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20070607

Institutionen Anomie Normen sk-44

Dahrendorf Liberale Agenda-3
Institutionen Anomie Normen Gesetze Lebenschancen
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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur:
Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf,
Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch,
Textauswahl für dieses Blog: Transitenator
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Diese Aufgabe trifft ins Herz der liberalen Einstellung zum Rechtsstaat und zur sozialen Ordnung. Der weiche Liberalismus beschreibt eine politische Haltung die Prinzipien bis zu dem Punkt relativiert, an dem ihr prinzipieller Charakter völlig verschwimmt und finden unakzeptable Dinge entschuldbar.

'Weiche' sind nett, 'harte' sind es nicht. Dahrendorf hat eine ausdrückliche Einstellung zu Normen, die viel zu tun haben mit 'rechts freien Räumen' der Anomie.

Die Strafrechtsreform hat humanisiert, ist aber über ihr Ziel hinausgeschossen, wo sie alles normwidrige Verhalten 'der Gesellschaft' als anonym Verantwortlichem zuschreibt, bis am Ende nicht mehr der Verbrecher, sondern das Opfer die Schuld trägt.

Manche 'rechts freie Räume' und 'Humanisierungen' haben zur Auflösung von Institutionen geführt. Analoge Entwicklungen zeichnen sich dort ab, wo Verhaltensregeln in einem Ausmaß verwässert worden sind, das es unmöglich gemacht hat die Einhaltung von Normen zu erzwingen.

Für manche ist das Wort 'liberal' zu einem Synonym für eine laxe Einstellung zu Regeln und Normen überhaupt geworden. Es kann keinen größeren Fehler im Namen der Freiheit geben. Institutionelle Laxheit funktioniert nicht.

Wer annimmt, dass wir in einer arkadischen Welt der Eintracht leben (Rousseaus Emile hat 'gehorchen' und 'befehlen' nicht im Wortschatz), der wird sich wahrscheinlich alsbald in der bösartig-brutalen Welt von Hobbes Krieg aller gegen alle finden, wo Menschen in 'ständiger Angst' leben und es selbstverständlich 'keine Gesellschaft' gibt.

Wenn wir uns nicht an Institutionen halten, werden wir schwerlich andere Quellen der Stabilität finden. Mehr noch, Institutionen sind das einzige Instrument zur Vergrößerung der Lebenschancen aller (S. 269).
Ohne die Institution des Eigentums und damit des bürgerlichen Staates (civil gouvernment), kann ein 'vorindustrielles Schlaraffenland' nicht dauern.

Ganz sicher verlangt die zivilisierende Kraft der Anrechte, dass wir Normen und Sanktionen ebenso anerkennen wie die Instanzen, die diese begründen und erhalten.
Ein institutioneller Liberalismus hat praktische Konsequenzen. Leichtfertigkeit im Umgang mit Institutionen hat einen Preis; es ist ein Preis an Freiheit.

Die laxe oder weiche Haltung ist nicht die einzige Form der Leichtfertigkeit. Es gibt auch die Gefahr, auf alles und jedes mit dem Ruf nach neuen Normen zu reagieren, also die der Übernormierung. Bürokratische moderne Gesellschaften sind nicht nur im Bereich der Sozialgesetzgebung über normiert.

Es gibt zu viele Gesetze. Kein Normen-Überfluss. Es wäre des Schweißes der Liberalen wert, ein konkretes Programm der Reduktion von gesetzlichen Regelungen neben die Politik der wirtschaftlichen Deregulierung zu stellen.

Dahinter steht der Gedanke eines normativen Optimums (S. 269).:
Es sind Gründe zu geben für Regeln, die unentbehrlich sind. Institutionen sind von ihren Zielen und Absichten her zu rekonstruieren. Gesetze sind wieder mit dem Geist der Gesetze zu verbinden.

Auch politische Ökonomen erkennen, dass es auf Institutionen ankommt: "Individuen als Bürgern, die in letzter Instanz ihre eigene soziale Ordnung kontrollieren, zu helfen bei ihrer andauernden Suche nach jenen Regeln des politischen Spiels, die am besten ihren Zwecken dienen, was immer diese sein mögen" (James Buchanan).

Dahrendorf: Wenn Angebotswissenschaftler Anrechtsfragen aufnehmen empfiehlt es sich zuzuhören. Sie neigen aber dazu ewige Spielregeln zu finden, während doch das institutionelle Optimum sich wandelt.

Nach Dahrendorfs Verständnis ist der Gesellschaftsvertrag selbst das Thema der Geschichte. Sein Gehalt ist in den entwickelten Gesellschaften des 20en Jahrhunderts nicht derselbe, wie er es für Keynes 1925 war, geschweige denn für John Locke, als dieser 1690 sein Traktat veröffentlichte.


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20070510

Langzeitarbeitslosigkeit Entfremdung Anomie sk-33

Reale Konflikte sind immer auch sichtbare Konflikte. Die Mehrheitsklasse führt ihre Umverteilungsgefechte weiter. Das bleierne Gewicht der erdrückenden Mehrheit.

Klassen sind nicht mehr die vorherrschende Basis des Konflikts.

In offenen Gesellschaften individualisiert sich der soziale Konflikt.

(Anmerkung: Die 'Individualisierung sozialer Ungleichheit' hat Ulrich Beck, 1986, im Buch 'Risikogesellschaft' näher ausgeführt. Ich arbeite derzeit an einem diesbezüglichen Exzerpt. Kommt in Kürze. Und kurz gesagt handelt es sich bei dieser Individualisierung um die "Herauslösung von Menschen aus lebensweltlichen Zusammenhängen und Verweisung auf sich selbst" (So O-Ton Beck).
Vulgär gesagt bekommt der einzelne das 'Pummerl' (die Schuld) für das Versagen oder für Fehlkonzeptionen des 'Systems'. Dieser oder diese Einzelne ist nicht mehr politisch organisiert sondern lediglich Bittsteller auf Arbeitsämtern etc. und wird als 'Sozialschmarotzer' (auch und vor allem von politisch Tätigen) gebrandmarkt, diffamiert und stigmatisiert).
Originalton auf einem österreichischen Arbeitsamt: Der Leiter zu einer krankheitsbedingt Langzeitarbeitslosen: "Frau *****, wir werden auch für sie eine ENDLÖSUNG finden". !!! (Ist belegt, Namen könnten genannt werden).

Solidarisches Handeln in organisierten Gruppen ist vielleicht nur die zweitbeste Methode um die eigenen Interessen durchzusetzen. Es ist kräftezehrend, hat hohe emotionale Kosten, und es dauert lange bevor manfrau etwas erreicht.

Wo immer möglich, versuchen Menschen daher, aus eigener Kraft voranzukommen. In den USA ist das die vorherrschende Art, Konflikte auszutragen. Heute gilt dasselbe in den meisten entwickelten Ländern. Individuelle Mobilität tritt an die Stelle des Klassenkampfes.

Menschen die in organisierten Gruppen handeln, sind heute eher Sonderinteressengruppen oder soziale Bewegungen als Klassenparteien. Segmentierung lässt sich durch sozialen Wandel erklären (S. 236).

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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In dem Augenblick, in dem Bürgerrechte nahezu allgemein werden, nehmen 'Disparitäten der Lebensbereiche' (?von wem?) den Platz verallgemeinerter Forderungen nach bürgerlichen, politischen oder sozialen Rechten ein.
Soziale Bewegungen bilden sich durchaus innerhalb der Grenzen der Bürgergesellschaft. Bürgerlicher Ungehorsam hat nur Sinn, wenn ein stabiler Rahmen der Bürgerrechte (und Pflicht zum Gesetzesgehorsam) vorausgesetzt werden kann.

Warum schließen die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen sich nicht zusammen zum Marsch auf die jeweiligen Hauptstädte, um dort ihren vollen Anteil am Bürgerstatus einzufordern?

Warum gibt es nicht so etwas wie eine Arbeitslosenpartei und eine Armenpartei?

Warum macht die Unterklasse keinen Krawall?

Marx und Engels sprachen vom 'Lumpenproletariat', dem 'sozialen Abschaum', die 'passive Verfaulung der alten Gesellschaft'.

Theodor Geiger: Die unterste Schicht ist 'wirtschaftlich-sozial ohne Standort'. Ihre Mentalität führt sie nicht zur organisierten Interessenvertretung, sondern zur hemmungslosen Rebellion.
Ihre Soziallage macht sie zu einer Reservearmee für reaktionäre Umtriebe. Sie sind im Erwerbsleben nicht heimisch, zu stetiger Lebensführung nicht fähig und verdingen sich zu Abenteuer und Fehde.

Doch erklärt das alles nicht den sozialen Konflikt am Ende des 20. Jahrhunderts.
Tatsächlich ist die Unterklasse weder in Nordamerika noch in Europa besonders gewalttätig; sie steht der offiziellen Gesellschaft nicht einmal sonderlich feindselig gegenüber.

Wenn die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen überhaupt zur Wahl gehen, verteilen sich ihre Stimmen nicht viel anders als die der übrigen Wähler. (Das galt auch in den 30er Jahren für die Geiger schrieb).

Es waren eben nicht die Arbeitslosen, die Hitler zur Macht verholfen haben, wenn gleich ihr Schicksal etwas zu tun hatte mit der Hysterie des Mittelstandes.

Ein Autor: "die Unterklasse sei entfremdet und populistisch, aber nicht radikal". Sie ist in sich gespalten, jeder sucht seinen persönlichen Ausweg, und große Themen der öffentlichen Diskussion lassen sie gleichgültig.

Die Unterklasse neigt zur Lethargie.

Die Schlüsseltatsache für die Unterklasse und die Dauerarbeitslosen ist, dass sie sozusagen keinen Einsatz im Spiel der Gesellschaft haben. Das Spiel findet ohne sie statt.

In einem durchaus ernsten Sinn gilt die moralisch unerträgliche Feststellung, dass die Gesellschaft sie nicht braucht.
In der Mehrheitsklasse wünschen viele, die Unterklasse möge einfach von der Bildfläche verschwinden; täte sie das, dann fiele ihr Fehlen kaum jemandem auf. Die Betroffenen wissen das wohl. Für sie ist die Gesellschaft vor allem weit weg.

Es scheint sich das Gefühl, keinen Einsatz in der Gesellschaft zu haben, über die Grenzen jener Gruppen hinaus ausgebreitet zu haben, die durch Arbeitslosigkeit und Armut geprägt sind.

Junge Menschen vor allem haben eine Neigung, ihre Wertvorstellungen vom sozialen Rand her abzuleiten, auch wenn sie Arbeit haben und einen Platz im komfortablen Haus der Mehrheit finden könnten.
So stellt sich eine eigentümliche Konvergenz der Kultur der Unterklasse mit der Gegenkultur der Mittelklasse ein; es gehört sich sozusagen, nicht dazu zugehören.
Es ist zur verbreiteten Gewohnheit geworden, sich um die Normen und die Werte der offiziellen Gesellschaft nicht zu kümmern (S. 239).

Diese Gewohnheit ist vielleicht das wichtigste einzelne Merkmal der OECD-Gesellschaften in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie hat überdies einen Namen.

Anomie

Konflikte erscheinen nicht als Schlachtordnung in einem revolutionären Krieg oder selbst als demokratischer Klassenkampf, sondern als Anomie.
Ein wichtiger Begriff. Anomie oder Gesetzlosigkeit.

Der Begriff wird Emile Durkheim zugeschrieben, der von Anomie sprach, um die Aufhebung der Wirksamkeit sozialer Normen durch wirtschaftliche und politische Krisen zu beschreiben.
Ihr Ergebnis ist, dass Menschen aller Bindungen verlustig gehen, bis sie im Selbstmord den einzigen Ausweg sehen.

Robert Merton hat unserem Verständnis von Anomie seine eigene Wendung hinzugefügt, indem er sie als jenen 'Kollaps der kulturellen Struktur' beschrieb, der eintritt, wenn Menschen auf Grund ihrer sozialen Stellung nicht in der Lage sind, den Werten der Gesellschaft zu folgen (S. 240).
Der Begriff hilft bei der Beschreibung eines eigentümlichen Merkmals moderner Gesellschaften. Wichtiger als die bloße Zahl der Gesetzesbrüche, ist die Unfähigkeit von Gemeinwesen, mit diesen fertig zu werden.

In der normativen Welt des 20. Jahrhunderts sind gewisse rechts freie Räume entstanden (no-go-areas). Was in ihnen geschieht unterliegt nicht den normalen Sanktionen der Rechtsgemeinschaft. Also 'rechts freie Räume' in dem Sinn, dass die vorherrschenden Normen in ihnen außer Kraft gesetzt scheinen. Diese Räume stellen noch weitere Fragen.

Der 'Freispruch des Schuldigen' ist in den Gesellschaften der Gegenwart zu einem vertrauten Phänomen geworden, selbst bei Mord und Totschlag. Jahrzehntelang herrschte die Neigung, die 'Gesellschaft' verantwortlich zu machen. Der rechts freie Raum der Jugend ist wahrscheinlich der folgen reichste von allen, denn er nimmt diejenigen, die diese noch lernen sollen, von DEN Normen aus, DIE die Gesellschaft zusammenhalten (S. 242).

Anomie beschreibt unter diesem Gesichtspunkt einen Zustand, in dem Normbrüche nicht bestraft werden. Darüber hinaus beschreibt Anomie einen alle Bereiche des sozialen Lebens durchdringenden Zustand.
Dazu gehört der Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung in der Ehe, Steuerhinterziehung und andere Formen der Wirtschaftskriminalität.
Menschen haben keinen Einsatz in der Gesellschaft und fühlen sich daher an ihre Regeln nicht gebunden. Das ist die eine Seite des Bildes. Die andere ist, dass das Vertrauen der Gesellschaft in ihre eigenen Regeln abgenommen hat; die Einhaltung von Regeln wird schlicht nicht mehr erzwungen.


Es bleibt zu prüfen, ob die jüngste Form des sozialen Konflikts nicht zum Thema hat, dass der Gesellschaftsvertrag selbst in Frage steht. Dahrendorf meint die ersten und grundlegenden Artikel des Gesellschaftsvertrages, in denen es um Recht und Ordnung geht.

Hier begegnen wir dem Thema das es erlaubt die Argumentation über den modernen sozialen Konflikt zu bündeln.

Eine Gesellschaft, die allem Anschein nach bereit ist, die fortdauernde Existenz einer Gruppe zu akzeptieren, die keinen wirklichen Einsatz in ihr hat, stellt sich selbst in Frage. Hat die Gesellschaft das Vertrauen in ihre eigenen Regeln verloren?

Es ist die Rede davon, dass die Mehrheitsklasse ihr Selbstvertrauen verliert. Sie ist sich ihrer Stellung nicht mehr sicher. Daher zieht sie Grenzen, wo es keine geben sollte, und sie zögert, wenn die Erzwingung ihrer Regeln auf dem Spiel steht.
Die Zeichen des Selbstzweifels sind unverkennbar. Die Risiken der Anomie liegen auf der Hand. Unordnung, Zweifel und Ungewissheit über alles zu bringen, ist schlimm genug.

Doch liegt das größere Risiko in etwas anderem. Anomie kann nicht dauern. Sie ist eine Einladung an Usurpatoren, der Mehrheit ein falsches Ordnungsschema aufzudrängen. Eben das, was Liberale so stört an den Verfechtern von 'Recht und Ordnung', provozieren sie selbst durch das Fehlen eines entschiedenen Sinns für Institutionen.

Das Risiko der Anomie heißt Tyrannei in vielerlei Gestalt (S. 244).

20070507

Weltordnung Macht Politik sk-26

Der kalte Krieg zog Grenzen innerhalb und zwischen den Blöcken. Trotzdem verlief die ökonomische und soziale Entwicklung innerhalb der OECD Länder relativ ungestört. Diese Ordnung begann in den 70er Jahren zu zerbröckeln.

Das Konzept internationaler Organisationen reichte in der Praxis nicht weit über die UNO hinaus. Großmächte neigen dazu, das internationale System als ein Instrument ihrer besonderen Interessen zu benutzen.

Tatsächlich wurden Kooperationssysteme für Währungs- Handels- und Entwicklungsfragen geschaffen. Die EG begann 1952 mit der EG für Kohle und Stahl, 1958 Europäische Wirtschafts- und Atomgemeinschaft. 1967 Verschmelzung der Drei zu den Europäischen Gemeinschaften. Projekt eines gemeinsamen Marktes. 1969 kommt GB dazu. Projekt einer Wirtschafts- und Währungsunion. Auch 1971 Entscheidungen die nur ein paar Wochen halten.
Das Weltsystem begann zu zerbröckeln.

Schlüsseldatum ist der 15. August 1971. Die USA (Nixon) kündigen die Währungs- und Handelsordnung der Nachkriegszeit auf. Die Konvertibilität des Dollars in Gold wird suspendiert und ein Importzuschlag erhoben.

Die USA betonen ihre Maßnahmen mit dem Recht ihre eigenen Interessen der Verantwortung für andere vor zuordnen. Das System von Bretton Woods hat sich bis heute nicht erholt von der Ersetzung des Dollars als stabilem Maßstab für alle durch flukturierende Wechselkurse. Das Handelssystem des GATT steht seit 1971 unter Druck.

Der entscheidende Punkt ist, dass das Zerbröckeln einer offenkundig illusionär gewordenen internationalen Ordnung die Länder ungeschützt den Winden einer direkteren Ausübung von Macht aussetzte. Yom-Kippur Krieg, Öl Schock, Inflation in der OECD-Welt, Ölpreissteigerungen, unverantwortliche Dritte Welt Kredite.

1971 gab es noch einige , die die Freigabe der Wechselkurse als ein Marktrezept ansahen. Endlich würden Währungen die tatsächliche Stärke der hinter ihnen stehenden Volkswirtschaften verkörpern. Heute vertreten nur mehr wenige diese These.

Flukturierende Währungen haben vielmehr dazu beigetragen, dass Geldwert und wirkliches Wirtschaftswachstum auseinander getreten sind; hier liegt einer der Faktoren, die den Kasino-Kapitalismus der achtziger Jahre ermöglicht haben.

USA: Negative Haltung zu internationalen Institutionen, USA verlässt UNESCO, hält Weltbank an der Leine ignoriert Urteile des Internationalen Gerichtshofes etc.

Die Resultate der amerikanischen Haltung liegen in einer Rückkehr von Kant zu Hobbes.

Macht und nicht Recht bestimmt, was zwischen Nationen geschieht.

Jeder versucht mit eigener Kraft seine Interessen durchzusetzen, auch wenn das auf Kosten anderer geschieht.

Bis in die achtziger gab es als Element der Stabilität den kalten Krieg. 1989 gerieten wichtige Elemente des zuvor stabil scheinenden Weltsystems ins Wanken und fielen in sich zusammen, darunter die deutsche Teilung, der Warschauer Pakt, der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Die Weltordnung kommt ins Spiel, insoweit sie die inneren Entwicklungen vor allem der entwickelten Länder bestimmt.

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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Zwei Folgerungen Dahrendorfs:

1. Der Weg von Kant zu Hobbes ist noch weiter gegangen als in den frühen achtziger Jahren absehbar war. Wir leben in einer Welt ohne Ordnung, in der daher Machtverhältnisse eine dominante Rolle spielen. Drei wirtschaftliche Kraftzentren konkurrieren um Märkte und kümmern sich dabei wenig um die Regeln (Amerika, Europa und Japan (Asien?). Das ist beunruhigend, zumal es erst der Anfang einer längeren Geschichte ist. Selten war die Erfordernis weltweiter Regeln dringender als heute.

2. Wirtschaftlich ist mit den großen transnationalen Unternehmungen und den sie begleitenden Finanzmärkten eine neue Produktivkraft entstanden, die nach neuen Spielregeln ruft, die dem Aktionsradius der neuen Wirtschaftsmärkte entsprechen. Krieg der Handelsgiganten als schlechteste Antwort auf den Zerfall der Ordnung. Begrenzte Atomkriege sind heute wahrscheinlicher als je. Nur weltweites Handeln kann Abhilfe schaffen. Die Länder der Dritten Welt sinken immer tiefer.

Es geht (ging) hier darum die Szene für das Verständnis der inneren Entwicklung der siebziger Jahre zu bereiten. In der Mitte der siebziger Jahre war Raymond Arons Welt vergangen. Pax Amerikana wurde auf gekündigt. Nun beginnt ein Prozess, der am Ende der achtziger Jahre zu einer Art Anomie im Weltmaßstab geführt hat.

Eine solche Welt ohne multilaterale Regeln hat Folgen für die Lebenschancen. Sie ist zunächst eine Welt, die wenig hergibt zur Förderung menschlicher Anrechte. Das Zerbröckeln der Nachkriegsordnung hat aber auch die Angebotsseite der Lebenschancen getroffen (S. 184).

20070319

UNWIRKLICHE VERNUNFT? sk-13

Haben wir das 'Ende der Geschichte' (Francis Fukuyama) erreicht nach der Verwirklichung des Bürgerstatus, wenn die Angebotsmaschine gut läuft, und wenn eine Bürgergesellschaft vorhanden ist mit Bürgersinn? Bleibt da noch etwas zu tun?

In seinen Vorlesungen um 1950 hatte Marshall darin recht, dass der moderne soziale Konflikt seine absolute Qualität zu verlieren begann. Wenn die grundlegenden Anrechte aller Bürger erst garantiert sind, reichen die verbleibenden Ungleichheiten der Angebotslage nicht mehr aus, um im alten Sinn ('klassenkämpferisch') Geschichte zu machen.

Ungleichheiten geben Anlass zum Neid, aber nicht zum Klassenkampf.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch
Exzerpt: transitenator
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Der moderne soziale Konflikt hat mit dem Bürgerstatus, dem Wirtschaftswachstum und der Bürgergesellschaft den Rahmen geschaffen, innerhalb dessen sich fast alle bekannten Probleme anpacken lassen (S.76).

Allerdings mit zwei Ausnahmen:

1. Manfrau muss erkennen, dass das Vernünftige (!) weder wirklich ist noch nur notwendig wirklich wird. Die Freiheit bleibt immer bedroht.

2. Die Bürgergesellschaft ist von Anomie bedroht. Menschen verlieren den Halt, den ihnen nur tiefe kulturelle Bindungen vermitteln können; am Ende geht nichts mehr, alles wird gleichgültig. Zeiten der Anomie sind Zeiten äußerster Unsicherheit im täglichen Leben.

Menschen suchen Halt wo sie ihn finden können. Die Rattenfänger von Hammeln erleben Hochkonjunktur (S. 77). Erinnerungen tauchen aus dem Schoß der Geschichte auf, an verlorene Nestwärme in alten sozialen Zusammenhängen.

Nationalismus und Fundamentalismus sind zwei der großen Anfechtungen der Modernität und sie sind jetzt mit Händen zu greifen. Die Extreme tolerieren weder die Vielfalt noch die Autonomie der Bürgergesellschaft, geschweige denn ihre Zivilität.

Sie lösen alle Anrechte in einen religiösen oder ideologischen Wahn auf. Vor allem und für viele überraschend, kümmern sie sich nicht um die wirtschaftlichen Folgen ihres Tuns.

Manfrau muss im eigenen Haus beginnen eine zivilisierte Bürgergesellschaft zu bauen. Die historische Aufgabe der Schaffung der Bürgergesellschaft wird erst vollendet sein, wenn es für alle Menschen gleiche Bürgerrechte gibt.

Wir brauchen die Weltbürgerschaft. Bürgerrechte müssen überall geschaffen werden wo Menschen leben. Die Weltarmut verwandelt die Lebenschancen der Reichen in Privilegien. Auch aus diesem Grunde ist die Weltbürgerschaft nötig. Die Existenz der dritten Welt ist unvereinbar mit den Werten einer zivilisierten Welt der Bürgerrechte und des Wachstums.

Immanuel Kant sah ein Ziel einer 'allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft'. Der Prozess dahin braucht Zeit und strategisches Handeln. Wir müssen ihn beginnen, wenn wir nicht die Errungenschaften der Bürgergesellschaft aufs Spiel setzen wollen (S. 79).

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