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20070508

Postindustrialismus Kasino Kapitalismus sk-29

Dahrendorf gibt in diesem Buch (der moderne soziale Konflikt, 1992) den Analysen der Strukturen von Gesellschaft und Politik den Vorzug vor der Spekulation über weniger greifbare Sachverhalt wie Werte.
In der Welt der Werte ist laut Dahrendorf fast alles gültig und es ist ebenso leicht Behauptungen aufzustellen, wie es schwierig ist ihnen Substanz zu geben, von ihrer Widerlegung ganz zu schweigen.

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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Viele Strukturen haben sich noch nicht herauskristallisiert, sind gewissermaßen amorph. Damit hat der Begriff einer 'postindustriellen Gesellschaft' (Daniel Bell) zu tun.

In den 70ern Veränderung der Beschäftigungsstruktur. Primärer Sektor weniger, sekundärer zuerst mehr dann weniger, tertiärer mehr. Um 1980 über 50% in den Dienstleistungsberufen. Der Trend setzt sich fort.

In einem technischen Sinn rechtfertigt dieser Trend allein die Rede von einer 'postindustriellen Gesellschaft'. Wenn Industrie Produktion heißt, dann sind industrielle durch Dienstleistungsgesellschaften ersetzt worden.
Die Mehrheitsklasse ist auch eine Dienstklasse (Dienstleisterklasse).
Die These der Postadvokaten lautet aber auch, dass die Veränderungen in den Berufsstrukturen von einem Wertwandel begleitet waren.
Daniel Bell prägte diesen Begriff 1973 ('die nach industrielle Gesellschaft', es ist ein Buch der 60er Jahre, so Dahrendorf) und interessierte sich zunächst für Wandlungen der Beschäftigungsstruktur.
Es treten neue Kräfte des Fortschritts auf. Diese haben (hatten) vor allem mit Wissen und Information zu tun.
Wissenschaftler und Technologen sind zu einer etablierten und unentbehrlichen Sozialkategorie geworden.
Bell: "die Heraufkunft eines neuen Prinzips der Schichtung".

1976 Bells Buch: 'Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus'. Hier argumentiert er, dass sich zwar die Sozialstruktur als eine techno-ökonomische Ordnung kennzeichnen lässt, dass die westliche Kultur aber eine ganz andere Richtung genommen habe.

Nicht Produktion, sondern Verteilung, nicht Machen, sondern Verkaufen beherrscht das Leben, und Verkaufen ermutigt Verschwendung.

Während die Ökonomie noch auf Effizienz und Rationalität beruht, wird die Kultur durch entspannte Lust und Belustigung bestimmt; sie ist primär hedonistisch geworden, bezogen auf Spiel, Spaß und demonstratives Vergnügen (S. 204).

Diese angedeutete Entwicklung erreichte in den 80er Jahren im 'Kasino Kapitalismus' (Susan Strange) der sich von Schulden nährte einen Höhepunkt. Genuss jetzt, Arbeit später. Das ist nicht nur eine Stimmung sondern schon Mode.

Durch komplizierte Kreditarrangements wird das Leben aufrecht erhalten. Jedenfalls gibt es Anzeichen einer Veränderung kultureller Haltungen.
Die hedonistische Wendung der protestantischen Ethik ist überdies nicht der einzige Wandel, der gemeinhin mit dem 'Postindustrialismus' verbunden wird.

Ronald Ingleharts 'stille Revolution' bezieht sich auf die Wende von 'materialistischen' zu 'postmaterialistischen' Werten (zu größerer Betonung von Lebensqualität).

Ein Phänomen sticht hervor: Während die alte Arbeiterschicht 'verbürgerlicht' ist und sich politisch nach rechts bewegt hat, ist eine neue Linke junger mittelständischer Menschen zu einer sozialen und politischen Kraft für 'postmaterialistische' Werte geworden.

Das beruht wahrscheinlich auf dem Wohlstand und Frieden der Welt von Raymond Aron. Laut Inglehart hat ein neuer Trend begonnen.

Dahrendorf: Vielleicht ist die 'postmaterialistische' Stimmung nicht so sehr ein neuer Trend wie ein Merkmal der 70er Jahre.
Die könnte durchaus Symptom einer Krise und nicht der Vorbote einer neuen Richtung der Dinge sein.
Dieser Postmaterialismus wäre eher aus einer Verzweiflung als aus einer Vorliebe geboren, obwohl seine Grundstimmung dazu beitrug neue soziale Bewegungen für den Schutz der Umwelt, die Rechte von Minderheiten und die Abrüstung ins Leben zu rufen.

Dahrendorf konstatiert, dass Jahrzehnte des Wirtschaftswachstums und des sozialen Fortschritts in einer Periode der Unübersichtlichkeit endeten.
Die Erfolge der Vergangenheit hatten Probleme geschaffen, die sich mit den bewährten Methoden nicht mehr lösen ließen.

Viele sahen die Zeit zum Innehalten und zum Nachdenken gekommen. Werte wurden herausgefordert und auch verändert.

Der Weg voran verlangt, den Inhalt von Bürgerrechten, Lebenschancen und Freiheit neu zu bestimmen (S. 208).

20070328

KULTUR & BILDUNG zk-15

Das wichtigste Präge- und Ausstrahlungszentrum der deutschen Mittelstandskultur war die Universität. Von ihr werden die Ideen ins Land getragen. Die deutsche Universität, war gewissermaßen das mittelständische Gegenzentrum des Hofes (S. 29).

In den literarischen Zeugnissen zeichnet sich eine ganz bestimmte gesellschaftliche Situation ab. Die gleiche wie hinter Kants Gegenüberstellung von Kultur und Zivilisiertheit.

Was sich in diesem Kulturbegriff, in der Antithese von Tiefe und Oberflächlichkeit und in vielen verwandten Begriffen ausspricht, ist das Selbstbewusstsein einer mittelständischen Intelligenzschicht.

Im Gegensatz zu den Parolen des aufsteigende Bürgertums in Frankreich und England zeigen die deutschen Parolen wie 'Bildung' oder 'Kultur' eine Grenzziehung zwischen dem rein Geistigen, als dem eigentlich wertvollen und dem Politischen, Wirtschaftlichen, Gesellschaftlichen auf der anderen Seite.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Lange politische Ohnmacht war ein Schicksal des deutschen Bürgertums.

Diese eigentümliche deutsche Intelligenzschicht entwickelte ein bürgerliches Selbstbewusstsein, mittelständische Ideale und ein gegen die höfische Oberschicht gerichtetes Begriffsarsenal.

In Deutschland war die Intelligenz verstreut (politische Zerissenheit, keine zentrale einheitliche 'gute Gesellschaft'), in Frankreich hingegen die Intelligenz in Paris versammelt. In Paris das Gespräch als Kommunikationsmittel, in Deutschland das Buch.

Die Aufstiegsmechanismen sind hier und dort verschieden. Der Angriff der deutschen Bürgerintelligenz richtet sich vorwiegend gegen das menschliche Verhalten der Oberschicht, gegen allgemeine menschliche Charaktere wie 'Oberflächlichkeit', äußere 'Höflichkeit', 'Unaufrichtigkeit', etc.

Kultur und Bildung sind in der Tat Parolen und Charakteristika einer schmalen Schicht in der Mitte, die sich aus dem Volk heraushebt (S. 35).

Das Zurücktreten des sozialen und das Hervortreten des nationalen Gegensatzes zeigt sich in der Gegenüberstellung von 'Kultur' und 'Zivilisation'.

Bildung von Gegensatzpaaren als Ausdruck eines sozialen Gegensatzes. Tiefe-Oberflächlichkeit, Aufrichtigkeit-Falschheit, äußere Höflichkeit-wahre Tugend als Erlebniszusammenhänge, aus denen dann die Gegenüberstellung von Zivilisation und Kultur hervor wächst.

Spannung zwischen mittelständischer Intelligenz und höfischer Aristokratie. Höfisch und französisch sind verwandte Dinge. 'Zivilisation' verbindet sich mit dem Bild des Franzosen.

Mit dem langsamen Aufstieg des deutschen Bürgertums aus einer zweitrangigen Schicht zum Träger des deutschen Nationalbewusstseins, ändert sich auch die Antithese 'Kultur und Zivilisation'.

Aus einer vorwiegend sozialen wird eine vorwiegend nationale Antithese. Das was ursprünglich mittelständischer Sozialcharakter war (das was in den Menschen ausgeprägt war, durch ihre soziale Situation) wird zum Nationalcharakter. Z.B. Aufrichtigkeit und Offenheit stehen nun als deutsche Charaktere der verdeckenden Höflichkeit gegenüber.

Die gesellschaftlichen Einheiten, die wir Nationen nennen, unterscheiden sich in hohem Maße durch die Art ihrer Affekt-Ökonomie, durch die Schemata, nach denen das Affektleben des einzelnen unter dem Druck der institutionell gewordenen Tradition und der aktuellen Situation jeweils modelliert wird.

Siehe Dialog Eckermann-Goethe S. 38.

Eckermann beschreibt eine spezifische Form der Affektmodellierung welches Goethe als ungesellig und dem für die große Welt nötigen Affektgestaltung entgegengesetzt empfindet.

Für Nietzsche ist dann diese Haltung Eckermanns die längst typisch deutsche Haltung: "Der Deutsche liebt die Offenheit und Biederkeit" - und "sofort verwechselt ihn das Ausland mit seinem Schlafrock".

Urteil Fontanes (1852): "England und Deutschland verhalten sich zueinander wie Form und Inhalt, wie Schein und Sein" (S. 41).

Die deutsche Antithese "Zivilisation und Kultur" steht nicht für sich; sie gehört in einen größeren Zusammenhang. Sie ist Ausdruck des deutschen Selbstbewusstseins (S. 42).

TRANSFORMATION der GESELLSCHAFT zk-14

Dieses deutsche Bürgertum der zweiten Hälfte des 18. Jhs. spricht eine andere Sprache als der König. Ideale und Geschmack der bürgerlichen Jugend und die Modelle nach denen sie sich verhalten, sind den seinen fast entgegengesetzt. Goethe und Lessing haben den Geschmack des Volkes weit mehr für sich als die französischen Klassiker.

Die ganze literarische Bewegung der zweiten Hälfte des 18. Jhs. wird getragen von einer sozialen Schicht und dementsprechend von Geschmacksidealen, die Friedrichs Gesellschafts- und Geschmacksdisposition entgegengesetzt sind.

Diese literarische Bewegung (Klopstock, Herder, Lessing, die Dichter des 'Sturm und Drang', der junge Goethe, der junge Schiller) ist keine politische Bewegung. Bis 1789 keine Idee einer konkreten politischen Aktion.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Entwicklung von allgemeinen Grundsätzen (Kant) die im Widerspruch zu herrschenden Verhältnissen stehen. Überall eher vage Träume von einem neuen geeinten Deutschland, einem natürlichen Leben, 'natürlich' gegenüber der 'Unnatur' des höfisch gesellschaftlichen Lebens und Lust an dem eigenen Gefühlsüberschwang.

Der klein-staatlich absolutistische Aufbau der Gesellschaft bot keine Handhabe zu konkreter politischer Aktion. Die bürgerlichen Elemente sind abgedrängt von jeder politischen Betätigung in Deutschland.

Schreiben ist die wichtigste Entladung. Die Literaten drücken Träume aus, oppositionelle Ideale die den höfischen Idealen entgegen stehen.

Die literarische Bewegung der zweiten Hälfte des 18. Jhs. ist keine politische, aber Ausdruck einer sozialen Bewegung, einer Transformation der Gesellschaft. Viele über das Land verstreute in gleicher Lage von verwandter sozialer Herkunft.

Ideale der Natur- und Freiheitsliebe, einsames Schwärmen, Hingabe an die Erregung des eigenen Herzens ungehindert durch die 'kalte Vernunft'.

Bei Kant findet dieser Gegensatz Bürger-Hof Ausdruck in der Antithese von Kultur und Zivilisiertheit.

Sehr charakteristisch für das mittelständische Bewusstsein:
Die Tore nach unten sollen verschlossen bleiben, die Tore nach oben sollen sich öffnen.

In Frankreich wurden Talente aus Mittelstandskreisen in der weiten höfischen Gesellschaft rezipiert und assimiliert. In Deutschland dagegen blieben die durch Talent und Geist ausgezeichneten Mittelstandssöhne von dem höfisch-aristokratischen Leben abgesperrt (S.23).

Ursachen für diese besonders betonte Trennung waren die geringe Verschmelzung der höfisch-aristokratischen Modelle und 'Seins-Werte' mit den bürgerlichen Modellen und Leistungswerten. Was aus dieser Trennung folgte, hat das, was weiterhin als Nationalcharakter der Deutschen in Erscheinung tritt, für lange Phasen entscheidend bestimmt.

Frankreich expandiert und kolonisiert nicht nur, mit Deutschland verglichen, frühzeitig nach außen. Es ist eine Tendenz der höfischen Aristokratie zu assimilieren und zu kolonisieren.

Die stärkste Expansion des deutschen Imperiums dagegen fällt noch ins Mittelalter. Von dieser Zeit an wird das deutsche Reich langsam immer kleiner. Fast alle äußeren Grenzen liegen unter Druck.

Dementsprechend auch im inneren ein Kampf der verschiedenen sozialen Gruppen um enge Chancen und Selbstbehauptung. Es gibt eine Tendenz sich zu unterscheiden und gegeneinander abzuschließen (S. 25).

SPRACHE als STANDESMERKMAL zt-13

Nach dem 30 jährigen Krieg ist Deutschland entvölkert und wirtschaftlich erschöpft. Verglichen mit Frankreich und England ist Deutschland und vor allem das deutsche Bürgertum im 17. u. 18. Jh. arm, der Fernhandel ist verfallen und die Vermögen verstreut.

Was übrig bleibt ist kleinstädtisches Bürgertum mit engem Horizont, das im wesentlichen von der Deckung der lokalen Bedürfnisse lebt.

Leibniz, der einzige höfische Philosoph Deutschlands spricht und schreibt französisch oder lateinisch aber wenig deutsch. Von den Höfen breitet sich das Französische in der Oberschicht des Bürgertums aus.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Französisch zu sprechen ist Standesmerkmal aller gehobenen Schichten (S. 11). 1740 spricht Mauvillon vom 'Barbarischen' in der deutschen Sprache. Gelehrte, mittelständische Fürstendiener der verschiedensten Art versuchen zunächst in einer bestimmten geistigen Schicht Modelle für das was deutsch ist zu schaffen und eine deutsche Einheit herzustellen, die in der politischen Sphäre noch nicht verwirklichbar scheint.

1780 beklagt Friedrich der Große noch die geringe und unzulängliche Entwicklung des deutschen Schrifttums und schildert einen "Tiefstand der deutschen Literatur" und geringe Entwicklung der deutschen Wissenschaft als Resultat der Verarmung Deutschlands infolge der dauernden Kriege. Er prophezeit eine Blüte der deutschen Kunst und Wissenschaft, die Deutschland gleichwertig neben die anderen Nationen stellen würde. Hatte er recht?`

1781 entstanden Schillers 'Räuber' und Kants 'Kritik der reinen Vernunft', 1787 Schillers 'Don Carlos' und Goethes 'Iphigenie'. Schon zuvor Goethes Werther und Götz von Berlichingen. Lessing hatte schon den größten Teil seiner Schriften veröffentlicht.

Die deutsche Sprache war schon reich und lebendig geworden aber von alledem erwähnt Friedrich in seiner Schrift nichts. Er sieht es nicht oder misst ihm keine Bedeutung bei. Das einzige Werk das er erwähnt den Götz von Berlichingen, das größte Werk der Sturm und Drangzeit wird von ihm abgekanzelt.

Die geistige Tradition, die aus ihm spricht, ist die in der er aufgewachsen ist, die gemeinsame Tradition der 'guten Gesellschaft' Europas. An deren Geschmack misst er das deutsche Geistesleben und deren Modelle bestimmen sein Urteil. Eine Paradoxie hier liegt darin, dass seine Politik eine preußische und seine Geschmackstradition eine französische (absolutistisch-höfische) war.

Auf der anderen Seite gab es eine deutsch sprechende Intelligenzschicht, die auf die politische Entwicklung ohne jeden Einfluss war, aber aus ihr kamen im wesentlichen die Menschen um derentwillen man Deutschland als das Land der Dichter und Denker bezeichnete. Und von dieser erhielten Begriffe wie 'Bildung' und 'Kultur' ihre spezifisch deutsche Prägung und Richtung (S. 17).

ZIVILISIERUNG & HÖFLICHKEIT zt-12

Norbert Elias vermutet im ersten Band von 'Prozess der Zivilisation', dass es Kant gewesen sei, der einer bestimmten Erfahrung und Antithese seiner Gesellschaft zuerst in verwandten Begriffen Ausdruck gab.

"Wir sind", sagt Kant 1784 in seinen 'Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht', "in hohem Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert, wir sind zivilisiert bis zum Überlästigen zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit...".

"Die Idee der Moralität gehört zur Kultur. Der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sitten ähnliche in der Ehrliebe und die äußere Anständigkeit hinausläuft, macht bloß die Zivilisierung aus" (S. 8).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Die Gegenüberstellung bezieht sich hier auf zwei Schichten, den Gegensatz zwischen dem vorwiegend französisch sprechenden, nach französischen Mustern 'zivilisierten', höfischen Adel auf der einen Seite und einer deutsch sprechenden, mittelständischen Intelligenzschicht auf der anderen. Es ist die Polemik der deutschen mittelständischen Intelligenzschicht gegen die Gesittung der herrschenden höfischen Oberschicht.

'Höflichkeit'- man macht den anderen glauben, dass wir bei aller Gelegenheit nach äußersten Kräften ihm zu dienen bereit sind, so dass er eine gute Hoffnung von uns fasst. Das erwirbt Vertrauen woraus eine Liebe zu uns erweckt wird und er begierig wird uns Gutes zu tun.

Also eine eher berechnende trügende äußerliche 'Höflichkeit' gegenüber einer 'wahren Tugend'.

20070319

ZIVILISATION im BEWUSSTSEIN zt-11

Der Begriff 'Zivilisation' bezieht sich auf verschiedene Fakten: Stand der Technik, Art der Manieren, wissenschaftliche Erkenntnis, religiöse Ideen und Gebräuche, Art des Wohnens u. Zusammenlebens, gerichtliche Bestrafung, Zubereitung des Essens, etc.

Prüfen und fragen: Was ist die allgemeine Funktion des Begriffes Zivilisation, wann ist etwas zivilisiert, wann schätzen wir etwas als zivilisiert ein?

Dieser Begriff bringt das Selbstbewusstsein des Abendlandes zum Ausdruck, das Nationalbewusstsein. Er unterscheidet von früheren 'primitiveren' Gesellschaften.

Durch den Zivilisationsbegriff sucht die abendländische Gesellschaft zu charakterisieren, was ihre Eigenart ausmacht, und worauf sie stolz ist: den Stand der Technik, Art der Manieren, ihre Weltanschauung etc.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995, Exzerpt: transitenator
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'Zivilisation' bedeutet in verschiedenen Nationen nicht das gleiche.

'Kultur' ist das Wort durch das man im Deutschen sich selbst interpretiert. 'Kulturell' bezeichnet Wert und Charakter bestimmter menschlicher Produkte. 'Kultiviert' steht wiederum dem Zivilisationsbegriff nahe und bezeichnet Formen des Verhaltens oder Gebarens von Menschen.

Im französischen bezeichnet Zivilisation den Stolz auf die Bedeutung der eigenen Nation und bezieht sich sowohl auf Leistungen als auch auf Haltungen (behaviour) und Werte.

'Zivilisation' bezeichnet einen Prozess oder mindestens das Resultat eines Prozesses, EIN ETWAS das in Bewegung ist, das vorwärts geht.

Der deutsche Begriff 'Kultur' bezieht sich auf Produkte des Menschen die da sind wie 'Blüten auf den Feldern', auf Kunstwerke, Bücher, religiöse oder philosophische Systeme, in denen die Eigenart eines Volkes zum Ausdruck kommt. Der Begriff 'Kultur' grenzt ab.

Der (französische) Zivilisationsbegriff spricht das Selbstbewusstsein von Völkern aus, deren nationale Grenzen und deren Eigenart seit Jahrhunderten nicht mehr in besonderem Maße zur Diskussion stehen.

Der deutsche Kulturbegriff hebt die nationalen Unterschiede, die Eigenart der Gruppen besonders hervor.

In diesem Kulturbegriff spiegelt sich das Selbstbewusstsein einer Nation, die immer wieder fragen musste: 'Was ist eigentlich unsere Eigenart?'

Die Bewegungsrichtung des deutschen Kulturbegriffes, die Tendenz zur Abgrenzung, zum Hervorheben der Unterschiede entspricht diesem geschichtlichen Prozess.

Was eigentlich französisch oder englisch sei steht in diesen Ländern kaum zur Diskussion, aber die Frage was eigentlich deutsch sei, ist seit Jahrhunderten nicht zur Ruhe gekommen.

Der Aufbau des nationalen Selbstbewusstseins, der durch Begriffe wie 'Kultur' oder 'Zivilisation' repräsentiert wird ist also sehr verschieden. Dahinter stehen prägende Gesellschaften (ganze Völker bzw. bestimmende Schichten).

Begriffe wie 'Zivilisation' und 'Kultur' sind nur durch die Geschichte (durch geschichtliche Situationen) zu erklären und nicht los lösbar und erklärbar ohne diese (aus dem 'sprechenden Kollektiv').

Sie wurden zu Modeworten, Begriffen der Umgangssprache einer bestimmten Gesellschaft und entsprachen dem Ausdrucksbedürfnis eines Kollektivs und nicht nur des Einzelnen.

Die Geschichte des Kollektivs hat in ihnen einen Niederschlag gefunden und klingt in ihnen nach (S. 6). Der einzelne lernt von klein auf die Welt durch die Brille dieser Begriffe zu sehen, auch wenn der Prozess der gesellschaftlichen Genese längst vergessen sein mag.

Diese Begriffe leben, solange dieser Niederschlag der vergangenen Erfahrungen und Situationen einen Aktualitätswert, eine Funktion im aktuellen Dasein der Gesellschaft behält, und ob kommende Generationen aus dem Sinn der Worte ihre eigenen Erfahrungen heraushören können ist eine andere Frage.

20070308

VERHALTENSWEISEN & ZIVILISATION zt-10

Im Zentrum der Untersuchungen von Elias (1936) stehen Verhaltensweisen, die manfrau als typisch für die abendländisch zivilisierten Menschen ansieht. In den vergangenen Perioden der abendländischen Geschichte haben wir es nicht mit Gesellschaften zu tun, die in dem gleichen Maße 'zivilisiert' sind, wie die abendländische Gesellschaft von heute.

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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
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Wie ging die Veränderung, diese Zivilisation im Abendlande eigentlich vor sich? Worin bestand sie? Und welches waren ihre Antriebe, ihre Ursachen und ihre Motoren? Das sind die Hauptfragen.

Im ersten Kapitel des ersten Bandes geht Elias verschiedenen Bedeutungen und Bewertungen nach, mit denen manfrau den Begriff in Deutschland und Frankreich gebraucht. 'Kultur' und 'Zivilisation' werden einander gegenübergestellt.

Im zweiten Kapitel des ersten Bandes soll ein Bild davon gewonnen werden, wie sich Verhalten und Affekthaushalt der abendländischen Menschen vom Mittelalter her langsam wandeln.

Es soll der Weg zum Verständnis der psychischen Prozesse in der Zivilisation offen gelegt werden. Die Veränderungen des psychischen Habitus werden durch eine Prüfung des geschichtlichen Erfahrungsmaterials betrachtet.

Hier sieht manfrau, dass sich allmählich der Standard des menschlichen Verhaltens in einer bestimmten Richtung verschiebt. Langsam wandelt sich die Art, wie derdie Einzelne sich verhält und empfindet.

Erst die geschichtliche Erfahrung macht deutlicher, was dieses Wort (Zivilisation) eigentlich meint. Eine bestimmte und entscheidende Rolle spielt die Änderung des Scham- und Peinlichkeitsempfindens.

Der Standard des gesellschaftlich Geforderten und Verbotenen ändert sich; ihm entsprechend verlagert sich die Schwelle der gesellschaftlich gezüchteten Unlust und Angst.

Im Zusammenhang damit steht ein weiterer Fragenkreis. Die Distanz zwischen dem Verhalten und dem ganzen psychischen Aufbau der Kinder auf der einen und der Erwachsenen auf der anderen Seite vergrößert sich im Laufe des Zivilisationsprozesses.

Warum manche Völker 'kindlicher' sind, ist begründet in Unterschieden der Art und Stufe des Zivilisationsprozesses. Der spezifische Prozess des psychischen Erwachsenwerdens ist nichts anderes, als der individuelle Zivilisationsprozess, dem jeder Heranwachsende in den zivilisierten Gesellschaften als Folge des jahrhundertelangen, gesellschaftlichen Zivilisationsprozesses, mit mehr oder weniger Erfolg unterworfen wird.

Manfrau kann daher die Psychogenese des Erwachsenenhabitus in der zivilisierten Gesellschaft nicht verstehen, wenn manfrau sie unabhängig von der Soziogenese unserer 'Zivilisation' betrachtet.

Im dritten Kapitel, welches den zweiten Band beginnt schildert Elias bestimmte Prozesse dieser großen Geschichte.

Wie und warum sich im Laufe ihrer Geschichte kontinuierlich der Aufbau der abendländischen Gesellschaft verändert. Die Frage soll beantwortet werden, warum sich in denselben Bereichen der Verhaltensstandard und der psychische Habitus der abendländischen Menschen ändert.

Z.B. die gesellschaftliche Landschaft des frühen Mittelalters. Die Frage ist, welche gesellschaftlichen Verflechtungen eigentlich zur Ausbildung dessen drängen, was wir das 'Feudalsystem' nennen; und es wird versucht einige dieser 'Mechanismen der Feudalisierung' zu zeigen.

Wie aus der Burgenlandschaft und aus freien städtischen Handwerker- und Händlersiedlungen sich eine Reihe großer reicher Feudalhöfe herausheben.

Wie sich innerhalb des Kriegerstandes eine Art von Oberschicht heraus bildet, mit Zentren des Minnesangs und der Troubadourlyrik, mit courtoisen (höflichen) Umgangs- und Verhaltensformen. Hier der Zugang zur Soziogenese der courtoisen Verhaltensformen.

Oder manfrau sieht die Frühform dessen was wir Staat nennen, wie es zur Herausbildung absolutistischer Regime kam, wie der Aufbau des 'zivilisierten' Verhaltens aufs engste mit der Organisierung der abendländischen Gesellschaften in der Form von 'Staaten' zusammenhängt.

Wie aus der reichlich dezentralisierten Gesellschaft des frühen Mittelalters, in der viele größere und kleinere Krieger, die wahren Herren der abendländischen Gebiete sind, eine jener im Inneren mehr oder weniger befriedete, nach außen gerüstete Gesellschaft wird, die wir Staat nennen.

Welche gesellschaftlichen Verflechtungen drängen hier zur Integrierung immer größerer Gebiete unter einer relativ stabilen und zentralisierten Herrschaftsapparatur?

Geschichtliche Erscheinungen sind geworden. Wie könnten sich Denkformen als einfach und als zureichend zu deren Aufschluß erweisen, die alle diese Erscheinungen durch eine Art von künstlicher Abstraktion aus ihrem natürlichen, geschichtlichen Fluß herauslösen, die ihnen ihren Bewegungs- und Prozesscharakter nehmen und sie wie statische Gebilde unabhängig von dem Wege zu fassen suchen?

Die Erfahrung drängt uns dahin, nach Denkmitteln zu suchen, die unser Bewußtsein zwischen der Scylla (Statismus- alles Bewegte wird als Bewegungsloses und Ungewordenes ausgedrückt) und der Charybdis (historischer Relativismus- sieht einen beständigen Wechsel ohne zu der Ordnung dieses Wechsels und dessen Formungsgesetzlichkeit vorzudringen) ausdrücken.

Die soziogenetische und psychogenetische Untersuchung zielt darauf hin, die Ordnung der geschichtlichen Veränderungen, ihre Mechanik und ihre konkreten Mechanismen aufzudecken (S. LXXVII).

Hier bei Elias wird nach der Soziogenese des Staates gefragt und z.B. das Problem des Gewaltmonopols behandelt.

Gewaltausübung war ein Privileg einer Fülle von frei rivalisierenden Kriegern, das allmählich zu Zentralisierung und Monopolisierung der körperlichen Gewaltausübung und ihrer Instrumente hindrängte.

Die Monopolisierung der körperlichen Gewalttat verstanden als eine Art von Knotenpunkt für eine Fülle von gesellschaftlichen Verflechtungen. Diese ändern die ganze Prägungsapparatur des Individuums, die Wirkungsweise der gesellschaftlichen Forderungen und Verbote, die den sozialen Habitus in dem Einzelnen herausmodellieren, und vor allem auch die Ängste, welche im Leben des Individuums eine Rolle spielen (S. LXXVIII).

Die Zusammenfassung im zweiten Band von Elias' 'Prozess der Zivilisation' nämlich der Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation unterstreicht noch einmal diese Zusammenhänge zwischen den Wandlungen im Aufbau der Gesellschaft und den Wandlungen des Verhaltens und des psychischen Habitus.

Hier findet manfrau einen Abriss über die Struktur der Scham- und Peinlichkeitsängste, und versteht weshalb gerade Ängste dieser Art beim Fortschreiten des Zivilisationsprozesses eine besondere Rolle spielen.

Es fällt Licht auf die Bildung des 'Über-Ich', auf das Verhältnis der bewussten und der unbewussten Regungen im Seelenhaushalt des 'zivilisierten' Menschen.

Hier findet manfrau dann auch die Antwort auf die Frage, wie manfrau es verstehen kann, dass alle diese Prozesse aus nichts bestehen, als aus Aktionen einzelner Menschen, und dass dennoch in ihnen Institutionen und Formationen entstehen, die so, wie sie tatsächlich werden, von keinem einzelnen Individuum beabsichtigt oder geplant waren (S. LXXIX).

Vielen Fragen wurde von Elias nicht nachgegangen. Elias wollte keine Theorie 'in die Luft bauen' und erst nachträglich prüfen, ob sie mit der Erfahrung übereinstimmt, sondern es ging ihm darum für einen gewissen Bereich, die verlorene Anschauung von einem Prozess zurückzugewinnen, dann ein gewisses Verständnis für dessen Ursachen zu suchen und am Ende einzusammeln, was sich auf diesem Wege an theoretischen Einsichten ergab.

Es sollte ein Fundament für die Weiterarbeit geschaffen werden.

Die Fragestellung, was es mit der Zivilisation auf sich hat entspringt aus der Erfahrung. Sie wurde nicht von der Meinung geleitet, dass unsere Zivilisation die beste sei oder dass sie überlegen sei. Es lässt sich aber ersehen, dass mit der allmählichen Zivilisation auch Zivilisationsnöte auftreten.

Es geht Elias vor allem um das Wesen geschichtlicher Prozesse, einer Entwicklungsmechanik der Geschichte und ihr Zusammenhang mit seelischen Prozessen.

Wichtige Begriffe hier sind: Sozio- und Psychogenese, Affekthaushalt und Triebmodellierung, Fremdzwänge und Selbstzwänge, Peinlichkeitsschwelle, gesellschaftliche Stärke, Monopolmechanismus.

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