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20070715

Pazifizierung Gewalt tz-23

Ein ganzes Hebelwerk von Verflechtungszwängen führt in vielen Jahrhunderten eine allmähliche Veränderung des Verhaltens über unseren Standard hinaus. Unsere Art des Verhaltens, unser Stand der Zwänge, Gebote und Ängste ist keineswegs etwas Endgültiges, geschweige denn ein Gipfelpunkt.

Da ist die stete Kriegsgefahr.
Kriege sind, um es noch einmal mit anderen Worten zu sagen, nicht nur das Gegenteil des Friedens.
Kriege gehören zu den unvermeidlichen Stufen und Instrumenten der Pazifizierung.

Die Empfindlichkeit des Gesellschaftsaufbaues und das Risiko und die Erschütterung für alle Beteiligten, die kriegerische Entladungen mit sich bringen, sind umso größer, je weiter die Funktionsteilung gedeiht, je größer die wechselseitige Abhängigkeit der Rivalen wird.
Daher spürt manfrau in unserer eigenen Zeit eine wachsende Neigung, die weiteren zwischenstaatlichen Ausscheidungskämpfe durch andere, weniger riskante und gefährliche Gewaltmittel auszutragen. (S. 452).

Hinter den Spannungen der Erdteile, sieht manfrau schon die Spannungen der nächsten Stufe auftauchen. Manfrau sieht die ersten Umrisse eines erdumfassenden Spannungssystems von Staatenbünden, von überstaatlichen Einheiten verschiedener Art, Vorspiele von Ausscheidungs- und Vormachtkämpfen über die ganze Erde hin, Voraussetzung für die Bildung eines irdischen Gewaltmonopols, eines politischen Zentralinstituts der Erde und damit auch für deren Pazifizierung (S. 452).

Nicht anders steht es mit den wirtschaftlichen Kämpfen. Auch die freie, wirtschaftliche Konkurrenz, ist nicht nur das Gegenteil einer monopolistischen Ordnung. Sie drängt ebenfalls ständig über sich hinaus zu diesem, ihrem Gegenteil hin.

Auch von dieser Seite her betrachtet ist unsere Zeit alles andere als ein totaler End- und Gipfelpunkt.

Unsere Zeit ist voll von unausgetragenen Spannungen, von unabgeschlossenen Verflechtungs-prozessen, deren Dauer kaum einsichtig, deren Gang im einzelnen nicht voraussehbar und nur deren Richtung bestimmt ist: die Tendenz zur Beschränkung und Aufhebung der freien Konkurrenz oder was das gleiche sagt, des unorganisierten Monopolbesitzes allmählich zu einer gesellschaftlichen und öffentlich kontrollierbaren Funktion wird (S: 453).

Hier kündigen sich bereits die Spannungen der nächsten Stufe an, die Spannungen zwischen den höheren und mittleren Funktionären der Monopolverwaltung, zwischen der 'Bürokratie' auf der einen Seite und der übrigen Gesellschaft auf der anderen Seite (S. 453).

Erst wenn sich diese zwischenstaatlichen und innerstaatlichen Spannungen ausgetragen haben und überwunden sind, werden wir mit besserem Recht von uns sagen können, dass wir zivilisiert sind (Anm.: Wenn wir überlebt haben).

Erst mit den Spannungen zwischen den Menschen, mit den Widersprüchen im Aufbau des Menschengeflechts können sich die Spannungen und Widersprüche in den Menschen mildern.
Dann erst kann es die Regel sein, dass der Mensch jenes optimale Gleichgewicht seiner Seele findet...Einklang zwischen seinen gesellschaftlichen Aufgaben, den gesamten Anforderungen seiner sozialen Existenz auf der einen Seite und seinen persönlichen Neigungen und Bedürfnissen auf der anderen...

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Monopolzentralen Monopolchancen tz-14

Die Aufstiegswellen unserer Tage sind aus vielen Gründen komplizierter. Es geht nicht allein um die älteren Monopolzentralen der Steuern und der physischen Gewalt, nicht um die jüngeren Monopolzentralen, sondern um das gleichzeitige Ringen um die Verfügung über beide. (S. 440).

Das elementare Schema der Verflechtungszwänge, die hier am Werk sind, ist aber auch in diesem Fall recht einfach: Jede in bestimmten Familien vererbliche Monopolisierung von Chancen führt zu spezifischen Spannungen und Disproportionalitäten in dem betreffenden Verbande.

Verbände mit sehr reicher Funktionsteilung aber sind für die Disproportionalitäten und Funktionsstörungen, die solche Spannungen mit sich bringen, außerordentlich viel empfindlicher, sie sind als Ganzes viel mehr von ihnen betroffen und weit ständiger von ihnen beunruhigt als Verbände im Stande geringer Differenzierung.

Die Spannungen, die Disproportionalitäten und Funktionsstörungen, die sich aus der Verfügung über Monopolchancen im Interesse einiger Weniger ergeben, können nicht enden und nicht zur Lösung kommen, solange diese Art der Verfügung nicht überwunden ist (S. 441).

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Verflechtungsmechanismen Spannungsdruck tz-13

Heute (1976, Erste Auflage), ist es noch unentschieden und unentscheidbar, wo die Zentren und wo die Grenzen der größeren Herrschaftseinheiten liegen werden.

Nur eines ist gewiss: Die Richtung, in der die Art unserer Verflechtung weitertreibt.

Die zwischenstaatlichen Konkurrenzspannungen können bei dem starken Spannungsdruck, den unser Gesellschaftsaufbau mit sich bringt, nicht zur Ruhe kommen, solange sich nicht, durch eine lange Reihe von blutigen oder unblutigen Machtproben, Gewaltmonopole und Zentralorganisationen für größere Herrschaftseinheiten stabilisiert haben, in deren Rahmen viele der kleineren, der 'Staaten', ihrerseits zu einer ausgewogeneren Einheit zusammen zuwachsen vermögen.

Hier führt das Hebelwerk der Verflechtungsmechanismen in der Tat von der Zeit der äußersten feudalen Desintegration bis zur Gegenwart hin die Veränderung des abendländischen Menschengeflechts in ein und derselben Richtung weiter (S. 438).

Ganz ähnlich steht es mit vielen anderen Bewegungen der 'Gegenwart'. Sie alle rücken in ein anderes Licht, wenn manfrau sie als Momente in jenem Strom sieht, den wir Geschichte nennen.

Auch innerhalb der verschiedenen Herrschaftseinheiten sehen wir heute monopolfreie Konkurrenzkämpfe. Aber hier treiben die freien Konkurrenzkämpfe an vielen Stellen bereits ihrer Abschlussphase entgegen. Allenthalben bilden sich in diesen mit wirtschaftlichen Waffen ausgefochtenen Kämpfen bereits private Monopolorganisationen heraus.

Wie ehemals bei der Bildung von Steuer- und Gewaltmonopolen so sehen wir heute Verflechtungszwänge am Werk die die Möglichkeit der privaten Verfügung beschränken (S. 439). (Elias nennt Verstaatlichung) und die am Ende zu einem organisatorischen Zusammenschluss beider hin drängen.

Zu diesem Zusammenschluss drängen auch die anderen Spannungen zwischen jenen Menschen, die über bestimmte Monopolinstrumente als vererblichen Besitz verfügen und jenen, die von solch einer Verfügung ausgeschlossen sind und die nicht in freier, sondern in gebundener Konkurrenz miteinander, gemeinsam von den Chancen abhängen, die die Monopolherrn zu vergeben haben. Hier befinden wir uns in einem geschichtlichen Schub (S. 439).

Es ist gezeigt worden, dass sich Schübe in dieser Richtung bereits in der Frühgeschichte der abendländischen Gesellschaft vollziehen.

Beispiel: Prozess der Feudalisierung.
Wenn die Funktionsteilung und mit ihr die Interdependenz aller Funktionen voneinander fortschreitet, dann äußert sich eine solche Gewichtsverlagerung in der Tendenz zu einer anders gerichteten Verfügung über die Monopolzentralen und die monopolisierten Chancen selbst und nicht mehr in der Tendenz zur Aufteilung der zuvor zentralisierten Monopolchancen unter viele einzelne Individuen. Die erste große Umschlagsphase dieser Art war die französische Revolution.

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20070714

Konkurrenzschraube Machtmonopole Globalisierung tz-12

Heute so wenig wie ehemals bilden 'wirtschaftliche' Zwecke und Zwänge für sich allein oder allein politische Motive und Motoren den Urantrieb dieser Veränderungen.

Keineswegs ist etwa in dieser Staatenkonkurrenz der Erwerb von 'mehr' Geld oder mehr wirtschaftlicher Macht das eigentliche Endziel.

Sondern vielmehr: ungeordnete oder geordnete Monopole der physischen Gewaltausübung und der wirtschaftlichen Konsumtions- und Produktionsmittel sind unaufhebbar miteinander verbunden, ohne dass eines je die eigentliche Basis, und das andere lediglich einen 'Überbau' darstellt.

Beide zusammen produzieren in dem gesellschaftlichen Gewebe spezifische Spannungen die zu Veränderungen dieses Gewebes hin drängen.
Beide zusammen bilden das Schloß der Ketten, durch die sich die Menschen gegenseitig binden.

Und in beiden Verflechtungssphären, in der politischen, wie in der wirtschaftlichen, sind, in steter Interdependenz, die gleichen Verflechungszwänge am Werke.

Wie die Tendenz des großen Kaufmanns zur Vergrößerung seines Unternehmens, so treiben sich auch rivalisierende Staaten unter dem Spannungsdruck des ganzen Gewebes, das sie bilden, im Wirbel der Konkurrenzschraube gegenseitig weiter und weiter voran.

Viele einzelne Menschen mögen wünschen Einhalt (Angst vor 'Globalisierung') zu gebieten, aber im Laufe der bisherigen Geschichte haben sich Verflechtungszwänge dieser Art auf die Dauer noch immer als stärker erwiesen als die Macht dieser Wünsche.

Und so drängen auch heute wieder die zwischenstaatlichen Beziehungen zur Bildung solcher Gewaltmonopole und damit zur Bildung von Herrschaftseinheiten einer neuen Größenordnung (S. 437).

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Monopolbildung Monopolzentralen tz-11

Das Ringen um die Vormacht und damit um die Bildung von Monopolzentralen über Gebiete einer noch höheren Größenordnung ist in vollem Gange.

Und wenn es auch zunächst noch in erster Linie um die Vormacht über Erdteile geht, so kündigen sich dahinter bereits recht unzweideutig die Vormachtkämpfe in einem Verflechtungssystem an, das die ganze bewohnte Erde umfasst.

Der Verflechtungsmechanismus drängt zur Veränderung der Institutionen und der gesamten, menschlichen Beziehungen.

Auch diese Erfahrungen widerlegen die Vorstellung, die nun mehr als ein Jahrhundert das Denken der Menschen beherrscht hat, die Vorstellung, dass sich ein Balancesystem frei konkurrierender Einheiten- Staaten, Konzerne, Handwerker oder was immer es sein mag- unendlich lange in diesem Zustand labilen Gleichgewichts erhalten könne.

Heute wie ehemals drängt diese Gleichgewichtslage der monopolfreien Konkurrenz über sich hinaus zu Monopolbildungen (S. 436).

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Feudale Desintegration tz-09

Im Zustand der äußersten feudalen Desintegration des Abendlandes beginnen bestimmte Verflechtungsmechanismen zu spielen, die zu einer Integration immer größere Verbände hin drängen. Aus den Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfen kleinerer Herrschaftseinheiten, der Territorialherrschaften, gehen langsam einige wenige und schließlich eine der kämpfenden Einheiten als Sieger hervor.

Der Sieger bildet das Integrationszentrum einer größeren Herrschaftseinheit; er bildet die Monopolzentrale einer Staatsorganisation. Menschengebilde höherer Größenordnung wachsen also zusammen (S. 435).

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20070711

Hof Hofhaltung Verhöflichung der Krieger tz-04

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 4

Die Verhöflichung der Krieger

Die höfische Gesellschaft des 17. u. 18. Jahrhunderts und vor allem der höfische Adel Frankreichs nimmt eine eigentümliche Stellung ein.

Die Hofleute sind nicht die Urheber oder Erfinder der Affektdämpfung und der gleichmäßigeren Durchformung des gesamten Verhaltens. Sie folgen Verflechtungsmechanismen, die kein einzelner und auch keine einzelne Gruppe geplant hat.

Aber in dieser höfischen Gesellschaft wird der Grundstock vieler Verhaltens- und Verkehrsformen ausgeprägt, die mit dem Zwang zur Langsicht zu immer weiteren Funktionskreisen wandern. Ihre besondere Situation macht die Menschen zu Spezialisten für die Durchformung und Modellierung des Verhaltens im gesellschaftlichen Verkehr; denn sie haben zwar eine gesellschaftliche Funktion aber keinen Beruf (S. 352).

Nicht nur im Prozess der abendländischen Zivilisation, auch in Ostasien hat die Verhaltensmodellierung eine gleiche große Bedeutung. Hier zuerst am Sitz des Monopolherrn, laufen alle Fäden eines größeren Interdependenzgeflechts zusammen; hier kreuzen sich längere Aktionsketten als an irgendeinem anderen Punkt des Gewebes.

Die Langsicht, die strenge Regelung des Verhaltens, die dieses Zentralorgan von seinen Funktionären und von dem Fürsten selbst oder von seinen Stellvertretern und Dienern, verlangt ist größer als an irgendeinem anderen Punkt. Zeremoniell und Etikette bringen diese Situation klar zum Ausdruck. Auf den Zentralherrn und seine engere Umgebung dringt viel ein, jeder seiner Schritte ist unter Umständen von folgenschwerer und weitreichender Bedeutung. Vor allem dann, wenn die Monopole noch sehr stark den Charakter von privaten oder persönlichen Monopolen haben (S. 353).

Durch die Personen des Zentralherrn und seiner Minister hindurch wirkt sich jede einigermaßen bedeutende Bewegung und Erschütterung im ganzen Herrschaftsgebiet und dem Gros der Höflinge aus. Die Verflechtung zwingt zu beständiger Vorsicht, zu einem genauen Abwägen alles dessen, was er sagt und tut.

Die Bildung von Gewalt- und Steuermonopolen und von großen Höfen um diese Monopole ist gewiss nicht mehr, als eine Teilerscheinung im Zug der gesamten Prozesse, die eine allmähliche Zivilisation mit sich bringen. Aber sie ist eine von jenen Schlüsselerscheinungen, durch die man Zugang zu dem Triebwerk dieser Prozesse finden kann.

Der große Königshof steht eine Zeit lang im Mittelpunkt jener gesellschaftlichen Verflechtungen, die eine Zivilisation des Verhaltens in Gang setzen. Durch Verfolgung der Soziogenese des Hofes gerät man in die zivilisatorischen Umformungen hinein. Man sieht, wie Schritt für Schritt an Stelle eines Kriegeradels ein gezähmter Adel mit gedämpfteren Affekten tritt, ein höfischer Adel (S. 353).

Innerhalb jedes größeren Zivilisationsprozesses überhaupt, ist einer der entscheidensten Vorgänge die Verhöflichung der Krieger.

Im Abendland vollzieht sich die Verhöflichung der Krieger ganz allmählich vom 11. oder 12. Jahrhundert an bis sie schließlich im 17. u. 18. Jahrhundert langsam ihren Abschluss findet. An den Höfen zwingt das Beieinander einer Reihe von Menschen, deren Handlungen beständig ineinander greifen, auch die Krieger, die in diese Verflechtungen geraten, zu einem gewissen Maß von beständiger Rücksicht und Langsicht, zu einer stärkeren Regelung des Verhaltens und vor allem zu einer größeren Zurückhaltung der Affekte, zu einer Umformung des Triebhaushalts.

Der courteoise Verhaltenscode, die Minnelieder sind Zeugnisse für die ersten Schübe in jener Richtung, die dann schließlich zu einer vollen Verhöflichung des Adels und einer dauernden Umformung seines Verhaltens im Sinne der "Zivilisation" führt (S. 355). Demgegenüber ist die Landstraße voll von Begegnungen, die keine sehr große Regelung des Verhaltens erfordern.

Die friedlicheren Verflechungszwänge, die zu einer tief greifenden Umformung des Triebhaushaltes drängen, wirken zuerst noch nicht beständig und gleichmäßig ins Leben hinein; sie treten nur stellenweise auf, sind ständig durchbrochen und durchsetzt von kriegerischen Zwängen, die eine Affektzurückhaltung weder dulden noch erfordern.

Die courteoisen Vorschriften richten sich an Erwachsene und Kinder. Die Selbstzwangapparatur, das Über-Ich, ist noch nicht sehr stark und gleichmäßig entwickelt. Überdies fehlt hier einer der Hauptmotoren, nämlich der Auftrieb von städtisch-bürgerlichen Schichten gegen den Adel hin.
Dieser ist noch verhältnismäßig gering und auch dementsprechend die Konkurrenzspannung zwischen den beiden Ständen.

An den Territorialhöfen konkurrieren zwar schon Krieger und Städter (noch eine eher isolierte Erscheinung- die wechselseitige Abhängigkeit von Bürgertum und Adel ist noch sehr gering) um die gleichen Chancen, aber erst der absolutistische Hof bringt Menschen bürgerlicher und adeliger Herkunft in ständige Berührung miteinander.
Später ist die funktionelle Verflechtung von Adel und Bürgertum verhältnismäßig groß.
(Verflechtung = wechselseitige Abhängigkeit) (S. 356).

Ein deutlicher Ausdruck dieser geringer entwickelten Funktionsteilung für diese relativ große Ungebundenheit der verschiedenen Stände ist die Tatsache, dass Beziehung und Ausbreitung von Gebräuchen und Ideen zwischen Stadt und Land, zwischen Hof und Hof innerhalb der gleichen Schicht der Gesellschaft (auch über größere Entfernungen) größer sind als zwischen den Schichten.

Das ist der Gesellschaftsaufbau den manfrau vor Augen haben muss um jene anderen sozialen Prozesse zu verstehen mit denen es zu stärkerer "Zivilisation" der psychischen Selbststeuerung kommt (S. 357).

In der naturalwirtschaftenden Gesellschaft ist die wechselseitige Abhängigkeit zwischen verschiedenen Schichten gering. Die Art der Lebensführung ist unausgeglichen. Waffenmacht und Kriegspotential stehen hier in engster Abhängigkeit. Der waffenlose Bauer ist in einem Zustand der Niedrigkeit. Der Krieger ist ungebunden, seine funktionelle Abhängigkeit von Menschen der unteren Schicht ist durch die unmittelbare körperliche Bedrohung, die von ihm ausgeht eingeschränkt (S. 357).

Auch im Lebensstandard besteht ein außerordentlich großer Kontrast zwischen der obersten und der untersten Schicht. Solch großen Kontrasten begegnet manfrau noch heute in Menschenräumen, die in ihrem Aufbau der abendländisch-mittelalterlichen Gesellschaft näher stehen (Indien, Abessinien). Die Bauern leben da in steter Bedrohung durch Missernte oder Hungersnot (S. 358).

Erst wenn sich diese Kontraste verringern, wenn unter dem Konkurrenzdruck, der diese Gesellschaft von oben bis unten in Atem hält, Schritt für Schritt die Funktionsteilung, die wechselseitige Abhängigkeit und Verflechtung verschiedener Funktionen über größere Räume hin immer stärker wird, wenn die funktionelle Abhängigkeit auch der Oberschichten wächst und die gesellschaftliche Stärke mit dem Lebensstandard der unteren steigt, dann erst kommt es langsam zu jener beständigen Langsicht und jenem "Ansichhalten" bei oberen, zu jenem beständigen Auftrieb von unteren Schichten und zu allen jenen anderen Veränderungen, die in den Ausbreitungsschüben der Zivilisationsbewegung zusammenwirken (S. 358).

Zunächst leben alle (Krieger, Städter, Bauern, Schichten) für sich. Der Graben zwischen den Ständen ist tief. Es besteht ein sozialer Kontrast. Die Buntheit des Lebens ist größer. Die Oberschicht, der Adel, spürt noch keinen sonderlich großen sozialen Druck von unten. Er braucht noch nicht beständig an sich zu halten und zu überlegen, um seine Position als Oberschicht zu erhalten. Die vorherrschende Gefahr für den einen Krieger sind andere Krieger. Er braucht das Rohe und Vulgäre nicht aus seinem Leben zu verbannen. Der Gedanke an die unteren Schichten hat nicht viel Beunruhigendes für ihn. Keine Angst im Verkehr mit den Unterschichten. Es erweckt kein Peinlichkeitsgefühl, Unterschichten oder Unterschichtsgebärden zu sehen, sondern ein Gefühl der Verachtung, das unverhüllt, durch keine Zurückhaltung getrübt, durch keine Rücksicht umgeformt oder gedämpft zum Ausdruck gebracht wird (S. 359).
(Siehe dazu auch: Blick auf das Leben eines Ritters Band 1. S.283).

Die Krieger gelangen Schritt für Schritt in funktionelle und institutionelle Abhängigkeit. Das Wirken dieser Verflechtungsmechanismen ist bereits im 11. u. 12. Jahrhundert spürbar, in der Zeit in der sich die Territorialherrschaften verfestigen. Dann heben sich die Feudalhöfe empor. Und im 15. u. 16. Jahrhundert beschleunigt sich die ganze Bewegung, aus der diese Verhöflichung der Krieger ihre Antriebe erhält, die Funktionsteilung, die Integration, die wechselseitige Verflechtung immer größerer Menschenräume und -schichten.

Manfrau sieht es besonders deutlich an der Bewegung jenes Gesellschaftsinstrumentes, dessen Gebrauch und dessen Veränderungen den Stand der Funktionsteilung, Weite und Art der gesellschaftlichen Interdependenzen am genauesten anzeigen, an der Bewegung des Geldes:
Das Geldvolumen wächst rascher, und entsprechend rascher sinkt zugleich die Kaufkraft oder der Wert des Geldes. Auch diese Bewegung setzt früh im Mittelalter ein; neu ist nun, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, nicht die Monetarisierung (Verringerung der Kaufkraft des gemünzten Metalls allein) sondern das Tempo und das Ausmaß dieser Bewegung. Was zunächst als quantitative Veränderung erscheint, ist genauer besehen Ausdruck für qualitative Veränderungen, für Veränderungen im Aufbau der menschlichen Beziehungen, für Umbildungen der Gesellschaftsstruktur (S. 361).

Geldentwertung ist eine Teilerscheinung, nur ein Hebel in einem umfassenden Hebelwerk von gesellschaftlichen Verflechtungen. Unter dem Druck von Konkurrenzkämpfen einer bestimmten Stufe und Struktur wächst in dieser Zeit der Bedarf an Geld. Diese Bewegung hat für verschiedene Gruppen der Gesellschaft eine recht verschiedene Bedeutung. (Hier zeigt sich eine Vergrößerung der wechselseitigen funktionellen Abhängigkeit).

Begünstigt sind jene Gruppen, die durch den Erwerb von mehr Geld, durch eine entsprechende Vergrößerung ihres Geldeinkommens (durch ihre Funktion) die sinkende Kaufkraft ausgleichen können. Also vor allem bürgerliche Schichten und die Inhaber des Abgabenmonopols, die Könige.

Benachteiligt sind die Krieger- oder Adelsgruppen die ein immer geringeres Einkommen haben, je mehr sich das Geld entwertet. Es sind die Strudel dieser Bewegung von denen im 16. u. 17. Jahrhundert nun immer mehr die Krieger an den Hof und damit in die Abhängigkeit des Königs getrieben werden. Auf der anderen Seite wächst auch das Steuereinkommen der Könige, so dass sie eine immer größere Anzahl von Menschen an ihrem Hof erhalten können.

Wenn manfrau den Wandel der 'Stile' betrachtet dann kann manfrau den Eindruck gewinnen, als habe sich von Zeit zu Zeit der Geschmack oder die Seele der Menschen, gleichsam sprunghaft, durch eine plötzliche Mutation von innen her gewandelt: Nun sind es 'gotische Menschen', nun 'Menschen der Renaissance', die manfrau vor sich sieht, und nun 'Menschen des Barock' (S. 362).

Alle diese Veränderungen vollziehen sich geraume Zeit hindurch ganz langsam und lautlos. Die großen 'Explosionen' sind nichts als Teilerscheinungen innerhalb dieser kaum merklichen gesellschaftlichen Umlagerungen, die nur beim Vergleich verschiedener Generationen fassbar wird.

Auch der absolutistische Hof ist nicht von einzelnen irgendwann einmal plötzlich ersonnen oder geschaffen worden, sondern er bildet sich auf Grund einer bestimmten Verlagerung der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse ganz allmählich heran.

Der Hof erzeugt sich als eine viele einzelne Menschen überdauernde Form der menschlichen Beziehungen, als eine festgefügte Institution, die sich immer wieder, solange diese bestimmte Art von wechselseitiger Angewiesenheit sich auf Grund eines bestimmten Aufbaus der Gesamtgesellschaft besteht, von neuem bei weiteren Menschen herstellt.

Wie etwas die gesellschaftliche Institution einer Fabrik nicht fassbar ist, wenn manfrau sie nicht aus dem Aufbau des ganzen sozialen Feldes, der immer wieder Fabriken erzeugt, verständlich zu machen sucht, warum hier Menschen darauf angewiesen sind, als Arbeiter und Angestellt Dienste zu leisten und der Unternehmer seinerseits auf diese Dienste angewiesen ist (S. 363).

Genau so ist auch die gesellschaftliche Institution des absolutistischen Hofes unfassbar, wenn manfrau nicht die Bedürfnisformel kennt, nämlich Art und Maß der wechselseitigen Angewiesenheit, durch die Menschen verschiedener Art in dieser Form zusammengebunden und zusammengehalten wurden.
Erst so verliert er das Aussehen einer zufälligen oder willkürlich geschaffenen Gruppierung. Er gewinnt den Sinn eines Geflechts von menschlichen Beziehungen, das sich eine Zeit lang stets wieder in dieser Weise herstellte.
Eben weil der Hof vielen, einzelnen Menschen Chancen zur Befriedigung bestimmter gezüchteter Bedürfnisse oder Angewiesenheiten bot, welche wiederum vom Hof erzeugt wurden (S. 364). (Anmerkung: Also quasi eine ständige Produktion von Nachfrage durch Eigenwerbung. Verschicke 10000 Emails mit Deinem Photo und irgendwer wird Dich schon heiraten wollen :-).


Der Hof als 'Brut- und Zuchtstätte'.
Zusammenfassung von Teil 4

Der Hof als eine Bedürfniskonstellation die sich über Generationen hinweg immer von neuem herstellte:
Der Adel (Teile des Adels) bedurfte des Königs, weil mit der fortschreitenden Monopolbildung die Funktion des freien Kriegers aus der Gesellschaft verschwand, und weil im Zuge der zunehmenden Geldverflechtung die Gutserträge allein - gemessen am Standard des aufsteigenden Bürgertums - nicht mehr als einen mittelmäßigen Unterhalt und sehr oft nicht einmal ihn gewährten, ganz gewiss keine soziale Existenz, die der wachsenden Stärke bürgerlicher Schichten gegenüber das Prestige des Adels als Oberschicht hätte aufrecht erhalten werden können.

Unter diesem Druck begab sich ein Teil des Adels an den Hof und damit in die unmittelbare Abhängigkeit vom König. Allein das Leben hier, am Hofe, eröffnete dem einzelnen Adeligen noch Zugang zu wirtschaftlichen und zugleich zu Prestige-Chancen.

Wäre es den Adeligen nur um wirtschaftliche Chancen gegangen so hätten sie zu Geld durch eine kaufmännische Betätigung (Einheirat) besser und erfolgreicher kommen können. Aber um durch eine kaufmännische Tätigkeit zu Geld zu kommen, hätten sie ihren Adelsrang ablegen müssen; sie hätten sich in ihren eigenen Augen und denen des Adels degradiert.

Aber gerade dies, ihre Distanz zum Bürgertum, ihr Charakter als Adel, ihre Zugehörigkeit zur obersten Schicht des Landes, war es, was ihrem Leben für ihr eigenes Empfinden Sinn und Richtung gab.

Eben der Wunsch nach Erhaltung ihres ständischen Prestiges, das ist das Motiv des Handelns, welches den Vorrang hat vor dem Verlangen nach Reichtum.

So blieben sie vom König abhängig, weil sie allein durch den Gang an den Hof die Distanz zu allen anderen und das Prestige aufrecht erhalten an dem das Heil ihrer Seele hing.

So war das was sie suchten, nicht wirtschaftliche Existenzmöglichkeiten schlechthin, sondern Existenzmöglichkeiten, die sich mit der Aufrechterhaltung ihres unterscheidenden Prestiges, ihres Adelscharakters vertrugen.

Und diese doppelte Bindung, diese Bindung durch wirtschaftliche und durch Prestigenotwendigkeiten zugleich, ist für alle Oberschichten charakteristisch.

Antriebe beider Art legen sich als eine doppelte und unzertrennbare Kette um den einzelnen Menschen solcher Schichten. Nicht nur für die Träger der 'Civilité"'sondern auch für die der 'Zivilisation'.

Die Bindung durch das Verlangen nach einem bestimmten, sozialen Prestige findet sich als primäres Motiv des Handelns nur bei Angehörigen von Schichten, deren Einkommen unter normalen Umständen nicht allzu gering oder gar im Wachsen ist und erheblich über der Hungergrenze liegt.

Auch der Antrieb zur wirtschaftlichen Aktivität folgt einem Verlangen nach Wahrung eines bestimmten hohen gesellschaftsüblichen Standards und Prestiges. Gerade das erklärt, weshalb in solchen gehobenen Schichten die Affektregelung und vor allem die Ausbildung von Selbstzwängen im allgemeinen größer ist, als bei den korrespondierenden Unterschichten:
Die Angst vor dem Verlust oder auch nur der Minderung des gesellschaftlichen Prestiges ist einer der stärksten Motoren zur Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge.

Im 17. u. 18. Jahrhundert ist noch nicht wie in der bürgerlichen Welt Geld das Zentrum des Prestiges. Die Zugehörigkeit zur höfischen Gesellschaft bedeutet für das Bewusstsein der Zugehörigen mehr als Reichtum; gerade deswegen sind sie an den Hof gebunden. Es gibt für sie keinen anderen Ort, an dem sie ohne Degradierung leben können; und eben deswegen ist auch ihre Angewiesenheit auf den König, ihre Abhängigkeit von dem König so groß (S. 367).

Der König ist seinerseits auf den Adel aus einer ganzen Reihe von Gründen angewiesen. Er bedarf ihrer zur Gesellschaft, weiters um sich herauszuheben. Die Menschen die ihn bedienen gehören zum höchsten Adel des Landes. Ganz besonders aber braucht er den Adel als Gegengewicht gegen das Bürgertum, wie er das Bürgertum als Gegengewicht gegen den Adel braucht, wenn sich sein Spielraum bei der Verfügung über die Schlüsselmonopole nicht verringern soll.
Es ist vor allem die Gesetzlichkeit des 'Königsmechanismus', (Voraussetzungen) die den absolutistischen Herrscher auf den Adel angewiesen macht. Das Spannungsgleichgewicht zwischen Adel und Bürgertum muss aufrecht erhalten werden, damit keiner der beiden Stände zu schwach wird, das ist die Grundlage der Königspolitik.

Der Adel- und ebenso auch das Bürgertum- ist nicht nur von dem König abhängig; der König ist auch von der Existenz des Adels abhängig; aber ganz gewiss ist die Abhängigkeit des einzelnen Adeligen vom König unvergleichlich viel größer, als die Abhängigkeit des Königs von irgendwelchen einzelnen Adligen.

(Anmerkung: dieses Prinzip findet sich des öfteren wie z.B. beim Verhältnis Messeveranstalter - Messeaussteller, oder Marktveranstalter - Marktteilnehmer; die Kunst (eines Veranstalters) besteht hier in der Schaffung einer Art Abhängigkeitsverhältnis; dieses Verhältnis oder besser Beziehung oder Verflechtung könnte manfrau nun auch wieder bei Kommunikationsstrukturen finden: z.B. Zeitung - Abonnenten, Leser oder Website/Blog - Besucher; diese 'Kunst' funktioniert aber natürlich nur wenn 'mitgespielt' wird).

Das kommt in der Beziehung König und Adel, wie sie sich am Hof herstellt, sehr deutlich zum Ausdruck. Der König ist nicht nur der Unterdrücker des Adels, er ist auch Erhalter des Adels.

Der Hof wird so zu einer Zähmungs- und Erhaltungsanstalt des Adels.

Am Hofe stehen die Ritter nicht mehr wie ehemals in freier, kriegerischer Konkurrenz miteinander, sondern in monopolistisch gebundener Konkurrenz um die Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat.
Sie leben nicht nur unter dem Konkurrenzdruck, den sie selbst und eine Reservearmee von ländlichen Adeligen aufeinander ausüben, sondern sie stehen vor allem auch unter dem Druck von aufsteigenden bürgerlichen Schichten.

Aus dem dritten Stand kommen die Steuererträge. Die Interdependenz, die Verflechtung der verschiedenen, gesellschaftlichen Funktionen, und vor allem die Interdependenz von Adel und Bürgertum, ist außerordentlich viel enger geworden, als in den vorangehenden Phasen. Wie sich derart der Aufbau der menschlichen Beziehungen ändert, so ändert sich auch der Aufbau seines Bewusstseins- und Triebhaushalts (S. 368).

Der starke und beständige Druck von den verschiedensten Seiten her verlangt und züchtet eine beständigere Selbstkontrolle, ein stabileres Über-ich und neue Formen des Benehmens im Verkehr von Mensch zu Mensch: aus Kriegern werden Höflinge.

Eine mehr oder weniger entschiedene, stabile Verhöflichung der Krieger gehört zu den elementarsten, sozialen Voraussetzungen jeder größeren Zivilisationsbewegung.

Zum Verständnis des Zivilisationsprozesses ist ein gewisses Verständnis für den Aufbau des Hofes unentbehrlich.

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20070625

Ancien Regime Adel als funktionslose Schicht? zt-68

Eine Funktion im Sinne der heutigen arbeitsteiligen Nationen hat dieser Adel nicht gehabt. Der Funktionskreislauf des 'ancien régime' ist ein anderer. Er ist dadurch bestimmt, dass hier der Zentralherr in hohem Maße der persönliche Besitzer der Herrschaftsmonopole ist, dass es noch keine Scheidung zwischen Privatmann und Funktionär gibt.

Der Adel hat eine Funktion für den König. Er gehört zu den Fundamenten seiner Herrschaft. Er ermöglicht es dem König, sich vom Bürgertum zu distanzieren, wo wie es ihm ermöglicht ist sich durch das Bürgertum vom Adel zu distanzieren.

Der Adel hält dem Bürgertum in der Gesellschaft das Gegengewicht. Ohne diese Spannung zwischen Adel und Bürgertum verlöre der König den größten Teil seiner Verfügungsgewalt (S. 309). Der Bestand des Adels ist ein Ausdruck dafür, wie weit hier die Herrschaftsmonopole noch persönlicher Besitz des Zentralherrn sind.

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Der Staat bin ich. Werdender Absolutismus zt-66

Es ist die Stärke der Antagonismen zwischen den verschiedenen Gruppen dieser Gesellschaft, die der Zentralfunktion ihre Stärke gibt. Die bürgerliche Oberschicht steht nicht nur in einem Spannungsverhältnis zu den weltlichen und geistlichen Feudalherren, sondern auch zu den unteren, städtischen Schichten.

Hier ist es vor allem die Uneinigkeit der städtischen Schichten selbst, die den Zentralherrn begünstigt. Nicht nur die soziale sondern auch die regionale Zerspaltenheit begünstigt die Zentralfunktion. So sind die Verflechtungen zwischen den Städten noch nicht eng genug.

Gegenüber dem gesammelten Widerstand aller Bevölkerungsteile müsste das Königtum unterliegen. Jeder einzelnen Schicht, jeder einzelnen Region gegenüber ist die Zentralfunktion der stärkere Teil (S. 296).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Jede Machtprobe dieser Art treibt die Verfügungsgewalt des Zentralherrn um ein weiteres Stück voran. Die Bildungsgeschichte der 'Chambre des Aides' ist voll von Erschütterungen bis schließlich eine festgefügte Institution des königlichen Herrschaftsapparates daraus wird. Die Machtproben in diesen Schwankungen geben auch ein Bild von der Soziogenese der Königsfunktion.

Es macht verständlich, wie wenig alle diese Funktionen und Gebilde aus langfristigen Plänen und als bewusste Schöpfungen Einzelner, wie sehr sie als Verflechtungserscheinungen im beständigen Ringen der gesellschaftlichen Kräfte, in tausend kleinen Schritten und Tastversuchen entstehen (S. 297).

Die einzelnen Könige selbst, sind in ihren Handlungen, in ihrer Entfaltung ihrer persönlichen Kräfte völlig abhängig von der Lage, in der sie die Königsfunktion vorfinden.

Karl VII. ist nicht persönlich stark, das Königtum wird in seiner Zeit stärker und stärker. Im Krieg haben sich die ganzen finanziellen und menschlichen Hilfsmittel in der Hand der Zentralgewalt gesammelt. Zentralisierung der Heerführung, monopolistische Verfügung über die Abgaben ist vorangekommen.

Der König hat ein Übergewicht im Inneren. Er lässt 1436 erklären, dass ihm die Stände die 'Aides' für unbegrenzte Zeit bewilligt habe. Er hat nicht einmal die Ständeversammlung einberufen. Diese Ausschaltung der Ständeversammlung ist einfach ein Ausdruck für die gesellschaftliche Stärke des Königs. Der König hält die Verständigung mit den Besteuerten für nicht notwendig. Es kommt zu Widerstandsversuchen.

Aber jede dieser Machtproben zeigt immer von neuem und immer entschiedener, wie zwingend in dieser Phase mit der fortschreitenden Differenzierung und Verflechtung der Gesellschaft auch die Stärke der Zentralfunktion wächst.

Immer wieder ist es die in der Hand der Zentrale konzentrierte Kriegsmacht, die die Verfügungsgewalt der Zentralfunktion über die Abgaben sichert und steigert, und es ist die konzentrierte Verfügung über die Steuern, die eine immer stärkere Monopolisierung der physischen Gewaltausübung, der Kriegsmacht, ermöglicht.

Schritt für Schritt schrauben sich beide Machtmittel hoch, bis sich schließlich an einem bestimmten Punkt die überlegene Stärke, die die Zentralfunktion in diesem Prozess gewinnt, vor den Augen der erstaunten und erbitterten Zeitgenossen unverhüllt zeigt. Das alles bricht als etwas Neues über die Menschen herein, sie wissen nicht wie und warum (S. 298, 299).

Es sind die Untertanen, die auf den öffentlichen Charakter der Funktion des Königs hinweisen. Ausdrücke, wie 'öffentliche Sache', 'Vaterland', 'Staat' werden zunächst meist in der Opposition zu den Fürsten und Königen gebraucht.
Die Könige verfügen über ihr Herrschaftsgebiet, wie über privates Besitztum. In diesem Sinn muss man das verstehen: "Der Staat bin ICH".

Das Erstaunen über die Entwicklungsrichtung beschränkt sich nicht auf die Franzosen. Elias zitiert venezianische Gesandtenberichte in denen auch ein gewisses Erstaunen zum Ausdruck kommt. Gerade in diesen Schilderungen stößt manfrau auf wichtige Struktureigentümlichkeiten, auf Schlüsselstellungen des Absolutismus und bis zu einem gewissen Grad, des Staates überhaupt:

Die Ausgaben haben das Primat vor den Einnahmen. Dem Einzelnen in der Gesellschaft wird es zur Gewohnheit und Notwendigkeit gemacht seine Ausgaben streng nach den Einnahmen zu richten.
Im Haushalt eines gesellschaftlichen Ganzen bilden die Ausgaben den festen Punkt; und von ihnen werden die Einnahmen abhängig gemacht, nämlich die Abgaben, die man auf Grund des Steuermonopols von den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft fordert.

Auch das ist ein Beispiel dafür, wie das Ganze, das sich aus der Verflechtung der Individuen ergibt, Aufbaueigentümlichkeiten besitzt und Gesetzlichkeiten unterliegt, die von denen des einzelnen Menschen verschieden und nicht vom Einzelnen her zu verstehen sind (S. 302).

Die einzige Grenze, die dem Geldbedarf einer solchen gesellschaftlichen Zentrale gesetzt ist, bildet die Steuerkapazität der Gesamtgesellschaft und die gesellschaftliche Stärke der einzelnen Gruppen im Verhältnis zu den verfügungsberechtigten Herren des Steuermonopols innerhalb ihrer.

Später (unter der Kontrolle bürgerlicher Schichten) trennt sich die Haushaltsführung der Gesamtgesellschaft mit aller Entschiedenheit von der Haushaltsführung der einzelnen Personen (die die zentralen Monopole als Funktionäre der Gesellschaft verwalten). Die Könige bzw. Zentralherren haben dann ihre festgelegten Bezüge und richten ihre Ausgaben nach den Einnahmen.

In der ersten Phase des vollendeten Monopols verhält es sich anders.
Königshaushalt und Gesellschaftshaushalt sind noch ungetrennt. Die Könige machen die Abgaben, die sie fordern, von den Ausgaben abhängig (Kriege, Schlösserbau, Geschenke an Günstlinge).

Die Schlüsselmonopole der Herrschaft haben hier in der Tat den Charakter von persönlichen Monopolen. Der venezianische Beobachter um 1500 sieht diese Neubildungen nicht ohne Neugierde.

"Abgesehen davon, dass der König mächtig durch seine Waffen ist, er hat auch durch den Gehorsam seines Volkes Geld... die Landbevölkerung, die den Hauptteil dieser Lasten trägt, sehr arm ist"(S. 304).

"...keines ist so geeint und gehorsam wie Frankreich ... die Ursache seines Ansehens: Einheitlichkeit und Gehorsam ... ihre Freiheit und ihren Willen vollkommen dem König übergeben ... das Ganze wird exekutiert und prompt getan, als ob sie das alle beschlossen hätten ... Belohnungen, nur für Lebenszeit zu geben ... gibt man nur für Lebenszeit, so belohnt man nur die, die es verdienen ... da es nichts als arme Fürsten gibt, so haben sie weder den Sinn noch die Möglichkeit etwas gegen den König zu versuchen ..." (S. 305, 306).

In diesen Berichten der venezianischen Gesandten bekommt manfrau einen Überblick über die entscheidenden Aufbaueigentümlichkeiten des werdenden Absolutismus:
Ein Feudalherr hat die Vormacht vor allen seinen Konkurrenten, die Oberherrschaft über alle Böden gewonnen.

Und diese Verfügung über die Böden kommerzialisiert sich oder monetarisiert sich mehr und mehr. Die Wandlung äußert sich einmal darin, dass der König ein Monopol der Abgabeneinziehung und -festsetzung über das ganze Land hin besitzt, so dass er über das bei weitem größte Einkommen des Landes verfügt. Aus dem Boden besitzenden und Boden vergebenden König wird mehr und mehr ein über Geld verfügender und Geldrenten vergebender König.

Eben damit vermag der König auch immer mehr den verhängnisvollen Zirkel der naturalwirtschaftlichen Herrscher zu durchbrechen. Er bezahlt die Dienste (militärische, höfische, verwaltende) nicht mehr durch Weggabe von Teilen seines Besitzes an Dienende (als deren erbliches Eigentum), sondern vergibt bestenfalls Böden und Geldrenten auf Lebenszeit weg und zieht sie dann wieder ein, so dass sich der Kronbesitz nicht verringert.

Der König belohnt nun hauptsächlich mit Geldgeschenken und Gehältern. (Die Eigenart des Geldes überhebt den König der Notwendigkeit mit Boden zu belohnen, sie überhebt ihn der Notwendigkeit durch ein lebenslängliches vererbliches Besitztum zu vergelten). (Das ist etwas erstaunlich Neues vor den Augen der Menschen damals, für uns heute ist das selbstverständlich).

Der König zentralisiert die Abgaben des ganzen Landes und verteilt sie wieder nach seinem Gutdünken und im Interesse seiner Herrschaft, so dass eine immer wachsende Anzahl von Menschen im ganzen Lande von der Gunst des Königs, von seinen Geldzahlungen der königlichen Finanzverwaltung abhängig sind.
Es sind die mehr oder weniger privaten Interessen der Könige und ihrer nächsten Diener, die zu einer Ausnutzung der gesellschaftlichen Chancen in dieser Richtung hin drängen; aber was sich in dem Interessenkampf der verschiedenen sozialen Funktionen herausbildet, ist jene Organisationsform der Gesellschaft, die wir 'Staat' nennen: Das Steuermonopol ist zusammen mit dem Monopol der physischen Gewalt das Rückgrad dieser Organisationsform.

Manfrau kann die Genese von 'Staaten' nicht verstehen, solange manfrau sich nicht Rechenschaft darüber gibt, wie sich eines dieser Zentralinstitute des 'Staates' im Zuge der Beziehungsdynamik, nämlich auf Grund einer ganz bestimmten Zwangsläufigkeit der Beziehungsstrukturen, der ineinander verflochtenen Interessen und Aktionen, Schritt für Schritt heranbildet (S. 307).

Erst die Monetarisierung der Gesellschaft macht stabile Zentralorgane möglich: Die Geldzahlung hält alle darauf Angewiesenen in dauernder Abhängigkeit von der Zentrale. Nun erst können die zentrifugalen Tendenzen gebrochen werden (S. 308).

Und aus diesem größeren Zusammenhang muss manfrau verstehen was dem Adel in dieser Zeit geschieht: Der König hat in der vorangehenden Zeit, als der Adel noch stärker war, seine Macht als Zentralherr zugunsten des Bürgertums eingesetzt; so ist aus seinem Herrschaftsapparat eine Bastion des Bürgertums geworden.

Nun im Zuge der Geldverflechtung und der militärischen Zentralisierung, wo die Krieger und der Adel immer mehr ins Sinken gerät, setzt der König sein Gewicht und die Chancen, die er zu verteilen hat wieder mehr zugunsten des Adels ein. Er schafft einem Teil des Adels die Möglichkeit, als eine gehobene Schicht über dem Bürgertum fortzubestehen. Nach den letzten Widerstandsversuchen (Religionskriege, Fronde) werden die Hofämter zu einem Privileg und zu einer Bastion des Adels.

Auf diese Weise schützen die Könige den Vorrang des Adels, verteilen Gunst und Geldchancen. Aber damit wird aus dem relativ freien Kriegeradel von ehemals ein Adel, der lebenslänglich in Abhängigkeit und im Dienst des Zentralherrn steht. Aus Rittern werden Höflinge (S. 309).

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20070624

Soziogenese des Steuermonopols, Entstehung von Steuern zt-65

Der rückblickende Betrachter kann sich kaum noch vergegenwärtigen, dass sich dieses absolutistische Königtum und dieser zentralisierte Herrschaftsapparat früher einmal ganz allmählich, als etwas Neues aus der mittelalterlichen Welt heraus hob. Der Versuch diesen Aspekt zurückzugewinnen gibt die Möglichkeit zu einem Verständnis für das, was da vor sich gegangen ist (S. 279).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Linie der Umbildung:

Der Landbesitz einer Kriegerfamilie, ihre Verfügungsgewalt über bestimmte Böden und ihr Anspruch auf Naturalabgaben oder Dienste verschiedener Art von den Menschen, die auf diesen Böden leben, verwandelt sich mit der fortschreitenden Funktionsteilung und im Laufe vieler Ausscheidungs- oder Konkurrenzkämpfe in eine zentralisierte Verfügung über die militärischen Machtmittel und über regelmäßige Geldabgaben oder Steuern eines weit größeren Gebietes (S. 279).

Niemand darf jetzt innerhalb dieses Gebietes Waffen und Befestigungswerke benutzen oder körperliche Gewalt in irgendeiner Art anwenden, ohne die Erlaubnis des Zentralherrn; das ist etwas sehr Neues in einer Gesellschaft, in der ursprünglich eine ganze Schicht von Menschen je nach ihren Einkünften und ihrem Belieben Waffen benutzen und körperliche Gewalt anwenden konnte.

Und jedermann, von dem es der Zentralherr verlangt, ist jetzt gehalten, regelmäßig einen bestimmten Teil seiner Geldeinahmen oder seines Geldbesitzes an den Zentralherrn abzuführen. Das ist erst recht etwas Neues, gemessen an dem, was ursprünglich in der mittelalterlichen Gesellschaft Brauch ist.

In der vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaft empfindet man das als etwas vollkommen Unerhörtes; man steht zu solchen Maßnahmen nicht sehr viel anders als zu Raubzügen oder zum Nehmen von Zins (S. 280). Zunächst waren wahrscheinlich kirchliche Institute wegen ihres großen Geldbesitzes von solchen Maßnahmen betroffen.

Immer wieder werden Zwangsabgaben verlangt. Die Geldabgaben, die die Könige verlangen, bedeuten in dieser relativ geldarmen Gesellschaft in der Tat etwas anderes als die Steuern in einer stärker kommerzialisierten Gesellschaft.

Niemand rechnete mit ihnen, der Marktverkehr und das ganze Preisniveau ist in keiner Weise auf sie eingestellt; sie kommen gewissermaßen aus heiterem Himmel als etwas Außergewöhnliches und Unerwartetes und führen dementsprechend zum Ruin einer ganzen Reihe von Existenzen (S. 281) und zu heftigen Erregungen.

Die allgemeine Vorstellung, auch der Könige selbst ist, dass die Territorialherren sich von ihrem Dominialbesitz erhalten müssen. Jeder Territorialherr verlangt bestimmte Abgaben, wenn sein Sohn zum Ritter geschlagen wird, seine Tochter heiratet, braucht Lösegeld bei Gefangenschaft.
Das sind die ursprünglichen feudalen Geldbeihilfen die 'aides féodales' und die Könige verlangen diese ebenfalls. Geldforderungen darüber hinaus haben keine Grundlage im Brauch; sie haben ein ähnliches Ansehen wie Raub und Erpressung (S. 282).

Im 12. u. 13. Jahrhundert beginnt sich langsam eine weitere Form der fürstlichen Geldbeschaffung einzubürgern. Die Städte wachsen. Die Bürger haben sich mit der Waffe ihre Stadtfreiheit erkämpft. Nun kommt der Brauch auf, auch die Stadtbewohner, die 'Bourgeois', zu Kriegsdiensten heranzuziehen.

Die Stadtbewohner ziehen es aber bald vor, dem Territorialherren statt der Kriegsdienste Geld anzubieten, damit er sich Krieger mieten kann. Sie kommerzialisieren die Kriegsdienste und Königen wie Feudalherren ist das nicht unwillkommen. So wird aus diesen städtischen Geldzahlungen zur Ablösung der Kriegsdienste ziemlich rasch ein fester Brauch oder eine Institution.

Dieser Brauch wird als eine weitere Form der feudalen Beihilfe verstanden. Diese gelegentlichen Geldabgaben zahlt niemand, der sich nicht mittelbar oder unmittelbar dazu gezwungen fühlt. Die Könige können und wollen nicht allzu starken Widerstand erregen, dazu ist die gesellschaftliche Stärke der Königsfunktion noch nicht groß genug. Auf der anderen Seite brauchen sie für Konkurrenzkämpfe, für ihre Funktion, ihre Selbstbehauptung immer wieder Geldbeträge, immer größere Geldbeträge, die sie sich nur durch solche 'Beihilfen' beschaffen können. Ihre Maßnahmen wechseln.

Manfrau spürt bei allem Hin und Her dass die gesellschaftliche Stärke des Königtums ständig im Wachsen ist, und mit diesem Wachstum bekommen die Geldabgaben allmählich einen anderen Charakter (S. 284).

1292 wird eine Abgabe von 1 Denier für jedes Pfund verkaufter Waren vom König verlangt, in den nächsten Jahren erhöht. Die Feudalherren sind höchst empört. Die Krieger fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. 1314 kommt es zu offenem Widerstand (der König brauchte Geld für einen Flandernfeldzug).

Die Adligen und Nichtadligen schlossen sich durch einen Eid zur Aufrechterhaltung ihrer Freiheiten und der des Vaterlandes zusammen. Die Erregung ist so groß, dass sich Städte und Feudalherren gegen den König verbinden.

Hier kann manfrau den Grad der Interessenverschiedenheit messen, die Stärke der Spannung die hier besteht. Die Einigkeit der Stände hält nicht lange, weil wechselseitiges Misstrauen.
Erschütterungen im Innern des Herrschaftsgebietes sind nicht ohne Gefahr für die Führung des Konkurrenzkampfes mit den äußeren Rivalen (S. 286).

Im Laufe des hundertjährigen Krieges wird der Krieg zu einer Dauererscheinung und mit ihm werden es die Geldabgaben, die der Zentralherr zu seiner Führung braucht.

Die Könige selbst haben nicht eigentlich die allgemeine Absicht 'ihre Steuermacht zu vergrößern', sie wollen von Fall zu Fall möglichst viel Geld aus ihrem Herrschaftsgebiet herausholen, es sind bestimmte Aufgaben, die sie drängen.

Kein einzelner Mensch hat die Steuern oder das Steuermonopol geschaffen; kein einzelner und auch keine Reihe von einzelnen durch die Jahrhunderte hat nach einem festgelegten Plan auf dieses Ziel hingearbeitet.

Die Steuern, wie jede andere Institution, ist ein Produkt der gesellschaftlichen Verflechtung. Sie entstehen aus dem Ringen der verschiedenen sozialen Gruppen und Interessen bis schließlich, mehr oder weniger spät, das Instrument, das sich da in einem ständigen Erproben der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse entwickelt hat, von den Interessierten immer bewusster und planmäßiger zu einer festgefügten Organisation oder Institution ausgebaut wird.

Auf diese Weise verwandeln sich die gelegentlichen Beihilfen an den Guts- oder Territorialherren (für einen bestimmten Kriegszug oder als Lösegeld, oder Ausstattung oder..) in regelmäßige Geldabgaben. Es gibt nun nach 1328 eine ganze Reihe von 'Experimenten' vorübergehende Beihilfen einzuziehen.

Dieser Zustrom von Geldern in die Kasse des Königs führt langsam aber sicher zu einer außerordentlichen Stärkung der Zentralfunktion. Jeder der Stände stemmt sich dagegen. Aber die Vielspältigkeit der Interessen schwächt diesen Widerstand.
Die Bedrohung von außen macht diese noch wenig interdependente, wenig einheitliche Gesellschaft auf den König, als obersten Koordinator und auf seinen Herrschaftsapparat angewiesen. Jahr für Jahr immer wieder neue 'außerordentliche Beihilfen' für den Krieg, der nicht endet (S. 289).

Nun vollzieht sich schon eine gewisse Anpassung des Marktverkehrs an solche Abgaben. In dieser Zeit des hundertjährigen Krieges, in der die 'Aides' langsam zu Dauererscheinungen werden, bilden sich auch spezielle Amtsfunktionen (zwei oberste Verwalter) heraus, die dem Einziehen und der damit verbundenen Gerichtsbarkeit (gerichtlichen Fragen) gewidmet sind.

Das ist die erste Erscheinung dessen, was später durch das ganze 'ancien régime' hin eines der wichtigsten Organe der Steuerverwaltung bleibt (Chambre oder Cour des Aides). Hier in den Jahren 1370-1380 ist sie noch im Prozess der Bildung.

Jedesmal, wenn das Königtum sich unter dem Widerstand von Bevölkerungsteilen einschränken muss, treten auch diese Amtsfunktionen zurück. Ihr Bestand und die Kurve ihres Wachstums ist ein ziemlich genauer Gradmesser für die gesellschaftliche Stärke der Zentralfunktion und des Zentralapparates im Verhältnis zu Adel, Klerus und den städtischen Schichten (S. 291).
Die Not wächst im Stillen; mit ihr auch die Unzufriedenheit.

Selbst für den König haben die Abgaben noch den Geruch des Unberechtigten und führen zu Gewissensbissen. 1380 revoltieren die Städte, die Königsbeamten die 'aides' einziehen werden verjagt. Das Finanzsystem wird geopfert.

Es spricht für die gesellschaftliche Stärke, die der Zentralapparat und die Königsfunktion in dieser Zeit tatsächlich schon besitzt, dass die verlorene Position verhältnismäßig schnell wieder gewonnen wird.
Die Chancen, die sich bei diesem Aufbau und bei dieser Lage der französischen Gesellschaft mit der Königsfunktion verbinden, sind bereits so groß, dass das Königtum an gesellschaftlicher Stärke zunehmen kann, selbst wenn der König persönlich schwach oder ganz unbedeutend ist.

Die Angwiesenheit der Gruppen und der Schichten dieser Gesellschaft auf einen obersten Koordinator wächst mit ihrer Interdependenz und sie wächst erst recht unter dem Druck einer Kriegsgefahr. Und so liefern sie dem König bald wieder die Mittel, die zur Kriegsführung notwendig sind; aber sie liefern damit zugleich auch dem Königtum die Mittel zu ihrer eigenen Beherrschung (S. 293).

1382 ist das Königtum wieder in der Lage den Städten, den Hauptzentren des Widerstandes, die Abgaben, die es für nötig hält zu diktieren. Die Frage der Abgaben steht im Zentrum der städtischen Aufstandsbewegung des Jahres 1382.

Im Kampf um die Abgaben und die Verteilung der Lasten wird die ganze Macht- und Herrschaftsverteilung erprobt und entschieden. Die städtischen Notabeln haben das Ziel sich die Mitbestimmung bei der Erhebung und Verteilung der Abgaben von einem zentralen Punkt aus zu sichern. In den Städten selbst gehen die Interessen der verschiedenen Schichten bei aller Verflechtung sehr in verschiedene Richtungen.

Es gibt eine privilegierte Oberschicht (eigentliche Bourgeoisie in städtischen Ämtern), eine Mittelschicht (Kleinbürgertum, Handwerker, Gewerbetreibende) und die Masse der Gesellen und Arbeiter (das 'Volk').

Auch hier bilden die Steuern den Knotenpunkt an dem Gegensätze deutlich zutage treten. Der Aufruhr ist den Oberen zuerst nicht unwillkommen, richtet sich aber dann gegen die Begüterten der Stadt selbst. Die städtische Oberschicht flieht und das Eintreffen der königlichen Truppen bedeutet meistens die Rettung.

Diese Kämpfe enden mit einer weiteren Gewichtsverschiebung zugunsten des Zentralapparates und des Königtums. Die Haupträdelsführer werden getötet, andere mit Geldstrafen bestraft.
Den Städten als Ganzes werden hohe Geldabgaben auferlegt, die festen Königsburgen verstärkt und von 'gens d'armes' besetzt und die städtischen Freiheiten werden beschränkt.
Die lokalen Stadtverwaltungen werden langsam königlichen Beamten unterstellt, bis auch sie im wesentlichen Organe des königlichen Herrschaftsapparates sind; damit reicht die Stufenleiter des zentralen Herrschaftsapparates, deren Stelleninhaber die Spitzengruppe des Bürgertums bilden, von den Ministerposten und den höchsten Gerichtsämtern bis zu den Stellen der Bürger- und Zunftmeister.
Die Frage der Abgaben ist entschieden, sie werden nun von der Zentrale diktiert.

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20070621

Ludwig XIV Adel Absolutismus Hof zt-64

Beim Aufstand der 'Fronde' ist Ludwig der XIV. noch minderjährig. Die Regentschaft der Königin wird ausgeübt durch den Kardinal Mazarin. Die Fronde ist eine Art von sozialem Experiment. Das Bild dieses Aufstandes zeigt, wie gespannt die Beziehungen zwischen allen diesen Gruppen waren.

Jede dieser Gruppen will die Königsmacht schmälern; aber jeder will es zu seinen Gunsten; jeder von ihnen fürchtet zugleich, die Macht eines anderen könne sich vergrößern. Schließlich stellt sich das- auch dank der Geschicklichkeit Mazarins- alte Gleichgewicht wieder her. Ludwig XIV. hat die Lehre dieser Tage nicht vergessen. Er sorgte für die Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts (S. 265).}

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Könige setzen sich (nachdem der Adel genügend geschwächt war) wieder zugunsten des Adels ein. Sie sichern den Bestand des Adels, als einer gehobenen Schicht vor dem andrängenden Bürgertum, um das Spannungsgleichgewicht zu erhalten.

Der Adel hat Steuerfreiheit aber trotzdem ein eher beschränktes Leben. Die Gerichte sind mit Bürgerlichen besetzt. Die Könige halten an der Bestimmung fest, dass ein Adeliger der Kaufmann wird, seine Adelstitel ablegen und auf seine Adelsvorrechte verzichten muss.

Damit ist dem Adel der einzige unmittelbare Weg zu Wohlstand verschlossen. Allenfalls indirekt durch Heirat. Wenn er allerdings am Hofe eine neue Monopolstellung erlangt, ermöglicht ihm diese eine standesgemäße und repräsentative Lebensführung und bewahrt ihn vor bürgerlichen Tätigkeiten.

Die Hofämter, die vielen Ämter des königlichen Haushalts werden dem Adel vorbehalten. Damit finden viele bezahlte Stellen; auch die Nähe zum König gibt diesen Stellen ein hohes Prestige. Und so hebt sich aus dem Gros des ländlichen Adels eine Adelsschicht heraus, die den bürgerlichen Spitzenschichten an Glanz und Einfluss die Waage halten kann, der höfische Adel. Die Hofämter werden zu einem Monopol des Adels (S. 267).

Diese Besetzung der Hofämter ging genauso wenig nach dem Plan eines einzelnen Königs vor sich, wie die Besetzung der anderen Staatsämter mit Bürgerlichen.
Es sind zuerst käufliche Positionen (Eigentum des Inhabers), die der Inhaber eines Amtes nur mit der Einwilligung des Königs ausüben darf. Dann gewinnt die Besetzung der Ämter durch Gunst die Oberhand. Auch der dritte Stand dringt in diese Hofämter und in die militärischen Posten (S. 268).

Das Verhältnis der Königsfunktion zur Funktion des Adels ist ambivalent. Könige (z.B. Heinrich IV. , Richelieu und andere Nachfolger) müssen sich selbst sichern und zwar sie müssen den Adel von allen Stellen, die einen politischen Einfluss geben, nach Möglichkeit fernhalten und sie müssen zugleich den Adel als einen selbständigen, sozialen Faktor im gesellschaftlichen Gleichgewicht erhalten.

Das Doppelgesicht des absolutistischen Hofes entspricht genau diesem zwiespältigen Verhältnis von König und Adel. Dieser Hof ist ein Instrument zur Beherrschung des Adels und gleichzeitig ein Instrument zu seiner Versorgung (S. 268).


Ein Bild der sinkenden Schicht zeigt der Adel unter Ludwig XIII. 1627 in dem Gesuch: 'Requestes et articles pour la rétablissement de la Noblesse'.
Von einer Fülle von Forderungen erfüllt sich nur eine: Die Hofämter werden dem Bürgertum verschlossen und dem Adel vorbehalten (war auch eine Empfehlung in Richelieu's Testament). Alle anderen Forderungen bleiben unerfüllt.

{In den deutschen Territorien hingegen suchen und erhalten Adelige neben den militärischen immer auch Verwaltungs- und Gerichtsämter. Die meisten höheren Staatsämter bleiben hier geradezu ein Monopol des Adels. Hier halten sich gewöhnlich Adlige und Bürgerliche innerhalb vieler Staatsämter nach einem genauen Verteilungsschlüssel die Waage.}

Ludwig XIV. hat dann die Zugangsmöglichkeiten zu solchen Hofämtern auf äußerste verengt.
Der Hof als Versorgungsanstalt für Adlige auf der einen Seite, als Beherrschungs- und Zähmungsanstalt der alten Kriegerschicht auf der anderen.

Das ungebundene, ritterliche Leben ist endgültig vorbei. Für den Gros des Adels verknappt sich von nun an nicht nur die wirtschaftliche Grundlage, sondern auch sein Wirkraum und sein Lebenshorizont wird enger. Er bleibt mehr oder weniger auf seinen Landsitz beschränkt.
Auch im Kriege kämpft er nicht mehr für sich als freier Ritter, sondern in einer strenger geregelten Ordnung als Offizier. Es bedarf eines besonderen Glücksfalles oder besonderer Beziehungen dieses ländlichen Adels um in den Kreis des höfischen Adels zu gelangen (S. 272).

Der Aufbau Versailles entspricht den beiden in einander verschlungenen Tendenzen des Königtums, der Aufgabe, Teile des Adels zu versorgen und sichtbar herauszuheben, wie der anderen, ihn zu beherrschen und zu zähmen in vollkommener Weise.
Der König gibt, aber er verlangt Gehorsam. Er lässt den Adel seine Abhängigkeit von dem Geld und den anderen Chancen, die er zu verteilen hat, ständig fühlen.

Diese Neigung, alles, was vorgeht, ganz genau zu überwachen, ist nicht wenig charakteristisch für den Aufbau dieser Königsherrschaft. In ihr kommen die starken Spannungen zum Ausdruck, die der König beobachten und bewältigen muss, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten.

Ludwig XIV.: Die Kunst der Regierung besteht darin, dass man die wirklichen Gedanken aller Prinzen Europas kennt, dass man alles weiß, was die Menschen vor uns verbergen wollen, ihre Geheimnisse, und sie genau überwacht (S. 273).

Das ist sehr charakteristisch für den eigentümlichen Aufbau der Gesellschaft, der eine Einherrschaft möglich macht, diese Notwendigkeit alles möglichst genau zu überwachen, was in dem Herrschaftsbereich des Zentralherrn vor sich geht.

Diese Notwendigkeit ist ein Ausdruck für die Spannungen und die große Labilität der sozialen Apparatur.

Das starke Spannungsgleichgewicht der zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, die sich annähernd die Waage halten ist gewiss nicht von irgendeinem König geschaffen worden. Aber wenn sich diese Konstellation einmal hergestellt hat, dann ist es für den Zentralherrn lebenswichtig, sie in ihrer ganzen Labilität aufrechtzuerhalten.
Diese Aufgabe aber erfordert eine möglichst genaue Überwachung der Untertanen (S. 274).

Auch einer der Gründe für den Bau von Versailles: Gelegentliche Unruhe unter den Massen. Noch aber ist die Arbeitsteilung nicht so weit fortgeschritten, dass der Druck der Bevölkerung der größte Druck wäre. Die gefährlichsten Rivalen des Königs sind in seinem engsten Kreis (S. 275).

Diese gefährlichsten Rivalen sind die Mitglieder des Königshauses selbst.

Schon oben ist gezeigt worden, wie sich allmählich im Zuge der Monopolbildung der Kreis der Menschen, die miteinander um Herrschaftschancen konkurrieren können auf die Mitglieder des Königshauses selbst beschränkt (S. 275). Unter Ludwig XIII. sind zentrifugale Tendenzen noch spürbar. Richelieu hat schließlich alle diese Kämpfe gewonnen, nicht zuletzt mit Hilfe des Bürgertums und der überlegenen finanziellen Mittel, die es ihm liefert. Ludwig XIV. steckt das Gefühl der Bedrohung in Fleisch und Blut. Der Hof ist für ihn eine Überwachungsanstalt. Fernbleiben macht misstrauisch

Damit haben die Herrschaftsmonopole, zentriert um die Monopole der Steuern und der körperlichen Gewalt, für eine bestimmte Stufe, nämlich als Monopole eines Einzelnen, ihre vollendete Form gefunden.

Aus dem Boden besitzenden und Boden oder Naturalrenten vergebenden König ist ein Geld besitzender und Geldrenten vergebender König geworden: Das gibt der Zentralisierung eine bisher unerreichte Stärke und Festigkeit.

Die Kraft der zentrifugalen, gesellschaftlichen Kräfte ist endgültig gebrochen. Alle möglichen Konkurrenten des Monopolherrn sind in eine institutionell gesicherte Abhängigkeit von ihm gebracht. In monopolistisch gebundener Konkurrenz kämpft nun der höfische Adel miteinander um Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat und dieser höfische Adel steht dabei unter dem Druck einer Reservearmee von ländlichen Adligen und von aufsteigenden bürgerlichen Elementen. Der Hof ist die Organisationsform dieses gebundenen Konkurrenzkampfes (S. 277).

Aber trotz der Größe der persönlichen Verfügungsgewalt über die monopolisierten Chancen, sie ist alles andere als unumschränkt. Es zeichnen sich bereits die Strukturelemente ab, die schließlich dazu führen, dass aus dieser persönlichen Verfügung eines Einzelnen über die Monopole, mehr und mehr eine öffentliche Verfügung, eine Verfügung unter der Kontrolle immer weiterer Teile des arbeitsteiligen Ganzen wird.

Für Ludwig XIV. gilt noch: "L'Etât c'est moi". Der Staat bin ich.

Institutionell hat die Monopolorganisation noch in beträchtlichem Maße den Charakter eines persönlichen Besitztums. Funktionell aber ist die Abhängigkeit des Monopolherrns von anderen Schichten außerordentlich stark und diese funktionelle Abhängigkeit wächst je weiter die Handels- und Geldverflechtung der Gesellschaft fortschreitet.
Nur durch das Spannungsgleichgewicht (aufsteigende Bürgerliche-schwächer werdender Adel) behält der Zentralherr seinen Entscheidungsspielraum. Das gewaltige Menschengeflecht über das Ludwig XIV. herrscht, hat seine eigene Gesetzlichkeit und sein eigenes Schwergewicht, denen er sich fügen muss.

Die Möglichkeit des Zentralfunktionärs, das ganze Menschengeflecht in seinem persönlichen Interesse zu steuern beschränkt sich erst dann, wenn das Spannungsgleichgewicht auf dem er balanciert, zugunsten des Bürgertums umkippt und sich eine neue Gesellschaftsbalance mit neuen Spannungsachsen herstellt.
Erst damit beginnen auch institutionell aus den persönlichen Monopolen öffentliche Monopole zu werden. In einer allmählichen Zentralisierung der physischen Gewaltmittel und der Steuerabgaben, im Zusammenhang mit einer immer stärkeren Funktionsteilung und mit dem Aufstieg berufsbürgerlicher Schichten organisiert sich die französische Gesellschaft Schritt für Schritt in der Form eines Staates (S. 279).

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20070616

Vergesellschaftung Monopol Feudalismus Königsmechanismus zt-55

Die Gewichtsverteilung im Innern der Herrschaftseinheit und ihre Bedeutung für die Zentralgewalt.
Die Bildung des 'Königsmechanismus'.

In der Entwicklung von Monopolen sind zwei Phasen unterschieden worden:
1. Die Phase der freien Konkurrenz mit dem Drang zur Bildung von mehr oder weniger privaten Monopolen und
2. die allmähliche Verwandlung der 'privaten' in 'öffentliche' Monopole.
Es handelt sich hier aber nicht um ein einfaches Hintereinander der Tendenzen.

Die französische Revolution bedeutet einen gewaltigen und besonders spürbaren Schub auf dem Weg der Vergesellschaftung des Steuer- oder des Gewaltmonopols im Bereich Frankreichs.

Hier gehen diese Herrschaftsmonopole nun tatsächlich in die Verfügungsgewalt oder mindestens in die institutionell gesicherte Kontrolle breiterer Gesellschaftsschichten über; der Zentralherr wird ein Funktionär unter anderen innerhalb des ganzen Geflechts einer funktionsteiligen Gesellschaft.

Die funktionelle Abhängigkeit der Zentralherren von den Repräsentanten anderer gesellschaftlicher Funktionen ist so groß geworden, dass sie in der Gesellschafts Organisation deutlich zum Ausdruck kommt. Diese Abhängigkeit war aber schon vorher da, nur nicht so stark (S. 222).

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator

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Tendenzen zu einer Art von 'Vergesellschaftung' zeigen sich, wenn der Besitz oder der Verfügungsbereich von Zentralherren sehr groß zu werden beginnt (in vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaften).

Was wir 'Feudalismus' nennen und was oben als das Wirken der zentrifugalen Kräfte beschrieben wurde, ist nichts anderes als der Ausdruck solcher Tendenzen; sie zeigen an, dass die funktionelle Abhängigkeit eines Herrn von seinen Dienern, also von breiteren Schichten, im Wachsen ist; sie führt zum Übergang der Verfügungsgewalt über Böden und (kriegerische) Machtinstrumente aus der Hand des Zentralherrn in die der nächsten Diener und dann unter Umständen in die der (Krieger)-Gesellschaft.

Vergesellschaftung bedeutet eine Auflösung des zentralisierten Monopols. Sie führt zur Umwandlung eines großen Monopolbesitzes in kleine Monopolbesitzungen, also in eine dezentralisierte und weniger organisierte Form des Monopols (S. 223).

Überall in der Geschichte zeigt sich die gleiche Gesetzmäßigkeit. In der Entwicklung Frankreichs vollzieht sich diese Bewegung relativ geradlinig.

Durchbrochen und modifiziert wird dieser Rhytmus von Zentralisierungs- und Dezentralisierungsschüben erst in dem Maße, in dem mit der zunehmenden Funktionsteilung in einer Gesellschaft statt der Verfügungsgewalt über Böden die Verfügung über Geldmittel zur dominanten Besitzform wird.

Erst dann löst sich das große, zentralisierte Monopol nicht mehr in viele kleine Bezirke auf (wie bei jedem Feudalisierungsschub), sondern es wird, zentralisiert wie es ist, langsam zu einem Instrument der funktionsteiligen Gesellschaft als eines Ganzen, also zunächst zu einem Zentralorgan dessen, was wir den Staat nennen (S. 224).

Die Entwicklung des Tausch- und Geldverkehrs samt der diese tragenden Formationen steht mit der Entwicklung des Herrschaftsmonopols in unablässiger Wechselbeziehung.

Beide Entwicklungsreihen greifen ständig ineinander und schrauben sich gegenseitig hoch.

Die Gestalt und der Entwicklungsstand der Herrschaftsmonopole werden durch diese Differenzierung der Gesellschaft, durch das Fortschreiten des Geldverkehrs und die Bildung von Geld erwerbenden und besitzenden Schichten beeinflusst.

Andererseits ist auch das Gedeihen der Arbeitsteilung selbst, die Sicherung von Wegen und Märkten, die Regelung der Münzprägung, des Geldverkehrs, der Schutz der friedlichen Produktion und andere Koordinations- und Regulierungsaufgaben in hohem Maße von der Ausbildung größerer Monopol- und Zentralinstitute abhängig.

In anderen Worten: Je mehr sich die Arbeitsgänge, die gesamten Funktionen in einem Gesellschaftsverband differenzieren, je länger und komplizierter die Ketten der individuellen Aktionen werden, die ineinander greifen müssen, damit die einzelne Aktion ihren gesellschaftlichen Zweck erfüllt, desto ausgeprägter tritt an dem Zentralorgan ein ganz spezifischer Charakter hervor:
Der Charakter des obersten Koordinations- und Regulationsorgans für das Gesamte der funktionsteiligen Prozesse.

Ohne entsprechend hoch organisierte Organe mit dieser Funktion können von einer bestimmten Höhe der Differenzierung an die funktionsteiligen Prozesse innerhalb einer Gesellschaft weder vorankommen, noch aktuell funktionieren (S. 225).

Auch die locker organisierten Gesellschaften des 9. u. 10. Jahrhunderts brauchten unter Umständen einen obersten Koordinator (Heerführer). Jeder Einzelne war bedroht, wenn die Zusammenarbeit des ganzen Heeres versagte. Erfüllte der König diese Aufgabe (seine gesellschaftliche Funktion) wuchs auch seine gesellschaftliche Stärke.

Wenn ein Gesellschaftsverband sich als Ganzes reicher differenziert dann erst werden regulierende und koordinierende Zentralorgane für die Aufrechterhaltung des ganzen gesellschaftlichen Getriebes so unentbehrlich, dass sie nicht mehr aufgelöst werden können (S. 226).

Die Bildung von besonders stabilen und spezialisierten Zentralorganen für größere Gebiete ist eine der hervor stechendsten Erscheinungen der abendländischen Geschichte.

Die Differenzierung und Spezialisierung der gesellschaftlichen Funktionen hat im Abendland einen höheren Stand erreicht als in irgendeinem anderen Gesellschaftsverband der Erde. So gewinnen auch zuerst im Abendland spezialisierte Zentralorgane ein sonst unbekanntes Maß von Stabilität.

Dabei gewinnen die Zentralorgane, die Zentralfunktionäre mit ihrer steigenden Bedeutung als oberste gesellschaftliche Koordinatoren und Regulatoren durchaus nicht notwendig zugleich an herrschaftlicher Verfügungsgewalt.
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20070601

Konkurrenzkampf Monopolbildung zt-53

Was Menschen des 20. Jahrhunderts beim Rückblick im Auge behalten müssen ist die Tatsache, dass gesellschaftliche Funktionen, die sich in der neueren Zeit differenziert haben, in dieser früheren Phase noch mehr oder weniger ungesondert sind.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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In der gesellschaftlichen Position des großen Feudalherren, des Fürsten vereinigte sich die Funktion des reichsten Mannes, des Besitzers der größten Produktionsmittel seines Gebietes, mit der Funktion des Herrschenden, des Besitzers der militärischen Verfügungsgewalt und der Jurisdiktion. Funktionen, die heute arbeitsteiligen Gruppen repräsentieren, wie etwa die Funktion eines Großgrundbesitzers und die Funktion eines Regierungsoberhauptes bilden hier noch untrennbar verbunden eine Art von Privatbesitz.

Das hängt damit zusammen, dass in dieser natural-wirtschaftenden Gesellschaft der Boden, in der späteren Gesellschaft hingegen das Geld (als Inkarnation der Funktionsteilung) das wichtigste Produktionsmittel bildet.

Es hängt aber nicht weniger damit zusammen, dass in der späteren Phase das Schlüsselstück jedes Herrschaftsmonopols, das Monopol der körperlichen, der militärischen Gewaltausübung, über größere Gebiete hin eine feste und stabile gesellschaftliche Institution bildet, während es sich in der vorangehenden Phase durch jahrhundertelange Kämpfe hindurch erst langsam entwickelt und zwar zunächst in der Form eines privaten, eines Familienmonopols.

Wir sind gewohnt zwei Sphären, Wirtschaft und Politik und zwei Arten von gesellschaftlichen Funktionen, wirtschaftliche und politische Funktionen voneinander zu unterscheiden.
Nichts ist weniger selbstverständlich.

Für alle naturalwirtschaftlichen Kriegergesellschaften (nicht nur für sie) ist das Schwert ein sehr nahe liegendes, ein unentbehrliches Mittel zum Erwerb von Produktionsmitteln und die Gewaltandrohung ein unentbehrliches Mittel der Produktion.

Erst wenn die Funktionsteilung sehr weit vorangetrieben ist, erst wenn sich als Resultat langer Kämpfe eine spezialisierte Monopolverwaltung heran gebildet hat, erst dann können sich Konkurrenzkämpfe um Konsumtions- und Produktionsmittel unter weitgehender Ausschaltung von körperlicher Gewaltandrohung vollziehen und erst dann existiert eine 'Wirtschaft' und 'Politik'.

Eine Konkurrenzsituation, bzw. Konkurrenzbeziehung stellt sich überall dort her, wo sich mehrere Menschen um dieselben Chancen bemühen, wo mehr Nachfragende vorhanden sind, als Chancen zur Befriedigung der Nachfrage, die Verfügung über diese Chancen mag in der Hand von Monopolisten sein oder nicht.

Die 'freie Konkurrenz' ist dadurch charakterisiert, dass sich hier die Nachfrage Mehrerer auf Chancen richtet über die noch nicht jemand verfügt, der außerhalb des Konkurrenzspielraums der Rivalisierenden steht.

Ein freier Konkurrenzkampf entsteht beispielsweise dann auch, wenn sich unter mehreren, die interdependent sind, Böden und kriegerische Chancen so gleich verteilen, dass niemand von ihnen unzweideutig der Chancenreichste, der gesellschaftlich Stärkste ist, also in jener Phase der Beziehungen zwischen feudalen Kriegerhäusern oder zwischen Staaten, in der keiner dem Rivalitätsspielraum der anderen entwachsen ist, also noch kein zentralisiertes Herrschaftsmonopol besteht.

Ein freier Konkurrenzkampf entsteht ebenso, wenn sich Geldchancen unter viele, interdependent Verbundene in dieser Weise relativ gleichmäßig verteilen; und hier wie dort wird der Kampf um so intensiver, je mehr die Bevölkerung, je mehr die Nachfrage nach solchen Chancen wächst, wenn nicht zugleich auch diese Chancen selbst wachsen (S. 207).

In den Kämpfen der feudalen Kriegerhäuser wirken beide Arten der Kampfmittel, beide Formen der Gewalt (körperlich-kriegerische und wirtschaftliche) noch, ziemlich ungetrennt voneinander, zusammen. Freie Konkurrenzkämpfe einer größeren Anzahl von Rivalen führen zu einer immer kleineren Anzahl von Rivalen.

Das gesellschaftliche Phänomen der Monopolbildung ist nicht auf Prozesse beschränkt, an die man heute denkt, wenn von Monopolbildung die Rede ist.

Die Akkumulation von Besitzchancen stellt nur einen historischen Schub von Monopolbildungen unter vielen anderen dar.

Funktionsgleiche Prozesse, also Tendenzen zu einem Aufbau des menschlichen Beziehungsgeflechts, bei dem einzelne Menschen oder Menschengruppen durch mittelbare oder unmittelbare Gewaltandrohung den Zugang anderer zu bestimmten, umworbene Chancen beschränken und regeln können.
Solche Prozesse treten in mannigfacher Gestalt und an verschiedenen Stellen der Menschheitsgeschichte auf (S. 208).

Für alle Beteiligten steht ihre soziale Existenz auf dem Spiel und das ist das Zwingende an diesen Kämpfen.
Das macht diese Kämpfe unvermeidlich und unentrinnbar.

Ist eine Gesellschaft in eine Bewegung dieser Art geraten, dann steht in der noch monopolfreien Sphäre jede soziale Einheit immer vor der gleichen Alternative: entweder:
besiegt zu werden (Gefangenschaft, Not, materielle Not, soziales Absinken, Verlust der gesellschaftlichen Selbständigkeit, Übergang in abhängige Positionen, Aufgehen in einem größeren gesellschaftlichen Komplex und damit Zerstörung dessen was zunächst einmal für ihr Bewusstsein ihrem Leben Sinn, Wert und Dauer gab)
oder sie können siegen.

Aber dieser Sieg bedeutet über kurz oder lang die Gegenüberstellung und Auseinandersetzung mit einem Rivalen der neuen Größenordnung. Die bloße Erhaltung der sozialen Existenz erfordert in der Situation der freien Konkurrenz immer zugleich deren Vergrößerung.

Der Gewinn des Einen ist hier notwendigerweise der Verlust des Anderen. (S. 208).

Wird eine bestehende soziale Existenz zerstört, so wird all das was in ihren Augen ihrem Leben Sinn und Glanz gibt, die Selbständigkeit ihrer Herrschaft, die unabhängige Verfügungsgewalt über ihren Hausbesitz, ihre Ehre, ihr Rang ihr gesellschaftliches Ansehen vernichtet.

Die Rivalitäten treiben langsamer oder schneller auf eine neue gesellschaftliche Ordnung, auf eine Monopolordnung voran und an die Stelle der monopolfreien Konkurrenzkämpfe treten monopolistisch gebundene Konkurrenzkämpfe.

Erst mit der Bildung solcher Monopole stellt sich schließlich auch die Möglichkeit zur Lenkung der Chancenverteilung unter den aneinander gebundenen Menschen ein. Diese Vormachtbildung bedeutet den sozialen Untergang als selbständige, soziale Einheiten (S. 211).

In der kapitalistischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und vor allem des 20. Jahrhunderts tritt der allgemeine Drang zu einer wirtschaftlichen Monopolbildung deutlich in Erscheinung, gleichzeitig eine analoge Tendenz zur Vormachtbildung im Wettstreit der Staaten (S. 211).

Anfangs des 16. Jahrhunderts stehen einander das Habsburger Kaiserhaus und das Haus der französischen Könige gegenüber, jetzt als Rivalen einer ganz neuen Größenordnung.

Sie ringen miteinander um die Chancen und die Vormacht in einem noch größeren Gebiet, für das noch kein Herrschaftsmonopol besteht, also als freie Konkurrenten.
Und die Rivalität zwischen ihnen wird für geraume Zeit zu einer Hauptachse des werdenden europäischen Spannungssystems.

Das französische Herrschaftsgebiet ist beträchtlich kleiner als das Hausgebiet der Habsburger, aber es ist erheblich stärker zentralisiert und es ist vor allem geschlossener, nämlich militärisch durch 'natürliche Grenzen' besser geschützt (S. 218).

Apanage Dauphine Feudalität Krieg zt-52

Neue Stärkung der zentrifugalen Kräfte:
Der Konkurrenzkreis der Prinzen

Die Bildung des Herrschaftsmonopols vollzieht sich nicht so geradlinig (wie es bei der Betrachtung der Bodenakkumulation erscheint).
Je größer der Landbesitz, desto stärker wird die Tendenz zur Dezentralisierung.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator

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Nun verändert sich die Spielweise der dezentralisierenden gesellschaftlichen Kräfte.
Geld und Handwerk spielen in der Gesellschaft eine erheblich größere Rolle als damals. Jetzt hat das Bürgertum ein eigenes soziales Gewicht bekommen; die Verkehrsmittel haben sich entwickelt.

Alles das bietet der Herrschaftsorganisation eines größeren Gebietes Chancen, die früher gefehlt haben. Ein wachsender Teil der Helfer und Diener des Zentralherren stammt nun überdies aus städtischen Schichten (S. 180).

Nun stellen die nächsten Angehörigen des Zentralherren eine bedeutende Bedrohung dar. Dies sind nun die Hauptexponenten der Dezentralisation.
Herrschaftsgebiet und Herrschaftsmonopol sind ein Familieneigentum und alle nächsten Angehörigen erheben einen Anspruch zum mindesten auf Teile dieses Besitzes.

Zentrifugaler Prozess --> Desintegrationsschub.

Es gibt noch kein allgemeines oder übergreifendes 'Recht', denn es gibt noch keine übergreifende Macht, die ein solches Recht durchsetzen kann. (Erst im Zusammenhang mit der Bildung von Gewaltmonopolen, mit der Zentralisierung der Herrschaftsfunktionen setzt sich ein allgemeineres Recht, ein gemeinsamer Rechtscode für große Gebiete durch).

Die Kinder auszustatten ist eine gesellschaftliche Verpflichtung, ein Brauch. Mit ihm verbindet sich ein hoher Prestigewert begüterter Familien. Es ist da der Impuls die Söhne und Töchter zu versorgen, für eine standesgemäße Ausstattung zu sorgen zur Erhaltung des sozialen Standards und zur Vergrößerung der Chancen für die Macht und die Dauer des Hauses.

Aber diese Abtrennung von Besitzungen und Herrschaftsfunktionen zugunsten von Familienangehörigen gefährdet sehr oft die Macht und die Dauer des Hauses. (Erst Ludwig XIV. hielt alle seine Angehörigen von jeder Herrschaftsfunktion und Machtposition fern).

Das Besitztum der Königsfamilie hat sehr stark den Charakter eines kleinen Familienunternehmens. Gebiete werden als Apanagen an die jüngeren Kinder der Könige gegeben (Kapetinger). Ein 'Dauphine' ist der Thronfolger.
Das Faktum der Apanagierungen zeigt bis zu welchem Grad die französische Territorialmacht auch noch im 14. Jahrhundert noch immer den Charakter eines Familienunternehmens hat.

Was der Konkurrenzsituation innerhalb des westfränkischen Nachfolgegebietes den besonderen Charakter gibt ist die Tatsache, dass beinahe alle, die daran teil haben, Abkömmlinge des Kapetingerhauses selbst sind.
Es sind Apaganierte und ihre Nachkommen, die sich nun als Konkurrenten oder Rivalen gegenüberstehen. Sie sind die Akteure erster Ordnung.

Noch einmal vollzieht sich einer jener Desintegrationsschübe, wie sie Jahrhunderte früher zur Desintegration der Karolingerherrschaft, dann zur feudalen Gesellschaftsordnung des 12. Jahrhunderts hinführten.

Apaganierte, werden zu Konkurrenten eines geschwächten Zentralhauses. Der Konkurrenzkampf ist jetzt auf wenige Abkömmlinge des ursprünglichen Zentralhauses selbst beschränkt. Das ist ein Anzeichen dafür, wie weit dieses Menschengeflecht mindestens in seinem agrarischen Sektor, bereits zu einem System mit geschlossenen Chancen geworden ist (S. 194).

Die Hauptpersonen des Vormachtskampfes unter den Königsverwandten wechseln zuweilen, aber, wie auch die Personen wechseln, die Verflechtungszwänge, die sie treiben, bleiben die gleichen.

Diese Konkurrenzkämpfe zwischen den Königsverwandten aber verflechten sich notwendigerweise zugleich in die größere Auseinandersetzung dieser Zeit, die noch nicht zur Entscheidung gekommen ist, in die Auseinandersetzung mit den Plantagenets (dort analoge Mechanismen und ähnliche Auseinandersetzungen). Ein Anspruch mag schlechter oder besser sein, Sieger ist der Stärkere.

Wie ehemals die Ausscheidungs- oder Vormachtkämpfe innerhalb der breiten, nachkarolingischen Feudalität, so drängen nun analoge Spannungen von neuem Einzelne aus dem weit beschränkteren Konkurrenzkreis der großen kapetingischen Territorialherren zur Ausdehnung ihres Gebietes.

Aber als Mittel der Expansion spielen jetzt Heirat, Erbschaft und Kauf mindestens eine ebenso wichtige Rolle, wie Kriege und Fehden. Nicht nur Habsburg heiratet sich groß.

In dieser Phase haben sich die Konkurrenzmöglichkeiten bereits verringert und der Aufbau der Spannungen zwischen den Menschen drängt zur Bildung von Herrschaftsmonopolen für Gebiete einer höheren Größenordnung hin (S. 198).

Den hundertjährigen Krieg muss manfrau so betrachten: Als eine der unvermeidlichen Entladungen innerhalb einer spannungsreichen Gesellschaft von Territorialbesitzungen bestimmter Größenordnung, als Konkurrenz- oder Vormachtskämpfe rivalisierender Häuser innerhalb eines interdependenten Systems von Herrschaftseinheiten mit sehr labilem Gleichgewicht.

Die Häuser von Paris und von London konkurrieren um die Vormacht in dem gleichen Gebiet. Dann gibt es Spannungen innerhalb dieser Gebiete, vor allem Spannungen zwischen den verschiedenen Zweigen des Pariser Hauses selbst, kristallisieren sich an diese Hauptspannung des ganzen Territorialsystems an.

Wachstum der Funktionsteilung und der überlokalen Interdependenz. In dieser Zeit beginnen auch schon Interdependenzen und Verschiebungen des territorialen Gleichgewichts über den größeren Raum des ganzen westlichen Europas hin spürbar zu werden (S. 200). Im hundertjährigen Krieg tritt diese wachsende Interdependenz über größere Räume hin schon deutlich in Erscheinung.

Es kündigt sich hier bereits an, was wenige Jahrhunderte später, im 30 - jährigen Krieg, schon weit ausgeprägter in Erscheinung tritt:
Der Erdteil Europa als Ganzes beginnt ein interdependentes Ländersystem mit einer eigenen Gleich- und Schwergewichtsdynamik zu werden, innerhalb dessen jede Stärkeverschiebung mittelbar oder unmittelbar jede einzelne Einheit, jedes Land, in Mitleidenschaft zieht.

Im 1.Weltkrieg kündigt sich an, wie die Spannungen und Gleichgewichtsverschiebungen im Zuge der gleichen Transformation, der immer weiter wachsenden Verflechtung, nun schon Herrschaftseinheiten über einen noch größeren Raum, Länder über weite Teile der Erde hin affizieren.

Art und Stufen der Monopolbildung, auf die Spannungen einer solchen Weltverflechtung hinsteuern.
Erscheint das schon am Horizont unseres Bewusstseins?

Die Londoner Herrschaft wurde auf das Inselreich beschränkt und das Haus von Paris wurde Kristallisationszentrum.

Der hundertjährige Krieg hat aber zunächst eine Desintegrierung zur Folge. Den französischen Königen ist der Herrschaftsanspruch auf das Inselreich endgültig entglitten und die englischen Könige scheiden aus dem festländischen Spiel um die Vormacht und um die französische Krone aus.

Ähnliches vollzieht sich später zwischen Preußen und Österreich. Hier wie dort wird durch eine Desintegration die Integration auf ein kleineres Gebiet beschränkt und damit in hohem Maße erleichtert (S. 202).

In Frankreich verlagern sich die Spannungen und die Balance innerhalb des Gebietes selbst. Mit dem Ausscheiden der Engländer wird die Rivalität zwischen den verschiedenen Zweigen des Kapetingerhauses selbst zur beherrschenden Spannung.
Es ist noch nicht entschieden am Ausgang des hundertjährigen Krieges durch welchen dieser Zweige die Integration vollzogen wird. Acht große Häuser, alles Abkömmlinge und Verwandte von Apanagierten, also Abzweigungen des Kapetingerhauses.

Die seigneuriale, die nach-karolingische Feudalität hat sich, wie manfrau es ausgedrückt hat, zu einer 'prinzlichen', einer kapetingischen Feudalität 'kontrahiert' (S. 203). Ein einzelnes Haus ist als Sieger hervorgegangen (die Kapetinger) und nun streiten sich die verschiedenen Zweige der Familie um die Vormacht.

Hier und jetzt nach dem hundertjährigen Krieg haben wir noch nicht eine vollkommene Konzentrierung oder Zentralisierung der herrschaftlichen Verfügungsgewalt.
Hier sind wir erst auf einer Stufe auf dem Weg zum absoluten Monopol. Es ist ein Zustand stark beschränkter Konkurrenz. Wer nicht zur Familie gehört, hat so gut wie keine Chance (S. 204).

Hegemonie Monopol Staatenbildung zt-51

Wichtig der Unterschied zwischen den beiden Fragestellungen zu unterscheiden, einmal dem allgemeinen Problem der Monopol- und Staatenbildung und andererseits der spezielleren Frage, warum gerade ein bestimmtes Kriegerhaus die Hegemonie gewann. Dieser Unterschied ist im Auge zu behalten.

Es ist immer ein Haus, eine Familie als gesellschaftliche Einheit, die sich durchsetzt, nicht ein Einzelner. Um 1032 war das Gebiet 'Frankreichs' in größere und kleiner Territorialherrschaften aufgespalten. Aber die Chancen der kleineren Feudalhäuser sind nicht sehr groß. Das tritt im Laufe des 11. Jahrhunderts zutage.

Es gibt Kämpfe zwischen den Fürstenhäusern um die Vormacht innerhalb eines größeren Gebietes. Der Verflechtungsmechanismus des freien Konkurrenzkampfes treibt sein Spiel von nun ab innerhalb eines beschränkteren Kreises, nämlich unter denjenigen Kriegerfamilien, die zu Zentralhäusern eines Territoriums geworden sind (S. 163).

Elias beschreibt nun die Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft auf den Gebieten Frankreichs und Englands. In Frankreich das Haus der Herzöge von Francien, die Kapetinger. England: Wilhelm der Eroberer,.sein Haus sind die Plantagenets. Anfangs des 12. Jahrhunderts unter Ludwig VI. Eroberungen und Gegeneroberungen.

Überall versuchen die Einheiten zweiter Stärke einen Block gegenüber jener Einheit zu bilden, die durch Zusammenschluss vieler Gebiete der Vormachtstellung am nächsten ist; eine Blockierung provoziert die andere; wie lange das Spiel auch hin und her geht, das System als Ganzes tendiert zum festeren Zusammenschluss immer größerer Gebiete um ein Zentrum zur Konzentrierung der wirklichen Entscheidungsgewalt bei immer weniger Einheiten und schließlich in einem einzigen Zentrum (S. 169).

Die einzelnen Herrschaftsgebilde hatten noch keine sehr große Festigkeit; sie waren Privatunternehmungen und wie diese unterworfen den gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten des Konkurrenzkampfes.

In dieser Zeit (Ende des 12. Jahrhunderts) handelt es sich noch nicht um Kämpfe zwischen Staaten oder Nationen (es gibt unverständlich bleibende Bildungsgeschichten von 'Staaten' oder 'Nationen'). Vielmehr handelt es sich hier um einen Kampf konkurrierender oder rivalisierender Fürstenhäuser, die zunächst als kleine dann als immer größere Einheiten zur Expansion treiben (S. 172).

In diesem beständigen Ringen verschwindet ein Fürstenhaus nach dem anderen. Die Integrierung oder der Zusammenschluss von Gebieten, bedeutet in erster Linie die Besiegung eines Kriegerhauses durch ein anderes, also das Aufgehen des einen im anderen oder bestenfalls seine Unterwerfung, seine Abhängigkeit von dem Sieger (S. 178).

Am Anfang des 14. Jahrhunderts Aussterben der Kapetinger. Im 14. Jahrhundert stellen die vielen Kriegerhäuser einzeln keine Macht mehr dar die zählt. Die eigentliche Initiative liegt bei ganz wenigen Kriegerhäusern, die als vorläufige Sieger aus den bisherigen Ausscheidungskämpfen hervorgegangen sind, und die soviel Boden akkumuliert haben, dass alle andere Kriegerhäuser sich nicht mehr mit ihnen zu messen vermögen, sondern nur in Abhängigkeit von ihnen handeln können.

Dem Gros der Krieger bleibt nun der soziale Aufstieg im großen und ganzen verschlossen. Die Zahl derer, die konkurrieren können ist immer geringer geworden. Im westfränkischen Gebiet zählen neben dem Haus von Francien nur noch 4 andere Häuser und zwischen ihnen muss sich entscheiden wer über das Herrschaftsmonopol verfügen und wo das Zentrum und Grenzen des Monopolgebietes liegen wird.

Aus einer Kriegergesellschaft mit relativ freier Konkurrenz ist eine Gesellschaft mit monopolartig beschränkter Konkurrenz geworden (S. 179).

20070531

Konkurrenz Monopolmechanismus Monopolbildung Staat zt-50

Die Gesellschaft der neueren Zeit ist durch einen ganz bestimmten Stand der Monopolbildung charakterisiert.
1. Die freie Verfügung über militärische Machtmittel ist dem Einzelnen genommen und einer Zentralgewalt vorbehalten.
2. Die Erhebung der Steuerabgaben ist in den Händen einer gesellschaftlichen Zentralgewalt konzentriert.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Die finanziellen Mittel die der gesellschaftlichen Zentralgewalt zufließen halten das Gewaltmonopol aufrecht, das Gewaltmonopol hält das Abgabenmonopol aufrecht. Es handelt sich um zwei Seiten der gleichen Monopolstellung.
Kurz: Steuermittel erhalten (unterstützen) das Gewaltmonopol und Gewaltmittel erhalten das Steuermonopol.

In einer sehr fortgeschrittenen Funktionsteilung der Gesellschaft bildet sich eine spezialisierte Verwaltungsapparatur dieser Monopole heraus. Und erst mit der Herausbildung dieses differenzierten Herrschaftsapparats bekommt die Verfügung über Heer und Abgaben ihren vollen Monopolcharakter.

Die sozialen Kämpfe gehen nun nicht mehr um die Beseitigung des Herrschaftsmonopols, sondern nur mehr um die Frage, wer über die Monopolapparatur verfügen soll, woher sich rekrutieren, wie Last und Nutzen verteilt werden soll.

Erst mit der Herausbildung dieses beständigen Monopols der Zentralgewalt und dieser spezialisierten Herrschaftsapparatur nehmen die Herrschaftseinheiten den Charakter von 'Staaten' an (S. 143).

Wenn diese 'Schlüsselmonopole' verfallen, verfällt der Staat.

Wie und warum kommt es zu dieser Monopolbildung?

In der Gesellschaft des 9. 10. u. 11. Jahrhunderts ist der kriegerische Erwerb von Boden der 'Privatinitiative' überlassen.
Starke Nachfrage nach Böden.
Konkurrenzkampf mit kriegerischer und wirtschaftlicher Gewalt.
(Im 19. Jahrhundert wird die Kraft der staatlichen Monopole mit den Mitteln wirtschaftlicher Gewalt geführt S. 144).

Zentrum der Bewegungen ist hier wie dort die Akkumulation des jeweils wichtigsten Produktionsmittel, hier (19. Jahrhundert) Geld, dort (9. 10. u. 11. Jahrhundert) Böden.

Mechanismus der Monopolbildung:

"Wenn in einer größeren, gesellschaftlichen Einheit viele der kleineren, gesellschaftlichen Einheiten, die die größere durch ihre Interdependenz bilden, relativ gleiche, gesellschaftliche Stärke haben und dementsprechend frei - ungehindert durch schon vorhandene Monopole- miteinander um Chancen der gesellschaftlichen Stärke konkurrieren können (also vor allem um Subsistenz- und Produktionsmittel), dann besteht eine sehr große Wahrscheinlichkeit dafür, dass einige siegen, andere unterliegen und dass als Folge davon, nach und nach immer weniger über immer mehr Chancen verfügen, dass immer mehr aus dem Konkurrenzkampf ausscheiden müssen und in direkte oder indirekte Abhängigkeit von einer immer kleineren Anzahl geraten" (S. 144).

Das Menschengeflecht nähert sich als einem Zustand, bei dem die faktische Verfügungsgewalt über die umkämpften Chancen in einer Hand liegt; es ist aus einem System mit offeneren Chancen zu einem System mit geschlosseneren Chancen geworden (S. 145).

Experiment: Bestimmte Anzahl von Menschen und bestimmte Anzahl von Chancen. Im Optimalfall verfügt dann ein Einzelner über alle Chancen und alle Anderen sind von ihm abhängig (S. 145). Es muss sich aber um einen freien, von keiner Monopolmacht beeinflussten Wettkampf handeln.

Gang und Tempo ist in hohem Maße von dem Verhältnis abhängig, in dem Nachfrage und Angebot von Chancen stehen.

Wenn an die Stelle relativ unabhängiger, gesellschaftlicher Funktionen abhängige hervortreten (z.B. statt freie Ritter höfische Ritter, dann Höflinge), (z.B. an Stelle unabhängiger Kaufleute, abhängige) dann verändert sich notwendigerweise zugleich die Affektmodellierung, der Aufbau des Triebhaushaltes und des Denkens, der ganze soziogene Habitus und die sozialen Attituden der Menschen. Sowohl bei denen, die sich einer Monopolstellung nähern als auch denen die in direkter oder indirekter Abhängigkeit sind.

Der Prozess ist keineswegs so zu verstehen als ob manche immer weniger frei und mehr gebunden werden, und andere immer freier. Es ist vielmehr eine gegenseitige Abhängigkeit, die gewachsen ist.

Das folgende gilt auch als ein Beispiel dafür, wie aus privatem Besitz eine öffentliche Funktion wird, und wie sich das Monopol eines Einzelnen schließlich vergesellschaftet (wie später dann nach der franz. Rev.).

Je mehr Menschen durch das Spiel des Monopolmechanismus in Abhängigkeit geraten, desto größer wird die gesellschaftliche Stärke zwar nicht der einzelnen Abhängigen, aber der Abhängigen als eines Ganzen im Verhältnis zu den wenigen oder dem einen Monopolisten.

Und zwar durch ihre Anzahl, dann durch die Angewiesenheit der Wenigen (die sich der Monopolstellung nähern) auf immer mehr Abhängige zur Bewahrung und Bewirtschaftung der monopolisierten Chancen. Je mehr sich in einer Hand akkumuliert, desto stärker wird er von dem Geflecht seiner Abhängigen abhängig (S. 147).

Je umfassender und je arbeitsteiliger ein Monopolbesitz wird, desto sicherer und desto ausgeprägter strebt er einem Punkt zu, bei dem der oder die Monopolherren zu Zentralfunktionären eines funktionsteiligen Apparates werden, mächtiger vielleicht als andere Funktionäre, aber kaum weniger abhängig und gebunden als sie.

Die Verfügungsgewalt (der durch Privatinitiative in Ausscheidungskämpfen akkumulierten Chancen) tendiert dazu, von einem optimalen Punkt der Besitzgröße ab den Händen der Monopolherren zu entgleiten und in die Hände der Abhängigen als eines Ganzen (oder einiger Gruppen von Abhängigen) überzugehen.
Etwa in die Verfügungsgewalt der bisherigen Monopolverwaltung. Das Privatmonopol Einzelner vergesellschaftet sich; es wird zu einem Monopol ganzer Gesellschaftsschichten, zu einem öffentlichen Monopol, zum Zentralorgan eines Staates (S. 148).

Der Staatshaushalt entwickelt sich aus dem Privathaushalt feudaler Herrschaftshäuser. Es gab da noch keine Trennung zwischen 'öffentlichen' und 'privaten' Einnahmen oder Ausgaben.

Die Einnahmen kamen zuerst aus dem Haus- oder Domanialbesitz; die Verwaltung und Verteidigung des Besitzes wird für den Einzelnen immer unübersehbarer; zunehmende Kommerzialisierung; aus dem Monopol über den Boden wird ein Abgaben- oder Steuermonopol. Darüber wird wie über persönliches Einkommen verfügt.

Dann beschränkt sich der Entscheidungsspielraum des Monopolbesitzers durch das riesige Menschengeflecht, zu dem sein Besitz geworden ist.

Die fixen Kosten des Monopolapparates werden ständig größer. Und am Ende steht er bereits unter dem Druck, unter dem Gesetz und in funktionaler Abhängigkeit von der Gesellschaft, die er beherrscht.
Seine Unumschränktheit ist jetzt nicht mehr einfach eine Konsequenz seiner monopolistischen Verfügung über Chancen, sondern die Funktion einer besonderen Aufbaueigentümlichkeit der Gesellschaft in dieser Phase. Er bekommt dann Geld des Budgets für seine Funktion.

So gut wie alle Organe der staatlichen Herrschaftsapparatur entstehen durch Differenzierung von Funktionen des fürstlichen Haushalts.
Wenn schließlich diese Herrschaftsapparatur staatlich oder öffentlich geworden ist, dann bildet der Haushalt ihrer Zentralherren bestenfalls ein Organ unter anderen darin und schließlich kaum noch das.

Das Monopol tendiert also von einem bestimmten Grad der Akkumulation dazu, der Verfügungsgewalt eines Einzelnen zu entgleiten und in die Verfügungen ganzer Gesellschaftsgruppen überzugehen.

Oft zunächst in die Gewalt der früheren Herrschaftsfunktionäre, der ersten Diener des Monopolisten.

In Gesellschaften mit geringer Interdependenz der gesellschaftlichen Funktionen führt dieser Vergesellschaftungsschub notwendiger weise zu einer Art von 'Anarchie', zu einem Zerfall des Monopols oder zu dessen Aneignung durch eine Oligarchie.

Erst im Zuge der wachsenden gesellschaftlichen Interdependenz aller Funktionen wird es möglich, Monopole auch ohne sie aufzulösen, der willkürlichen Nutzung durch einige Wenige ganz zu entziehen.

Wo immer die Funktionsteilung stark und überdies im Wachsen ist, da kommen die Wenigen in Schwierigkeiten und in Nachteil gegenüber den Vielen. Das immer reicher funktionsteiligere Menschengeflecht als ein Ganzes hat ein Eigengesetz, das sich jeder privaten Monopolisierung von Chancen immer stärker entgegen stemmt.

Die Tendenz der Monopole (z.B. Gewalt- und Steuermonopol) aus privaten zu öffentlichen (staatlichen) Monopolen zu werden, ist nichts anderes als eine Funktion der gesellschaftlichen Interdependenz. Eine Hemmung für diesen Prozess wäre z.B. die Größe des deutschen Imperiums.

Der Prozess der Monopolbildung hat also einen klaren Aufbau. Der freie Konkurrenzkampf hat in diesem Prozess eine bestimmte Stelle und Funktion. Der Konkurrenzkampf ist ein Kampf relativ Vieler um Chancen, über die noch kein Monopol besteht.
Jeder gesellschaftlichen Monopolbildung geht ein solcher freier Ausscheidungskampf voraus. Jeder freie gesellschaftliche Ausscheidungs- oder Konkurrenzkampf tendiert zur Monopolbildung.

Gegenüber dieser Phase, der freien Konkurrenz bedeutet die Monopolbildung eine Schließung des direkten Zuganges zu bestimmten Chancen für immer mehr Menschen und bedeutet weiters eine immer stärkere Zentralisierung der Verfügungsgewalt über diese Chancen.

Aber, der Monopolist, ist nie in der Lage, die Erträge seines Monopols allein für sich zu verbrauchen; er ist ganz besonders nicht dazu in der Lage, innerhalb einer stark funktionsteiligen Gesellschaft. Er muss vielmehr einen großen Teil der Chancen, über die er verfügt, an andere verteilen, und zwar einen umso größeren Teil, je größer der akkumulierte Besitz wird und umso größer seine Angewiesenheit auf andere und damit deren gesellschaftliche Stärke wird.

Um die Verteilung dieser Chancen erhebt sich von neuem ein Konkurrenzkampf, aber während in der vorangegangenen Phase dieser 'frei' war, ist er jetzt davon abhängig, für welche Funktionen oder zu welchem Zweck der Monopolist den Einzelnen aus seiner Übersicht über das Ganze seines Herrschaftsbereichs braucht.

An die Stelle des freien Konkurrenzkampfes ist ein gebundener, von einer Zentralstelle gelenkter oder lenkbarer Konkurrenzkampf getreten.
Die Eigenschaften die in diesem gebundenen Konkurrenzkampf Erfolg versprechen sind anders als im vorigen. Die Selektion die er vornimmt ist anders. Die Menschen die er produziert sind anders (S. 154).

Das Gewalt- und Steuermonopol wird durch das Bürgertum übernommen. Sie besitzen wirtschaftliche Chancen in der Form eines unorganisierten Monopols. Sie sind gleich verteilt und können relativ frei konkurrieren. Diese Schicht kämpft nicht um die Zerstörung des Herrschaftsmonopols, weil der Bestand eines Gewalt- und Steuermonopols die Grundlage ihrer gesellschaftlichen Existenz ist.

Es beschränkt den Konkurrenzkampf auf das Mittel der wirtschaftlichen Gewalt. Es geht um eine andere Verteilung der Lasten und Erträge des Monopols.
Die Chancen, die das Monopol gibt sollen weniger nach der persönlichen Gunst und dem persönlichen Interesse Einzelner, sondern nach einem Plan im Interesse vieler interdependent Verbundener und schließlich im Interesse eines ganzen interdependenten Menschengeflechts sein (S. 156).

Durch Zentralisierung, durch Monopolisierung werden, mit anderen Worten, Chancen, die zuvor durch kriegerische oder wirtschaftliche Gewalt von Einzelnen erstritten werden mussten, einer Planung unterwerfbar und manipulierbar.

Der Kampf um die Monopole richtet sich von einem bestimmten Punkt der Entwicklung ab nicht mehr auf ihre Zerstörung, sondern er geht um die Verfügungsgewalt über ihre Erträge, um den Plan, nach dem Last und Nutzen verteilt werden sollen, um den Verteilungsschlüssel.

Die Verteilung selbst, die Aufgabe des Monopolherrn und der Monopolverwaltung wird aus einer privaten zu einer öffentlichen Funktion.

Die Zentralfunktionäre sind in diesem ganzen Geflecht nun Abhängige wie alle anderen.
Es bilden sich Institutionen zur Kontrolle. Und die Verfügung über das Monopol (Besetzung der Schlüsselposition) selbst, entscheidet sich nicht durch einen monopol-freien Konkurrenzkampf sondern durch regelmäßig wiederkehrende Ausscheidungskämpfe ohne Waffengewalt, die von dem Monopolapparat geregelt werden, durch monopolistisch 'gebundene' Konkurrenzkämpfe.

Es bildet sich das, was wir ein 'demokratisches Regime' nennen. Dieses ist nicht mit dem Vorhandensein von Monopolen schlechthin unvereinbar, sondern es hat selbst geradezu den Bestand von hoch organisierten Monopolen zur Voraussetzung.

Es kann nur entstehen unter bestimmten Voraussetzungen, bei einem bestimmten Aufbau des gesamten gesellschaftlichen Feldes und erst in einer sehr fortgeschrittenen Phase der Monopolbildung dauerhaft funktionieren (S. 157).


Die zwei Phasen im Ablauf eines Monopolmechanismus:

Erstens die Phase der freien Konkurrenz, Ausscheidungskämpfe mit der Tendenz zur Akkumulation von Chancen in immer weniger und schließlich in einer Hand, die Phase der Bildung des Monopols.

Zweitens die Phase in der die Verfügungsgewalt über die zentralisierten und monopolisierten Chancen dazu tendiert aus den Händen Einzelner in die einer immer größeren Anzahl überzugehen und schließlich zu einer Funktion des ganzen Menschengeflechts als einem Ganzen zu werden, die Phase, in der aus einem relativ 'privaten' ein 'öffentliches' Monopol wird (S. 157). In diese zweite Phase können nur Gesellschaften mit sehr reicher und steigender Funktionsteilung kommen.

Zusammenfassung:

Ausgang ist eine Situation in der eine ganze Schicht über unorganisierte Monopolchancen verfügt. Die Verteilung wird hier durch freien Kampf und offene Gewalt entschieden. Sie strebt einer Situation zu, in der Monopolchancen zentral organisiert und durch Kontrollinstitutionen gesichert ist und die Verteilung der Monopolerträge nach einem Plan erfolgt, der nicht am Interesse Einzelner sondern am Kreislauf der arbeitsteiligen Prozesse selbst, am Ineinanderarbeiten aller funktionsteilig verbundener Menschen orientiert ist (S. 158).

Die wirtschaftlichen Konkurrenzkämpfe unserer Tage, haben selbst den bereits festen Bestand von weit fortgeschrittenen Monopolbildungen zur Voraussetzung. Der Kampf um wirtschaftliche Chancen ist auf Mittel der 'wirtschaftlichen' Gewalt beschränkt.
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2007: Oder ? Was geschieht im (mit dem) Irak?
Ach ja. Demokratisierung!

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