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20070616

Optimale Macht Maximum Gesellschaftsingenieur zt-60

Der Einherrscher ist als Einzelner an sich viel schwächer als die Gesamtgesellschaft. Seine einzigartige Stellung, seine Herrschaftsfülle erklärt sich daraus, dass die Interessen der Menschen dieser Gesellschaft zum Teil in der gleichen, zum Teil in entgegengesetzter Richtung liegen, dass ihre Aktionen sowohl aufeinander abgestellt, wie gegeneinander gerichtet sind, sie erklärt sich aus der fundamentalen Ambivalenz der sozialen Beziehungen innerhalb eines differenzierten Gesellschaftsverbandes (S. 239 u. 240).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Verschiedene Teile der Gesellschaft halten sich an sozialer Stärke annähernd die Waage; die Spannungen zwischen ihnen kommen in einer Reihe von Kämpfen zum Ausdruck, aber keine Seite kann die andere besiegen oder vernichten; sie können nicht zusammenkommen, weil jede Stärkung der einen Seite die soziale Existenz der anderen bedroht; sie können nicht auseinander,weil ihre soziale Existenz interdependent ist.

Das ist die Situation, die dem König, dem Mann an der Spitze, dem Zentralherrn seine optimale Macht gibt (S. 240).

Sie wäre eine gefährliche Erfindung, wäre sie das Werk eines Gesellschaftsingenieurs.

Aber wie alle sozialen Gebilde, so entsteht auch dieses, diese Königsapparatur, die dem einzelnen Menschen eine besondere Herrschaftsfülle gibt, ganz allmählich und ungeplant im Verlauf der gesellschaftlichen Prozesse.

Wenn ein bestimmter Gesellschaftsaufbau die Chance dazu gibt, erlangt das Zentralorgan jene optimale Stärke, die gewöhnlich in einer starken Einherrschaft ihren Ausdruck findet.

Der relativ große Entscheidungsspielraum kommt dadurch zustande, dass der Zentralherr im Kreuzfeuer der sozialen Spannungen steht und auf den verschieden gerichteten Interessen und Ambitionen spielen kann (S. 242).

(Anm: Nun ja, es gibt gewisse Antezedentien, Divide et impera, dann später Macchiavelli aber der hat die Sache sicher nicht erfunden, so was geschieht halt in einem gewissen historisch - gesellschaftlichen Kontext).

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Unparteilichkeit Machterhaltung Gesellschaftsmechanik zt-59

Eine weitere Gesetzlichkeit der Gesellschaftsmechanik:

Wenn jemand einmal in eine Position des Zentralapparates (eine Stelle der Macht) gelangt ist und sich für einige Zeit dort behauptet, so zwingt sie ihm ihre eigene Gesetzmäßigkeit auf. Sie distanziert ihn mehr oder weniger stark von allen, übrigen Gruppen und Schichten der Gesamtgesellschaft, auch von der Gruppe, die ihn hoch getragen hat, von der Schicht aus der er stammt.

Die Funktion des Zentralherrn ist es über den Zusammenhalt und die Sicherung der ganzen Gesellschaft, wie sie nun einmal besteht, zu wachen und er ist an dem Interessenausgleich zwischen den anderen Funktionsgruppen interessiert (S. 237).

Seine Aufgabe distanziert ihn mehr oder weniger von allen übrigen Funktionsgruppen. Er muss aber auch über die Wahrung seiner eigenen sozialen Existenz und seiner eigenen gesellschaftlichen Stärke wachen.
In diesem Sinne ist er auch Partei innerhalb des gesellschaftlichen Kräftespiels. Seine Interessen sind mit der Sicherheit und dem Funktionieren des ganzen gesellschaftlichen Gefüges verbunden.

Wenn sich der Zentralherr zu stark mit einer der Gruppen identifiziert, wenn die Distanz zwischen ihm und irgendeiner Gruppe sich allzu sehr verringert, ist früher oder später die gesellschaftliche Stärke seiner eigenen Position bedroht.
Denn diese Stärke hängt davon ab, dass ein gewisses Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Gruppen und ein gewisses Maß von Kooperation oder Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Interessen einer Gesellschaft besteht; aber sie hängt auch davon ab, dass starke und ständige Spannungen und Interessengegensätze zwischen ihnen vorhanden sind.

Der Zentralherr untergräbt seine eigene Position sowohl, wenn er seine Machtmittel und seine Unterstützung dazu hergibt, eine einzelne Gruppe seines engeren oder weiteren Gesellschaftskreises auf Kosten der anderen ganz überlegen und stark zu machen.
Die Angewiesenheit auf einen obersten Koordinator schrumpft, wenn eine einzelne Gruppe oder Schicht unzweideutig die Oberhand erlangt oder besitzt, es sei denn, dass diese Gruppe selbst sehr uneinheitlich und von starken Spannungen durchzogen ist.

Und die Position des Zentralherrn schwächt sich, wenn sich die Spannungen zwischen den Hauptgruppen seiner Gesellschaft so verringern, dass sie selbst ihre Kooperation regeln und sich zu gemeinsamen Aktionen verbünden können.

Der Zentralherr und sein Apparat bilden innerhalb seiner Gesellschaft ein Interessenzentrum eigener Art.

Sein Interesse verlangt sowohl eine gewisse Kooperation, wie auch eine gewisse Spannung zwischen deren Teilen.
Seine Stellung hängt also nicht nur von der Art und von der Stärke der Ambivalenz zwischen diesen verschiedenen Formationen der Gesamtgesellschaft ab; seine Beziehung zu jeder dieser Formationen ist selbst ambivalent (S. 239).

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Voraussetzungen Königsmechanismus zt-58

Manfrau muss nun eine Besonderheit der menschlichen Beziehungen ins Auge fassen, die ebenfalls mit der zunehmenden Funktionsteilung in der Gesellschaft immer ausgeprägter hervortritt: Das ist ihre offene oder latente Ambivalenz. In den Beziehungen einzelner Menschen (wie auch in Funktionsschichten) zeigt sich eine spezifische Zwiespältigkeit oder gar eine Vielspältigkeit der Interessen um so stärker, je weiter und reicher gegliedert das Netz der Interdependenzen wird, in das eine einzelne soziale Existenz oder eine ganze Funktionsklasse verflochten ist. Alle Menschen sind hier in irgendeiner Form aufeinander angewiesen; sie sind potentielle Freunde und Verbündete zugleich Interessengegner, Konkurrenten oder Feinde.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator

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Wenn wandernde Nomaden in ein Gebiet einbrechen, dann besteht keine Spur von wechselseitiger funktioneller Angewiesenheit. Hier ungemischte Freundschaften und Feindschaften. Unkomplizierte wechselseitige Angewiesenheit. Funktionelle Ungebundenheit. Rasches Umspringen von entschiedener Freundschaft zu Feindschaft möglich und häufig (S. 231).

Sind aber die gesellschaftlichen Funktionen und Interessen der Menschen weitverzweigter und widerspruchsvoller, begegnet man in ihrem Verhalten und in ihrem Empfinden immer häufiger einer eigentümlichen Spaltung, einem 'Zugleich' von positiven und negativen Elementen, einer Mischung von Zuneigung und Abneigung (beides gedämpft).

Die Möglichkeiten zu einer reinen offenen in keiner Weise ambivalenten Feindschaft werden seltener; und immer spürbarer bedroht jede Aktion gegen einen Gegner zugleich auch in irgendeiner Form die soziale Existenz dessen, der sie unternimmt!

Diese Vielspältigkeit der Interessen ist eine der folgenreichsten Struktureigentümlichkeiten der höher differenzierten Gesellschaften und eine der wichtigsten Prägeapparaturen für das zivilisierte Verhalten (S. 232).

Ambivalent werden die Beziehungen zwischen den verschiedenen Herrschaftseinheiten und auch die Beziehungen zwischen den Staaten.
Jede kriegerische Entladung bedroht das Geflecht der Nationen als Ganzes. Jede rasche und radikale Veränderung in einem Sektor dieses Geflechts führt unweigerlich zu Störungen und Veränderungen in dem/den anderen.
Die unvermeidlichen Vormachtskämpfe werden nun für ein empfindliches Ländersystem immer riskanter. Aber auch durch diese Spannungen und Entladungen hindurch tendiert dieses System langsam zu einem föderativen Zusammenschluss größerer Einheiten um bestimmte Vormachtszentren (S.233).

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