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20070607

Bürgergesellschaft Politik mit Enthusiasmus sk-46

Dahrendorf: Das Thema der Bürgergesellschaft sprengt alle Grenzen. Es ist so reichhaltig und bunt wie die Lebenswirklichkeit selbst.
Menschen leben in wirklichen Situationen und nicht nach der Tagesordnung der Politik, nicht einmal nach der der Politik der Freiheit. Sie wollen etwas wissen über die Werte, an die sie sich halten können.

Freiheit im elementaren Sinn ist ein solcher Wert. Sie ist das simple Verlangen, nicht eingesperrt zu sein. Wer die Freiheit liebt, will jedes Gehäuse der Hörigkeit aufbrechen, sei es das der Bürokratie oder das eines Gefangenenlagers.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur:
Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf,
Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch,
Textauswahl für dieses Blog: Transitenator
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Die Politik temperiert ja entfremdet dieses Verlangen indem sie es in eine eigene institutionelle Sprache übersetzt und verliert dabei den Enthusiasmus der vor allem jungen Menschen.
Die politische Theorie hat diesen Enthusiasmus erst gar nicht gewonnen.

Wie weckt manfrau Begeisterung?

Wofür lohnt es sich zu kämpfen oder auch nur ganz schlicht zu leben? Junge Menschen sind ungeduldig geworden. Vorbei ist die Zeit der aufgeschobenen Befriedigung, des Sparens und Wartens.


Zwei Lebensweisen scheinen einen besonderen Reiz auf junge Menschen auszuüben, zwei Obsessionen, ja Formen der Sucht.
Aufstieg oder Ausstieg.

Die Sucht nach Geld (Kasino-Kapitalismus, Susan Strange). Geld als Maßstab für Erfolg. Die andere Sucht ist weniger lukrativ als teuer. Eine Konvergenz der Kultur der Unterklasse und der so genannten Gegenkultur der Mittelklasse. Beide als Proteste gegen die bürokratisierte Welt der Mehrheitsklasse.

Auch der Kasino-Kapitalismus ist eine Variante derselben Haltung: Die Ablehnung einer langweiligen, unveränderlich scheinenden Realität mit ihren stickigen Werten und Lebensstilen ist der gemeinsame Nenner der bevorzugten Optionen mancher Junger. Das Problem ihrer eigenen Werte liegt darin, dass diese im Kern negativ sind.
Der Abstand zur etablierten Welt soll deutlich gemacht werden. Es ist eine seltsame Sackgasse. Junge Menschen fühlen sich im Gehäuse bürokratischer Hörigkeit verloren. Sie suchen nach Bindungen. Die deutschen Grünen waren Partei und Familie mit allen dazugehörigen Familienstreitereien. Das gibt Menschen ein warmes Gefühl der Zugehörigkeit.

Warum aber sich lustig machen, über die, die immerhin versuchen etwas anderes zu machen. Was ist so reizvoll am berechenbaren Leben des Bankbeamten, der heiratet und befördert wird und sich scheiden lässt und befördert wird und ... seinen Job verliert, weil ein Jüngling weniger Personalkosten verursacht und damit der Gewinn verdoppelt wird (S. 276). Er verfällt dem Trunk oder einer anderen Sucht und gibt seinen Kindern wenig Anreiz und Vorbild in seine Fußstapfen zu treten.

Es kommt darauf an, ein Leben zu finden, das weder Bürokratie noch Sucht heißt. Nein, schaffen muss manfrau ein solches Leben. Junge Menschen müssen etwas tun, das Bedeutung hat.

Bedeutung hat zwei Aspekte.
Was Menschen tun muss Spaß machen, und es muss wichtig sein.

Spaß, als Kürzel für eine persönliche Erfahrung, das Vergnügen finden an dem was manfrau tut und dabei gelegentlich das gute Gefühl der Befriedigung erleben. Im Idealfall bringt das Berufstätigkeit. Erfolg macht Spaß. Erfolg lässt sich auf mancherlei Weise messen. Ein bisschen Geduld ist nicht nur nützlich, sondern gehört zu den meisten Erfolgsgeschichten.

Interessante Menschen zu treffen macht Vergnügen. Arbeit selbst kann Befriedigung vermitteln. Mit dem karrierebedingten Lebensplan ist etwas schief gelaufen.
Dahrendorf meint, dass Spaß wichtiger ist als eine Karriere. Diese Art von Lebensgang habe für viele den Reiz verloren. Sie hat übrigens unter anderem der Schul- und Hochschulausbildung jeden Spaß geraubt, denn in dieser sollte es um Fertigkeiten und Kenntnisse und schöpferische Fähigkeiten und freies Denken gehen und nicht in erster Linie um Karrieren. Vergnügen am eigenen Tun sollte also früh beginnen (S. 277).

Kern von Dahrendorfs Schlußwort ist es, aus der Zwangsjacke des Karrieredenkens auszubrechen und andere Erfolgsmaßstäbe zu suchen.

Spaß ist deren eine Hälfte, aber die andere ist, dass das, was manfrau tut, wichtig sein muss.

Spaß ist ein persönliches Empfinden des Vergnügens. Was wichtig ist, wird ebenso sehr von anderen entschieden. Es definiert die Bedeutung von Dingen. Es unterscheidet Sucht von Tätigkeit.

Vieles Wichtige ist verknüpft mit der Gerechtigkeit oder vielmehr mit der Linderung der Ungerechtigkeit in der Welt. Manche wollen abstrakt mit Flugblättern kämpfen andere konkret die kleine Kerze anzünden, statt die Dunkelheit zu verfluchen. Arbeit, die direkt oder indirekt das Los anderer Menschen verbessert. Geschickte Sinn-Unternehmer haben sich an dem Verlangen von Menschen bereichert in einer zusammenhanglosen Welt Ligaturen zu finden. Quasi kirchliche Organisationen. Die Wiederkehr des Heiligen. Handlungsreisende falscher Götter.

Dahrendorfs Rat für die Zukunft: Um des Himmels willen, tut etwas!
Tut etwas das Bedeutung hat, weil es Spaß macht und wichtig ist für andere. Es gibt genug zu tun in dieser unvollkommenen Welt.

Etwas tun, heißt selbst etwas zu tun, in freier Assoziation mit anderen. Es führt auch zur Bürgergesellschaft. Sie ist das Medium des Lebens mit Sinn und Bedeutung, der erfüllten Freiheit. Aber sie erfordert einen Rahmen politischer Voraussetzungen.

Manfrau kann schwerlich Dinge tun, die Spaß machen und die wichtig sind, wenn manfrau im Zirkel sozialer Benachteiligungen gefangen bleibt oder in einer Umwelt lebt, in der eine Person oder Partei oder Instanz sich die Macht angemaßt hat, andere herum zu schubsen.

Dahrendorf sagt nicht, dass politische Teilnahme ein Wert an sich oder eine mit dem Bürgerstatus verbundene Verpflichtung ist. Das Bild der Politik, das seinem Essay zugrunde liegt und das er mit Hilfe von Max Weber erläutert hat, ist nicht das einer Gesellschaft von Aktivisten und ständiger politischer Diskussion, sondern eines von wachen Bürgern.

Die Richtung des Wandels war das Hauptthema von Dahrendorfs Essay. In manchen Zeiten verlangen strategische Veränderungen nach einer stärkeren Betonung des Angebots, in anderen fordern sie größere Anrechte.

Für den Liberalen zielen die bevorzugten Reformen stets auf beide. Die kritischen Punkte einer Politik der Freiheit sind die, an denen zugleich mehr Chancen angeboten werden und mehr Menschen an ihnen Anteil haben. Das ist niemals selbstverständlich.

Es verlangt, dass noch zu dem Zeitpunkt, zu dem Steuern gesenkt und Anreize für die Unternehmens lustigen geboten werden, das Bewusstsein für unerträgliche Ungleichheiten wach bleibt, so wie das Bewusstsein für offene Wahlmöglichkeiten nicht erstickt werden darf durch die Absicht, Privilegien zu brechen, um Unterprivilegierte zu emanzipieren. Das Martina-Paradox von Zugang und Verfügbarkeit ist eine Herausforderung und kein unausweichliches Schicksal.

Was aber inspiriert strategische Reformen?

Kants Vision kann als Modell gelten, Max Weber blieb im Tiefsten trübsinnig, Raymond Aron erlaubte sich seltene spekulative Höhenflüge und empfahl Handeln statt Träumen. Marxs kommunistische Gesellschaft, Dills stationärer Zustand?

Angebote sind unvollkommenere Lebenschancen ohne Anrechte, und zu Lebenschancen gehört immer auch jenes schwerer fassbare Element der Ligaturen.
Selbst dann sind sie indes Chancen; unser Leben ist das, was wir aus ihnen machen.
Bürgerschaft und Volkswohlstand sind die Bedingungen für Tätigkeit und Sinn.
Den Elan zur Verbesserung der Dinge wach halten!

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Institutionen Anomie Normen sk-44

Dahrendorf Liberale Agenda-3
Institutionen Anomie Normen Gesetze Lebenschancen
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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur:
Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf,
Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch,
Textauswahl für dieses Blog: Transitenator
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Diese Aufgabe trifft ins Herz der liberalen Einstellung zum Rechtsstaat und zur sozialen Ordnung. Der weiche Liberalismus beschreibt eine politische Haltung die Prinzipien bis zu dem Punkt relativiert, an dem ihr prinzipieller Charakter völlig verschwimmt und finden unakzeptable Dinge entschuldbar.

'Weiche' sind nett, 'harte' sind es nicht. Dahrendorf hat eine ausdrückliche Einstellung zu Normen, die viel zu tun haben mit 'rechts freien Räumen' der Anomie.

Die Strafrechtsreform hat humanisiert, ist aber über ihr Ziel hinausgeschossen, wo sie alles normwidrige Verhalten 'der Gesellschaft' als anonym Verantwortlichem zuschreibt, bis am Ende nicht mehr der Verbrecher, sondern das Opfer die Schuld trägt.

Manche 'rechts freie Räume' und 'Humanisierungen' haben zur Auflösung von Institutionen geführt. Analoge Entwicklungen zeichnen sich dort ab, wo Verhaltensregeln in einem Ausmaß verwässert worden sind, das es unmöglich gemacht hat die Einhaltung von Normen zu erzwingen.

Für manche ist das Wort 'liberal' zu einem Synonym für eine laxe Einstellung zu Regeln und Normen überhaupt geworden. Es kann keinen größeren Fehler im Namen der Freiheit geben. Institutionelle Laxheit funktioniert nicht.

Wer annimmt, dass wir in einer arkadischen Welt der Eintracht leben (Rousseaus Emile hat 'gehorchen' und 'befehlen' nicht im Wortschatz), der wird sich wahrscheinlich alsbald in der bösartig-brutalen Welt von Hobbes Krieg aller gegen alle finden, wo Menschen in 'ständiger Angst' leben und es selbstverständlich 'keine Gesellschaft' gibt.

Wenn wir uns nicht an Institutionen halten, werden wir schwerlich andere Quellen der Stabilität finden. Mehr noch, Institutionen sind das einzige Instrument zur Vergrößerung der Lebenschancen aller (S. 269).
Ohne die Institution des Eigentums und damit des bürgerlichen Staates (civil gouvernment), kann ein 'vorindustrielles Schlaraffenland' nicht dauern.

Ganz sicher verlangt die zivilisierende Kraft der Anrechte, dass wir Normen und Sanktionen ebenso anerkennen wie die Instanzen, die diese begründen und erhalten.
Ein institutioneller Liberalismus hat praktische Konsequenzen. Leichtfertigkeit im Umgang mit Institutionen hat einen Preis; es ist ein Preis an Freiheit.

Die laxe oder weiche Haltung ist nicht die einzige Form der Leichtfertigkeit. Es gibt auch die Gefahr, auf alles und jedes mit dem Ruf nach neuen Normen zu reagieren, also die der Übernormierung. Bürokratische moderne Gesellschaften sind nicht nur im Bereich der Sozialgesetzgebung über normiert.

Es gibt zu viele Gesetze. Kein Normen-Überfluss. Es wäre des Schweißes der Liberalen wert, ein konkretes Programm der Reduktion von gesetzlichen Regelungen neben die Politik der wirtschaftlichen Deregulierung zu stellen.

Dahinter steht der Gedanke eines normativen Optimums (S. 269).:
Es sind Gründe zu geben für Regeln, die unentbehrlich sind. Institutionen sind von ihren Zielen und Absichten her zu rekonstruieren. Gesetze sind wieder mit dem Geist der Gesetze zu verbinden.

Auch politische Ökonomen erkennen, dass es auf Institutionen ankommt: "Individuen als Bürgern, die in letzter Instanz ihre eigene soziale Ordnung kontrollieren, zu helfen bei ihrer andauernden Suche nach jenen Regeln des politischen Spiels, die am besten ihren Zwecken dienen, was immer diese sein mögen" (James Buchanan).

Dahrendorf: Wenn Angebotswissenschaftler Anrechtsfragen aufnehmen empfiehlt es sich zuzuhören. Sie neigen aber dazu ewige Spielregeln zu finden, während doch das institutionelle Optimum sich wandelt.

Nach Dahrendorfs Verständnis ist der Gesellschaftsvertrag selbst das Thema der Geschichte. Sein Gehalt ist in den entwickelten Gesellschaften des 20en Jahrhunderts nicht derselbe, wie er es für Keynes 1925 war, geschweige denn für John Locke, als dieser 1690 sein Traktat veröffentlichte.


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20070509

Multikultur Bürgerrechte Separatismus Fundamentalismus sk-32

Fragen der Rasse und der ethnischen Zugehörigkeit sind so wichtig, dass sie eine gesonderte Erörterung verlangen. Wenn die Mehrheitsklasse Grenzen der Zugehörigkeit zieht, zieht sie diese nicht nur nach unten, sondern auch an ihren Seiten.

Manche verlieren ihre Bürgerrechte, anderen werden sie von vornherein verweigert. Die Suche nach Homogenität - das Stammesdenken - ist erneut aktuell. Es gibt Zeichen eines sozialen Protektionismus, der sich wie ein Buschfeuer ausbreitet, menschliches Leiden und Formen der Gewalt hervorruft, die sich allen gängigen Methoden der Konfliktbewältigung entziehen.

Die Frage des sozialen Ausschlusses. Die amerikanische Unterklasse ist sicher nicht einfach ein Merkmal der Schwarzen in den USA. Insoweit etwa die ländliche Armut ähnliche Folgen hat, ist sie ein vornehmlich weißes Phänomen.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Trotz hispanischer Einwanderer ist das 'Ghetto' im wesentlichen schwarz (afro-amerikanisch). Auch erfolgreiche Schwarze der 60er Jahre sind in wichtigen Hinsichten Außenseiter. Eine tiefe kulturelle Schranke ist geblieben.

Offenkundig sind Bürgerrechte eines und volle Teilnahme ist ein anderes (S. 229). Wenn wir von Sozialpathologien und ihrer Häufung sprechen, so ist die schwarze Hautfarbe als ein Element der Benachteiligung anzunehmen. Die britische Erfahrung ist andersartig. Viele kamen freiwillig nach GB. Aber Rasse spielt eine Rolle.

Die Mehrheitsklasse zieht subtile und nicht-so-subtile Grenzlinien (traditionelle Arbeiterbewegung, Zugang zu Sozialwohnungen, Mitgliedschaft in Clubs u. Vereinen).

Der 'Charme' der 'multirassischen (Anmerkung: 'multikulturellen') Gesellschaft' entgeht einer Mehrheit, die eher daran interessiert ist Grenzen zu ziehen als Offenheit zu zeigen. Für die Entfaltung der Bürgerschaft ist das ein Rückschritt. Er verlangt die Neubelebung der Kraft der Bürgerrechte.

Immer mehr Menschen (so scheint es) wollen nicht in einer multirassischen oder selbst multikulturellen Gesellschaft leben. Überdies gilt das nicht nur für komfortable Mehrheiten, sondern auch für die betroffenen Minderheiten.

Sie verlangen ihre eigene Nische, wenn nicht ihre eigene Region, ihr eigenes Land. 'Getrennt aber gleich', eine Forderung der Liberalen der 60er Jahre, ist wieder aktuell geworden, wobei vielfach die Trennung stärker betont wird als die Gleichheit.

Es gibt ein Verlangen nach Homogenität, das sich gegen jeden Versuch wehrt, zivilisierte Gemeinwesen dadurch zu schaffen, dass zuerst Bürgergesellschaften gestiftet werden und dann kulturelle Unterschiede in ihnen gedeihen (S. 231).

Die Zweideutigkeit der Forderung nach 'Selbstbestimmung' entwickelt ihre eigene Dynamik. 'Wir sind das Volk' (Leipzig), das Volk will entscheiden. "Wir sind ein Volk!", ist die Anrufung nationaler Sentiments und Ressentiments.

Im zerfallenen Yugoslawien löste diese Verschiebung des 'Selbstbestimmungsrechts' umstrittene Unabhängigkeitserklärungen, Unterdrückung von Minderheiten und Gewalt aus. Plötzlich stehen wir auf einem Scherbenhaufen der Bürgergesellschaft, auf der doch die Hoffnungen der Freiheit ruhten (S. 232).

Die Wiederentdeckung des Ethnischen (der kulturellen Eigenart von Gruppen mit tiefen historischen Gemeinsamkeiten), hätte ein Schritt voran im Prozess der Zivilisation sein können.
Sie bedeutete das wachsende Verständnis dafür, dass gemeinsame Bürgerrechte nicht im Widerspruch stehen zu kulturellen Unterschieden, sondern diesen im Gegenteil neue Spielräume eröffnen.

Aber die glückliche Harmonie sollte nicht dauern.

Unterschiede wurden als Waffe gegen den Bürgerstatus verwendet und noch verstärkt durch soziale Emotion (Fundamentalismus).

Fundamentalismus bedeutet, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe die Aura des Außergewöhnlichen annimmt und eine beinahe religiöse Bedeutung gewinnt. Sogar in Israel wird Judentum in den Begriffen einer Orthodoxie erörtert, die Reformjuden ausschließt.

Die offenbare Unmöglichkeit, einen multikulturellen jüdisch-arabischen Staat Israel auf friedliche Weise zusammen zuhalten, stellt eines der explosiven Probleme der Gegenwart dar. Auch im westlichen Europa machen sich Anzeichen eines fundamentalistischen Nationalismus breit.

Der freischwebende Fundamentalismus eines neuen Kulturpessimismus hat ähnliche Wirkungen. Die Gegentendenz zur Gigantomanie der fünfziger und sechziger Jahre und damit gegen die Annahme, dass Effizienz immer größere Dimensionen verlangt war verständlich.

Viele haben sich von der Kraft und Größe einer internationalen Gemeinschaft abgewandt. Eine neue Sehnsucht nach Authentizität nährt eine romantische Suche nach 'realen' statt bloß 'formalen' Beziehungen, also einer Legitimität durch das wärmende Empfinden des permanenten Diskurses statt durch das Recht und die Institutionen, die es begründet.

Diese Beobachtungen erinnern an das Thema der Modernität und der Ligaturen. Die moderne Welt erscheint als kühler Ort. Der Verschnitt von Tocqueville und Marx hat die Lage beschrieben.

Dahrendorf behauptet, dass viele falsche Götter (Nationalismus, Fundamentalismus ...) einen Aspekt teilen, der einen direkten Bezug hat zum modernen sozialen Konflikt um den Bürgerstatus und um Lebenschancen.
Eine Attacke auf die zivilisierende Kraft der Bürgerrechte im Namen eines falsch verstandenen Selbstbestimmungsrechtes der ethnischen, religiösen, kulturellen Autonomie, ja auch von Minderheitenansprüchen.

Ein weicher Liberalismus hat sich ausgebreitet, der den großen Gewinn eines gemeinsamen Bodens von Bürgerrechte und Anrechten für alle aufs Spiel setzt, um dem Separatismus von Minderheiten entgegen zukommen.

So werden Minderheitenrechte zuerst missverstanden und dann pervertiert zur Herrschaft von Minderheiten.

Eine solche Haltung leistet nicht einmal mehr dem Fundamentalismus Widerstand, so dass lautstarke Minderheiten die angebliche Unterstützung von schweigenden Mehrheiten für sich in Anspruch nehmen können.
Das ist ein großer Rückschritt in der Geschichte der Bürgergesellschaft und wir zahlen dafür einen hohen Preis welcher in Konflikten besteht für die niemand eine Lösung kennt (S. 234).

Keine der Erfahrungen der Organisation, Institutionalisierung und Regelung, die den demokratischen Klassenkampf hervorgebracht haben, lässt sich auf aktive Minderheiten anwenden, die entweder Loslösung von einem bestehenden Ganzen fordern oder allen übrigen ihren fundamentalistischen Glauben aufzudrängen suchen.
Terrorakte und Bürgerkriegsdrohungen sind kein Zufall.

Der teuerste Preis wird in Lebenschancen entrichtet und in der Behinderung des Fortschritts zur Bürgergesellschaft in aller Welt. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn die Beteiligten verstehen, dass der allgemeine Bürgerstatus nicht alle Unterschiede beseitigt (nivelliert) sondern Chancen schafft! Er macht sozialökonomische Ungleichheiten erträglich.

In analoger Weise macht der Bürgerstatus kulturelle Vielfalt erträglich. Das Recht, anders zu sein, ist eines der Grundrechte der Mitglieder von Gesellschaften, aber zu ihnen gehört auch der Verzicht auf Methoden der Durchsetzung, die das Prinzip des gemeinsamen Bürgerstatus gefährden.

Separatisten haben andere Prioritäten als Bürgerrechtler. Sie wollen zuerst ein lettisches Lettland oder ein katholisches Irland und erst viel später Bürgerfreiheiten für Russen in Lettland oder Protestanten in Irland.

Separatisten, Fundamentalisten und Romantiker wollen Homogenität, aber Liberale brauchen Heterogenität, denn sie ist der einzige Weg zu allgemeinen Bürgerrechten in einer Welt der Vielfalt.

Karl Poppers Plädoyer für die offene Gesellschaft: "Wir können zurückkehren zur Stammesexistenz, aber wenn wir die Zivilisation wollen, dann müssen wir voranschreiten zur Bürgergesellschaft" (S. 235).

20070508

Arbeitslosigkeit Vollbeschäftigung Bürgerstatus sk-30

Stagflation hieß das Symptom der 70er Jahre und ihrer Probleme. Wachsende Erwartungen der Menschen und der Widerspruch wurde schmerzhaft spürbar.

Hier soll die Aufmerksamkeit auf die Anrechte gerichtet werden, darauf ob nach Raymond Arons Zeit, nach den Reformen und der neuen Unübersichtlichkeit eine neue soziale Frage entstanden ist, die die Konflikte der Zukunft bestimmen könnte.

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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Wir sehen auf den seltsamen Widerspruch von beträchtlichem Wirtschaftswachstum und hoher, andauernder Arbeitslosigkeit. Noch in den guten Konjunkturzeiten der 80er blieb die Arbeitslosigkeit fast überall hoch, ja stieg. Anhaltende Wachstumsraten lenkten von der Arbeitslosenrate ab. Hier wird die europäische Geschichte erzählt.

Hohe Arbeitslosigkeit in einer Zeit des Wirtschaftswachstums stellt Fragen der
1. Wirtschaftsentwicklung,
2. der Geschichte der Arbeit und
3. des Bürgerstatus.

Besondere Qualität des Wirtschaftswachstums der 80er Jahre. Eine Wende der vorherrschenden Wirtschaftspolitik (Keynesianismus) hin zur Angebotsseite, Krieg gegen die Gewerkschaften und gegen manche Interessen des Wohlfahrtsstaates.

Die Urheber der Wende waren Politiker (Reagan, Thatcher). Übersetzt man prozentuales Wachstum zurück in die Menge zusätzlicher Güter und Dienstleistungen pro Jahr, dann ist diese in den 80er Jahre zumeist stärker angestiegen als in den 50er und 60er Jahren.

Die achtziger Jahre waren ein Jahrzehnt des Wirtschaftswunders. Was war das für ein Wunder?

Susan Strange hat den Begriff des 'Kasino Kapitalismus' geprägt. Das Wunder der 80er Jahre nährte sich von Schulden und gewagten Finanzoperationen (Spekulationen). Im Oktober 1990 erlebten die Börsen ihren ersten Krach, dem weitere folgten.
Ein Börsenkrach bedeutet nicht unbedingt eine Rezession; manchmal scheint es, als hätten Aktienwerte sich abgelöst von der Entwicklung der Unternehmen.
Auch die Volkswirtschaften stellen Fragen. Wie viel nachhaltiges Wachstum hatte stattgefunden in diesem Jahrzehnt? War das Wunder eine optische Täuschung? Sichtbare Präsenz der Erfolglosen in der Arbeitslosigkeit.

In Europa hat das Wachstum der 80er Jahre den Arbeitslosen kaum geholfen. Beruhte dieses Wunder auf der Arbeitslosigkeit?

Es gibt 2 Methoden der Produktivitätssteigerung.

1. Dieselbe Zahl von Arbeitskräften produziert mehr;

2. dieselbe Leistung wird von wenigeren produziert.

Die letztere Methode war verbreitet. Die Beschäftigtenanzahl wurde auf das unentbehrliche Minimum reduziert. Siehe dazu auch die Beziehung von BSP und Arbeitsmenge pro Kopf.
Die beiden Kurven sind auseinander getreten; heute verlaufen sie gegenläufig. So entstand ein höheres Angebot aus wesentlich geringerer menschlicher Leistung.

Der Gedanke, dass die technische Entwicklung menschliche Arbeit überflüssig macht, ist in den letzten 200 Jahren regelmäßig wiederholt worden, aber er findet heute weniger Anhänger, als in der großen Automationsdiskussion der 50er Jahre.

Heute ist Arbeit nicht mehr die Antwort auf soziale Fragen, sondern sie ist selbst Teil der neuen sozialen Frage.

Arbeit ist das durchgängige Thema der industriellen Welt.

Ein Paradox: Moderne Gesellschaften sind Arbeitsgesellschaften, konstruiert um die Arbeitsethik und um die Arbeitsethik und um Berufsrollen, aber sie werden auch vorwärts getrieben von der Vision einer Welt ohne Arbeit.

Es gibt andere Wege in die Welt des Angebots, Schleichwege, aber der Normalweg führt über die Berufstätigkeit. Sie bestimmt das Einkommen, damit das Transfereinkommen, das Sozialprestige, die Selbstachtung und die Art und Weise wie Menschen ihr Leben organisieren. Andererseits gilt Arbeit als Last und mit Staunen und Neid wird/wurde auf die Mußeklasse geblickt.

Vor hundert Jahren waren alle Lebensaspekte auf die Berufsarbeit bezogen. Heute haben die arbeitsfreien Phasen ihre eigene Bedeutung gewonnen und an Umfang zugenommen. Sie werden als eigenständig definiert.
Die Welt der Bildung und der Ausbildung, die Freizeit hat einen neuen Wirtschaftszweig hervorgebracht. Und Ruhestand ist zu einem dritten Lebensalter geworden.

Diese Entwicklungen haben Folge für die Arbeit gehabt. Neokonservative und Sozialisten verbünden sich in einem Lob der Arbeit, während beide außerstande sind, allen Menschen Beschäftigung zu geben.

In Wahrheit geht es ihnen um soziale und politische Kontrolle, für die bislang kein anderer Mechanismus als die Disziplin der Berufstätigkeit erfunden worden ist.

Auf einmal ist Arbeit keine Last, sondern ein Privileg. Auch die Oberschicht ist eher keine Mußeklasse mehr. Öffentliche Zurschaustellung des neuen Reichtums an Arbeit.

OECD: 20% unterhalb des Alters wo Arbeitsmarkt offen steht, 20% im Ruhestand, 10% in Bildungseinrichtungen, dann suchen noch manche keine Arbeit, manche sind dazu nicht imstande also etwa 15%, dann sind noch 10% arbeitslos.
Es bleiben 25% der Bevölkerung, die etwa die Hälfte der Tage des Jahres am Arbeitsplatz verbringt und an diesen Tagen verlangt ihr Beruf etwa die Hälfte ihrer wachen Zeit. Leben wir wirklich in einer Arbeitsgesellschaft?

Ja und den Beweis liefert das Schicksal der Arbeitslosen. Sie passen nicht hinein. Arbeitslos zu sein ist etwas anderes. Es ist nicht akzeptabel. Es zerstört die Selbstachtung von Menschen, bringt ihre Lebensroutine durcheinander und macht sie von staatlicher Unterstützung abhängig.
Es definiert sie aus der Gemeinschaft der Bürger heraus und schafft dadurch eine neue Anrechtsfrage.

Arbeitslosigkeit in den 80ern unterscheidet sich von früheren Formen desselben Phänomens. Vollbeschäftigung wurde für wünschenswert erklärt und Maßnahmen getroffen, um sie herbeizuführen. Diese Maßnahmen beruhten auf der Annahme, dass gesundes Wirtschaftswachstum Vollbeschäftigung hervorbringen würde und umgekehrt.

Frühe Forderungen nach der Regularisierung von Gelegenheitsarbeit über Nachfragesteuerung zur umfassenden Planung von Vollbeschäftigung in der freien Gesellschaft (William Beveridge, John Maynard Keynes).

Es gab keinen Zweifel daran, dass die Arbeitslosigkeit nicht nur unwürdig, sondern verschwenderisch ist, und dass makroökonomische Expansion ein unentbehrlicher Teil der Lösung ist.

Seit den 80er Jahren ist das nicht mehr so eindeutig. Es gibt eine gewisse Ablösung des Wirtschaftswachstums von der Beschäftigung. Eine Politik der Vollbeschäftigung müsste daher ganz andere Wege gehen.
Die unmittelbaren Gründe für diese Probleme mögen technische sein. Die Erfindung immer neuerer arbeitssparender Maschinen und Mechanismen schreitet seit Jahrzehnten voran.
Die tieferen Ursachen dafür, dass es an Berufspositionen zu mangeln scheint, sind indes sozial.

Neue Erfindungen aus Kostengründen und Gründen der Zuverlässigkeit; diese Gründe haben es ihrerseits mit der Verteidigung von Realeinkommen durch organisierte Arbeitnehmer zu tun. Wenn wir tiefer graben, stoßen wir bald erneut auf die moderne Geschichte der Arbeit.

Die Fähigkeit, mit weniger Arbeit mehr zu produzieren, schafft viele neue Lebenschancen.

Das wirtschaftliche Gesamtprodukt hat sich seit 1870 in den OECD-Ländern wahrscheinlich verzehnfacht, zugleich ist die Zahl der pro Person gearbeiteten Stunden auf die Hälfte zurückgegangen (S. 217).

Die Tatsache, dass mit weniger menschlichem Einsatz mehr produziert werden kann, bedeutet, dass die Arbeit knapp werden kann. Einige werden unter bestimmten Bedingungen aus dem Arbeitsmarkt heraus definiert.

Was sind das für Bedingungen?
Die Segmentierung von Arbeitsmärkten in Teilmärkten mit eigenen Qualifikations Erfordernissen erklärt als solche die Dauerarbeitslosigkeit nicht.
Die Flexibilität der Reallöhne oder ihr Fehlen dagegen liefert eine solche Erklärung.

Wenn Löhne wirklich klebrig sind und es unmöglich ist, Beschäftigung auf einem erheblich niedrigerem Einkommensniveau als für etablierte Berufe gängig ist zu schaffen, dann ist Arbeitslosigkeit in einem engen monetären Sinn billiger als Vollbeschäftigung. Indes kommen andere Faktoren dazu.

Arbeitslosigkeit lässt viele der Kernfunktionen der Wirtschaft unberührt.

Die Landwirtschaft ist seit langem ein Sektor mit hoher Produktivität und niedriger Beschäftigung. Die Industrie folgt ihr auf diesem Weg.
Die industrielle Produktion wächst während die industrielle Beschäftigung schrumpft.
Im tertiären Sektor hat die Beschäftigung in traditionellen Verwaltungs- und Verteilungsberufen zugenommen.

In diesen Bereichen ist Produktivität ein komplizierterer Begriff als in der Landwirtschaft oder der Industrie; die Expansion der neuen Bereiche drückt die allgemeine Produktivitätsindizes nach unten, aber das bedeutet wenig.

Primäre, sekundäre und traditionelle Tätigkeit bilden das, was man den sozioökonomischen Kernbereich nennen kann. Dieser lässt sich mit beträchtlich weniger als Vollbeschäftigung aufrecht erhalten.

Will manfrau Vollbeschäftigung, muss manfrau periphere oder entbehrliche Berufe schaffen. Persönliche Dienstleistungsberufe flukturieren, mal in großer Zahl - und sind dann wieder fast verschwunden.

Die 'Informationsgesellschaft' (? Begriff von wem?) bringe mehr Informationen als manfrau verwerten könne, dazu gehören Berufe mit beträchtlichem Qualifikationsniveau.
Es ist ein Spektrum von Berufen entstanden, die in guten Zeiten gefragt sind, aber in schlechten Zeiten entbehrlich.

Die Mehrheitsklasse wacht mit Argusaugen über 'wirkliche Berufe', andererseits mögen sie die Unordnung der Arbeitslosigkeit nicht.

Jedenfalls beginnt sich eine neue Grenze heraus zu bilden zwischen denen, die sichere, gut bezahlte und offenbar sinnvolle Beschäftigung haben und denen für die das nicht gilt.

Dauerarbeitslosigkeit in Ländern mit klebrigen Reallöhnen und einer kurzsichtigen Mehrheitsklasse ist eines der Symptome, wenngleich die eigentliche Trennlinie eher mitten durch die untere Hälfte der Beschäftigten verläuft als zwischen den Berufstätigen und den Arbeitslosen.

Die dadurch geschaffenen Anrechtsfragen sind ernst und nicht einfach.

Berufspositionen als Schlüssel zu den Lebenschancen der Arbeitsgesellschaft waren lange nicht nur die Eintrittskarten in die Welt des Angebots, sondern auch die Voraussetzung des Bürgerstatus.

Berufe waren gleichsam das Nadelöhr zur Anrechtswelt. Das Wahlrecht setzte voraus, dass einer Steuerzahler und Mitglied eines Berufsstandes war.

Soziale Bürgerrechte waren und sind auf Berufstätigkeit bezogen, vor allem durch das Versicherungsprinzip für soziale Anrechte.

Der Bürgerstatus ist nicht Ergebnis eines Tauschvertrages, er ist nicht vermarktbar.

Die Trennung des Bürgerstatus vom Beruf bedeutet Fortschritt.

Ein 'Recht auf Arbeit' ist entweder eine leere Phrase oder ein Missbrauch des Wortes 'Recht'.
Kein Richter kann Arbeitgeber zwingen Arbeitslose einzustellen.

Im Interesse der Freiheit ist es wichtiger, das Recht, nicht zu arbeiten, zu etablieren, so dass Regierende niemanden in eine Abhängigkeit zwingen können.

Das ist kein Scherz sondern der Ausfluss eines klaren Begriffes von Recht und Anrecht einerseits, Politik und Angebot andererseits.

Die Dauerarbeitslosigkeit stellt nichtsdestoweniger Anrechtsfragen. Solange der Zugang zu Märkten und damit zum Angebot von Beschäftigung abhängt, bedeutet dass Arbeitslosigkeit diesen Zugang versperrt (S. 220).

Postindustrialismus Kasino Kapitalismus sk-29

Dahrendorf gibt in diesem Buch (der moderne soziale Konflikt, 1992) den Analysen der Strukturen von Gesellschaft und Politik den Vorzug vor der Spekulation über weniger greifbare Sachverhalt wie Werte.
In der Welt der Werte ist laut Dahrendorf fast alles gültig und es ist ebenso leicht Behauptungen aufzustellen, wie es schwierig ist ihnen Substanz zu geben, von ihrer Widerlegung ganz zu schweigen.

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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Viele Strukturen haben sich noch nicht herauskristallisiert, sind gewissermaßen amorph. Damit hat der Begriff einer 'postindustriellen Gesellschaft' (Daniel Bell) zu tun.

In den 70ern Veränderung der Beschäftigungsstruktur. Primärer Sektor weniger, sekundärer zuerst mehr dann weniger, tertiärer mehr. Um 1980 über 50% in den Dienstleistungsberufen. Der Trend setzt sich fort.

In einem technischen Sinn rechtfertigt dieser Trend allein die Rede von einer 'postindustriellen Gesellschaft'. Wenn Industrie Produktion heißt, dann sind industrielle durch Dienstleistungsgesellschaften ersetzt worden.
Die Mehrheitsklasse ist auch eine Dienstklasse (Dienstleisterklasse).
Die These der Postadvokaten lautet aber auch, dass die Veränderungen in den Berufsstrukturen von einem Wertwandel begleitet waren.
Daniel Bell prägte diesen Begriff 1973 ('die nach industrielle Gesellschaft', es ist ein Buch der 60er Jahre, so Dahrendorf) und interessierte sich zunächst für Wandlungen der Beschäftigungsstruktur.
Es treten neue Kräfte des Fortschritts auf. Diese haben (hatten) vor allem mit Wissen und Information zu tun.
Wissenschaftler und Technologen sind zu einer etablierten und unentbehrlichen Sozialkategorie geworden.
Bell: "die Heraufkunft eines neuen Prinzips der Schichtung".

1976 Bells Buch: 'Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus'. Hier argumentiert er, dass sich zwar die Sozialstruktur als eine techno-ökonomische Ordnung kennzeichnen lässt, dass die westliche Kultur aber eine ganz andere Richtung genommen habe.

Nicht Produktion, sondern Verteilung, nicht Machen, sondern Verkaufen beherrscht das Leben, und Verkaufen ermutigt Verschwendung.

Während die Ökonomie noch auf Effizienz und Rationalität beruht, wird die Kultur durch entspannte Lust und Belustigung bestimmt; sie ist primär hedonistisch geworden, bezogen auf Spiel, Spaß und demonstratives Vergnügen (S. 204).

Diese angedeutete Entwicklung erreichte in den 80er Jahren im 'Kasino Kapitalismus' (Susan Strange) der sich von Schulden nährte einen Höhepunkt. Genuss jetzt, Arbeit später. Das ist nicht nur eine Stimmung sondern schon Mode.

Durch komplizierte Kreditarrangements wird das Leben aufrecht erhalten. Jedenfalls gibt es Anzeichen einer Veränderung kultureller Haltungen.
Die hedonistische Wendung der protestantischen Ethik ist überdies nicht der einzige Wandel, der gemeinhin mit dem 'Postindustrialismus' verbunden wird.

Ronald Ingleharts 'stille Revolution' bezieht sich auf die Wende von 'materialistischen' zu 'postmaterialistischen' Werten (zu größerer Betonung von Lebensqualität).

Ein Phänomen sticht hervor: Während die alte Arbeiterschicht 'verbürgerlicht' ist und sich politisch nach rechts bewegt hat, ist eine neue Linke junger mittelständischer Menschen zu einer sozialen und politischen Kraft für 'postmaterialistische' Werte geworden.

Das beruht wahrscheinlich auf dem Wohlstand und Frieden der Welt von Raymond Aron. Laut Inglehart hat ein neuer Trend begonnen.

Dahrendorf: Vielleicht ist die 'postmaterialistische' Stimmung nicht so sehr ein neuer Trend wie ein Merkmal der 70er Jahre.
Die könnte durchaus Symptom einer Krise und nicht der Vorbote einer neuen Richtung der Dinge sein.
Dieser Postmaterialismus wäre eher aus einer Verzweiflung als aus einer Vorliebe geboren, obwohl seine Grundstimmung dazu beitrug neue soziale Bewegungen für den Schutz der Umwelt, die Rechte von Minderheiten und die Abrüstung ins Leben zu rufen.

Dahrendorf konstatiert, dass Jahrzehnte des Wirtschaftswachstums und des sozialen Fortschritts in einer Periode der Unübersichtlichkeit endeten.
Die Erfolge der Vergangenheit hatten Probleme geschaffen, die sich mit den bewährten Methoden nicht mehr lösen ließen.

Viele sahen die Zeit zum Innehalten und zum Nachdenken gekommen. Werte wurden herausgefordert und auch verändert.

Der Weg voran verlangt, den Inhalt von Bürgerrechten, Lebenschancen und Freiheit neu zu bestimmen (S. 208).

20070507

Weltordnung Macht Politik sk-26

Der kalte Krieg zog Grenzen innerhalb und zwischen den Blöcken. Trotzdem verlief die ökonomische und soziale Entwicklung innerhalb der OECD Länder relativ ungestört. Diese Ordnung begann in den 70er Jahren zu zerbröckeln.

Das Konzept internationaler Organisationen reichte in der Praxis nicht weit über die UNO hinaus. Großmächte neigen dazu, das internationale System als ein Instrument ihrer besonderen Interessen zu benutzen.

Tatsächlich wurden Kooperationssysteme für Währungs- Handels- und Entwicklungsfragen geschaffen. Die EG begann 1952 mit der EG für Kohle und Stahl, 1958 Europäische Wirtschafts- und Atomgemeinschaft. 1967 Verschmelzung der Drei zu den Europäischen Gemeinschaften. Projekt eines gemeinsamen Marktes. 1969 kommt GB dazu. Projekt einer Wirtschafts- und Währungsunion. Auch 1971 Entscheidungen die nur ein paar Wochen halten.
Das Weltsystem begann zu zerbröckeln.

Schlüsseldatum ist der 15. August 1971. Die USA (Nixon) kündigen die Währungs- und Handelsordnung der Nachkriegszeit auf. Die Konvertibilität des Dollars in Gold wird suspendiert und ein Importzuschlag erhoben.

Die USA betonen ihre Maßnahmen mit dem Recht ihre eigenen Interessen der Verantwortung für andere vor zuordnen. Das System von Bretton Woods hat sich bis heute nicht erholt von der Ersetzung des Dollars als stabilem Maßstab für alle durch flukturierende Wechselkurse. Das Handelssystem des GATT steht seit 1971 unter Druck.

Der entscheidende Punkt ist, dass das Zerbröckeln einer offenkundig illusionär gewordenen internationalen Ordnung die Länder ungeschützt den Winden einer direkteren Ausübung von Macht aussetzte. Yom-Kippur Krieg, Öl Schock, Inflation in der OECD-Welt, Ölpreissteigerungen, unverantwortliche Dritte Welt Kredite.

1971 gab es noch einige , die die Freigabe der Wechselkurse als ein Marktrezept ansahen. Endlich würden Währungen die tatsächliche Stärke der hinter ihnen stehenden Volkswirtschaften verkörpern. Heute vertreten nur mehr wenige diese These.

Flukturierende Währungen haben vielmehr dazu beigetragen, dass Geldwert und wirkliches Wirtschaftswachstum auseinander getreten sind; hier liegt einer der Faktoren, die den Kasino-Kapitalismus der achtziger Jahre ermöglicht haben.

USA: Negative Haltung zu internationalen Institutionen, USA verlässt UNESCO, hält Weltbank an der Leine ignoriert Urteile des Internationalen Gerichtshofes etc.

Die Resultate der amerikanischen Haltung liegen in einer Rückkehr von Kant zu Hobbes.

Macht und nicht Recht bestimmt, was zwischen Nationen geschieht.

Jeder versucht mit eigener Kraft seine Interessen durchzusetzen, auch wenn das auf Kosten anderer geschieht.

Bis in die achtziger gab es als Element der Stabilität den kalten Krieg. 1989 gerieten wichtige Elemente des zuvor stabil scheinenden Weltsystems ins Wanken und fielen in sich zusammen, darunter die deutsche Teilung, der Warschauer Pakt, der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Die Weltordnung kommt ins Spiel, insoweit sie die inneren Entwicklungen vor allem der entwickelten Länder bestimmt.

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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Zwei Folgerungen Dahrendorfs:

1. Der Weg von Kant zu Hobbes ist noch weiter gegangen als in den frühen achtziger Jahren absehbar war. Wir leben in einer Welt ohne Ordnung, in der daher Machtverhältnisse eine dominante Rolle spielen. Drei wirtschaftliche Kraftzentren konkurrieren um Märkte und kümmern sich dabei wenig um die Regeln (Amerika, Europa und Japan (Asien?). Das ist beunruhigend, zumal es erst der Anfang einer längeren Geschichte ist. Selten war die Erfordernis weltweiter Regeln dringender als heute.

2. Wirtschaftlich ist mit den großen transnationalen Unternehmungen und den sie begleitenden Finanzmärkten eine neue Produktivkraft entstanden, die nach neuen Spielregeln ruft, die dem Aktionsradius der neuen Wirtschaftsmärkte entsprechen. Krieg der Handelsgiganten als schlechteste Antwort auf den Zerfall der Ordnung. Begrenzte Atomkriege sind heute wahrscheinlicher als je. Nur weltweites Handeln kann Abhilfe schaffen. Die Länder der Dritten Welt sinken immer tiefer.

Es geht (ging) hier darum die Szene für das Verständnis der inneren Entwicklung der siebziger Jahre zu bereiten. In der Mitte der siebziger Jahre war Raymond Arons Welt vergangen. Pax Amerikana wurde auf gekündigt. Nun beginnt ein Prozess, der am Ende der achtziger Jahre zu einer Art Anomie im Weltmaßstab geführt hat.

Eine solche Welt ohne multilaterale Regeln hat Folgen für die Lebenschancen. Sie ist zunächst eine Welt, die wenig hergibt zur Förderung menschlicher Anrechte. Das Zerbröckeln der Nachkriegsordnung hat aber auch die Angebotsseite der Lebenschancen getroffen (S. 184).

20070504

Konvergenz Sozialismus Offene Gesellschaft sk-23

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Anmerkung: Manche der Befunde hier mögen etwas antiquiert erscheinen. Allerdings 'wiederholt die Geschichte sich' einerseits und andererseits haben wir auf der Erde in den verschiedenen Staaten/Regionen äußerst unterschiedliche 'Entwicklungslagen'.
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Das Bild einer friedlichen industriellen Gesellschaft ist irreführend. Zu Raymond Arons Zeiten der kalte Krieg, Konflikt der Systeme. Aron war führender Theoretiker von Krieg und Frieden und den Gesetzen der internationalen Politik.

Arons (Achtzehn Vorlesungen) handelt von der entwickelten Welt überhaupt (OECD und Sowjetunion). Aron geht aus von Clarks und Fourastiés These des Überganges von primären zu sekundären zu tertiären wirtschaftlichen Betätigungen und bezieht sich auf Walt Rostows 'Stadien des wirtschaftlichen Wachstums'.

Aron findet Ähnlichkeiten der Wirtschaftsentwicklung der industriellen Gesellschaften in Ost und West. Aron (1955) meint 'der Schlüssel zur modernen Wirtschaftsgeschichte ist der technische Fortschritt' (der in einem kapitalistischen aber auch sozialistischen Regime stattfinden kann,- zwei verschiedene Beispiele derselben Art von Transformation).

Er sieht also Ähnlichkeiten aber er verwechselt 'Sozialisierung' (übernommen von Schumpeters 'Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie') mit Sozialismus (Dahrendorf S. 153).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Damals (1955) sah es so aus als könnte die Sowjetunion die USA ein- und überholen.

Heute (anfangs der 90er), selbst nach Gorbatschows Perestroika, sehen wir den langen Weg den der Osten noch zu gehen hat. Es gibt sicherlich gewisse gemeinsame Merkmale aller industriellen Gesellschaften aber bei genauerem Hinsehen fallen vornehmlich die Unterschiede zwischen den ökonomischen und den sozialen Strukturen auf. (Arons Beispiel von Renault und Citroen, das eine staatlich das andere privat, das eine stagnierte das andere florierte).

Begriffe und Analysen, die solche Unterschiede überspielen sind offenbar untauglich. In den 50er Jahren war ein Verständnis industrieller Gesellschaften im Schwange, das heute zumindest zu ernsten Fragen (radikalen Revision) Anlass gibt (S. 154).

Sozialismus

Dahrendorf unterscheidet sozialistische Vision (Hoffnung auf Gerechtigkeit in Freiheit) und sozialistische Realität.

Innerhalb der sozialistischen Realität Unterscheidung zwischen Sozialdemokratie (hier geht es um die Ausweitung des Prozesses der Bürgerrechte durch Reform unter den Bedingungen der wirtschaftlichen und politischen Vielfalt) und real existierendem Sozialismus.

Bei letzterem kann man wieder unterscheiden: Die bürokratische Autokratie, der administrative Zentralismus in den Satellitenstaaten der Sowjetunion war weit entfernt vom sozialistischen Traum.

Eine kleine Anzahl Länder (China, Kuba) entwickelten eine eigenständige Form des real existierenden Sozialismus.

Die wirtschaftlichen und sozialen Strukturmuster dieser Länder sind nicht eine Alternative zu denen kapitalistischer Länder. Sie sind eher ein Phänomen der späteren Entwicklung.

Nur eine sehr kleine Anzahl von Ländern hat es geschafft , sowohl den Bürgerstatus als auch wirtschaftlichen Wohlstand, sowohl Anrechte als auch Angebot zu einem gewissen Niveau von Lebenschancen zu entwickeln, das den Test besteht, der dieser Analyse zugrunde liegt. Die meisten Gesellschaften verfangen sich in schmerzhaften Widersprüchen des Verhältnisses von Wirtschaft und Politik.

Das Dilemma des real existierenden Sozialismus.

Die von ihm erfassten Länder definieren ihr Problem zunächst politisch. Eine vornehmlich an Machterhaltung interessierte politische Klasse hält alle spontanen Regungen der Bürger nieder und mobilisiert dies als Untertanen (obwohl 'Genossen' genannt, Druschba-Freundschaft).

Der Wunsch nach florierender Wirtschaft muss immer hinter politischen Notwendigkeiten zurücktreten, welche mit Organisation und Kontrolle, mit Nachfolgefragen, Rekrutierungsmechanismen, Gehorsam, Indoktrinierung, Normierung, Regulierung und mit allen von Max Weber beschriebenen Requisiten der Bürokratisierung zu tun haben.

Die Errichtung einer solchen Herrschaft bedeutet den ständigen Kampf gegen Dilettanten, Idealisten, Kritiker, Rivalen, gegen Initiative und Kreativität.

Jede Linderung der Kontrolle enthält ein hohes Risiko. Das aber bedeutet, dass eine moderne, anpassungsfähige, sich selbst ständig erneuernde Wirtschaft nicht entstehen kann.

Der Gipfel sozialistischer Errungenschaften ist die Kombination von Privilegien der Nomenklatur, die dieser das Äquivalent einer westlichen Kleinbürgerexistenz erlauben und einer unzuverlässigen Versorgung mit Elementargütern für die vielen in einer grauen Alltagswelt (S. 157).

Der Zusammenbruch von 1989 stellt die Frage des Verhältnisses von politischer und wirtschaftlicher Modernisierung mit Schärfe. Um menschliche Lebenschancen zu erhöhen muss beides, der Fortschritt der Anrechte und der Fortschritt des Angebotes angepackt werden und zwar gleichzeitig und parallel.

Die Frage, ob es strategische Hebel gibt, die politische und wirtschaftliche Reformen zugleich in Gang setzen, ist vielleicht die Schlüsselfrage des Weges in die Freiheit (S. 158).

Diese Bemerkungen haben vorgegriffen, noch sind wir in den 50er Jahren und bei dem Denkfehler der Konvergenz der Systeme.

Ein zentraler Schluss: Der Sozialismus ist nicht die andere Industriegesellschaft, sondern eine Methode zur Einleitung des Prozesses der Entwicklung. Sozialismus ist ein Entwicklungsländer-Phänomen und hat seine Chance dort, wo die ersten Schritte der Modernisierung und Industrialisierung unter autoritärer Herrschaft stattgefunden haben.

Der real existierende Sozialismus ist allenfalls ein zweitbester Weg in die moderne Welt. Er ist ineffektiv. Beharrt er auf politischer Kontrolle, dann bleibt die Wirtschaft unterentwickelt; nimmt er die Erfordernisse wirtschaftlichen Fortschritts ernst, dann wird seine politische Grundlage gefährdet.

Wenn es überhaupt so etwas gibt wie eine Konvergenz der Systeme, dann liegt diese in Varianten der Freiheit welche vielleicht nicht zustande kommen, denn es gibt kein historisches Gesetz, wonach alle Menschen in Wohlstand und Freiheit leben müssen.

Der Gedanke einer Konvergenz der Systeme ist weder plausibel noch wünschenswert.

Es liegt kein vernünftiger Sinn darin, einen Begriff wie den der industriellen Gesellschaft sowohl auf die USA als auch auf die Sowjetunion anzuwenden, ganz zu schweigen von einer Mischung beider Systeme (Nach Dahrendorf ist es ein (schwerer) Irrtum, dass eine Konvergenz der Systeme gut und wünschenswert wäre).

Aron war ein Theoretiker der Konvergenz der Systeme. Er behandelte politische und sozialökonomische Entwicklungen fast völlig voneinander getrennt. Er überschätzte den Sozialismus als System und unterschätzte die Beziehungen von Wirtschaft und Politik in seinen soziologischen Schriften der 50er Jahre.

Durch den Kollaps 1989 ist Konvergenz als Programm erledigt. Ein solches Programm ist schon im Ansatz verfehlt.

Vielmehr: Es gibt nur eine Freiheit, so vielfältig die Varianten ihrer Ausprägung in realen Gesellschaften sein mögen.

Das Denken in Systemen ist selbst ein Hindernis auf dem Weg zur Freiheit.

Wenn die Lösung realer Probleme in realen Gesellschaften eine Ausweitung von Anrechten verlangt, um menschliche Lebenschancen zu vergrößern, dann soll diese stattfinden; ist andererseits eine Ausweitung des Angebotes nötig, dann sind dafür die Bedingungen zu schaffen.

Entscheidend sind die Institutionen, die es erlauben, das zu tun, was in einer gegebenen Situation für nötig gehalten wird, und es auch wieder zu lassen, wenn es die Mehrheit nicht mehr will.

Entscheidend ist für Dahrendorf die offene Gesellschaft.

Die offene Gesellschaft, menschliche Lebenschancen, Bürgerrechte, Wohlstand, Freiheit sind unzweideutig Werte.

Die besonderen Bedingungen wirklicher Gesellschaften sind verschieden. Die Vielfalt der wirklichen Welt ist selbst Teil der offenen Gesellschaft. Es gibt sicherlich gut und böse, aber es gibt kein Reich des Bösen und kein Reich des Guten auf dieser Welt (S.161).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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20070312

SCHWELLENLAND & BÜRGERRECHT sk-09

Dahrendorf konstatiert zwei Schwellen des Wandels: Eine Schwelle ist markiert durch den Übergang von der traditionellen Hierarchie der Stände- oder auch Kastengesellschaft zur offenen Schichtung moderner Gesellschaften.
Quelle bzw. behandelte Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
Konflikte, die den Prozess vorantreiben sind in aller Regel Bewegungen von Minoritäten.

Die zweite Schwelle ist die jener modernen Gesellschaften, in denen Bürgerrechte aufgehört haben ein dominantes Thema der Auseinandersetzung zu sein.

Zwischen diesen beiden Schwellen liegt die Phase, in der Bürgerrechte das Thema und Klassenkämpfe das Instrument des Wandels sind.

Es geht um Anrechtsfragen, also um den Status der Mitgliedschaft in Gesellschaften und die damit verbundenen Chancen. Der Ursprung des Klassenkonflikts findet sich in Herrschaftsstrukturen, die nicht mehr die absolute Qualität der traditionellen Hierarchie haben.

Das Thema des Klassenkonflikts heißt Lebenschancen. Sind diese nicht mehr Anrechtschancen sondern nur noch Angebotschancen nimmt der Konflikt eine neue Form an. Zur Bestimmung dessen Zeitpunktes sind Bürgerrechte der zentrale Begriff (S. 52).

Bürgerrechte stammen aus dem antiken Stadtstaat, der mittelalterlichen Stadt und dann der Burg. Sie führen am Ende zur Weltbürgerschaft. Ihre modernen Ausprägungen haben sie im Nationalstaat gewonnen.

Länder, in denen Bürgerrechte sich erst verspätet durchgesetzt haben, sind auch Länder die erst verspätet Nationen wurden. Warum?

Der moderne Nationalstaat ist im Kern die Form, in der das nicht feudale ( auch anti feudale) Bürgertum seinen Platz finden konnte.

Das Bürgertum brauchte die Nation, um Recht und Verfassung an die Stelle von überlieferten Bindungen und Gottesgnadentum zu setzen.

Insoweit ist der Nationalstaat Quelle des Fortschritts auf dem Weg zu einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft (S.53).

Der Nationalstaat schließt sowohl ein als auch aus. Das Bündnis von Liberalismus und Nationalismus zwischen 1789 bis 1848 bildete eine Kraft der Emanzipation. Der Nationalstaat erlaubte es die Idee der Bürgerrechte zu verallgemeinern. Das war schon ein Thema für Perikles S.53.

Cirka 2500 Jahre später setzt Toqueville Bürgerrechte als Demokratie gleich. Das 'Reich der Demokratie' wäre eines, in dem Rangunterschiede beseitigt, Eigentum weit gestreut und die Macht auf gesplittert wäre.

Demokratie als Gleichheit aller ist etwas anderes als politische Demokratie.

Alle sind gleich vor dem Gesetz, haben gleichen Anspruch auf politische Teilnahme und genießen diese Chancen unbeschadet ihrer sozialen Herkunft und Stellung. (Zu den Zeiten des Aristoteles gehörten Frauen und Sklaven nicht zu den Freien). Weitere Beschränkungen gab es im Geschichtsverlauf. Es dauerte Jahrhunderte bevor der gleiche Grundstatus aller Bürger so allgemein wurde.

SCHWEBENDE WERTE sk-07

Nach Hartfiel gehen alle sozialen bzw. soziologischen Theorien von der Überzeugung aus, dass soziale Spannungen das vorantreibende, den sozialen Wandel belebende Element darstellen und dem gegenüber Institutionalisierung als Verfestigung und Erstarrung sozialer Normen und Verhaltensbeziehungen für sozialen Wandel eher Reibungswiderstand bedeuten.

Lebenschancen sind nie gleichmäßig verteilt. Jede Gesellschaft hat unterschiedliche Aufgaben und muss unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten der Menschen koordinieren. Es gibt Unterschiede der Art und Unterschiede des Ranges.
Quelle bzw. behandelte Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator

Die Theorie des Gesellschaftsvertrages unterscheidet seit langem zwischen der Assoziation (gesellschaftliche Verbindung wie z.B. die Gruppe, Partei, NGO, Kirche, Gemeinschaft, Gemeinde, etc.) und der Herrschaft. Also auf der einen Seite die Genossenschaft (Assoziation-Verbindung) und auf der anderen Seite die Gesellschaft (bzw. der rechtgebende Staat).

In der Praxis verlangt alle gesellschaftliche Assoziation Herrschaft.

Gesellschaft heißt nämlich immer Normierung von Verhalten.

Normierung kann aber nicht in der Luft schweben
; sie kann noch nicht einmal auf bloßer Übereinkunft beruhen. Sie bedeutet, dass bestimmte Werte als geltend gesetzt werden.

Das heißt aber nicht nur, dass Verhalten, Fähigkeiten und Aufgaben an ihnen gemessen werden, sondern dass es Instanzen gibt, die Geltung verleihen und Sanktionen verhängen können.

Diese Instanzen können Gesetze machen und sie können belohnen und bestrafen. Das aber sind eben die Herrschaftsinstanzen.
Gesellschaft heißt Herrschaft und Herrschaft heißt Ungleichheit (S. 47).

Das ist gut so nach Dahrendorf und er bringt Kant auf unsere Betrachtungsbühne und dessen Schilderung eines arkadischen Schäferlebens bei vollkommener Eintracht etc. , wo Talente verborgen bleiben und Menschen ihrem Dasein keinen größeren Sinn verleihen als ihrem Hausvieh.

Vielmehr dankt Kant der Natur für die Unvertragsamkeit, für 'missgünstig wetteifernde Eitelkeit', für die 'nicht zu befriedigende Begierde zum Haben' oder auch zum Herrschen.

"Ohne sie würden alle vortrefflichen Naturanlagen in der Menschheit unentwickelt schlummern".

"Der Mensch will Eintracht; aber die Natur weiß besser,
was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht."
(so Kant, nach Dahrendorf S. 48).

Dahrendorf denkt hier an Karl Popper und an die Geschichte als Entwurf in eine ungewisse Zukunft.

Gesellschaft heißt nicht nur
Herrschaft ---> Ungleichheit
sondern
Ungleichheit ---> Konflikte

Konflikte welche die Quelle des Fortschritts einschließlich der Ausweitung menschlicher Lebenschancen bilden sollen.

Herrschaft verursacht auf dem Weg über die Ungleichheit Konflikte.

Aber "alle Macht korrumpiert" also ist Herrschaft nicht in jeder Form eine gute Sache.

Terror, Krieg und Mord eindämmen---www.transitenator.blogspot.com
Die Frage ist aber nicht, wie wir uns von aller Herrschaft befreien und zu einem arkadischen Schäferleben einschläfern lassen, sondern wie wir Herrschaft so zähmen können, dass ein Optimum an Lebenschancen möglich wird (S. 48).

Das ist der Punkt an dem die Bürgerrechte zum Schlüsselbegriff der Moderne werden.

20070310

LEBENSCHANCEN & ZIVILISATION sk-06

Geregelter Konflikt ist Freiheit, denn er bedeutet, dass niemand seine Position zum Dogma erheben kann. Die Freiheit von Willkür und Tyrannis ist nicht gering zu schätzen. Viele starben dafür.

Nach Popper hat Geschichte keinen Sinn, wir müssen ihr einen Sinn geben.

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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch
Exzerpt: transitenator
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Max Weber liebte den Begriff der Chance. Chancen sind mehr als Voraussetzungen des Handelns und doch weniger als tatsächliche Handlungsweisen.

Bei den Konflikten der modernen Gesellschaft geht es um menschliche Lebenschancen. Mehr Lebenschancen für mehr Menschen sind die Absicht der Politik der Freiheit.

Der Begriff der Lebenschancen ist zentral für unser Verständnis der Moderne wie auch für jede liberale Theorie.

Lebenschancen sind eine Funktion von Option und Ligaturen.

Optionen sind in sozialen Strukturen gegebene Wahlmöglichkeiten, Alternativen des Handelns (allgemein formuliert), deutlicher: Optionen sind die je spezifische Kombination von Anrechten und Angebot.

Wir brauchen Anrechte und Angebot, wenn wir menschliche Wohlfahrt vorantreiben wollen. Menschen brauchen Zugang zu Märkten, politischen Entscheidungsprozessen und kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten, aber diese Bereiche müssen auch viele und vielfältige Wahlchancen anbieten.

Keine Gesellschaft, die nicht beides besitzt, kann ernstlich zivilisiert genannt werden.

Optionen als Bestandteil der Lebenschancen sind also eine Funktion von Anrechten und Angebot, auch wenn diese komplizierter ist als eine Summe oder ein Produkt.

Lebenschancen sind nur zu einem Teil Optionen, ihr anderer Teil (die Ligaturen) hat es mit den Koordinaten zu tun, innerhalb derer Optionen Sinn ergeben.

Wie findet manfrau den Weg durch die Welt der Optionen?

Ligaturen sind tiefe kulturelle Bindungen, die Menschen in die Lage versetzen, ihren Weg durch die Welt der Optionen zu finden.

Moralische Werte, Zugehörigkeiten zu Familie, Gemeinde, Traditionsgruppe, Kirche, also 'Bindungen' die eine gewisse 'Verbindlichkeit' (Obligation) haben.

Modernität richtete zunächst ein Werk der Zerstörung an (so sind sich Tocqueville und Marx einig). Modernität ist für viele im Kern ein Bruch mit den Ligaturen früherer Zeiten. (Nietzsche: Gott ist tot).

Am Ende der Welt ohne Ligaturen sind dann die falschen Götter nicht weit.

Kant hatte eine andere Tradition des Verständnisses der modernen Welt, eine Tradition ohne Nostalgie und Utopie und auch ohne Zynismus: "Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

Auch Max Weber lobte später die Rationalität. Wenn traditionale Formen zerbrechen, florieren nicht nur Wissenschaft und Technik, sondern es entsteht 'der Staat' überhaupt im Sinne einer politischen Anstalt.

Der Staat mit rational gesatzter Verfassung, rational gesatztem Recht und einer an rationalen, gesatzten Regeln und Gesetzen orientierten Verwaltung und es wird schließlich der moderne Kapitalismus geboren. Anrechte und Angebot also. Die Moderne eröffnet vorher ungeahnte Lebenschancen.

Gibt es spezifische moderne Ligaturen, tiefe Bindungen die ihre Kraft nicht dadurch verlieren, daß 'alles Stehende verdampft'?

Dahrendorf's Antwort: Die civil society, die Bürgergesellschaft!
(an Stelle der Ligaturen).

Die Welt der Anrechte und des Angebots, der Politik und der Ökonomie kann nicht für sich bestehen; beide müssen verankert sein in der Welt der Gesellschaft.

Die Freiheit ruht auf drei Säulen, dem Verfassungsstaat (der Demokratie), der Marktwirtschaft und der Bürgergesellschaft.

Immer geht es bei der Bürgergesellschaft darum, das Vakuum zwischen staatlicher Organisation und atomisierten einzelnen Menschen mit Strukturen zu füllen, die dem Zusammenleben Sinn geben.

Die Bürgergesellschaft ist also nicht einfach eine Gesellschaft von Individuen, sondern von Bürgern im vollen Sinne des Wortes. Sie ist damit ein Ergebnis der Zivilisation und nicht der Natur.

Demokratie und Rechtsstaat taugen wenig ohne die Bürgergesellschaft. Bürgergesellschaften sind ausnahmslos modern.

Erfüllte Lebenschancen verlangen die Ligaturen der bürgerlichen Gesellschaft. Ohne die Strukturen der Bürgergesellschaft bleibt die Freiheit ein schwankendes Rohr.

Kant wusste, was die Verbindung von Recht und Freiheit verlangt und er nannte es bürgerliche Gesellschaft. (Marx verlegte ihre Ankunft auf den Sankt-Nimmerleins-Tag).

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