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20070503

Wirtschaft Wachstum Verteilung sk-22

Nach dem zweiten Weltkrieg ging es in den 30 darauf folgenden Jahren zunehmend um Konsum und um sozialen Aufstieg. Die Angebotsseite des Lebens trat in den Vordergrund.

Raymond Aron (geb. 1897?) war Franzose und Jude und widerstand den Versuchungen des Totalitarismus. Er schrieb ein einflussreiches Buch über 'Max Weber und die deutsche Soziologie'.

Aron erlebte die beiden 30-Jahres Perioden (Anmerkung: 1915-1945, 1945-1975) des Jahrhunderts und beschrieb sie für die Zeitgenossen. Er sprach von einer Ära der Tyrannei, wobei er das Band des Totalitarismus betonte (im Hitler-Stalin-Pakt) Sein Biograph unterscheidet zwischen dem 'Philosophen in der Geschichte' (1905-1955, seine Bücher schildern Ereignisse der Geschichte) und dem 'Soziologen in der Gesellschaft' (1955-1983, seine Bücher schildern sein Leben in der Geschichte) (S. 145). -o-o-o
Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Arons erste 40 Jahre sind von der Zeit geprägt worden und er hat nachhaltig über die Ereignisse um ihn nachgedacht. Erst nach dem zweiten Weltkrieg konzentrierte er sich auf die Gesellschaft als Prozess, der rationales Verstehen erlaubt.
1955/56 in seinen '18 Vorlesungen über die industrielle Gesellschaft' spiegelt er die Stimmung seiner Zeit und erzählt die Geschichte eines ständig wachsenden Angebots durch jene wirtschaftliche Expansion, die das beherrschende Merkmal der Zeit von den späten 1940ern bis zur Mitte der 1970er Jahre war.

Wachstum war keine neue Erfahrung. Die Geschichte der Modernität ist durchweg die Geschichte eines immer zunehmenden Angebots.

Schon Erasmus stellte das im 16. Jahrhundert fest: "Heutzutage hat die Besitzgier sich so gesteigert, dass es nichts mehr im Reich der Natur gibt, sei es heilig oder profan, aus dem sich nicht Gewinn schlagen lässt " (S. 145).

Auch das Zeitalter der Entdeckungen war eines der Ausweitung des Handels die wiederum zur frühen Blüte des Bankwesens führte. Leonardo da Vinci als Vorreiter der Erfindungen und Innovationen. Neue Unternehmensarten wurden begründet, mit Besitzanteilen für viele. Die Produktivität der Landwirtschaft nahm zu.

Die industrielle Revolution bezeichnet den Anfang einer Phase des demokratischen Wachstums. Sie ist daher ein Beispiel für die Konflikte und Konfigurationen von Angebot und Anrechten.

Üblicherweise wird die Geschichte nur als eine des Angebots erzählt. Walt Rostow fügte Zahlen zusammen: Der Handel hat sich seit 1720 um das 500fache vermehrt. Die Quantität der Welt-Industrieproduktion hat sich in der Zeit von 1820 bis 1971 um das 1740-fache vermehrt (jährliche Wachstumsrate von 2,84%).

Diese Zahlen sind niedrig im Vergleich zu den Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg. Dies war die Zeit in der Wachstum alle Fragen zu beantworten schien. Wachstum wurde nicht nur ein universelles Glaubensbekenntnis, sondern auch eine in Individuen und Institutionen verwurzelte Annahme.

Die erste Antwort war 'mehr' und nicht 'anders'. Dabei die Annahme, dass mehr zumindest prinzipiell mehr für alle hieß.

Simon Kuznets erkundete als erster die Gesetzmäßigkeiten des Verhältnisses von Wirtschaftswachstum und Ungleichheit: im Verlauf des modernen Wirtschaftswachstums steigen Ungleichheiten in der Verteilung zuerst an, dann Nivellierungseffekt, dann Umkehr der Entwicklung.
Manfrau sprach von U-förmiger Beziehung (Indizes der Gleichheit fallen um wieder anzusteigen).
Peter Berger fand das bestätigt und meinte, dass die Hauptursachen dieses Prozesses technologisch und demographisch, aber nicht sozial und politisch bedingt sind. Das sind Thesen von Ökonomen die Ungleichheiten des Einkommens messen und nicht Anrechtsschwellen.

Dahrendorf meint, dass das U eher wie ein Z aussehe. Eine Voraussetzung des modernen Wirtschaftswachstums ist das Vorhandensein von elementaren Bürgerrechten. Die Kraft des Bürgerstatus muss wirksam sein, damit der Kapitalismus aufglühen kann (moderner Arbeitsvertrag setzt Gleichheit vor dem Gesetz voraus). Der Grundstrich des Z bezeichnet das gemeinsame Niveau der wirtschaftlichen Teilnahme und damit den Fundamentalunterschied zu Systemen hierarchischer Vorrechte.

Bürgerrechte können aber mit massiven Ungleichheiten einhergehen.
1. Die Rechte waren selbst unvollständig, bürgerliche Gleichheit war Fiktion.
2. Bei Einbezug in industriellen Wachstumsprozess erfolgreich, sonst im Niemandsland (wie heute am Rande der großen Städte in den Wellblechhütten).

In den heutigen OECD Ländern sind zwei Dinge geschehen:
1. Der Virus des Bürgerstatus wurde virulent (Ausweitung der Bürgerrechte).
2. Der zweite Prozess lag im Wachstum des Angebots. Es gab mehr zu verteilen. Das ist der Strich hinauf im Z.

Peter Bergers Erklärung dieses Nivellierungsprozesses durch Technologie und Demographie bedeutet vor allem, dass im Verlauf der Entwicklung industrieller Gesellschaften die Arbeit zugleich knapper und qualifizierter wird.

Dahrendorf betont eine zentrale These seines Essays:
"Hier wird nicht angenommen, dass zwischen Anrechten und Angebot eine notwendige Wechselbeziehung der Kausalität oder auch des trade-off besteht. Im Gegenteil liegen die Triumphe der Freiheit in strategischen Veränderungen, die beide verbinden" (S. 148).

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist nicht sehr liberal. Kriege, Wirtschaftskrisen und Totalitarismen waren die Instrumente der Nivellierung.

Einkommensunterschiede, gemessen am Verhältnis des obersten Fünfteils zum untersten, haben sich nicht wesentlich verringert.

Was bedeutet diese Unveränderlichkeit der sozialen Unterschiede?

Ein Fortdauern tiefer sozialer Gegensätze? Erträglichkeit der Einkommensunterschiede? Einen notwendigen Anreiz für den Fortschritt?

Die in Dahrendorfs Essay verwendeten Begriffe liefern ein Kriterium der Entscheidung über solche Meinungsverschiedenheiten.

Die Schlüsselfrage ist also ob Schwellen bloße statistische Werte sind, wie 'obere 20 Prozent', oder reale Hindernisse für die Mobilität.

Ein Lehrer ist in seiner Bewegungsfreiheit (Aufstieg) durch stärkere Kräfte gehindert, als der kleine Unternehmer der die Chance hat ein reicher Mann zu werden.
Quantitative Unterschiede (Ungleichheiten) (T. H. Marshall) führen nicht zu qualitativen Klassenkonflikten.

Der amerikanische Traum lässt Möglichkeiten als real erscheinen, die vielleicht tatsächlich wegen unsichtbarer Anrechtsschwellen unerreichbar bleiben, während andernorts ein verbreitetes Klassendenken (England) Menschen daran hindern kann, ihre tatsächlichen Chancen wahrzunehmen.

Marshalls These besagt, dass es in modernen Gesellschaften einen Wandel von qualitativen zu quantitativen Unterschieden gegeben hat.
Ob dieser Wandel real ist wird uns noch beschäftigen. Auch Marshall schrieb wie Aron über die industrielle Gesellschaft der 50er Jahre. Aron definierte sie als Gesellschaft in der die Großindustrie die charakteristische Form der Produktion ist.
Daraus folgen Trennung von Betrieb und Familie, fortgeschrittene Arbeitsteilung, Akkumulation von Kapital, rationale Buchführung und Wachstum als zentrales Problem der Ökonomie denn moderne Volkswirtschaften sind 'im Kern fortschrittlich'.
Aron fügt hinzu, dass "in den meisten Fällen Wirtschaftswachstum von einer besseren Verteilung begleitet wird".

Dahrendorf sagt aber klar dazu, dass Wachstum als solches keine 'bessere', also fairere oder gerechtere Verteilung hervorbringt. Aron sieht wirtschaftliches Wachstum als selbstverständlich an.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Im 19. Jahrhundert war der Optimismus liberal, der Pessimismus bei den Sozialisten. Heute ist der Optimismus weder liberal noch sozialistisch, er ist im wesentlichen technisch.

Der Schlüssel zur modernen Wirtschaftsgeschichte ist der technische Fortschritt (Fourastié).
Daniel Bells 'postindustrielle Gesellschaft' ist auch ein Ergebnis technisch-wissenschaftlicher Veränderungen, und bis auf den heutigen Tag glauben viele, dass wissenschaftliche Entdeckungen und ihre technische Anwendung der gemeinsame Grund für Wirtschaftswachstum und soziale Gerechtigkeit sind.

Dahrendorf hat dazu eine gewisse Skepsis denn:
Der technische Fortschritt ist kein Selbstläufer, kein Prozess, der isoliert und nur für sich abläuft. Zumindest das E in F & E, also die Entwicklung der Forschung, ist immer eine Antwort auf reale Fragen, und Erfindungen müssen angewendet werden, um etwas zu bewirken.

Wenn Technokraten herrschen (wie Bürokraten), dann können sie nur extrapolieren, nicht dagegen die Richtung verändern. Wenn es um Richtungsänderungen geht, muss manfrau die sozialen Kräfte und die Akteure finden, die für den Gebrauch von Wissenschaft und Technologie, oder auch von Bürokratie, verantwortlich sind, indem sie die Zwecke bestimmen, für die solche Instrumente verwendet werden.

Rationalität alleine reicht nicht aus
, um den Weg der Freiheit zu entwerfen (S.151).

Aron hatte also nicht nur seinen Weber sondern auch seinen Schumpeter gelesen: "Damit eine Wirtschaft auf die Dauer vorankommen kann, müssen Bedingungen vorhanden sein, in denen die Wirtschaftssubjekte die für das Wachstum nötigen Entscheidungen treffen". Unternehmer sind ebenso erforderlich wie der technische Fortschritt, Politiker ebenso wie die Umsetzung von Politik durch Verwaltungen.

Wirtschaftswachstum ist nicht alles.

20070426

Zivilisation, Sex, Ehe, Emanzipation, zt-36

Wandlungen in der Einstellung zu den Beziehungen von Mann und Frau

Das Schamempfinden, das die sexuellen Beziehungen der Menschen umgibt, hat sich im Prozess der Zivilisation beträchtlich verändert und verstärkt.

Das zeigt sich bei Schwierigkeiten im Gespräch mit Kindern über Sex. Die 'Colloqien' des Erasmus waren berühmte und weitverbreitete Schriften seiner Zeit (1522).

Die katholische Kirche bekämpfte sie, aber eine Gegenschrift unterscheidet sich nicht in ihrer Unbefangenheit des Sprechens über sexuelle Angelegenheiten.

Die Humanisten schreiben vom Standard der weltlichen Gesellschaft, die Kleriker vom Standpunkt der Klerikergesellschaft.
Die Humanisten lösten die lateinische Sprache aus der kirchlichen Tradition und machten sie zu einer Sprache der weltlichen Oberschicht.

Das Bedürfnis, nach einem weltlichen gelehrten Schrifttum wird stärker.

Was Erasmus sagt, hätte im 19. Jahrhundert niemand, unter keinen Umständen, zu seinem Patenkind gesagt.

Die Gespräche des Erasmus von Rotterdam zeigen gleichzeitig den Stand des Mittelalters, bilden aber gleichzeitig einen Schub in Richtung Triebzurückhaltung, die dann das 19. Jahrhundert vor allem in Form der Moral rechtfertigt.

Die Humanisten (auch Erasmus) sind die Exekutoren dieses Bedürfnisses nach weltlichem Schrifttum der weltlichen Oberschicht.
In ihren Schriften nähert sich das Geschriebene wieder dem weltlich gesellschaftlichen Leben; die Erfahrungen des Lebens finden in das Schrifttum Eingang.

Auch das ist eine Linie in der großen Bewegung der Zivilisation. Hier wird manfrau einen Schlüssel für das 'Wiederaufleben' der Antike suchen müssen (S. 235).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Erasmus: "Socrates Philosophiam e coelo deduxit in terras: ego Philosophiam etiam in lusus, confabulationes et compotationes deduxi" (Wie Sokrates die Philosophie vom Himmel auf die Erde gezogen hat, so habe ich die Philosophie auch zu Spiel und Gelage hingeleitet).

Was dem Betrachter des 19. Jahrhunderts als 'gemeinste Darstellung der Wollust' erscheint, ist für Erasmus und seine Zeitgenossen ein Mustergespräch und Wunschbild.

Das 16. Jahrhundert wusste nicht viel von Prüderie und legte den Schülern in ihren Übungsbüchern Sätzen vor, für die sich heutige Pädagogen bedanken würden (S. 238).

Aber Erasmus hat den pädagogischen Zweck nie aus den Augen verloren.

Erst später entwickelt sich die Tendenz, dass Kinder sich wie Kinder benehmen sollten und dass Triebäußerungen von ihnen fern gehalten werden sollen ('schädlich für das Wachstum').

Erst im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Veränderung können wir die ganze Problematik des 'Erwachsenenseins', wie es sich heute darstellt unserem Verständnis zugänglicher machen.

Heute (Anm.: 1936, bitte siehe Quelle) existiert eine Schamangst mit der der sexuelle Bezirk des Triebhaushalts belegt ist, mit dem Bann des Schweigens, so gut wie vollkommen.
Der Hinweis auf sie im Verkehr mit Kindern ist ein Verbrechen, eine Beschmutzung der Kinderseele, zumindest ein Konditionierungsfehler.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Zu Erasmus' Zeit wussten die Kinder von den verschiedenen Institutionen. Allenfalls warnte manfrau sie davor. Das tut Erasmus.
Die Mauer der Heimlichkeit, der Erwachsenen selbst, war gering.
Kinder wussten über sexuelle Angelegenheiten Bescheid, der Erzieher sollte richtiges Verhalten zeigen.

1438 wurden Dirnen (Hübscherinnen, die schönen Frauen, gemain Frawen) hohen Gästen zur Begrüßung entgegengeschickt. Die hohen Gäste werden im Frauenhaus frei gehalten.
Das gehörte, wie etwa das Gastmahl zur Bewirtung, die man hohen Gästen bot.
Die Hübscherinnen bildeten eine Korporation mit bestimmten Pflichten und Rechten. Ihre soziale Stellung war niedrig und verachtet, aber durchaus öffentlich und nicht mit Heimlickeit umgeben.

Diese Form der außer ehelichen Beziehung zwischen Mann und Frau, war noch nicht 'hinter die Kulissen' verlegt.

Ein Blick auf die Hochzeitsgebräuche: 'Ist das Bett beschritten, ist das Recht erstritten'. So hieß es im späteren Mittelalter.
Ein anderer Standard des Schamgefühls, als der, der dann im 19. u. 20. Jahrhundert herrschend wird, wo alles was das sexuelle Leben betrifft, in relativ hohem Maße verdeckt und hinter die Kulissen verwiesen wird.

Vorher war die Beziehung der Geschlechter noch in das öffentliche Leben eingebaut und selbstverständlicher, dass auch die Kinder damit vertraut waren.

In der höfisch-aristokratischen Gesellschaft, war das sexuelle Leben schon erheblich verdeckter, als in der mittelalterlichen, dennoch ist die Verdeckung der Sexualität gering und eine größere Unbefangenheit des Sprechens und auch des Handeln im Verkehr mit den Kindern.

Erst allmählich breitet sich dann eine stärkere Scham- und Peinlichkeitsbelastung der Geschlechtlichkeit und Zurückhaltung des Verhaltens über die Gesellschaft hin aus.
Und erst dann, wenn die Distanz zwischen Erwachsenen und Kindern wächst, wird das, was wir die 'sexuelle Aufklärung' nennen, zu einem brennenden Problem (S. 245).

1875 hat Raumer eine Schrift über die Erziehung der Mädchen herausgegeben. Er schreibt ein Modellverhalten von Erwachsenen bei der Begegnung mit der sexuellen Frage vor. Er produziert eine lächerliche Gottesvorstellung. (siehe S. 246).

Zwischen der Art von sexuellen Beziehungen, wie sie Erasmus präsentiert und der von Raumer zeichnet sich eine Zivilisationskurve wie bei den anderen Triebäußerungen aufgezeigt.

Die Sexualität wird im Prozess der Zivilisation mehr und mehr hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens in die Enklave der Kleinfamilie eingeklammert, mit einer Aura der Peinlichkeit und Ausdruck der soziogenen Angst.

Raumer gibt keine Begründung, warum manfrau nicht über Sex mit Kindern sprechen soll. In dieser Zeit (19. Jahrhundert) wächst die Überflutung mit Scham- und Peinlichkeitsgefühlen.

So selbstverständlich es zu Erasmus' Zeiten war von Sex zu sprechen, so selbstverständlich ist es im 19. Jh. davon nicht zu sprechen. Beide berufen sich auf Gott.

Es sind nicht rationale Motive die hinter Raumers Modellgebung stehen. Im Vordergrund steht die Notwendigkeit, Scheu vor diesen Dingen, nämlich Scham-, Angst-, Peinlichkeits- und Schuldgefühle zu züchten, oder genauer gesagt, ein Verhalten, das dem gesellschaftlichen Standard gemäß ist.
Es handelt sich nicht um ein individuelles, sondern um ein gesellschaftliches Problem. Die sexuelle Region ist zu einer heimlichen geworden.

Nicht rationale Motive, nicht Zweckmäßigkeitsgründe sind primär für diese Haltung bestimmend, sondern die zum Selbstzwang gewordene Scham des Erwachsenen selbst.

Es sind die gesellschaftlichen Verbote und Widerstände in ihrem Inneren, es ist ihr eigenes 'Über-Ich', das ihnen den Mund schließt (S. 248).

Erasmus hat noch kein Problem aufzuklären. Die Zurückhaltung der Erwachsenen ist noch nicht so groß und damit auch die Mauer der Heimlichkeit zwischen den Kulissen.
Und auch die 'Mauer' um den Heranwachsenden welcher die Schwierigkeit hat, auf den gleichen Standard der Erwachsenen zu kommen, das Sprechen darüber aber schwierig gemacht wird.

Die soziogenen Verdrängungen leisten dem Sprechen Widerstand.

Die psychische Problematik des jungen Menschen, ist nicht ein für alle Zeiten gleicher Ablauf, sondern gestaltet sich nach den Beziehungen zwischen Kind und Erwachsenen.

Diese Beziehungen wandeln sich aber je nach Aufbau einer Gesellschaft. Verstehen kann manfrau also diese Problematik nur aus der geschichtlichen Phase, aus dem Aufbau der ganzen Gesellschaft, der den Standard des Erwachsenen-Verhaltens aufrecht erhält.

Die Kirche hat sicherlich frühzeitig für die Einehe gekämpft, aber bis ins 16. Jahrhundert braucht manfrau sich außer ehelicher Beziehungen nicht zu schämen. Die 'Bastardkinder' werden mit der Familie erzogen.

Erst in der berufsbürgerlichen Gesellschaft Tendenz zur Verheimlichung.

Die kirchliche Forderung ist nicht Maßstab für den wirklichen Standard der weltlichen Gesellschaft. Im 17. u. 18. Jahrhundert wird die Herrschaft des Mannes über die Frau ziemlich gebrochen.

Die soziale Stärke der Frau ist hier annähernd gleich groß. Die gesellschaftliche Meinung wird in sehr hohem Maß von Frauen mitbestimmt.

Auch die außer eheliche Beziehung der Frau gilt in gewissen Grenzen als legitim.

Also eine erste 'Emanzipation' der Frau in der höfisch-absolutistischen Gesellschaft. (S. 252).

Also ein Zurücktreten von Triebrestriktionen für die Frauen und ein Vorrücken der Triebrestriktionen für die Männer; sie bedeutete für beide den Zwang zu einer neuen und stärkeren Selbstdisziplinierung der Affekte im Verkehr miteinander.

"Ich lasse dir deine Freiheit", sagt einer zu seiner Frau, "aber ich weiß, ich setze dir damit engere Schranken, als mit irgendwelchen Geboten oder Vorschriften". Er erwartet mit anderen Worten nun auch von ihr die gleiche Selbstbeschränkung, die gleiche Selbstdisziplin, die er sich auferlegt(S. 253).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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In der höfischen Aristokratie gilt die Beschränkung der sexuellen Beziehung auf die Ehe sehr oft als bürgerlich und nicht als standesgemäß.

Ein bestimmter Stand der menschlich-gesellschaftlichen Gebundenheit korrespondiert mit einer bestimmten Form von Freiheit. Es gibt Befreiungen von einer Form von Gebundenheit, die stark drücken.

Freiheit oder Zwang als Antithesen wie Himmel und Hölle?

Der Prozess der Zivilisation und der Fortschritt der Bindungen geht Hand in Hand mit Befreiungen mannigfachster Art.
Das symbolisiert die Ehe an den absolutistischen Höfen. Die Frau war hier freier von äußeren Zwängen als in der ritterlichen Gesellschaft.

Aber der innere Zwang, der Selbstzwang, den sie entsprechend der Integrationsform und dem Verhaltenscode der höfischen Gesellschaft auferlegen musste, war für die Frau wie für den Mann im Verhältnis zur ritterlichen Gesellschaft gewachsen.

Ähnliches zeigt sich bei der Betrachtung der bürgerlichen Eheform des 19. Jahrhunderts im Vergleich zu der höfisch-aristokratischen des 17. u. 18. Jahrhunderts.

Das Bürgertum als Ganzes ist im 19. Jahrhundert vom Druck der absolutistisch-ständischen Gesellschafts-Verfassung befreit und den Zwängen, als zweitrangige Menschen enthoben. Aber andere Verflechtungen sind gewachsen.

Die gesellschaftliche Gebundenheit des Einzelnen ist stärker als zuvor.

Das Schema der Selbstzwänge, das den Menschen der bürgerlichen Gesellschaft im Zusammenhang mit der Berufsarbeit auferlegt wird ist nun anders.

Der Selbstzwang, den die bürgerlichen Funktionen (Berufsarbeit), den vor allem das Geschäftsleben verlangt und produziert, ist noch stärker als der, den die höfischen Funktionen erforderten.

Eine besonders strenge Disziplinierung der Sexualität wird notwendig.

Vom Standard der bürgerlichen Gesellschaft wird jede außer eheliche Beziehung der Geschlechter verurteilt. Die gesellschaftliche Stärke des Mannes ist zunächst stärker als die der Frau. Der Mann wird nachsichtiger beurteilt.

Manfrau kann den Trend der Bewegung herausarbeiten, durch die Beobachtung der Männer der Oberschicht. Ritter (Krieger)-Höflinge-Berufsbürger.

Die heutige Badekleidung hat einen sehr hohen Standard der Triebgebundenheit zur Voraussetzung.

Nur in einer Gesellschaft, in der ein hohes Maß von Zurückhaltung zur Selbstverständlichkeit geworden ist, und in der Frauen, wie Männer absolut sicher sind, dass starke Selbstzwänge und eine strikte Umgangsetikette jeden Einzelnen im Zaume halten, können sich Bade- und Sportgebräuche von solcher Art und Freiheit entfalten (S. 257).

20070425

Verhalten im Mittelalter, Spucken, zt-35

Das Spucken bildet ein besonders anschauliches Exempel dafür, wie sich die Zivilisation des Verhaltens produzierte. Im Mittelalter war es nicht nur ein Brauch, sondern offenbar ein allgemeines Bedürfnis, häufig zu spucken. Auch in der ritterlich-höfischen Oberschicht selbstverständlich.

Im 16. Jahrhundert wird der Druck stärker. Erasmus, der eine Übergangszeit markiert, erwähnt die Verwendung eines Tuchs, aber nicht als Notwendigkeit. Spucken wird allmählich peinlicher.

1774 ist der ganze Gebrauch schon erheblich peinlicher. Im 19. Jahrhundert der Spucknapf als technisches Gerät. Dann wird dieses Gerät entbehrlich und das Bedürfnis zu spucken scheint völlig verschwunden zu sein (S. 214).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator. Ab Mai 2007: Erasmus von Rotterdam und sein Lob der Narrheit ('Torheit') auf dem Blog: Ergasmus.
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Das Spuckverbot unterscheidet von anderen Verboten, dass sich hier die Fremdzwänge mehr oder weniger vollkommen in Selbstzwänge verwandelt haben.

Unter dem Druck des 'Über-Ich' schwindet diese Gewohnheit aus dem Bewusstsein. Zurück bleibt im Bewusstsein als Motivation der Furcht irgendeine Überlegung auf längere Sicht, vielleicht ein Bild bestimmter Krankheiten, eine rationale Einsicht.

Aber diese rationale Einsicht war nicht die primäre Ursache der Furcht- und Peinlichkeitsgefühle, nicht der Motor der Zivilisation oder der Antrieb zur Veränderung des Verhaltens (S. 215). Die rationale Einsicht kommt dem Menschen erst in einer späten Phase (19. Jahrhundert), gewissermaßen erst nachträglich.

Jemand, der beim Essen schmatzt weckt gegenwärtig (in den USA und Europa etc.) peinliche Empfindungen.

Die Peinlichkeits- und Ekelgefühle verstärken sich mit den Tabus, bevor manfrau eine Vorstellung von Krankheitskeimen hat.

Was zunächst die Peinlichkeitsgefühle und die Restriktionen auslöst und wachsen macht, ist eine Umformung der menschlichen Beziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse. Die Motivierung aus gesellschaftlicher Rücksicht ist lange da vor der Motivierung durch naturwissenschaftliche Einsichten.

Der König verlangt diese Zurückhaltung als Respekt von den Höflingen. Hier, wie in den anderen Zivilisationskurven, verbindet sich die Mahnung: 'So etwas tut manfrau nicht', mit der manfrau Zurückhaltung, Angst, Scham und Peinlichkeit züchtet, erst sehr spät mit einer wissenschaftlichen Theorie, mit einem Begründungszusammenhang, der für alle Menschen gilt.

Aber: Der primäre Antrieb kommt nicht aus der rationalen Einsicht in die Entstehung von Krankheiten, sondern aus den Veränderungen in der Art wie die Menschen miteinander leben, aus den Veränderungen im Aufbau der Gesellschaft.

Spucken ist ein gutes Beispiel für die Formbarkeit des Seelenhaushaltes.

Es erhebt sich die Frage, nach den Grenzen der Transformierbarkeit des Seelenhaushaltes. Ohne Zweifel hat diese Formbarkeit eine bestimmte natürliche Eigengesetzlichkeit. In ihrem Rahmen formt der geschichtliche Prozess, sie gibt Spielraum und setzt Grenzen. Die Bildung von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen, das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle, ist beides, natürlich und geschichtlich zugleich.

Jedenfalls ist der Seelenhaushalt der 'Primitiven' nicht weniger als der der 'Zivilisierten' geschichtlich, nämlich gesellschaftlich geprägt.

Es gibt keinen Nullpunkt der Geschichtlichkeit in der Entwicklung der Menschen, wie es auch keinen Nullpunkt der Soziebilität, der gesellschaftlichen Verbundenheit von Menschen gibt (S. 218).

20070424

Verhalten im Mittelalter, Schneuzen, Konditionierung, zt-34

In der mittelalterlichen Gesellschaft schneuzte manfrau sich mit den Händen. Die Höflichkeit der Courtoisie: Mit der Linken schneuzen, mit der Rechten das Fleisch nehmen. Keine peinlichen Empfindungen im Mittelalter wenn manfrau sich die Finger beschmutzt.

Es waren besondere gesellschaftliche und seelische Voraussetzungen nötig, um das Bedürfnis nach einem so simplen Instrument wie dem Taschentuch den Gebrauch allgemein möglich zu machen. Der Gebrauch des Taschentuchs breitet sich zuerst in Italien im Zusammenhang mit seinem Prestigewert aus.

Damen hängen es an den Gürtel, Snobs tragen es im Mund. Es ist kostbar und gilt als Zeichen von Reichtum. Erst Ludwig XIV. hat reichlich Taschentücher.

Zur Zeit des Erasmus ist das Taschentuch zwar bekannt aber manfrau schneuzt sich noch links und rechts und vielleicht etwas vom Tisch abgewandt.

Zwei Jahrhunderte später ist der Gebrauch des Taschentuchs allgemein geworden, aber der Gebrauch der Hände ist keinesfalls verschwunden so kann manfrau es es auch noch heute im Jahre 2007 in europäischen Gegenden sehen. Aber es ist zur Unsitte geworden, ordinär und vulgär.

Bis zu dieser Zeit (La Salle) werden Gewohnheiten fast immer ausdrücklich in ihrer Beziehung zu anderen Menschen beurteilt.

Gewohnheiten werden untersagt, weil sie anderen lästig und peinlich sein können, oder weil sie einen Mangel an Respekt verraten (S. 204).

Jetzt werden die gesellschaftlich unerwünschten Triebäußerungen radikaler verdrängt. Sie werden für den Menschen mit Peinlichkeit, Angst, Scham- oder Schuldgefühlen belegt, auch für den Fall, dass er allein ist.

Vieles von dem, was wir 'Moral' oder 'moralische Gründe' nennen, hat als Konditionierungsmittel der Kinder bei einem bestimmten gesellschaftlichen Standard die gleiche Funktion wie zum Beispiel die 'Hygiene' und die 'hygienischen' Gründe (S. 204).

Die Modellierung durch solche Mittel ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erwünschte Verhalten zu einem Automatismus, einem Selbstzwang zu machen und es im Bewusstsein des Einzelnen als von ihm selbst aus eigenem Antrieb, nämlich um seiner eigenen Gesundheit oder seiner eigenen menschlichen Würde willen, so gewolltes Verhalten in Erscheinung treten zu lassen.

Und erst mit dieser Art, Gewohnheiten zu verfestigen, erst mit dieser Konditionierungsart, die mit den mittelständisch-bürgerlichen Schichten zugleich vorherrschend wird, erhalten die Konflikte zwischen den gesellschaftlich unauslebbaren Triebkräften und Triebrichtungen auf der einen und dem im Einzelnen verankerten Schema der gesellschaftlichen Forderungen auf der anderen Seite dermaßen jene Gestalt die von den Seelentheorien in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt werden.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator. Ab Mai 2007: Erasmus von Rotterdam und sein Lob der Narrheit ('Torheit') auf dem Blog: Ergasmus.
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Das was wir heute (40er Jahre des 20. Jahrhunderts) als Neurosen um uns beobachten, ist eine bestimmte, historisch gewordenen Gestalt des psychischen Konflikts, die der psychogenetischen und soziogenetischen Aufhellung bedarf (S. 204).

Die gesellschaftliche Abhängigkeit und ihr Aufbau sind für Aufbau und Schema der Affektrestriktionen von entscheidender Bedeutung.

Mit der wachsenden Abhängigkeit in der Oberschicht verstärken sich auch die Verbote (Einschränkungen, Restriktionen).

Die Tatsache der abhängigen Oberschicht erklärt zugleich das Doppelgesicht, das die Verhaltensweisen und die Zivilisations-instrumente haben: Es sind Instrumente und Verhaltensweisen, die einen gewissen Zwang ausdrücken und Versagung erfordern, aber sie erhalten sofort immer auch den Sinn einer sozialen Waffe gegen die jeweils Niedrigerstehenden, den Sinn eines Distinktionsmittels.

Taschentuch, Teller, Gabel und alle ihre Verwandten sind zunächst Luxusgegenstände mit Prestigewert.

Im 19. u. 20. Jh. handelt es sich um gesellschaftlich in besonders hohem Maße gebundene Oberschichten (S. 207).

Am Arbeitsplatz sind Triebregelung und -zurückhaltung zur 'Arbeit' notwendig. Das gilt für das gesamte Schema der Triebmodellierung in der bürgerlich-industriellen Gesellschaft.

Es sind Zwänge der gesellschaftlichen Verflechtung, der Arbeitsteilung, des Marktes und der Konkurrenz, die zur Zurückhaltung und Regelung der Affekte und der Triebe zwingen. Sie sind es, denen die oben erwähnte Begründungs- und Konditionierungsart entspricht.

Die Modellierung ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erforderliche (geforderte) Verhalten als vom einzelnen Menschen (dem Individuum) selbst (also aus des Individuums eigenem inneren Antrieb gewolltes Verhalten) in Erscheinung treten zu lassen. :-) :-) :-) ...so to speak...

20070423

Zivilisationskurve, Schamgrenze, Notdurft, zt-33

Wandlungen in der Einstellung zu den natürlichen Bedürfnissen.
"Notdurft in anderer Leute Gegenwart zu verrichten ist abscheulich."
"Denn immer sind die Engel zugegen".
Einige Bemerkungen zu den Beispielen und zu diesen Wandlungen im allgemeinen.

Die courtoisen Verse sagen nicht viel zu diesem Thema. Die gesellschaftlichen Ge- und Verbote, die diese Bezirke des Lebens umgeben sind relativ gering. Alles ist ungezwungener.

Die Schrift des Erasmus markiert auch hier einen Punkt in der Zivilisationskurve, einen Vorstoß der Schamgrenze, aber auch einen Mangel an Scham. Aber es ist ganz deutlich, dass diese Schrift gerade die Funktion hat, Schamgefühle zu züchten.

Begründungen mit der Allgegenwart von Engeln ist recht charakteristisch. Die Begründung für die Angst, die manfrau im jungen Menschen erweckt, um ihn dem gesellschaftliche Verhaltensstandard gemäß zur Zurückdrängung seiner Lustäußerungen zu zwingen, wechselt im Lauf der Jahrhunderte.

Hier erklärt und substanzialisiert man sich und anderen die Trieb- oder Triebverzichts-Angst als Angst vor äußeren Geistern.

In den breiteren Schichten bleibt der Hinweis auf den Schutzengel als Konditionierungsinstrument der Kinder lange erhalten. Wenn dann die 'hygienischen Gründe' auftauchen spielt der Schutzengel nicht mehr eine so große Rolle.

'Hygienische Gründe' die bei den Erwachsenen-Gedanken (Konditionierung) eine gewichtige Rolle spielen. Was ist rational oder schein-rational?

Die Konditionierungstaktiken werden primär durch das Peinlichkeits- und Schamgefühl der Erwachsenen begründet (S. 182). An die Stelle des Hinweises auf den Respekt, den man Höherstehenden schuldet tritt (z.B. im Jahre 1774) der Hinweis auf gesundheitliche Schädigungen als Konditionierungsinstrument (S. 200).

Erasmus ist mit seiner Schrift der Wegbereiter eines neuen Scham- und Peinlichkeitsstandards, der sich zunächst in der weltlichen Oberschicht langsam heraus zu bilden beginnt. Er schildert mit größter Unbefangenheit, wie zu dieser Zeit die Bedürfnisse vor anderer Augen verrichtet werden.

Gesundheitliche Begründungen finden sich nicht sehr häufig in seiner Schrift. Erst im 19. Jahrhundert dienen sie (gesundheitliche Begründungen) als Instrumente der Konditionierung um Zurückhaltung und Triebverzicht zu erzwingen. Mehr und mehr breitet sich über diese Notwendigkeiten der Bann des Schweigens der früher nicht bestand.

Bei dem spezifischen und dauerndem Zusammenleben vieler sozial abhängiger Menschen am Hof verstärkt sich der Druck von oben zu einer schärferen Regelung des Triebhaushaltes und damit zu einer größeren Zurückhaltung (S. 186).

Eine genauere Triebregelung und Zurückhaltung der Affekte fordern und erzwingen zunächst die sozial Höherstehenden von den sozial Niedrigstehenderen.

Erst verhältnismäßig spät wird die Familie zur alleinigen oder genauer gesagt, zur primären und vorherrschenden Produktionsstätte des Triebverzichts; erst dann wird die gesellschaftliche Abhängigkeit des Kindes von den Eltern zu frühesten und besonders intensiven Kraftquelle (Anmerkung: oder Desaster) der gesellschaftlich notwendigen Affekt-Regulierung und -modellierung. (In der ritterlich-höfischen Phase haben die Höfe selbst diese Funktion).

Im Zuge der späteren wachsenden Arbeitsteilung wird die Verflechtung der Menschen intensiver und alle (höhere und niedere) werden gegenseitig abhängig und selbst die sozial Stärkeren schämen sich (nun auch) vor den sozial Niedrigerstehenden.

Es gibt bei Erasmus (Diversoria) Personen , vor denen man sich schämt und andere vor denen man sich nicht schämt. Das Schamgefühl ist hier deutlich eine gesellschaftliche Funktion und modelliert entsprechend dem gesellschaftlichen Aufbau. Noch im 17. Jahrhundert empfangen Hochstehende Niedere auf dem Klo. Das ist Bevorzugung. Die Freundin Voltaires schämt sich beim Baden nicht vor dem Kammerdiener.

In dieser hierarchisch aufgebauten Gesellschaft bekam jede Aktion im Zusammensein der Menschen den Sinn eines Prestigewertes. Dann, wenn alle gleicher werden, wird es langsam zu einem allgemeinen Verstoß.

Die Gesellschaftsbezogenheit der Scham- und Peinlichkeitsgefühle tritt mehr und mehr aus dem Bewusstsein zurück. Das gesellschaftliche Gebot erscheint dem Erwachsenen als Gebot seines eigenen Inneren und erhält die Form eines mehr oder weniger automatisch wirkenden Selbstzwanges.

Diese Aussonderung der natürlichen Verrichtungen aus dem öffentlichen Leben war nur möglich, weil mit der wachsenden Empfindlichkeit zugleich ein technischer Apparat (Victory!, die Klomuschel im speziellen Kämmerlein :-) entwickelt wurde, der dieses Problem der Ausschaltung solcher Funktionen aus dem gesellschaftlichen Leben und ihre Verlegung hinter dessen Kulissen einigermaßen befriedigend löste.

Es verhielt sich auch damit ähnlich wie mit der Esstechnik. Der Prozess der seelischen Veränderung, das Vorrücken der Schamgrenze und der Peinlichkeitsschwelle ist nicht von einer Seite und ganz gewiss nicht aus der Entwicklung der Technik oder der wissenschaftlichen Entdeckungen zu erklären.

Die Entwicklung einer dem veränderten Standard entsprechenden Apparatur bedeutet eine außergewöhnliche Verfestigung der veränderten Gewohnheiten.

Heute tritt eine gewisse Lockerung ein, die in dieser Form nur möglich ist, weil der Stand der Gewohnheiten, der technisch-institutionell verfestigten Selbstzwänge im großen und ganzen gesichert ist.

Der Standard, der sich in unserer Phase der Zivilisation herausbildet, ist durch eine mächtige Distanz zwischen dem Verhalten der Erwachsenen und der Kinder charakterisiert.

Die Kinder müssen in verhältnismäßig wenig Jahren, den vorgerückten Stand der Scham- und Peinlichkeitsgefühle erreichen, die sich in vielen Jahrhunderten herausgebildet hat (S. 190).

Die Eltern sind oft unzulängliche Instrumente, die primären Exekutoren der Konditionierung, aber durch sie ist es die Gesellschaft als Ganzes, die Druck auf den Heranwachsenden ausübt und ihn sich zurecht formt.

Im Mittelalter war Regelung und Zurückhaltung geringer und so auch ein erheblich geringerer Unterschied im Verhalten der Erwachsenen und der Kinder (S. 191). Das Maß von Triebverhaltung und -regelung das die Erwachsenen voneinander erwarteten war nicht viel größer als das den Kindern auferlegte. Die Distanz zwischen Erwachsenen und Kindern war, gemessen an der heutigen Distanz, gering (S. 192).

Ein Kind, das heutzutage nicht auf den Stand der gesellschaftlich geforderten Affektgestaltung gelangt, gilt in verschiedenen Abstufungen als 'krank, anormal, unmöglich...' und bleibt vom öffentlichen Leben (außer Behinderteneinrichtungen etc.) ausgeschlossen.

Die Psychoanalyse entdeckt die Triebrichtungen in der Form unausgelebter Neigungen, die manfrau als Unterbewusstsein oder Traumschicht bezeichnen kann. Und diese Neigungen haben in unserer Gesellschaft den Charakter eines 'infantilen' Residuums, weil der gesellschaftliche Erwachsenenstandard eine völlige Unterdrückung und Umbildung dieser Triebrichtung erforderlich macht. Beim Auftreten im Erwachsenen erscheint sie als ein 'Überbleibsel' aus der Kinderzeit (S. 193).

Die Gesellschaft beginnt an bestimmten Funktionen die positive Lustkomponente durch die Erzeugung von Angst allmählich immer stärker zu unterdrücken oder, genauer gesagt, zu 'privatisieren', nämlich ins 'Innere' des Einzelnen, in die 'Heimlichkeit' abzudrängen, und die negativ geladenen Affekte, Unlust, Abscheu, Peinlichkeit allein als die gesellschaftsüblichen Empfindungen in der Konditionierung herauszuarbeiten.

Mit dieser gesellschaftlichen Verfemung vieler Triebäußerungen und mit ihrer 'Verdrängung' von der Oberfläche sowohl des gesellschaftlichen Lebens, wie des Bewusstseins wächst notwendigerweise auch die Distanz zwischen dem Seelenaufbau und dem Verhalten der Erwachsenen und dem der Kinder.

20070422

Fehlende Identifizierung mit der Oberschicht und gutes Benehmen zt-25

In Deutschland gibt es von der Zeit der Humanisten an immer eine bürgerliche Intelligenz, die von der höfisch-aristokratischen Gesellschaft getrennt lebt.

Hier sind die sozialen Mauern zwischen Bürgertum und höfischem Adel verhältnismäßig hoch. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. hört man wieder die Sprache und Ausdrücke eines Selbstbewusstseins, das dem der Humanisten, besonders dem des Erasmus verwandt ist.

Entfaltung der deutschen Städte war am Ausgang des Mittelalters, dann Schrumpfungen.

Im Gegensatz zu Frankreich ist die völlige Identifizierung der Intelligenz mit der höfischen Oberschicht schwächer und seltener.

Die Haltung des Erasmus distanziert sich, es fehlt die Identifizierung mit der Oberschicht und das verbindet ihn mit der späteren deutschen Intelligenz. Das Maß der Distanzierung die Erasmus besitzt, weist auf eine Phase der Lockerung zwischen zwei Epochen, die durch festere Gesellschaftshierarchien charakterisiert ist (S. 99).

Die Tradition der 'courtoisie' wird in vielem von der Gesellschaft, die den Begriff der 'civilitas' zur Bezeichnung des gesellschaftlichen 'guten Benehmens' wählt weitergeführt. Die verstärkte Neigung der Menschen, sich und andere zu beobachten, ist eines der Anzeichen dafür, wie nun die ganze Frage des Verhaltens einen anderen Charakter erhält.

Die Menschen formen sich und andere mit größerer Bewusstheit als im Mittelalter. Der Zwang, den die Menschen aufeinander ausüben, wird stärker, die Forderung nach 'gutem Benehmen' nachdrücklicher erhoben. Der ganze Problemkreis des Verhaltens gewinnt an Wichtigkeit (S. 102).

Die alten sozialen Verbände sind, wenn nicht zerbrochen, so doch in hohem Maße aufgelockert, und in Umbildung begriffen. Die gesellschaftliche Zirkulation, Auf- und Abstieg vollziehen sich rascher.

Langsam im Laufe des 16. Jhs. beginnt sich eine festere Gesellschaftshierarchie herzustellen und, aus Elementen verschiedener sozialer Herkunft, eine neue Oberschicht, eine neue Aristokratie heraus zu bilden.

Der veränderte Aufbau der neuen Oberschicht setzt den Einzelnen einem Druck und einer Kontrolle der anderen aus. In diese Situation hinein ist die Schrift des Erasmus geschrieben.

Die Menschen, gezwungen in einer neuen Form miteinander zu leben, werden empfindlich für die Regungen anderer. Allmählich wird der Code des Verhaltens strenger und die Rücksichtnahme größer.

Das Wachstum der Empfindlichkeit, die Intensivierung der Menschenbeobachtung und das stärkere Verständnis für das, was in dem anderen selbst vor sich geht, sind unverkennbar (S. 104).

"Sieh anderen ihre Verstöße leicht nach. Das ist eine Haupttugend der civilitas (der Höflichkeit)". Erasmus identifiziert sich nur wenig mit der höfischen Oberschicht und bewahrt eine innere Distanz.

Die Wichtigkeit, die man nun dem 'guten Benehmen' beizumessen beginnt zeigt vor allem auch, wie der Druck, den die Menschen in dieser Richtung aufeinander ausüben sich verstärkt.

Die gesellschaftliche Kontrolle wird bindender. Vor allem ändert sich langsam die Art und der Mechanismus der Affektmodellierung durch die Gesellschaft. Im Laufe des Mittelalters hat sich offenbar der Standard der Sitten und Unsitten bei allen regionalen und sozialen Verschiedenheiten nicht entscheidend gewandelt.

Jetzt mit dem Umbau der Gesellschaft, mit einer neuen Anlage der menschlichen Beziehungen, tritt hier langsam eine Änderung ein: Der Zwang zur Selbstkontrolle wächst. Damit gerät der Standard des Verhaltens in Bewegung (S. 106).

Das 16. Jh. steht noch ganz im Übergang. Bei Erasmus noch ganz die alte Unbefangenheit im Besprechen der körperlichen Verrichtungen, die für den mittelalterlichen Menschen charakteristisch war, aber bereichert durch Beobachtungen, durch die Rücksicht auf das, was andere denken könnten.

Die Menschen dieser Zeit haben ein Doppelgesicht. Bei der Betrachtung fehlt das sichere Maß.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Elias kommentiert seine Vorgangsweise: Man muss Bild an Bild reihen, um von einer bestimmten Seite her den Prozess, die allmähliche Verwandlung der Verhaltensweisen und der Affektlage, das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle im Zusammenhang zu übersehen. Also in einer Art Zeitraffer das Ganze überblicken.

Das empirische Material von Elias sind die Manierenbücher und anhand deren werden die Verhaltensweisen geprüft. Die Verhaltensweisen, die jeweils eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern erwartete, und auf die sie den Einzelnen zu konditionieren suchte. Verhaltensweisen werfen etwas Licht auf Vorgänge im Prozess der Gesellschaft. Sie zeigen Standards von Gebräuchen an die die Gesellschaft den Einzelnen zu gewöhnen suchte.

Die Manierenschriften und -sprüche sind Instrumente der Konditionierung (Fassonierung), der Einpassung des Einzelnen an jene Verhaltensweisen, die der Aufbau und die Situation seiner Gesellschaft erforderlich machte (S. 109).

20070421

Verhaltensänderung in der Renaissance zt-24

Rücken Peinlichkeitsschwelle und Schamgrenze in der Zeit des Erasmus vor? Manfrau könnte es vermuten.

Die Manierenschriften der Humanisten bilden gewissermaßen die Brücke zwischen denen des Mittelalters und denen der neueren Zeit. Auch die Schrift des Erasmus, Gipfelpunkt in der Reihe der humanistischen Manierenschriften hat dieses Doppelgesicht. Sie steht in vielem durchaus im Zuge der mittelalterlichen Tradition.

Aber zugleich sind in ihr offenbar Ansätze zu etwas Neuem enthalten. Mit ihr entwickelt sich allmählich jener Begriff, der den ritterlich-feudalen Begriff von Höflichkeit in den Hintergrund drängte.

Im Laufe des 16. Jhs. tritt der Gebrauch des Begriffes 'courteoisie' in der Oberschicht langsam zurück, der des Begriffes 'civilité' wird häufiger und im 17. Jh. in Frankreich gebräuchlich.

Das ist ein Anzeichen für eine Verhaltensänderung von beträchtlichem Ausmaß. Das Werk des Erasmus steht in vielem noch im Zuge der mittelalterlichen Tradition. Seine Beziehung zur Hinterlassenschaft der Antike ist belegbar.

Erasmus hat einen bestimmten Standard der Sitten vor Augen. Seine Manierenschrift ist auch eine Sammlung von Beobachtungen aus dem Leben der Gesellschaft selbst. Sie ist 'ein wenig das Werk von aller Welt'. Ihr Erfolg, ihre rasche Ausbreitung zeigt, wie sehr sie einem gesellschaftlichen Bedürfnis entsprach, etwas das die Gesellschaft verlangte.

Die Gesellschaft war im Übergang. Bei aller Verbundenheit mit dem Mittelalter ist etwas Neues im Werden. Das was wir als 'Einfalt' empfinden ist verloren gegangen. Manfrau sieht differenzierter, mit stärkerer Zurückhaltung der eigenen Affekte.

Was die Schrift des Erasmus von anderen Manierenschriften unterscheidet, ist der Ton in dem sie geschrieben ist. Hier spricht jemand, der auch seine Erfahrungen niederschreibt. Er ist nicht nur ein Sammler von Sitten und Unsitten sondern hält sich an die gesellschaftliche Wirklichkeit und gewinnt als Nachrichtenquelle über gesellschaftliche Prozesse an Bedeutung.

Das Problem des Verhaltens in der Gesellschaft war in dieser Zeit offenbar so wichtig geworden, dass selbst Menschen von großem Ruf und Begabung die Beschäftigung mit ihm nicht verschmähten. (Seine Schrift war einem Königssohn gewidmet).

Erasmus' Schrift fällt in die Zeit einer sozialen Umgruppierung. Es ist die Phase, in der die alte feudale Adelsschicht noch im Niedergange, die neue höfisch-absolutistische noch in der Bildung begriffen war.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Humanisten, die Vertreter der weltlich-bürgerlichen Intelligenzschicht hatten Chancen des Aufstiegs (Ansehen und geistige Macht zu gewinnen), des Freimuts und der Distanzierung.

Erasmus zeigt das charakteristische Selbstbewusstsein des Intelligenzlers, des durch Geist, Wissen, Schreiben Aufgestiegenen, durch das Buch legitimierten, der auch gegenüber herrschenden Schichten und Meinungen Distanz zu wahren vermag (S. 95).

Es zeigt sich die Verwandtschaft solcher Gedanken mit denen der deutschen Intelligenzschicht des 18. Jhs. mit ihrer Selbstlegitimierung durch Begriffe wie 'Kultur' und 'Bildung'.

Den Rangunterschieden im Benehmen Beachtung zu schenken wird von nun zum Inbegriff der Höflichkeit und zur Grundforderung der 'civilité', wenigstens in Frankreich.

Erasmus von Rotterdam und mittelalterliche Umgangsformen zt-21

Mittelalter und mittelalterliche Umgangsformen
In der Schrift des Erasmus von Rotterdam zeichnet sich eine bestimmte Art des gesellschaftlichen Verhaltens ab. War er der erste, der sich mit solchen Fragen beschäftigte? Keineswegs! Wo immer manfrau beginnt, ist Bewegung, ist etwas, das vorausging.

Für die rückblickende Untersuchung ist es nötig sich Grenzen zu setzen die den Phasen des tatsächlichen Prozesses entsprechen. Hier wird vom mittelalterlichen Standard ausgegangen, um die Bewegung, die Entwicklungskurve zu verfolgen, die von dort zu der neueren Zeit hinüber führt.

Das Mittelalter hat eine Fülle von Mitteilungen. Essen und Trinken standen noch in ganz anderem Maße im Mittelpunkt des geselligen Lebens als heute. Verhaltensvorschriften der Kleriker bzw. der Klerikergesellschaft dann Zeugnisse aus dem Umkreis der ritterlich-höfischen Gesellschaft.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Im Mittelalter spielte das Auswendig lernen (als Erziehungs- und Konditionierungsmittel) eine große Rolle, Bücher waren selten und teuer. Was da schriftlich auf uns gekommen ist, sind Fragmente einer großen mündlichen Tradition, Spiegelbilder dessen, was tatsächlich in dieser Gesellschaft Brauch war, und gerade deshalb bedeutsam, weil es das Typische einer Gesellschaft weiter trägt.

Es sind individuelle Fassungen der vielen Einlieferungsscheine, die durch diese Gesellschaft hindurchgingen. Es sind Zeugnisse eines bestimmten Verhaltens- und Affektstandards im Leben der Gesellschaft selbst. Die sie niederschrieben, waren nicht Gesetzgeber oder Schöpfer dieser Vorschriften sondern Sammler und Ordner gesellschaftsüblicher Gebote und Tabus.

20070420

Unbehagen, Peinlichkeit, Zivilisation zt-20

Im zweiten Kapitel seines 'Prozesses der Zivilisation' geht Norbert Elias auf 'Zivilisation' als einer spezifischen Änderung des menschlichen Verhaltens ein. Erasmus von Rotterdam wird als 'Zeitzeuge' aufgerufen und als Propagator eines Zivilisationsbegriffes erkannt.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Die Antithese, in der sich das abendländische Selbstbewusstsein während des Mittelalters ausspricht, ist die Antithese des römisch-lateinischen Christentums auf der einen und Heidentum und Häresie auf der anderen Seite.

Im Namen des Kreuzes, später im Namen der Zivilisation werden während des Mittelalters Kolonisierungs- und Ausbreitungskriege geführt.

Rittertum und römisch-lateinischer Glauben sind Zeugen einer bestimmten Station der abendländischen Gesellschaft.

Der Begriff 'civilité' erhielt seine Bedeutung für die abendländische Gesellschaft in jener Zeit, in der die Rittergesellschaft und die Einheit der katholischen Kirche zerbrach. Er ist die Inkarnation einer Gesellschaft, die als Station der abendländischen Gesittung oder 'Zivilisation' so wichtig wurde wie zuvor die Feudalgesellschaft.

Der Begriff 'civilité' ist Ausdruck und Symbol einer gesellschaftlichen Formation die die verschiedensten Nationalitäten umgreift und in der eine gemeinsame Sprache gesprochen wird. Das Rückgrat dieser neuen gesellschaftlichen Formation bildet die höfische Gesellschaft. Deren Selbstbewusstsein, Situation, deren Charaktere sind es, die in dem Begriff 'civilité' einen Ausdruck finden.

Ausgangspunkt: 16.Jh. Schrift von Erasmus von Rotterdam : 'De civilitate morum puerilium', 1530. Sie behandelte offenbar ein Thema, über das zu reden an der Zeit war. Erasmus gab dem alt bekannten und oft gebrauchten Wort 'civilitas' durch seine Schrift einen neuen Impuls.

Er sprach offenbar damit etwas aus, was in dieser Zeit einem gesellschaftlichen Bedürfnis entsprach. Der Begriff 'civilitas' verfestigte sich von nun ab im Bewusstsein der Menschen.

Ein solches plötzliches Aufflammen von Worten inmitten der Sprache deutet fast immer auf Veränderungen im Leben der Menschen selbst hin (S. 67). Diese Schrift (De civilitate morum puerilium) ist Symptom einer Veränderung, eine Substantialisierung gesellschaftlicher Vorgänge. Der Aufstieg ihres Titelwortes zu einem zentralen Ausdruck der Selbstinterpretation in der europäischen Gesellschaft.

Wovon handelt die Schrift? Vom Benehmen des Menschen in der Gesellschaft. Hinter dieser Schrift erblickt man eine Welt, eine Art des Lebens, die der unseren in vielem gewiss schon nahe ist, weist aber auch auf Haltungen hin, die uns verloren gegangen sind, die wir 'barbarisch' nennen würden. Sie trägt vieles vor, was inzwischen unaussprechlich geworden, vieles anderes was selbstverständlich geworden ist.

Das 'äußere' Verhalten, von dem die Schrift handelt, ist Ausdruck des inneren, des ganzen Menschen (S. 69). Die unbefangene Offenheit, mit der Erasmus und seine Zeit alle Bezirke des menschlichen Verhaltens besprechen konnte, ist uns verloren gegangen. Mit vielem überschreitet er unsere Peinlichkeitsschwelle.

Genau das gehört zu den Problemen die wir hier besprechen. 'Civilité' ist der Ahne des Begriffes 'Zivilisation', hier gerät man auf die Spuren des tatsächlichen Zivilisationsprozesses selbst, auf die Spuren der tatsächlichen Verhaltensänderung, die sich im Abendland vollzogen hat.

Dass uns vieles von dem was Erasmus behandelt peinlich erscheint, gehört zu den Symptomen dieses Zivilisationsprozesses.

Dieses Unbehagen bei bestimmten körperlichen Verrichtungen, dominante Empfindungen die in dem Urteil 'barbarisch' oder 'unzivilisiert' zum Ausdruck kommen. Diese ist also das 'Unbehagen an der Barbarei' oder das Unbehagen an jener anderen Affektlage, an jenem anderen Peinlichkeitsstandard.

Es erhebt sich die Frage, wie und warum eigentlich die abendländische Gesellschaft von dem einen zum anderen Standard gelangte, wie sie sich 'zivilisierte'.

Manfrau kann es nicht vermeiden, bei der Betrachtung dieses Prozesses der Zivilisation Unbehagen und Peinlichkeitsgefühle solcher Art wach zurufen. Es ist gut sich ihrer bewusst zu sein.

Unsere Art des Verhaltens ist aus jener, die wir 'unzivilisiert' nennen hervorgegangen.

'Zivilisiert' und 'unzivilisiert' sind nicht Gegensätze wie gut und schlecht sondern es sind Stufen einer Entwicklungsreihe die noch weitergeht.

Die 'Zivilisation' ist ein Prozess oder Teil eines Prozesses, in dem wir selbst stehen. Alles Einzelne was wir zu ihr rechnen, Maschinen, wissenschaftliche Entdeckungen, Staatsformen, was immer es sei, es sind (nur) Zeugnisse für einen bestimmten Aufbau der menschlichen Beziehungen, der Gesellschaft, und für eine bestimmte Art des menschlichen Verhaltens (S. 75).

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