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20070714

Funktionsteilung Triebmodellierung ÜberIch Emanzipation tz-07

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 7

Stärkere Bindung der Oberschicht.
Stärkerer Auftrieb von unten.

In für die ritterlich-höfische Oberschicht typischen Bildern des späten Mittelalters wird die Darstellung von Unterschichtsgebärden noch nicht als besonders peinlich empfunden.

Später, nach dem Peinlichkeitsschema der absolutistisch-höfischen Oberschicht kommen gemäßigte, verfeinerte Gesten zum Ausdruck. Vulgäres, an untere Schichten Erinnerndes wird der Gestaltung ferngehalten.

Abwehr des Vulgären, mehr Empfindlichkeit, mehr Sensibilität. Diese hängt mit der spezifischen Regelung und Umformung der Triebimpulse zusammen.
Mit Bestimmtheit wird gesagt, 'das ist gut/schlecht'. Die Sicherheit ihres Geschmacks geht mehr auf unbewusst arbeitende Figuren ihrer psychischen Selbststeuerung zurück, als auf bewusste Überlegungen. Zunächst zeigen kleine Kreise wachsende Empfindlichkeit für Schattierungen und Nuancen, 'Delikatessen'. Dieser gute Geschmack stellt für solche Kreise zugleich einen Prestigewert dar (S. 410).

Alles, was an ihre Peinlichkeitsschwelle rührt, riecht bürgerlich, ist gesellschaftlich minderwertig. Alles, was bürgerlich ist, rührt an ihre Peinlichkeitsschwelle. Es ist die Notwendigkeit, sich von allem Bürgerlichen zu unterscheiden, die diese Empfindlichkeit schärft.
Die Ausgeschliffenheit des gesellschaftlich-geselligen Verhaltens wird zum Hauptinstrument der Prestige- und Gunstkonkurrenz (nicht die berufliche Tätigkeit, nicht der Besitz von Geld).

Ab dem 16. Jahrhundert gerät der Standard des gesellschaftlich-geselligen Verhaltens in raschere Bewegung, bleibt in dieser während des 17. u. 18. Jahrhunderts um sich dann im 18. u. 19. Jahrhundert in bestimmter Weise zu transformieren und durch die ganze abendländische Gesellschaft auszubreiten.

Dieser Schub von Restriktionen und Triebwandlungen setzt ein mit der Verwandlung des ritterlichen Adels in eine höfische Aristokratie.
Er hängt auf engste mit der Wandlung im Verhältnis der Oberschicht zu den anderen Funktionsgruppen zusammen.

Die courteoise Kriegergesellschaft steht noch nicht so unter Druck, steht noch nicht dermaßen in Interdependenz mit den bürgerlichen Schichten, wie die höfische Aristokratie.

Die absolutistisch-höfische Oberschicht ist eine Formation in einem weit dichteren Interdependenzgeflecht. Sie ist in der Zange zwischen dem Zentralherrn des Hofes und den wirtschaftlich begünstigten, bürgerlichen Spitzengruppen, die nach oben drängen.

Sie ist durch bürgerliche Schichten, die nach oben drängen (Auftrieb von unten) weit stärker und ständiger in ihrer sozialen Existenz bedroht.
Die Verhöflichung des Adels vollzieht sich überhaupt nur im Zusammenhang mit einer Verstärkung des Auftriebes bürgerlicher Schichten.

Der Bestand einer stärkeren Interdependenz und einer stärkeren Spannung zwischen adligen und bürgerlichen Schichten ist konstitutiv für den höfisch-aristokratischen Charakter der Spitzengruppen des Adels (S. 412).

Verglichen mit der funktionellen Gebundenheit des freien mittelalterlichen Kriegeradels ist die der höfischen Aristokratie bereits sehr groß. Die sozialen Spannungen zwischen Adel und Bürgertum nehmen mit der zunehmenden Pazifizierung einen anderen Charakter an.
Die höfische Aristokratie ist die erste jener stärker gebundenen Oberschichten, der im Laufe der neueren Zeit dann noch andere stärker gebundene Oberschichten folgen.

Schon im 16. u. 17. Jahrhundert besteht bei bestimmten bürgerlichen Spitzengruppen ein starkes Verlangen danach sich selbst an Stelle des Schwertadels oder wenigstens neben dem Schwertadel als Oberschicht des Landes zu etablieren; die Politik dieser bürgerlichen Schichten ist zu einem guten Teil darauf abgestellt, auf Kosten des alten Adels ihre eigenen Privilegien zu vergrößern.

Beide Gruppen müssen die Beunruhigung, die das ständige Tauziehen erzeugt, mehr oder weniger in sich zurückhalten. Die soziale Spannung ruft bei diesem Aufbau der Interdependenzen in den bedrohten Menschen der Oberschicht eine starke innere Spannung hervor (S. 414). Sie kommen in den stark affektgeladenen Abwehrgesten zum Vorschein, mit denen die höfischen Kreise allem begegnen, was 'bürgerlich riecht'. Sie hält alles 'Vulgäre' aus ihrem Lebenskreis ferne. Und diese ständig schwehlende, soziale Angst bildet schließlich auch einen der mächtigsten Antriebe für die starke Kontrolle, die jeder Angehörige dieser höfischen Oberschicht auf sich selbst und auf das Verhalten der anderen Menschen seines Kreises ausübt; Sie äußert sich in der angespannten Aufmerksamkeit.

Der ständige Auftrieb von unten und die Angst, die er oben erzeugt, ist mit einem Wort, zwar nicht die einzige, aber eine der stärksten Triebkräfte jener spezifischen, zivilisatorischen Verfeinerung, die die Menschen dieser Oberschicht aus anderen hervorhebt und die ihnen schließlich zur zweiten Natur wird (S. 415).

Sie werden kopiert.

Immer wieder werden Gebräuche, die zuvor 'fein' waren, nach einiger Zeit 'vulgär' (= Motor). Erst mit der französischen Revolution hört diese Verfeinerung, diese Ausfeilung der Peinlichkeitsschwelle auf (oder verliert an Intensität).

Den Motor der zivilisatorischen Transformation des Adels (Scham- und Peinlichkeits Schwelle) bildet so neben der schärferen Konkurrenz um die Gunst der Mächtigsten innerhalb der höfischen Schichten selbst, der ständige Auftrieb von unten (S. 416).
Von nun werden aber immer mehr Beruf und Geld zur primären Quelle des Prestiges.

In jeder Gesellschaftsschicht wird der Bezirk des Verhaltens, der gemäß ihrer Funktionen für die Menschen dieser Schicht am lebenswichtigsten ist, auch am sorgfältigsten und intensivsten durch modelliert.
Die Genauigkeit, mit der Handgriffe und Etiketten durch bildet werden entspricht der Bedeutung, die alle diese Verrichtungen sowohl als Distinktionsmittel nach unten, wie als Instrumente im Konkurrenzkampf um die Gunst des Königs für die höfischen Menschen haben.
Es handelt sich hier nicht um geübte Privatvergnügungen einzelner Menschen, sondern um lebenswichtige Erfordernisse der gesellschaftlichen Position.

Im 19. Jahrhundert bilden Gelderwerb und Beruf die primären Angriffsflächen der gesellschaftlichen Zwänge, die den Einzelnen modellieren. Die Formen der Geselligkeit fallen jetzt in die Sphäre des Privatlebens.

Nun treten allmählich bürgerlich-mittelständische Züge schrittweise in den Vordergrund. Ganz generell werden in allen abendländischen Gesellschaften mit dem Niedergang der Aristokratie stärker diejenigen Verhaltensweisen und Affektgestaltungen entwickelt, die zur Bewältigung von Erwerbsfunktionen, zur Durchführung einer mehr oder weniger genau geregelten Arbeit notwendig sind.

Zunächst übernimmt die berufsbürgerliche Gesellschaft das Ritual der höfischen Gesellschaft ohne es selbst gleich intensiv weiterzubilden. Der Standard der Affektregelung rückt erst langsam weiter.
In der englischen 'Society' gibt es diese Aufteilung des menschlichen Daseins in eine Berufs- und eine Privatsphäre nicht.

Wenn diese Spaltung allgemeiner wird, beginnt eine neue Phase im Prozess der Zivilisation. Die Anspannung, die die Aufrechterhaltung der bürgerlichen, sozialen Existenz erfordert ist erheblich größer, als die entsprechenden psychischen Figuren, die ein Leben als höfischer Aristokrat erfordert.
(Beispiel: Geschlechterbeziehung, erotische Prägung der Bevölkerung).

Aber die höfisch-aristokratische Menschenmodellierung mündet in dieser oder jener Form in die berufsbürgerliche ein, und wird in ihr aufgehoben weiter getragen.

Manfrau findet diese Imprägnierung breiterer Schichten mit Verhaltensformen und Triebmodellierungen, die ursprünglich der höfischen Gesellschaft eigentümlich waren, besonders stark in Regionen in denen die Höfe groß und reich und ihr Vorbild daher von großer Durchschlagskraft war. (Beispiele: Paris und Wien). Es sind die Sitze der beiden großen, rivalisierenden, absolutistischen Höfe des 18. Jahrhunderts (S. 418).

Die Verhaltensweisen, die Art der Affektregelung zeigen ein großes Maß an Einheitlichkeit. Das ist eine Folge der wechselseitigen Verflechtung der abendländischen Herrschaftsverbände und der beständigen Interdependenz aller funktionsteiligen Prozesse in den verschiedenen Nationalverbänden des Abendlandes.

Die Phase der halb privaten Gewaltmonopole und der höfisch-aristokratischen Gesellschaft spielt mit ihrer starken Interdependenz über ganz Europa hin für das Gepräge des abendländisch-zivilisierten Verhaltens eine besondere Rolle.

Diese höfische Gesellschaft hatte als erste und in besonders reiner Form die Funktion einer guten Gesellschaft, einer Oberschicht, die unter dem Druck einer intensiven und weitreichenden Verflechtung, unter dem Druck von Gewalt- und Steuermonopolen auf der einen Seite, von aufdrängenden, unteren Schichte auf der anderen Seite stand.

Die höfische Gesellschaft war in der Tat die erste Repräsentantin jener eigentümlichen Form von Oberschicht die in einem hohen Maße gebunden war und deren Lage ein beständiges Ansichhalten, eine intensive Triebregelung erforderte.

Die Modelle dieses Ansichhaltens gingen abgestuft und modifiziert, von Schicht zu Schicht weiter. Vor allem bei Völkern, die im Zusammenhang mit einer frühzeitigen Ausbildung von starken Zentralorganen auch frühzeitig zu Kolonialmächten wurden schärfte sich - durch den Druck der weltweiten Verflechtung (Verkörperung durch die Stärke des Konkurrenzkampfes, Prestigewahrung) auch die Stärke der gesellschaftlichen Kontrolle.

So amalgamierten sich Verhaltensweisen einer höfisch-aristokratischen Oberschicht mit Verhaltensweisen der verschiedenen bürgerlichen Schichten, wenn diese aufstiegen und in die Lage von Oberschichten gelangten (S. 420).

So breiteten sich vom 19. Jahrhundert ab diese zivilisierten Verhaltensformen über die aufdrängenden, unteren Schichten der abendländischen Gesellschaft selbst, so über die verschiedenen Schichten der Kolonialländer aus und amalgamierten sich mit Verhaltensweisen, die deren Schicksal und Funktion entsprachen.

Bei jedem dieser Aufstiegsschübe durchdringen sich Verhaltensweisen der jeweils oberen und der aufsteigenden unteren Schichten oder Verbände.

So kommt es, dass sich in dem Trieb- und Verhaltensschema der verschiedenen, bürgerlichen Nationalverbände, in ihrem 'Nationalcharakter', ganz genau die Art der früheren Beziehungen zwischen Adels- und Bürgerschichten und die Struktur der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zeigt, in der einige von diesen schließlich zur Macht gelangten (S. 421).

Das Schema des Verhaltens in Nordamerika ist weit ausgesprochener mittelständisch als in England, weil dort die Aristokratie frühzeitig verschwand.

Jede dieser Ausbreitungsbewegungen des Zivilisationsstandards über eine weitere Schicht hin aber geht Hand in Hand mit einer Zunahme in deren gesellschaftlichen Stärke, mit einer Angleichung ihres Lebensstandards an den der nächsthöheren Schicht oder mindestens mit einer Hebung ihres Lebensstandards in dieser Richtung (S. 422).

Schichten, die dauernd in der Gefahr des Verhungerns oder auch nur in äußerster Beschränkung, in Not und Elend leben, können sich nicht zivilisiert verhalten.

Zur Züchtung und zur Instandhaltung einer stabileren Über-Ich-Apparatur bedurfte und bedarf es eines relativ gehobenen Lebensstandard und eines ziemlich hohen Maßes von Sekurität. (Dritte Welt Problematik).(Entwicklung)

In a nutshell:
Folgen und Teilerscheinungen der Funktionsteilung

Das elementare Schema dieser Zusammenhänge ist einfach genug: Alles, was bisher an einzelnen Erscheinungen erwähnt wurde (Hebung des Lebensstandards, stärkere Abhängigkeit der Oberschicht, Stabilität der Zentralmonopole ...), also alles das sind Folge- und Teilerscheinungen einer bald rascher, bald langsamer fortschreitenden Funktionsteilung.

Mit dieser Funktionsteilung stieg und steigt die Ergiebigkeit der Arbeit; die größere Ergiebigkeit der Arbeit ist die Voraussetzung für die Hebung des Lebensstandards von immer breiteren Schichten; mit dieser Funktionsteilung wächst die funktionelle Abhängigkeit der jeweils oberen Schichten; und erst von einer sehr hohen Stufe der Funktionsteilung ab ist schließlich auch die Bildung von stabilen Gewalt- und Steuermonopolen mit stark spezialisierten Monopolverwaltungen, also die Bildung von Staaten im abendländischen Sinne des Wortes möglich, mit der das Leben des Einzelnen allmählich eine etwas höhere 'Sekurität' erhält.

Aber diese steigende Funktionsteilung bringt auch beständig immer mehr Menschen, immer weitere Menschenräume in Abhängigkeit voneinander; sie verlangt und züchtet eine größere Zurückhaltung des Einzelnen, eine genauere Regelung seines Verhaltens und seiner Affekte; sie fordert eine stärkere Triebbindung und- von einer bestimmten Stufe ab- einen beständigeren Selbstzwang. Dies ist, der Preis, den wir für die größere Sekurität, den wir für alles andere, was in der gleichen Linie liegt, bezahlen (S. 423).

Erläuterung: Zunächst aber sind Zurückhaltung und Selbstzwang noch weitgehend durch die eigentümliche Spaltung der Gesellschaft in Ober- und Unterschichten bestimmt (noch nicht durch die Notwendigkeit der Kooperation jedes Einzelnen mit vielen Anderen).
Die Art der Zurückhaltung und der Triebmodellierung, wie sie sich bei den Menschen in der jeweils höheren Schicht herstellt, erhält daher ihr besonderes Gepräge zunächst noch durch die ständigen Spannungen, die die Gesellschaft durchziehen.

Die Ich- und Über-Ich-Bildung dieser Menschen ist sowohl bestimmt durch den Konkurrenzdruck, durch die Ausscheidungskämpfe innerhalb der eigenen Schicht, wie durch den beständigen Auftrieb von unten, den die fortschreitende Funktionsteilung in immer neueren Formen produziert.
Stärke und Widerspruchsreichtum der gesellschaftlichen Kontrolle, hängt nicht nur damit zusammen, dass es die Kontrolle von konkurrierenden Existenzen ist, sondern vor allem auch damit, dass die Konkurrierenden zugleich gemeinsam ihr unterscheidendes Prestige, ihren gehobenen Standard, gegenüber Aufdrängenden zu wahren haben (S. 423).

Betrachtet manfrau die Linie dieser Prozesse über Jahrhunderte hinweg, dann sieht manfrau eine klare Tendenz zur Angleichung der Lebens- und Verhaltensstandarde, zur Nivellierung der großen Kontraste. Aber diese Bewegung geht nicht geradlinig vor sich.
Manfrau kann in jeder dieser Ausbreitungswellen von Verhaltensweisen eines kleineren Kreises zu einem größeren, aufsteigenden hin deutlich zwei Phasen unterscheiden:
Eine Kolonisations- oder Assimilationsphase in der die untere an der oberen Schicht orientiert ist und eine
zweite Phase der Abstoßung, der Differenzierung oder Emanzipation, in der die aufsteigende Gruppe spürbar an Stärke und Selbstbewusstsein gewinnt und die obere Gruppe zu einem stärkeren Ansichhalten, einer betonteren Abschließung gedrängt wird und in der sich die Kontraste, die Spannungen in der Gesellschaft verstärken (S. 424).

In der zweiten Phase, in der die gesellschaftliche Stärke der jeweils unteren Gruppe wächst verstärkt sich mit der Rivalität und den Abstoßungstendenzen auch das Selbst- und Eigenbewusstsein beider.
Es besteht die Neigung das Unterscheidende hervor zukehren und zu stabilisieren. Das Selbst- und Eigenbewusstsein beider steigt. Die Kontraste zwischen den Schichten werden größer, die Mauern höher.


Die erste Phase (Kolonisations- oder Assimilationsphase): In der ersten Phase tritt die Neigung von oben nach unten zu kolonisieren, von unten nach oben sich anzugleichen stärker zutage. In der ersten Phase sind viele einzelne Menschen der aufsteigenden Schicht sehr stark abhängig. Sie sind in vieler Hinsicht noch ungeformt und sie werden so beeindruckt, dass sie ihre Affektregulierung nach dem Verhaltenscode der oberen Schicht auszurichten suchen.

Hier stößt manfrau auf eine der merkwürdigsten Erscheinungen im Prozess der Zivilisation: Die Menschen der aufsteigenden Schicht entwickeln ein 'Über-Ich' nach dem Muster der überlegenen und kolonisierenden Oberschicht. Dieses Über-Ich ist genau besehen in vieler Hinsicht recht verschieden von seinem Modell.

ES ist unausgeglichener und dabei zugleich oft genug außerordentlich viel strenger und rigoroser. Bei den meisten Menschen der aufstiegsbegierigen Schichten führt das Bemühen darum zunächst zu ganz spezifischen Verkrümmungen des Bewusstseins und der Haltung. (Aus Orientalländern als 'Leviantinismus' bekannt.

Manfrau begegnet solchen Haltungen in der abendländischen Gesellschaft oft genug als 'Halbbildung', als Anspruch etwas zu sein, was manfrau nicht ist, als Unsicherheit des Verhaltens und des Geschmacks, als 'Verkitschung' nicht nur der Dinge (Möbel, Kleider etc.) sondern auch der Seelen.

Alles das bringt eine soziale Lage zum Ausdruck, die zur Imitation von Modellen einer anderen gesellschaftlich höher rangierenden Gruppe drängt. Sie gelingt nicht; sie bleibt als Imitation fremder Modelle erkennbar. Sie erscheint als sonderbare Falschheit und Unförmigkeit des Betragens. Dahinter steht eine echte und wahre Notlage der sozialen Existenz.

Das Verlangen, dem Druck der von oben kommt, und der Unterlegenheit zu entgehen. Und diese Ausprägung des Über-Ichs von der Oberschicht her lässt bei der aufsteigenden Schicht immer eine ganz spezifische Form von Scham- und Unterlegenheitsgefühlen entstehen. Sie sind sehr verschieden von den Empfindungen unterer Schichten ohne Chancen zu einem individuellen Aufstieg.

Die untere Schicht: Deren Verhalten mag gröber sein, aber es ist geschlossener, einheitlicher, ungebrochener, geformter; sie leben stärker in ihrer eigenen Welt, ohne Anspruch auf ein Prestige mit einem größeren Spielraum für Affektentladungen; sie leben stärker nach eigenen Sitten und Gebräuchen; ihre Unterordnungsgesten und ihre Widerstandsgesten sind klar, relativ unverhüllt gleich ihren Affekten durch bestimmte Formen gebunden. In ihrem Bewusstsein haben sie selbst ihre wohl unterschiedene Stellung (S. 426).

Die 'kleinbürgerliche' nach oben orientierte Schicht: Die Unterlegenheitsgefühle und -gesten der individuell aufsteigenden Menschen dagegen identifizieren sich mit der oberen Schicht.

Die Menschen in dieser Lage erkennen mit einem Teil ihres Bewusstseins die Normen und Verhaltensformen der oberen Schicht als für sich selbst verbindlich an, ohne sich daran halten zu können wie diese. In ihnen steckt ein Widerspruch, eine Spannung, die ihrem Affektleben und ihrem Verhalten seinen besonderen Charakter gibt (S. 427).

Zugleich zeigt sich aber hier, welche Bedeutung die strenge Verhaltensregelung für die Oberschicht hat: Sie ist ein Prestigeinstrument und zugleich ein Herrschaftsmittel.

Es ist nicht wenig bezeichnend für den Aufbau der abendländischen Gesellschaft, dass die Parole ihrer Kolonisationsbewegungen 'Zivilisation' heißt. Für Menschen einer Gesellschaft mit starker Funktionsteilung genügt es nicht zu herrschen, manfrau braucht nicht nur den Boden sondern manfrau braucht auch die Menschen; manfrau wünscht die Einbeziehung der anderen Völker in das arbeitsteilige Geflecht des eigenen, des Oberschichtlandes, sei es als Arbeitskräfte, sei es als Verbraucher; das aber zwingt zu einer gewissen Hebung des Lebensstandardes, wie zu einer Züchtung von Selbstzwang- oder Über-Ich-Apparaturen bei den Unterlegenen nach dem Muster der abendländischen Menschen selbst (S. 427).
Es erfordert wirklich eine Zivilisation der unterworfenen Völker.

So wie es im Abendland ab einem bestimmten Stand der Interdependenz nicht mehr möglich war, Menschen alleine durch Waffen und körperliche Bedrohung zu beherrschen, so wurde es nötig, die Menschen durch die Modellierung ihres Über-Ich zu beherrschen.

Damit stellten sich bei einem Teil der Unterworfenen alle jene Erscheinungen ein, die für eine solche erste Aufstiegsphase charakteristisch sind:
• Individueller Aufstieg,
• Assimilation der Aufsteigenden an die Affektregelung und die Gebotstafeln der Oberschicht,
• teilweise Identifizierung,
• Ausbildung oder Umbildung der Über-Ich-Apparatur nach dem Schema,
• mehr oder weniger geglückte Amalgamierung der vorhandenen Gewohnheiten und Selbstzwänge (S. 428).


Wiederholung:
Beispiel: Um solche Erscheinungen zu beobachten, braucht manfrau nicht in die Weite zu gehen. Eine ganz analoge Phase findet sich in der Aufstiegsbewegung des abendländischen Bürgertums selbst: der höfischen Phase. (Erste Phase= Kolonisation nach unten, Anpassung nach oben).

Hier war es zunächst das höchste Streben vieler einzelner Individuen aus bürgerlichen Spitzenschichten sich zu verhalten und zu leben wie ein Adliger.

Sie erkannten innerlich die Überlegenheit des höfisch-aristokratischen Verhaltens an. Die Unterhaltung des Bürgers im höfischen Kreis über das richtige Sprechen ist ein Beispiel dafür.

Diese höfische Phase des Bürgertums ist markiert durch die bekannte Gewohnheit der Sprechenden und Schreibenden, nach jedem dritten oder vierten deutschen Wort ein französisches einzufügen, wenn sie es nicht überhaupt vorzogen in der französischen Sprache, der höfischen Sprache Europas zu sprechen.

Darüber hat manfrau sich oft lustig gemacht. Wenn aber die gesellschaftliche Stärke des Bürgertums wächst, verliert sich der Spott. (Nun, die zweite Phase = Phase des Abstoßens, der Differenzierung und Emanzipation).
Es treten jene Erscheinungen in den Vordergrund die der zweiten Aufstiegsphase ihren Charakter geben. Bürgerliche Gruppen kehren immer stärker und betonter ein eigenes, spezifisch bürgerliches Selbstbewusstsein hervor; sie setzen immer entschiedener und bewusster eigene Gebots- und Verbotstafeln den höfisch-aristokratischen entgegen.

Sie stellen die Arbeit gegen den aristokratischen Müßiggang, die Natur gegen die Etikette, die Pflege des Wissens gegen die Pflege der Umgangsformen, ganz zu schweigen hier von den besonderen bürgerlichen Forderungen nach einer Kontrolle der zentralen Schlüsselmonopole (Steuer- und Heeresverwaltung).
Sie stellen vor allem die "Tugend" gegen die höfische "Frivolität": Die Regelung der Geschlechterbeziehung, der Zaun, mit dem die sexuelle Sphäre des Triebhaushaltes eingehegt wird ist stets weit stärker als bei der höfisch-aristokratischen Oberschicht und stärker als bei großbürgerlichen Gruppen (S. 429).

Die Länder des Abendlandes-
Was ist gleich, was ist verschieden?

Die große Linie dieser Zivilisationsbewegung ist in allen Ländern des Abendlandes die gleiche und gleich ist auch die Aufbaugesetzlichkeit, die ihr zugrunde liegt. Gleich ist der Ablauf der freien Monopolkämpfe. Siehe obige Gegenüberstellung Bürger-Adel. Alles das tritt auf dieser Stufe im Kampf des Bürgertums gegen die Adelsprivilegien, zunächst in dem 'Öffentlichwerden, in der Verbürgerlichung oder Verstaatlichung der ehemals im Interesse noch kleinerer Kreise verwalteten Steuer- und Gewaltmonopole sehr deutlich zutage. Aber verschieden ist auch das Gepräge des Verhaltens, das Schema der Affektregulierung, der Aufbau des Triebhaushaltes und des 'Über-Ich', die sich in den einzelnen Nationen schließlich durchsetzen (S. 430).


Verschieden sind die Wege die dazu führen.
Anders zB. in England, wo die höfisch-absolutistische Phase verhältnismäßig kurz war, wo frühzeitig Bündnisse und Kontakte zwischen städtisch-bürgerlichen Kreisen und Landadelsschichten zustande kamen, wo sich die Amalgamisierung von Verhaltensformen der Oberschichten und der aufsteigenden Mittelschichten ganz allmählich in vielen Schüben und Gegenschüben vollzog.

Anders in Deutschland, mit der fehlenden Zentralisierung und deren Folge, dem dreißigjährigen Krieg, weit länger als seine Nachbarn ein relativ armes Land, mit einer langen Phase des Absolutismus mit vielen Höfen, mit einer späten kolonialen Expansion.

Die innere Spannung, der Abschluss des Adels gegen das Bürgertum war hier stark und nachhaltig.
Die städtisch-bürgerlichen Schichten waren hier im Mittelalter eine Zeitlang politisch und wirtschaftlich mächtiger, selbständig und selbstbewusster als in irgendeinem anderen Land Europas.
Besonders fühlbar daher der Schock ihres politischen und wirtschaftlichen Niedergangs. Dann waren ihre Träger besonders arm und politisch ohnmächtig. Erst sehr spät kam es zu einer Durchdringung von Bürger- und Adelskreisen.

In dieser ganzen Zeit waren in Deutschland die Schlüsselstellungen des Steuermonopols ebenso wie die Polizei- und Heeresverwaltung Monopole des Adels. So prägte sich im Bürgertum die Gewöhnung an eine starke, äußere Staatsautorität tief ein (S. 431).

In England hingegen spielte das Landheer als Prägeinstrument seiner Bewohner nicht irgendeine größere Rolle.

In Preußen-Deutschland spielte das vom Adel geleitete Landheer, wie auch die Polizeigewalt eine große Rolle und war für das Gepräge seiner Bewohner von größter Bedeutung.

In Deutschland werden die einzelnen von klein an auf in höherem Maße an eine Unterordnung unter andere, an den Befehl von außen gewöhnt.
Die Verwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwängen war geringer.
In Deutschland fehlte lange Zeit die Funktion des Zentrums für ein weit ausgesponnenes Interdependenzgeflecht, die Funktion der Oberschicht eines Kolonialreiches.
So blieb die Triebregulierung des Einzelnen hier in besonders hohem Maße auf das Vorhandensein einer starken, äußeren Staatsgewalt abgestimmt.
Es bildete sich ein Über-Ich heraus, das darauf abgestellt war, die spezifische Langsicht, die die Herrschaft und Organisation der ganzen Gesellschaft erforderte, einem abgesonderten und sozial höher rangierenden Kreise zu überlassen.
Das führte zu einer spezifischen Form des bürgerlichen Selbstbewusstseins, zu einer Abwendung von allem, was mit der Verwaltung der Herrschaftsmonopole zu tun hat, und zu einer Vertiefung nach innen, einer besonderen Hochstellung des Geistigen und Kulturellen in der Tafel der Werte.

Anders wiederum in Frankreich: Hier kam es stetiger zur Bildung von höfischen Kreisen, erst courteoisen, dann immer größeren Höfen, schließlich zur Bildung eines großen Königshofes.
Hier kam es frühzeitig zu einer zentral gelenkten, wirtschaftlichen Schutzpolitik, die dem Interesse des Monopolherrn selbst, aber zugleich auch der Entfaltung des Handels diente und zur Entwicklung von begüterten Bürgerschichten führte.
Relativ früh, stellten sich bereits Kontakte zwischen aufsteigenden Bürgern und der immer Geld bedürftigen, höfischen Aristokratie her. Zum Unterschied von den vielen, kleinen und meist wenig begüterten absolutistischen Herrschaften Deutschlands, förderte das zentralisierte und reiche, absolutistische Regime Frankreichs sowohl die allseitige Umformung der Fremdzwänge in Selbstzwänge, wie die Amalgamierung von höfisch-aristokratischen und von bürgerlichen Verhaltensformen.
Die Nivellierung vollendete die Angleichung der gesellschaftlichen Standarde, der Adel verlor seine erblichen Vorrechte und seine Stellung als gesonderte Oberschicht.

-o-o-o-

20070712

Psychologisierung Rationalisierung Transformation tz-05

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 5

Die Dämpfung der Triebe.


Am großen absolutistischen Hof bildet sich zum ersten mal eine Art von Gesellschaft mit Aufbaueigentümlichkeiten, die durch alle Verwandlungen hindurch immer von neuem eine entscheidende Rolle spielen. Es bildet sich eine "gute Gesellschaft".
Die Anwendung körperlicher Gewalt tritt zurück doch übt nun der Mensch in mannigfachen anderen Formen Zwang und Gewalt aus. Das Leben in diesem Kreis ist kein friedliches Leben. Der Druck der Konkurrenz um Prestige und die Gunst des Königs ist stark. Die "Affairen", die Rang und Gunststreitigkeiten brechen nicht ab. An die Stelle körperlicher Gewalt treten Intrigen und Kämpfe mit Worten um Karriere und sozialen Erfolg. Sie verlangen und züchten andere Eigenschaften, als die Kämpfe die mit der Waffe ausgefochten werden können: Überlegung, Berechnung auf längere Sicht, Selbstbeherrschung, genaueste Regelung der eigenen Affekte, Kenntnis der Menschen und des gesamten Terrains werden zu unerlässlichen Voraussetzungen jedes sozialen Erfolges (S. 370).

Der Einzelne gehört nun zu einer 'Clique', zu einem ihn unterstützenden Verkehrskreis. Er geht Bündnisse ein mit Personen die möglichst hoch im höfischen Kurs rangieren. Aber der Kurs der Personen wechselt, sie haben Konkurrenten, offene und versteckte Feinde; und die Taktik der Kämpfe bedarf einer genauen Überlegung; jeder Gruß, jedes Gespräch hat eine Bedeutung über das unmittelbar Gesagte oder Getane hinaus; sie zeigen den Kurswert der Menschen an; und sie tragen zur Bildung der höfischen Meinung über diesen Wert bei: Der Hof ist eine Art Börse; wie in jeder guten 'Gesellschaft' bildet sich beständig im Austausch der Menschen eine 'Meinung' über den Wert jedes Einzelnen; dieser Wert hat seine reale Grundlage nicht in dem Geldvermögen und nicht in den Leistungen sondern in der Gunst, die er beim König genießt, in dem Einfluss den er bei anderen Mächtigen hat.

Das Spiel um Gunst, Einfluss und Bedeutung ist ein Spiel bei dem unmittelbare körperliche Gewaltanwendung verboten und existenzgefährdend sind aber vielmehr eine beständige Langsicht und eine genaue Kenntnis jedes Anderen, seiner Stellung, seines Kurswertes im Geflecht der höfischen Meinungen erfordert. Es erfordert weiters eine genaue Differenzierung des eigenen Verhaltens entsprechend diesem Verflechtungswert (S. 371).

Die Verwandlung des Adels in Richtung des 'zivilisierten' Verhaltens ist unverkennbar. Sie ist hier noch nicht so tief greifend und umfassend, wie später in der bürgerlichen Gesellschaft; denn der Hofmann tut sich den Zwang nur gegenüber Standesgenossen an, und nur in erheblich geringerem Maß gegenüber sozial Niedrigerstehenden.

Das Schema der Trieb- und Affektregulierung in der höfischen Gesellschaft ist ein anderes als in der bürgerlichen, auch das Wissen darum, dass es sich um eine Regulierung aus gesellschaftlichen Gründen handelt, ist noch wacher (Anm: noch nicht so unbewusst wie in der bürgerlichen).

Die Selbstzwänge sind beim Adel noch nicht eine vollständig automatisch arbeitende Selbstzwangapparatur. Aber der Mensch differenziert sich stärker, er verleugnet sein Herz, er handelt gegen sein Gefühl. Die augenblickliche Lust wird in Voraussicht der Unlust zurückgehalten.

Das ist der gleiche Mechanismus, mit dem nun durch Erwachsene in den Kindern von klein auf ein stabileres 'Über-Ich' gezüchtet wird. Die momentane Trieb- und Affektregung wird gewissermaßen durch die Angst vor der kommenden Unlust überdeckt und bewältigt, bis diese Angst sich schließlich gewohnheitsmäßig den verbotenen Verhaltensweisen und Neigungen entgegen stemmt, selbst wenn gar keine andere Person mehr unmittelbar gegenwärtig ist, die sie erzeugt. Die Energien solcher Neigungen werden in eine ungefährliche, durch keine Unlust bedrohte Richtung gelenkt (S. 372).

Dem Umbau der Gesellschaft entsprechend, baut sich auch der Affekthaushalt des Einzelnen um. Und wie sich Verhalten und Seelenhaushalt des Einzelnen verändern, ändert sich in entsprechender Weise auch die Art, in der ein Mensch den anderen betrachtet; das Bild, das der Mensch vom Menschen hat, wird reicher an Schattierungen, es wird freier von momentanen Emotionen, es 'psychologisiert' sich. Berechnung greift in Berechnung.

Früher, bei den Kriegern griff Affekt in Affekt. Jemand ist gut oder böse, Freund oder Feind. Je nachdem wie manfrau einen Anderen gemäß dieser Schwarzweißzeichnung der Affekte sieht, so verhält manfrau sich. Alles scheint auf den empfindenden Menschen bezogen.

Eine Langsicht auf Natur und Menschen gewinnen die Menschen erst in dem Grade, in dem die fortschreitende Funktionsteilung und die alltägliche Verflechtung in längere Menschenketten den Einzelnen an eine solche Langsicht und eine größere Zurückhaltung der Affekte gewöhnen.
Dann erst lichtet sich der Schleier, den die Leidenschaften vor das Auge legen, ohne dass etwas unmittelbar feindlich oder freundlich für ihn gemeint zu sein braucht. Es kommt zu einer leidenschaftsloseren Beobachtung über lange Strecken hin.

Wie das Gesamtverhalten, so wird auch die Beobachtung der Dinge und Menschen im Zuge der Zivilisation affektneutraler. Das Weltbild wird weniger unmittelbar durch menschliche Wünsche und Ängste bestimmt, und es orientiert sich stärker an 'Erfahrung' oder 'Empirie', an Verflechtungsreihen, die ihre eigene Gesetzmäßigkeit haben.

Besonders im näheren und weiteren Zirkel des Hofes entwickelt sich das, was wir heute wohl eine 'psychologische' Betrachtung des Menschen nennen würden, eine genauere Beobachtung des Anderen und seiner selbst über größere Motivationsreihen und Zusammenhangsketten.
Warum?
Weil hier die Überwachung seiner selbst und die beständige, sorgfältige Beobachtung Anderer zu den elementaren Voraussetzungen für die Wahrung der gesellschaftlichen Position gehört. Das ist eines der Beispiele dafür, was wir die 'Orientierung an der Erfahrung' nennen, die Beobachtung über längere Verflechtungen hin (S. 374).

Diese höfische Kunst der Menschenbeobachtung ist, zum Unterschied von dem was wir heute gewöhnlich 'Psychologie' nennen -, niemals darauf abgestellt, den einzelnen Menschen für sich allein zu betrachten, der Zugriff ist hier um so wirklichkeitsnaher, als der Einzelne immer in seiner gesellschaftlichen Verflochtenheit ins Auge gefasst wird, als ein Mensch in seinen Beziehungen zu anderen, als Einzelner in einer gesellschaftlichen Situation (S. 375).

Diese 'Psychologisierung' der Verhaltensvorschriften (genauer: ihre stärkere Durchtränkung mit Beobachtungen und Erfahrungen) ist ein Ausdruck für die rascher fortschreitende Verhöflichung der Oberschicht und für die engere Verflechtung aller Teile der Gesellschaft. Die Menschenbeobachtung, die das Leben im höfischen Kreise erfordert, findet ihren literarischen Ausdruck in einer Kunst der Menschenschilderung.

Das stärkere Verlangen nach Büchern innerhalb einer Gesellschaft ist an sich bereits ein sicheres Zeichen für einen starken Zivilisationsschub; denn die Triebverwaltung und -regulierung, die es erfordert Bücher zu schreiben ist in jedem Fall beträchtlich. Das Buch spielt aber in der höfischen Gesellschaft noch nicht die gleiche Rolle, wie in der bürgerlichen.

Der gesellige Verkehr, der Markt der Prestigewerte, bildet hier für jeden Einzelnen den Mittelpunkt seines Lebens. Auch die Bücher sind für das gesellschaftlich - gesellige Beisammensein bestimmt; sie sind Teile und Fortsetzungen der Gespräche und geselligen Spiele. Die Kunst der Menschenschilderung gibt einen guten Eindruck von der differenzierten Menschenbeobachtung, zu der das höfische Leben selbst erzieht.

Wie in vielen anderen Beziehungen, entwickelt in Frankreich die bürgerliche Gesellschaft das höfische Erbe besonders kontinuierlich fort.

Menschenschilderer: Saint-Simon, Proust, Balzac, Flaubert, Maupassant.
Klarheit der Menschenbeobachtung, Vermögen Menschen im Ganzen ihrer gesellschaftlichen Verflechtungen zu sehen und aus ihren wechselseitigen Verflechtungen verständlich zu machen.
Die Einzelgestalt wird hier nie aus dem Gewebe ihrer gesellschaftlichen Existenz heraus gelöst. Sie bewahrt in ihrer Schilderung die Atmosphäre und die Plastizität des wirklich Erlebten (S. 377).

Ähnlich, wie mit dieser 'Psychologisierung' verhält es sich mit der 'Rationalisierung', die langsam vom 16. Jahrhundert an spürbar wird. Sie ist nicht ein Faktum, das für sich steht; auch sie ist nur ein Ausdruck für die Veränderung des ganzen Seelenhaushalts, die in dieser Zeit stärker hervortritt, und für die wachsende Langsicht, die von nun ab ein immer größerer Teil der gesellschaftlichen Funktionen züchtet und erfordert.

Exkurs:
Zum Verständnis des geschichtlich-gesellschaftlichen Werdens bedarf es einer Auflockerung der Denkgewohnheiten, mit denen wir groß geworden sind. Es handelt sich bei dieser oft beobachteten geschichtlichen Rationalisierung nicht darum, dass im Lauf der Geschichte, viele einzelne Menschen gleichsam auf Grund einer Art von prästabilisierter Harmonie, von 'innen' her ein neues Organ oder eine neue Substanz entwickeln, einen 'Verstand' oder eine 'Ratio', die bisher noch nicht da war. Es ändert sich die Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind; deshalb ändert sich ihr Verhalten; deshalb ändert sich ihr Bewusstsein und ihr Triebhaushalt als Ganzes. Die 'Umstände', die sich ändern, sind nichts, was gleichsam von 'außen' an den Menschen herankommt; die 'Umstände', die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst (S. 377).

'Ratio', 'Verstand' oder 'Vernunft' existieren nicht wie die Wortbildung es nahe legt in der gleichen Weise in der etwa Herz und Magen existieren. Sie sind nicht unberührt vom geschichtlich-gesellschaftlichen Wandel. Sie sind Ausdrücke für eine bestimmte Modellierung des ganzen Seelenhaushaltes; es sind Aspekte einer Modellierung, die sich sehr allmählich in vielen Schüben und Gegenschüben vollzieht, und die um so stärker hervortritt, je bündiger und totaler durch den Aufbau der menschlichen Abhängigkeiten spontane Trieb- und Affektentladungen des Individuums mit Unlust, mit Absinken und Unterlegenheit im Verhältnis zu Anderen, oder sogar mit dem Ruin der sozialen Existenz bedroht werden; es sind Aspekte jener Modellierung,mit der sich im psychischen Haushalt schärfer und schärfer Triebzentrum und Ich-zentrum voneinander differenzieren, bis sich schließlich eine umfassende, stabile und höchst differenzierte Selbstzwangapparatur herausbildet. Es gibt nicht eigentlich eine 'Ratio', es gibt bestenfalls eine 'Rationalisierung' (S. 378).


Unsere Denkgewohnheiten machen uns leicht geneigt nach 'Anfängen' zu suchen; aber da ist nirgends ein 'Punkt' in der Entwicklung der Menschen, von dem manfrau sagen könnte: Bisher war noch keine 'Ratio' da und nun ist sie 'entstanden'; bisher gab es noch kein 'Über-Ich' und nun ist es plötzlich da. Es gibt keinen Nullpunkt aller dieser Erscheinungen.

Die Selbstzwangapparatur, der Bewusstseins- und Affekthaushalt 'zivilisierter' Menschen, sie unterscheiden sich als Ganzes in ihrem Aufbau klar und deutlich von denen der so genannten 'Primitiven', aber beides sind in ihrer Struktur klar durchschaubare Modellierungen annähernd gleicher naturaler Funktionen.

Die herkömmlichen Denkmodelle stellen uns immer wieder vor statische Alternativen; es sind gewissermaßen eleatische Modelle, an denen sie geschult sind: Man kann sich nur viele, einzelne Punkte, einzelne sprunghafte Veränderungen vorstellen oder überhaupt keine Veränderung.

Was sich im Verlauf, den wir Geschichte nennen, verändert, sind die wechselseitigen Beziehungen der Menschen und die Modellierung, die der Einzelne innerhalb ihrer erfährt.

Wenn der Blick für diese fundamentale Geschichtlichkeit der Menschen frei wird, eröffnet sich ihm zugleich die Gesetzmäßigkeit, die Aufbaueigentümlichkeit des menschlichen Daseins, die sich gleich bleibt. Jede menschliche Einzelerscheinung ist nur verständlich, wenn manfrau sie im Ganzen dieser steten Bewegung sieht; die Einzelheit ist nicht heraus lösbar; sie bildet sich innerhalb dieses Bewegungszusammenhanges. Als Teil einer bestimmten Stufe oder Welle will sie erfasst sein.

So fehlt es nirgends unter Menschen an gesellschaftlichen Triebregulierungen und -restriktionen oder an einer gewissen Voraussicht. Diese wird umso stärker und umfassender, je größer die Funktionsteilung und damit die Anzahl der Menschen wird, auf die die Handlung eines Einzelnen abgestimmt sein muss.

Und die Art des 'Verstandes' oder des 'Denkens', die dem Einzelnen zur Gewohnheit gemacht wird, ist dementsprechend wie die gesellschaftliche Lage, wie die Stellung im Menschengeflecht, in der er auf- und in die er hinein wächst, ähnlich der Funktion seiner Modelleure (S. 380).

Alle unterschiedlichen Modellierungen sind gerade deswegen verstehbar, weil ihnen die gleiche, menschlich-gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt.
Die individuellen Differenzen innerhalb all dieser Gruppen (Deutsche, Franzosen etc.), etwa die Unterschiede der 'Intelligenz', sind nichts als Differenzierungen im Rahmen von ganz bestimmten, geschichtlichen Modellierungsformen, Differenzierungen, zu denen die Gesellschaft, je nach seinem Aufbau einen mehr oder weniger großen Spielraum gibt.

Das Phänomen der stark individualisierten 'schöpferischen Intelligenz'.(Anm: bzw. Kreativität)
(Frage:) Was sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür?
Das Wagnis des unautoritären, individuell selbstständigen Denkens, die Haltung, durch die sich jemand als ein Wesen von 'schöpferischer Intelligenz' beweist, hat nicht nur ein sehr eigentümliches, individuelles Triebschicksal zur Voraussetzung. Dieses Wagnis ist überhaupt nur möglich bei einem ganz bestimmten Aufbau der Machtapparatur; es hat eine ganz spezifische Gesellschaftsstruktur zur Voraussetzung; und es hängt ferner davon ab, dass dem Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft von solcher Struktur diejenige Schulung und diejenigen nicht sehr zahlreichen, gesellschaftlichen Funktionen zugänglich sind, die allein zur Entfaltung dieser individuell selbständigeren Lang- und Tiefsicht befähigen (S. 381).

Ein Wandel im Aufbau der gesellschaftlichen Funktionen erzwingt einen Wandel des Verhaltens.

Die höfische Rationalität (zumeist verkannt) hatte keine geringere, sondern zuerst größere Bedeutung für die 'Aufklärung' (die Entwicklung dessen, was wir 'Aufklärung' nennen), als etwa die städtisch-kaufmännische Rationalität.

Der geschichtliche Prozess der Rationalisierung ist ein Musterbeispiel für eine Art von Vorgängen, die bisher von dem geordneten, wissenschaftlichen Denken kaum oder nur in sehr vager Form erfasst worden sind.

Er gehört in den Bereich einer noch nicht existierenden Wissenschaft, einer historischen Psychologie. Heute wird zwischen der Form der wissenschaftlichen Forschung und der Arbeit des Historikers ein entschiedener Trennstrich gezogen.
Nur die gegenwärtig lebenden Menschen, scheinen einer psychologischen Untersuchung bedürftig und zugänglich. Gerade weil der Psychologe schlechterdings ungeschichtlich denkt, weil er an die psychischen Strukturen der heutigen Menschen herangeht, als ob sie etwas Ungewordenes und Unveränderliches wäre, kann der Historiker mit seinen Forschungsresultaten im allgemeinen wenig anfangen. Und weil der um Fakten bemühte Historiker, psychologischen Problemen nach Möglichkeit zu entgehen sucht, hat er seinerseits dem Psychologen wenig zu sagen (S. 385).

Nicht viel besser steht es mit der Gesellschaftswissenschaft. Soweit sie sich überhaupt mit geschichtlichen Problemen befasst, akzeptiert sie den Trennungsstrich den der Historiker zwischen psychischer Aktivität und deren verschiedenen Erscheinungsformen (Künste, Ideen..) zieht.

Dass es einer historischen Gesellschaftspsychologie, psychogenetischer und soziogenetischer Untersuchungen zugleich bedarf, um die Verbindungslinie zwischen allen diesen verschiedenen Äußerungen der Menschen und ihrem gesellschaftlichen Dasein zu ziehen bleibt unerkannt (S. 386).

Geschichte und Geist erscheinen als verschiedene Gebilde. Gesellschaft jenseits der Ideen und Ideen jenseits der Gesellschaft? Streit darum was was bewegt (Idealismus-Materialismus).

Der Zivilisationsprozess und innerhalb seiner auch die Erscheinungen, wie die allmähliche Psychologisierung und Rationalisierung, sie fügen sich nicht in dieses Schema (Was bewegt was?). Es hat ganz gewiss keinen Sinn, sich zu fragen, ob der allmähliche Übergang von weniger rationalen zu rationaleren Denk- und Verhaltensweisen die Gesellschaft verändere; denn dieser Rationalisierungsprozess ebenso, wie der umfassendere Zivilisationsprozess, ist selbst eine psychische und eine gesellschaftliche Erscheinung zugleich.

Aber es hat ebenso wenig einen Sinn, den Zivilisationsprozess etwa als einen 'Überbau' oder als eine 'Ideologie', nämlich allein aus seiner Funktion als Waffe im Kampfe einzelner sozialer Gruppen und Interessen gegen andere zu erklären (S. 386).

Die allmähliche Rationalisierung und die gesamte zivilisatorische Transformation vollzieht sich ständig im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen verschiedener Schichten und Verbände.

Das abendländische Beziehungsgeflecht ist nicht eine ursprünglich harmonistische Ganzheit, in die nur zufällig, durch bösen Willen oder Unverstand einzelner Menschen Konflikte hinein getragen werden.

Spannungen und Kämpfe bilden ein integrales Element seiner Struktur.
Zivilisationsschübe vollziehen sich auf Grund von mächtigen Verflechtungsmechanismen, deren Gesamtrichtung zu ändern nicht in der Hand einzelner Gruppen liegt.

Sie entziehen sich einer bewussten oder halb- bewussten Manipulierung, einer überlegten Verarbeitung zu Waffen in den sozialen Kämpfen, in ganz anderem Maße als etwa die Denkgehalte.

Wie die Gestalt des ganzen, psychischen Habitus, so bilden sich auch die spezifischen Zivilisationsstrukturen zugleich als Produkt und als ein Hebel im Getriebe jener umfassenden Gesellschaftsprozesse heraus, innerhalb deren sich auch einzelnen Schichten und Interessen von wechselnder Gestalt selbst bilden und umbilden.

Die zivilisatorische Transformation und mit ihr auch die Rationalisierung ist nicht ein Vorgang einer Sondersphäre der 'Ideen' oder 'Gedanken'. Hier hat manfrau es nicht mehr allein mit Transformationen des 'Wissens', mit Wandlungen von 'Ideologien', kurz mit Veränderungen der Bewusstseinsgehalte zu tun, sondern mit den Veränderungen des gesamten menschlichen Habitus, innerhalb dessen die Bewusstseinsgehalte und erst recht die Denkgewohnheiten nur eine recht partiale Erscheinung, nur einen einzelnen Sektor bilden.

Hier handelt es sich um Gestaltwandlungen des ganzen Seelenhaushalts durch all seine Zonen von der bewussteren Ichsteuerung bis zu völlig unbewussten Triebsteuerung hin.
Zur Erfassung von Wandlungen dieser Art reicht das Denkschema von 'Überbau' und 'Ideologien' nicht mehr aus (S. 388). (Anm.: Anspielung auf Marx und Mannheim).

Die geistesgeschichtliche oder auch die wissenssoziologische Forschung sucht den Menschen vor allem von der Seite des Wissens und Denkens her anzugreifen. Gedanken und Ideen scheinen im Lichte solcher Forschungen als am wichtigsten. Und die unbewussteren Antriebe, das gesamte Feld der Trieb- und Affektstrukturen bleibt für sie mehr oder weniger im Dunkel.

Wer sich aber nur auf Ratio und Ideen konzentriert und den Aufbau der Triebe und die Richtung der Affekte nicht in Betracht zieht ist in der Fruchtbarkeit begrenzt.

Die Rationalisierung der Bewusstseinsgehalte selbst und die gesamten Strukturwandlungen der Ich- und Überichfunktionen, all diese Erscheinungen sind nur sehr unvollkommen angreifbar, solange sich die Untersuchung an Bewusstseinsgehalte, an Ich und Überichstrukturen allein zu halten sucht und dem korrespondierenden Wandel der Trieb- und Affektstrukturen keine Beachtung schenkt.
Wirklich verstehen lässt sich auch die Geschichte der Ideen und Denkformen nur dann, wenn manfrau, mit dem Wandel der zwischenmenschlichen Beziehungen, zugleich den Aufbau des Verhaltens, das Gefüge des Seelenhaushalts als Ganzes ins Auge fasst (S. 389).

Eine umgekehrte Akzentuierung findet manfrau heute oft in der psycho- analytischen Forschung. Sie neigt dazu etwas 'Unbewusstes', ein geschichtslos gedachtes 'Es' aus dem Seelengefüge als das Wichtigste heraus zugreifen.

Manfrau unterscheidet nicht zwischen dem rohen naturalen Triebmaterial und den soziogenen Triebrichtungen, die sich von den korrespondierenden Ich- und Überichstrukturen nicht absondern lassen.

Maßgebend für einen Menschen, ist weder allein ein 'Es', noch allein ein 'Ich' oder 'Überich', sondern immer und von Grund auf die Beziehung zwischen diesen, teils miteinander ringenden, teils mit einander kooperierenden Funktionsschichten der psychischen Selbststeuerung, wie die Gestalt seiner Ich- und Überichsteuerung, sie wandelt sich als Ganzes im Laufe des Zivilisationsprozesses entsprechend einer spezifischen Transformation der Beziehungen zwischen den Menschen, der gesellschaftlichen Beziehungen. Im Laufe dieses Prozesses wird, um es schlagwortartig zu sagen, das Bewusstsein weniger triebdurchlässig und die Triebe weniger bewusstseinsdurchlässig.

Mit dem soziogenetischen Grundsatz kann manfrau gleich gerichtete Prozesse heute bei jedem einzelnen Kind beobachten: Erst mit der Herausbildung von weniger triebdurchlässigen Bewusstseinsfunktionen erhalten die Triebautomatismen mehr und mehr jenen Charakter, den manfrau ihnen heute gewöhnlich als eine geschichtslose, eine rein 'naturale' Eigentümlichkeit zuschreibt, den Charakter des 'Unbewussten'. Und im Zuge der gleichen Transformation wandelt sich das Bewusstsein selbst in der Richtung einer zunehmenden 'Rationalisierung' (S. 391).

Manfrau kann die Gestalt und die Struktur niemals verstehen oder beobachten, wenn manfrau sie sich als etwas getrennt voneinander Bestehendes oder Funktionierendes vorstellt.
Beide sind gleich wesentlich; beide bilden einen Funktionszusammenhang. Man kann sie nur verstehen im Zusammenhang mit der Struktur der Beziehungen zwischen den Menschen und mit der Verflechtungsordnung, in der diese, die gesellschaftlichen Strukturen, sich wandeln.

Daher verlangt der Zivilisationsprozess eine Untersuchung zugleich des ganzen psychischen und des ganzen gesellschaftlichen Gestaltwandels.
Er verlangt, im engeren Radius, eine psychogenetische Untersuchung und im weiteren Radius eine soziogenetische Untersuchung (S. 392).

Zum Verständnis der gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse genügt ebenfalls niemals die Untersuchung einer einzelnen Funktionsschicht innerhalb eines sozialen Feldes. Diese Strukturen und Prozesse verlangen, um wirklich verständlich zu werden, eine Untersuchung der Beziehungen zwischen den verschiedenen Funktionsschichten. Es gilt also, wie bei jeder psychogenetischen Untersuchung, nicht allein die psychische Funktionsschicht des 'Unbewussten' oder allein die des 'Bewusstseins' zu betrachten, sondern den ganzen Kreislauf (das Ganze eines sozialen Feldes) der psychischen Funktionen ins Auge zu fassen.

Das zu tun ist nur möglich, weil das gesellschaftliche Gewebe und sein geschichtlicher Gestaltwandel nicht ein Chaos ist, sondern, auch in Phasen der größten, sozialen Unruhe und Unordnung, eine klare Ordnung und Struktur besitzt. Das Ganze eines sozialen Feldes untersuchen, heißt nicht, alle Einzelvorgänge innerhalb seiner untersuchen.
Es heißt zunächst einmal, die Grundstrukturen aufdecken, die allen Einzelvorgängen innerhalb dieses Feldes ihre Richtung und ihr spezifisches Gepräge geben. Es heißt z.B. etwa sich die Frage vorzulegen, worin sich die Spannungsachsen, die Funktionsketten und Institutionen einer Gesellschaft des 15. Jahrhunderts von denen des 16. u. 17. Jahrhunderts unterschieden, und warum sich jene in der Richtung auf diese hin wandelten.

Von einem bestimmten Stand der Materialkenntnis ab lässt sich mit einem Wort in dem unendlichen Haufen der einzelnen, geschichtlichen Fakten ein festeres Gerüst, ein Strukturzusammenhang erkennen (S. 393).

Jede soziogenetische Untersuchung müsse hin auf das Ganze eines sozialen Feldes ausgerichtet sein, so heißt das nicht: auf die Summe aller Einzelheiten, sondern auf das Ganze seiner Struktur (S. 393).

(Anm.: Elias kommt nun zum Kern dieser Sache, der Rationalisierung).

In diesem Sinne ist zu verstehen was oben über Rationalisierung gesagt wurde. Der allmähliche Übergang zu einem 'rationaleren' Verhalten und Denken, ebenso wie der zu einer stärkeren Selbstkontrolle, wird heute meist allein mit bürgerlichen Funktionen in Zusammenhang gebracht.

Manfrau findet in den Köpfen der Mitlebenden oft die Vorstellung verfestigt, das Bürgertum sei der 'Urheber' oder der 'Erfinder' des rationaleren Denkens. So wenig die höfische Aristokratie oder das Bürgertum der Manufakturzeit selbst einen 'Urheber' in irgendeiner anderen sozialen Schicht hat, so wenig hat dieser Rationalisierungsschub einen solchen Urheber.

Was rationaler wird, das sind nicht nur einzelne Produkte des Menschen; das sind vor allem nicht nur die in Büchern niedergelegten Gedankensysteme.

Was sich rationalisiert, das sind zunächst einmal und in erster Linie die Verhaltensweisen bestimmter Menschengruppen. 'Rationalisierung' (z.B. Verhöflichung der Krieger) ist nichts anderes als ein Ausdruck für die Richtung, in der sich das Gepräge der Menschen in bestimmten, gesellschaftlichen Formationen selbst während dieser Periode ändert.

Wandlungen dieser Art aber haben nicht in der einen oder der anderen Schicht ihren 'Ursprung', sondern sie entstehen im Zusammenhang mit den Spannungen zwischen verschiedenen Funktionsgruppen eines sozialen Feldes und zwischen den konkurrierenden Menschen innerhalb ihrer.
Unter dem Druck von Spannungen dieser Art, die das gesamte Gewebe der Gesellschaft durchziehen, ändert sich deren gesamte Struktur in der Richtung einer zunehmenden Zentralisierung einzelner Herrschaftsgebiete und einer reicheren Spezialisierung, einer strafferen Integrierung der einzelnen Menschen darin.
Und mit dieser Transformation des ganzen, sozialen Feldes wandelt sich der Aufbau der sozialen und psychischen Funktionen zugleich im Sinne einer Rationalisierung (S. 395).

Einzelne Phänomene:
Langsame Entmachtung des ersten Standes.
Pazifizierung des zweiten Standes.
Allmähliches Aufrücken des dritten Standes.

Diese lassen sich nicht unabhängig voneinander verstehen. Alles das sind Hebel in jenem umfassenden Prozess der zunehmenden Differenzierung und Verlängerung aller Aktionsketten. Mit dem allmählichen Wandel der gesellschaftlichen Funktionen (Adelsfunktionen, bürgerliche Funktionen ...) geht ein Wandel der psychischen Selbststeuerung in der Richtung einer größeren Langsicht und stärkerer Regelung der triebhaften Augenblicksimpulse (S. 395).

In herkömmlichen Darstellungen wird die Vorstellung genährt, dass die Rationalisierung des Bewusstseins ihre Ursache in dem Auftauchen einer Reihe von genialen und besonders klugen Individuen habe. Nach diesen Darstellungen brachten erleuchtete Individuen, auf Grund ihrer überragenden Intelligenz, den Menschen des Abendlandes bei, wie ihre angeborene Vernunft richtig zu gebrauchen sei.

Elias sieht es anders. Was die großen Denker des Abendlandes zum Ausdruck gaben war, dass sie anderen Menschen eine größere Klarheit über ihre Welt und sich selbst vermittelten. Sie wirkten so als Hebelarme mit ein. Sie waren, je nach ihrer Größe und ihrer persönlichen Lagerung, in höherem oder geringeren Umfang die Interpreten und Sprecher eines gesellschaftlichen Chores.

Aber sie waren NICHT die Urheber des Denktypus, der in ihrer Gesellschaft vorherrschte. Sie waren NICHT die Schöpfer dessen, was wir 'rationales Denken' nennen (S. 396).

Dieser Ausdruck selbst ist statisch und undifferenziert. In der 'Rationalisierung' zeigt sich nur eine Seite einer umfassenderen Wandlung des gesamten Seelenhaushalts. Sie geht Hand in Hand mit einer korrespondierenden Wandlung der Triebstrukturen.

Sie ist kurz gesagt, eine Zivilisationserscheinung unter anderen (S. 397, Band II).

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20070625

Ancien Regime Aufbau absolutistische Gesellschaft zt-67

Die weltliche Gesellschaft des französischen ancien régime besteht aus zwei Sektoren (ländlich-agrarischer und städtisch-bürgerlicher).

In beiden gibt es eine Unterschicht (Bauern und städtische Masse der Gesellen, Arbeiter).

In beiden gibt es eine Mittelschicht (Land-, Provinzadel und wohlhabende Kaufleute, Gerichts- und Verwaltungsbeamte).

In beiden gibt es eine Spitzenschicht (Höfischer Adel (noblesse d'épée) und die hohe Beamtenschaft (noblesse de robe).

Der König hält das Spannungsgleichgewicht mit Sorgfalt aufrecht. Er sichert die Privilegien und das gesellschaftliche Prestige des Adels gegenüber der wachsenden, ökonomischen Stärke bürgerlicher Gruppen.
Er verwendet einen Teil des Sozialprodukts zur Ausstattung der adligen Spitzenschicht (S. 310).

Nicht lange vor der Revolution tritt die Forderung nach Beseitigung der Adelsprivilegien in den Vordergrund. Darin ist ganz unmittelbar auch die Forderung nach einer anderen Handhabung des Steuermonopols und der Steuererträge enthalten.

Eine Beseitigung der Adelsprivilegien heißt auf der einen Seite: Abschaffung der Steuerfreiheit des Adels, also eine andere Verteilung der Steuerlasten; es heißt auf der anderen Seite: Abschaffung oder Verringerung der vielen Hofämter, Vernichtung des funktionslosen Adels und damit eine andere Verteilung der Steuererträge.

Somit eine Verteilung nicht mehr im Sinne des Königs, sondern mehr im Sinne des funktionsteiligen Ganzen der Gesellschaft oder zunächst wenigstens im Sinne des höheren Bürgertums selbst.

Die Beseitigung der Adelsprivilegien bedeutet auch die Vernichtung der bisherigen Position des Zentralherrn als Waagehalter zwischen den beiden Ständen in ihrer bestehenden Rangordnung.

Die Zentralherrn der folgenden Periode balancieren auf einem anderen Spannungsgeflecht (S. 311).

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Der Staat bin ich. Werdender Absolutismus zt-66

Es ist die Stärke der Antagonismen zwischen den verschiedenen Gruppen dieser Gesellschaft, die der Zentralfunktion ihre Stärke gibt. Die bürgerliche Oberschicht steht nicht nur in einem Spannungsverhältnis zu den weltlichen und geistlichen Feudalherren, sondern auch zu den unteren, städtischen Schichten.

Hier ist es vor allem die Uneinigkeit der städtischen Schichten selbst, die den Zentralherrn begünstigt. Nicht nur die soziale sondern auch die regionale Zerspaltenheit begünstigt die Zentralfunktion. So sind die Verflechtungen zwischen den Städten noch nicht eng genug.

Gegenüber dem gesammelten Widerstand aller Bevölkerungsteile müsste das Königtum unterliegen. Jeder einzelnen Schicht, jeder einzelnen Region gegenüber ist die Zentralfunktion der stärkere Teil (S. 296).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Jede Machtprobe dieser Art treibt die Verfügungsgewalt des Zentralherrn um ein weiteres Stück voran. Die Bildungsgeschichte der 'Chambre des Aides' ist voll von Erschütterungen bis schließlich eine festgefügte Institution des königlichen Herrschaftsapparates daraus wird. Die Machtproben in diesen Schwankungen geben auch ein Bild von der Soziogenese der Königsfunktion.

Es macht verständlich, wie wenig alle diese Funktionen und Gebilde aus langfristigen Plänen und als bewusste Schöpfungen Einzelner, wie sehr sie als Verflechtungserscheinungen im beständigen Ringen der gesellschaftlichen Kräfte, in tausend kleinen Schritten und Tastversuchen entstehen (S. 297).

Die einzelnen Könige selbst, sind in ihren Handlungen, in ihrer Entfaltung ihrer persönlichen Kräfte völlig abhängig von der Lage, in der sie die Königsfunktion vorfinden.

Karl VII. ist nicht persönlich stark, das Königtum wird in seiner Zeit stärker und stärker. Im Krieg haben sich die ganzen finanziellen und menschlichen Hilfsmittel in der Hand der Zentralgewalt gesammelt. Zentralisierung der Heerführung, monopolistische Verfügung über die Abgaben ist vorangekommen.

Der König hat ein Übergewicht im Inneren. Er lässt 1436 erklären, dass ihm die Stände die 'Aides' für unbegrenzte Zeit bewilligt habe. Er hat nicht einmal die Ständeversammlung einberufen. Diese Ausschaltung der Ständeversammlung ist einfach ein Ausdruck für die gesellschaftliche Stärke des Königs. Der König hält die Verständigung mit den Besteuerten für nicht notwendig. Es kommt zu Widerstandsversuchen.

Aber jede dieser Machtproben zeigt immer von neuem und immer entschiedener, wie zwingend in dieser Phase mit der fortschreitenden Differenzierung und Verflechtung der Gesellschaft auch die Stärke der Zentralfunktion wächst.

Immer wieder ist es die in der Hand der Zentrale konzentrierte Kriegsmacht, die die Verfügungsgewalt der Zentralfunktion über die Abgaben sichert und steigert, und es ist die konzentrierte Verfügung über die Steuern, die eine immer stärkere Monopolisierung der physischen Gewaltausübung, der Kriegsmacht, ermöglicht.

Schritt für Schritt schrauben sich beide Machtmittel hoch, bis sich schließlich an einem bestimmten Punkt die überlegene Stärke, die die Zentralfunktion in diesem Prozess gewinnt, vor den Augen der erstaunten und erbitterten Zeitgenossen unverhüllt zeigt. Das alles bricht als etwas Neues über die Menschen herein, sie wissen nicht wie und warum (S. 298, 299).

Es sind die Untertanen, die auf den öffentlichen Charakter der Funktion des Königs hinweisen. Ausdrücke, wie 'öffentliche Sache', 'Vaterland', 'Staat' werden zunächst meist in der Opposition zu den Fürsten und Königen gebraucht.
Die Könige verfügen über ihr Herrschaftsgebiet, wie über privates Besitztum. In diesem Sinn muss man das verstehen: "Der Staat bin ICH".

Das Erstaunen über die Entwicklungsrichtung beschränkt sich nicht auf die Franzosen. Elias zitiert venezianische Gesandtenberichte in denen auch ein gewisses Erstaunen zum Ausdruck kommt. Gerade in diesen Schilderungen stößt manfrau auf wichtige Struktureigentümlichkeiten, auf Schlüsselstellungen des Absolutismus und bis zu einem gewissen Grad, des Staates überhaupt:

Die Ausgaben haben das Primat vor den Einnahmen. Dem Einzelnen in der Gesellschaft wird es zur Gewohnheit und Notwendigkeit gemacht seine Ausgaben streng nach den Einnahmen zu richten.
Im Haushalt eines gesellschaftlichen Ganzen bilden die Ausgaben den festen Punkt; und von ihnen werden die Einnahmen abhängig gemacht, nämlich die Abgaben, die man auf Grund des Steuermonopols von den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft fordert.

Auch das ist ein Beispiel dafür, wie das Ganze, das sich aus der Verflechtung der Individuen ergibt, Aufbaueigentümlichkeiten besitzt und Gesetzlichkeiten unterliegt, die von denen des einzelnen Menschen verschieden und nicht vom Einzelnen her zu verstehen sind (S. 302).

Die einzige Grenze, die dem Geldbedarf einer solchen gesellschaftlichen Zentrale gesetzt ist, bildet die Steuerkapazität der Gesamtgesellschaft und die gesellschaftliche Stärke der einzelnen Gruppen im Verhältnis zu den verfügungsberechtigten Herren des Steuermonopols innerhalb ihrer.

Später (unter der Kontrolle bürgerlicher Schichten) trennt sich die Haushaltsführung der Gesamtgesellschaft mit aller Entschiedenheit von der Haushaltsführung der einzelnen Personen (die die zentralen Monopole als Funktionäre der Gesellschaft verwalten). Die Könige bzw. Zentralherren haben dann ihre festgelegten Bezüge und richten ihre Ausgaben nach den Einnahmen.

In der ersten Phase des vollendeten Monopols verhält es sich anders.
Königshaushalt und Gesellschaftshaushalt sind noch ungetrennt. Die Könige machen die Abgaben, die sie fordern, von den Ausgaben abhängig (Kriege, Schlösserbau, Geschenke an Günstlinge).

Die Schlüsselmonopole der Herrschaft haben hier in der Tat den Charakter von persönlichen Monopolen. Der venezianische Beobachter um 1500 sieht diese Neubildungen nicht ohne Neugierde.

"Abgesehen davon, dass der König mächtig durch seine Waffen ist, er hat auch durch den Gehorsam seines Volkes Geld... die Landbevölkerung, die den Hauptteil dieser Lasten trägt, sehr arm ist"(S. 304).

"...keines ist so geeint und gehorsam wie Frankreich ... die Ursache seines Ansehens: Einheitlichkeit und Gehorsam ... ihre Freiheit und ihren Willen vollkommen dem König übergeben ... das Ganze wird exekutiert und prompt getan, als ob sie das alle beschlossen hätten ... Belohnungen, nur für Lebenszeit zu geben ... gibt man nur für Lebenszeit, so belohnt man nur die, die es verdienen ... da es nichts als arme Fürsten gibt, so haben sie weder den Sinn noch die Möglichkeit etwas gegen den König zu versuchen ..." (S. 305, 306).

In diesen Berichten der venezianischen Gesandten bekommt manfrau einen Überblick über die entscheidenden Aufbaueigentümlichkeiten des werdenden Absolutismus:
Ein Feudalherr hat die Vormacht vor allen seinen Konkurrenten, die Oberherrschaft über alle Böden gewonnen.

Und diese Verfügung über die Böden kommerzialisiert sich oder monetarisiert sich mehr und mehr. Die Wandlung äußert sich einmal darin, dass der König ein Monopol der Abgabeneinziehung und -festsetzung über das ganze Land hin besitzt, so dass er über das bei weitem größte Einkommen des Landes verfügt. Aus dem Boden besitzenden und Boden vergebenden König wird mehr und mehr ein über Geld verfügender und Geldrenten vergebender König.

Eben damit vermag der König auch immer mehr den verhängnisvollen Zirkel der naturalwirtschaftlichen Herrscher zu durchbrechen. Er bezahlt die Dienste (militärische, höfische, verwaltende) nicht mehr durch Weggabe von Teilen seines Besitzes an Dienende (als deren erbliches Eigentum), sondern vergibt bestenfalls Böden und Geldrenten auf Lebenszeit weg und zieht sie dann wieder ein, so dass sich der Kronbesitz nicht verringert.

Der König belohnt nun hauptsächlich mit Geldgeschenken und Gehältern. (Die Eigenart des Geldes überhebt den König der Notwendigkeit mit Boden zu belohnen, sie überhebt ihn der Notwendigkeit durch ein lebenslängliches vererbliches Besitztum zu vergelten). (Das ist etwas erstaunlich Neues vor den Augen der Menschen damals, für uns heute ist das selbstverständlich).

Der König zentralisiert die Abgaben des ganzen Landes und verteilt sie wieder nach seinem Gutdünken und im Interesse seiner Herrschaft, so dass eine immer wachsende Anzahl von Menschen im ganzen Lande von der Gunst des Königs, von seinen Geldzahlungen der königlichen Finanzverwaltung abhängig sind.
Es sind die mehr oder weniger privaten Interessen der Könige und ihrer nächsten Diener, die zu einer Ausnutzung der gesellschaftlichen Chancen in dieser Richtung hin drängen; aber was sich in dem Interessenkampf der verschiedenen sozialen Funktionen herausbildet, ist jene Organisationsform der Gesellschaft, die wir 'Staat' nennen: Das Steuermonopol ist zusammen mit dem Monopol der physischen Gewalt das Rückgrad dieser Organisationsform.

Manfrau kann die Genese von 'Staaten' nicht verstehen, solange manfrau sich nicht Rechenschaft darüber gibt, wie sich eines dieser Zentralinstitute des 'Staates' im Zuge der Beziehungsdynamik, nämlich auf Grund einer ganz bestimmten Zwangsläufigkeit der Beziehungsstrukturen, der ineinander verflochtenen Interessen und Aktionen, Schritt für Schritt heranbildet (S. 307).

Erst die Monetarisierung der Gesellschaft macht stabile Zentralorgane möglich: Die Geldzahlung hält alle darauf Angewiesenen in dauernder Abhängigkeit von der Zentrale. Nun erst können die zentrifugalen Tendenzen gebrochen werden (S. 308).

Und aus diesem größeren Zusammenhang muss manfrau verstehen was dem Adel in dieser Zeit geschieht: Der König hat in der vorangehenden Zeit, als der Adel noch stärker war, seine Macht als Zentralherr zugunsten des Bürgertums eingesetzt; so ist aus seinem Herrschaftsapparat eine Bastion des Bürgertums geworden.

Nun im Zuge der Geldverflechtung und der militärischen Zentralisierung, wo die Krieger und der Adel immer mehr ins Sinken gerät, setzt der König sein Gewicht und die Chancen, die er zu verteilen hat wieder mehr zugunsten des Adels ein. Er schafft einem Teil des Adels die Möglichkeit, als eine gehobene Schicht über dem Bürgertum fortzubestehen. Nach den letzten Widerstandsversuchen (Religionskriege, Fronde) werden die Hofämter zu einem Privileg und zu einer Bastion des Adels.

Auf diese Weise schützen die Könige den Vorrang des Adels, verteilen Gunst und Geldchancen. Aber damit wird aus dem relativ freien Kriegeradel von ehemals ein Adel, der lebenslänglich in Abhängigkeit und im Dienst des Zentralherrn steht. Aus Rittern werden Höflinge (S. 309).

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20070624

Soziogenese des Steuermonopols, Entstehung von Steuern zt-65

Der rückblickende Betrachter kann sich kaum noch vergegenwärtigen, dass sich dieses absolutistische Königtum und dieser zentralisierte Herrschaftsapparat früher einmal ganz allmählich, als etwas Neues aus der mittelalterlichen Welt heraus hob. Der Versuch diesen Aspekt zurückzugewinnen gibt die Möglichkeit zu einem Verständnis für das, was da vor sich gegangen ist (S. 279).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Linie der Umbildung:

Der Landbesitz einer Kriegerfamilie, ihre Verfügungsgewalt über bestimmte Böden und ihr Anspruch auf Naturalabgaben oder Dienste verschiedener Art von den Menschen, die auf diesen Böden leben, verwandelt sich mit der fortschreitenden Funktionsteilung und im Laufe vieler Ausscheidungs- oder Konkurrenzkämpfe in eine zentralisierte Verfügung über die militärischen Machtmittel und über regelmäßige Geldabgaben oder Steuern eines weit größeren Gebietes (S. 279).

Niemand darf jetzt innerhalb dieses Gebietes Waffen und Befestigungswerke benutzen oder körperliche Gewalt in irgendeiner Art anwenden, ohne die Erlaubnis des Zentralherrn; das ist etwas sehr Neues in einer Gesellschaft, in der ursprünglich eine ganze Schicht von Menschen je nach ihren Einkünften und ihrem Belieben Waffen benutzen und körperliche Gewalt anwenden konnte.

Und jedermann, von dem es der Zentralherr verlangt, ist jetzt gehalten, regelmäßig einen bestimmten Teil seiner Geldeinahmen oder seines Geldbesitzes an den Zentralherrn abzuführen. Das ist erst recht etwas Neues, gemessen an dem, was ursprünglich in der mittelalterlichen Gesellschaft Brauch ist.

In der vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaft empfindet man das als etwas vollkommen Unerhörtes; man steht zu solchen Maßnahmen nicht sehr viel anders als zu Raubzügen oder zum Nehmen von Zins (S. 280). Zunächst waren wahrscheinlich kirchliche Institute wegen ihres großen Geldbesitzes von solchen Maßnahmen betroffen.

Immer wieder werden Zwangsabgaben verlangt. Die Geldabgaben, die die Könige verlangen, bedeuten in dieser relativ geldarmen Gesellschaft in der Tat etwas anderes als die Steuern in einer stärker kommerzialisierten Gesellschaft.

Niemand rechnete mit ihnen, der Marktverkehr und das ganze Preisniveau ist in keiner Weise auf sie eingestellt; sie kommen gewissermaßen aus heiterem Himmel als etwas Außergewöhnliches und Unerwartetes und führen dementsprechend zum Ruin einer ganzen Reihe von Existenzen (S. 281) und zu heftigen Erregungen.

Die allgemeine Vorstellung, auch der Könige selbst ist, dass die Territorialherren sich von ihrem Dominialbesitz erhalten müssen. Jeder Territorialherr verlangt bestimmte Abgaben, wenn sein Sohn zum Ritter geschlagen wird, seine Tochter heiratet, braucht Lösegeld bei Gefangenschaft.
Das sind die ursprünglichen feudalen Geldbeihilfen die 'aides féodales' und die Könige verlangen diese ebenfalls. Geldforderungen darüber hinaus haben keine Grundlage im Brauch; sie haben ein ähnliches Ansehen wie Raub und Erpressung (S. 282).

Im 12. u. 13. Jahrhundert beginnt sich langsam eine weitere Form der fürstlichen Geldbeschaffung einzubürgern. Die Städte wachsen. Die Bürger haben sich mit der Waffe ihre Stadtfreiheit erkämpft. Nun kommt der Brauch auf, auch die Stadtbewohner, die 'Bourgeois', zu Kriegsdiensten heranzuziehen.

Die Stadtbewohner ziehen es aber bald vor, dem Territorialherren statt der Kriegsdienste Geld anzubieten, damit er sich Krieger mieten kann. Sie kommerzialisieren die Kriegsdienste und Königen wie Feudalherren ist das nicht unwillkommen. So wird aus diesen städtischen Geldzahlungen zur Ablösung der Kriegsdienste ziemlich rasch ein fester Brauch oder eine Institution.

Dieser Brauch wird als eine weitere Form der feudalen Beihilfe verstanden. Diese gelegentlichen Geldabgaben zahlt niemand, der sich nicht mittelbar oder unmittelbar dazu gezwungen fühlt. Die Könige können und wollen nicht allzu starken Widerstand erregen, dazu ist die gesellschaftliche Stärke der Königsfunktion noch nicht groß genug. Auf der anderen Seite brauchen sie für Konkurrenzkämpfe, für ihre Funktion, ihre Selbstbehauptung immer wieder Geldbeträge, immer größere Geldbeträge, die sie sich nur durch solche 'Beihilfen' beschaffen können. Ihre Maßnahmen wechseln.

Manfrau spürt bei allem Hin und Her dass die gesellschaftliche Stärke des Königtums ständig im Wachsen ist, und mit diesem Wachstum bekommen die Geldabgaben allmählich einen anderen Charakter (S. 284).

1292 wird eine Abgabe von 1 Denier für jedes Pfund verkaufter Waren vom König verlangt, in den nächsten Jahren erhöht. Die Feudalherren sind höchst empört. Die Krieger fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. 1314 kommt es zu offenem Widerstand (der König brauchte Geld für einen Flandernfeldzug).

Die Adligen und Nichtadligen schlossen sich durch einen Eid zur Aufrechterhaltung ihrer Freiheiten und der des Vaterlandes zusammen. Die Erregung ist so groß, dass sich Städte und Feudalherren gegen den König verbinden.

Hier kann manfrau den Grad der Interessenverschiedenheit messen, die Stärke der Spannung die hier besteht. Die Einigkeit der Stände hält nicht lange, weil wechselseitiges Misstrauen.
Erschütterungen im Innern des Herrschaftsgebietes sind nicht ohne Gefahr für die Führung des Konkurrenzkampfes mit den äußeren Rivalen (S. 286).

Im Laufe des hundertjährigen Krieges wird der Krieg zu einer Dauererscheinung und mit ihm werden es die Geldabgaben, die der Zentralherr zu seiner Führung braucht.

Die Könige selbst haben nicht eigentlich die allgemeine Absicht 'ihre Steuermacht zu vergrößern', sie wollen von Fall zu Fall möglichst viel Geld aus ihrem Herrschaftsgebiet herausholen, es sind bestimmte Aufgaben, die sie drängen.

Kein einzelner Mensch hat die Steuern oder das Steuermonopol geschaffen; kein einzelner und auch keine Reihe von einzelnen durch die Jahrhunderte hat nach einem festgelegten Plan auf dieses Ziel hingearbeitet.

Die Steuern, wie jede andere Institution, ist ein Produkt der gesellschaftlichen Verflechtung. Sie entstehen aus dem Ringen der verschiedenen sozialen Gruppen und Interessen bis schließlich, mehr oder weniger spät, das Instrument, das sich da in einem ständigen Erproben der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse entwickelt hat, von den Interessierten immer bewusster und planmäßiger zu einer festgefügten Organisation oder Institution ausgebaut wird.

Auf diese Weise verwandeln sich die gelegentlichen Beihilfen an den Guts- oder Territorialherren (für einen bestimmten Kriegszug oder als Lösegeld, oder Ausstattung oder..) in regelmäßige Geldabgaben. Es gibt nun nach 1328 eine ganze Reihe von 'Experimenten' vorübergehende Beihilfen einzuziehen.

Dieser Zustrom von Geldern in die Kasse des Königs führt langsam aber sicher zu einer außerordentlichen Stärkung der Zentralfunktion. Jeder der Stände stemmt sich dagegen. Aber die Vielspältigkeit der Interessen schwächt diesen Widerstand.
Die Bedrohung von außen macht diese noch wenig interdependente, wenig einheitliche Gesellschaft auf den König, als obersten Koordinator und auf seinen Herrschaftsapparat angewiesen. Jahr für Jahr immer wieder neue 'außerordentliche Beihilfen' für den Krieg, der nicht endet (S. 289).

Nun vollzieht sich schon eine gewisse Anpassung des Marktverkehrs an solche Abgaben. In dieser Zeit des hundertjährigen Krieges, in der die 'Aides' langsam zu Dauererscheinungen werden, bilden sich auch spezielle Amtsfunktionen (zwei oberste Verwalter) heraus, die dem Einziehen und der damit verbundenen Gerichtsbarkeit (gerichtlichen Fragen) gewidmet sind.

Das ist die erste Erscheinung dessen, was später durch das ganze 'ancien régime' hin eines der wichtigsten Organe der Steuerverwaltung bleibt (Chambre oder Cour des Aides). Hier in den Jahren 1370-1380 ist sie noch im Prozess der Bildung.

Jedesmal, wenn das Königtum sich unter dem Widerstand von Bevölkerungsteilen einschränken muss, treten auch diese Amtsfunktionen zurück. Ihr Bestand und die Kurve ihres Wachstums ist ein ziemlich genauer Gradmesser für die gesellschaftliche Stärke der Zentralfunktion und des Zentralapparates im Verhältnis zu Adel, Klerus und den städtischen Schichten (S. 291).
Die Not wächst im Stillen; mit ihr auch die Unzufriedenheit.

Selbst für den König haben die Abgaben noch den Geruch des Unberechtigten und führen zu Gewissensbissen. 1380 revoltieren die Städte, die Königsbeamten die 'aides' einziehen werden verjagt. Das Finanzsystem wird geopfert.

Es spricht für die gesellschaftliche Stärke, die der Zentralapparat und die Königsfunktion in dieser Zeit tatsächlich schon besitzt, dass die verlorene Position verhältnismäßig schnell wieder gewonnen wird.
Die Chancen, die sich bei diesem Aufbau und bei dieser Lage der französischen Gesellschaft mit der Königsfunktion verbinden, sind bereits so groß, dass das Königtum an gesellschaftlicher Stärke zunehmen kann, selbst wenn der König persönlich schwach oder ganz unbedeutend ist.

Die Angwiesenheit der Gruppen und der Schichten dieser Gesellschaft auf einen obersten Koordinator wächst mit ihrer Interdependenz und sie wächst erst recht unter dem Druck einer Kriegsgefahr. Und so liefern sie dem König bald wieder die Mittel, die zur Kriegsführung notwendig sind; aber sie liefern damit zugleich auch dem Königtum die Mittel zu ihrer eigenen Beherrschung (S. 293).

1382 ist das Königtum wieder in der Lage den Städten, den Hauptzentren des Widerstandes, die Abgaben, die es für nötig hält zu diktieren. Die Frage der Abgaben steht im Zentrum der städtischen Aufstandsbewegung des Jahres 1382.

Im Kampf um die Abgaben und die Verteilung der Lasten wird die ganze Macht- und Herrschaftsverteilung erprobt und entschieden. Die städtischen Notabeln haben das Ziel sich die Mitbestimmung bei der Erhebung und Verteilung der Abgaben von einem zentralen Punkt aus zu sichern. In den Städten selbst gehen die Interessen der verschiedenen Schichten bei aller Verflechtung sehr in verschiedene Richtungen.

Es gibt eine privilegierte Oberschicht (eigentliche Bourgeoisie in städtischen Ämtern), eine Mittelschicht (Kleinbürgertum, Handwerker, Gewerbetreibende) und die Masse der Gesellen und Arbeiter (das 'Volk').

Auch hier bilden die Steuern den Knotenpunkt an dem Gegensätze deutlich zutage treten. Der Aufruhr ist den Oberen zuerst nicht unwillkommen, richtet sich aber dann gegen die Begüterten der Stadt selbst. Die städtische Oberschicht flieht und das Eintreffen der königlichen Truppen bedeutet meistens die Rettung.

Diese Kämpfe enden mit einer weiteren Gewichtsverschiebung zugunsten des Zentralapparates und des Königtums. Die Haupträdelsführer werden getötet, andere mit Geldstrafen bestraft.
Den Städten als Ganzes werden hohe Geldabgaben auferlegt, die festen Königsburgen verstärkt und von 'gens d'armes' besetzt und die städtischen Freiheiten werden beschränkt.
Die lokalen Stadtverwaltungen werden langsam königlichen Beamten unterstellt, bis auch sie im wesentlichen Organe des königlichen Herrschaftsapparates sind; damit reicht die Stufenleiter des zentralen Herrschaftsapparates, deren Stelleninhaber die Spitzengruppe des Bürgertums bilden, von den Ministerposten und den höchsten Gerichtsämtern bis zu den Stellen der Bürger- und Zunftmeister.
Die Frage der Abgaben ist entschieden, sie werden nun von der Zentrale diktiert.

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20070621

Ludwig XIV Adel Absolutismus Hof zt-64

Beim Aufstand der 'Fronde' ist Ludwig der XIV. noch minderjährig. Die Regentschaft der Königin wird ausgeübt durch den Kardinal Mazarin. Die Fronde ist eine Art von sozialem Experiment. Das Bild dieses Aufstandes zeigt, wie gespannt die Beziehungen zwischen allen diesen Gruppen waren.

Jede dieser Gruppen will die Königsmacht schmälern; aber jeder will es zu seinen Gunsten; jeder von ihnen fürchtet zugleich, die Macht eines anderen könne sich vergrößern. Schließlich stellt sich das- auch dank der Geschicklichkeit Mazarins- alte Gleichgewicht wieder her. Ludwig XIV. hat die Lehre dieser Tage nicht vergessen. Er sorgte für die Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts (S. 265).}

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Könige setzen sich (nachdem der Adel genügend geschwächt war) wieder zugunsten des Adels ein. Sie sichern den Bestand des Adels, als einer gehobenen Schicht vor dem andrängenden Bürgertum, um das Spannungsgleichgewicht zu erhalten.

Der Adel hat Steuerfreiheit aber trotzdem ein eher beschränktes Leben. Die Gerichte sind mit Bürgerlichen besetzt. Die Könige halten an der Bestimmung fest, dass ein Adeliger der Kaufmann wird, seine Adelstitel ablegen und auf seine Adelsvorrechte verzichten muss.

Damit ist dem Adel der einzige unmittelbare Weg zu Wohlstand verschlossen. Allenfalls indirekt durch Heirat. Wenn er allerdings am Hofe eine neue Monopolstellung erlangt, ermöglicht ihm diese eine standesgemäße und repräsentative Lebensführung und bewahrt ihn vor bürgerlichen Tätigkeiten.

Die Hofämter, die vielen Ämter des königlichen Haushalts werden dem Adel vorbehalten. Damit finden viele bezahlte Stellen; auch die Nähe zum König gibt diesen Stellen ein hohes Prestige. Und so hebt sich aus dem Gros des ländlichen Adels eine Adelsschicht heraus, die den bürgerlichen Spitzenschichten an Glanz und Einfluss die Waage halten kann, der höfische Adel. Die Hofämter werden zu einem Monopol des Adels (S. 267).

Diese Besetzung der Hofämter ging genauso wenig nach dem Plan eines einzelnen Königs vor sich, wie die Besetzung der anderen Staatsämter mit Bürgerlichen.
Es sind zuerst käufliche Positionen (Eigentum des Inhabers), die der Inhaber eines Amtes nur mit der Einwilligung des Königs ausüben darf. Dann gewinnt die Besetzung der Ämter durch Gunst die Oberhand. Auch der dritte Stand dringt in diese Hofämter und in die militärischen Posten (S. 268).

Das Verhältnis der Königsfunktion zur Funktion des Adels ist ambivalent. Könige (z.B. Heinrich IV. , Richelieu und andere Nachfolger) müssen sich selbst sichern und zwar sie müssen den Adel von allen Stellen, die einen politischen Einfluss geben, nach Möglichkeit fernhalten und sie müssen zugleich den Adel als einen selbständigen, sozialen Faktor im gesellschaftlichen Gleichgewicht erhalten.

Das Doppelgesicht des absolutistischen Hofes entspricht genau diesem zwiespältigen Verhältnis von König und Adel. Dieser Hof ist ein Instrument zur Beherrschung des Adels und gleichzeitig ein Instrument zu seiner Versorgung (S. 268).


Ein Bild der sinkenden Schicht zeigt der Adel unter Ludwig XIII. 1627 in dem Gesuch: 'Requestes et articles pour la rétablissement de la Noblesse'.
Von einer Fülle von Forderungen erfüllt sich nur eine: Die Hofämter werden dem Bürgertum verschlossen und dem Adel vorbehalten (war auch eine Empfehlung in Richelieu's Testament). Alle anderen Forderungen bleiben unerfüllt.

{In den deutschen Territorien hingegen suchen und erhalten Adelige neben den militärischen immer auch Verwaltungs- und Gerichtsämter. Die meisten höheren Staatsämter bleiben hier geradezu ein Monopol des Adels. Hier halten sich gewöhnlich Adlige und Bürgerliche innerhalb vieler Staatsämter nach einem genauen Verteilungsschlüssel die Waage.}

Ludwig XIV. hat dann die Zugangsmöglichkeiten zu solchen Hofämtern auf äußerste verengt.
Der Hof als Versorgungsanstalt für Adlige auf der einen Seite, als Beherrschungs- und Zähmungsanstalt der alten Kriegerschicht auf der anderen.

Das ungebundene, ritterliche Leben ist endgültig vorbei. Für den Gros des Adels verknappt sich von nun an nicht nur die wirtschaftliche Grundlage, sondern auch sein Wirkraum und sein Lebenshorizont wird enger. Er bleibt mehr oder weniger auf seinen Landsitz beschränkt.
Auch im Kriege kämpft er nicht mehr für sich als freier Ritter, sondern in einer strenger geregelten Ordnung als Offizier. Es bedarf eines besonderen Glücksfalles oder besonderer Beziehungen dieses ländlichen Adels um in den Kreis des höfischen Adels zu gelangen (S. 272).

Der Aufbau Versailles entspricht den beiden in einander verschlungenen Tendenzen des Königtums, der Aufgabe, Teile des Adels zu versorgen und sichtbar herauszuheben, wie der anderen, ihn zu beherrschen und zu zähmen in vollkommener Weise.
Der König gibt, aber er verlangt Gehorsam. Er lässt den Adel seine Abhängigkeit von dem Geld und den anderen Chancen, die er zu verteilen hat, ständig fühlen.

Diese Neigung, alles, was vorgeht, ganz genau zu überwachen, ist nicht wenig charakteristisch für den Aufbau dieser Königsherrschaft. In ihr kommen die starken Spannungen zum Ausdruck, die der König beobachten und bewältigen muss, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten.

Ludwig XIV.: Die Kunst der Regierung besteht darin, dass man die wirklichen Gedanken aller Prinzen Europas kennt, dass man alles weiß, was die Menschen vor uns verbergen wollen, ihre Geheimnisse, und sie genau überwacht (S. 273).

Das ist sehr charakteristisch für den eigentümlichen Aufbau der Gesellschaft, der eine Einherrschaft möglich macht, diese Notwendigkeit alles möglichst genau zu überwachen, was in dem Herrschaftsbereich des Zentralherrn vor sich geht.

Diese Notwendigkeit ist ein Ausdruck für die Spannungen und die große Labilität der sozialen Apparatur.

Das starke Spannungsgleichgewicht der zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, die sich annähernd die Waage halten ist gewiss nicht von irgendeinem König geschaffen worden. Aber wenn sich diese Konstellation einmal hergestellt hat, dann ist es für den Zentralherrn lebenswichtig, sie in ihrer ganzen Labilität aufrechtzuerhalten.
Diese Aufgabe aber erfordert eine möglichst genaue Überwachung der Untertanen (S. 274).

Auch einer der Gründe für den Bau von Versailles: Gelegentliche Unruhe unter den Massen. Noch aber ist die Arbeitsteilung nicht so weit fortgeschritten, dass der Druck der Bevölkerung der größte Druck wäre. Die gefährlichsten Rivalen des Königs sind in seinem engsten Kreis (S. 275).

Diese gefährlichsten Rivalen sind die Mitglieder des Königshauses selbst.

Schon oben ist gezeigt worden, wie sich allmählich im Zuge der Monopolbildung der Kreis der Menschen, die miteinander um Herrschaftschancen konkurrieren können auf die Mitglieder des Königshauses selbst beschränkt (S. 275). Unter Ludwig XIII. sind zentrifugale Tendenzen noch spürbar. Richelieu hat schließlich alle diese Kämpfe gewonnen, nicht zuletzt mit Hilfe des Bürgertums und der überlegenen finanziellen Mittel, die es ihm liefert. Ludwig XIV. steckt das Gefühl der Bedrohung in Fleisch und Blut. Der Hof ist für ihn eine Überwachungsanstalt. Fernbleiben macht misstrauisch

Damit haben die Herrschaftsmonopole, zentriert um die Monopole der Steuern und der körperlichen Gewalt, für eine bestimmte Stufe, nämlich als Monopole eines Einzelnen, ihre vollendete Form gefunden.

Aus dem Boden besitzenden und Boden oder Naturalrenten vergebenden König ist ein Geld besitzender und Geldrenten vergebender König geworden: Das gibt der Zentralisierung eine bisher unerreichte Stärke und Festigkeit.

Die Kraft der zentrifugalen, gesellschaftlichen Kräfte ist endgültig gebrochen. Alle möglichen Konkurrenten des Monopolherrn sind in eine institutionell gesicherte Abhängigkeit von ihm gebracht. In monopolistisch gebundener Konkurrenz kämpft nun der höfische Adel miteinander um Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat und dieser höfische Adel steht dabei unter dem Druck einer Reservearmee von ländlichen Adligen und von aufsteigenden bürgerlichen Elementen. Der Hof ist die Organisationsform dieses gebundenen Konkurrenzkampfes (S. 277).

Aber trotz der Größe der persönlichen Verfügungsgewalt über die monopolisierten Chancen, sie ist alles andere als unumschränkt. Es zeichnen sich bereits die Strukturelemente ab, die schließlich dazu führen, dass aus dieser persönlichen Verfügung eines Einzelnen über die Monopole, mehr und mehr eine öffentliche Verfügung, eine Verfügung unter der Kontrolle immer weiterer Teile des arbeitsteiligen Ganzen wird.

Für Ludwig XIV. gilt noch: "L'Etât c'est moi". Der Staat bin ich.

Institutionell hat die Monopolorganisation noch in beträchtlichem Maße den Charakter eines persönlichen Besitztums. Funktionell aber ist die Abhängigkeit des Monopolherrns von anderen Schichten außerordentlich stark und diese funktionelle Abhängigkeit wächst je weiter die Handels- und Geldverflechtung der Gesellschaft fortschreitet.
Nur durch das Spannungsgleichgewicht (aufsteigende Bürgerliche-schwächer werdender Adel) behält der Zentralherr seinen Entscheidungsspielraum. Das gewaltige Menschengeflecht über das Ludwig XIV. herrscht, hat seine eigene Gesetzlichkeit und sein eigenes Schwergewicht, denen er sich fügen muss.

Die Möglichkeit des Zentralfunktionärs, das ganze Menschengeflecht in seinem persönlichen Interesse zu steuern beschränkt sich erst dann, wenn das Spannungsgleichgewicht auf dem er balanciert, zugunsten des Bürgertums umkippt und sich eine neue Gesellschaftsbalance mit neuen Spannungsachsen herstellt.
Erst damit beginnen auch institutionell aus den persönlichen Monopolen öffentliche Monopole zu werden. In einer allmählichen Zentralisierung der physischen Gewaltmittel und der Steuerabgaben, im Zusammenhang mit einer immer stärkeren Funktionsteilung und mit dem Aufstieg berufsbürgerlicher Schichten organisiert sich die französische Gesellschaft Schritt für Schritt in der Form eines Staates (S. 279).

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20070616

Zentralisierung Staatenbildung Absolutismus zt-57

Der Verflechtungsmechanismus bestimmt die Zentralgewalt.

Die 'Zentralisierung', die Staatenbildung ist von außerhalb betrachtet worden (Seite der 'auswärtigen Angelegenheiten'). Nun stellt sich das Komplementärproblem.

Es stellt sich nun die Aufgabe jenen Verflechtungsvorgängen nachzugehen die innerhalb einer dieser Herrschaftseinheiten, der Zentralgewalt eine besondere Stärke und Festigkeit und damit dem Ganzen die Gestalt eines 'absolutistischen Staates' geben.

In der geschichtlichen Wirklichkeit wirken diese beiden Prozessreihen (die Gewichtsverteilung und -veränderung der Schichten innerhalb einer Herrschaftseinheit und die Gewichtsverlagerungen im Spannungssystem der verschiedenen Herrschaftseinheiten) unablässig ineinander (Anm: 'Innen- u. Außenpolitik').

Im Zuge der Konkurrenzkämpfe wächst langsam ein Fürstenhaus über die anderen hinaus. Es wächst in die Funktion eines obersten Regulators, aber es hat diese Funktion nicht geschaffen.
Sie fällt ihm kraft der Größe seines in Konkurrenzkämpfen akkumulierten Besitzes und der monopolistischen Verfügungsgewalt über Kriegsinstrumente und Abgaben zu; sie selbst aber bildet sich, sie erhält ihre Gestalt und ihre jeweilige Stärke kraft der zunehmenden Differenzierung der Funktionen im Ganzen dieses Gesellschaftsverbandes (S. 229).

Am Ausgang des Mittelalter erlangt der Zentralherr eine überaus große gesellschaftliche Stärke. Gerade in dieser Zeit gewinnt der Kreislauf der funktionsteiligen Aktionsketten eine immer größere Weite und Festigkeit. Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Prozesse, der Funktionärscharakter der Zentralgewalt macht sich nun bereits stärker geltend als im Mittelalter.

Ohne Zweifel ist Ludwig XIV. bereits viel stärker an diesen Kreislauf, an dieses Eigengesetz der Aktionsketten gebunden, als z.B. Karl der Große.

(Frage:) Wieso hatte der Zentralherr einen so großen Entscheidungsspielraum, ein so hohes Maß an gesellschaftlicher Stärke in der Phase der Staatenbildung ('Absolutheit')?
Warum erhöht sich seine gesellschaftliche Stärke wo er doch auch mit der voranschreitenden Funktionsteilung in funktionelle Abhängigkeit von den anderen Funktionen gerät?

Auf Grund einer eigentümlichen Verflechtungskonstellation war die Angewiesenheit, gerade der Spitzenschichten auf einen obersten Koordinator und Regulator in dieser Phase so groß, dass sie den Kampf um die Kontrolle und um die Mitbestimmung bei den obersten Entscheidungen für längere Zeit aufgeben mussten (S. 230).

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20070517

Feudalisierung Courtoisie Naturalwirtschaft zt-43

Manfrau sieht zunächst, wie und warum in der frühen vorwiegend natural wirtschaftende Phase der abendländischen Geschichte die Integration und die Errichtung stabiler Herrschaftsapparaturen für große Reiche noch wenig Chancen hat.

Erobererkönige können zwar im Kampf riesige Gebiete zusammen bringen und mit dem Ansehen ihres Schwertes auch zusammen halten, aber der Aufbau der Gesellschaft erlaubt noch nicht die Schaffung einer stabilen Herrschaftsorganisation.

Im 9. u. 10. Jahrhundert mit der geringeren äußeren Bedrohung erreicht die Desintegration der Herrschaftsfunktionen einen außerordentlich hohen Grad. Jedes kleine Gut ist ein Herrschaftsbezirk, ein 'Staat' für sich und jeder kleine Ritter dessen ist unabhängiger Herr und Gebieter.

Die gesellschaftliche Landschaft zeigt nichts als eine Fülle von durcheinander gewürfelten Herrschafts- und Wirtschaftseinheiten; jede von ihnen ist autark und ohne größere Abhängigkeit von anderen.

In der weltlichen Herrenschicht ist die Integration durch den Kampf in Angriff oder Verteidigung die wesentliche Form der Verflechtung. Da ist nicht viel, was die Menschen der Herrenschicht zu einer beständigen Bändigung der Affekte bringen kann.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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Anmerkung: Die Exzerptreihen hier auf Transitenator sind nur gedacht als eine schnelle Orientierungshilfe und können die jeweilige Literatur nicht ersetzen.
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Es ist eine 'Gesellschaft' im weitesten Sinn des Wortes. Es ist noch keine Gesellschaft in dem Sinn auf eine beständige und gleichmäßige Integration von Menschen mit mehr oder weniger großer Enthaltsamkeit von Gewalttaten.

Die Frühform einer solchen 'Gesellschaft' bildet sich langsam an den großritterlichen Feudalhöfen heraus. Hier mit der Größe der Gutserträge, dem Anschluss an das Handelsnetz, mehr Menschen Dienste suchend, hier sind mehr Menschen zu einem friedlichen Umgang gezwungen und verbunden.

Gegenwart höher stehender Frauen, eine gewisse Zurückhaltung und etwas genauere Modellierung der Affekte und Umgangsformen. Die Courtoise ist ein Schritt auf dem Weg, der zu unserer Triebmodellierung führt, ein Schritt in Richtung der 'Zivilisation'.

Elias frägt: Was sind Grundlinien aus dem Triebwerk der gesellschaftlichen Prozesse, die zur Gestaltung der Gesellschaft im Sinne des 'Feudalsystems' führen und zu Beziehungen, die sich im Minnesang ausdrücken?

1. Das raschere Wachstum der Bevölkerung nach der Völkerwanderungszeit im Zusammenhang mit den immer festeren Besitzverhältnissen, sowie die Bildung eines Menschenüberschusses in der Adelsschicht, wie in der Schicht der Unfreien oder Halbfreien, und der Zwang für die Freigesetzten hier und dort, sich neue Dienste zu suchen.

2. Das langsame Einschalten von Stationen in den Weg der Güter von der Produktion zur Konsumtion, das Wachstum des Bedarfs an einheitlichen mobilen Tauschmitteln, die Verschiebung des Schwergewichts innerhalb der Feudalgesellschaft zugunsten der relativ wenigen großen, zu Ungunsten der vielen kleineren Herren.
Die Bildung groß ritterlicher Feudalhöfe, wo sich ritterlich-feudalen Züge mit höfischen zu einer Einheit verbinden sowie naturalwirtschaftliche und geldwirtschaftlichen Beziehungen im Ganzen dieser Gesellschaft.

3. Das Prestige- und Repräsentationsbedürfnis dieser großen Feudalherren im Konkurrenzkampf untereinander; ihr Distinktionswillen gegenüber den kleineren Rittern; als Ausdruck dessen werden Dichter und Sänger zu festen gesellschaftlichen Institutionen.

4. Erste Vorformen einer Emanzipation, einer größeren Bewegungsfreiheit der Frau. Ein Zwang zum An-Sich-Halten für den sozial abhängigen Mann, zu Rücksicht, zu einer gewissen noch sehr gemäßigten Regelung und Umformung des Trieblebens und Ausdruck solcher schwer verwirklichbarer Wünsche in der Sprache des Traums, im Gedicht. Minnesang als gesellschaftliche Institution.

An den großritterlichen Feudalhöfen bildet sich eine festere Konvention der Umgangsformen, eine Mäßigung der Affekte, eine Regelung der Manieren heraus. Es bildet sich der Standard der 'Courtoisie'.

Die Soziogenese der großen ritterlichen Feudalhöfe ist zugleich die Soziogenese dieses courtoisen Verhaltens.

Courtoisie ist eine Verhaltensform die sich bei den sozial-abhängigeren Existenzen im geselligen Kreise dieser ritterlich-höfischen Oberschicht herausbildete. Er ist kein Anfang. Es gibt keinen Zustand der absoluten Trieb-Ungebundenheit oder des 'Anfangs'.

Die relativ große Ungebundenheit der Triebäußerungen in der courtoisen Oberschicht entspricht genau der Integrationsform, dem Maß und der Art von wechselseitiger Abhängigkeit, in der die Menschen hier miteinander zu leben gehalten sind.

Das gesellschaftliche Geflecht der Abhängigkeiten, die sich in einzelnen Maschen kreuzen, ist hier weniger engmaschig und weniger weit reichend als in Gesellschaften mit höherer Arbeitsteilung. Regelungen und Bindungen des Trieblebens sind an den größeren Feudalhöfen beträchtlich größer als an den kleineren.

Hier stellt die Courtoisie eine Verfeinerung, ein Distinktionsmittel dar. Das Gros der Ritterschaft änderte sein Verhalten vom 9. bis etwa zum 16. Jahrhundert nur so geringfügig wie sich ihre Lebensbedingungen veränderten (S. 116).(Anm.: Verhalten ergibt sich aus den Lebensbedingungen).

Das Reich Karls des Großen war durch Eroberung zusammengebracht worden. Karl mit der Funktion des erobernden Verführers. Diese bildete die Grundlage seiner Königsmacht, seines Ansehens, seiner gesellschaftlichen Stärke.

Er belohnte die Krieger mit Boden. Dienste wurden nicht mit Geld bezahlt, sondern mit Boden. Der größte Teil des Bedarfs wurde unmittelbar vom Boden gedeckt. Alle ernährten sich und ihr Gefolge vom Land.

Die Herrschaftsstruktur hatte entsprechend der Wirtschaftsstruktur einen anderen Charakter als in der Zeit der 'Staaten'. Der Gutsherr hatte Polizei- und Gerichtsgewalt. Der Gutsherr vereinte in seiner Hand alle Herrschaftsfunktionen.

Diese eigentümliche Herrschaftsstruktur ist Beispiel für den Stand der Arbeitsteilung und Differenzierung in dieser gesellschaftlichen Phase. Sie führte zu bezeichnenden Spannungen und erzeugte bestimmte typische Abläufe.
Also hohe Bedeutung des Bodens. Landbesitz gibt Nahrung (Einkommen), Frondienste, Unabhängigkeit.

Wer einmal über ein bestimmtes Gebiet verfügte, war auf den Zentralherrn nicht mehr angewiesen und suchte Unabhängigkeit bei Anzeichen von Schwäche der Zentralgewalt.

Die Herren über ein Teilgebiet des Zentralherren, die Stammesherzöge sind jederzeit der Zentralgewalt gefährlich. Dieses Spiel wiederholt sich ständig. Was ursprünglich ein Lehen war soll erblich werden.

Immer neue Schübe von kriegsstarken Erobererkönigen die ihre Vertrauten ins Land schicken, die dann wieder ihre Hand drauf legen und die Sache behalten wollen. Die Stammesfürsten haben ja tatsächlich das Land zu eigen, brauchen den König nicht mehr und entziehen sich seiner Gewalt.

Ist der Zentralherr im Krieg erfolgreich, erhält er durch die Kraft und Bedrohung, die von seinem Schwert ausgeht, wieder die tatsächliche Verfügung über die Böden des ganzen Gebiets und kann eine Neuverteilung dieser Gebiete vornehmen.


Das ist eine der stehenden Figuren oder Prozesse im Entwicklungsmechanismus der abendländischen Gesellschaft im frühen Mittelalter.

Solche Prozesse findet man noch heute außerhalb Europas, werden aber durch das Einströmen von Geld modifiziert.

In diesem naturalwirtschaftlichen Gebiet also zentrifugale Tendenzen. In der abendländischen Geschichte finden sich Anzeichen für diesen Mechanismus bereits in der Merowingerzeit.

Große Teile des Herrschaftsgebietes gehen aus der Verfügungsgewalt des Zentralherrn in die der Territorialherren über (S.21). Deutlicher noch in der Karolingerzeit.

Karl der Große beseitigt nach Möglichkeit die alten Stammesherzöge und setzt eigene Beamten (Grafen) an deren Stelle. Schon unter Ludwig dem Frommen wird die Grafenfunktion erblich. Die Nachfolger Karls können sich dem Zwang zur tatsächlichen Anerkennung des Anspruchs auf Erblichkeit nicht mehr entziehen.

(Anmerkung: Aber wie könnte man diesen Wunsch nach Erblichkeit noch erklären? Der Ritter wird ziemlich brutal, auch gegen seiner Frau gegenüber dargestellt. Eine Erblichkeit macht für einen 'egoistischen' Ritter keinen Sinn, sondern nur die Sorge für seine Nachkommen. Hatte er also doch ein Herz?).

Die Stärke der zentrifugalen Kräfte erreichen schon unter Karl III. im Jahre 887 einen Höhepunkt, als er die dänischen Normannen nicht von Paris fernhalten kann.

Es zeigt sich unmittelbar, was eigentlich die Macht gebende und legitimierende und wichtigste Funktion des Königtums in dieser Gesellschaft ist. Überall in Europa wachsen kleine Könige hervor.

Mit dem Sieg gegen äußere Feinde schaffen Zentralherren das Fundament für die Stärkung der Zentralgewalt im Innern. Kirchliche Organisation diente damals stärker als heute der Herrschaftssicherung (S.23).

Otto versuchte diesen Mechanismen entgegen zu wirken, einerseits dadurch, dass er einzelne Wirkungsbereiche verkleinerte und Funktionen begrenzte, andererseits dadurch, dass Geistliche -
(die sich theoretischerweise nicht fortpflanzten und damit theoretisch auch nichts vererbten, aber es tatsächlich taten?; Anmerkung)
- mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattet wurden.

Aber diese geistlichen Würdenträger zeigten sich nicht weniger auf die Wahrung ihrer selbständigen Verfügungsgewalt über ein Gebiet bedacht, als die weltlichen.

Und diese Gleichschaltung der Interessen hoher geistlicher und weltlicher Würdenträger hat nicht wenig dazu beigetragen, dass in dem Deutschen Reich die tatsächliche Macht der Zentralgewalt für viele Jahrhunderte gering blieb und sich die Selbständigkeit der Territiorialherren verfestigte.

In Frankreich hingegen wurden die hohen Geistlichen kaum je Territiorialherren. Die Bischöfe blieben an einer starken Zentralgewalt interessiert. Und diese Gleichrichtung der Interessen von Kirche und Königtum, die ziemlich lange Bestand hatte, war nicht der geringste jener Faktoren, die in Frankreich relativ frühzeitig der Zentralgewalt ein Übergewicht über die zentrifugalen Tendenzen gab (S. 25).

Zunächst aber vollzog sich die Desintegration des westfränkischen Reiches rascher und radikaler als im ostfränkischen Reich.

Die Grundlage der gesellschaftlichen Stärke des Zentralherrn bildete, wenn manfrau von seiner 'Eroberermacht' (als Eroberer und Verteiler von neuen Böden) absieht, der Hausbesitz seiner Familie, das Land über das er unmittelbar verfügte.
Hausmacht und Territorium (Familienbesitz) waren es die zählten und waren die Basis der Königsmacht.

Am Beginn des 12. Jahrhunderts ist die uneingeschränkte Erblichkeit und Selbständigkeit der verschiedenen Territorialherrschaften, der ehemaligen Lehnsgebiete eine vollendete Tatsache.

Frankreich ist ein lockerer Bund kleinerer und größerer Herrschaftsgebiete. Das Gleiche in Deutschland am Ende dieses Jahrhunderts.

Während in 'Deutschland' sich die Territorialherrschaften für Jahrhunderte verfestigen, erstarkt in 'Frankreich' langsam wieder eine Zentralgewalt.

Das Bild dieser radikalen Desintegration muss man als Ausgangspunkt ins Auge fassen, wenn man verstehen will, durch welche Prozesse sich in der Gesellschaft jene Zentralorgane für größere Herrschaftsgebiete herausbildeten, die wir 'Absolutismus' nennen und jener Herrschaftsapparatur, die das Gerippe moderner Staaten bildet.

Die Stabilität der Zentralorgane in der Phase, die wir Zeitalter des Absolutismus nennen, steht zu der Instabilität jener Zentralgewalt der vorangehenden 'feudalen' Phase in starkem Kontrast (S. 31).

Was den Aufbau der Gesellschaft begünstigte, dort die Zentralisierung, hier die der Zentralisierung entgegenwirkenden Kräfte?

Hampe: Die Feudalisierung der Staatenwelt zwang die Herrscher ihre Truppenführer und Beamten mit Grundbesitz auszustatten (wollten sie nicht in Armut versinken oder die militärischen Gegenleistungen der Vasallen ausnutzen), so wurden sie zu kriegerischen Ausdehnungsversuchen geradezu getrieben, gegen die machtleeren Räume der Nachbarschaft.

Das war der Mechanismus in den das Königtum verstrickt war. Feudalisierung ist keine außen stehende Ursache.
Diese Verstrickungen (Automatismen):
Zwang zur Ausstattung der Krieger und Beamten mit Böden,
zwangsläufige Verringerung des Königsbesitzes (so keine neuen Eroberungsfeldzüge),
Tendenz zur Schwächung der Zentralgewalt in Friedenszeiten,
alles das sind Teilprozesse in dem großen Prozess der Feudalisierung selbst.

Diese spezifische Herrschaftsform und ihr Herrschaftsapparat waren unablösbar mit einer bestimmten Wirtschaftsform verbunden (S. 32). (Naturalwirtschaft).

Solange naturalwirtschaftliche Beziehungen in der Gesellschaft vorherrschten, war die Ausbildung eines zentralisierten Beamtentums und eines zentralisierten Herrschaftsapparates kaum möglich. Wer Wein trinken wollte, musste ihn in seinem eigenen Gebiet pflanzen lassen.

Die Interdependenzen der verschiedenen Gebiete war gering. Erst wenn diese wachsen, können sich für größere Gebiete Zentralinstitutionen von einiger Stabilität bilden.

Sehr langsam verflechten sich die verschiedenen Landschaften, die Integration größerer Gebiete und Menschenmassen wird stärker und dementsprechend auch der Bedarf an Tauschmitteln und Rechnungseinheiten, an Geld. (Erst im 17. Jahrhundert gab es in der Bourgogne 11 Gemeinden in denen jedermann Weinbauer ist).

Anmerkung von Elias: Es ist für das Verständnis des Prozesses der Zivilisation von besonderer Wichtigkeit, dass manfrau von diesen gesellschaftlichen Prozessen, von dem was
'Natural- oder Hauswirtschaft',
'Geldwirtschaft',
'Verflechtung größerer Menschenmengen',
'Änderung der gesellschaftlichen Abhängigkeit des Einzelnen',
'zunehmende Funktionsteilung' und
Ähnliches eigentlich meinen,
eine ganz anschauliche Vorstellung hat.

Allzu leicht werden diese Begriffe zu Wortfetischen, aus denen jede Anschaulichkeit verschwunden ist und damit im Grunde jede Klarheit.

Zum Beispiel der Begriff 'Naturalwirtschaft'.

Er zeigt eine ganz spezifische Form, in der die Menschen aneinander gebunden und voneinander abhängig sind. Es wird unmittelbar produziert und verbraucht. Keine Zwischenglieder. Der Weg differenziert sich. Immer mehr Menschen schalten sich als Funktionäre der Verarbeitung und Verteilung in den Übergang des Gutes vom ersten Erzeuger zum letzten Verbraucher ein.

Die 'Ketten' verlängern sich. Geld ist nichts anderes als ein Instrument, das manfrau braucht, und das die Gesellschaft sich schafft, wenn diese Ketten länger werden, wenn Arbeit und Verteilung sich differenzieren. Zwischen 'Naturalwirtschaft' und 'Geldwirtschaft' besteht kein absoluter Gegensatz.

Ketten verlagern und verändern sich allmählich. Die Abhängigkeit der Menschen voneinander verändert sich. Alles das sind verschiedene Aspekte des gleichen gesellschaftlichen Prozesses. Und eine Seite dieses Prozesses ist auch die Herrschaftsform und Herrschaftsapparatur.

Die Struktur der Zentralorgane korrespondiert mit dem Aufbau der Funktionsteilung und Verflechtung. Die Stärke der zentrifugalen, auf lokale politische Autarkie gerichteten Tendenzen in den vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaften entspricht dem Grad der lokalen ökonomischen Autarkie.

In Kriegergesellschaften zwei Phasen, die Ausbreitung (Krieg, Heirat) und die Konservierung (Frieden). Bei der Ausbreitung ist die gesellschaftliche Funktion des Zentralherrn die des Heerführers.

Drang zur Eroberung und zur Verteidigung ist hier das wichtigste Bindemittel von Menschen. Nach dem Krieg bedarf man seiner nicht mehr und auch seine sekundären Funktionen (Gerichtsherr, Schiedsrichter) verlieren sich. Ist kein Feind da gewinnen die zentrifugalen Kräfte die Oberhand. Tendenz zur Desintegration der größeren Herrschaftsgebiete.

Diese allmähliche Dezentralisierung der Herrschaft und der Böden, dieser Übergang des Landes aus der Verfügungsgewalt des erobernden Zentralherrn in die Verfügungsgewalt der Kriegerkaste als Ganzem ist nichts anderes als der Prozess der unter dem Namen der Feudalisierung bekannt ist.

Gab es noch andere Ursachen für diese schrittweise Dezentralisierung? (S.37).

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