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20070616

Voraussetzungen Königsmechanismus zt-58

Manfrau muss nun eine Besonderheit der menschlichen Beziehungen ins Auge fassen, die ebenfalls mit der zunehmenden Funktionsteilung in der Gesellschaft immer ausgeprägter hervortritt: Das ist ihre offene oder latente Ambivalenz. In den Beziehungen einzelner Menschen (wie auch in Funktionsschichten) zeigt sich eine spezifische Zwiespältigkeit oder gar eine Vielspältigkeit der Interessen um so stärker, je weiter und reicher gegliedert das Netz der Interdependenzen wird, in das eine einzelne soziale Existenz oder eine ganze Funktionsklasse verflochten ist. Alle Menschen sind hier in irgendeiner Form aufeinander angewiesen; sie sind potentielle Freunde und Verbündete zugleich Interessengegner, Konkurrenten oder Feinde.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator

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Wenn wandernde Nomaden in ein Gebiet einbrechen, dann besteht keine Spur von wechselseitiger funktioneller Angewiesenheit. Hier ungemischte Freundschaften und Feindschaften. Unkomplizierte wechselseitige Angewiesenheit. Funktionelle Ungebundenheit. Rasches Umspringen von entschiedener Freundschaft zu Feindschaft möglich und häufig (S. 231).

Sind aber die gesellschaftlichen Funktionen und Interessen der Menschen weitverzweigter und widerspruchsvoller, begegnet man in ihrem Verhalten und in ihrem Empfinden immer häufiger einer eigentümlichen Spaltung, einem 'Zugleich' von positiven und negativen Elementen, einer Mischung von Zuneigung und Abneigung (beides gedämpft).

Die Möglichkeiten zu einer reinen offenen in keiner Weise ambivalenten Feindschaft werden seltener; und immer spürbarer bedroht jede Aktion gegen einen Gegner zugleich auch in irgendeiner Form die soziale Existenz dessen, der sie unternimmt!

Diese Vielspältigkeit der Interessen ist eine der folgenreichsten Struktureigentümlichkeiten der höher differenzierten Gesellschaften und eine der wichtigsten Prägeapparaturen für das zivilisierte Verhalten (S. 232).

Ambivalent werden die Beziehungen zwischen den verschiedenen Herrschaftseinheiten und auch die Beziehungen zwischen den Staaten.
Jede kriegerische Entladung bedroht das Geflecht der Nationen als Ganzes. Jede rasche und radikale Veränderung in einem Sektor dieses Geflechts führt unweigerlich zu Störungen und Veränderungen in dem/den anderen.
Die unvermeidlichen Vormachtskämpfe werden nun für ein empfindliches Ländersystem immer riskanter. Aber auch durch diese Spannungen und Entladungen hindurch tendiert dieses System langsam zu einem föderativen Zusammenschluss größerer Einheiten um bestimmte Vormachtszentren (S.233).

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20070423

Messer Affekt, Gabel Inkarnation Emotion zt-32

Auch das Messer in der Art seines gesellschaftlichen Gebrauchs ist Inkarnation der Seelen, ihrer veränderten Triebe, Wünsche, geschichtlicher Situationen und gesellschaftlicher Aufbaugesetze.

An die offensichtliche Gefährlichkeit des Messers heften sich Affekte. Das Messer wird zum Symbol für die verschiedenartigsten Empfindungen, die mit seinem Zweck und seiner Gestalt zusammenhängen.

Das Messer erweckt Angst oder auch Lust. Entsprechend dem Aufbau unserer Gesellschaft ist heute das gesellschaftliche Ritual seines Gebrauchs mehr durch die Unlust, die Angst, die es umgibt, als durch Lust bestimmt.

Die 'Tabus' die es umgeben, sind primär emotionaler Natur. Angst, Peinlichkeit, Schuld, Assoziationen und Emotionen verschiedenster Art übersteigern die wahrscheinliche Gefahr. Gerade das gibt solchen Verboten ihre eigentümliche Verfestigung in der Seele, ihren 'Tabu'-Charakter (S. 165).

Im Mittelalter geringe Messerverbote. Es ist das wichtigste Essgerät.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Dann mit der Andeutung auf Vorsicht, die der Gebrauch des Messers nötig mache liegt nicht nur die rationale Erwägung zugrunde, sondern vor allem die Emotion, die der Anblick oder die Vorstellung des gegen das eigene Gesicht gerichteten Messers erweckt.

Es ist die allgemeine Erinnerung und Assoziation an Tod und Gefahr, der Symbolwert des Instruments, der mit der fortschreitenden Pazifizierung der Gesellschaft zum Überwiegen der Unlustgefühle über die Lustgefühle bei seinem Anblick führt.

Der Anblick eines gegen das Gesicht gerichteten Messers erweckt Angst. "Richte nicht dein Messer gegen dein Gesicht, denn darin ist viel Schrecken." Hier ist die emotionale Basis des strengen Tabus. Ein gesellschaftliches Ritual bildet sich aus dieser Gefahr, weil sich die gefährliche Geste ganz allgemein als Unlust bringend, als Todes und Gefahrensymbol im Gefühl verfestigt.

In späteren Phasen werden rationale Erklärungen für jedes Verbot mit auf den Weg gegeben.

Zu dem Verbot Fisch mit dem Messer zu essen siehe Psychoanalyse.

Dann die Tendenz eiförmige Gegenstände nicht mit dem Messer zu zerteilen (Kartoffel oder Knödel mit dem Messer zu zerschneiden), Tendenz den Gebrauch des Messers einzuschränken.

In China ist das Messer seit vielen Jahrhunderten von der Tafel verschwunden. In China bildete seit langem nicht eine Kriegerklasse sondern eine pazifizierte Beamtengesellschaft die Oberschicht (S. 169).
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Warum ist es kannibalisch, mit den Fingern zu essen?
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Es ist nicht unhygienischer, aber es ist ein peinliches Gefühl, sich die Finger schmutzig zu machen und so in Gesellschaft gesehen zu werden.

Die primäre Instanz für unsere Entscheidung zwischen 'zivilisiertem' und 'unzivilisiertem' Verhalten bei Tisch ist unser Peinlichkeitsgefühl.

Die Gabel ist nichts anderes als die Inkarnation eines bestimmten Affekt- und Peinlichkeitsstandards.

Verhaltensweisen, die im Mittelalter nicht im mindesten als peinlich empfunden wurden, werden mehr und mehr mit Unlustempfindungen belegt. Der Peinlichkeitsstandard kommt in gesellschaftlichen Verboten zum Ausdruck.

Diese Tabus sind, soweit sich sehen lässt nichts anderes als Ritual oder Institution gewordenes Unlust-, Peinlichkeits-, Angst- oder Schamgefühl, das gesellschaftlich unter ganz bestimmten Umständen heran gezüchtet worden ist und sich dann immer wieder reproduziert, weil es sich in bestimmten Umgangsformen institutionell verfestigt hat (S. 171).

Bestimmte Verhaltensweisen werden mit Verboten belegt, nicht weil sie ungesund sind, sondern weil sie zu einem peinlichen Anblick, zu peinlichen Assoziationen führen. Dann reproduzieren sie sich immer wieder von neuem, solange die Struktur der menschlichen Beziehungen sich nicht grundlegend ändert (S. 172).

Die Unlust, die von Erwachsenen gegenüber diesem Verhalten erzeugt wird, stellt sich gewohnheitsmäßig ein, ohne dass sie ein anderer Mensch auslöst.

Dem Druck und Zwang einzelner Erwachsener gesellt sich der Druck der Umwelt hinzu und von den meisten Aufwachsenden wird relativ frühzeitig vergessen oder verdrängt, dass ihre Scham und Peinlichkeitsgefühle, ihre Lust- und Unlustempfindungen durch Druck oder Zwang von außen modelliert und auf einen gewissen Standard gebracht wurden.

Es wird zu einem inneren Automatismus, der Abdruck der Gesellschaft im Inneren, das Über-Ich, das dem Einzelnen verbietet, anders als mit der Gabel zu essen.

Der gesellschaftliche Standard, in den der Einzelne zunächst von außen, durch Fremdzwang, eingepasst worden ist, reproduziert sich schließlich in ihm mehr oder weniger reibungslos durch Selbstzwang, der bis zu einem gewissen Grade arbeitet, auch wenn er es in seinem Bewusstsein nicht wünscht.

Auf diese Weise vollzieht sich also der geschichtlich-gesellschaftliche Prozess von Jahrhunderten, in dessen Verlauf der Standard der Scham- und Peinlichkeitsgefühle langsam vorrückt, im einzelnen Menschen in abgekürzter Form immer wieder (S. 174).

Fleisch Esser, Tier-Leichen hinter die Kulisse, Hamburger, Seelen-Aufbau zt-32

Was immer wir auch an menschlichen Erscheinungen, losgelöst vom gesellschaftlichen Leben der Menschen betrachten, es ist Substanzialisierung der menschlichen Beziehungen und des menschlichen Verhaltens, es ist Gesellschafts- und Seeleninkarnat.

Das gilt von der Sprache, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik für hochrangige Erscheinungen unseres Lebens etc.

Scheinbar unbeträchtliche Erscheinungen geben über Aufbau und Entwicklung der 'Seelen' und ihrer Beziehungen oft klare und einfache Aufschlüsse. Zum Beispiel das Verhältnis der Menschen zur Fleischnahrung.

Im Mittelalter gibt es drei verschiedene Verhaltensweisen zur Fleischkost. Extreme Uneinheitlichkeiten des Verhaltens sind charakteristisch für diese Zeit.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Bestimmte Verhaltensweisen in einer Schicht oft über das ganze Abendland hin, während andere Verhaltensweisen in anderer Schicht. Daher sind die Unterschiede im Verhalten zwischen verschiedenen Ständen der gleichen Region oft größer, als die zwischen regional getrennten Vertretern der gleichen Schicht. Abgeschlossenheit der Stände (S. 158).

Das Verhältnis zur Fleischnahrung zwischen den Polen des außerordentlichen Verbrauchs in der Oberschicht und des Verzichts z.B in Klöstern oder der Unterschicht. Vieh ist wertvoll und für die Herrentafel bestimmt. Arme Ritter mit ähnlichem Standard wie Bauern. Gewürze spielen eine große, Gemüse eine verhältnismäßig geringe Rolle.

Genauer belegbar ist die Art, wie das Fleisch aufgetragen wird. Die ändert sich vom Mittelalter zur Neuzeit hin beträchtlich. Im Mittelalter kommt bei der Oberschicht das tote Tier als Ganzes auf den Tisch und das Tier wird auf der Tafel zerlegt.

Das Zerlegen und das Austeilen bei Tisch ist eine besondere Ehre. Allmählich hört im 17. Jahrhundert das Zerlegen des Tieres bei der Tafel auf. Faktoren dafür die allmähliche Verkleinerung des Haushaltes, die Aussonderung von Erzeugungs- und Verarbeitungsaufgaben (Weben, Spinnen, Schlachten..) aus dem Haushalt und deren Übergang an Spezialisten (Handwerker, Kaufleute, Fabrikanten). Der Haushalt wird im wesentlichen zu einer Verbrauchseinheit.

Dem Zuge des großen Gesellschaftsprozesses entspricht auch hierin der Zug des Seelischen. Heute ist der Anblick von ganzen toten Tieren in Fleischerläden in den U.S.A. und West-Europa peinlich.

Vorschübe der Peinlichkeitsschwelle. Schübe dieser Art führten in der Vergangenheit zu Standardveränderungen.

Die Richtung ist ganz klar. Von jenem Standard des Empfindens, bei dem der Anblick der erschlagenen Tiere auf der Tafel und sein Zerlegen unmittelbar als lustvoll, jedenfalls ganz und gar nicht als unangenehm empfunden wird, führt die Entwicklung zu einem anderen Standard, bei dem manfrau die Erinnerung daran, dass das Fleischgericht etwas mit einem getöteten Tier zu tun hat, möglichst vermeidet.

Bei unseren Fleischgerichten wird durch die Kunst der Zubereitung die tierische Form verdeckt. (Chicken Mc Nuggets).

Es wird noch gezeigt werden, wie die Menschen im Laufe der Zivilisationsbewegung alles das zurück zu drängen suchen, was sie an sich selbst als 'tierische Charaktere' empfinden (S. 162).

Das stärkere Verlegen des Peinlichen aus der Sicht der Gesellschaft gilt auch für das Zerlegen des ganzen Tieres. Dieses Zerlegen gehörte im Mittelalter zum gesellschaftlichen Leben der Oberschicht.

Dann wird der Anblick mehr und mehr als peinlich empfunden. Das Peinliche wird hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verlegt.

Charakteristisch diese Figur des Aussondern, dieses 'Hinter die Kulisse Verlegen' des peinlich Gewordenen für den ganzen Vorgang dessen, was wir 'Zivilisation' nennen.

Die Kurve: Zerlegen großer Tiere an der Tafel, Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle gegenüber dem Anblick toter Tiere, Verlagerung des Zerlegens hinter die Kulissen in spezialisierte Enklaven ist typisch für okzidentelle Zivilisation. (In China geschah das schon viel früher).

20070422

Ausbreitungsrichtung von Verhaltensweisen zt-26

Elias präsentiert nun sein empirisches Material über das Verhalten beim Essen (S. 110-132 im Originaltext, bitte siehe Literaturhinweis bzw. Quellenangabe), teilt einige Gedanken zu den Zitaten über die Tischgebräuche und gibt einen Überblick über die Gesellschaften, zu denen die zitierten Schriften sprachen.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Keine einzelnen Menschen haben die Essensgebote ihrer Zeit erfunden. Die Manierenschriften des 16. Jhs. sind Verkörperungen der neuen höfischen Aristokratie, aus Elementen verschiedener sozialer Herkunft.

Menschen die in dem Modell gebenden Kreis selbst leben, brauchen keine Bücher, um zu wissen, wie 'man' sich benimmt. (Geheimnis des engeren höfisch-aristiokratischen Kreises).

Die Ausbreitungsrichtung ist klar, sie kommt dem Bedürfnis des Provinzadels entgegen über die Verhaltensweisen am Hofe Bescheid zu wissen. Weiters ist da auch das Interesse bürgerlicher Spitzenschichten.

Gebräuche, Verhaltensweisen und Moden dringen ununterbrochen vom Hof in die oberen Mittelschichten ein, werden dort nachgeahmt. Damit verlieren sie bis zu einem gewissen Grad ihren Charakter als Unterscheidungsmittel der Oberschicht. Sie werden etwas entwertet.

Das drängt oben zu einer weiteren Verfeinerung und Fortbildung des Verhaltens.

Von diesem Mechanismus: Entwicklung höfischer Gebräuche, Ausbreitung nach unten, leichte soziale Deformation, Entwertung als Unterscheidungsmerkmal, erhält die dauernde Bewegung der Verhaltensweisen in der Oberschicht einen Teil ihrer Antriebe.

Ein bestimmter gesellschaftlicher Dynamismus löst einen bestimmten, seelischen aus, der seine eigenen Gesetze hat.

Im 18. Jahrhundert Zunahme des Reichtums, Auftrieb bürgerlicher Schichten. In der erweiterten höfischen Gesellschaft verkehren höfisch-aristokratische und höfisch-bürgerliche Elemente miteinander. Keine feste Grenze nach unten. Sie sind die Elite des Landes. Der Drang in sie hinein zu gelangen oder wenigstens sie nachzuahmen, wird mit der wachsenden Verflechtung und Wohlhabenheit breiterer Schichten immer größer.

Auch kirchliche Kreise werden zu Popularisatoren der höfischen Gebräuche. Die 'Civilité' wird christlich-religiös unterbaut. Die Kirche erweist sich, als eines der wichtigsten Organe des Transports von Modellen nach unten (Anm: Sie hat Organisation). In den Händen der kirchlichen Körperschaften liegt ein guter Teil der Erziehung und des Unterrichts in Frankreich.

Eine Flut von Civilité Schriften als Hilfsmittel des Elementar Unterrichts. Damit wird der Begriff der 'Civilité' entwertet. Ähnlicher Prozess wie seinerzeit beim Begriff 'Courtoisie' (S. 136).

20070421

Verhaltensänderung in der Renaissance zt-24

Rücken Peinlichkeitsschwelle und Schamgrenze in der Zeit des Erasmus vor? Manfrau könnte es vermuten.

Die Manierenschriften der Humanisten bilden gewissermaßen die Brücke zwischen denen des Mittelalters und denen der neueren Zeit. Auch die Schrift des Erasmus, Gipfelpunkt in der Reihe der humanistischen Manierenschriften hat dieses Doppelgesicht. Sie steht in vielem durchaus im Zuge der mittelalterlichen Tradition.

Aber zugleich sind in ihr offenbar Ansätze zu etwas Neuem enthalten. Mit ihr entwickelt sich allmählich jener Begriff, der den ritterlich-feudalen Begriff von Höflichkeit in den Hintergrund drängte.

Im Laufe des 16. Jhs. tritt der Gebrauch des Begriffes 'courteoisie' in der Oberschicht langsam zurück, der des Begriffes 'civilité' wird häufiger und im 17. Jh. in Frankreich gebräuchlich.

Das ist ein Anzeichen für eine Verhaltensänderung von beträchtlichem Ausmaß. Das Werk des Erasmus steht in vielem noch im Zuge der mittelalterlichen Tradition. Seine Beziehung zur Hinterlassenschaft der Antike ist belegbar.

Erasmus hat einen bestimmten Standard der Sitten vor Augen. Seine Manierenschrift ist auch eine Sammlung von Beobachtungen aus dem Leben der Gesellschaft selbst. Sie ist 'ein wenig das Werk von aller Welt'. Ihr Erfolg, ihre rasche Ausbreitung zeigt, wie sehr sie einem gesellschaftlichen Bedürfnis entsprach, etwas das die Gesellschaft verlangte.

Die Gesellschaft war im Übergang. Bei aller Verbundenheit mit dem Mittelalter ist etwas Neues im Werden. Das was wir als 'Einfalt' empfinden ist verloren gegangen. Manfrau sieht differenzierter, mit stärkerer Zurückhaltung der eigenen Affekte.

Was die Schrift des Erasmus von anderen Manierenschriften unterscheidet, ist der Ton in dem sie geschrieben ist. Hier spricht jemand, der auch seine Erfahrungen niederschreibt. Er ist nicht nur ein Sammler von Sitten und Unsitten sondern hält sich an die gesellschaftliche Wirklichkeit und gewinnt als Nachrichtenquelle über gesellschaftliche Prozesse an Bedeutung.

Das Problem des Verhaltens in der Gesellschaft war in dieser Zeit offenbar so wichtig geworden, dass selbst Menschen von großem Ruf und Begabung die Beschäftigung mit ihm nicht verschmähten. (Seine Schrift war einem Königssohn gewidmet).

Erasmus' Schrift fällt in die Zeit einer sozialen Umgruppierung. Es ist die Phase, in der die alte feudale Adelsschicht noch im Niedergange, die neue höfisch-absolutistische noch in der Bildung begriffen war.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Humanisten, die Vertreter der weltlich-bürgerlichen Intelligenzschicht hatten Chancen des Aufstiegs (Ansehen und geistige Macht zu gewinnen), des Freimuts und der Distanzierung.

Erasmus zeigt das charakteristische Selbstbewusstsein des Intelligenzlers, des durch Geist, Wissen, Schreiben Aufgestiegenen, durch das Buch legitimierten, der auch gegenüber herrschenden Schichten und Meinungen Distanz zu wahren vermag (S. 95).

Es zeigt sich die Verwandtschaft solcher Gedanken mit denen der deutschen Intelligenzschicht des 18. Jhs. mit ihrer Selbstlegitimierung durch Begriffe wie 'Kultur' und 'Bildung'.

Den Rangunterschieden im Benehmen Beachtung zu schenken wird von nun zum Inbegriff der Höflichkeit und zur Grundforderung der 'civilité', wenigstens in Frankreich.

Gabel als Luxus-Instrument zt-23

Vom 16. Jh. ab kommt die Gabel von Italien her zunächst in Frankreich, dann England und Deutschland als Essinstrument in Gebrauch. Die Höflinge Heinrich III. wurden zuerst wegen ihrer 'affektierten' Art zu essen verspottet.

Was wir als selbstverständlich empfinden, musste von der Gesellschaft als Ganzem erst mühsam und langsam erworben und durch formt werden. Noch im 17. Jh. war die Gabel ein Luxusgegenstand der Oberschicht.

Menschen die so miteinander essen, wie es im Mittelalter Brauch war, standen in einer anderen Beziehung zueinander als wir; und zwar nicht nur in der Schicht ihres klar und präzise begründeten Bewusstseins, sondern offenbar hatte ihr emotionales Leben eine andere Struktur und einen anderen Charakter.

Ihr Affekthaushalt war auf Formen der Beziehung und des Verhaltens hin konditioniert, die, entsprechend der Konditionierung in unserer heutigen Welt, als peinlich empfunden werden.

Was dieser courtoisen Welt fehlte oder sich jedenfalls nicht in der gleichen Stärke ausgebildet hatte, war jene unsichtbare Mauer von Affekten, die sich gegenwärtig zwischen Körper und Körper der Menschen, zurückdrängend und trennend, zu erheben scheint (S. 89).

Gutes Benehmen im Mittelalter zt-22

Der mittelalterliche Standard war ganz gewiss kein 'Anfang' oder eine 'unterste Stufe' des Prozesses der 'Zivilisation'. Es war ein anderer Standard als unserer. Und uns interessiert der kleine Weg vom Standard des Mittelalters zum Standard der frühen Neuzeit und zu verstehen, was da eigentlich mit dem Menschen vorging.

Der Standard des guten Benehmens im Mittelalter ist durch den Begriff 'courteoisie' repräsentiert. Dieser Inbegriff des Selbstbewusstseins hieß im englischen courtesy, im italienischen cortezia, im deutschen hövescheit, hübescheit, zuht.

Alle diese Begriffe weisen auf einen bestimmten sozialen Ort hin. Sie sagen: Das ist die Art, wie manfrau sich an den Höfen benimmt. Durch sie bezeichnen zunächst bestimmte Spitzengruppen der weltlichen Oberschicht, nicht etwa der Ritterschaft als Ganzes, sondern in erster Linie die ritterlich-höfischen Kreise um die großen Feudalherren, das, was sie für ihr Gefühl unterscheidet.

Wie sieht dieser Standard aus? Was zeigt sich als typisches Verhalten, als durchgehender Charakter der Vorschriften? Eine Einfalt, eine Naivität. Affekte spielen jäher und unmittelbarer. Wenige psychologische Nuancierungen. Wenig Komplizierungen im Gedankengut. Es gibt Freund-Feind, Lust-Unlust, gute-böse Menschen (S. 79). Triebe und Neigungen sind weniger verhalten als später. Hübsche Leute sind die edlen, die höfischen Leute. Das edle, das 'hoveliche' Benehmen wird immer wieder den 'geburischen siten', dem Verhalten der Bauern gegenübergestellt.

Elementare Vorschriften werden hier zu Erwachsenen gesagt. Merkverse über Sitten und Unsitten sind Zeugnisse für einen bestimmten Standard der Beziehungen von Mensch und Mensch, um Zeugnisse für den Aufbau der mittelalterlichen Gesellschaft und der mittelalterlichen Seelen. Die Verwandtschaft, die zwischen ihnen besteht, ist eine soziogenetische und psychogenetische Verwandtschaft; in den verschieden sprachigen Verhaltensvorschriften. Die Unterschiede treten an Bedeutung gegenüber den Gemeinsamkeiten zurück.

Auch die Bilder von Tafelnden sind Zeugnisse. Wenig Tafelgeschirr. Man bedient sich aus den gemeinsamen Schüsseln. Der Standard der Esstechnik während des Mittelalters entspricht einem ganz bestimmten Standard der menschlichen Beziehungen und der Affektgestaltung (S. 85).

Es ist nicht Armut an Geräten, der diesen Standard aufrecht erhält, sondern manfrau hat ganz einfach nicht das Bedürfnis nach etwas anderem. So zu essen ist selbstverständlich. Es entspricht diesen Menschen. (Ohne Gabel, gemeinsamen Schüsseln, Gläser, Löffel, Messer, Quadra). Am Ausgang des Mittelalters taucht die Gabel als Instrument zum herüber nehmen der Speisen aus der gemeinsamen Schüssel auf.

Die Verhaltensformen beim Essen sind nichts Isolierbares. Sie sind ein charakteristischer Ausschnitt aus dem Ganzen der gesellschaftlich gezüchteten Verhaltensformen. Ihr Standard entspricht einer ganz bestimmten Gesellschaftsstruktur. Welche Struktur ist das?

Das bleibt zu prüfen. Diese Verhaltensformen der mittelalterlichen Menschen waren nicht weniger fest mit ihren gesamten Lebensformen, mit dem Aufbau ihres Daseins verknüpft, als unsere Art des Verhaltens mit unserer Lebensweise und dem Aufbau unserer Gesellschaft (S. 87). Diese Gebräuche sind etwas, das dem Bedürfnis der Menschen entsprach, und das ihnen genau in dieser Form als sinnvoll und notwendig erschien.

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