht nur als Verlangen nach Boden und Brot zum Ausdruck. Sie lasteten als seelischer Druck auf dem ganzen Menschen. Der gesellschaftliche Druck gab die bewegende Kraft, wie ein Motor Strom gibt.
Er setzte die Menschen in Bewegung. Die Kirche lenkte die vorgegebene Kraft. Sie nahm die Not auf und gab ihr eine Hoffnung und ein Ziel außerhalb Frankreichs. Sie gab dem Kampf um neue Böden einen umfassenden Sinn und eine Rechtfertigung. Sie ließ ihn zu einem Kampf für den Glauben werden. Die Kreuzzüge sind eine spezifische Form der ersten großen Expansions- und Kolonisationsbewegung des christlichen Abendlandes.

Wenn dann der Prozess der Zivilisation, mit ihm die Bindung und Regelung des Trieblebens, fortschreitet (in den oberen Schichten stärker), dann nimmt auch der Kinderreichtum langsam ab.

Aber in jener ersten Phase vermehrten sich die Herrschenden des Kriegerstandes so rasch wie die unteren Karnickel. Es bildet sich eine Reservearmee der Oberschicht. Die abendländische Ausbreitungsbewegung bekam den Hauptimpuls aus der Landnot der Ritter. Neue Böden konnten nur mit dem Schwert erobert werden.

Der Menschenüberschuss der Oberschicht, des Adels, gab dieser ersten Expansions- und Kolonisationsperiode ihr besonderes Gepräge. Die Abgedrängten aus der Nicht-Adeligen Schicht bilden das Menschenmaterial der werdenden Stadtkommunen.

Die Habenichtse unter den Rittern zeigen sich in den Jahrhunderten unter den verschiedensten sozialen Charaktermasken: Kreuzritter, Raubritter, Bandenführer, Soldritter, Minnesänger..

Jedes Stück Land kommt in festen Besitz. Die Nachfrage nach Land bleibt bestehen oder wächst noch. Drang nach neuen Böden. Manfrau hat geglaubt, das Besitzstreben sei eine kapitalistische Eigenart, aber im Mittelalter stellte Bodenbesitz die wesentliche Form des Besitzes dar.

Das Erwerbsstreben hat also hier eine andere Form und eine andere Richtung. Es verlangt andere Verhaltensweisen.

Zu dieser Zeit haben sich politische und militärische Funktionen (Aktionen) noch nicht von den ökonomischen differenziert wie später. Diese sind weitgehend identisch. Das Streben nach Reichtum = Streben nach Boden = Streben nach Macht. Der Reichste ist auch der militärisch Mächtigste.

Der Inhaber einer Gutsherrschaft stand einem anderen Gutsherrscher wie ein Staat dem anderen gegenüber. Und so ist es der einfache Mechanismus in dieser Phase der inneren und äußeren Expansion, dass sowohl die reicheren und mächtigen Ritter wie die ärmeren in Bewegung sind um den eigenen Besitz zu vergrößern. Wichtig dann die Hausmacht.

Auch die Menschen der Unterschicht wurden vom Boden abgedrängt. Hier führten die Zwänge zu einer Differenzierung der Arbeit. Die vom Boden abgedrängten Unfreien bildeten das Material für die werdenden Handwerkersiedlungen, die sich langsam an günstig gelegene Herrensitze ankristallisierten, das Material für die werdenden Städte.

Ab dem 9. Jahrhundert Agglomerationen von Menschen, Städte wäre zu viel gesagt. Es waren Festungen und zugleich landwirtschafliche Verwaltungszentren größerer Herren. Für jegliche wirtschaftliche Aktivität darin bildete allein die Gutswirtschaft, die Domäne des Gutsherrn, den Rahmen. Manfrau produzierte und konsumierte im wesentlichen auf dem gleichen Platz.

Im 11. Jahrhundert kamen diese Gebilde ins Wachsen. Man schloss sich zusammen und erzwang sich allmählich neue Rechte. Es handelt sich um die ersten Befreiungskämpfe arbeitender bürgerlicher Menschen.

Dieser langsame Auftrieb der unteren arbeitenden städtischen Schichten zu politischer Selbständigkeit, zunächst in Gestalt des Berufsbürgertums enthält den Schlüssel zu fast allen jenen strukturellen Besonderheiten durch die sich die abendländischen Gesellschaften von denen des Orients unterscheiden, und durch die sie ihr spezifisches Gepräge gewinnen (S. 60).

Eine Reihe von Handwerkersiedlungen, Kommunen erstreitet sich eigene Rechte und Rechtsprechung, Privilegien und Autonomie. Ein dritter Stand von Freien (außer Adel und Klerus) tritt neben die anderen. Die Gesellschaft expandiert gewissermaßen auch im Inneren: sie differenziert sich und setzt neue Zellen an, sie bildet neue Organe, die Städte. (Städte sind aber keine abendländische Erfindung).

Mit der wachsenden Differenzierung und neuen größeren Märkten, wächst auch der Bedarf an mobilen und einheitlichen Tauschmitteln. Die Ketten zwischen Produzenten und Konsumenten werden allmählich länger. Sind die Ketten kurz brauchts kein Geld, keine Recheneinheit, keine Tauschmittel. Nun mit der Herauslösung aus dem Gutshof, mit der Ausbildung eines wirtschaftlich selbständigen Handwerks kompliziert sich das Geflecht der Tauschakte. Die Ketten werden länger. Manfrau braucht mehr Geld.

Das Geld ist in der Tat eine Inkarnation des gesellschaftlichen Gewebes, ein Symbol für das Geflecht der Tauschakte und der Menschenketten, in die ein Gut auf dem Wege von seinem Naturalzustand zur Konsumtion gelangt. Manfrau braucht es erst, wenn sich innerhalb einer Austauschgesellschaft längere Ketten bilden, also bei einer bestimmten Bevölkerungsdichte, einer größeren, gesellschaftlichen Verflechtung und Differenzierung (S. 62). Zuerst gab es nur byzantinische Goldmünzen (Aus dem Orient).

In der Karolingerzeit reiste noch der König von Pfalz zu Pfalz, um die Produkte seiner Güter gewissermaßen an Ort und Stelle zu verzehren. Es war so beschwerlich, die Gütermengen, die man zu seiner Ernährung brauchte hin und her zu bewegen, dass sich die Menschen zu den Gütern bewegen mussten (S.64).

Das Wachstum der Binnenlandverflechtung drängte zur Entwicklung der Landverkehrsmittel. Die Landtransportmittel und Geräte zur Ausnutzung der tierischen Arbeitskraft werden verbessert. In einem gewaltigen Konstruktionseifer wird der Nutzungsbereich der tierischen Arbeit vergrößert. Das Hufeisen erscheint.

Und im 13. Jahrhundert ist im Prinzip die moderne Zugtechnik für Pferd und auch für Zugvieh geschaffen. Nun Räderkarren, Ansätze zu Straßenpflasterung. Wassermühle.

In der Antike kein genagelter Eisenhuf. Zentrierung des Hauptverkehrs um die Wasseradern ist für den Aufbau der antiken Gesellschaft nicht wenig charakteristisch. Wie schmale Nervenstränge waren die größeren, städtischen Siedlungen an den Wasserwegen entlang in die weiten Landgebiete eingelagert.

Das Meer (nostre mare) war für das Römerreich die Grundlage seiner politischen und seiner wirtschaftlichen Einheit. Die Besiedelung erfolgte um ein Meer. Nach Mohammed werden die Araber warum auch immer unternehmenslustig. Aus dem römischen Meer wird ein arabisches. Und die alte Bedeutung des Mittelmeeres als Verkehrsmittel und Bindemittel wird zerstört.


Die gesellschaftliche Verflechtung des Abendlandes war im Mittelalter anders als in der Antike. Aber es war in gewisser Hinsicht ein Aufbau auf älteren Fundamenten. Aber der Motor der Bewegung lag nicht im 'Lernen von der Antike'. Er lag im Innern dieser Gesellschaft selbst, in ihren Automatismen, in den Bedingungen, unter denen sich die Menschen miteinander einrichten mussten. Auch die Automatismen waren nicht die gleichen wie in der Antike.

Zwei Strukturunterschiede im Vergleich zur Antike:
1. Es fehlte in der Gesellschaft des Abendlandes die billige Arbeitskraft der Kriegsgefangenen, der Sklaven und
2. die Wiederbesiedelung vollzog sich im Binnenland und im Zusammenhang mit Landverkehrsadern.

Was geschieht bei Sklaverei?
Diese treibt die Freien aus der Arbeit (als einer unwürdigen Beschäftigung). Es bildet sich neben einer nichtarbeitenden Oberschicht eine nichtarbeitende Mittelschicht. Die Reproduktion des Kapitals ist an die Reproduktion der Sklaven gebunden.

(Anmerkung: Hier werden rationale Motive unterstellt. Das beantwortet aber nicht, warum manfrau keine Sklaven mehr 'gemacht'/gehabt hat. War es lustiger die Gefangenen zu metzeln und zu verstümmeln und dann selber zu arbeiten oder hatte man eh schon genügend Quasi-Sklaven, also Leibeigene und Ähnliches? Viel später in Amerika gab es wieder Sklaverei. Eine Reihe von Fragen bezüglich der Sklaverei bleibt hier offen).

Das Fehlen von Sklavenimporten und von Sklavenarbeit gibt den Arbeitenden auch als Unterschicht, ein beträchtliches, gesellschaftliches Schwergewicht. In der Folge (z.B. heute) zieht die abendländische Gesellschaft bei wachsender Abhängigkeit aller von allen, die ehemals nicht arbeitenden Oberschichten in den Kreislauf der Arbeitsteilung hinein. Auch die technische Entwicklung und die Entwicklung des Geldes hat das Fehlen von Sklavenarbeit und die Entwicklung freier Arbeit zur Voraussetzung.

Das Mittelalter war keine statische Periode (versteinerter Wald), es gab Phasen voller Bewegung, Expansion, fortschreitende Arbeitsteilung, gesellschaftliche Transformationen und Revolutionen, Verbesserung der Arbeitsgeräte und Transportgeräte (S. 75).

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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20070518

Geschichtsforschung Völkerwanderung Übervölkerung zt-44

Elias kritisiert die ältere Geschichtsforschung, sie habe zur Feudalisierung keinen rechten Zugang gefunden.

Die Neigung, von einzelnen Urhebern her zu denken, die Denkgewohnheiten, nach den individuellen Schöpfern gesellschaftlicher Transformationen zu fragen oder allenfalls in den gesellschaftlichen nur die juristischen Institutionen zu sehen und die Vorbilder (Antezedentien) zu suchen, nach denen sie von Diesem oder Jenem geschaffen wurden, alles das machte diese Prozesse und Institutionen so unangreifbar für das nachdenkende Bewusstsein, wie es ehemals für die scholastischen Denker die Naturprozesse waren (S. 37).

Aber es handelte sich dabei (z.B. Lehnswesen) nicht um irgendwelche planmäßigen Schöpfungen einzelner Menschen oder um Institutionen, die manfrau aus irgendwelchen älteren Institutionen erklären könne.

Bei der Feudalisierung, sagt Dopsch, handelt es sich um Einrichtungen, die nicht von Staaten oder Trägern der Staatsgewalt planmäßig und aus bewusster Absicht ins Leben gerufen wurden, um bestimmte politische Ziele verwirklichen zu können.

Calmette: So verschieden das Feudalsystem von dem vorangehenden ist, es geht direkt aus ihm hervor. Kein individueller Wille hat es erzeugt. Es ist gewissermaßen ein Naturgeschehen, oder Naturtatsache der Geschichte. Ihre Formation war gewissermaßen durch mechanische Kräfte bedingt und ging Schritt für Schritt voran.

Antezedentien, also ähnliche vorausgehende Phänomene, sind nicht die einzigen Faktoren.

Es kommt nicht darauf an zu wissen, woher es kommt, sondern warum dieses Element diesen speziellen Charakter bekommen hat und nach diesem Geheimnis kann manfrau weder Römer noch Germanen fragen.

Die entscheidende, geschichtliche Frage ist hier, warum sich Institutionen oder etwa auch das Verhalten und die Affektlage ändern, und warum sie sich gerade in dieser Weise ändern.

Die Frage geht auf die strenge Ordnung der geschichtlich-gesellschaftlichen Wandlungen (Anmerkung: siehe I-Ging :-).

Diese Wandlungen sind nicht aus etwas zu erklären, das sich gleich bleibt.

In der Geschichte wirkt nie ein isolierbares Faktum für sich allein gestaltend und umgestaltend, sondern immer in seiner Verflechtung mit anderen.

Und unaufschließbar bleiben diese Wandlungen auch, solange man sich zu ihrer Erklärung auf die Ideen Einzelner beschränkt. Wenn manfrau nach den gesellschaftlichen Prozessen fragt, muss manfrau unmittelbar im Geflecht der menschlichen Beziehungen in der Gesellschaft selbst die Zwänge suchen die sie in Bewegung halten.

Das gilt beispielsweise von der Feudalisierung und Arbeitsteilung (oft wird mit dem Haarnadelbeispiel von Adam Smith so getan als hätte er die Sache erfunden).

Einzelprozesse, werden in unserer Begriffsapparatur nur durch Worte ohne Prozesscharakter, durch im Prozess gebildeter Institutionen (Absolutismus, Kapitalismus, Naturalwirtschaft..) repräsentiert.

Diese Einzelprozesse weisen auf Veränderungen im Aufbau der menschlichen Beziehungen, die offensichtlich nicht von Einzelnen geplant waren, denen die Einzelnen sich unterwerfen mussten, ob es ihnen lieb war oder nicht.

Einer der wichtigste Motoren der Veränderung im Aufbau der menschlichen Beziehungen und der Institutionen, die ihm entsprechen, ist die Vermehrung oder die Verringerung der Bevölkerung. Sie bildet im Wechselspiel der veränderten Faktoren ein wichtiges, nie außer acht zu lassendes Element.


Was geschah in der Völkerwanderungszeit?

Neue Schübe von Osten, Norden und Süden. Hellenische, italische, germanische, slawische Barbaren bzw. Stämme dringen in die Binnenräume Europas. Resultat: Es gibt keine freien Räume mehr. Damit eine neue Lage. Dann gerät die Bevölkerung ins Wachstum (ab etwa 9. Jahrhundert).

Damit verändert sich das Spannungssystem. (Siehe kurzen Rückblick auf die Antike S. 42 u. 43). Was hat manfrau unter dieser Übervölkerung zu verstehen? Nicht die absolute Anzahl der Menschen ist dafür verantwortlich.

Übervölkerung nennen wir zunächst ein solches Wachstum der Bevölkerung eines bestimmten Gebietes, dass bei dem bestehenden Gesellschaftsaufbau für immer weniger Menschen die Befriedigung ihrer Standardbedürfnisse möglich ist.

Die Symptome einer solchen gesellschaftlichen Übervölkerung sind:

1. Abschließung derer, die haben, von jenen die nicht haben weiters

2. stärkerer und betonterer Zusammenschluss der Menschen in gleicher, sozialer Lage zur Abwehr der an drängenden Außen stehenden oder zur Eroberung der von anderen monopolierten Chancen.

3. Weiters verstärkter Druck auf Nachbargebiete, Antrieb zur Eroberung und


4. verstärkte Auswanderungstendenzen, oder Besiedelung neuer Böden.

Diese Symptome sind besonders deutlich im westfränkischen Reich. Geringe Möglichkeiten einer Expansion. Neue Böden im Inneren werden gesucht. Rodungen. Sümpfe trockengelegt.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
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20070517

Feudalisierung Courtoisie Naturalwirtschaft zt-43

Manfrau sieht zunächst, wie und warum in der frühen vorwiegend natural wirtschaftende Phase der abendländischen Geschichte die Integration und die Errichtung stabiler Herrschaftsapparaturen für große Reiche noch wenig Chancen hat.

Erobererkönige können zwar im Kampf riesige Gebiete zusammen bringen und mit dem Ansehen ihres Schwertes auch zusammen halten, aber der Aufbau der Gesellschaft erlaubt noch nicht die Schaffung einer stabilen Herrschaftsorganisation.

Im 9. u. 10. Jahrhundert mit der geringeren äußeren Bedrohung erreicht die Desintegration der Herrschaftsfunktionen einen außerordentlich hohen Grad. Jedes kleine Gut ist ein Herrschaftsbezirk, ein 'Staat' für sich und jeder kleine Ritter dessen ist unabhängiger Herr und Gebieter.

Die gesellschaftliche Landschaft zeigt nichts als eine Fülle von durcheinander gewürfelten Herrschafts- und Wirtschaftseinheiten; jede von ihnen ist autark und ohne größere Abhängigkeit von anderen.

In der weltlichen Herrenschicht ist die Integration durch den Kampf in Angriff oder Verteidigung die wesentliche Form der Verflechtung. Da ist nicht viel, was die Menschen der Herrenschicht zu einer beständigen Bändigung der Affekte bringen kann.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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Anmerkung: Die Exzerptreihen hier auf Transitenator sind nur gedacht als eine schnelle Orientierungshilfe und können die jeweilige Literatur nicht ersetzen.
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Es ist eine 'Gesellschaft' im weitesten Sinn des Wortes. Es ist noch keine Gesellschaft in dem Sinn auf eine beständige und gleichmäßige Integration von Menschen mit mehr oder weniger großer Enthaltsamkeit von Gewalttaten.

Die Frühform einer solchen 'Gesellschaft' bildet sich langsam an den großritterlichen Feudalhöfen heraus. Hier mit der Größe der Gutserträge, dem Anschluss an das Handelsnetz, mehr Menschen Dienste suchend, hier sind mehr Menschen zu einem friedlichen Umgang gezwungen und verbunden.

Gegenwart höher stehender Frauen, eine gewisse Zurückhaltung und etwas genauere Modellierung der Affekte und Umgangsformen. Die Courtoise ist ein Schritt auf dem Weg, der zu unserer Triebmodellierung führt, ein Schritt in Richtung der 'Zivilisation'.

Elias frägt: Was sind Grundlinien aus dem Triebwerk der gesellschaftlichen Prozesse, die zur Gestaltung der Gesellschaft im Sinne des 'Feudalsystems' führen und zu Beziehungen, die sich im Minnesang ausdrücken?

1. Das raschere Wachstum der Bevölkerung nach der Völkerwanderungszeit im Zusammenhang mit den immer festeren Besitzverhältnissen, sowie die Bildung eines Menschenüberschusses in der Adelsschicht, wie in der Schicht der Unfreien oder Halbfreien, und der Zwang für die Freigesetzten hier und dort, sich neue Dienste zu suchen.

2. Das langsame Einschalten von Stationen in den Weg der Güter von der Produktion zur Konsumtion, das Wachstum des Bedarfs an einheitlichen mobilen Tauschmitteln, die Verschiebung des Schwergewichts innerhalb der Feudalgesellschaft zugunsten der relativ wenigen großen, zu Ungunsten der vielen kleineren Herren.
Die Bildung groß ritterlicher Feudalhöfe, wo sich ritterlich-feudalen Züge mit höfischen zu einer Einheit verbinden sowie naturalwirtschaftliche und geldwirtschaftlichen Beziehungen im Ganzen dieser Gesellschaft.

3. Das Prestige- und Repräsentationsbedürfnis dieser großen Feudalherren im Konkurrenzkampf untereinander; ihr Distinktionswillen gegenüber den kleineren Rittern; als Ausdruck dessen werden Dichter und Sänger zu festen gesellschaftlichen Institutionen.

4. Erste Vorformen einer Emanzipation, einer größeren Bewegungsfreiheit der Frau. Ein Zwang zum An-Sich-Halten für den sozial abhängigen Mann, zu Rücksicht, zu einer gewissen noch sehr gemäßigten Regelung und Umformung des Trieblebens und Ausdruck solcher schwer verwirklichbarer Wünsche in der Sprache des Traums, im Gedicht. Minnesang als gesellschaftliche Institution.

An den großritterlichen Feudalhöfen bildet sich eine festere Konvention der Umgangsformen, eine Mäßigung der Affekte, eine Regelung der Manieren heraus. Es bildet sich der Standard der 'Courtoisie'.

Die Soziogenese der großen ritterlichen Feudalhöfe ist zugleich die Soziogenese dieses courtoisen Verhaltens.

Courtoisie ist eine Verhaltensform die sich bei den sozial-abhängigeren Existenzen im geselligen Kreise dieser ritterlich-höfischen Oberschicht herausbildete. Er ist kein Anfang. Es gibt keinen Zustand der absoluten Trieb-Ungebundenheit oder des 'Anfangs'.

Die relativ große Ungebundenheit der Triebäußerungen in der courtoisen Oberschicht entspricht genau der Integrationsform, dem Maß und der Art von wechselseitiger Abhängigkeit, in der die Menschen hier miteinander zu leben gehalten sind.

Das gesellschaftliche Geflecht der Abhängigkeiten, die sich in einzelnen Maschen kreuzen, ist hier weniger engmaschig und weniger weit reichend als in Gesellschaften mit höherer Arbeitsteilung. Regelungen und Bindungen des Trieblebens sind an den größeren Feudalhöfen beträchtlich größer als an den kleineren.

Hier stellt die Courtoisie eine Verfeinerung, ein Distinktionsmittel dar. Das Gros der Ritterschaft änderte sein Verhalten vom 9. bis etwa zum 16. Jahrhundert nur so geringfügig wie sich ihre Lebensbedingungen veränderten (S. 116).(Anm.: Verhalten ergibt sich aus den Lebensbedingungen).

Das Reich Karls des Großen war durch Eroberung zusammengebracht worden. Karl mit der Funktion des erobernden Verführers. Diese bildete die Grundlage seiner Königsmacht, seines Ansehens, seiner gesellschaftlichen Stärke.

Er belohnte die Krieger mit Boden. Dienste wurden nicht mit Geld bezahlt, sondern mit Boden. Der größte Teil des Bedarfs wurde unmittelbar vom Boden gedeckt. Alle ernährten sich und ihr Gefolge vom Land.

Die Herrschaftsstruktur hatte entsprechend der Wirtschaftsstruktur einen anderen Charakter als in der Zeit der 'Staaten'. Der Gutsherr hatte Polizei- und Gerichtsgewalt. Der Gutsherr vereinte in seiner Hand alle Herrschaftsfunktionen.

Diese eigentümliche Herrschaftsstruktur ist Beispiel für den Stand der Arbeitsteilung und Differenzierung in dieser gesellschaftlichen Phase. Sie führte zu bezeichnenden Spannungen und erzeugte bestimmte typische Abläufe.
Also hohe Bedeutung des Bodens. Landbesitz gibt Nahrung (Einkommen), Frondienste, Unabhängigkeit.

Wer einmal über ein bestimmtes Gebiet verfügte, war auf den Zentralherrn nicht mehr angewiesen und suchte Unabhängigkeit bei Anzeichen von Schwäche der Zentralgewalt.

Die Herren über ein Teilgebiet des Zentralherren, die Stammesherzöge sind jederzeit der Zentralgewalt gefährlich. Dieses Spiel wiederholt sich ständig. Was ursprünglich ein Lehen war soll erblich werden.

Immer neue Schübe von kriegsstarken Erobererkönigen die ihre Vertrauten ins Land schicken, die dann wieder ihre Hand drauf legen und die Sache behalten wollen. Die Stammesfürsten haben ja tatsächlich das Land zu eigen, brauchen den König nicht mehr und entziehen sich seiner Gewalt.

Ist der Zentralherr im Krieg erfolgreich, erhält er durch die Kraft und Bedrohung, die von seinem Schwert ausgeht, wieder die tatsächliche Verfügung über die Böden des ganzen Gebiets und kann eine Neuverteilung dieser Gebiete vornehmen.


Das ist eine der stehenden Figuren oder Prozesse im Entwicklungsmechanismus der abendländischen Gesellschaft im frühen Mittelalter.

Solche Prozesse findet man noch heute außerhalb Europas, werden aber durch das Einströmen von Geld modifiziert.

In diesem naturalwirtschaftlichen Gebiet also zentrifugale Tendenzen. In der abendländischen Geschichte finden sich Anzeichen für diesen Mechanismus bereits in der Merowingerzeit.

Große Teile des Herrschaftsgebietes gehen aus der Verfügungsgewalt des Zentralherrn in die der Territorialherren über (S.21). Deutlicher noch in der Karolingerzeit.

Karl der Große beseitigt nach Möglichkeit die alten Stammesherzöge und setzt eigene Beamten (Grafen) an deren Stelle. Schon unter Ludwig dem Frommen wird die Grafenfunktion erblich. Die Nachfolger Karls können sich dem Zwang zur tatsächlichen Anerkennung des Anspruchs auf Erblichkeit nicht mehr entziehen.

(Anmerkung: Aber wie könnte man diesen Wunsch nach Erblichkeit noch erklären? Der Ritter wird ziemlich brutal, auch gegen seiner Frau gegenüber dargestellt. Eine Erblichkeit macht für einen 'egoistischen' Ritter keinen Sinn, sondern nur die Sorge für seine Nachkommen. Hatte er also doch ein Herz?).

Die Stärke der zentrifugalen Kräfte erreichen schon unter Karl III. im Jahre 887 einen Höhepunkt, als er die dänischen Normannen nicht von Paris fernhalten kann.

Es zeigt sich unmittelbar, was eigentlich die Macht gebende und legitimierende und wichtigste Funktion des Königtums in dieser Gesellschaft ist. Überall in Europa wachsen kleine Könige hervor.

Mit dem Sieg gegen äußere Feinde schaffen Zentralherren das Fundament für die Stärkung der Zentralgewalt im Innern. Kirchliche Organisation diente damals stärker als heute der Herrschaftssicherung (S.23).

Otto versuchte diesen Mechanismen entgegen zu wirken, einerseits dadurch, dass er einzelne Wirkungsbereiche verkleinerte und Funktionen begrenzte, andererseits dadurch, dass Geistliche -
(die sich theoretischerweise nicht fortpflanzten und damit theoretisch auch nichts vererbten, aber es tatsächlich taten?; Anmerkung)
- mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattet wurden.

Aber diese geistlichen Würdenträger zeigten sich nicht weniger auf die Wahrung ihrer selbständigen Verfügungsgewalt über ein Gebiet bedacht, als die weltlichen.

Und diese Gleichschaltung der Interessen hoher geistlicher und weltlicher Würdenträger hat nicht wenig dazu beigetragen, dass in dem Deutschen Reich die tatsächliche Macht der Zentralgewalt für viele Jahrhunderte gering blieb und sich die Selbständigkeit der Territiorialherren verfestigte.

In Frankreich hingegen wurden die hohen Geistlichen kaum je Territiorialherren. Die Bischöfe blieben an einer starken Zentralgewalt interessiert. Und diese Gleichrichtung der Interessen von Kirche und Königtum, die ziemlich lange Bestand hatte, war nicht der geringste jener Faktoren, die in Frankreich relativ frühzeitig der Zentralgewalt ein Übergewicht über die zentrifugalen Tendenzen gab (S. 25).

Zunächst aber vollzog sich die Desintegration des westfränkischen Reiches rascher und radikaler als im ostfränkischen Reich.

Die Grundlage der gesellschaftlichen Stärke des Zentralherrn bildete, wenn manfrau von seiner 'Eroberermacht' (als Eroberer und Verteiler von neuen Böden) absieht, der Hausbesitz seiner Familie, das Land über das er unmittelbar verfügte.
Hausmacht und Territorium (Familienbesitz) waren es die zählten und waren die Basis der Königsmacht.

Am Beginn des 12. Jahrhunderts ist die uneingeschränkte Erblichkeit und Selbständigkeit der verschiedenen Territorialherrschaften, der ehemaligen Lehnsgebiete eine vollendete Tatsache.

Frankreich ist ein lockerer Bund kleinerer und größerer Herrschaftsgebiete. Das Gleiche in Deutschland am Ende dieses Jahrhunderts.

Während in 'Deutschland' sich die Territorialherrschaften für Jahrhunderte verfestigen, erstarkt in 'Frankreich' langsam wieder eine Zentralgewalt.

Das Bild dieser radikalen Desintegration muss man als Ausgangspunkt ins Auge fassen, wenn man verstehen will, durch welche Prozesse sich in der Gesellschaft jene Zentralorgane für größere Herrschaftsgebiete herausbildeten, die wir 'Absolutismus' nennen und jener Herrschaftsapparatur, die das Gerippe moderner Staaten bildet.

Die Stabilität der Zentralorgane in der Phase, die wir Zeitalter des Absolutismus nennen, steht zu der Instabilität jener Zentralgewalt der vorangehenden 'feudalen' Phase in starkem Kontrast (S. 31).

Was den Aufbau der Gesellschaft begünstigte, dort die Zentralisierung, hier die der Zentralisierung entgegenwirkenden Kräfte?

Hampe: Die Feudalisierung der Staatenwelt zwang die Herrscher ihre Truppenführer und Beamten mit Grundbesitz auszustatten (wollten sie nicht in Armut versinken oder die militärischen Gegenleistungen der Vasallen ausnutzen), so wurden sie zu kriegerischen Ausdehnungsversuchen geradezu getrieben, gegen die machtleeren Räume der Nachbarschaft.

Das war der Mechanismus in den das Königtum verstrickt war. Feudalisierung ist keine außen stehende Ursache.
Diese Verstrickungen (Automatismen):
Zwang zur Ausstattung der Krieger und Beamten mit Böden,
zwangsläufige Verringerung des Königsbesitzes (so keine neuen Eroberungsfeldzüge),
Tendenz zur Schwächung der Zentralgewalt in Friedenszeiten,
alles das sind Teilprozesse in dem großen Prozess der Feudalisierung selbst.

Diese spezifische Herrschaftsform und ihr Herrschaftsapparat waren unablösbar mit einer bestimmten Wirtschaftsform verbunden (S. 32). (Naturalwirtschaft).

Solange naturalwirtschaftliche Beziehungen in der Gesellschaft vorherrschten, war die Ausbildung eines zentralisierten Beamtentums und eines zentralisierten Herrschaftsapparates kaum möglich. Wer Wein trinken wollte, musste ihn in seinem eigenen Gebiet pflanzen lassen.

Die Interdependenzen der verschiedenen Gebiete war gering. Erst wenn diese wachsen, können sich für größere Gebiete Zentralinstitutionen von einiger Stabilität bilden.

Sehr langsam verflechten sich die verschiedenen Landschaften, die Integration größerer Gebiete und Menschenmassen wird stärker und dementsprechend auch der Bedarf an Tauschmitteln und Rechnungseinheiten, an Geld. (Erst im 17. Jahrhundert gab es in der Bourgogne 11 Gemeinden in denen jedermann Weinbauer ist).

Anmerkung von Elias: Es ist für das Verständnis des Prozesses der Zivilisation von besonderer Wichtigkeit, dass manfrau von diesen gesellschaftlichen Prozessen, von dem was
'Natural- oder Hauswirtschaft',
'Geldwirtschaft',
'Verflechtung größerer Menschenmengen',
'Änderung der gesellschaftlichen Abhängigkeit des Einzelnen',
'zunehmende Funktionsteilung' und
Ähnliches eigentlich meinen,
eine ganz anschauliche Vorstellung hat.

Allzu leicht werden diese Begriffe zu Wortfetischen, aus denen jede Anschaulichkeit verschwunden ist und damit im Grunde jede Klarheit.

Zum Beispiel der Begriff 'Naturalwirtschaft'.

Er zeigt eine ganz spezifische Form, in der die Menschen aneinander gebunden und voneinander abhängig sind. Es wird unmittelbar produziert und verbraucht. Keine Zwischenglieder. Der Weg differenziert sich. Immer mehr Menschen schalten sich als Funktionäre der Verarbeitung und Verteilung in den Übergang des Gutes vom ersten Erzeuger zum letzten Verbraucher ein.

Die 'Ketten' verlängern sich. Geld ist nichts anderes als ein Instrument, das manfrau braucht, und das die Gesellschaft sich schafft, wenn diese Ketten länger werden, wenn Arbeit und Verteilung sich differenzieren. Zwischen 'Naturalwirtschaft' und 'Geldwirtschaft' besteht kein absoluter Gegensatz.

Ketten verlagern und verändern sich allmählich. Die Abhängigkeit der Menschen voneinander verändert sich. Alles das sind verschiedene Aspekte des gleichen gesellschaftlichen Prozesses. Und eine Seite dieses Prozesses ist auch die Herrschaftsform und Herrschaftsapparatur.

Die Struktur der Zentralorgane korrespondiert mit dem Aufbau der Funktionsteilung und Verflechtung. Die Stärke der zentrifugalen, auf lokale politische Autarkie gerichteten Tendenzen in den vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaften entspricht dem Grad der lokalen ökonomischen Autarkie.

In Kriegergesellschaften zwei Phasen, die Ausbreitung (Krieg, Heirat) und die Konservierung (Frieden). Bei der Ausbreitung ist die gesellschaftliche Funktion des Zentralherrn die des Heerführers.

Drang zur Eroberung und zur Verteidigung ist hier das wichtigste Bindemittel von Menschen. Nach dem Krieg bedarf man seiner nicht mehr und auch seine sekundären Funktionen (Gerichtsherr, Schiedsrichter) verlieren sich. Ist kein Feind da gewinnen die zentrifugalen Kräfte die Oberhand. Tendenz zur Desintegration der größeren Herrschaftsgebiete.

Diese allmähliche Dezentralisierung der Herrschaft und der Böden, dieser Übergang des Landes aus der Verfügungsgewalt des erobernden Zentralherrn in die Verfügungsgewalt der Kriegerkaste als Ganzem ist nichts anderes als der Prozess der unter dem Namen der Feudalisierung bekannt ist.

Gab es noch andere Ursachen für diese schrittweise Dezentralisierung? (S.37).

20070515

Mittelalter Karl Pippin Hof Leben

Ein ganz kurzer Blick ins Mittelalter
in die Zeit Karls des Großen.

Karl der Große, Charlemagne, Carolus Magnus.
Sein Titel: König der Franken, Patrizier der Römer, Erlauchter.
Der Name seines Schwertes: Joyeuse.
Seine Frauen: Himiltrude (Kinder: Pippin der Bucklige und Tochter Rothaid), weiters eine unbenannte Langobardin, die er nach einem Jahr weg schickte und Hildigard (5 Töchter, 4 Söhne). Sie heiratete Karl im Alter von 12 Jahren.

Um die Mitte des 8. Jahrhunderts begann die Kirche ihre Forderungen hinsichtlich Zeremonie und Charakter der Ehe geltend zu machen.

Die Franken waren seit dem 6. Jahrhundet getauft. Die merowingischen Herrscher hatten trotzdem die Polygamie nie aufgegeben.

Laut Bonifatius (belegter Schriftwechsel mit Rom, Papst Zacharias) hielten viele Bischöfe, vier fünf Kebsweiber.

Wenn sich also der Klerus Freiheiten herausnahm, konnte man sich nicht gut über das Verhalten der Könige beklagen.

Bonifatius war über fränkische Zustände bestürzt.

Nach germanischem Recht besaß eine Ehe Gültigkeit, wenn ihr ein Sohn entspross. Die merowingische Dynastie war Ende des 5. Jahrhunderts von Chlodwig begründet worden.
Die merowingische Tradition war heidnisch.

Die christlichen Missionare verleibten die gestürzte Religion der eigenen ein. Bischöfe waren sehr verweltlicht.

Brauch der Franken den neuen König auf den Schild zu heben.

Als Pippin, der Vater Karls, gekrönt wurde (Kirche) waren die Franken schon seit mindestens 800 Jahren mit der römischen Zivilisation in Berührung.

Zwischen Römern und Germanen hatte ein kultureller Austausch stattgefunden (S. 26).

Pippin war der erste europäische Monarch, der sich als König 'von Gottes Gnaden' bezeichnete. Seine Heiligkeit war christlichen und nicht heidnischen Ursprungs ??
Er schwur, mit der Kirche Frieden zu halten.

Mitte des 8. Jahrhunderts war der Sitz der römischen Macht in Konstantinopel und nicht in Rom. Die ganze italienische Halbinsel wurde zu einer unbedeutenden Außenprovinz.
Das Herzogtum Rom fiel fast aus Versehen unter die Herrschaft der Päpste.

Die Pippinsche Schenkung (durch Bändigung der Langobarden) schuf den Kirchenstaat, der das Papsttum für mehr als tausend Jahre zu einer weltlichen Macht innerhalb Europas machte und die Teilung Italiens bis 1870 aufrecht erhielt.

Pippin hatte die wilde Leidenschaft für die Hetzjagd, wie alle Männer des Mittelalters.
Der Hof blieb nie lange an einem Ort.


Pippin folgte dem Brauch der fränkischen Könige und reiste mit den Höflingen umher - einmal um Regierungsgeschäfte in den verschiedenen Teilen des Reiches selbst zu überwachen, zum anderen, um die Kosten seiner Hofhaltung auf die verschiedenen königlichen Güter zu verteilen (S. 47).

An der Palastschule wurden noch die sieben freien Künste des antiken Roms gelehrt: Trivium Grammatik, Logik und Rhetorik, Quadrivium Arithmetik, Musik, Astronomie und Geometrie.

Die Volkssprache hatte sich vom klassischen Latein entfernt. Die Vulgärsprache, die später das Französische ergeben sollte, entwickelte sich bereits.

Lebenslängliche Klosterhaft war der übliche Weg, sich besiegter Feinde zu entledigen.
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Quelle bzw. Literaturhinweis: Charlemagne - from the Hammer to the Cross, Richard Winston, New York, 19?? Auszug bzw. Stichworte von Transitenator.
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20070513

Zentralisierung Höfische Gesellschaft Absolutismus zt-41

Im Mittelalter Kämpfe zwischen Adel, Kirche, Fürsten um Anteile an der Herrschaft und Ertrag des Landes. Im Laufe des 12. u. 13. Jahrhunderts eine weitere Gruppe im Kräftespiel: die privilegierten Stadtbewohner, das 'Bürgertum'. Macht sammelt sich in der Hand der Fürsten.

Die Autokratie der Vielen, der Herrschaftsanteil der Stände wird zurückgedrängt und die absolute Herrschaft des Einen an der Spitze setzt sich für längere oder kürzere Zeit durch (Frankreich, England, habsburgische Gebiete, deutsche und italienische Gebiete).

Das Zeitalter des Absolutismus. Was in dieser Veränderung der Herrschaftsform zum Ausdruck kommt ist eine Strukturveränderung der abendländischen Gesellschaft im ganzen. Eine allmähliche Umbildung der ganzen Gesellschaft.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen erfuhren die mittelalterlichen Institutionen, welcher Aufbau der Gesellschaft, welche Entwicklung der menschlichen Beziehungen ermöglichten diese Veränderungen?

Die Fürstenhöfe werden zu den eigentlich Stil bildenden Zentren des Abendlandes. In allen katholischen Ländern, übertrifft die Bedeutung der Fürstenhöfe und der höfischen Gesellschaft als soziale Kontrollinstanz die aller anderen sozialen Formationen dieser Epoche (wie z.B. die der Universität) bei weitem.

Die maßgebende höfische Gesellschaft bildet sich in Frankreich. Von Paris breiten sich Umgangsformen und Manieren an alle anderen Höfe Europas hin aus. Nicht nur weil Frankreich das mächtigste Land dieser Zeit war, sondern weil in einer durchgehenden Transformation der europäischen Gesellschaft überall verwandte, soziale Formationen, der gleiche Gesellschaftstypus, analoge menschliche Beziehungsformen entstanden (S. 4).

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2
Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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Die vielen einzelnen Höfe des Abendlandes mit ihrer relativ einheitlichen Gesittung als kommunizierende Organe im Ganzen der europäischen Gesellschaft. Es ist eine das Abendland um greifende höfische Aristokratie mit ihrem Zentrum in Paris.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts lockern sich langsam die Kontakte zwischen den höfisch-aristokratischen Gesellschaften verschiedener Nationen. Die französische Sprache weicht nationalen Sprachen. Vor der ständisch-sozialen Integrationsform gewinnt die nationale das Primat.

In der vornationalen höfisch-aristokratischen Gesellschaft werden jene Gebote und Verbote vorgeformt, die auch heute noch über alle nationalen Verschiedenheiten hinweg spürbar sind und allen Völkern des Abendlandes ein gemeinsames Gepräge einer spezifischen Zivilisation geben (S. 7).

Mit der allmählichen Bildung dieser absolutistisch-höfischen Gesellschaft vollzieht sich auch eine Umformung des Triebhaushalts und des Verhaltens der Oberschicht im Sinne der Zivilisation.

In der Tat nimmt die Soziogenese des Absolutismus im Gesamtprozess der Zivilisation eine Schlüsselstellung ein: Manfrau kann die Zivilisation des Verhaltens und den entsprechenden Umbau des menschlichen Bewusstseins- und Triebhaushalts NICHT verstehen, ohne den Prozess der Staatenbildung und darin jene fortschreitende Zentralisierung der Gesellschaft zu verfolgen, die zunächst in der absolutistischen Herrschaftsform einen besonders sichtbaren Ausdruck findet (S. 8).

Die wichtigsten Mechanismen, die der Zentralgewalt wachsende Chancen zuführen, sind: Die allmähliche Vergrößerung des geldwirtschaftlichen Sektors auf Kosten des naturalwirtschaftlichen.

Je mehr Geld auf einem Gebiet in Umlauf war, desto stärker stiegen die Preise. Alle Schichten, deren Verdienst nicht entsprechend stieg waren benachteiligt auch die Feudalherren mit fixen Renten.
Begünstigt war der Zentralherr der durch seinen Steuerapparat an wachsendem Reichtum Anteil hat und dessen Einkünfte sich mit dem wachsenden Geldumlauf vermehren.

Proportional zu den finanziellen Chancen, wuchsen die militärischen. Der Zentralherr konnte sich Krieger mieten und wurde dadurch auch von Kriegsdiensten relativ unabhängig (Wilhelm der Eroberer fährt mit Soldrittern nach England). Aber noch keine stehenden Heere (erst Jahrhunderte später). Diese militärische Überlegenheit, die mit der finanziellen Hand in Hand war die zweite entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Zentralgewalt eines Herrschaftsgebietes den Charakter der Unumschränktheit (Absolutheit) gewann (S. 10).

Diese beiden Entwicklungslinien wirkten zuungunsten des alten, mittelalterlichen Kriegerstandes. Die Ritter und Krieger bekamen nur die Entwertung und das Steigen der Preise zu spüren.

Während der Geldumlauf wuchs, und die Handelstätigkeit sich entwickelte, während bürgerliche Schichten wuchsen und die Einnahmen der Zentralgewalt stiegen, sanken die Einnahmen des gesamten übrigen Adels.

Manche Ritter kümmerten dahin, manche raubten, manche verkauften ihre Güter, manche traten in die Dienste der Könige und Fürsten, von neuen Chancen gelockt. Das waren die wirtschaftlichen Chancen, die sich den dem Wachstum des Geldumlaufs und des Handelsnetzes nicht angeschlossenen Kriegern boten.

Auch die Entwicklung der Kriegstechnik wirkte sich zu den Ungunsten der Ritter aus. Die Infanterie, das verachtete Fußvolk wurde im Kampf wichtiger als die Reiterei. Damit war nicht nur die kriegerische Überlegenheit, sondern auch das Waffenmonopol des mittelalterlichen Kriegerstandes gebrochen.

Der Adel verlor mit der Vergrößerung des geldwirtschaftlichen Sektors in der Gesellschaft an Macht, während bürgerliche Schichten mit ihr an Macht gewannen.

Der Aufstieg, die Machtfülle und Unumschränktheit der Zentralinstitutionen war davon abhängig, dass diese Spannung zwischen Adel und Bürgertum bestand und bestehen blieb. Dieses labile Gleichgewicht musste von den Repräsentanten der absoluten Zentralgewalt zwischen den Ständen und Gruppen des Herrschaftsgebietes aufrecht erhalten werden (S. 13).

20070428

Ritter, Mittelalter, Herrenbewusstsein, zt-40

Die Frage, warum sich Verhalten und Affektlage der Menschen ändern, ist im Grunde die gleiche, wie die, weshalb sich die Lebensformen der Menschen ändern.

Die Ritterfunktion, diese Lebensform, war von einer bestimmten Zeit ab im Gefüge der Gesellschaft nicht mehr vorhanden. Andere Funktionen wie die des Zunfthandwerkers oder des Priesters, die in der mittelalterlichen Phase eine Rolle spielte, verloren an Bedeutung im Gesamtgefüge der gesellschaftlichen Beziehungen.

Warum verändern sich die Funktionen, die Lebensformen, in die sich der Einzelne, wie in mehr oder weniger fest modellierte Gehäuse, ein passen muss, im Lauf der Geschichte?`
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Wie lebten die Ritter? Welcher Lebensraum öffnete sich dem adlig Geborenen? Elias schildert nun Bilder aus dieser Zeit. Es ist vor allem die Art der Darstellung die Unterschiede der Gefühlslagen unterstreicht.

Wenig ist hinter die Kulissen verlegt. Das Peinlichkeitsempfinden der mittelalterlichen Oberschicht verlangt noch nicht, dass alles Vulgäre hinter die Kulissen des Lebens und damit auch der Bilder verdrängt wird.

Es befriedigt die Affekte der oberen sich von den anderen unterschieden zu wissen. Der Anblick des Kontrastes erhöht die Lust am Leben.

Es ist nicht peinlich, dass die Edlen Muße haben und andere für sie arbeiten.

Es fehlt die Identifizierung von Mensch zu Mensch.

Ein 'alle Menschen sind gleich' gibt es noch nicht am Horizont dieses Lebens.

Herrenbewusstsein und selbstsichere Verachtung der anderen. Die oberste Schicht ist eine Kriegerschicht. Erst später wird die Oberschicht auch von den anderen Schichten abhängig.

Die Bilder aus dem Mittelalter die Elias betrachtet sind noch nicht 'sentimentalisch', weil aus ihnen noch nicht jene starke Gebundenheit der Affekte spricht, die von nun an während einer langen Phase in der künstlerischen Darstellung für Oberschichten immer ausschließlicher deren Wunschbilder zutage treten ließ, und die zur Unterdrückung alles dessen zwang, was dem vorrückenden Peinlichkeitsstandard widersprach (S. 293).

Im Mittelalter ist die Welt um den Ritter zentriert. Die erotische Beziehung zwischen Mann und Frau ist sehr viel unverdeckter als in der späteren Phase. Die Nacktheit ist noch nicht mit Schamgefühlen belegt.

Aber die Menschen sind keineswegs in irgendeinem absoluten Sinn ungebunden und gesellschaftlich unmodelliert. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Nullpunkt.

Schon im 15. Jahrhundert bildet sich aus aufsteigenden Elementen eine neue Aristokratie mit einem neuen Lebensraum, neuen Funktionen und mit einer anderen Affektmodellierung.
Ein neuer Zwang, eine neue, eingehendere Regulierung und Modellierung des Verhaltens, wie sie das alte ritterliche Leben weder nötig, noch möglich machte, wird jetzt von dem Edelmann verlangt.

Das sind Konsequenzen der neuen stärkeren Abhängigkeit, in die der Edelmann jetzt geraten ist. Er ist nicht mehr der relativ freie Mann, der Herr in seiner Burg ist, und dessen Burg seine Heimat ist. Er lebt jetzt am Hof und dient dem Fürsten.

Am Hof lebt er mit vielen anderen zusammen. Er muss lernen, seine Gesten dem verschiedenen Rang und Ansehen der Person am Hofe entsprechend genau zu dosieren, seine Sprache genau ab zumessen und selbst seinen Blick genau zu kontrollieren.

Es ist eine neue Selbstdisziplin, ein unvergleichlich viel stärkeres An-sich-halten, die dem Menschen durch diesen neuen Lebensraum und die neue Integrationsform aufgezwungen werden (S. 300).

Was als 'courtoisie' ausgedrückt wurde, findet nun als 'civilité' ihren Ausdruck. In Frankreich wird Heinrich IV. zum Vollstrecker dieser Wandlung.

20070427

Kampf, Konflikt, Angst, Lust, Zivilisation zt-39

Wandlungen der Angriffslust.- Das Affektgefüge des Menschen ist ein Ganzes auch wenn wir einzelne Triebäußerungen unterscheiden. Diese ergänzen und ersetzen sich, bilden eine Art von Stromkreis im Menschen.

Triebäußerungen sind voneinander wenig trennbar und bilden eine Teilganzheit innerhalb der Ganzheit des Organismus und sind gesellschaftlich geprägt.

Es wird zwar gerne von einzelnen 'Trieben' gesprochen aber die Denkformen die nicht die Zugehörigkeit und die Einheit und Ganzheit des Triebhaushalts sehen bleiben dieser Ganzheit gegenüber ohnmächtig. Jede besondere Triebrichtung gehört zu dieser Ganzheit.

Wenn im folgenden von einem 'Angriffstrieb' gesprochen wird, so nur als eine Triebfunktion im Ganzen eines Organismus, und Wandlungen dieser Funktion zeigen Wandlungen der gesamten Modellierung an.

Der Standard der Kampfeslust ist gegenwärtig durch eine Unzahl von Regeln und Verboten, die zu Selbstzwängen geworden sind, eingeengt und gebändigt. Auch hier die gleiche geschichtliche Verwandlung.

Die Entladung der Affekte im Kampf war vielleicht im Mittelalter nicht mehr ganz so ungedämpft wie in der Frühzeit der Völkerwanderung (S. 265).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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In der mittelalterlichen Gesellschaft gehören Raub, Kampf, Jagd zu den Lebensnotwendigkeiten und treten offen zutage.
Für die Mächtigen und Starken gehört es zu den Freuden des Lebens. Gefangene werden verstümmelt, Brunnen verschüttet, Bäume abgehauen, Felder verwüstet. Das Geld hatte in der Ritterzeit eine dämpfende Wirkung. Ritter wurden ausgelöst, die Armen verstümmelt.

Es gab keine strafende, gesellschaftliche Gewalt. Die einzige Bedrohung war die von einem Stärkeren überwältigt zu werden.

Im 13. Jahrhundert gehört Rauben, Plündern, Morden zum Standard der Kriegergesellschaft. Die Grausamkeitsentladung schloss nicht vom gesellschaftlichen Verkehr aus. Sie war nicht gesellschaftlich verfemt.

Die Freude am Quälen und Töten anderer war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude. Manfrau verhielt sich gesellschaftlich zweckmäßig und fand seine Lust dabei. (Unverstümmelte Gefangene bedeuten eine Bedrohung). Die Zukunft war fast immer ungewiss. Der Augenblick galt dreifach.

Das Gros der weltlichen Oberschicht des Mittelalters führte das Leben von Bandenführern. Der Krieger des Mittelalters liebte den Kampf nicht nur, er lebte darin, sein Leben hatte keine andere Funktion.

Im 15. Jahrhundert gibt der Ritter noch seiner Freude am Kampf Ausdruck, also Kriegslust die die Furcht besiegt, und Freude an der Verbundenheit mit dem Freund.
Beim Bauern war der Spielraum der Angriffslust beschränkt auf seinesgleichen.
Der Ritter war außerhalb seiner Schicht weniger beschränkt als innerhalb (ritterlicher Code).

Für die geistliche Oberschicht des Mittelalters ist das Leben in seiner Gestaltung durch den Gedanken an den Tod und an das was nachher kam, an das Jenseits bestimmt.

In der weltlichen Oberschicht ist das keineswegs mit solcher Ausschließlichkeit der Fall (S. 271).
"Kein courtoiser Mann soll die Freude schelten, er soll Freude lieben" (13. Jahrhundert).
Das sind deutliche Abhebungen des ritterlichen Menschen gegen den Kleriker.

Den Tod nicht zu fürchten, war eine Lebensnotwendigkeit für den Ritter.

Auch das Leben der Bürger in den Städten war, von Fehden durchsetzt, auch hier Angriffslust, Hass und Freude an der Qual anderer, ungebändigter als in der folgenden Phase.

Es war nicht allein die Waffe des Geldes, die den Bürger hoch trug.

Raub, Kampf, Plünderung, Familienfehde, das alles spielte im Leben der Stadtbevölkerung kaum eine geringere Rolle als im Leben der Kriegerkaste.

Wettstreite gegenseitiger Beschuldigungen, wilde Schlachten bei Rittern und Kaufleuten und Handwerkern. Familienfehden. Auch die Bürger, die kleinen Leute, Mützenmacher, Schneider, Hirten, sie alle hatten schnell das Messer in der Hand.

Ausbrüche von Freude und Lustigkeit, aber auch plötzliches Aufflackern von Hass und Angriffslust.

Das sind Symptome des emotionalen Lebens. Die Triebe, die Emotionen spielten ungebundener, unvermittelter, unverhüllter als später.

Die Religion wirkt für sich allein niemals zivilisierend oder Affekt dämpfend. -o- (Anmerkung: Ein überaus interessantes Thema: Religion <---> Zivilisation. Nachdem ich hier auf diesem Blog eine gewisse Basis eingerichtet habe, wird hier etwas mehr Lebendigkeit einkehren. Während des Schreibens für diverse Blogs habe ich auch einen Haufen Daten gesammelt die ich bis zum Herbst bzw. hoffentlich Winteranfang 2007 ausgewertet habe. Und dann gibt's sozusagen neuen Wein! Hoit nur a kloans Glaserl oba wems schmeckt...).-o-

Umgekehrt: Die Religion ist jeweils genau so zivilisiert, wie die Gesellschaft oder wie die Schicht die sie trägt (S. 277).

Das Leben in dieser Zeit, war von einer anderen Affektgeladenheit als unsere. Wer in dieser Gesellschaft nicht aus voller Kraft liebte oder hasste, der mochte ins Kloster gehen, im weltlichen Leben war er ebenso verloren, wie derjenige der in späterer Zeit seine Leidenschaften nicht zu zügeln vermochte.

Hier wie dort ist es der Aufbau der Gesellschaft, der einen bestimmten Standard der Affektbewältigung verlangt und züchtet.
Damals war das Land in Provinzen zerfallen und die Einwohner jeder Provinz bildeten gewissermaßen eine kleine Nation für sich, die alle anderen verabscheute. Es gab eine beständige Rivalität.

Der Zusammenhang von Gesellschaftsaufbau und Affektaufbau: Es gibt hier keine Zentralgewalt, die mächtig genug ist, um Menschen zur Zurückhaltung zu zwingen.
Wenn eine Zentralgewalt wächst, dann ändert sich auch allmählich die Affektmodellierung und der Standard des Triebhaushalts.
Dann schreitet die Rücksicht der Menschen aufeinander im normalen gesellschaftlichen Leben fort. Und die Affektentladung wird auf bestimmte zeitliche und räumliche Enklaven beschränkt.

Heute bedarf es einer gewaltigen sozialen Unruhe und Not, es bedarf vor allem einer bewusst gelenkten Propaganda, um die aus dem zivilisierten Alltag zurückgedrängten, die gesellschaftlich verfemten Triebäußerungen wieder aus ihrer Verdeckung zu wecken und zu legitimieren (S. 279).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Diese Affekte haben in verfeinerter Form ihren legitimen Platz in der zivilisierten Gesellschaft.
Die Kampf- und Angriffslust findet z.B. einen gesellschaftlich erlaubten Ausdruck im sportlichen Wettkampf.

Und sie äußert sich vor allem im 'Zusehen', etwa im Zusehen von Sportkämpfen, in der tagtraumartigen Identifizierung zur Entladung solcher Affekte. -o- (Anmerkung: 2007: Wirkung von Konsum, Angebot und Nachfrage, Fernsehen, Radio, Musik, MP3 Player, Bands, etc. Weiters heute auch Reizüberflutung in den wohlhabenden Regionen der Erde, Diskrepanz Reichtum-Armut, imperialistische Macht-Interessen, Neo-Kolonialismus, ja es wird viel auf der Affekt-Klaviatur gespielt).-o-
Und dieses Ausleben von Affekten im Zusehen, oder selbst im bloßen Hören ist ein besonders charakteristischer Zug der zivilisierten Gesellschaft.

Was ursprünglich als aggressive Lustäußerung auftritt wird verwandelt in die passivere, gesittetere Lust am Zusehen, eine bloße Augenlust, 'wird bloß mit dem Auge berührt'(S. 280).
Das Auge wird zum Vermittler von Lust, weil die unmittelbareren Befriedigungen des Lustvorganges in der zivilisierten Gesellschaft durch eine Unzahl von Verboten und Schranken eingeengt sind.
Die unmittelbaren Triebäußerungen (Aktionen) werden ins Zusehen verlegt. Aber auch der Boxkampf ist eine gemäßigte Form verwandelter Angriffs- und Grausamkeitsneigungen.

Der Affekthaushalt verwandelte sich in der Geschichte. Vieles von dem, was ehemals Lust erregte, erregt heute Unlust.
Hier wie dort, sind die Vergnügungen, die die Gesellschaft sich verschafft, Inkarnationen eines gesellschaftlichen Affektstandards, in dessen Rahmen sich alle individuellen Affektmodellierungen halten.
Wer aus dem Rahmen tritt gilt als anormal.

Auch hier der psychische Mechanismus, auf Grund dessen sich die geschichtliche Transformation des Affektlebens vollzieht: Gesellschaftlich unerwünschte Trieb- und Lustäußerungen werden mit Maßnahmen bedroht und bestraft, die Unlust erzeugen oder dominant werden lassen.

Und so kämpft die gesellschaftlich erweckte Unlust und Angst mit einer verdeckten Lust.

Frage: Welche Veränderung des gesellschaftlichen Aufbaus löste eigentlich diese psychischen Mechanismen aus. Welche Veränderung der Fremdzwänge setzte diese Zivilisation der Affektäußerungen und des Verhaltens in Gange? (S. 283).

20070424

Verhalten im Mittelalter, Schneuzen, Konditionierung, zt-34

In der mittelalterlichen Gesellschaft schneuzte manfrau sich mit den Händen. Die Höflichkeit der Courtoisie: Mit der Linken schneuzen, mit der Rechten das Fleisch nehmen. Keine peinlichen Empfindungen im Mittelalter wenn manfrau sich die Finger beschmutzt.

Es waren besondere gesellschaftliche und seelische Voraussetzungen nötig, um das Bedürfnis nach einem so simplen Instrument wie dem Taschentuch den Gebrauch allgemein möglich zu machen. Der Gebrauch des Taschentuchs breitet sich zuerst in Italien im Zusammenhang mit seinem Prestigewert aus.

Damen hängen es an den Gürtel, Snobs tragen es im Mund. Es ist kostbar und gilt als Zeichen von Reichtum. Erst Ludwig XIV. hat reichlich Taschentücher.

Zur Zeit des Erasmus ist das Taschentuch zwar bekannt aber manfrau schneuzt sich noch links und rechts und vielleicht etwas vom Tisch abgewandt.

Zwei Jahrhunderte später ist der Gebrauch des Taschentuchs allgemein geworden, aber der Gebrauch der Hände ist keinesfalls verschwunden so kann manfrau es es auch noch heute im Jahre 2007 in europäischen Gegenden sehen. Aber es ist zur Unsitte geworden, ordinär und vulgär.

Bis zu dieser Zeit (La Salle) werden Gewohnheiten fast immer ausdrücklich in ihrer Beziehung zu anderen Menschen beurteilt.

Gewohnheiten werden untersagt, weil sie anderen lästig und peinlich sein können, oder weil sie einen Mangel an Respekt verraten (S. 204).

Jetzt werden die gesellschaftlich unerwünschten Triebäußerungen radikaler verdrängt. Sie werden für den Menschen mit Peinlichkeit, Angst, Scham- oder Schuldgefühlen belegt, auch für den Fall, dass er allein ist.

Vieles von dem, was wir 'Moral' oder 'moralische Gründe' nennen, hat als Konditionierungsmittel der Kinder bei einem bestimmten gesellschaftlichen Standard die gleiche Funktion wie zum Beispiel die 'Hygiene' und die 'hygienischen' Gründe (S. 204).

Die Modellierung durch solche Mittel ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erwünschte Verhalten zu einem Automatismus, einem Selbstzwang zu machen und es im Bewusstsein des Einzelnen als von ihm selbst aus eigenem Antrieb, nämlich um seiner eigenen Gesundheit oder seiner eigenen menschlichen Würde willen, so gewolltes Verhalten in Erscheinung treten zu lassen.

Und erst mit dieser Art, Gewohnheiten zu verfestigen, erst mit dieser Konditionierungsart, die mit den mittelständisch-bürgerlichen Schichten zugleich vorherrschend wird, erhalten die Konflikte zwischen den gesellschaftlich unauslebbaren Triebkräften und Triebrichtungen auf der einen und dem im Einzelnen verankerten Schema der gesellschaftlichen Forderungen auf der anderen Seite dermaßen jene Gestalt die von den Seelentheorien in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt werden.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator. Ab Mai 2007: Erasmus von Rotterdam und sein Lob der Narrheit ('Torheit') auf dem Blog: Ergasmus.
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Das was wir heute (40er Jahre des 20. Jahrhunderts) als Neurosen um uns beobachten, ist eine bestimmte, historisch gewordenen Gestalt des psychischen Konflikts, die der psychogenetischen und soziogenetischen Aufhellung bedarf (S. 204).

Die gesellschaftliche Abhängigkeit und ihr Aufbau sind für Aufbau und Schema der Affektrestriktionen von entscheidender Bedeutung.

Mit der wachsenden Abhängigkeit in der Oberschicht verstärken sich auch die Verbote (Einschränkungen, Restriktionen).

Die Tatsache der abhängigen Oberschicht erklärt zugleich das Doppelgesicht, das die Verhaltensweisen und die Zivilisations-instrumente haben: Es sind Instrumente und Verhaltensweisen, die einen gewissen Zwang ausdrücken und Versagung erfordern, aber sie erhalten sofort immer auch den Sinn einer sozialen Waffe gegen die jeweils Niedrigerstehenden, den Sinn eines Distinktionsmittels.

Taschentuch, Teller, Gabel und alle ihre Verwandten sind zunächst Luxusgegenstände mit Prestigewert.

Im 19. u. 20. Jh. handelt es sich um gesellschaftlich in besonders hohem Maße gebundene Oberschichten (S. 207).

Am Arbeitsplatz sind Triebregelung und -zurückhaltung zur 'Arbeit' notwendig. Das gilt für das gesamte Schema der Triebmodellierung in der bürgerlich-industriellen Gesellschaft.

Es sind Zwänge der gesellschaftlichen Verflechtung, der Arbeitsteilung, des Marktes und der Konkurrenz, die zur Zurückhaltung und Regelung der Affekte und der Triebe zwingen. Sie sind es, denen die oben erwähnte Begründungs- und Konditionierungsart entspricht.

Die Modellierung ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erforderliche (geforderte) Verhalten als vom einzelnen Menschen (dem Individuum) selbst (also aus des Individuums eigenem inneren Antrieb gewolltes Verhalten) in Erscheinung treten zu lassen. :-) :-) :-) ...so to speak...

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