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20070616

Herrschaft Herrschaftsgewalt gesellschaftliche Stärke zt-56

In der neueren Geschichte ist es manchmal schwer unzweideutig festzustellen, wer die Herrscher und wer die Beherrschten sind. Der Entscheidungsspielraum, der sich mit den Zentralfunktionen verbindet, wechselt.

An den Zentralorganen sind, wie an jeder anderen gesellschaftlichen Formation, zwei Charaktere zu unterscheiden:
Ihre Funktion innerhalb des Menschengeflechts dem sie angehören, und die gesellschaftliche Stärke, die sich jeweils mit dieser Funktion verbindet.

Was wir 'Herrschaft' nennen, ist in einer hohen differenzierten Gesellschaft nichts anderes als die besondere gesellschaftliche Stärke, die bestimmte Funktionen, die vor allem die Zentralfunktionen ihren Inhabern im Verhältnis zu den Inhabern anderer Funktionen verleihen.

Die gesellschaftliche Stärke aber bestimmt sich bei den obersten Zentralfunktionen einer hochdifferenzierten Gesellschaft ganz in der gleichen Weise, wie bei allen andere Funktionen:
Sie entspricht allein dem Maß von Angewiesenheit der verschiedenen, interdependenten Funktionen aufeinander.
Dass die 'Herrschaftsgewalt' der Zentralfunktionäre größer wird (bei hoher Funktionsteilung) ist ein Ausdruck dafür, dass die Angewiesenheit anderer Gruppen und Schichten innerhalb dieses Verbandes auf ein oberstes Koordinations- und Regulationsorgan steigt.

Die Veränderungen in der gesellschaftlichen Stärke der Zentralfunktionäre, sind sichere Anzeichen für spezifische Veränderungen der Spannungsverhältnisse im Innern der ganzen Gesellschaft.

Es ist also eine bestimmte Anordnung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, die die Stellung der Zentralgewalt in ihrer Mitte stärkt, eine andere, die sie schwächt (S. 227 u. 228).

20070601

Konkurrenzkampf Monopolbildung zt-53

Was Menschen des 20. Jahrhunderts beim Rückblick im Auge behalten müssen ist die Tatsache, dass gesellschaftliche Funktionen, die sich in der neueren Zeit differenziert haben, in dieser früheren Phase noch mehr oder weniger ungesondert sind.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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In der gesellschaftlichen Position des großen Feudalherren, des Fürsten vereinigte sich die Funktion des reichsten Mannes, des Besitzers der größten Produktionsmittel seines Gebietes, mit der Funktion des Herrschenden, des Besitzers der militärischen Verfügungsgewalt und der Jurisdiktion. Funktionen, die heute arbeitsteiligen Gruppen repräsentieren, wie etwa die Funktion eines Großgrundbesitzers und die Funktion eines Regierungsoberhauptes bilden hier noch untrennbar verbunden eine Art von Privatbesitz.

Das hängt damit zusammen, dass in dieser natural-wirtschaftenden Gesellschaft der Boden, in der späteren Gesellschaft hingegen das Geld (als Inkarnation der Funktionsteilung) das wichtigste Produktionsmittel bildet.

Es hängt aber nicht weniger damit zusammen, dass in der späteren Phase das Schlüsselstück jedes Herrschaftsmonopols, das Monopol der körperlichen, der militärischen Gewaltausübung, über größere Gebiete hin eine feste und stabile gesellschaftliche Institution bildet, während es sich in der vorangehenden Phase durch jahrhundertelange Kämpfe hindurch erst langsam entwickelt und zwar zunächst in der Form eines privaten, eines Familienmonopols.

Wir sind gewohnt zwei Sphären, Wirtschaft und Politik und zwei Arten von gesellschaftlichen Funktionen, wirtschaftliche und politische Funktionen voneinander zu unterscheiden.
Nichts ist weniger selbstverständlich.

Für alle naturalwirtschaftlichen Kriegergesellschaften (nicht nur für sie) ist das Schwert ein sehr nahe liegendes, ein unentbehrliches Mittel zum Erwerb von Produktionsmitteln und die Gewaltandrohung ein unentbehrliches Mittel der Produktion.

Erst wenn die Funktionsteilung sehr weit vorangetrieben ist, erst wenn sich als Resultat langer Kämpfe eine spezialisierte Monopolverwaltung heran gebildet hat, erst dann können sich Konkurrenzkämpfe um Konsumtions- und Produktionsmittel unter weitgehender Ausschaltung von körperlicher Gewaltandrohung vollziehen und erst dann existiert eine 'Wirtschaft' und 'Politik'.

Eine Konkurrenzsituation, bzw. Konkurrenzbeziehung stellt sich überall dort her, wo sich mehrere Menschen um dieselben Chancen bemühen, wo mehr Nachfragende vorhanden sind, als Chancen zur Befriedigung der Nachfrage, die Verfügung über diese Chancen mag in der Hand von Monopolisten sein oder nicht.

Die 'freie Konkurrenz' ist dadurch charakterisiert, dass sich hier die Nachfrage Mehrerer auf Chancen richtet über die noch nicht jemand verfügt, der außerhalb des Konkurrenzspielraums der Rivalisierenden steht.

Ein freier Konkurrenzkampf entsteht beispielsweise dann auch, wenn sich unter mehreren, die interdependent sind, Böden und kriegerische Chancen so gleich verteilen, dass niemand von ihnen unzweideutig der Chancenreichste, der gesellschaftlich Stärkste ist, also in jener Phase der Beziehungen zwischen feudalen Kriegerhäusern oder zwischen Staaten, in der keiner dem Rivalitätsspielraum der anderen entwachsen ist, also noch kein zentralisiertes Herrschaftsmonopol besteht.

Ein freier Konkurrenzkampf entsteht ebenso, wenn sich Geldchancen unter viele, interdependent Verbundene in dieser Weise relativ gleichmäßig verteilen; und hier wie dort wird der Kampf um so intensiver, je mehr die Bevölkerung, je mehr die Nachfrage nach solchen Chancen wächst, wenn nicht zugleich auch diese Chancen selbst wachsen (S. 207).

In den Kämpfen der feudalen Kriegerhäuser wirken beide Arten der Kampfmittel, beide Formen der Gewalt (körperlich-kriegerische und wirtschaftliche) noch, ziemlich ungetrennt voneinander, zusammen. Freie Konkurrenzkämpfe einer größeren Anzahl von Rivalen führen zu einer immer kleineren Anzahl von Rivalen.

Das gesellschaftliche Phänomen der Monopolbildung ist nicht auf Prozesse beschränkt, an die man heute denkt, wenn von Monopolbildung die Rede ist.

Die Akkumulation von Besitzchancen stellt nur einen historischen Schub von Monopolbildungen unter vielen anderen dar.

Funktionsgleiche Prozesse, also Tendenzen zu einem Aufbau des menschlichen Beziehungsgeflechts, bei dem einzelne Menschen oder Menschengruppen durch mittelbare oder unmittelbare Gewaltandrohung den Zugang anderer zu bestimmten, umworbene Chancen beschränken und regeln können.
Solche Prozesse treten in mannigfacher Gestalt und an verschiedenen Stellen der Menschheitsgeschichte auf (S. 208).

Für alle Beteiligten steht ihre soziale Existenz auf dem Spiel und das ist das Zwingende an diesen Kämpfen.
Das macht diese Kämpfe unvermeidlich und unentrinnbar.

Ist eine Gesellschaft in eine Bewegung dieser Art geraten, dann steht in der noch monopolfreien Sphäre jede soziale Einheit immer vor der gleichen Alternative: entweder:
besiegt zu werden (Gefangenschaft, Not, materielle Not, soziales Absinken, Verlust der gesellschaftlichen Selbständigkeit, Übergang in abhängige Positionen, Aufgehen in einem größeren gesellschaftlichen Komplex und damit Zerstörung dessen was zunächst einmal für ihr Bewusstsein ihrem Leben Sinn, Wert und Dauer gab)
oder sie können siegen.

Aber dieser Sieg bedeutet über kurz oder lang die Gegenüberstellung und Auseinandersetzung mit einem Rivalen der neuen Größenordnung. Die bloße Erhaltung der sozialen Existenz erfordert in der Situation der freien Konkurrenz immer zugleich deren Vergrößerung.

Der Gewinn des Einen ist hier notwendigerweise der Verlust des Anderen. (S. 208).

Wird eine bestehende soziale Existenz zerstört, so wird all das was in ihren Augen ihrem Leben Sinn und Glanz gibt, die Selbständigkeit ihrer Herrschaft, die unabhängige Verfügungsgewalt über ihren Hausbesitz, ihre Ehre, ihr Rang ihr gesellschaftliches Ansehen vernichtet.

Die Rivalitäten treiben langsamer oder schneller auf eine neue gesellschaftliche Ordnung, auf eine Monopolordnung voran und an die Stelle der monopolfreien Konkurrenzkämpfe treten monopolistisch gebundene Konkurrenzkämpfe.

Erst mit der Bildung solcher Monopole stellt sich schließlich auch die Möglichkeit zur Lenkung der Chancenverteilung unter den aneinander gebundenen Menschen ein. Diese Vormachtbildung bedeutet den sozialen Untergang als selbständige, soziale Einheiten (S. 211).

In der kapitalistischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und vor allem des 20. Jahrhunderts tritt der allgemeine Drang zu einer wirtschaftlichen Monopolbildung deutlich in Erscheinung, gleichzeitig eine analoge Tendenz zur Vormachtbildung im Wettstreit der Staaten (S. 211).

Anfangs des 16. Jahrhunderts stehen einander das Habsburger Kaiserhaus und das Haus der französischen Könige gegenüber, jetzt als Rivalen einer ganz neuen Größenordnung.

Sie ringen miteinander um die Chancen und die Vormacht in einem noch größeren Gebiet, für das noch kein Herrschaftsmonopol besteht, also als freie Konkurrenten.
Und die Rivalität zwischen ihnen wird für geraume Zeit zu einer Hauptachse des werdenden europäischen Spannungssystems.

Das französische Herrschaftsgebiet ist beträchtlich kleiner als das Hausgebiet der Habsburger, aber es ist erheblich stärker zentralisiert und es ist vor allem geschlossener, nämlich militärisch durch 'natürliche Grenzen' besser geschützt (S. 218).

20070312

SCHWEBENDE WERTE sk-07

Nach Hartfiel gehen alle sozialen bzw. soziologischen Theorien von der Überzeugung aus, dass soziale Spannungen das vorantreibende, den sozialen Wandel belebende Element darstellen und dem gegenüber Institutionalisierung als Verfestigung und Erstarrung sozialer Normen und Verhaltensbeziehungen für sozialen Wandel eher Reibungswiderstand bedeuten.

Lebenschancen sind nie gleichmäßig verteilt. Jede Gesellschaft hat unterschiedliche Aufgaben und muss unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten der Menschen koordinieren. Es gibt Unterschiede der Art und Unterschiede des Ranges.
Quelle bzw. behandelte Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator

Die Theorie des Gesellschaftsvertrages unterscheidet seit langem zwischen der Assoziation (gesellschaftliche Verbindung wie z.B. die Gruppe, Partei, NGO, Kirche, Gemeinschaft, Gemeinde, etc.) und der Herrschaft. Also auf der einen Seite die Genossenschaft (Assoziation-Verbindung) und auf der anderen Seite die Gesellschaft (bzw. der rechtgebende Staat).

In der Praxis verlangt alle gesellschaftliche Assoziation Herrschaft.

Gesellschaft heißt nämlich immer Normierung von Verhalten.

Normierung kann aber nicht in der Luft schweben
; sie kann noch nicht einmal auf bloßer Übereinkunft beruhen. Sie bedeutet, dass bestimmte Werte als geltend gesetzt werden.

Das heißt aber nicht nur, dass Verhalten, Fähigkeiten und Aufgaben an ihnen gemessen werden, sondern dass es Instanzen gibt, die Geltung verleihen und Sanktionen verhängen können.

Diese Instanzen können Gesetze machen und sie können belohnen und bestrafen. Das aber sind eben die Herrschaftsinstanzen.
Gesellschaft heißt Herrschaft und Herrschaft heißt Ungleichheit (S. 47).

Das ist gut so nach Dahrendorf und er bringt Kant auf unsere Betrachtungsbühne und dessen Schilderung eines arkadischen Schäferlebens bei vollkommener Eintracht etc. , wo Talente verborgen bleiben und Menschen ihrem Dasein keinen größeren Sinn verleihen als ihrem Hausvieh.

Vielmehr dankt Kant der Natur für die Unvertragsamkeit, für 'missgünstig wetteifernde Eitelkeit', für die 'nicht zu befriedigende Begierde zum Haben' oder auch zum Herrschen.

"Ohne sie würden alle vortrefflichen Naturanlagen in der Menschheit unentwickelt schlummern".

"Der Mensch will Eintracht; aber die Natur weiß besser,
was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht."
(so Kant, nach Dahrendorf S. 48).

Dahrendorf denkt hier an Karl Popper und an die Geschichte als Entwurf in eine ungewisse Zukunft.

Gesellschaft heißt nicht nur
Herrschaft ---> Ungleichheit
sondern
Ungleichheit ---> Konflikte

Konflikte welche die Quelle des Fortschritts einschließlich der Ausweitung menschlicher Lebenschancen bilden sollen.

Herrschaft verursacht auf dem Weg über die Ungleichheit Konflikte.

Aber "alle Macht korrumpiert" also ist Herrschaft nicht in jeder Form eine gute Sache.

Terror, Krieg und Mord eindämmen---www.transitenator.blogspot.com
Die Frage ist aber nicht, wie wir uns von aller Herrschaft befreien und zu einem arkadischen Schäferleben einschläfern lassen, sondern wie wir Herrschaft so zähmen können, dass ein Optimum an Lebenschancen möglich wird (S. 48).

Das ist der Punkt an dem die Bürgerrechte zum Schlüsselbegriff der Moderne werden.

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