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20070510

Langzeitarbeitslosigkeit Entfremdung Anomie sk-33

Reale Konflikte sind immer auch sichtbare Konflikte. Die Mehrheitsklasse führt ihre Umverteilungsgefechte weiter. Das bleierne Gewicht der erdrückenden Mehrheit.

Klassen sind nicht mehr die vorherrschende Basis des Konflikts.

In offenen Gesellschaften individualisiert sich der soziale Konflikt.

(Anmerkung: Die 'Individualisierung sozialer Ungleichheit' hat Ulrich Beck, 1986, im Buch 'Risikogesellschaft' näher ausgeführt. Ich arbeite derzeit an einem diesbezüglichen Exzerpt. Kommt in Kürze. Und kurz gesagt handelt es sich bei dieser Individualisierung um die "Herauslösung von Menschen aus lebensweltlichen Zusammenhängen und Verweisung auf sich selbst" (So O-Ton Beck).
Vulgär gesagt bekommt der einzelne das 'Pummerl' (die Schuld) für das Versagen oder für Fehlkonzeptionen des 'Systems'. Dieser oder diese Einzelne ist nicht mehr politisch organisiert sondern lediglich Bittsteller auf Arbeitsämtern etc. und wird als 'Sozialschmarotzer' (auch und vor allem von politisch Tätigen) gebrandmarkt, diffamiert und stigmatisiert).
Originalton auf einem österreichischen Arbeitsamt: Der Leiter zu einer krankheitsbedingt Langzeitarbeitslosen: "Frau *****, wir werden auch für sie eine ENDLÖSUNG finden". !!! (Ist belegt, Namen könnten genannt werden).

Solidarisches Handeln in organisierten Gruppen ist vielleicht nur die zweitbeste Methode um die eigenen Interessen durchzusetzen. Es ist kräftezehrend, hat hohe emotionale Kosten, und es dauert lange bevor manfrau etwas erreicht.

Wo immer möglich, versuchen Menschen daher, aus eigener Kraft voranzukommen. In den USA ist das die vorherrschende Art, Konflikte auszutragen. Heute gilt dasselbe in den meisten entwickelten Ländern. Individuelle Mobilität tritt an die Stelle des Klassenkampfes.

Menschen die in organisierten Gruppen handeln, sind heute eher Sonderinteressengruppen oder soziale Bewegungen als Klassenparteien. Segmentierung lässt sich durch sozialen Wandel erklären (S. 236).

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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In dem Augenblick, in dem Bürgerrechte nahezu allgemein werden, nehmen 'Disparitäten der Lebensbereiche' (?von wem?) den Platz verallgemeinerter Forderungen nach bürgerlichen, politischen oder sozialen Rechten ein.
Soziale Bewegungen bilden sich durchaus innerhalb der Grenzen der Bürgergesellschaft. Bürgerlicher Ungehorsam hat nur Sinn, wenn ein stabiler Rahmen der Bürgerrechte (und Pflicht zum Gesetzesgehorsam) vorausgesetzt werden kann.

Warum schließen die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen sich nicht zusammen zum Marsch auf die jeweiligen Hauptstädte, um dort ihren vollen Anteil am Bürgerstatus einzufordern?

Warum gibt es nicht so etwas wie eine Arbeitslosenpartei und eine Armenpartei?

Warum macht die Unterklasse keinen Krawall?

Marx und Engels sprachen vom 'Lumpenproletariat', dem 'sozialen Abschaum', die 'passive Verfaulung der alten Gesellschaft'.

Theodor Geiger: Die unterste Schicht ist 'wirtschaftlich-sozial ohne Standort'. Ihre Mentalität führt sie nicht zur organisierten Interessenvertretung, sondern zur hemmungslosen Rebellion.
Ihre Soziallage macht sie zu einer Reservearmee für reaktionäre Umtriebe. Sie sind im Erwerbsleben nicht heimisch, zu stetiger Lebensführung nicht fähig und verdingen sich zu Abenteuer und Fehde.

Doch erklärt das alles nicht den sozialen Konflikt am Ende des 20. Jahrhunderts.
Tatsächlich ist die Unterklasse weder in Nordamerika noch in Europa besonders gewalttätig; sie steht der offiziellen Gesellschaft nicht einmal sonderlich feindselig gegenüber.

Wenn die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen überhaupt zur Wahl gehen, verteilen sich ihre Stimmen nicht viel anders als die der übrigen Wähler. (Das galt auch in den 30er Jahren für die Geiger schrieb).

Es waren eben nicht die Arbeitslosen, die Hitler zur Macht verholfen haben, wenn gleich ihr Schicksal etwas zu tun hatte mit der Hysterie des Mittelstandes.

Ein Autor: "die Unterklasse sei entfremdet und populistisch, aber nicht radikal". Sie ist in sich gespalten, jeder sucht seinen persönlichen Ausweg, und große Themen der öffentlichen Diskussion lassen sie gleichgültig.

Die Unterklasse neigt zur Lethargie.

Die Schlüsseltatsache für die Unterklasse und die Dauerarbeitslosen ist, dass sie sozusagen keinen Einsatz im Spiel der Gesellschaft haben. Das Spiel findet ohne sie statt.

In einem durchaus ernsten Sinn gilt die moralisch unerträgliche Feststellung, dass die Gesellschaft sie nicht braucht.
In der Mehrheitsklasse wünschen viele, die Unterklasse möge einfach von der Bildfläche verschwinden; täte sie das, dann fiele ihr Fehlen kaum jemandem auf. Die Betroffenen wissen das wohl. Für sie ist die Gesellschaft vor allem weit weg.

Es scheint sich das Gefühl, keinen Einsatz in der Gesellschaft zu haben, über die Grenzen jener Gruppen hinaus ausgebreitet zu haben, die durch Arbeitslosigkeit und Armut geprägt sind.

Junge Menschen vor allem haben eine Neigung, ihre Wertvorstellungen vom sozialen Rand her abzuleiten, auch wenn sie Arbeit haben und einen Platz im komfortablen Haus der Mehrheit finden könnten.
So stellt sich eine eigentümliche Konvergenz der Kultur der Unterklasse mit der Gegenkultur der Mittelklasse ein; es gehört sich sozusagen, nicht dazu zugehören.
Es ist zur verbreiteten Gewohnheit geworden, sich um die Normen und die Werte der offiziellen Gesellschaft nicht zu kümmern (S. 239).

Diese Gewohnheit ist vielleicht das wichtigste einzelne Merkmal der OECD-Gesellschaften in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie hat überdies einen Namen.

Anomie

Konflikte erscheinen nicht als Schlachtordnung in einem revolutionären Krieg oder selbst als demokratischer Klassenkampf, sondern als Anomie.
Ein wichtiger Begriff. Anomie oder Gesetzlosigkeit.

Der Begriff wird Emile Durkheim zugeschrieben, der von Anomie sprach, um die Aufhebung der Wirksamkeit sozialer Normen durch wirtschaftliche und politische Krisen zu beschreiben.
Ihr Ergebnis ist, dass Menschen aller Bindungen verlustig gehen, bis sie im Selbstmord den einzigen Ausweg sehen.

Robert Merton hat unserem Verständnis von Anomie seine eigene Wendung hinzugefügt, indem er sie als jenen 'Kollaps der kulturellen Struktur' beschrieb, der eintritt, wenn Menschen auf Grund ihrer sozialen Stellung nicht in der Lage sind, den Werten der Gesellschaft zu folgen (S. 240).
Der Begriff hilft bei der Beschreibung eines eigentümlichen Merkmals moderner Gesellschaften. Wichtiger als die bloße Zahl der Gesetzesbrüche, ist die Unfähigkeit von Gemeinwesen, mit diesen fertig zu werden.

In der normativen Welt des 20. Jahrhunderts sind gewisse rechts freie Räume entstanden (no-go-areas). Was in ihnen geschieht unterliegt nicht den normalen Sanktionen der Rechtsgemeinschaft. Also 'rechts freie Räume' in dem Sinn, dass die vorherrschenden Normen in ihnen außer Kraft gesetzt scheinen. Diese Räume stellen noch weitere Fragen.

Der 'Freispruch des Schuldigen' ist in den Gesellschaften der Gegenwart zu einem vertrauten Phänomen geworden, selbst bei Mord und Totschlag. Jahrzehntelang herrschte die Neigung, die 'Gesellschaft' verantwortlich zu machen. Der rechts freie Raum der Jugend ist wahrscheinlich der folgen reichste von allen, denn er nimmt diejenigen, die diese noch lernen sollen, von DEN Normen aus, DIE die Gesellschaft zusammenhalten (S. 242).

Anomie beschreibt unter diesem Gesichtspunkt einen Zustand, in dem Normbrüche nicht bestraft werden. Darüber hinaus beschreibt Anomie einen alle Bereiche des sozialen Lebens durchdringenden Zustand.
Dazu gehört der Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung in der Ehe, Steuerhinterziehung und andere Formen der Wirtschaftskriminalität.
Menschen haben keinen Einsatz in der Gesellschaft und fühlen sich daher an ihre Regeln nicht gebunden. Das ist die eine Seite des Bildes. Die andere ist, dass das Vertrauen der Gesellschaft in ihre eigenen Regeln abgenommen hat; die Einhaltung von Regeln wird schlicht nicht mehr erzwungen.


Es bleibt zu prüfen, ob die jüngste Form des sozialen Konflikts nicht zum Thema hat, dass der Gesellschaftsvertrag selbst in Frage steht. Dahrendorf meint die ersten und grundlegenden Artikel des Gesellschaftsvertrages, in denen es um Recht und Ordnung geht.

Hier begegnen wir dem Thema das es erlaubt die Argumentation über den modernen sozialen Konflikt zu bündeln.

Eine Gesellschaft, die allem Anschein nach bereit ist, die fortdauernde Existenz einer Gruppe zu akzeptieren, die keinen wirklichen Einsatz in ihr hat, stellt sich selbst in Frage. Hat die Gesellschaft das Vertrauen in ihre eigenen Regeln verloren?

Es ist die Rede davon, dass die Mehrheitsklasse ihr Selbstvertrauen verliert. Sie ist sich ihrer Stellung nicht mehr sicher. Daher zieht sie Grenzen, wo es keine geben sollte, und sie zögert, wenn die Erzwingung ihrer Regeln auf dem Spiel steht.
Die Zeichen des Selbstzweifels sind unverkennbar. Die Risiken der Anomie liegen auf der Hand. Unordnung, Zweifel und Ungewissheit über alles zu bringen, ist schlimm genug.

Doch liegt das größere Risiko in etwas anderem. Anomie kann nicht dauern. Sie ist eine Einladung an Usurpatoren, der Mehrheit ein falsches Ordnungsschema aufzudrängen. Eben das, was Liberale so stört an den Verfechtern von 'Recht und Ordnung', provozieren sie selbst durch das Fehlen eines entschiedenen Sinns für Institutionen.

Das Risiko der Anomie heißt Tyrannei in vielerlei Gestalt (S. 244).

20070501

Weltkriege, Proletariat, Totalitarismus, Dahrendorf sk-20

1914 war in Europa Scheitelpunkt eines lang andauernden Wirtschaftsaufschwungs. Niemand zweifelte an der Realität des Klassenkampfes. Fortschrittliche liberale Parteien wandten sich der sozialen Frage zu. Veränderung lag in der Luft.

28. Juni 1914 Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich wird ermordet. Manche sprechen von einem begrenzten Krieg auf dem Balkan. Das Reden vom Krieg weckt schlafende Hunde. In den letzten Julitagen waren die europäischen Hauptstädte sich einig, dass Krieg unvermeidlich geworden war.

Edward Grey (britischer Außenminister): "Die Lichter gehen aus in Europa".

Die Geschichte und die Folgen des Juli 1918 lassen sich nicht einfach als Teil des modernen sozialen Konflikts beschreiben. Der erste Weltkrieg war nicht einfach ein imperialistischer Exzess profithungriger Kapitalisten. Wenn je die Wirtschaft zur Magd der Politik geworden ist, dann in der Zeit von 1914 bis 1945.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Dahrendorf spricht von dieser Zeit (1914-1945) als 'Zweitem Dreißigjährigen Krieg'. Es mussten Hindernisse auf dem Weg der Modernität, der Ausweitung der Bürgerrechte, der Erweiterung von Lebenschancen und Freiheit auf explosive und gewaltsame Weise beseitigt werden (S. 115). Eines der Lichter das ausging in Europa war die revolutionäre Illusion.

Hoffnung ist eine unverzichtbare Bewegkraft des Handelns. Die revolutionäre Illusion dagegen verbindet den Glauben an den unaufhaltsamen Marsch des Fortschritts mit der Fata Morgana der Utopie. Sie lockt Menschen heraus, aus der wirklichen Welt fort von der Freiheit.

Für viele lag der Schlüssel zu solchen übertriebenen Hoffnungen im Begriff des Proletariats. Marx ist verantwortlich dafür, dass viele einen Weg von der Realität zur Utopie sahen. (Siehe dazu Dahrendorfs essentielle Kurzschilderung des Marxschen Weges (S. 115 u. 116).

Die Proletarier aller Länder werden aufgerufen sich zu vereinen. Statt dessen stimmten die parlamentarischen Vertreter des Proletariats für die Kriegskredite auf beiden Seiten der Front, Frankreichs und Deutschlands. Statt eine ganz andere Welt zu schaffen, zogen die Arbeiter für die bestehende Welt in die Schlacht.

Dahrendorf frägt: Wann haben die Armen und Getretenen dieser Erde je eine Welt nach ihrem Bilde geschaffen? Er antwortet: Die Armen suchen einen Platz an der Sonne von heute, nicht im künstlichen Licht einer unbekannten Welt. Wer ihnen sagt, dass sie die Zukunft in ihren Händen tragen, gibt ihnen weder Brot noch ein Dach über den Kopf.

Die industrielle Arbeiterklasse und ihre Organisationen waren gewiss eine Kraft des Wandels, aber dieser Wandel bedeutete die Entfaltung eines Prinzips, das schon wirklich war, des Prinzips der Bürgerrechte. Zwischen 1914 und den 1930 er Jahren verschwand das Proletariat als Leitstern der Hoffnung auf eine andere Welt.

Die Gründe für das Verschwinden des Proletariats weisen auf wichtige Sozialentwicklungen hin.

1. Diejenigen die die neue Welt des Proletariats besangen wussten wenig über die wirklichen Einstellungen arbeitender Menschen. Arbeiter sind nämlich eher intolerant, nationalistisch (als internationalistisch), kritisch (gegenüber Liberalen), Schutz suchend (als freiheitsliebend und offen).

Untere Schichten sind relativ autoritär, finden extreme Bewegungen attraktiver als gemäßigte und demokratische, werden durch den Mangel an innerer Demokratie nicht abgeschreckt.

Lipset zeigte, dass intolerante und extremistische Bewegungen mit größerer Wahrscheinlichkeit aus den unteren Schichten hervorgehen. Ein Dilemma für die Intellektuellen der demokratischen Linken die geglaubt hatte, dass das Proletariat notwendig eine Kraft der Freiheit, der Rassengleichheit und des sozialen Fortschritts ist.

2. Desillusionierung über die Organisation der Arbeiterbewegung. Robert Michels (Soziologie der politischen Parteien, 1911) These besagte, dass sozialistische Parteien sich nicht wesentlich von anderen Parteien und politischen Organisationen unterscheiden.

Diese Einsicht hatte viele Folgen. "Wer immer Organisation sagt, statuiert eine Tendenz zur Oligarchie". Massen selber können nicht führen, wenn sie aber Parteien und Gewerkschaften bilden werden sie von einer Minderheit geführt.

Eine Partei ist eben eine Partei. Er kam zu dem Schluss, dass die Arbeiterbewegung zum Teil des normalen politischen Prozesses geworden ist. Das war die Geburt der Sozialdemokratie (Georg Lukàcs bedauerte den Prozess der realen politischen Organisation, 1922, der das Proletariat zu einem bloßen Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaft mache und nicht zum Motor zu ihrem Untergang und Vernichtung.

Das Wort 'Masse' wird in den 20ern zu einem Modewort. Die angeblich atomisierten Massen wurden als Geißel der Modernität entdeckt (Gustave LeBons Psychologie der Massen, José Ortegas y Gasset : Aufstand der Massen, Theodor Geiger: Die Masse und ihre Aktion, Sigmund Freunds Massenpsychologie.

3. Ein Teil der Arbeiterbewegung stieg in eine mittelständische Existenz auf. Das Wort 'Verbürgerlichung' kam in Umlauf. Jedenfalls musste die These von Marx, wonach im Laufe der Zeit das Proletariat zu einer großen homogenen Klasse werden würde, als widerlegt gelten. Fortschritt in der Industrie. Unterscheidung von an-, un-, gelernten, Arbeitern.

4. Fortschritt der Industrie und allgemeine Wirtschaftsentwicklung führten zu einem massiven Anwachsen des Mittelstandes von privaten und öffentlichen Angestellten. Diese Angestellten waren nicht einfach ein Puffer zwischen Großkapital und Proletariat (Emil Lederer u. Jakob Marschak, Studie des neuen Mittelstandes, 1926) sondern hatten ihre eigene sozialpolitische 'Mentalität' (Theodor Geiger).
Diese führte sie zur Unterstützung einer Partei die sich sowohl gegen die Herrschaft des Kapitals als auch die proletarische Revolution wendete, der Nazipartei.

5. Auch ein beharrliches Überleben des 'alten Mittelstandes' von selbständigen Handwerkern und Kleinunternehmern und Landwirten.
Tatsächlicherweise wuchs die Arbeiterklasse schon bis sie 50 % der Bevölkerung umfasste. Aber andere Schichten wuchsen noch rascher.

Seit den zwanziger Jahren gab es zwei Arten von Sozialismus. Sozialdemokratie und sowjetische Erfahrung. Damit eine Spaltung der Arbeiterbewegung freier Länder. Auch die gnadenlosen Attacken von Kommunisten auf Sozialdemokraten schürten Zweifel.

Was war die Bedeutung dieser Entwicklungen?

Schon oben wurde die Ausweitung der Bürgerrechte auf zuvor Unterprivilegierte durch die Verbindung von sozialem Druck und strategischer politischer Reform beschrieben. Die Arbeiterklasse war zu einem 'machtvollen, selbstbewussten, wohl konstruierten Glied der Gesellschaft' geworden.

Damit verbesserte sie ihre eigene Lebenslage und wandelte den Charakter der bürgerlichen Ökonomie in bedeutsame Richtung (so Karl Renner, Austromarxist, erster Präsident der Republik Österreich in einer 1945 veröffentlichten rückblickenden Analyse).

Das Verschwinden des Proletariats hinterließ ein Vakuum in den Köpfen von Intellektuellen. Manche 'verdampften die Realität' und dankten als politische Kraft ab.

Doch bleiben Intellektuelle Seismographen des sozialen Wandels und manchmal sind sie Fermente oder Katalysatoren. Intellektuelle haben einen wichtigen Ort in jeder liberalen Lösung des Problems der modernen Politik, weil sie die Interessen sozialer Bewegungen in die Sprache der Entscheidungsträger übersetzen, Entscheidungen der Öffentlichkeit verständlich machen und zu alledem einen Abstand halten zu Führern wie Bürokraten und den Interessen des Volkes. Das gilt nur, wenn sie diesen Abstand auch einhalten.

Die Geschichte des 'zweiten 30jährigen Krieges' war eine Geschichte des intellektuellen Verrates wie der illiberalen Politik. Die revolutionäre Illusion selbst war eine Form des Verrats der Intelligenz. Überzogene Hoffnungen und Utopien ebnen den Weg für Ideologie und Tyrannei.

Das verschwindende Proletariat hinterließ ein Vakuum. Immer wieder werden von Autoren Revolutionen ausgerufen. Intellektuelle spielen in zunehmenden Maße eine zentrale Rolle im Weltbild der Intellektuellen. (Karl Mannheims freischwebende Intelligenz als Subjekt der Hoffnung? War er selbst freischwebend? (so Dahrendorf).

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