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20070625

Der Staat bin ich. Werdender Absolutismus zt-66

Es ist die Stärke der Antagonismen zwischen den verschiedenen Gruppen dieser Gesellschaft, die der Zentralfunktion ihre Stärke gibt. Die bürgerliche Oberschicht steht nicht nur in einem Spannungsverhältnis zu den weltlichen und geistlichen Feudalherren, sondern auch zu den unteren, städtischen Schichten.

Hier ist es vor allem die Uneinigkeit der städtischen Schichten selbst, die den Zentralherrn begünstigt. Nicht nur die soziale sondern auch die regionale Zerspaltenheit begünstigt die Zentralfunktion. So sind die Verflechtungen zwischen den Städten noch nicht eng genug.

Gegenüber dem gesammelten Widerstand aller Bevölkerungsteile müsste das Königtum unterliegen. Jeder einzelnen Schicht, jeder einzelnen Region gegenüber ist die Zentralfunktion der stärkere Teil (S. 296).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Jede Machtprobe dieser Art treibt die Verfügungsgewalt des Zentralherrn um ein weiteres Stück voran. Die Bildungsgeschichte der 'Chambre des Aides' ist voll von Erschütterungen bis schließlich eine festgefügte Institution des königlichen Herrschaftsapparates daraus wird. Die Machtproben in diesen Schwankungen geben auch ein Bild von der Soziogenese der Königsfunktion.

Es macht verständlich, wie wenig alle diese Funktionen und Gebilde aus langfristigen Plänen und als bewusste Schöpfungen Einzelner, wie sehr sie als Verflechtungserscheinungen im beständigen Ringen der gesellschaftlichen Kräfte, in tausend kleinen Schritten und Tastversuchen entstehen (S. 297).

Die einzelnen Könige selbst, sind in ihren Handlungen, in ihrer Entfaltung ihrer persönlichen Kräfte völlig abhängig von der Lage, in der sie die Königsfunktion vorfinden.

Karl VII. ist nicht persönlich stark, das Königtum wird in seiner Zeit stärker und stärker. Im Krieg haben sich die ganzen finanziellen und menschlichen Hilfsmittel in der Hand der Zentralgewalt gesammelt. Zentralisierung der Heerführung, monopolistische Verfügung über die Abgaben ist vorangekommen.

Der König hat ein Übergewicht im Inneren. Er lässt 1436 erklären, dass ihm die Stände die 'Aides' für unbegrenzte Zeit bewilligt habe. Er hat nicht einmal die Ständeversammlung einberufen. Diese Ausschaltung der Ständeversammlung ist einfach ein Ausdruck für die gesellschaftliche Stärke des Königs. Der König hält die Verständigung mit den Besteuerten für nicht notwendig. Es kommt zu Widerstandsversuchen.

Aber jede dieser Machtproben zeigt immer von neuem und immer entschiedener, wie zwingend in dieser Phase mit der fortschreitenden Differenzierung und Verflechtung der Gesellschaft auch die Stärke der Zentralfunktion wächst.

Immer wieder ist es die in der Hand der Zentrale konzentrierte Kriegsmacht, die die Verfügungsgewalt der Zentralfunktion über die Abgaben sichert und steigert, und es ist die konzentrierte Verfügung über die Steuern, die eine immer stärkere Monopolisierung der physischen Gewaltausübung, der Kriegsmacht, ermöglicht.

Schritt für Schritt schrauben sich beide Machtmittel hoch, bis sich schließlich an einem bestimmten Punkt die überlegene Stärke, die die Zentralfunktion in diesem Prozess gewinnt, vor den Augen der erstaunten und erbitterten Zeitgenossen unverhüllt zeigt. Das alles bricht als etwas Neues über die Menschen herein, sie wissen nicht wie und warum (S. 298, 299).

Es sind die Untertanen, die auf den öffentlichen Charakter der Funktion des Königs hinweisen. Ausdrücke, wie 'öffentliche Sache', 'Vaterland', 'Staat' werden zunächst meist in der Opposition zu den Fürsten und Königen gebraucht.
Die Könige verfügen über ihr Herrschaftsgebiet, wie über privates Besitztum. In diesem Sinn muss man das verstehen: "Der Staat bin ICH".

Das Erstaunen über die Entwicklungsrichtung beschränkt sich nicht auf die Franzosen. Elias zitiert venezianische Gesandtenberichte in denen auch ein gewisses Erstaunen zum Ausdruck kommt. Gerade in diesen Schilderungen stößt manfrau auf wichtige Struktureigentümlichkeiten, auf Schlüsselstellungen des Absolutismus und bis zu einem gewissen Grad, des Staates überhaupt:

Die Ausgaben haben das Primat vor den Einnahmen. Dem Einzelnen in der Gesellschaft wird es zur Gewohnheit und Notwendigkeit gemacht seine Ausgaben streng nach den Einnahmen zu richten.
Im Haushalt eines gesellschaftlichen Ganzen bilden die Ausgaben den festen Punkt; und von ihnen werden die Einnahmen abhängig gemacht, nämlich die Abgaben, die man auf Grund des Steuermonopols von den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft fordert.

Auch das ist ein Beispiel dafür, wie das Ganze, das sich aus der Verflechtung der Individuen ergibt, Aufbaueigentümlichkeiten besitzt und Gesetzlichkeiten unterliegt, die von denen des einzelnen Menschen verschieden und nicht vom Einzelnen her zu verstehen sind (S. 302).

Die einzige Grenze, die dem Geldbedarf einer solchen gesellschaftlichen Zentrale gesetzt ist, bildet die Steuerkapazität der Gesamtgesellschaft und die gesellschaftliche Stärke der einzelnen Gruppen im Verhältnis zu den verfügungsberechtigten Herren des Steuermonopols innerhalb ihrer.

Später (unter der Kontrolle bürgerlicher Schichten) trennt sich die Haushaltsführung der Gesamtgesellschaft mit aller Entschiedenheit von der Haushaltsführung der einzelnen Personen (die die zentralen Monopole als Funktionäre der Gesellschaft verwalten). Die Könige bzw. Zentralherren haben dann ihre festgelegten Bezüge und richten ihre Ausgaben nach den Einnahmen.

In der ersten Phase des vollendeten Monopols verhält es sich anders.
Königshaushalt und Gesellschaftshaushalt sind noch ungetrennt. Die Könige machen die Abgaben, die sie fordern, von den Ausgaben abhängig (Kriege, Schlösserbau, Geschenke an Günstlinge).

Die Schlüsselmonopole der Herrschaft haben hier in der Tat den Charakter von persönlichen Monopolen. Der venezianische Beobachter um 1500 sieht diese Neubildungen nicht ohne Neugierde.

"Abgesehen davon, dass der König mächtig durch seine Waffen ist, er hat auch durch den Gehorsam seines Volkes Geld... die Landbevölkerung, die den Hauptteil dieser Lasten trägt, sehr arm ist"(S. 304).

"...keines ist so geeint und gehorsam wie Frankreich ... die Ursache seines Ansehens: Einheitlichkeit und Gehorsam ... ihre Freiheit und ihren Willen vollkommen dem König übergeben ... das Ganze wird exekutiert und prompt getan, als ob sie das alle beschlossen hätten ... Belohnungen, nur für Lebenszeit zu geben ... gibt man nur für Lebenszeit, so belohnt man nur die, die es verdienen ... da es nichts als arme Fürsten gibt, so haben sie weder den Sinn noch die Möglichkeit etwas gegen den König zu versuchen ..." (S. 305, 306).

In diesen Berichten der venezianischen Gesandten bekommt manfrau einen Überblick über die entscheidenden Aufbaueigentümlichkeiten des werdenden Absolutismus:
Ein Feudalherr hat die Vormacht vor allen seinen Konkurrenten, die Oberherrschaft über alle Böden gewonnen.

Und diese Verfügung über die Böden kommerzialisiert sich oder monetarisiert sich mehr und mehr. Die Wandlung äußert sich einmal darin, dass der König ein Monopol der Abgabeneinziehung und -festsetzung über das ganze Land hin besitzt, so dass er über das bei weitem größte Einkommen des Landes verfügt. Aus dem Boden besitzenden und Boden vergebenden König wird mehr und mehr ein über Geld verfügender und Geldrenten vergebender König.

Eben damit vermag der König auch immer mehr den verhängnisvollen Zirkel der naturalwirtschaftlichen Herrscher zu durchbrechen. Er bezahlt die Dienste (militärische, höfische, verwaltende) nicht mehr durch Weggabe von Teilen seines Besitzes an Dienende (als deren erbliches Eigentum), sondern vergibt bestenfalls Böden und Geldrenten auf Lebenszeit weg und zieht sie dann wieder ein, so dass sich der Kronbesitz nicht verringert.

Der König belohnt nun hauptsächlich mit Geldgeschenken und Gehältern. (Die Eigenart des Geldes überhebt den König der Notwendigkeit mit Boden zu belohnen, sie überhebt ihn der Notwendigkeit durch ein lebenslängliches vererbliches Besitztum zu vergelten). (Das ist etwas erstaunlich Neues vor den Augen der Menschen damals, für uns heute ist das selbstverständlich).

Der König zentralisiert die Abgaben des ganzen Landes und verteilt sie wieder nach seinem Gutdünken und im Interesse seiner Herrschaft, so dass eine immer wachsende Anzahl von Menschen im ganzen Lande von der Gunst des Königs, von seinen Geldzahlungen der königlichen Finanzverwaltung abhängig sind.
Es sind die mehr oder weniger privaten Interessen der Könige und ihrer nächsten Diener, die zu einer Ausnutzung der gesellschaftlichen Chancen in dieser Richtung hin drängen; aber was sich in dem Interessenkampf der verschiedenen sozialen Funktionen herausbildet, ist jene Organisationsform der Gesellschaft, die wir 'Staat' nennen: Das Steuermonopol ist zusammen mit dem Monopol der physischen Gewalt das Rückgrad dieser Organisationsform.

Manfrau kann die Genese von 'Staaten' nicht verstehen, solange manfrau sich nicht Rechenschaft darüber gibt, wie sich eines dieser Zentralinstitute des 'Staates' im Zuge der Beziehungsdynamik, nämlich auf Grund einer ganz bestimmten Zwangsläufigkeit der Beziehungsstrukturen, der ineinander verflochtenen Interessen und Aktionen, Schritt für Schritt heranbildet (S. 307).

Erst die Monetarisierung der Gesellschaft macht stabile Zentralorgane möglich: Die Geldzahlung hält alle darauf Angewiesenen in dauernder Abhängigkeit von der Zentrale. Nun erst können die zentrifugalen Tendenzen gebrochen werden (S. 308).

Und aus diesem größeren Zusammenhang muss manfrau verstehen was dem Adel in dieser Zeit geschieht: Der König hat in der vorangehenden Zeit, als der Adel noch stärker war, seine Macht als Zentralherr zugunsten des Bürgertums eingesetzt; so ist aus seinem Herrschaftsapparat eine Bastion des Bürgertums geworden.

Nun im Zuge der Geldverflechtung und der militärischen Zentralisierung, wo die Krieger und der Adel immer mehr ins Sinken gerät, setzt der König sein Gewicht und die Chancen, die er zu verteilen hat wieder mehr zugunsten des Adels ein. Er schafft einem Teil des Adels die Möglichkeit, als eine gehobene Schicht über dem Bürgertum fortzubestehen. Nach den letzten Widerstandsversuchen (Religionskriege, Fronde) werden die Hofämter zu einem Privileg und zu einer Bastion des Adels.

Auf diese Weise schützen die Könige den Vorrang des Adels, verteilen Gunst und Geldchancen. Aber damit wird aus dem relativ freien Kriegeradel von ehemals ein Adel, der lebenslänglich in Abhängigkeit und im Dienst des Zentralherrn steht. Aus Rittern werden Höflinge (S. 309).

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20070621

Ludwig XIV Adel Absolutismus Hof zt-64

Beim Aufstand der 'Fronde' ist Ludwig der XIV. noch minderjährig. Die Regentschaft der Königin wird ausgeübt durch den Kardinal Mazarin. Die Fronde ist eine Art von sozialem Experiment. Das Bild dieses Aufstandes zeigt, wie gespannt die Beziehungen zwischen allen diesen Gruppen waren.

Jede dieser Gruppen will die Königsmacht schmälern; aber jeder will es zu seinen Gunsten; jeder von ihnen fürchtet zugleich, die Macht eines anderen könne sich vergrößern. Schließlich stellt sich das- auch dank der Geschicklichkeit Mazarins- alte Gleichgewicht wieder her. Ludwig XIV. hat die Lehre dieser Tage nicht vergessen. Er sorgte für die Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts (S. 265).}

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Könige setzen sich (nachdem der Adel genügend geschwächt war) wieder zugunsten des Adels ein. Sie sichern den Bestand des Adels, als einer gehobenen Schicht vor dem andrängenden Bürgertum, um das Spannungsgleichgewicht zu erhalten.

Der Adel hat Steuerfreiheit aber trotzdem ein eher beschränktes Leben. Die Gerichte sind mit Bürgerlichen besetzt. Die Könige halten an der Bestimmung fest, dass ein Adeliger der Kaufmann wird, seine Adelstitel ablegen und auf seine Adelsvorrechte verzichten muss.

Damit ist dem Adel der einzige unmittelbare Weg zu Wohlstand verschlossen. Allenfalls indirekt durch Heirat. Wenn er allerdings am Hofe eine neue Monopolstellung erlangt, ermöglicht ihm diese eine standesgemäße und repräsentative Lebensführung und bewahrt ihn vor bürgerlichen Tätigkeiten.

Die Hofämter, die vielen Ämter des königlichen Haushalts werden dem Adel vorbehalten. Damit finden viele bezahlte Stellen; auch die Nähe zum König gibt diesen Stellen ein hohes Prestige. Und so hebt sich aus dem Gros des ländlichen Adels eine Adelsschicht heraus, die den bürgerlichen Spitzenschichten an Glanz und Einfluss die Waage halten kann, der höfische Adel. Die Hofämter werden zu einem Monopol des Adels (S. 267).

Diese Besetzung der Hofämter ging genauso wenig nach dem Plan eines einzelnen Königs vor sich, wie die Besetzung der anderen Staatsämter mit Bürgerlichen.
Es sind zuerst käufliche Positionen (Eigentum des Inhabers), die der Inhaber eines Amtes nur mit der Einwilligung des Königs ausüben darf. Dann gewinnt die Besetzung der Ämter durch Gunst die Oberhand. Auch der dritte Stand dringt in diese Hofämter und in die militärischen Posten (S. 268).

Das Verhältnis der Königsfunktion zur Funktion des Adels ist ambivalent. Könige (z.B. Heinrich IV. , Richelieu und andere Nachfolger) müssen sich selbst sichern und zwar sie müssen den Adel von allen Stellen, die einen politischen Einfluss geben, nach Möglichkeit fernhalten und sie müssen zugleich den Adel als einen selbständigen, sozialen Faktor im gesellschaftlichen Gleichgewicht erhalten.

Das Doppelgesicht des absolutistischen Hofes entspricht genau diesem zwiespältigen Verhältnis von König und Adel. Dieser Hof ist ein Instrument zur Beherrschung des Adels und gleichzeitig ein Instrument zu seiner Versorgung (S. 268).


Ein Bild der sinkenden Schicht zeigt der Adel unter Ludwig XIII. 1627 in dem Gesuch: 'Requestes et articles pour la rétablissement de la Noblesse'.
Von einer Fülle von Forderungen erfüllt sich nur eine: Die Hofämter werden dem Bürgertum verschlossen und dem Adel vorbehalten (war auch eine Empfehlung in Richelieu's Testament). Alle anderen Forderungen bleiben unerfüllt.

{In den deutschen Territorien hingegen suchen und erhalten Adelige neben den militärischen immer auch Verwaltungs- und Gerichtsämter. Die meisten höheren Staatsämter bleiben hier geradezu ein Monopol des Adels. Hier halten sich gewöhnlich Adlige und Bürgerliche innerhalb vieler Staatsämter nach einem genauen Verteilungsschlüssel die Waage.}

Ludwig XIV. hat dann die Zugangsmöglichkeiten zu solchen Hofämtern auf äußerste verengt.
Der Hof als Versorgungsanstalt für Adlige auf der einen Seite, als Beherrschungs- und Zähmungsanstalt der alten Kriegerschicht auf der anderen.

Das ungebundene, ritterliche Leben ist endgültig vorbei. Für den Gros des Adels verknappt sich von nun an nicht nur die wirtschaftliche Grundlage, sondern auch sein Wirkraum und sein Lebenshorizont wird enger. Er bleibt mehr oder weniger auf seinen Landsitz beschränkt.
Auch im Kriege kämpft er nicht mehr für sich als freier Ritter, sondern in einer strenger geregelten Ordnung als Offizier. Es bedarf eines besonderen Glücksfalles oder besonderer Beziehungen dieses ländlichen Adels um in den Kreis des höfischen Adels zu gelangen (S. 272).

Der Aufbau Versailles entspricht den beiden in einander verschlungenen Tendenzen des Königtums, der Aufgabe, Teile des Adels zu versorgen und sichtbar herauszuheben, wie der anderen, ihn zu beherrschen und zu zähmen in vollkommener Weise.
Der König gibt, aber er verlangt Gehorsam. Er lässt den Adel seine Abhängigkeit von dem Geld und den anderen Chancen, die er zu verteilen hat, ständig fühlen.

Diese Neigung, alles, was vorgeht, ganz genau zu überwachen, ist nicht wenig charakteristisch für den Aufbau dieser Königsherrschaft. In ihr kommen die starken Spannungen zum Ausdruck, die der König beobachten und bewältigen muss, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten.

Ludwig XIV.: Die Kunst der Regierung besteht darin, dass man die wirklichen Gedanken aller Prinzen Europas kennt, dass man alles weiß, was die Menschen vor uns verbergen wollen, ihre Geheimnisse, und sie genau überwacht (S. 273).

Das ist sehr charakteristisch für den eigentümlichen Aufbau der Gesellschaft, der eine Einherrschaft möglich macht, diese Notwendigkeit alles möglichst genau zu überwachen, was in dem Herrschaftsbereich des Zentralherrn vor sich geht.

Diese Notwendigkeit ist ein Ausdruck für die Spannungen und die große Labilität der sozialen Apparatur.

Das starke Spannungsgleichgewicht der zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, die sich annähernd die Waage halten ist gewiss nicht von irgendeinem König geschaffen worden. Aber wenn sich diese Konstellation einmal hergestellt hat, dann ist es für den Zentralherrn lebenswichtig, sie in ihrer ganzen Labilität aufrechtzuerhalten.
Diese Aufgabe aber erfordert eine möglichst genaue Überwachung der Untertanen (S. 274).

Auch einer der Gründe für den Bau von Versailles: Gelegentliche Unruhe unter den Massen. Noch aber ist die Arbeitsteilung nicht so weit fortgeschritten, dass der Druck der Bevölkerung der größte Druck wäre. Die gefährlichsten Rivalen des Königs sind in seinem engsten Kreis (S. 275).

Diese gefährlichsten Rivalen sind die Mitglieder des Königshauses selbst.

Schon oben ist gezeigt worden, wie sich allmählich im Zuge der Monopolbildung der Kreis der Menschen, die miteinander um Herrschaftschancen konkurrieren können auf die Mitglieder des Königshauses selbst beschränkt (S. 275). Unter Ludwig XIII. sind zentrifugale Tendenzen noch spürbar. Richelieu hat schließlich alle diese Kämpfe gewonnen, nicht zuletzt mit Hilfe des Bürgertums und der überlegenen finanziellen Mittel, die es ihm liefert. Ludwig XIV. steckt das Gefühl der Bedrohung in Fleisch und Blut. Der Hof ist für ihn eine Überwachungsanstalt. Fernbleiben macht misstrauisch

Damit haben die Herrschaftsmonopole, zentriert um die Monopole der Steuern und der körperlichen Gewalt, für eine bestimmte Stufe, nämlich als Monopole eines Einzelnen, ihre vollendete Form gefunden.

Aus dem Boden besitzenden und Boden oder Naturalrenten vergebenden König ist ein Geld besitzender und Geldrenten vergebender König geworden: Das gibt der Zentralisierung eine bisher unerreichte Stärke und Festigkeit.

Die Kraft der zentrifugalen, gesellschaftlichen Kräfte ist endgültig gebrochen. Alle möglichen Konkurrenten des Monopolherrn sind in eine institutionell gesicherte Abhängigkeit von ihm gebracht. In monopolistisch gebundener Konkurrenz kämpft nun der höfische Adel miteinander um Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat und dieser höfische Adel steht dabei unter dem Druck einer Reservearmee von ländlichen Adligen und von aufsteigenden bürgerlichen Elementen. Der Hof ist die Organisationsform dieses gebundenen Konkurrenzkampfes (S. 277).

Aber trotz der Größe der persönlichen Verfügungsgewalt über die monopolisierten Chancen, sie ist alles andere als unumschränkt. Es zeichnen sich bereits die Strukturelemente ab, die schließlich dazu führen, dass aus dieser persönlichen Verfügung eines Einzelnen über die Monopole, mehr und mehr eine öffentliche Verfügung, eine Verfügung unter der Kontrolle immer weiterer Teile des arbeitsteiligen Ganzen wird.

Für Ludwig XIV. gilt noch: "L'Etât c'est moi". Der Staat bin ich.

Institutionell hat die Monopolorganisation noch in beträchtlichem Maße den Charakter eines persönlichen Besitztums. Funktionell aber ist die Abhängigkeit des Monopolherrns von anderen Schichten außerordentlich stark und diese funktionelle Abhängigkeit wächst je weiter die Handels- und Geldverflechtung der Gesellschaft fortschreitet.
Nur durch das Spannungsgleichgewicht (aufsteigende Bürgerliche-schwächer werdender Adel) behält der Zentralherr seinen Entscheidungsspielraum. Das gewaltige Menschengeflecht über das Ludwig XIV. herrscht, hat seine eigene Gesetzlichkeit und sein eigenes Schwergewicht, denen er sich fügen muss.

Die Möglichkeit des Zentralfunktionärs, das ganze Menschengeflecht in seinem persönlichen Interesse zu steuern beschränkt sich erst dann, wenn das Spannungsgleichgewicht auf dem er balanciert, zugunsten des Bürgertums umkippt und sich eine neue Gesellschaftsbalance mit neuen Spannungsachsen herstellt.
Erst damit beginnen auch institutionell aus den persönlichen Monopolen öffentliche Monopole zu werden. In einer allmählichen Zentralisierung der physischen Gewaltmittel und der Steuerabgaben, im Zusammenhang mit einer immer stärkeren Funktionsteilung und mit dem Aufstieg berufsbürgerlicher Schichten organisiert sich die französische Gesellschaft Schritt für Schritt in der Form eines Staates (S. 279).

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20070601

Hegemonie Monopol Staatenbildung zt-51

Wichtig der Unterschied zwischen den beiden Fragestellungen zu unterscheiden, einmal dem allgemeinen Problem der Monopol- und Staatenbildung und andererseits der spezielleren Frage, warum gerade ein bestimmtes Kriegerhaus die Hegemonie gewann. Dieser Unterschied ist im Auge zu behalten.

Es ist immer ein Haus, eine Familie als gesellschaftliche Einheit, die sich durchsetzt, nicht ein Einzelner. Um 1032 war das Gebiet 'Frankreichs' in größere und kleiner Territorialherrschaften aufgespalten. Aber die Chancen der kleineren Feudalhäuser sind nicht sehr groß. Das tritt im Laufe des 11. Jahrhunderts zutage.

Es gibt Kämpfe zwischen den Fürstenhäusern um die Vormacht innerhalb eines größeren Gebietes. Der Verflechtungsmechanismus des freien Konkurrenzkampfes treibt sein Spiel von nun ab innerhalb eines beschränkteren Kreises, nämlich unter denjenigen Kriegerfamilien, die zu Zentralhäusern eines Territoriums geworden sind (S. 163).

Elias beschreibt nun die Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft auf den Gebieten Frankreichs und Englands. In Frankreich das Haus der Herzöge von Francien, die Kapetinger. England: Wilhelm der Eroberer,.sein Haus sind die Plantagenets. Anfangs des 12. Jahrhunderts unter Ludwig VI. Eroberungen und Gegeneroberungen.

Überall versuchen die Einheiten zweiter Stärke einen Block gegenüber jener Einheit zu bilden, die durch Zusammenschluss vieler Gebiete der Vormachtstellung am nächsten ist; eine Blockierung provoziert die andere; wie lange das Spiel auch hin und her geht, das System als Ganzes tendiert zum festeren Zusammenschluss immer größerer Gebiete um ein Zentrum zur Konzentrierung der wirklichen Entscheidungsgewalt bei immer weniger Einheiten und schließlich in einem einzigen Zentrum (S. 169).

Die einzelnen Herrschaftsgebilde hatten noch keine sehr große Festigkeit; sie waren Privatunternehmungen und wie diese unterworfen den gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten des Konkurrenzkampfes.

In dieser Zeit (Ende des 12. Jahrhunderts) handelt es sich noch nicht um Kämpfe zwischen Staaten oder Nationen (es gibt unverständlich bleibende Bildungsgeschichten von 'Staaten' oder 'Nationen'). Vielmehr handelt es sich hier um einen Kampf konkurrierender oder rivalisierender Fürstenhäuser, die zunächst als kleine dann als immer größere Einheiten zur Expansion treiben (S. 172).

In diesem beständigen Ringen verschwindet ein Fürstenhaus nach dem anderen. Die Integrierung oder der Zusammenschluss von Gebieten, bedeutet in erster Linie die Besiegung eines Kriegerhauses durch ein anderes, also das Aufgehen des einen im anderen oder bestenfalls seine Unterwerfung, seine Abhängigkeit von dem Sieger (S. 178).

Am Anfang des 14. Jahrhunderts Aussterben der Kapetinger. Im 14. Jahrhundert stellen die vielen Kriegerhäuser einzeln keine Macht mehr dar die zählt. Die eigentliche Initiative liegt bei ganz wenigen Kriegerhäusern, die als vorläufige Sieger aus den bisherigen Ausscheidungskämpfen hervorgegangen sind, und die soviel Boden akkumuliert haben, dass alle andere Kriegerhäuser sich nicht mehr mit ihnen zu messen vermögen, sondern nur in Abhängigkeit von ihnen handeln können.

Dem Gros der Krieger bleibt nun der soziale Aufstieg im großen und ganzen verschlossen. Die Zahl derer, die konkurrieren können ist immer geringer geworden. Im westfränkischen Gebiet zählen neben dem Haus von Francien nur noch 4 andere Häuser und zwischen ihnen muss sich entscheiden wer über das Herrschaftsmonopol verfügen und wo das Zentrum und Grenzen des Monopolgebietes liegen wird.

Aus einer Kriegergesellschaft mit relativ freier Konkurrenz ist eine Gesellschaft mit monopolartig beschränkter Konkurrenz geworden (S. 179).

20070308

ANGEWIESENHEIT AUFEINANDER zt-09

Elias' weitere Kritik am neuzeitlichen Menschenbild.

Die Zivilisationstheorie hilft also, das irreführende Menschenbild der neuzeitlichen Periode aus seiner Selbstverständlichkeit zu erlösen und Abstand von ihm zu gewinnen.

So kann die Arbeit an einem Menschenbild beginnen, das weniger an dem eigenen Fühlen und damit verbundenen Wertungen und in höherem Maße an Menschen als dem Objekt ihres eigenen Denkens und Beobachtens orientiert ist.

Eine Kritik des neuzeitlichen Menschenbildes ist notwendig, um den Prozess der Zivilisation zu verstehen.

Die Vorstellung von den absolut unabhängig voneinander entscheidenden, agierenden und 'existierenden' Einzelwesen, ist ein Kunstprodukt der Menschen, das für eine bestimmte Stufe in der Entwicklung ihrer Selbsterfahrung charakteristisch ist.

Es beruht zum Teil auf einer Verwechslung von Ideal und Tatsache, zum Teil auf einer Verdinglichung der individuellen Selbstkontrollapparaturen und der Absperrung individueller Affektimpulse von der motorischen Apparatur.

Diese Selbsterfahrung der eigenen Vereinzelung, der unsichtbaren Mauer, die das eigene 'Innen' von allen Menschen und Dingen 'draußen' absperrt, gewinnt im Laufe der Neuzeit für eine große Anzahl von Menschen die gleiche unmittelbare Überzeugungskraft, wie im Mittelalter die Überzeugung, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt wäre.

Es ist eine offene Frage, wie weit das Gefühl der Vereinzelung und Entfremdung auf Ungeschick und Unwissenheit bei der Entwicklung individueller Selbstkontrollen zurückgeht.

An die Stelle des Bildes vom Menschen als einer 'geschlossenen Persönlichkeit', tritt dann jenes einer 'offenen Persönlichkeit', die in der Tat von Grund auf Zeit ihres Lebens auf andere Menschen ausgerichtet und angewiesen und von anderen Menschen abhängig ist.

Das Geflecht der Angewiesenheit von Menschen aufeinander, ihre Interdependenzen, sind das, was sie aneinander bindet.

Sie sind das Kernstück dessen, was von Elias als Figuration bezeichnet wird, als Figuration aufeinander ausgerichteter, von einander abhängiger Menschen.

Es ist angemessen, wenn man sich unter einem Menschenbild ein Bild vieler interdependenter Menschen vorstellt, die miteinander Figurationen, also Gruppen oder Gesellschaften verschiedener Art bilden. Der Begriff der Figuration ist von Elias darum eingeführt worden, weil er klarer zum Ausdruck bringt, was wir Gesellschaft nennen.

Nach Elias ist Gesellschaft weder eine Abstraktion von Eigentümlichkeiten gesellschaftslos existierender Individuen, noch ein System oder eine 'Ganzheit' jenseits der Individuen, sondern vielmehr das von Individuen gebildete Interdependenzgeflecht selbst (S. LXVIII).

Der Begriff der Figuration lässt sich veranschaulichen durch einen Hinweis auf gesellschaftliche Tänze. Wir sehen das Bild der beweglichen Figurationen interdependenter Menschen beim Tanz. Figurationen wie Staaten, Städte, Familien, kapitalistische, kommunistische, feudalistische Systeme.

Bei dieser Begriffsbildung verschwindet die Gegensätzlichkeit. Ohne eine Pluralität von aufeinander ausgerichteten, voneinander abhängigen Individuen die miteinander tanzen, gibt es keinen Tanz; wie jede andere gesellschaftliche Figuration ist eine Tanzfiguration relativ unabhängig von den spezifischen Individuen, die sie hier und jetzt bilden, aber nicht von Individuen überhaupt.

Es wäre unsinnig zu sagen, dass Tänze Gedankengebilde sind, die man auf Grund von Beobachtungen an einzelnen, für sich betrachteten Individuen abstrahiert.

Die folgenden Untersuchungen von Norbert Elias beschäftigen sich mit solchen Wandlungen, so wie sich Tanzfiguren wandeln.

So ist der Ausgangspunkt, von dem aus hier der Staatsbildungsprozess von Norbert Elias untersucht wird, eine Figuration, die von vielen relativ kleinen miteinander in freier Konkurrenz stehenden Gesellschaftseinheiten gebildet wird.

Wie und warum wandelt sich diese Figuration? Sie demonstriert zugleich, dass es Erklärungen gibt, die nicht den Charakter einer Kausalerklärung haben.

Denn die Wandlung der Figuration erklärt sich zum Teil aus der endogenen Dynamik der Figuration selbst, aus der immanenten Tendenz einer Figuration frei konkurrierender Einheiten zur Monopolbildung. Persönlichkeitsstrukturen ändern sich ebenfalls im Zuge einer solchen Figurationsänderung (S. LXIX).

Das Verständnis der folgenden Untersuchungen verlangt eine ziemlich weitgehende Umorientierung des heute (diesem Exzerpt liegt eine Ausgabe von 1968 zugrunde. Anm.) vorherrschenden soziologischen Denkens und Vorstellungsvermögens.

Sich von der Vorstellung seiner selbst und des einzelnen Menschen überhaupt als eines 'homo clausus' zu lösen, ist gewiss nicht einfach. Aber ohne Loslösung von dieser Vorstellung ist es einfach nicht möglich, zu verstehen, was gemeint ist, wenn man einen Zivilisationsprozess als eine Wandlung der Individualstrukturen bezeichnet.

Es ist ebenfalls nicht einfach, die eigene Vorstellungskraft so zu entwickeln, dass manfrau in Figurationen zu denken vermag und überdies noch in Figurationen, zu deren normalen Eigentümlichkeiten es gehört, sich zu wandeln, manchmal sogar in einer bestimmten Richtung.

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20070303

NORBERT ELIAS PROZESS der ZIVILISATION zt-01


Norbert Elias untersuchte anfangs des 20. Jhs. langfristige 'Transformationen' der Gesellschafts- und Persönlichkeitsstrukturen. Langfristige 'Prozesse'.

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Wie ging die 'Zivilisation' im Abendland vor sich, worin bestand sie? Welches waren ihre Antriebe, ihre Ursachen oder Motoren? Norbert Elias veröffentlichte erstmals 1936 seinen "Prozess der Zivilisation". Im ersten Band untersucht er soziogenetisch und psychogenetisch die Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes.

Elias hat 1968 diesem Werk eine längere Einleitung voraus gefügt, in welcher er die Soziologie des 20. Jhs. kritisiert, dass sie sich vor allem auf Zustände und einem unspezifischen "sozialen Wandel" konzentriere.
Elias ist aber kein Verfechter einer Evolution im Sinne des 19. Jhs. Seine Arbeit ist grundlegend für eine undogmatische, empirisch fundierte soziologische Theorie der sozialen Prozesse im allgemeinen und der sozialen Entwicklung im besonderen.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
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Der erste Band beschäftigt sich vor allem mit der Frage, ob (die auf verstreuten Beobachtungen beruhende Vermutung stimmt, dass) es langfristige Wandlungen der Affekt- und Kontrollstrukturen von Menschen bestimmter Gesellschaften gibt, die über eine Reihe von Generationen gehen.
Betrachtet wird die Affektivität des Verhaltens (Affektkontrollen, die Regelung der individuellen Affekte durch Fremd- und Selbstzwänge), also die Veränderung von Persönlichkeitsstrukturen und die gleichzeitige verlaufende Gesamttransformation von Gesellschaften.

Welche Hauptrichtungen von Strukturwandlungen kann man generell unterscheiden? 1. Zunehmende, 2. Abnehmende Differenzierung und Integrierung, 3. Strukturwandel ohne Richtung, 4. Gesellschaftswandel ohne Strukturveränderung.

Die Frage mit der sich der zweite Band beschäftigt: Ist es möglich, diese langfristige Wandlung der Persönlichkeits Strukturen mit langfristigen gesamtgesellschaftlichen Strukturwandlungen die ebenfalls in eine bestimmte Richtung gehen in Zusammenhang zu bringen? Im zweiten Band wird auch der Staatsbildungsprozess untersucht, sowie ein Entwurf einer Theorie der Zivilisation gezeichnet, als einem Modell der möglichen Zusammenhänge zwischen dem langfristigen Wandel der menschlichen Individualstrukturen in der Richtung auf eine Festigung und Differenzierung der Affektkontrollen und dem langfristigen Wandel der Konfigurationen, die Menschen miteinander bilden, in der Richtung auf einen höheren Standard der Differenzierung und Integrierung, z.B Verlängerung der Interdependenz, Festigung der Staatskontrollen.

Mit der Konzentration auf eine empirisch-theoretische Fragestellung die sich auf langfristige Strukturwandlungen richtet, Abschied von metaphysischen Ideen die mit dem Begriff der Entwicklung mechanische Notwendigkeiten oder teleologische Zielstrebigkeit verbinden.
Der Begriff Zivilisation wurde herkömmlich (vor Elias) in halb metaphysischen Sinne diffus gebraucht. Elias will den Tatsachenkern herausarbeiten, auf den sich der gängige vorwissenschaftliche Begriff des Zivilisationsprozesses bezieht, also vor allem den Strukturwandel von Menschen in der Richtung auf eine größere Festigung und Differenzierung ihrer Affektkontrollen und damit auch ihres Erlebens, z.B. Vorrückens der Scham- und Peinlichkeitsschwelle, Differenzierung des Tafel-, Essgerätes.

Dann Frage nach der Erklärung (siehe 2.Band).
Elias kritisiert die in der Zeit um 1968 gängigen Theorien des sozialen Wandels. Diese Theorien unterscheiden, nach Elias, kaum zwischen den verschiedenen Typen des sozialen Wandels. Vor allem fehle es an empirisch belegten Theorien der langfristigen sozialen Wandlungen, die die Form eines Prozesses (einer Entwicklung) haben. Und es wird nochmals betont: Hier bei Elias handelt es sich nicht um eine Untersuchung einer "Evolution" im Sinne des 19. Jhs, im Sinne eines automatischen Fortschrittes, oder um einen unspezifischen "sozialen Wandel" im Sinne des 20. Jhs.

Die Kritik von Elias am Begriff des sozialen Wandels im 20. Jh.:

Elias stellt fest: Eine Zentralerscheinung der sozialen Entwicklung ist eine jahrhundertelange Welle fortschreitender Integrierung, ein Staatsbildungs-Prozess mit dem Komplementärprozess einer fortschreitenden Differenzierung.
Diese Strukturwandlung lässt sich als Faktum nachweisen, gleichgültig, wie man sie bewertet. Um diesen faktischen Nachweis geht es Elias.

Der Begriff des sozialen Wandels allein reiche als Forschungswerkzeug nicht aus um solchen Tatsachen Genüge zu tun. Der Begriff des sozialen Wandels ohne klare Unterscheidung zwischen Wandlungen, die sich auf die Struktur einer Gesellschaft beziehen, und Wandlungen, die sich nicht auf die Struktur einer Gesellschaft beziehen, zwischen Strukturwandlungen mit/ohne Richtung (Komplexität) ist ein sehr unzureichendes Werkzeug der soziologischen Untersuchung.

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