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20070501

Weltkriege, Proletariat, Totalitarismus, Dahrendorf sk-20

1914 war in Europa Scheitelpunkt eines lang andauernden Wirtschaftsaufschwungs. Niemand zweifelte an der Realität des Klassenkampfes. Fortschrittliche liberale Parteien wandten sich der sozialen Frage zu. Veränderung lag in der Luft.

28. Juni 1914 Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich wird ermordet. Manche sprechen von einem begrenzten Krieg auf dem Balkan. Das Reden vom Krieg weckt schlafende Hunde. In den letzten Julitagen waren die europäischen Hauptstädte sich einig, dass Krieg unvermeidlich geworden war.

Edward Grey (britischer Außenminister): "Die Lichter gehen aus in Europa".

Die Geschichte und die Folgen des Juli 1918 lassen sich nicht einfach als Teil des modernen sozialen Konflikts beschreiben. Der erste Weltkrieg war nicht einfach ein imperialistischer Exzess profithungriger Kapitalisten. Wenn je die Wirtschaft zur Magd der Politik geworden ist, dann in der Zeit von 1914 bis 1945.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Dahrendorf spricht von dieser Zeit (1914-1945) als 'Zweitem Dreißigjährigen Krieg'. Es mussten Hindernisse auf dem Weg der Modernität, der Ausweitung der Bürgerrechte, der Erweiterung von Lebenschancen und Freiheit auf explosive und gewaltsame Weise beseitigt werden (S. 115). Eines der Lichter das ausging in Europa war die revolutionäre Illusion.

Hoffnung ist eine unverzichtbare Bewegkraft des Handelns. Die revolutionäre Illusion dagegen verbindet den Glauben an den unaufhaltsamen Marsch des Fortschritts mit der Fata Morgana der Utopie. Sie lockt Menschen heraus, aus der wirklichen Welt fort von der Freiheit.

Für viele lag der Schlüssel zu solchen übertriebenen Hoffnungen im Begriff des Proletariats. Marx ist verantwortlich dafür, dass viele einen Weg von der Realität zur Utopie sahen. (Siehe dazu Dahrendorfs essentielle Kurzschilderung des Marxschen Weges (S. 115 u. 116).

Die Proletarier aller Länder werden aufgerufen sich zu vereinen. Statt dessen stimmten die parlamentarischen Vertreter des Proletariats für die Kriegskredite auf beiden Seiten der Front, Frankreichs und Deutschlands. Statt eine ganz andere Welt zu schaffen, zogen die Arbeiter für die bestehende Welt in die Schlacht.

Dahrendorf frägt: Wann haben die Armen und Getretenen dieser Erde je eine Welt nach ihrem Bilde geschaffen? Er antwortet: Die Armen suchen einen Platz an der Sonne von heute, nicht im künstlichen Licht einer unbekannten Welt. Wer ihnen sagt, dass sie die Zukunft in ihren Händen tragen, gibt ihnen weder Brot noch ein Dach über den Kopf.

Die industrielle Arbeiterklasse und ihre Organisationen waren gewiss eine Kraft des Wandels, aber dieser Wandel bedeutete die Entfaltung eines Prinzips, das schon wirklich war, des Prinzips der Bürgerrechte. Zwischen 1914 und den 1930 er Jahren verschwand das Proletariat als Leitstern der Hoffnung auf eine andere Welt.

Die Gründe für das Verschwinden des Proletariats weisen auf wichtige Sozialentwicklungen hin.

1. Diejenigen die die neue Welt des Proletariats besangen wussten wenig über die wirklichen Einstellungen arbeitender Menschen. Arbeiter sind nämlich eher intolerant, nationalistisch (als internationalistisch), kritisch (gegenüber Liberalen), Schutz suchend (als freiheitsliebend und offen).

Untere Schichten sind relativ autoritär, finden extreme Bewegungen attraktiver als gemäßigte und demokratische, werden durch den Mangel an innerer Demokratie nicht abgeschreckt.

Lipset zeigte, dass intolerante und extremistische Bewegungen mit größerer Wahrscheinlichkeit aus den unteren Schichten hervorgehen. Ein Dilemma für die Intellektuellen der demokratischen Linken die geglaubt hatte, dass das Proletariat notwendig eine Kraft der Freiheit, der Rassengleichheit und des sozialen Fortschritts ist.

2. Desillusionierung über die Organisation der Arbeiterbewegung. Robert Michels (Soziologie der politischen Parteien, 1911) These besagte, dass sozialistische Parteien sich nicht wesentlich von anderen Parteien und politischen Organisationen unterscheiden.

Diese Einsicht hatte viele Folgen. "Wer immer Organisation sagt, statuiert eine Tendenz zur Oligarchie". Massen selber können nicht führen, wenn sie aber Parteien und Gewerkschaften bilden werden sie von einer Minderheit geführt.

Eine Partei ist eben eine Partei. Er kam zu dem Schluss, dass die Arbeiterbewegung zum Teil des normalen politischen Prozesses geworden ist. Das war die Geburt der Sozialdemokratie (Georg Lukàcs bedauerte den Prozess der realen politischen Organisation, 1922, der das Proletariat zu einem bloßen Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaft mache und nicht zum Motor zu ihrem Untergang und Vernichtung.

Das Wort 'Masse' wird in den 20ern zu einem Modewort. Die angeblich atomisierten Massen wurden als Geißel der Modernität entdeckt (Gustave LeBons Psychologie der Massen, José Ortegas y Gasset : Aufstand der Massen, Theodor Geiger: Die Masse und ihre Aktion, Sigmund Freunds Massenpsychologie.

3. Ein Teil der Arbeiterbewegung stieg in eine mittelständische Existenz auf. Das Wort 'Verbürgerlichung' kam in Umlauf. Jedenfalls musste die These von Marx, wonach im Laufe der Zeit das Proletariat zu einer großen homogenen Klasse werden würde, als widerlegt gelten. Fortschritt in der Industrie. Unterscheidung von an-, un-, gelernten, Arbeitern.

4. Fortschritt der Industrie und allgemeine Wirtschaftsentwicklung führten zu einem massiven Anwachsen des Mittelstandes von privaten und öffentlichen Angestellten. Diese Angestellten waren nicht einfach ein Puffer zwischen Großkapital und Proletariat (Emil Lederer u. Jakob Marschak, Studie des neuen Mittelstandes, 1926) sondern hatten ihre eigene sozialpolitische 'Mentalität' (Theodor Geiger).
Diese führte sie zur Unterstützung einer Partei die sich sowohl gegen die Herrschaft des Kapitals als auch die proletarische Revolution wendete, der Nazipartei.

5. Auch ein beharrliches Überleben des 'alten Mittelstandes' von selbständigen Handwerkern und Kleinunternehmern und Landwirten.
Tatsächlicherweise wuchs die Arbeiterklasse schon bis sie 50 % der Bevölkerung umfasste. Aber andere Schichten wuchsen noch rascher.

Seit den zwanziger Jahren gab es zwei Arten von Sozialismus. Sozialdemokratie und sowjetische Erfahrung. Damit eine Spaltung der Arbeiterbewegung freier Länder. Auch die gnadenlosen Attacken von Kommunisten auf Sozialdemokraten schürten Zweifel.

Was war die Bedeutung dieser Entwicklungen?

Schon oben wurde die Ausweitung der Bürgerrechte auf zuvor Unterprivilegierte durch die Verbindung von sozialem Druck und strategischer politischer Reform beschrieben. Die Arbeiterklasse war zu einem 'machtvollen, selbstbewussten, wohl konstruierten Glied der Gesellschaft' geworden.

Damit verbesserte sie ihre eigene Lebenslage und wandelte den Charakter der bürgerlichen Ökonomie in bedeutsame Richtung (so Karl Renner, Austromarxist, erster Präsident der Republik Österreich in einer 1945 veröffentlichten rückblickenden Analyse).

Das Verschwinden des Proletariats hinterließ ein Vakuum in den Köpfen von Intellektuellen. Manche 'verdampften die Realität' und dankten als politische Kraft ab.

Doch bleiben Intellektuelle Seismographen des sozialen Wandels und manchmal sind sie Fermente oder Katalysatoren. Intellektuelle haben einen wichtigen Ort in jeder liberalen Lösung des Problems der modernen Politik, weil sie die Interessen sozialer Bewegungen in die Sprache der Entscheidungsträger übersetzen, Entscheidungen der Öffentlichkeit verständlich machen und zu alledem einen Abstand halten zu Führern wie Bürokraten und den Interessen des Volkes. Das gilt nur, wenn sie diesen Abstand auch einhalten.

Die Geschichte des 'zweiten 30jährigen Krieges' war eine Geschichte des intellektuellen Verrates wie der illiberalen Politik. Die revolutionäre Illusion selbst war eine Form des Verrats der Intelligenz. Überzogene Hoffnungen und Utopien ebnen den Weg für Ideologie und Tyrannei.

Das verschwindende Proletariat hinterließ ein Vakuum. Immer wieder werden von Autoren Revolutionen ausgerufen. Intellektuelle spielen in zunehmenden Maße eine zentrale Rolle im Weltbild der Intellektuellen. (Karl Mannheims freischwebende Intelligenz als Subjekt der Hoffnung? War er selbst freischwebend? (so Dahrendorf).

20070328

KORPORATISMUS sk-14

Hier geht es jetzt weiter mit der Politik in der industriellen Gesellschaft. Es geht um den Prozess, durch den die Themen und die sozialen Konfigurationen des Konflikts in politisches Handeln umgesetzt werden. Es geht auch weiterhin um die moderne Geschichte des Bürgerstatus und der Bürgergesellschaft.

Strukturen sozialer Klassen gelangen auf dem Weg über die Politik in des Leben normaler Menschen. Diese haben feines Gespür für Unrechte und Vorrechte und handeln aus Interessenlagen ob es Parteien gibt oder nicht.

Soziale Kräfte werden in politischen Auseinandersetzungen sichtbar. Klassenzugehörigkeit ist nie die einzige Grundlage politischer Interessen.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch
Exzerpt: transitenator
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Dahrendorf zieht einen ersten Schluss: Die Entwicklung neuer Anrechte erfolgt(e) sprunghaft. Sie war kein Prozess des allmählichen Zuwachses, sondern ging oft in großen Stufen vor sich.

Anrechtsveränderungen sind mit erinnernswerten Ereignissen verbunden. Beispiele: Ausweitung des Wahlrechtes, Wahlalter, Schulpflicht, Wohlfahrtsstaat, Mindestlohn (Tarifvertrag, -abkommen).

Die wichtigsten Schritte auf dem Weg zum erfüllten Bürgerstatus sind klar identifizierbar. Oft bezeichnen sie gefeierte Daten des konstitutionellen, politischen oder sozialen Wandels.

Zweiter Schluss Dahrendorfs: Es handelt sich wirklich um Fortschritt, also um Verbesserungen. Rückschritte seien eher außergewöhnlich wie z.B. Aufhebung der Bürgerrechte durch Naziregime.

Im allgemeinen sind Bürgerrechte "klebrig" (Keynes Reallöhne widersetzen sich dem Druck nach Senkung) D.h. wenn der Bürgerstatus erst einen bestimmten Punkt erreicht hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er nicht wieder zurückfällt (nur bei Bruch der politischen Kontinuität).

Die Geschichte der Anrechte unterscheidet sich von der Geschichte des Angebotes.

Die Wirtschaftsentwicklung als kontinuierliche Kurve unterliegt konjunkturellen Schwankungen. Kein einfacher Parallelismus zwischen dem Wirtschaftswachstum und der Ausweitung von Anrechten.

Entscheidende Fortschritte der Bürgerrechte wurden erzielt, als die wirtschaftlichen Aussichten unklar waren (z.B. 1918/19, zw. 1944 u. 1950).

Die Angebotspartei argumentiert gerne, dass es ohne Wachstum keine strukturellen Veränderungen geben kann. (Kurioserweise sind sich Marxisten und Ideologen des Kapitalismus im Primat der Wirtschaft über Politik einig).

Aber: die Beziehungen zwischen Wachstum und Wandel sind komplizierter wenn überhaupt systematisch.

Frage: Was hat den Fortschritt der Bürgerrechte bewegt, wenn nicht ein wachsendes Angebot für mehr Menschen? Warum führen Kriege zu Verbesserungen? (z.B. 1918/19, zw. 1944 u. 1950).

Keith Middlemas (Politik in der industriellen Gesellschaft) nennt zwei Gründe, aus denen die Kriegspolitik zu Reformen führt:

1. Kriege verlangen die totale Beteiligung der Bevölkerung und das führt bei der Führung zu der Überzeugung, dass man etwas für die Menschen tun muss, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben (Winston Churchill: die Menschen müssen Bürgerrechte bekommen).
Auch Max Weber: aus Schamgefühl und Anstandspflicht sollte man den heimkehrenden Soldaten nicht die Rechte der zu Hause verbliebenen Kriegsgewinnler verweigern.

2. Das zentrale Thema von Middlemas: Der 'Sozialpakt des Krieges' setzt die Organisation und Koordinierung der Hauptbeteiligten am wirtschaftlichen Entscheidungsprozess voraus. Interesse an starken Gewerkschaften und Bildung von Arbeitgeberverbänden.

Das Bündnis zwischen den drei Hauptakteuren, also Regierung, Gewerkschaften und Unternehmen, brachte dann jenen 'Hang zum Korporatismus' hervor, der sich aber nur aufrecht erhalten lässt, wenn alle Beteiligten ihre Interessen zumindest teilweise durchsetzen können. Das bedeutete in erster Linie die Anerkennung der Interessen der bisher Benachteiligten und ihrer Organisationen.

Was ergibt sich aus einer Gegenüberstellung von Klassentheorie und geschichtlicher Wirklichkeit? Was sind die offenkundigen Beziehungen zwischen Klassenkonflikten und sozialem Wandel?

Führer reagieren auf sozialen Druck (auch Bismarck musste). Zwischem diesen und der aktiven Veränderung der Dinge sind Brücken aus unerwartetem Material.

Soziale Konflikte sind unzweifelhaft wirklich. Interessen werden vertreten, stoßen aufeinander, Versammlungen, Demonstrationen, Argumentationen. Am Ende gibt etwas nach.

Nicht weil alles in Flammen steht oder weil Machtlose mysteriöse Mehrheiten im Parlament gewinnen. Die Mehrheit bleibt 'in den Korridoren der Macht' unsichtbar und dennoch verändert sich die Position derer, die sich gegen den Wandel gewehrt haben.

Sie verändert sich widerwillig, zum Teil aus dem Wunsch, einen lästig gewordenen Druck loszuwerden, zum Teil in der Hoffnung, die Protestenergie auf die Mühlen des eigenen Vorteils umzuleiten (S. 86).

Es gibt also mehrere Ingredenzien des politischen Wandels. Eines ist die Kraft, mehr oder minder organisierter sozialer Bewegungen (können Parteien sein, müssen aber nicht).

Ein anderes ist die veränderungsreife Situation in der es eine Art von verborgenem, latenten Konsens gibt.


Zunächst sieht es so aus, als ob manche gegen den Strom schwimmen; tatsächlich haben sie nur früher als andere erkannt, dass der Strom sich wendet. Wenn es geschehen ist, dann wissen wir auf einmal, dass die 'Verräter' ihr Land geeint und nicht geteilt haben.

Das eherne Gesetz der Oligarchie (Robert Michels): "Jeder der Macht sucht, zahlt dafür einen Preis an Demokratie".

Dilemma und Gefahr für politisch wirkende: Entweder zu weit entfernt vom Sitz der Entscheidungen oder von ihm vereinnahmt.

Sozialisten erlebten beides. Führer sozialer Bewegungen veränderten Weltbilder. Mobilisierte Menschen waren aber an Entscheidungen nicht beteiligt. Wiederum andere hielten hohe Staatsämter aber waren schwerlich Reformer.

Dahrendorf stellt die Frage ob nicht am Ende aufgeklärte Konservative und entschiedene Liberale wirksamere Beweger und Veränderer sind.

20070318

GRUNDEINKOMMEN sk-11

Einschluss und Ausschluss stellen der bürgerlichen Gesellschaft Fragen. Der Leitfaden der Sozialentwicklung der letzten zwei Jahrhunderte liegt jedoch in der (auch gewaltvollen) Entfaltung des Bürgerstatus selbst.

c. T. H. Marshalls These

Der reiche und gesicherte Status wird zum Inbegriff der Lebenschancen in den hoch entwickelten offenen Gesellschaften.

Das war kein harmloser, stiller Wachstumsvorgang sondern ein Beispiel für Wandel durch Konflikt, Klassenkonflikt. Der Klassenkonflikt der letzten zwei Jahrhunderte hatte immer zugleich zwei Aspekte der Bürgerrechte zum Thema. 1. Ausweitung auf bisher benachteiligte Gruppen. 2. Die Ergänzung um neue Elemente.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch
Exzerpt: transitenator
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T. H. Marshall unterscheidet in 'Citizenship and Social Class' quantitative oder ökonomische Ungleichheit von qualitativer Ungleichheit. Er greift auf eine Frage von A. Marshall (Zukunft der Arbeiterklasse, 1873) zurück:

"Die Frage ist nicht, ob alle Menschen am Ende gleich sein werden - das werden sie sicher nicht-, sondern ob nicht der Fortschritt langsam aber sicher dahin führen wird, dass am Ende jedermann zumindest seinem Beruf nach ein Herr ist."

Quantitative Ungleichheit mag nicht beseitigbar sein, aber würde qualitative Ungleichheit beseitigt, dann verlöre quantitative Ungleichheit ihren Stachel.

Mehr Menschen werden also mit umfassenderen Rechten in die Gesellschaft als Mitglieder aufgenommen. Es ist tatsächlich geschehen.

Die menschliche Grundgleichheit der Mitgliedschaft ist eindeutig mit dem Status des Bürgers identifiziert worden. Das ist Marshalls These.

Der moderne soziale Wandel hat die Formen der Ungleichheit und die aus ihnen hervorgehenden Konflikte transformiert. Qualitative politische Unterschiede der Vergangenheit sind nun zu quantitativen ökonomischen Unterschieden zwischen Menschen geworden. Das geschah durch die Revolution der Modernität und durch die Veränderungen in der modernen Welt.

Marshall erörtert die feudale Hierarchie mit ihren festgelegten Privilegien. Diese Welt des Status zerfiel mit dem modernen Kontrakt.

In der alten Welt bildeten Anrechtsstrukturen eine scheinbar unveränderbare Struktur der Ungleichheit. "Die Wirkung des Bürgerstatus auf ein solches System musste zutiefst aufrührerisch, ja zerstörerisch sein." Sie bedeutete das Ende aller rechtlich definierten Anrechtsschranken (S. 61).

Klassen fangen erst an zu existieren auf der Grundlage des gleichen Bürgerstatus für alle. Menschen müssen dazugehören, um in Klassenkonflikte verwickelt zu werden. Insoweit ist der Klassenkampf die treibende Kraft des modernen sozialen Konflikts.

Es entstehen neue Anrechtsschranken, die zwar keinen rechtlich verbindlichen Charakter haben, aber dennoch die Bürgerrechte behindern. Dazu gehören Naturaleinkommen, Diskriminierung, Immunitätsbarriere, Teilnahmeschwierigkeiten.

Der einzige rechtliche verbindliche Status, der noch bleibt ist der des Bürgers. Der moderne soziale Konflikt hat es aber mit der Wirkung von Ungleichheiten zu tun, die die volle bürgerliche Teilnahme von Menschen mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mitteln einschränken. Es geht also um Anrechte, die die Position des Bürgers zu einem erfüllten Status machen (S. 62).

Marshall unterscheidet drei Stufen dieses Prozesses:
1. die der Bürgerrechte,
2. die der politischen Rechte,
3. die der sozialen Rechte.

Die bürgerlichen Grundrechte sind der Schlüssel zur modernen Welt. Zu ihnen gehören die Elemente des Rechtsstaates, Gleichheit vor dem Gesetz und verlässliche Verfahren der Rechtsfindung. Das Ende der Hierarchie bedeutet den Anfang der bürgerlichen Grundrechte.

Niemand steht über dem Gesetz, alle sind ihm unterworfen. Das Recht begrenzt die Macht und ihre Träger, während es zugleich allen, die sich vorübergehend oder ständig in der Minderheit finden, Schutz gewährt.

Die erste Definition der Bürgerschaft war der Gedanke, dass alle Mitglieder der Gesellschaft Bürger, alle Bürger dem Recht unterworfen und alle gleich vor dem Gesetz sind. Diese Definition war eine notwendige Bedingung aller westlicher Versionen des Kapitalismus.

Die bürgerlichen Grundrechte vergrößerten Anrechte und Angebot für das Bürgertum des 18. Jhs. Die bürgerlichen Grundrechte waren eine strategische Veränderung der modernen Welt. Sie sind das erste Erfordernis für Länder, die sich verspätet auf den Weg der modernen Entwicklung begeben.

Schwächen der bürgerlichen Grundrechte: Sie können einseitig sein, als Spielregeln nur einer Seite. Solange nicht alle Bürger die Chance haben, ihre Interessen in den Prozess der Rechtssetzung einzubringen, lässt der Rechtsstaat schwerwiegende Anrechtsunterschiede unberührt.

Aus diesem Grund waren politische Rechte eine notwendige Ergänzung der bürgerlichen Rechte.

John Stuart Mill (Über die Freiheit): Die politische Öffentlichkeit entspricht dem wirtschaftlichen Markt. Die Öffentlichkeit muss wie der Markt allen zugänglich sein. Politische Rechte sind die Eintrittskarten zur Öffentlichkeit.

Es setzt sich die Auffassung durch, dass Mitglieder der Gesellschaft mehr brauchen als bürgerliche und politische Rechte.

Soziale Rechte kamen hinzu, so dass der Status des vollen Bürgers am Ende, wie Marshall es ausdrückte "ein universelles Recht auf ein Realeinkommen, das nicht am Marktwert des Betroffenen gemessen wird" einschließt.

Bürgerliche Grundrechte werden nicht nur durch die wirtschaftliche Macht der Privilegierten begrenzt, sondern auch durch die wirtschaftliche Schwäche vieler, denen sie durch Gesetz und Verfassung versprochen werden (S. 65).

Was bedeuten Rechte, wenn man sie nicht nutzen kann? Solange nicht jeder Mensch ein Leben frei von elementarer Not und Furcht lebt, bleiben Verfassungsrechte ein leeres Versprechen, ja schlimmer, sie werden zum zynischen Vorwand, hinter dem sich die Tatsache des Schutzes von Privilegien verbirgt. Mindesteinkommen?, Recht auf Arbeit?

Dahrendorf: Die Ungleichheit ist ein Medium der Freiheit, solange sie die Ungleichheit des Angebots bleibt und sich nicht auf Anrechte erstreckt.

Der Fortschritt der Bürgerrechte von der juristischen über die politische zur sozialen Sphäre ist auch ein Prozess der 'Klassendämpfung', der Milderung des Klassenkonflikts.

20070312

SCHWELLENLAND & BÜRGERRECHT sk-09

Dahrendorf konstatiert zwei Schwellen des Wandels: Eine Schwelle ist markiert durch den Übergang von der traditionellen Hierarchie der Stände- oder auch Kastengesellschaft zur offenen Schichtung moderner Gesellschaften.
Quelle bzw. behandelte Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
Konflikte, die den Prozess vorantreiben sind in aller Regel Bewegungen von Minoritäten.

Die zweite Schwelle ist die jener modernen Gesellschaften, in denen Bürgerrechte aufgehört haben ein dominantes Thema der Auseinandersetzung zu sein.

Zwischen diesen beiden Schwellen liegt die Phase, in der Bürgerrechte das Thema und Klassenkämpfe das Instrument des Wandels sind.

Es geht um Anrechtsfragen, also um den Status der Mitgliedschaft in Gesellschaften und die damit verbundenen Chancen. Der Ursprung des Klassenkonflikts findet sich in Herrschaftsstrukturen, die nicht mehr die absolute Qualität der traditionellen Hierarchie haben.

Das Thema des Klassenkonflikts heißt Lebenschancen. Sind diese nicht mehr Anrechtschancen sondern nur noch Angebotschancen nimmt der Konflikt eine neue Form an. Zur Bestimmung dessen Zeitpunktes sind Bürgerrechte der zentrale Begriff (S. 52).

Bürgerrechte stammen aus dem antiken Stadtstaat, der mittelalterlichen Stadt und dann der Burg. Sie führen am Ende zur Weltbürgerschaft. Ihre modernen Ausprägungen haben sie im Nationalstaat gewonnen.

Länder, in denen Bürgerrechte sich erst verspätet durchgesetzt haben, sind auch Länder die erst verspätet Nationen wurden. Warum?

Der moderne Nationalstaat ist im Kern die Form, in der das nicht feudale ( auch anti feudale) Bürgertum seinen Platz finden konnte.

Das Bürgertum brauchte die Nation, um Recht und Verfassung an die Stelle von überlieferten Bindungen und Gottesgnadentum zu setzen.

Insoweit ist der Nationalstaat Quelle des Fortschritts auf dem Weg zu einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft (S.53).

Der Nationalstaat schließt sowohl ein als auch aus. Das Bündnis von Liberalismus und Nationalismus zwischen 1789 bis 1848 bildete eine Kraft der Emanzipation. Der Nationalstaat erlaubte es die Idee der Bürgerrechte zu verallgemeinern. Das war schon ein Thema für Perikles S.53.

Cirka 2500 Jahre später setzt Toqueville Bürgerrechte als Demokratie gleich. Das 'Reich der Demokratie' wäre eines, in dem Rangunterschiede beseitigt, Eigentum weit gestreut und die Macht auf gesplittert wäre.

Demokratie als Gleichheit aller ist etwas anderes als politische Demokratie.

Alle sind gleich vor dem Gesetz, haben gleichen Anspruch auf politische Teilnahme und genießen diese Chancen unbeschadet ihrer sozialen Herkunft und Stellung. (Zu den Zeiten des Aristoteles gehörten Frauen und Sklaven nicht zu den Freien). Weitere Beschränkungen gab es im Geschichtsverlauf. Es dauerte Jahrhunderte bevor der gleiche Grundstatus aller Bürger so allgemein wurde.

20070303

NORBERT ELIAS PROZESS der ZIVILISATION zt-01


Norbert Elias untersuchte anfangs des 20. Jhs. langfristige 'Transformationen' der Gesellschafts- und Persönlichkeitsstrukturen. Langfristige 'Prozesse'.

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Wie ging die 'Zivilisation' im Abendland vor sich, worin bestand sie? Welches waren ihre Antriebe, ihre Ursachen oder Motoren? Norbert Elias veröffentlichte erstmals 1936 seinen "Prozess der Zivilisation". Im ersten Band untersucht er soziogenetisch und psychogenetisch die Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes.

Elias hat 1968 diesem Werk eine längere Einleitung voraus gefügt, in welcher er die Soziologie des 20. Jhs. kritisiert, dass sie sich vor allem auf Zustände und einem unspezifischen "sozialen Wandel" konzentriere.
Elias ist aber kein Verfechter einer Evolution im Sinne des 19. Jhs. Seine Arbeit ist grundlegend für eine undogmatische, empirisch fundierte soziologische Theorie der sozialen Prozesse im allgemeinen und der sozialen Entwicklung im besonderen.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
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Der erste Band beschäftigt sich vor allem mit der Frage, ob (die auf verstreuten Beobachtungen beruhende Vermutung stimmt, dass) es langfristige Wandlungen der Affekt- und Kontrollstrukturen von Menschen bestimmter Gesellschaften gibt, die über eine Reihe von Generationen gehen.
Betrachtet wird die Affektivität des Verhaltens (Affektkontrollen, die Regelung der individuellen Affekte durch Fremd- und Selbstzwänge), also die Veränderung von Persönlichkeitsstrukturen und die gleichzeitige verlaufende Gesamttransformation von Gesellschaften.

Welche Hauptrichtungen von Strukturwandlungen kann man generell unterscheiden? 1. Zunehmende, 2. Abnehmende Differenzierung und Integrierung, 3. Strukturwandel ohne Richtung, 4. Gesellschaftswandel ohne Strukturveränderung.

Die Frage mit der sich der zweite Band beschäftigt: Ist es möglich, diese langfristige Wandlung der Persönlichkeits Strukturen mit langfristigen gesamtgesellschaftlichen Strukturwandlungen die ebenfalls in eine bestimmte Richtung gehen in Zusammenhang zu bringen? Im zweiten Band wird auch der Staatsbildungsprozess untersucht, sowie ein Entwurf einer Theorie der Zivilisation gezeichnet, als einem Modell der möglichen Zusammenhänge zwischen dem langfristigen Wandel der menschlichen Individualstrukturen in der Richtung auf eine Festigung und Differenzierung der Affektkontrollen und dem langfristigen Wandel der Konfigurationen, die Menschen miteinander bilden, in der Richtung auf einen höheren Standard der Differenzierung und Integrierung, z.B Verlängerung der Interdependenz, Festigung der Staatskontrollen.

Mit der Konzentration auf eine empirisch-theoretische Fragestellung die sich auf langfristige Strukturwandlungen richtet, Abschied von metaphysischen Ideen die mit dem Begriff der Entwicklung mechanische Notwendigkeiten oder teleologische Zielstrebigkeit verbinden.
Der Begriff Zivilisation wurde herkömmlich (vor Elias) in halb metaphysischen Sinne diffus gebraucht. Elias will den Tatsachenkern herausarbeiten, auf den sich der gängige vorwissenschaftliche Begriff des Zivilisationsprozesses bezieht, also vor allem den Strukturwandel von Menschen in der Richtung auf eine größere Festigung und Differenzierung ihrer Affektkontrollen und damit auch ihres Erlebens, z.B. Vorrückens der Scham- und Peinlichkeitsschwelle, Differenzierung des Tafel-, Essgerätes.

Dann Frage nach der Erklärung (siehe 2.Band).
Elias kritisiert die in der Zeit um 1968 gängigen Theorien des sozialen Wandels. Diese Theorien unterscheiden, nach Elias, kaum zwischen den verschiedenen Typen des sozialen Wandels. Vor allem fehle es an empirisch belegten Theorien der langfristigen sozialen Wandlungen, die die Form eines Prozesses (einer Entwicklung) haben. Und es wird nochmals betont: Hier bei Elias handelt es sich nicht um eine Untersuchung einer "Evolution" im Sinne des 19. Jhs, im Sinne eines automatischen Fortschrittes, oder um einen unspezifischen "sozialen Wandel" im Sinne des 20. Jhs.

Die Kritik von Elias am Begriff des sozialen Wandels im 20. Jh.:

Elias stellt fest: Eine Zentralerscheinung der sozialen Entwicklung ist eine jahrhundertelange Welle fortschreitender Integrierung, ein Staatsbildungs-Prozess mit dem Komplementärprozess einer fortschreitenden Differenzierung.
Diese Strukturwandlung lässt sich als Faktum nachweisen, gleichgültig, wie man sie bewertet. Um diesen faktischen Nachweis geht es Elias.

Der Begriff des sozialen Wandels allein reiche als Forschungswerkzeug nicht aus um solchen Tatsachen Genüge zu tun. Der Begriff des sozialen Wandels ohne klare Unterscheidung zwischen Wandlungen, die sich auf die Struktur einer Gesellschaft beziehen, und Wandlungen, die sich nicht auf die Struktur einer Gesellschaft beziehen, zwischen Strukturwandlungen mit/ohne Richtung (Komplexität) ist ein sehr unzureichendes Werkzeug der soziologischen Untersuchung.

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