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20070603

Dahrendorf Weltbürgerschaft sk-39

Was ist wichtig? Den Menschen in den bisher benachteiligten Teilen der Welt zu helfen, den Weg zu freien Bürgergesellschaften zu finden. Diese Länder brauchen nicht nur ein größeres wirtschaftliches Angebot, sondern auch die vollen Anrechte des Bürgerstatus und beide müssen in einem breiten Spektrum von Assoziationen und autonomen Institutionen verankert werden.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur:
Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf,
Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch,
Textauswahl für dieses Blog: Transitenator
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Regierungen können helfen, den Angebotsprozess in Gang zu bringen; internationale Organisationen können bürgerliche Anrechte stabilisieren helfen. Alles übrige ist die Aufgabe von nationalen und internationalen 'Ngos' also Nicht-Regierungs-Organisationen.

Unterklasse und dritte Welt Probleme haben gemeinsame Merkmale. Allerdings ist die Mehrheit der Menschheit arm und unterprivilegiert. Für sie alle gilt, dass makroökonomische Maßnahmen nur begrenzte Erfolge versprechen.

Bürgergesellschaften lassen sich nicht aufrecht erhalten, es sei denn, wir verstehen sie als Schritte auf dem Weg zu einer Weltbürgergesellschaft.

Dahrendorf zitiert Kant (1784, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht).
Das entscheidende Zitat in Kants viertem Satz: "das Mittel, dessen sich die Natur bedient, die Entwicklung aller ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, der Antagonismus derselben in der Gesellschaft (ist), so fern dieser doch am Ende die Ursache einer gesetzesmäßigen Ordnung derselben wird".

Kant führt dann den Begriff der 'ungeselligen Geselligkeit' des Menschen ein, die als Antrieb wirkt, um Arkadien zu verlassen und dem Dasein einen größeren Wert zu verleihen, als es das der dort geweideten Schafe hat.

"Dank sei also der Natur für die Unvertragsamkeit, für die missgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder auch zum Herrschen!"

Konflikt ist die Quelle des Fortschritts zur Zivilisation und am Ende zur Weltbürgerschaft. (Anmerkung: Hallekantja!) Da der Wille des Menschen frei ist, lässt sich nicht von einem ausdrücklichen gemeinsamen Zweck des menschlichen Handelns sprechen; in der Tat erleben wir vornehmlich Widerspruch, ja Chaos.

Dahrendorf: "Doch es könnte immerhin sein, dass es in diesem Chaos eine verborgene 'Naturabsicht' gibt und daher Hinweise auf den Sinn des Ganzen" (S. 282).
Die natürliche Fähigkeit des Menschen ist die Vernunft, aber sie wird nur in der Gattung und nicht in irgendeinem einzelnen Individuum voll entfaltet.

Der Prozess der Entfaltung wird überdies das Werk von Menschen in und durch Gesellschaft sein (S. 283).
Der Antagonismus führt Kant zu seinem fünften Satz: "Das größte Problem für die Menschengattung, zu dessen Auflösung die Natur ihn zwingt, ist die Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft".
Die menschliche Ungeselligkeit treibt die Geschichte voran, aber sie verlangt auch die Bändigung durch Verfassungen, also einen Gesellschaftsvertrag.

Die Geschichte also bei Kant als die Realisierung eines verborgenen Plans der Natur (S. 283). Heute stellt sich die Frage, ob die Menschheit nicht eher sich selbst zerstört als dass sie zu einer Weltgesellschaft zusammenfinden wird.
Kant fehlte es nicht an Selbstkritik.

Kants Ansatz war es nicht zu sagen, dass die Geschichte so und nicht anders verlaufen muss, sondern zu fragen,was denn zu geschehen hätte, wenn wir annehmen, dass Menschen größere Lebenschancen in einer ungewissen Welt suchen.

Bürgerrechte, der Bürgerstatus, die Bürgergesellschaft sind wichtige Schritte auf dem Weg, der sich aus einer solchen Fragestellung ergibt. Sie sind Errungenschaften der Zivilisation, immer wieder gefährdet, immer wider unvollkommen.
Diese Errungenschaften bleiben jedoch solange unbefriedigend, ja verstümmelt, wie sie mit dem Ausschluss anderer verbunden sind.

Die Unterklasse, die Dritte Welt, die Unterdrückung von Minderheiten, der Krieg gegen andere, Andersartige, Anders denkende verletzen das Prinzip der Bürgerfreiheit selbst dort noch, wo dieses verteidigt wird.
Der moralische Anspruch der Freiheit, wie sie in diesem Essay von Dahrendorf verstanden wird, ist nicht nur absolut, sondern auch universell. Es gibt daher keine wirkliche Freiheit für irgend jemanden, solange es nicht Freiheit für alle gibt. Der Optimismus der Aufklärung mag uns abhanden gekommen sein; ihr Anspruch gilt heute so wie vor zweihundert Jahren (S. 284).

Die praktische Frage, wie manfrau dem notwendigen Ziel näher kommen kann. Der heterogene Nationalstaat ist einstweilen der verlässlichste Rahmen, der für die Bürgergesellschaft gefunden worden ist. Aber er schließt auch aus. Er muss daher überwunden werden. Wie?

Die drei Wege sind nicht originell aber wichtig.

Kant spricht von der 'allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft'. Das Recht- der Rechtsstaat- ist das kostbarste Element des liberalen Nationalstaates. Die Frage ist, wie es sich über dessen Grenzen hinaus entwickeln lässt, und zwar als Recht im vollen Sinne des Begriffs, nicht als ein so genanntes zahnloses Völkerrecht, das die willfährige Magd politischer Interessen bleibt (S. 284).

Anfänge eines supranationalen Rechts, europäische Menschenrechtskonvention, Helsinki Akte, Charta der Vereinigten Nationen tragen bei zur Entstehung von Gewohnheiten quasi-rechtlichen Verhaltens.
Zum Richter gehört auch der Henker, das heißt die Instanz, die Sanktionen verhängt. Jeder Schritt in die Richtung einer Schaffung eines effektiven internationalen Rechts ist willkommen.

Der zweite Weg führt über internationale Organisationen. Angebotsorganisationen machen aber halt vor Anrechtsfragen. So kommt es, dass Weltbank und IWF eher dazu beitragen Diktatoren zu bereichern als Bürgerrechte durchzusetzen.
Internationale Organisationen sind wichtige Merkposten für eine künftige Weltregierung. Sie haben Bedeutung in dem Maße als sie zu Anrechtsorganisationen werden, also zum Beispiel Menschenrechtsforderungen mit Wirtschaftshilfe verbinden.

Der dritte Weg bringt uns nochmals zur Bürgergesellschaft, insbesondere zu den privaten Organisationen. Das Fehlen einer europäischen Bürgergesellschaft ist eine der großen Schwächen der EG. Das Vakuum wird gefüllt durch nicht-staatliche Assoziationen.

Das Projekt bleibt höchst zerbrechlich. Nicht alle lesen Kant, schlimmer noch, viele wollen ihn nicht lesen. Sie ziehen Rousseau vor und Hegel und vor allem die minderen Autoren und die Demagogen, die ihnen ein totaleres Angebot an Bindung machen. Das Projekt der Weltbürgergesellschaft ist am Ende des 20en Jhs in erster Linie eine Erinnerung an die Werte, die es zu verteidigen gilt (S. 286).


Strategische Veränderungen

Wie kommt manfrau von hier nach dort? Was die Richtung betrifft, so wurden Hinweise in diesem Kapitel gegeben. Doch es bleibt die methodische Frage. Wie sind die Aufgaben anzupacken, die auf der Agenda für Liberale stehen?

Nicht alle Bewohner von Dahrendorfs Pantheons der Helden waren Urheber strategischer Veränderungen. Sie waren eher nachdenkliche Menschen. Wichtig ist die Substanz des Rates, den die hier angepriesenen Männer zu geben hatten. Diese war radikal und konservativ.

Es geht darum, dass spezielle Reformen vorgeschlagen werden, die nach allen Maßstäben radikal sind, diese aber den Rahmen nicht sprengen, in dem in gegebenen Umständen gehandelt wird, und insoweit konservativ bleiben. Der 'institutionelle Liberalismus' weist in eine ähnliche Richtung.

Politik heißt für Hirschmann 'Stimme', also Protest, und nicht Handeln oder Veränderung. Er erweckt zumindest den Anschein, als sähe er die Welt vom Standpunkt der Opfer, der Armen und Getretenen. Deren Schicksal war für Keynes nicht weniger wichtig, doch sah er sie aus einer ganz anderen Perspektive. Keynes suchte stets nach Hebeln des Handelns 'von oben'. Der Gedanke, dass die Schaffung von Wohlstand die Hauptaufgabe der Herrschenden sei wurde 1919 geboren.

In Keynes Allgemeiner Theorie gibt es ohne effektive Nachfrage keine Vollbeschäftigung und damit keine effektive Ausnützung der wirtschaftlichen Ressourcen. Effektive Nachfrage aber stellt sich nicht automatisch ein; sie verlangt unter Umständen staatliches Handeln einschließlich von Maßnahmen der Umverteilung.

Keynes: "Die hervorstechendsten Mängel der Wirtschaftsgesellschaft, in der wir leben, liegen in ihrem Versagen bei der Schaffung von Vollbeschäftigung und in ihrer willkürlichen und ungerechten Verteilung von Wohlstand und Einkommen". Er empfahl starke Rezepte: Er verlangte also, dass die Anrechtsstrukturen verändert werden um das Angebot zu steigern.

Der kritische Begriff bei Keynes ist der einer Steuerung der effektiven Nachfrage. Es reicht nicht, sich allein auf die Angebotsseite und das Wirken des Marktes zu verlassen; soziale und politische Veränderungen müssen benutzt werden, um Wirtschaftswachstum anzuregen, indem die Menschen in die Lage versetzt werden, mehr nachzufragen.

Damit will jetzt Dahrendorf keine Nachfragesteuerung nahe legen. Keynes hat später (1940) einen Plan entwickelt, der eine Zeit der allgemeinen Opferbereitschaft (nach einem Krieg?) als willkommene Gelegenheit sieht, bei der Reduktion von Ungleichheiten voranzugehen (S. 291).

In den armen Ländern der Welt liegt das Schlüsselproblem in der Verbindung von Wirtschaftsentwicklung und Bürgerstatus. Gründung von Genossenschaften, Varianten der Privatisierung, privates Kleingewerbe, Gewinnbeteiligung, Mitbestimmung. Vielleicht gibt es strategisch noch wirksamere Bindeglieder zwischen Bürgerrechten und einem wachsenden Angebot. Dazu könnte das garantierte Grundeinkommen zählen, aber auch eine Zeitsteuer durch einen allgemeinen Zivildienst.

Michail Gorbatschow ist gescheitert mit dem Versuch, Meinungsfreiheit (Glasnost) und wirtschaftliche Umstrukturierung (Perestroika) zu verbinden. Wie kann manfrau Demokratie und Marktwirtschaft gleichzeitig etablieren.? Wo liegen die strategischen Hebel für diese Verbindung? Ist es die Privatisierung oder die Freigabe der Preise?

Sind die Rezepte möglicherweise von Land zu Land verschieden?

Ein neuer Keynesdie Lösung? Manfrau wird den Propheten daran erkennen an der Fähigkeit, strategische Reformen vorschlagen zu können. Diese lassen sich nunmehr klar definieren. Es handelt sich um Maßnahmen der Veränderung, insofern um Reformen, die an einem spezifischen Punkt ansetzen, diesen jedoch so wählen, dass von ihm aus weitreichende, gar nicht voll absehbare Wirkungen ausgehen.

Dabei handelt es sich typischerweise um Punkte auf der Grenzlinie von Politik und Ökonomie, von Anrechten und Angebot. Jedenfalls gilt das für strategische Veränderungen zugunsten größerer Lebenschancen für mehr Menschen. Hier könnte die Kraft von garantiertem Grundeinkommen liegen.

Strategische Veränderungen sind also praktische Weisen der Vergrößerung von Lebenschancen durch das Handeln der Verantwortlichen.
Sie setzen das gesamte Arsenal der Kritik an den Sozialingenieuren der Utopie voraus, das Popper so reich bestückt hat; es geht eben nicht darum, "das Ganze der Gesellschaft nach einem bestimmten Plan oder Schnittmuster um zu modeln" (Karl Popper, das Elend des Historizismus). Andererseits ist strategische Veränderung mehr als Poppers 'stückweise Sozialtechnologie'.

Auch abgesehen von der eher unglücklichen Wortwahl - die eine rein technische Qualität politischer Entscheidungen unterstellt-, legt das stück- oder schrittweise Vorgehen reaktives und nicht konstruktives Handeln nahe. Auch impliziert es ein Tempo des Wandels, das in kritischen Situationen zu langsam sein könnte.

Poppers Begrifflichkeit ist von den Pragmatikern aufgenommen worden, denen die Methode des Handelns wichtiger war als das Ziel.

Der Begriff 'strategischer Veränderungen' unterscheidet sich offenbar von den im Elend des Historizismus entwickelten Begriffen.
Strategisches Handeln schließt einen Richtungssinn ein und begnügt sich daher nicht mit 'Vorsicht und Vorbereitetsein auf unvermeidliche Überraschungen'.
Der Richtungssinn ist nicht nur formal zu verstehen und die Methoden der Realisierung sind mehr als nur technischer Art.

20070328

TRANSFORMATION der GESELLSCHAFT zk-14

Dieses deutsche Bürgertum der zweiten Hälfte des 18. Jhs. spricht eine andere Sprache als der König. Ideale und Geschmack der bürgerlichen Jugend und die Modelle nach denen sie sich verhalten, sind den seinen fast entgegengesetzt. Goethe und Lessing haben den Geschmack des Volkes weit mehr für sich als die französischen Klassiker.

Die ganze literarische Bewegung der zweiten Hälfte des 18. Jhs. wird getragen von einer sozialen Schicht und dementsprechend von Geschmacksidealen, die Friedrichs Gesellschafts- und Geschmacksdisposition entgegengesetzt sind.

Diese literarische Bewegung (Klopstock, Herder, Lessing, die Dichter des 'Sturm und Drang', der junge Goethe, der junge Schiller) ist keine politische Bewegung. Bis 1789 keine Idee einer konkreten politischen Aktion.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Entwicklung von allgemeinen Grundsätzen (Kant) die im Widerspruch zu herrschenden Verhältnissen stehen. Überall eher vage Träume von einem neuen geeinten Deutschland, einem natürlichen Leben, 'natürlich' gegenüber der 'Unnatur' des höfisch gesellschaftlichen Lebens und Lust an dem eigenen Gefühlsüberschwang.

Der klein-staatlich absolutistische Aufbau der Gesellschaft bot keine Handhabe zu konkreter politischer Aktion. Die bürgerlichen Elemente sind abgedrängt von jeder politischen Betätigung in Deutschland.

Schreiben ist die wichtigste Entladung. Die Literaten drücken Träume aus, oppositionelle Ideale die den höfischen Idealen entgegen stehen.

Die literarische Bewegung der zweiten Hälfte des 18. Jhs. ist keine politische, aber Ausdruck einer sozialen Bewegung, einer Transformation der Gesellschaft. Viele über das Land verstreute in gleicher Lage von verwandter sozialer Herkunft.

Ideale der Natur- und Freiheitsliebe, einsames Schwärmen, Hingabe an die Erregung des eigenen Herzens ungehindert durch die 'kalte Vernunft'.

Bei Kant findet dieser Gegensatz Bürger-Hof Ausdruck in der Antithese von Kultur und Zivilisiertheit.

Sehr charakteristisch für das mittelständische Bewusstsein:
Die Tore nach unten sollen verschlossen bleiben, die Tore nach oben sollen sich öffnen.

In Frankreich wurden Talente aus Mittelstandskreisen in der weiten höfischen Gesellschaft rezipiert und assimiliert. In Deutschland dagegen blieben die durch Talent und Geist ausgezeichneten Mittelstandssöhne von dem höfisch-aristokratischen Leben abgesperrt (S.23).

Ursachen für diese besonders betonte Trennung waren die geringe Verschmelzung der höfisch-aristokratischen Modelle und 'Seins-Werte' mit den bürgerlichen Modellen und Leistungswerten. Was aus dieser Trennung folgte, hat das, was weiterhin als Nationalcharakter der Deutschen in Erscheinung tritt, für lange Phasen entscheidend bestimmt.

Frankreich expandiert und kolonisiert nicht nur, mit Deutschland verglichen, frühzeitig nach außen. Es ist eine Tendenz der höfischen Aristokratie zu assimilieren und zu kolonisieren.

Die stärkste Expansion des deutschen Imperiums dagegen fällt noch ins Mittelalter. Von dieser Zeit an wird das deutsche Reich langsam immer kleiner. Fast alle äußeren Grenzen liegen unter Druck.

Dementsprechend auch im inneren ein Kampf der verschiedenen sozialen Gruppen um enge Chancen und Selbstbehauptung. Es gibt eine Tendenz sich zu unterscheiden und gegeneinander abzuschließen (S. 25).

ZIVILISIERUNG & HÖFLICHKEIT zt-12

Norbert Elias vermutet im ersten Band von 'Prozess der Zivilisation', dass es Kant gewesen sei, der einer bestimmten Erfahrung und Antithese seiner Gesellschaft zuerst in verwandten Begriffen Ausdruck gab.

"Wir sind", sagt Kant 1784 in seinen 'Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht', "in hohem Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert, wir sind zivilisiert bis zum Überlästigen zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit...".

"Die Idee der Moralität gehört zur Kultur. Der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sitten ähnliche in der Ehrliebe und die äußere Anständigkeit hinausläuft, macht bloß die Zivilisierung aus" (S. 8).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Die Gegenüberstellung bezieht sich hier auf zwei Schichten, den Gegensatz zwischen dem vorwiegend französisch sprechenden, nach französischen Mustern 'zivilisierten', höfischen Adel auf der einen Seite und einer deutsch sprechenden, mittelständischen Intelligenzschicht auf der anderen. Es ist die Polemik der deutschen mittelständischen Intelligenzschicht gegen die Gesittung der herrschenden höfischen Oberschicht.

'Höflichkeit'- man macht den anderen glauben, dass wir bei aller Gelegenheit nach äußersten Kräften ihm zu dienen bereit sind, so dass er eine gute Hoffnung von uns fasst. Das erwirbt Vertrauen woraus eine Liebe zu uns erweckt wird und er begierig wird uns Gutes zu tun.

Also eine eher berechnende trügende äußerliche 'Höflichkeit' gegenüber einer 'wahren Tugend'.

20070319

UNWIRKLICHE VERNUNFT? sk-13

Haben wir das 'Ende der Geschichte' (Francis Fukuyama) erreicht nach der Verwirklichung des Bürgerstatus, wenn die Angebotsmaschine gut läuft, und wenn eine Bürgergesellschaft vorhanden ist mit Bürgersinn? Bleibt da noch etwas zu tun?

In seinen Vorlesungen um 1950 hatte Marshall darin recht, dass der moderne soziale Konflikt seine absolute Qualität zu verlieren begann. Wenn die grundlegenden Anrechte aller Bürger erst garantiert sind, reichen die verbleibenden Ungleichheiten der Angebotslage nicht mehr aus, um im alten Sinn ('klassenkämpferisch') Geschichte zu machen.

Ungleichheiten geben Anlass zum Neid, aber nicht zum Klassenkampf.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch
Exzerpt: transitenator
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Der moderne soziale Konflikt hat mit dem Bürgerstatus, dem Wirtschaftswachstum und der Bürgergesellschaft den Rahmen geschaffen, innerhalb dessen sich fast alle bekannten Probleme anpacken lassen (S.76).

Allerdings mit zwei Ausnahmen:

1. Manfrau muss erkennen, dass das Vernünftige (!) weder wirklich ist noch nur notwendig wirklich wird. Die Freiheit bleibt immer bedroht.

2. Die Bürgergesellschaft ist von Anomie bedroht. Menschen verlieren den Halt, den ihnen nur tiefe kulturelle Bindungen vermitteln können; am Ende geht nichts mehr, alles wird gleichgültig. Zeiten der Anomie sind Zeiten äußerster Unsicherheit im täglichen Leben.

Menschen suchen Halt wo sie ihn finden können. Die Rattenfänger von Hammeln erleben Hochkonjunktur (S. 77). Erinnerungen tauchen aus dem Schoß der Geschichte auf, an verlorene Nestwärme in alten sozialen Zusammenhängen.

Nationalismus und Fundamentalismus sind zwei der großen Anfechtungen der Modernität und sie sind jetzt mit Händen zu greifen. Die Extreme tolerieren weder die Vielfalt noch die Autonomie der Bürgergesellschaft, geschweige denn ihre Zivilität.

Sie lösen alle Anrechte in einen religiösen oder ideologischen Wahn auf. Vor allem und für viele überraschend, kümmern sie sich nicht um die wirtschaftlichen Folgen ihres Tuns.

Manfrau muss im eigenen Haus beginnen eine zivilisierte Bürgergesellschaft zu bauen. Die historische Aufgabe der Schaffung der Bürgergesellschaft wird erst vollendet sein, wenn es für alle Menschen gleiche Bürgerrechte gibt.

Wir brauchen die Weltbürgerschaft. Bürgerrechte müssen überall geschaffen werden wo Menschen leben. Die Weltarmut verwandelt die Lebenschancen der Reichen in Privilegien. Auch aus diesem Grunde ist die Weltbürgerschaft nötig. Die Existenz der dritten Welt ist unvereinbar mit den Werten einer zivilisierten Welt der Bürgerrechte und des Wachstums.

Immanuel Kant sah ein Ziel einer 'allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft'. Der Prozess dahin braucht Zeit und strategisches Handeln. Wir müssen ihn beginnen, wenn wir nicht die Errungenschaften der Bürgergesellschaft aufs Spiel setzen wollen (S. 79).

20070312

SCHWEBENDE WERTE sk-07

Nach Hartfiel gehen alle sozialen bzw. soziologischen Theorien von der Überzeugung aus, dass soziale Spannungen das vorantreibende, den sozialen Wandel belebende Element darstellen und dem gegenüber Institutionalisierung als Verfestigung und Erstarrung sozialer Normen und Verhaltensbeziehungen für sozialen Wandel eher Reibungswiderstand bedeuten.

Lebenschancen sind nie gleichmäßig verteilt. Jede Gesellschaft hat unterschiedliche Aufgaben und muss unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten der Menschen koordinieren. Es gibt Unterschiede der Art und Unterschiede des Ranges.
Quelle bzw. behandelte Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator

Die Theorie des Gesellschaftsvertrages unterscheidet seit langem zwischen der Assoziation (gesellschaftliche Verbindung wie z.B. die Gruppe, Partei, NGO, Kirche, Gemeinschaft, Gemeinde, etc.) und der Herrschaft. Also auf der einen Seite die Genossenschaft (Assoziation-Verbindung) und auf der anderen Seite die Gesellschaft (bzw. der rechtgebende Staat).

In der Praxis verlangt alle gesellschaftliche Assoziation Herrschaft.

Gesellschaft heißt nämlich immer Normierung von Verhalten.

Normierung kann aber nicht in der Luft schweben
; sie kann noch nicht einmal auf bloßer Übereinkunft beruhen. Sie bedeutet, dass bestimmte Werte als geltend gesetzt werden.

Das heißt aber nicht nur, dass Verhalten, Fähigkeiten und Aufgaben an ihnen gemessen werden, sondern dass es Instanzen gibt, die Geltung verleihen und Sanktionen verhängen können.

Diese Instanzen können Gesetze machen und sie können belohnen und bestrafen. Das aber sind eben die Herrschaftsinstanzen.
Gesellschaft heißt Herrschaft und Herrschaft heißt Ungleichheit (S. 47).

Das ist gut so nach Dahrendorf und er bringt Kant auf unsere Betrachtungsbühne und dessen Schilderung eines arkadischen Schäferlebens bei vollkommener Eintracht etc. , wo Talente verborgen bleiben und Menschen ihrem Dasein keinen größeren Sinn verleihen als ihrem Hausvieh.

Vielmehr dankt Kant der Natur für die Unvertragsamkeit, für 'missgünstig wetteifernde Eitelkeit', für die 'nicht zu befriedigende Begierde zum Haben' oder auch zum Herrschen.

"Ohne sie würden alle vortrefflichen Naturanlagen in der Menschheit unentwickelt schlummern".

"Der Mensch will Eintracht; aber die Natur weiß besser,
was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht."
(so Kant, nach Dahrendorf S. 48).

Dahrendorf denkt hier an Karl Popper und an die Geschichte als Entwurf in eine ungewisse Zukunft.

Gesellschaft heißt nicht nur
Herrschaft ---> Ungleichheit
sondern
Ungleichheit ---> Konflikte

Konflikte welche die Quelle des Fortschritts einschließlich der Ausweitung menschlicher Lebenschancen bilden sollen.

Herrschaft verursacht auf dem Weg über die Ungleichheit Konflikte.

Aber "alle Macht korrumpiert" also ist Herrschaft nicht in jeder Form eine gute Sache.

Terror, Krieg und Mord eindämmen---www.transitenator.blogspot.com
Die Frage ist aber nicht, wie wir uns von aller Herrschaft befreien und zu einem arkadischen Schäferleben einschläfern lassen, sondern wie wir Herrschaft so zähmen können, dass ein Optimum an Lebenschancen möglich wird (S. 48).

Das ist der Punkt an dem die Bürgerrechte zum Schlüsselbegriff der Moderne werden.

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