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20070603

Dahrendorf Weltbürgerschaft sk-39

Was ist wichtig? Den Menschen in den bisher benachteiligten Teilen der Welt zu helfen, den Weg zu freien Bürgergesellschaften zu finden. Diese Länder brauchen nicht nur ein größeres wirtschaftliches Angebot, sondern auch die vollen Anrechte des Bürgerstatus und beide müssen in einem breiten Spektrum von Assoziationen und autonomen Institutionen verankert werden.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur:
Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf,
Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch,
Textauswahl für dieses Blog: Transitenator
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Regierungen können helfen, den Angebotsprozess in Gang zu bringen; internationale Organisationen können bürgerliche Anrechte stabilisieren helfen. Alles übrige ist die Aufgabe von nationalen und internationalen 'Ngos' also Nicht-Regierungs-Organisationen.

Unterklasse und dritte Welt Probleme haben gemeinsame Merkmale. Allerdings ist die Mehrheit der Menschheit arm und unterprivilegiert. Für sie alle gilt, dass makroökonomische Maßnahmen nur begrenzte Erfolge versprechen.

Bürgergesellschaften lassen sich nicht aufrecht erhalten, es sei denn, wir verstehen sie als Schritte auf dem Weg zu einer Weltbürgergesellschaft.

Dahrendorf zitiert Kant (1784, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht).
Das entscheidende Zitat in Kants viertem Satz: "das Mittel, dessen sich die Natur bedient, die Entwicklung aller ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, der Antagonismus derselben in der Gesellschaft (ist), so fern dieser doch am Ende die Ursache einer gesetzesmäßigen Ordnung derselben wird".

Kant führt dann den Begriff der 'ungeselligen Geselligkeit' des Menschen ein, die als Antrieb wirkt, um Arkadien zu verlassen und dem Dasein einen größeren Wert zu verleihen, als es das der dort geweideten Schafe hat.

"Dank sei also der Natur für die Unvertragsamkeit, für die missgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder auch zum Herrschen!"

Konflikt ist die Quelle des Fortschritts zur Zivilisation und am Ende zur Weltbürgerschaft. (Anmerkung: Hallekantja!) Da der Wille des Menschen frei ist, lässt sich nicht von einem ausdrücklichen gemeinsamen Zweck des menschlichen Handelns sprechen; in der Tat erleben wir vornehmlich Widerspruch, ja Chaos.

Dahrendorf: "Doch es könnte immerhin sein, dass es in diesem Chaos eine verborgene 'Naturabsicht' gibt und daher Hinweise auf den Sinn des Ganzen" (S. 282).
Die natürliche Fähigkeit des Menschen ist die Vernunft, aber sie wird nur in der Gattung und nicht in irgendeinem einzelnen Individuum voll entfaltet.

Der Prozess der Entfaltung wird überdies das Werk von Menschen in und durch Gesellschaft sein (S. 283).
Der Antagonismus führt Kant zu seinem fünften Satz: "Das größte Problem für die Menschengattung, zu dessen Auflösung die Natur ihn zwingt, ist die Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft".
Die menschliche Ungeselligkeit treibt die Geschichte voran, aber sie verlangt auch die Bändigung durch Verfassungen, also einen Gesellschaftsvertrag.

Die Geschichte also bei Kant als die Realisierung eines verborgenen Plans der Natur (S. 283). Heute stellt sich die Frage, ob die Menschheit nicht eher sich selbst zerstört als dass sie zu einer Weltgesellschaft zusammenfinden wird.
Kant fehlte es nicht an Selbstkritik.

Kants Ansatz war es nicht zu sagen, dass die Geschichte so und nicht anders verlaufen muss, sondern zu fragen,was denn zu geschehen hätte, wenn wir annehmen, dass Menschen größere Lebenschancen in einer ungewissen Welt suchen.

Bürgerrechte, der Bürgerstatus, die Bürgergesellschaft sind wichtige Schritte auf dem Weg, der sich aus einer solchen Fragestellung ergibt. Sie sind Errungenschaften der Zivilisation, immer wieder gefährdet, immer wider unvollkommen.
Diese Errungenschaften bleiben jedoch solange unbefriedigend, ja verstümmelt, wie sie mit dem Ausschluss anderer verbunden sind.

Die Unterklasse, die Dritte Welt, die Unterdrückung von Minderheiten, der Krieg gegen andere, Andersartige, Anders denkende verletzen das Prinzip der Bürgerfreiheit selbst dort noch, wo dieses verteidigt wird.
Der moralische Anspruch der Freiheit, wie sie in diesem Essay von Dahrendorf verstanden wird, ist nicht nur absolut, sondern auch universell. Es gibt daher keine wirkliche Freiheit für irgend jemanden, solange es nicht Freiheit für alle gibt. Der Optimismus der Aufklärung mag uns abhanden gekommen sein; ihr Anspruch gilt heute so wie vor zweihundert Jahren (S. 284).

Die praktische Frage, wie manfrau dem notwendigen Ziel näher kommen kann. Der heterogene Nationalstaat ist einstweilen der verlässlichste Rahmen, der für die Bürgergesellschaft gefunden worden ist. Aber er schließt auch aus. Er muss daher überwunden werden. Wie?

Die drei Wege sind nicht originell aber wichtig.

Kant spricht von der 'allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft'. Das Recht- der Rechtsstaat- ist das kostbarste Element des liberalen Nationalstaates. Die Frage ist, wie es sich über dessen Grenzen hinaus entwickeln lässt, und zwar als Recht im vollen Sinne des Begriffs, nicht als ein so genanntes zahnloses Völkerrecht, das die willfährige Magd politischer Interessen bleibt (S. 284).

Anfänge eines supranationalen Rechts, europäische Menschenrechtskonvention, Helsinki Akte, Charta der Vereinigten Nationen tragen bei zur Entstehung von Gewohnheiten quasi-rechtlichen Verhaltens.
Zum Richter gehört auch der Henker, das heißt die Instanz, die Sanktionen verhängt. Jeder Schritt in die Richtung einer Schaffung eines effektiven internationalen Rechts ist willkommen.

Der zweite Weg führt über internationale Organisationen. Angebotsorganisationen machen aber halt vor Anrechtsfragen. So kommt es, dass Weltbank und IWF eher dazu beitragen Diktatoren zu bereichern als Bürgerrechte durchzusetzen.
Internationale Organisationen sind wichtige Merkposten für eine künftige Weltregierung. Sie haben Bedeutung in dem Maße als sie zu Anrechtsorganisationen werden, also zum Beispiel Menschenrechtsforderungen mit Wirtschaftshilfe verbinden.

Der dritte Weg bringt uns nochmals zur Bürgergesellschaft, insbesondere zu den privaten Organisationen. Das Fehlen einer europäischen Bürgergesellschaft ist eine der großen Schwächen der EG. Das Vakuum wird gefüllt durch nicht-staatliche Assoziationen.

Das Projekt bleibt höchst zerbrechlich. Nicht alle lesen Kant, schlimmer noch, viele wollen ihn nicht lesen. Sie ziehen Rousseau vor und Hegel und vor allem die minderen Autoren und die Demagogen, die ihnen ein totaleres Angebot an Bindung machen. Das Projekt der Weltbürgergesellschaft ist am Ende des 20en Jhs in erster Linie eine Erinnerung an die Werte, die es zu verteidigen gilt (S. 286).


Strategische Veränderungen

Wie kommt manfrau von hier nach dort? Was die Richtung betrifft, so wurden Hinweise in diesem Kapitel gegeben. Doch es bleibt die methodische Frage. Wie sind die Aufgaben anzupacken, die auf der Agenda für Liberale stehen?

Nicht alle Bewohner von Dahrendorfs Pantheons der Helden waren Urheber strategischer Veränderungen. Sie waren eher nachdenkliche Menschen. Wichtig ist die Substanz des Rates, den die hier angepriesenen Männer zu geben hatten. Diese war radikal und konservativ.

Es geht darum, dass spezielle Reformen vorgeschlagen werden, die nach allen Maßstäben radikal sind, diese aber den Rahmen nicht sprengen, in dem in gegebenen Umständen gehandelt wird, und insoweit konservativ bleiben. Der 'institutionelle Liberalismus' weist in eine ähnliche Richtung.

Politik heißt für Hirschmann 'Stimme', also Protest, und nicht Handeln oder Veränderung. Er erweckt zumindest den Anschein, als sähe er die Welt vom Standpunkt der Opfer, der Armen und Getretenen. Deren Schicksal war für Keynes nicht weniger wichtig, doch sah er sie aus einer ganz anderen Perspektive. Keynes suchte stets nach Hebeln des Handelns 'von oben'. Der Gedanke, dass die Schaffung von Wohlstand die Hauptaufgabe der Herrschenden sei wurde 1919 geboren.

In Keynes Allgemeiner Theorie gibt es ohne effektive Nachfrage keine Vollbeschäftigung und damit keine effektive Ausnützung der wirtschaftlichen Ressourcen. Effektive Nachfrage aber stellt sich nicht automatisch ein; sie verlangt unter Umständen staatliches Handeln einschließlich von Maßnahmen der Umverteilung.

Keynes: "Die hervorstechendsten Mängel der Wirtschaftsgesellschaft, in der wir leben, liegen in ihrem Versagen bei der Schaffung von Vollbeschäftigung und in ihrer willkürlichen und ungerechten Verteilung von Wohlstand und Einkommen". Er empfahl starke Rezepte: Er verlangte also, dass die Anrechtsstrukturen verändert werden um das Angebot zu steigern.

Der kritische Begriff bei Keynes ist der einer Steuerung der effektiven Nachfrage. Es reicht nicht, sich allein auf die Angebotsseite und das Wirken des Marktes zu verlassen; soziale und politische Veränderungen müssen benutzt werden, um Wirtschaftswachstum anzuregen, indem die Menschen in die Lage versetzt werden, mehr nachzufragen.

Damit will jetzt Dahrendorf keine Nachfragesteuerung nahe legen. Keynes hat später (1940) einen Plan entwickelt, der eine Zeit der allgemeinen Opferbereitschaft (nach einem Krieg?) als willkommene Gelegenheit sieht, bei der Reduktion von Ungleichheiten voranzugehen (S. 291).

In den armen Ländern der Welt liegt das Schlüsselproblem in der Verbindung von Wirtschaftsentwicklung und Bürgerstatus. Gründung von Genossenschaften, Varianten der Privatisierung, privates Kleingewerbe, Gewinnbeteiligung, Mitbestimmung. Vielleicht gibt es strategisch noch wirksamere Bindeglieder zwischen Bürgerrechten und einem wachsenden Angebot. Dazu könnte das garantierte Grundeinkommen zählen, aber auch eine Zeitsteuer durch einen allgemeinen Zivildienst.

Michail Gorbatschow ist gescheitert mit dem Versuch, Meinungsfreiheit (Glasnost) und wirtschaftliche Umstrukturierung (Perestroika) zu verbinden. Wie kann manfrau Demokratie und Marktwirtschaft gleichzeitig etablieren.? Wo liegen die strategischen Hebel für diese Verbindung? Ist es die Privatisierung oder die Freigabe der Preise?

Sind die Rezepte möglicherweise von Land zu Land verschieden?

Ein neuer Keynesdie Lösung? Manfrau wird den Propheten daran erkennen an der Fähigkeit, strategische Reformen vorschlagen zu können. Diese lassen sich nunmehr klar definieren. Es handelt sich um Maßnahmen der Veränderung, insofern um Reformen, die an einem spezifischen Punkt ansetzen, diesen jedoch so wählen, dass von ihm aus weitreichende, gar nicht voll absehbare Wirkungen ausgehen.

Dabei handelt es sich typischerweise um Punkte auf der Grenzlinie von Politik und Ökonomie, von Anrechten und Angebot. Jedenfalls gilt das für strategische Veränderungen zugunsten größerer Lebenschancen für mehr Menschen. Hier könnte die Kraft von garantiertem Grundeinkommen liegen.

Strategische Veränderungen sind also praktische Weisen der Vergrößerung von Lebenschancen durch das Handeln der Verantwortlichen.
Sie setzen das gesamte Arsenal der Kritik an den Sozialingenieuren der Utopie voraus, das Popper so reich bestückt hat; es geht eben nicht darum, "das Ganze der Gesellschaft nach einem bestimmten Plan oder Schnittmuster um zu modeln" (Karl Popper, das Elend des Historizismus). Andererseits ist strategische Veränderung mehr als Poppers 'stückweise Sozialtechnologie'.

Auch abgesehen von der eher unglücklichen Wortwahl - die eine rein technische Qualität politischer Entscheidungen unterstellt-, legt das stück- oder schrittweise Vorgehen reaktives und nicht konstruktives Handeln nahe. Auch impliziert es ein Tempo des Wandels, das in kritischen Situationen zu langsam sein könnte.

Poppers Begrifflichkeit ist von den Pragmatikern aufgenommen worden, denen die Methode des Handelns wichtiger war als das Ziel.

Der Begriff 'strategischer Veränderungen' unterscheidet sich offenbar von den im Elend des Historizismus entwickelten Begriffen.
Strategisches Handeln schließt einen Richtungssinn ein und begnügt sich daher nicht mit 'Vorsicht und Vorbereitetsein auf unvermeidliche Überraschungen'.
Der Richtungssinn ist nicht nur formal zu verstehen und die Methoden der Realisierung sind mehr als nur technischer Art.

20070510

Langzeitarbeitslosigkeit Entfremdung Anomie sk-33

Reale Konflikte sind immer auch sichtbare Konflikte. Die Mehrheitsklasse führt ihre Umverteilungsgefechte weiter. Das bleierne Gewicht der erdrückenden Mehrheit.

Klassen sind nicht mehr die vorherrschende Basis des Konflikts.

In offenen Gesellschaften individualisiert sich der soziale Konflikt.

(Anmerkung: Die 'Individualisierung sozialer Ungleichheit' hat Ulrich Beck, 1986, im Buch 'Risikogesellschaft' näher ausgeführt. Ich arbeite derzeit an einem diesbezüglichen Exzerpt. Kommt in Kürze. Und kurz gesagt handelt es sich bei dieser Individualisierung um die "Herauslösung von Menschen aus lebensweltlichen Zusammenhängen und Verweisung auf sich selbst" (So O-Ton Beck).
Vulgär gesagt bekommt der einzelne das 'Pummerl' (die Schuld) für das Versagen oder für Fehlkonzeptionen des 'Systems'. Dieser oder diese Einzelne ist nicht mehr politisch organisiert sondern lediglich Bittsteller auf Arbeitsämtern etc. und wird als 'Sozialschmarotzer' (auch und vor allem von politisch Tätigen) gebrandmarkt, diffamiert und stigmatisiert).
Originalton auf einem österreichischen Arbeitsamt: Der Leiter zu einer krankheitsbedingt Langzeitarbeitslosen: "Frau *****, wir werden auch für sie eine ENDLÖSUNG finden". !!! (Ist belegt, Namen könnten genannt werden).

Solidarisches Handeln in organisierten Gruppen ist vielleicht nur die zweitbeste Methode um die eigenen Interessen durchzusetzen. Es ist kräftezehrend, hat hohe emotionale Kosten, und es dauert lange bevor manfrau etwas erreicht.

Wo immer möglich, versuchen Menschen daher, aus eigener Kraft voranzukommen. In den USA ist das die vorherrschende Art, Konflikte auszutragen. Heute gilt dasselbe in den meisten entwickelten Ländern. Individuelle Mobilität tritt an die Stelle des Klassenkampfes.

Menschen die in organisierten Gruppen handeln, sind heute eher Sonderinteressengruppen oder soziale Bewegungen als Klassenparteien. Segmentierung lässt sich durch sozialen Wandel erklären (S. 236).

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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In dem Augenblick, in dem Bürgerrechte nahezu allgemein werden, nehmen 'Disparitäten der Lebensbereiche' (?von wem?) den Platz verallgemeinerter Forderungen nach bürgerlichen, politischen oder sozialen Rechten ein.
Soziale Bewegungen bilden sich durchaus innerhalb der Grenzen der Bürgergesellschaft. Bürgerlicher Ungehorsam hat nur Sinn, wenn ein stabiler Rahmen der Bürgerrechte (und Pflicht zum Gesetzesgehorsam) vorausgesetzt werden kann.

Warum schließen die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen sich nicht zusammen zum Marsch auf die jeweiligen Hauptstädte, um dort ihren vollen Anteil am Bürgerstatus einzufordern?

Warum gibt es nicht so etwas wie eine Arbeitslosenpartei und eine Armenpartei?

Warum macht die Unterklasse keinen Krawall?

Marx und Engels sprachen vom 'Lumpenproletariat', dem 'sozialen Abschaum', die 'passive Verfaulung der alten Gesellschaft'.

Theodor Geiger: Die unterste Schicht ist 'wirtschaftlich-sozial ohne Standort'. Ihre Mentalität führt sie nicht zur organisierten Interessenvertretung, sondern zur hemmungslosen Rebellion.
Ihre Soziallage macht sie zu einer Reservearmee für reaktionäre Umtriebe. Sie sind im Erwerbsleben nicht heimisch, zu stetiger Lebensführung nicht fähig und verdingen sich zu Abenteuer und Fehde.

Doch erklärt das alles nicht den sozialen Konflikt am Ende des 20. Jahrhunderts.
Tatsächlich ist die Unterklasse weder in Nordamerika noch in Europa besonders gewalttätig; sie steht der offiziellen Gesellschaft nicht einmal sonderlich feindselig gegenüber.

Wenn die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen überhaupt zur Wahl gehen, verteilen sich ihre Stimmen nicht viel anders als die der übrigen Wähler. (Das galt auch in den 30er Jahren für die Geiger schrieb).

Es waren eben nicht die Arbeitslosen, die Hitler zur Macht verholfen haben, wenn gleich ihr Schicksal etwas zu tun hatte mit der Hysterie des Mittelstandes.

Ein Autor: "die Unterklasse sei entfremdet und populistisch, aber nicht radikal". Sie ist in sich gespalten, jeder sucht seinen persönlichen Ausweg, und große Themen der öffentlichen Diskussion lassen sie gleichgültig.

Die Unterklasse neigt zur Lethargie.

Die Schlüsseltatsache für die Unterklasse und die Dauerarbeitslosen ist, dass sie sozusagen keinen Einsatz im Spiel der Gesellschaft haben. Das Spiel findet ohne sie statt.

In einem durchaus ernsten Sinn gilt die moralisch unerträgliche Feststellung, dass die Gesellschaft sie nicht braucht.
In der Mehrheitsklasse wünschen viele, die Unterklasse möge einfach von der Bildfläche verschwinden; täte sie das, dann fiele ihr Fehlen kaum jemandem auf. Die Betroffenen wissen das wohl. Für sie ist die Gesellschaft vor allem weit weg.

Es scheint sich das Gefühl, keinen Einsatz in der Gesellschaft zu haben, über die Grenzen jener Gruppen hinaus ausgebreitet zu haben, die durch Arbeitslosigkeit und Armut geprägt sind.

Junge Menschen vor allem haben eine Neigung, ihre Wertvorstellungen vom sozialen Rand her abzuleiten, auch wenn sie Arbeit haben und einen Platz im komfortablen Haus der Mehrheit finden könnten.
So stellt sich eine eigentümliche Konvergenz der Kultur der Unterklasse mit der Gegenkultur der Mittelklasse ein; es gehört sich sozusagen, nicht dazu zugehören.
Es ist zur verbreiteten Gewohnheit geworden, sich um die Normen und die Werte der offiziellen Gesellschaft nicht zu kümmern (S. 239).

Diese Gewohnheit ist vielleicht das wichtigste einzelne Merkmal der OECD-Gesellschaften in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie hat überdies einen Namen.

Anomie

Konflikte erscheinen nicht als Schlachtordnung in einem revolutionären Krieg oder selbst als demokratischer Klassenkampf, sondern als Anomie.
Ein wichtiger Begriff. Anomie oder Gesetzlosigkeit.

Der Begriff wird Emile Durkheim zugeschrieben, der von Anomie sprach, um die Aufhebung der Wirksamkeit sozialer Normen durch wirtschaftliche und politische Krisen zu beschreiben.
Ihr Ergebnis ist, dass Menschen aller Bindungen verlustig gehen, bis sie im Selbstmord den einzigen Ausweg sehen.

Robert Merton hat unserem Verständnis von Anomie seine eigene Wendung hinzugefügt, indem er sie als jenen 'Kollaps der kulturellen Struktur' beschrieb, der eintritt, wenn Menschen auf Grund ihrer sozialen Stellung nicht in der Lage sind, den Werten der Gesellschaft zu folgen (S. 240).
Der Begriff hilft bei der Beschreibung eines eigentümlichen Merkmals moderner Gesellschaften. Wichtiger als die bloße Zahl der Gesetzesbrüche, ist die Unfähigkeit von Gemeinwesen, mit diesen fertig zu werden.

In der normativen Welt des 20. Jahrhunderts sind gewisse rechts freie Räume entstanden (no-go-areas). Was in ihnen geschieht unterliegt nicht den normalen Sanktionen der Rechtsgemeinschaft. Also 'rechts freie Räume' in dem Sinn, dass die vorherrschenden Normen in ihnen außer Kraft gesetzt scheinen. Diese Räume stellen noch weitere Fragen.

Der 'Freispruch des Schuldigen' ist in den Gesellschaften der Gegenwart zu einem vertrauten Phänomen geworden, selbst bei Mord und Totschlag. Jahrzehntelang herrschte die Neigung, die 'Gesellschaft' verantwortlich zu machen. Der rechts freie Raum der Jugend ist wahrscheinlich der folgen reichste von allen, denn er nimmt diejenigen, die diese noch lernen sollen, von DEN Normen aus, DIE die Gesellschaft zusammenhalten (S. 242).

Anomie beschreibt unter diesem Gesichtspunkt einen Zustand, in dem Normbrüche nicht bestraft werden. Darüber hinaus beschreibt Anomie einen alle Bereiche des sozialen Lebens durchdringenden Zustand.
Dazu gehört der Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung in der Ehe, Steuerhinterziehung und andere Formen der Wirtschaftskriminalität.
Menschen haben keinen Einsatz in der Gesellschaft und fühlen sich daher an ihre Regeln nicht gebunden. Das ist die eine Seite des Bildes. Die andere ist, dass das Vertrauen der Gesellschaft in ihre eigenen Regeln abgenommen hat; die Einhaltung von Regeln wird schlicht nicht mehr erzwungen.


Es bleibt zu prüfen, ob die jüngste Form des sozialen Konflikts nicht zum Thema hat, dass der Gesellschaftsvertrag selbst in Frage steht. Dahrendorf meint die ersten und grundlegenden Artikel des Gesellschaftsvertrages, in denen es um Recht und Ordnung geht.

Hier begegnen wir dem Thema das es erlaubt die Argumentation über den modernen sozialen Konflikt zu bündeln.

Eine Gesellschaft, die allem Anschein nach bereit ist, die fortdauernde Existenz einer Gruppe zu akzeptieren, die keinen wirklichen Einsatz in ihr hat, stellt sich selbst in Frage. Hat die Gesellschaft das Vertrauen in ihre eigenen Regeln verloren?

Es ist die Rede davon, dass die Mehrheitsklasse ihr Selbstvertrauen verliert. Sie ist sich ihrer Stellung nicht mehr sicher. Daher zieht sie Grenzen, wo es keine geben sollte, und sie zögert, wenn die Erzwingung ihrer Regeln auf dem Spiel steht.
Die Zeichen des Selbstzweifels sind unverkennbar. Die Risiken der Anomie liegen auf der Hand. Unordnung, Zweifel und Ungewissheit über alles zu bringen, ist schlimm genug.

Doch liegt das größere Risiko in etwas anderem. Anomie kann nicht dauern. Sie ist eine Einladung an Usurpatoren, der Mehrheit ein falsches Ordnungsschema aufzudrängen. Eben das, was Liberale so stört an den Verfechtern von 'Recht und Ordnung', provozieren sie selbst durch das Fehlen eines entschiedenen Sinns für Institutionen.

Das Risiko der Anomie heißt Tyrannei in vielerlei Gestalt (S. 244).

20070508

Unterklasse Unterschicht Ghettoisierung sk-31

Der amerikanische Aspekt der neuen sozialen Frage.
Auch in den USA Dauerarbeitslosigkeit. Doch sind in den USA Millionen neuer Stellen geschaffen worden und niemand spricht von einer Verknappung der Arbeit oder versteht den Begriff.

Der Grund hiefür liegt in der Flexibilität der Reallöhne nach unten. Amerikanische Reallöhne sind tatsächlich gefallen. Das bedeutet, dass nicht wenige Menschen zwar Arbeit finden aber arm bleiben.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Dauerarmut ist das amerikanische Gegenstück zur europäischen Dauerarbeitslosigkeit.

Das Sinken der Reallöhne begann in den USA in der Mitte der 70er Jahre. Damit Trendbruch. Der Prozentsatz der Menschen unterhalb der offiziellen Armutsgrenze stieg von 11 auf 15 %.
Die Zahlen sind Ergebnis der Tatsache, dass relativ gut bezahlte Stellen abgebaut und neue auf einem niedrigeren Lohnniveau geschaffen worden sind. Dazu gleichzeitiges Ausbleiben von Zusatzleistungen (medizinische Versorgung, Arbeitsplatzsicherheit).

Die Auswirkungen dieses Prozesses sind offenbar deprimierend.

Wenn 'Regularisierung', also die regelmäßige Beschäftigung von Teilzeit- oder Gelegenheitsarbeitern, von Beveridge vor dem Ersten Weltkrieg als Rezept gegen Arbeitslosigkeit empfohlen wurde, dann lässt sich heute eine gegenläufige Entwicklung beobachten.
Stärker als in Europa wirkt sich in den USA die Beschäftigungslage auf den allgemeinen wirtschaftlichen Status von Menschen aus.

Die 'arbeitenden Armen' ('working poor'). Volle Teilnahme am Leben der Gesellschaft bleibt für sie offenkundig prekär; zugleich haben sie ihre Bürgerrechte nicht unwiederbringlich verloren. Ihnen helfen nur Qualifikationen, um sich aus dem Elend herauszuarbeiten.

Dann die noch schlechter Gestellten, die amerikanische 'Ghetto' - Unterklasse. Es gibt keine Industriegesellschaft ohne ein Residuum von Arbeitsunfähigen, Arbeitsunwilligen und Herumtreibern. Doch sind die Clochards von Paris, etc. keine Unterklasse.

Damit eine Unterklasse entsteht, muss es systematische Prozesse ihrer Rekrutierung, ihrer Abgrenzung und der Prägung ihres Verhaltens geben.

Es hat den Anschein, als ob diese in amerikanischen Großstädten existieren.

Die Merkmale: "Minderheitsgruppen, die in den Elendsquartieren unserer Großstädte leben, gekennzeichnet durch eine schwache Bindung an den Arbeitsmarkt, durch Drogen- und Alkoholmissbrauch, uneheliche Geburten, langfristige Abhängigkeit von Sozialhilfe und, zumindest unter Männern eine Tendenz zu kriminellem Verhalten" (Mary Jo Bane u. Paul Jargowsky).

Es ist die Rede von einer sozialen Kategorie, in der sozial pathologische Merkmale sich so sehr häufen, dass ein Dauerzustand der Entfremdung entsteht.
Seine Merkmale sind fehlende Qualifikationen, miserable Wohnverhältnisse, Abhängigkeit von staatlicher Hilfe. Viele gehören ethnischen Minderheiten an, unvollständige Familien, Neigung zu abweichendem Verhalten.
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Die Größe der Unterklasse?
USA: 8,7% der Stadtbevölkerung, ca. 4 Millionen, zwischen 1 u. 5% der Gesamtbevölkerung.
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Solche Schlüsse bleiben unbefriedigend. Wenn der Begriff 'Unterklasse' einen Sinn haben soll, dann muss er eine identifizierbare Kategorie sozialer Stellung und sozialen Verhaltens beschreiben.

Der meist zitierte Soziologe zu dieser Frage ist William Julius Wilson. Er ist der eigentliche Erfinder des wissenschaftlichen Begriffes der Unterklasse, obwohl er es vorzieht von 'wahrhaft Benachteiligten' zu sprechen und soziale Faktoren höher einzuschätzen als ethnische oder rassische. Seine ursprüngliche These war eindringlich.

Viele Mitglieder von Minderheiten sind aus den amerikanischen Innenstädten abgewandert (als Folge teils der Bürgerrechtsbewegung und teils relativ günstiger ökonomischer Bedingungen).

Sie beseitigten damit die Brücke zwischen Einschluss und Ausschluss. (Anmerkung: 'transition'). Mit ihnen verschwanden die 'Rollenmodelle' für die weniger Qualifizierten und Motivierten. Die Zurückgebliebenen fanden sich in einem Zustand 'sozialer Isolierung'.

Alsbald setzte ein 'Konzentrationseffekt' ein, der den Grenzzaun zwischen 'Ghetto' und dem Rest schwerer überwindbar machte. Die Unterklasse fand sich sozial abgekoppelt und in einem zunehmend unausweichlichen Zyklus der Benachteiligung.


Europa: Selbst in England ist dieser Abkoppelungsprozess viel weniger weit fortgeschritten. In den benachteiligten Vierteln der inneren Städte gibt es noch viel Energie, Qualifikation und Motivation und das Fehlen realistischer Möglichkeiten stellt ein größeres Problem dar, als der 'Konzentrationseffekt' der Benachteiligung.


Im übrigen Europa ist die physische Konzentration, die zur Definition der Unterklasse gehört, eher selten und jedenfalls weit weniger ausgeprägt als in den hundert größten Städten Amerikas. Selbst die Dauerarbeitslosen sind häufig verstreut, wenn nicht vereinzelt, was ihre Lebenslage nicht erleichtert, es aber erschwert sie als eine Klasse zu beschreiben.

Die Begriffsfrage stellt sich auch für die amerikanische Unterklasse. Richard Nathan versucht terminologische Genauigkeit.

Er sei zu dem Schluss gekommen, "dass das Wort Unterklasse eine reale und neue Soziallage beschreibt, mit der wir fertig werden müssen. Dies ist eine Lage, die mit dem Begriff Klasse zutreffend beschrieben wird".

Allem Anschein nach ist die als Unterklasse beschriebene Sozialkategorie vom Rest durch Grenzen getrennt, die man Anrechtsgrenzen nennen muss.

Offizielle, normale staatliche Maßnahmen erreichen diese Menschen nicht. Wenn die gesamtwirtschaftliche Konjunktur aufwärts führt, bleiben sie zurück. Ihre Kinder besuchen die Schulen nicht, Arbeitsplätze werden nicht akzeptiert.

Manche zögern, da von Anrechtsschranken zu sprechen; die offizielle Gesellschaft hat den Armen noch stets ihre Lebenslage zum Vorwurf gemacht.

In den USA werden Lösungen ausprobiert. Betonung der, und Lockung, Drängung in die Arbeitswelt. Aber Wilson sagt uns, dass alle Formen der Verbindung von Sozialhilfe und Arbeit bei dieser Gruppe versagen; der 'Konzentrationseffekt' ist zu stark. Er muss zuerst gebrochen werden.

Dahrendorfs Idee einer CHARISMA GmbH., ein Unternehmen, dass einzelne ermutigt, die in der Lage sind, auf örtlicher Ebene andere zu inspirieren. Sie müssten die Fähigkeit haben, diejenigen zu erreichen und einzubeziehen, die für die meisten unzugänglich sind (S. 226).

Weder die neue Arbeitslosigkeit noch die neue Armut wird durch Wirtschaftswachstum beseitigt werden.

Zusätzliches und im weitesten Sinn politisches Handeln ist nötig- ein sicheres Anzeichen dafür, dass wir es mit einem Anrechtsproblem und nicht mit einem Angebotsproblem zu tun haben.

Es ist keineswegs ausgemacht, dass die Mehrheitsklasse ein Interesse daran hat, den Zirkel der Benachteiligung derer zu brechen, die in eine Unterklassenlage abgesunken sind.

Im Gegenteil könnte es Interesse der Mehrheit sein (vor allem in Zeiten der ökonomischen Unsicherheit), einige aus ihrem Umkreis heraus zu definieren um die Stellung derer drinnen zu schützen.

Die Institutionen und Organisationen der Mehrheit helfen der Unterklasse jedenfalls wenig. Bildungseinrichtungen sind nützlich für alle, die sie erreichen. Nachgewiesene Qualifikationen sind die wirksamste Eintrittskarte in die moderne, durch Hochtechnologie bestimmte Wirtschaft, aber diejenigen, denen der Zugang oder die Motivation oder das Sitzfleisch fehlt, bleiben ganz und gar draußen.

Tatsächlich tun die Gewerkschaften wenig für die Unterklasse.

Niemand mag Armut. Wenn gewählt wird, dann haben solche Parteien eine bessere Gewinnchance, die den Beschäftigten ein paar Mark mehr versprechen, als diejenigen die Opfer oder Umverteilung fordern, um den Ausgeschlossenen zu helfen (S. 227).

Die Mehrheitsklasse schützt ihre Interessen so wie andere herrschende Klassen das vor ihr getan haben. Der Unterschied liegt in der Dimension. In gewisser Weise ist das Gegenteil dessen eingetreten, was Marx prophezeit hat.

Die überwältigende Mehrheit der Menschen (die Mehrheitsklasse) hat ohne politische Revolution eine durchaus erträgliche Existenz gefunden. Aber sie sind keineswegs sicher, dass die guten Zeiten für immer andauern werden.

Es werden Grenzen gezogen, die einige draußen in der Kälte lassen.

Die fehlende Phantasie einer Klasse, die in der Angebotswelt lebt und daher die Anrechtsforderungen anderer nicht erkennt, verbindet sich mit dem Interesse an der Sicherung der eigenen Position.

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