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20070420

Unbehagen, Peinlichkeit, Zivilisation zt-20

Im zweiten Kapitel seines 'Prozesses der Zivilisation' geht Norbert Elias auf 'Zivilisation' als einer spezifischen Änderung des menschlichen Verhaltens ein. Erasmus von Rotterdam wird als 'Zeitzeuge' aufgerufen und als Propagator eines Zivilisationsbegriffes erkannt.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Die Antithese, in der sich das abendländische Selbstbewusstsein während des Mittelalters ausspricht, ist die Antithese des römisch-lateinischen Christentums auf der einen und Heidentum und Häresie auf der anderen Seite.

Im Namen des Kreuzes, später im Namen der Zivilisation werden während des Mittelalters Kolonisierungs- und Ausbreitungskriege geführt.

Rittertum und römisch-lateinischer Glauben sind Zeugen einer bestimmten Station der abendländischen Gesellschaft.

Der Begriff 'civilité' erhielt seine Bedeutung für die abendländische Gesellschaft in jener Zeit, in der die Rittergesellschaft und die Einheit der katholischen Kirche zerbrach. Er ist die Inkarnation einer Gesellschaft, die als Station der abendländischen Gesittung oder 'Zivilisation' so wichtig wurde wie zuvor die Feudalgesellschaft.

Der Begriff 'civilité' ist Ausdruck und Symbol einer gesellschaftlichen Formation die die verschiedensten Nationalitäten umgreift und in der eine gemeinsame Sprache gesprochen wird. Das Rückgrat dieser neuen gesellschaftlichen Formation bildet die höfische Gesellschaft. Deren Selbstbewusstsein, Situation, deren Charaktere sind es, die in dem Begriff 'civilité' einen Ausdruck finden.

Ausgangspunkt: 16.Jh. Schrift von Erasmus von Rotterdam : 'De civilitate morum puerilium', 1530. Sie behandelte offenbar ein Thema, über das zu reden an der Zeit war. Erasmus gab dem alt bekannten und oft gebrauchten Wort 'civilitas' durch seine Schrift einen neuen Impuls.

Er sprach offenbar damit etwas aus, was in dieser Zeit einem gesellschaftlichen Bedürfnis entsprach. Der Begriff 'civilitas' verfestigte sich von nun ab im Bewusstsein der Menschen.

Ein solches plötzliches Aufflammen von Worten inmitten der Sprache deutet fast immer auf Veränderungen im Leben der Menschen selbst hin (S. 67). Diese Schrift (De civilitate morum puerilium) ist Symptom einer Veränderung, eine Substantialisierung gesellschaftlicher Vorgänge. Der Aufstieg ihres Titelwortes zu einem zentralen Ausdruck der Selbstinterpretation in der europäischen Gesellschaft.

Wovon handelt die Schrift? Vom Benehmen des Menschen in der Gesellschaft. Hinter dieser Schrift erblickt man eine Welt, eine Art des Lebens, die der unseren in vielem gewiss schon nahe ist, weist aber auch auf Haltungen hin, die uns verloren gegangen sind, die wir 'barbarisch' nennen würden. Sie trägt vieles vor, was inzwischen unaussprechlich geworden, vieles anderes was selbstverständlich geworden ist.

Das 'äußere' Verhalten, von dem die Schrift handelt, ist Ausdruck des inneren, des ganzen Menschen (S. 69). Die unbefangene Offenheit, mit der Erasmus und seine Zeit alle Bezirke des menschlichen Verhaltens besprechen konnte, ist uns verloren gegangen. Mit vielem überschreitet er unsere Peinlichkeitsschwelle.

Genau das gehört zu den Problemen die wir hier besprechen. 'Civilité' ist der Ahne des Begriffes 'Zivilisation', hier gerät man auf die Spuren des tatsächlichen Zivilisationsprozesses selbst, auf die Spuren der tatsächlichen Verhaltensänderung, die sich im Abendland vollzogen hat.

Dass uns vieles von dem was Erasmus behandelt peinlich erscheint, gehört zu den Symptomen dieses Zivilisationsprozesses.

Dieses Unbehagen bei bestimmten körperlichen Verrichtungen, dominante Empfindungen die in dem Urteil 'barbarisch' oder 'unzivilisiert' zum Ausdruck kommen. Diese ist also das 'Unbehagen an der Barbarei' oder das Unbehagen an jener anderen Affektlage, an jenem anderen Peinlichkeitsstandard.

Es erhebt sich die Frage, wie und warum eigentlich die abendländische Gesellschaft von dem einen zum anderen Standard gelangte, wie sie sich 'zivilisierte'.

Manfrau kann es nicht vermeiden, bei der Betrachtung dieses Prozesses der Zivilisation Unbehagen und Peinlichkeitsgefühle solcher Art wach zurufen. Es ist gut sich ihrer bewusst zu sein.

Unsere Art des Verhaltens ist aus jener, die wir 'unzivilisiert' nennen hervorgegangen.

'Zivilisiert' und 'unzivilisiert' sind nicht Gegensätze wie gut und schlecht sondern es sind Stufen einer Entwicklungsreihe die noch weitergeht.

Die 'Zivilisation' ist ein Prozess oder Teil eines Prozesses, in dem wir selbst stehen. Alles Einzelne was wir zu ihr rechnen, Maschinen, wissenschaftliche Entdeckungen, Staatsformen, was immer es sei, es sind (nur) Zeugnisse für einen bestimmten Aufbau der menschlichen Beziehungen, der Gesellschaft, und für eine bestimmte Art des menschlichen Verhaltens (S. 75).

20070308

VERHALTENSWEISEN & ZIVILISATION zt-10

Im Zentrum der Untersuchungen von Elias (1936) stehen Verhaltensweisen, die manfrau als typisch für die abendländisch zivilisierten Menschen ansieht. In den vergangenen Perioden der abendländischen Geschichte haben wir es nicht mit Gesellschaften zu tun, die in dem gleichen Maße 'zivilisiert' sind, wie die abendländische Gesellschaft von heute.

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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
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Wie ging die Veränderung, diese Zivilisation im Abendlande eigentlich vor sich? Worin bestand sie? Und welches waren ihre Antriebe, ihre Ursachen und ihre Motoren? Das sind die Hauptfragen.

Im ersten Kapitel des ersten Bandes geht Elias verschiedenen Bedeutungen und Bewertungen nach, mit denen manfrau den Begriff in Deutschland und Frankreich gebraucht. 'Kultur' und 'Zivilisation' werden einander gegenübergestellt.

Im zweiten Kapitel des ersten Bandes soll ein Bild davon gewonnen werden, wie sich Verhalten und Affekthaushalt der abendländischen Menschen vom Mittelalter her langsam wandeln.

Es soll der Weg zum Verständnis der psychischen Prozesse in der Zivilisation offen gelegt werden. Die Veränderungen des psychischen Habitus werden durch eine Prüfung des geschichtlichen Erfahrungsmaterials betrachtet.

Hier sieht manfrau, dass sich allmählich der Standard des menschlichen Verhaltens in einer bestimmten Richtung verschiebt. Langsam wandelt sich die Art, wie derdie Einzelne sich verhält und empfindet.

Erst die geschichtliche Erfahrung macht deutlicher, was dieses Wort (Zivilisation) eigentlich meint. Eine bestimmte und entscheidende Rolle spielt die Änderung des Scham- und Peinlichkeitsempfindens.

Der Standard des gesellschaftlich Geforderten und Verbotenen ändert sich; ihm entsprechend verlagert sich die Schwelle der gesellschaftlich gezüchteten Unlust und Angst.

Im Zusammenhang damit steht ein weiterer Fragenkreis. Die Distanz zwischen dem Verhalten und dem ganzen psychischen Aufbau der Kinder auf der einen und der Erwachsenen auf der anderen Seite vergrößert sich im Laufe des Zivilisationsprozesses.

Warum manche Völker 'kindlicher' sind, ist begründet in Unterschieden der Art und Stufe des Zivilisationsprozesses. Der spezifische Prozess des psychischen Erwachsenwerdens ist nichts anderes, als der individuelle Zivilisationsprozess, dem jeder Heranwachsende in den zivilisierten Gesellschaften als Folge des jahrhundertelangen, gesellschaftlichen Zivilisationsprozesses, mit mehr oder weniger Erfolg unterworfen wird.

Manfrau kann daher die Psychogenese des Erwachsenenhabitus in der zivilisierten Gesellschaft nicht verstehen, wenn manfrau sie unabhängig von der Soziogenese unserer 'Zivilisation' betrachtet.

Im dritten Kapitel, welches den zweiten Band beginnt schildert Elias bestimmte Prozesse dieser großen Geschichte.

Wie und warum sich im Laufe ihrer Geschichte kontinuierlich der Aufbau der abendländischen Gesellschaft verändert. Die Frage soll beantwortet werden, warum sich in denselben Bereichen der Verhaltensstandard und der psychische Habitus der abendländischen Menschen ändert.

Z.B. die gesellschaftliche Landschaft des frühen Mittelalters. Die Frage ist, welche gesellschaftlichen Verflechtungen eigentlich zur Ausbildung dessen drängen, was wir das 'Feudalsystem' nennen; und es wird versucht einige dieser 'Mechanismen der Feudalisierung' zu zeigen.

Wie aus der Burgenlandschaft und aus freien städtischen Handwerker- und Händlersiedlungen sich eine Reihe großer reicher Feudalhöfe herausheben.

Wie sich innerhalb des Kriegerstandes eine Art von Oberschicht heraus bildet, mit Zentren des Minnesangs und der Troubadourlyrik, mit courtoisen (höflichen) Umgangs- und Verhaltensformen. Hier der Zugang zur Soziogenese der courtoisen Verhaltensformen.

Oder manfrau sieht die Frühform dessen was wir Staat nennen, wie es zur Herausbildung absolutistischer Regime kam, wie der Aufbau des 'zivilisierten' Verhaltens aufs engste mit der Organisierung der abendländischen Gesellschaften in der Form von 'Staaten' zusammenhängt.

Wie aus der reichlich dezentralisierten Gesellschaft des frühen Mittelalters, in der viele größere und kleinere Krieger, die wahren Herren der abendländischen Gebiete sind, eine jener im Inneren mehr oder weniger befriedete, nach außen gerüstete Gesellschaft wird, die wir Staat nennen.

Welche gesellschaftlichen Verflechtungen drängen hier zur Integrierung immer größerer Gebiete unter einer relativ stabilen und zentralisierten Herrschaftsapparatur?

Geschichtliche Erscheinungen sind geworden. Wie könnten sich Denkformen als einfach und als zureichend zu deren Aufschluß erweisen, die alle diese Erscheinungen durch eine Art von künstlicher Abstraktion aus ihrem natürlichen, geschichtlichen Fluß herauslösen, die ihnen ihren Bewegungs- und Prozesscharakter nehmen und sie wie statische Gebilde unabhängig von dem Wege zu fassen suchen?

Die Erfahrung drängt uns dahin, nach Denkmitteln zu suchen, die unser Bewußtsein zwischen der Scylla (Statismus- alles Bewegte wird als Bewegungsloses und Ungewordenes ausgedrückt) und der Charybdis (historischer Relativismus- sieht einen beständigen Wechsel ohne zu der Ordnung dieses Wechsels und dessen Formungsgesetzlichkeit vorzudringen) ausdrücken.

Die soziogenetische und psychogenetische Untersuchung zielt darauf hin, die Ordnung der geschichtlichen Veränderungen, ihre Mechanik und ihre konkreten Mechanismen aufzudecken (S. LXXVII).

Hier bei Elias wird nach der Soziogenese des Staates gefragt und z.B. das Problem des Gewaltmonopols behandelt.

Gewaltausübung war ein Privileg einer Fülle von frei rivalisierenden Kriegern, das allmählich zu Zentralisierung und Monopolisierung der körperlichen Gewaltausübung und ihrer Instrumente hindrängte.

Die Monopolisierung der körperlichen Gewalttat verstanden als eine Art von Knotenpunkt für eine Fülle von gesellschaftlichen Verflechtungen. Diese ändern die ganze Prägungsapparatur des Individuums, die Wirkungsweise der gesellschaftlichen Forderungen und Verbote, die den sozialen Habitus in dem Einzelnen herausmodellieren, und vor allem auch die Ängste, welche im Leben des Individuums eine Rolle spielen (S. LXXVIII).

Die Zusammenfassung im zweiten Band von Elias' 'Prozess der Zivilisation' nämlich der Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation unterstreicht noch einmal diese Zusammenhänge zwischen den Wandlungen im Aufbau der Gesellschaft und den Wandlungen des Verhaltens und des psychischen Habitus.

Hier findet manfrau einen Abriss über die Struktur der Scham- und Peinlichkeitsängste, und versteht weshalb gerade Ängste dieser Art beim Fortschreiten des Zivilisationsprozesses eine besondere Rolle spielen.

Es fällt Licht auf die Bildung des 'Über-Ich', auf das Verhältnis der bewussten und der unbewussten Regungen im Seelenhaushalt des 'zivilisierten' Menschen.

Hier findet manfrau dann auch die Antwort auf die Frage, wie manfrau es verstehen kann, dass alle diese Prozesse aus nichts bestehen, als aus Aktionen einzelner Menschen, und dass dennoch in ihnen Institutionen und Formationen entstehen, die so, wie sie tatsächlich werden, von keinem einzelnen Individuum beabsichtigt oder geplant waren (S. LXXIX).

Vielen Fragen wurde von Elias nicht nachgegangen. Elias wollte keine Theorie 'in die Luft bauen' und erst nachträglich prüfen, ob sie mit der Erfahrung übereinstimmt, sondern es ging ihm darum für einen gewissen Bereich, die verlorene Anschauung von einem Prozess zurückzugewinnen, dann ein gewisses Verständnis für dessen Ursachen zu suchen und am Ende einzusammeln, was sich auf diesem Wege an theoretischen Einsichten ergab.

Es sollte ein Fundament für die Weiterarbeit geschaffen werden.

Die Fragestellung, was es mit der Zivilisation auf sich hat entspringt aus der Erfahrung. Sie wurde nicht von der Meinung geleitet, dass unsere Zivilisation die beste sei oder dass sie überlegen sei. Es lässt sich aber ersehen, dass mit der allmählichen Zivilisation auch Zivilisationsnöte auftreten.

Es geht Elias vor allem um das Wesen geschichtlicher Prozesse, einer Entwicklungsmechanik der Geschichte und ihr Zusammenhang mit seelischen Prozessen.

Wichtige Begriffe hier sind: Sozio- und Psychogenese, Affekthaushalt und Triebmodellierung, Fremdzwänge und Selbstzwänge, Peinlichkeitsschwelle, gesellschaftliche Stärke, Monopolmechanismus.

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