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20070710

Zwang zu Langsicht. Tempo der Zeit. tz-02

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 2

Ausbreitung des Zwangs zur Langsicht und des Selbstzwangs

Der Zivilisationsprozess des Abendlandes ist nach Elias einzigartig, weil sich hier eine Funktionsteilung so hohen Ausmaßes, Gewalt- und Steuermonopole von solcher Stabilität, Interdependenzen und Konkurrenzen über so weite Räume hergestellt haben.

Von der abendländischen Gesellschaft aus hat sich ein Interdependenzgeflecht entwickelt, das nicht nur die Meere weiter umspannt, als irgendein anderes in der Vergangenheit, sondern darüber hinaus auch mächtige Binnenlandsgebiete.

Dem entspricht die Notwendigkeit einer Abstimmung des Verhaltens von Menschen.
Und entsprechend stark ist auch die Selbstbeherrschung, entsprechend der Zwang, die Affektdämpfung und Triebregelung, die das Leben in den Zentren dieses Verflechtungsnetzes notwendig macht.

Eine der Erscheinungen, die diesen Zusammenhang zwischen der Größe und dem inneren Druck des Interdependenzgeflechtes auf der einen und der Seelenlage des Individuums auf der anderen Seite besonders deutlich zeigt, ist das 'Tempo' unserer Zeit.

Dieses 'Tempo' ist nichts anderes, als eine Ausdruck für die Menge der Verflechtungsketten, die sich in jeder einzelnen, gesellschaftlichen Funktion verknoten, und für den Konkurrenzdruck, der aus diesem weiten und dicht bevölkerten Netz heraus jede einzelne Handlung antreibt.

Das Tempo ist ein Ausdruck für die Fülle der Handlungen, die voneinander abhängen, für die Länge und Dichte der Ketten, zu denen sich die einzelnen Handlungen zusammenschließen, wie Teile zu einem Ganzen, und für die Stärke der Wett- oder Ausscheidungskämpfe, die dieses Interdependenzgeflecht in Bewegung halten.

Hier wie dort erfordert die Funktion im Knotenpunkt so vieler Aktionsketten eine genaue Einteilung der Lebenszeit; sie gewöhnt an eine Unterordnung der augenblicklichen Neigungen unter die Notwendigkeiten der weitreichenden Interdependenzen; sie trainiert zu einer Ausschaltung aller Schwankungen im Verhalten und zu einem beständigen Selbstzwang (S. 337, 338).

Das ist der Grund aus dem so viele Menschen mit sich selbst in Kampf geraten, wenn sie pünktlich sein wollen.
Manfrau könnte an der Entwicklung der Zeitinstrumente und des Zeitbewusstseins die Funktionsteilung und Selbstregulierung die dem Einzelnen auferlegt ist ablesen.

Der Trend der Zivilisationsbewegung ist überall der gleiche. Immer drängt die Veränderung zu einer mehr oder weniger automatischen Selbstüberwachung, zur Unterordnung kurzfristiger Regungen unter das Gebot einer gewohnheitsmäßigen Langsicht, zur Ausbildung einer differenzierten und festeren 'Über-Ich'- Apparatur.

Und überall werden zunächst kleinere Spitzenschichten, dann erst breitere Schichten von ihr erfasst.

Es macht einen beträchtlichen Unterschied aus, ob jemand in einer Welt mit dichten Abhängigkeitsbändern gleichsam nur als passives Objekt der Interdependenzen lebt, ob er/sie bloß in Mitleidenschaft gezogen wird von Verflechtungen die die eigene Existenz beeinflussen welche er/sie weder erkennen noch zu verändern vermag oder ob jemand eine Lage und Funktion in der Gesellschaft hat die zu ihrer Bewältigung selbst Langsicht erfordert.
Zunächst sind es in der abendländischen Entwicklung bestimmte Ober- und Mittelschichtfunktionen, die von ihren Inhabern eine solche beständige, aktive Selbstdisziplinierung auf längere Sicht erzwingen. (Z.B. höfische Funktionen in den Herrschaftszentren oder kaufmännische Funktionen in der Handelsverflechtung).

Zu den Besonderheiten des Abendlandes gehört es, dass sich diese Langsicht über breite Schichten ausbreitet.

Auch die Funktionen und die gesellschaftliche Lage der unteren sozialen Schichten erfordert mehr und mehr eine gewisse Langsicht und erzeugt eine Verwandlung und Zurückhaltung die längerfristige Befriedigung auf Kosten der kurzzeitigen versprechen.

Innerhalb jedes Menschengeflechts wirken verschiedene Verkettungen zusammen und es gibt zentrale und dezentrale Sektoren.

Die Funktionen in den zentralen Sektoren (Koordinationsfunktionen) zwingen zu einem beständigeren An-sich-halten. Was der abendländischen Entwicklung ihr besonderes Gepräge gibt, ist die Tatsache, dass in ihrem Verlauf die Abhängigkeit aller von allen gleichmäßiger wird.

In steigendem Maße hängt das höchst differenzierte, höchst arbeitsteilige Getriebe der abendländischen Gesellschaften davon ab, dass auch die unteren, agrarischen und städtischen Schichtungen ihr Verhalten und ihre Tätigkeit aus der Einsicht in langfristigere und fernerliegende Verflechtungen regeln.

Der arbeitsteilige Apparat wird so empfindlich und kompliziert, dass die leitenden, die eigentlich verfügenden Schichten, im Druck der eigenen Ausscheidungskämpfe zu immer größerer Rücksicht auf die breiten Massenschichten genötigt sind.

Die Funktionen erfordern zu ihrer Bewältigung eine größere Langsicht. Sie gewöhnen meist unter einem starken gesellschaftlichen Druck, schrittweise an eine Zurückhaltung der augenblicklichen Affekte, an eine Disziplinierung des Gesamtverhaltens aus einer weiterreichenden Einsicht in die Verflechtungen des Ganzen.

Damit wird auch das Verhalten der ehemaligen Unterschichten in eine Richtung gedrängt, die sich zunächst auf die abendländischen Oberschichten beschränkte

Es wächst ihre gesellschaftliche Stärke, aber auch das Training zur Langsicht.
So breiten sich innerhalb der abendländischen Gesellschaft selbst noch beständig Zivilisationsstrukturen aus; so tendiert zugleich das ganze Abendland, Unterschichten und Oberschichten zusammen, dahin, eine Art von Oberschicht und Zentrum eines Verflechtungsnetzes zu werden, von dem sich Zivilisationsstrukturen über weite Teile des Erdballs hin ausbreiten.

Erst die Einsicht, dass wir selbst noch mitten im Wellengang, mitten in den Krisen einer solchen Zivilisationsbewegung stehen, nicht an deren Ende, sie erst rückt 'Zivilisation' ins rechte Licht.

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20070624

Soziogenese des Steuermonopols, Entstehung von Steuern zt-65

Der rückblickende Betrachter kann sich kaum noch vergegenwärtigen, dass sich dieses absolutistische Königtum und dieser zentralisierte Herrschaftsapparat früher einmal ganz allmählich, als etwas Neues aus der mittelalterlichen Welt heraus hob. Der Versuch diesen Aspekt zurückzugewinnen gibt die Möglichkeit zu einem Verständnis für das, was da vor sich gegangen ist (S. 279).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Linie der Umbildung:

Der Landbesitz einer Kriegerfamilie, ihre Verfügungsgewalt über bestimmte Böden und ihr Anspruch auf Naturalabgaben oder Dienste verschiedener Art von den Menschen, die auf diesen Böden leben, verwandelt sich mit der fortschreitenden Funktionsteilung und im Laufe vieler Ausscheidungs- oder Konkurrenzkämpfe in eine zentralisierte Verfügung über die militärischen Machtmittel und über regelmäßige Geldabgaben oder Steuern eines weit größeren Gebietes (S. 279).

Niemand darf jetzt innerhalb dieses Gebietes Waffen und Befestigungswerke benutzen oder körperliche Gewalt in irgendeiner Art anwenden, ohne die Erlaubnis des Zentralherrn; das ist etwas sehr Neues in einer Gesellschaft, in der ursprünglich eine ganze Schicht von Menschen je nach ihren Einkünften und ihrem Belieben Waffen benutzen und körperliche Gewalt anwenden konnte.

Und jedermann, von dem es der Zentralherr verlangt, ist jetzt gehalten, regelmäßig einen bestimmten Teil seiner Geldeinahmen oder seines Geldbesitzes an den Zentralherrn abzuführen. Das ist erst recht etwas Neues, gemessen an dem, was ursprünglich in der mittelalterlichen Gesellschaft Brauch ist.

In der vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaft empfindet man das als etwas vollkommen Unerhörtes; man steht zu solchen Maßnahmen nicht sehr viel anders als zu Raubzügen oder zum Nehmen von Zins (S. 280). Zunächst waren wahrscheinlich kirchliche Institute wegen ihres großen Geldbesitzes von solchen Maßnahmen betroffen.

Immer wieder werden Zwangsabgaben verlangt. Die Geldabgaben, die die Könige verlangen, bedeuten in dieser relativ geldarmen Gesellschaft in der Tat etwas anderes als die Steuern in einer stärker kommerzialisierten Gesellschaft.

Niemand rechnete mit ihnen, der Marktverkehr und das ganze Preisniveau ist in keiner Weise auf sie eingestellt; sie kommen gewissermaßen aus heiterem Himmel als etwas Außergewöhnliches und Unerwartetes und führen dementsprechend zum Ruin einer ganzen Reihe von Existenzen (S. 281) und zu heftigen Erregungen.

Die allgemeine Vorstellung, auch der Könige selbst ist, dass die Territorialherren sich von ihrem Dominialbesitz erhalten müssen. Jeder Territorialherr verlangt bestimmte Abgaben, wenn sein Sohn zum Ritter geschlagen wird, seine Tochter heiratet, braucht Lösegeld bei Gefangenschaft.
Das sind die ursprünglichen feudalen Geldbeihilfen die 'aides féodales' und die Könige verlangen diese ebenfalls. Geldforderungen darüber hinaus haben keine Grundlage im Brauch; sie haben ein ähnliches Ansehen wie Raub und Erpressung (S. 282).

Im 12. u. 13. Jahrhundert beginnt sich langsam eine weitere Form der fürstlichen Geldbeschaffung einzubürgern. Die Städte wachsen. Die Bürger haben sich mit der Waffe ihre Stadtfreiheit erkämpft. Nun kommt der Brauch auf, auch die Stadtbewohner, die 'Bourgeois', zu Kriegsdiensten heranzuziehen.

Die Stadtbewohner ziehen es aber bald vor, dem Territorialherren statt der Kriegsdienste Geld anzubieten, damit er sich Krieger mieten kann. Sie kommerzialisieren die Kriegsdienste und Königen wie Feudalherren ist das nicht unwillkommen. So wird aus diesen städtischen Geldzahlungen zur Ablösung der Kriegsdienste ziemlich rasch ein fester Brauch oder eine Institution.

Dieser Brauch wird als eine weitere Form der feudalen Beihilfe verstanden. Diese gelegentlichen Geldabgaben zahlt niemand, der sich nicht mittelbar oder unmittelbar dazu gezwungen fühlt. Die Könige können und wollen nicht allzu starken Widerstand erregen, dazu ist die gesellschaftliche Stärke der Königsfunktion noch nicht groß genug. Auf der anderen Seite brauchen sie für Konkurrenzkämpfe, für ihre Funktion, ihre Selbstbehauptung immer wieder Geldbeträge, immer größere Geldbeträge, die sie sich nur durch solche 'Beihilfen' beschaffen können. Ihre Maßnahmen wechseln.

Manfrau spürt bei allem Hin und Her dass die gesellschaftliche Stärke des Königtums ständig im Wachsen ist, und mit diesem Wachstum bekommen die Geldabgaben allmählich einen anderen Charakter (S. 284).

1292 wird eine Abgabe von 1 Denier für jedes Pfund verkaufter Waren vom König verlangt, in den nächsten Jahren erhöht. Die Feudalherren sind höchst empört. Die Krieger fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. 1314 kommt es zu offenem Widerstand (der König brauchte Geld für einen Flandernfeldzug).

Die Adligen und Nichtadligen schlossen sich durch einen Eid zur Aufrechterhaltung ihrer Freiheiten und der des Vaterlandes zusammen. Die Erregung ist so groß, dass sich Städte und Feudalherren gegen den König verbinden.

Hier kann manfrau den Grad der Interessenverschiedenheit messen, die Stärke der Spannung die hier besteht. Die Einigkeit der Stände hält nicht lange, weil wechselseitiges Misstrauen.
Erschütterungen im Innern des Herrschaftsgebietes sind nicht ohne Gefahr für die Führung des Konkurrenzkampfes mit den äußeren Rivalen (S. 286).

Im Laufe des hundertjährigen Krieges wird der Krieg zu einer Dauererscheinung und mit ihm werden es die Geldabgaben, die der Zentralherr zu seiner Führung braucht.

Die Könige selbst haben nicht eigentlich die allgemeine Absicht 'ihre Steuermacht zu vergrößern', sie wollen von Fall zu Fall möglichst viel Geld aus ihrem Herrschaftsgebiet herausholen, es sind bestimmte Aufgaben, die sie drängen.

Kein einzelner Mensch hat die Steuern oder das Steuermonopol geschaffen; kein einzelner und auch keine Reihe von einzelnen durch die Jahrhunderte hat nach einem festgelegten Plan auf dieses Ziel hingearbeitet.

Die Steuern, wie jede andere Institution, ist ein Produkt der gesellschaftlichen Verflechtung. Sie entstehen aus dem Ringen der verschiedenen sozialen Gruppen und Interessen bis schließlich, mehr oder weniger spät, das Instrument, das sich da in einem ständigen Erproben der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse entwickelt hat, von den Interessierten immer bewusster und planmäßiger zu einer festgefügten Organisation oder Institution ausgebaut wird.

Auf diese Weise verwandeln sich die gelegentlichen Beihilfen an den Guts- oder Territorialherren (für einen bestimmten Kriegszug oder als Lösegeld, oder Ausstattung oder..) in regelmäßige Geldabgaben. Es gibt nun nach 1328 eine ganze Reihe von 'Experimenten' vorübergehende Beihilfen einzuziehen.

Dieser Zustrom von Geldern in die Kasse des Königs führt langsam aber sicher zu einer außerordentlichen Stärkung der Zentralfunktion. Jeder der Stände stemmt sich dagegen. Aber die Vielspältigkeit der Interessen schwächt diesen Widerstand.
Die Bedrohung von außen macht diese noch wenig interdependente, wenig einheitliche Gesellschaft auf den König, als obersten Koordinator und auf seinen Herrschaftsapparat angewiesen. Jahr für Jahr immer wieder neue 'außerordentliche Beihilfen' für den Krieg, der nicht endet (S. 289).

Nun vollzieht sich schon eine gewisse Anpassung des Marktverkehrs an solche Abgaben. In dieser Zeit des hundertjährigen Krieges, in der die 'Aides' langsam zu Dauererscheinungen werden, bilden sich auch spezielle Amtsfunktionen (zwei oberste Verwalter) heraus, die dem Einziehen und der damit verbundenen Gerichtsbarkeit (gerichtlichen Fragen) gewidmet sind.

Das ist die erste Erscheinung dessen, was später durch das ganze 'ancien régime' hin eines der wichtigsten Organe der Steuerverwaltung bleibt (Chambre oder Cour des Aides). Hier in den Jahren 1370-1380 ist sie noch im Prozess der Bildung.

Jedesmal, wenn das Königtum sich unter dem Widerstand von Bevölkerungsteilen einschränken muss, treten auch diese Amtsfunktionen zurück. Ihr Bestand und die Kurve ihres Wachstums ist ein ziemlich genauer Gradmesser für die gesellschaftliche Stärke der Zentralfunktion und des Zentralapparates im Verhältnis zu Adel, Klerus und den städtischen Schichten (S. 291).
Die Not wächst im Stillen; mit ihr auch die Unzufriedenheit.

Selbst für den König haben die Abgaben noch den Geruch des Unberechtigten und führen zu Gewissensbissen. 1380 revoltieren die Städte, die Königsbeamten die 'aides' einziehen werden verjagt. Das Finanzsystem wird geopfert.

Es spricht für die gesellschaftliche Stärke, die der Zentralapparat und die Königsfunktion in dieser Zeit tatsächlich schon besitzt, dass die verlorene Position verhältnismäßig schnell wieder gewonnen wird.
Die Chancen, die sich bei diesem Aufbau und bei dieser Lage der französischen Gesellschaft mit der Königsfunktion verbinden, sind bereits so groß, dass das Königtum an gesellschaftlicher Stärke zunehmen kann, selbst wenn der König persönlich schwach oder ganz unbedeutend ist.

Die Angwiesenheit der Gruppen und der Schichten dieser Gesellschaft auf einen obersten Koordinator wächst mit ihrer Interdependenz und sie wächst erst recht unter dem Druck einer Kriegsgefahr. Und so liefern sie dem König bald wieder die Mittel, die zur Kriegsführung notwendig sind; aber sie liefern damit zugleich auch dem Königtum die Mittel zu ihrer eigenen Beherrschung (S. 293).

1382 ist das Königtum wieder in der Lage den Städten, den Hauptzentren des Widerstandes, die Abgaben, die es für nötig hält zu diktieren. Die Frage der Abgaben steht im Zentrum der städtischen Aufstandsbewegung des Jahres 1382.

Im Kampf um die Abgaben und die Verteilung der Lasten wird die ganze Macht- und Herrschaftsverteilung erprobt und entschieden. Die städtischen Notabeln haben das Ziel sich die Mitbestimmung bei der Erhebung und Verteilung der Abgaben von einem zentralen Punkt aus zu sichern. In den Städten selbst gehen die Interessen der verschiedenen Schichten bei aller Verflechtung sehr in verschiedene Richtungen.

Es gibt eine privilegierte Oberschicht (eigentliche Bourgeoisie in städtischen Ämtern), eine Mittelschicht (Kleinbürgertum, Handwerker, Gewerbetreibende) und die Masse der Gesellen und Arbeiter (das 'Volk').

Auch hier bilden die Steuern den Knotenpunkt an dem Gegensätze deutlich zutage treten. Der Aufruhr ist den Oberen zuerst nicht unwillkommen, richtet sich aber dann gegen die Begüterten der Stadt selbst. Die städtische Oberschicht flieht und das Eintreffen der königlichen Truppen bedeutet meistens die Rettung.

Diese Kämpfe enden mit einer weiteren Gewichtsverschiebung zugunsten des Zentralapparates und des Königtums. Die Haupträdelsführer werden getötet, andere mit Geldstrafen bestraft.
Den Städten als Ganzes werden hohe Geldabgaben auferlegt, die festen Königsburgen verstärkt und von 'gens d'armes' besetzt und die städtischen Freiheiten werden beschränkt.
Die lokalen Stadtverwaltungen werden langsam königlichen Beamten unterstellt, bis auch sie im wesentlichen Organe des königlichen Herrschaftsapparates sind; damit reicht die Stufenleiter des zentralen Herrschaftsapparates, deren Stelleninhaber die Spitzengruppe des Bürgertums bilden, von den Ministerposten und den höchsten Gerichtsämtern bis zu den Stellen der Bürger- und Zunftmeister.
Die Frage der Abgaben ist entschieden, sie werden nun von der Zentrale diktiert.

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20070616

Monetarisierung Kommerzialisierung Privilegien Königsmechanismus zt-61

Der Antagonismus hat gewiss nicht die Form eines bewussten Kampfes. Was den Ausschlag gibt, was die Spannungen produziert, sind auch hier weit weniger Pläne und bewusst gesetzte Kampfziele, als anonyme Verflechtungsmechanismen.

Es sind weit mehr die Mechanismen der vordringenden Monetarisierung und Kommerzialisierung, als bewusste Anschläge bürgerlich-städtischer Kreise, die am Ausgang des Mittelalters das Gros der ritterlichen Feudalherren bergab drängen (S. 242).
(Anm: Also hier: Sein bestimmt Bewusstsein :-).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Die Frage war: Wie war es möglich, dass sich eine absolutistische Zentralgewalt heran bildete, obwohl die Zentralherren nicht weniger abhängig waren von der ganzen funktionsteiligen Maschinerie, wie die Inhaber andere Stellen?

Das Schema des Königsmechanismus gibt die Antwort: Nicht mehr die militärische Stärke, nicht mehr die Größe der Besitztümer und Einnahmen allein können die gesellschaftliche Stärke des Zentralherren in dieser Phase erklären, sondern es bedarf überdies noch einer besonderen Kräfteverteilung im Inneren der Gesellschaft (S. 243).

Die gesellschaftliche Institution des Königtums erlangt ihre größte gesellschaftliche Stärke in jener Phase der Gesellschaftsgeschichte, in der ein schwächer werdender Adel mit aufsteigenden bürgerlichen Gruppen rivalisieren muss.
Die rascher fortschreitende Monetarisierung und Kommerzialisierung des 16. Jahrhunderts gibt bürgerlichen Gruppen einen mächtigen Auftrieb und drückt den Adel beträchtlich herab.
Am Ende der sozialen Kämpfe ist die Interdependenz zwischen Teilen des Adels und Teilen des Bürgerstandes beträchtlich größer geworden (S. 244).

Das Ziel des Bürgerstande war nicht die Beseitigung des Adels (wie dann 1789) als gesellschaftliche Institution, sondern es war selbst Adelstitel mit seinen Privilegien zu erlangen. Sie wollen den Adel nicht als solches beseitigen sondern bestenfalls als neuer Adel an die Stelle oder neben den alten Adel treten.
Die Spitzengruppe 'Noblesse de robe' betont während des 17. u. 18. Jahrhunderts, dass ihr Adel ein ebenso guter, wichtiger und echter Adel ist wie der des Schwertadels (S. 244).

Das Bürgertum war in jener Phase nicht die gleiche Formation wie heute, so eine Art selbstständiger Kaufleute.
Der sozial einflussreichste repräsentative Vertreter des Bürgertums im 17. u. 18. Jahrhundert war der bürgerliche Fürsten- oder Königsdiener, dessen Vorfahren gewiss Kaufleute waren, der aber selbst nun eine amtsähnliche Stellung innerhalb des Herrschaftsapparates bekleidet.

Bevor kaufmännische Schichten selbst die Spitzengruppe des Bürgertums bildeten, stehen hier zunächst an der Spitze des dritten Standes Beamte, Männer der Robe, die das Bürgertum in den Ständeversammlungen vertreten.

In Frankreich ist dieser Bürger eine Mischung von Rentier und Beamter, der seine Stelle im Staatsapparat als Besitztum gekauft oder von seinem Vater ererbt hat. Auf Grund dieser Amtsstellung genießt er eine Reihe von Privilegien z.B. Steuerfreiheit (S. 245).

Gemeinsam ist dem dritten Stand (1.= Klerus, 2. = Adel) vor allem ein Interesse: Das Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer verschiedenen Privilegien. Denn durch Sonderrechte, durch Privilegien ist nicht nur die soziale Existenz des Adligen oder des Amtsinhabers ausgezeichnet; auf Privilegien ruht auch die Existenz des Kaufmanns in dieser Zeit ab; von Privilegien hängt der Bestand des Zunfthandwerks ab.

Bis in die Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein ist das Bürgertum, wie der Adel selbst, eine ständische, durch Sonderrechte charakterisierte und aufrecht erhaltene Formation.

Hier stößt man jetzt auf jene Verflechtungsmaschinerie, kraft derer dieses Bürgertum niemals zu einem entscheidenden Schlag gegen den Adel (den Gegenspieler) ausholen kann. Es kann und will auch niemals die gesellschaftliche Institution der Privilegien selbst beseitigen, denn seine eigene soziale Existenz, an deren Erhaltung ihm alles liegt, wird ebenfalls durch Privilegien aufrecht erhalten und geschützt (S. 246).

Erst, wenn immer stärker im Zellenaufbau der Gesellschaft bürgerliche Existenzen hervortreten, deren gesellschaftliche Basis nicht mehr ständische Privilegien sind, dann erst sind die sozialen Kräfte vorhanden, die den Adel entschieden bekämpfen können, die nicht nur einzelne Adelsprivilegien sondern das gesellschaftliche Institut der Adelsprivilegien selbst beseitigen wollen (S. 246, 247).

In der Tat ist die Revolution von 1789 nicht einfach ein Kampf des Bürgertums gegen den Adel. Durch sie wird die soziale Existenz des ständischen Bürgertums, voran die der Robe, der privilegierten Amtsinhaber des dritten Standes und auch die des alten, ständischen Zunfthandwerkes ganz ebenso vernichtet, wie die des Adelsstandes.

Vorher sind im Zeitalter des Absolutismus die politisch relevanten Teile des Bürgertums bis zum Hervortreten eines neuen, nicht ständischen Bürgertums völlig an den Bestand und die spezifische Balance einer ständischen Ordnung gebunden (S. 247).

Die gewichtigste Spannungsachse zwischen Adel und Bürgertum ist noch in eine Fülle von anderen, nicht weniger ambivalenten eingebettet.

Weltliche Ämterhierarchie via kirchlicher Ämterhierarchie.

Ein multipolares Balancesystem.

Der König oder sein Stellvertreter lenkt und steuert dieses Getriebe, indem er sein Gewicht bald in der einen, bald in der anderen Richtung einsetzt (Bild des Tauziehens).

Und seine gesellschaftliche Stärke ist eben deswegen so groß, weil die strukturelle Spannung zwischen den Hauptgruppen dieses Gesellschaftsgeflechts zu stark ist, um ein zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen den König zu gelangen. Alle Versuche dieser Art scheitern im 16. u. im frühen 17. Jahrhundert (S. 249).

Jede der Richtungen möchte vielmehr das Königtum zu ihren Gunsten beschränken und jede von ihnen ist gerade stark genug, um zu verhindern, dass das einer anderen gelingt.
Sie halten sich gegenseitig in Schach und finden sich dementsprechend am Ende wieder resigniert in gemeinsamer Abhängigkeit von einem starken König (S. 250).

Die Gegensätze zwischen den beiden Hauptgruppen sind zu groß, um einen entscheidenden Kompromiss zwischen ihnen wahrscheinlich zu machen. So, unfähig sich zu einigen, unfähig, sich mit voller Kraft zu bekämpfen und zu besiegen, müssen sie einem Zentralherrn alle jene Entscheidungen überlassen, die sie selbst nicht herbeiführen können (S. 250).

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Optimale Macht Maximum Gesellschaftsingenieur zt-60

Der Einherrscher ist als Einzelner an sich viel schwächer als die Gesamtgesellschaft. Seine einzigartige Stellung, seine Herrschaftsfülle erklärt sich daraus, dass die Interessen der Menschen dieser Gesellschaft zum Teil in der gleichen, zum Teil in entgegengesetzter Richtung liegen, dass ihre Aktionen sowohl aufeinander abgestellt, wie gegeneinander gerichtet sind, sie erklärt sich aus der fundamentalen Ambivalenz der sozialen Beziehungen innerhalb eines differenzierten Gesellschaftsverbandes (S. 239 u. 240).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Verschiedene Teile der Gesellschaft halten sich an sozialer Stärke annähernd die Waage; die Spannungen zwischen ihnen kommen in einer Reihe von Kämpfen zum Ausdruck, aber keine Seite kann die andere besiegen oder vernichten; sie können nicht zusammenkommen, weil jede Stärkung der einen Seite die soziale Existenz der anderen bedroht; sie können nicht auseinander,weil ihre soziale Existenz interdependent ist.

Das ist die Situation, die dem König, dem Mann an der Spitze, dem Zentralherrn seine optimale Macht gibt (S. 240).

Sie wäre eine gefährliche Erfindung, wäre sie das Werk eines Gesellschaftsingenieurs.

Aber wie alle sozialen Gebilde, so entsteht auch dieses, diese Königsapparatur, die dem einzelnen Menschen eine besondere Herrschaftsfülle gibt, ganz allmählich und ungeplant im Verlauf der gesellschaftlichen Prozesse.

Wenn ein bestimmter Gesellschaftsaufbau die Chance dazu gibt, erlangt das Zentralorgan jene optimale Stärke, die gewöhnlich in einer starken Einherrschaft ihren Ausdruck findet.

Der relativ große Entscheidungsspielraum kommt dadurch zustande, dass der Zentralherr im Kreuzfeuer der sozialen Spannungen steht und auf den verschieden gerichteten Interessen und Ambitionen spielen kann (S. 242).

(Anm: Nun ja, es gibt gewisse Antezedentien, Divide et impera, dann später Macchiavelli aber der hat die Sache sicher nicht erfunden, so was geschieht halt in einem gewissen historisch - gesellschaftlichen Kontext).

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Herrschaft Herrschaftsgewalt gesellschaftliche Stärke zt-56

In der neueren Geschichte ist es manchmal schwer unzweideutig festzustellen, wer die Herrscher und wer die Beherrschten sind. Der Entscheidungsspielraum, der sich mit den Zentralfunktionen verbindet, wechselt.

An den Zentralorganen sind, wie an jeder anderen gesellschaftlichen Formation, zwei Charaktere zu unterscheiden:
Ihre Funktion innerhalb des Menschengeflechts dem sie angehören, und die gesellschaftliche Stärke, die sich jeweils mit dieser Funktion verbindet.

Was wir 'Herrschaft' nennen, ist in einer hohen differenzierten Gesellschaft nichts anderes als die besondere gesellschaftliche Stärke, die bestimmte Funktionen, die vor allem die Zentralfunktionen ihren Inhabern im Verhältnis zu den Inhabern anderer Funktionen verleihen.

Die gesellschaftliche Stärke aber bestimmt sich bei den obersten Zentralfunktionen einer hochdifferenzierten Gesellschaft ganz in der gleichen Weise, wie bei allen andere Funktionen:
Sie entspricht allein dem Maß von Angewiesenheit der verschiedenen, interdependenten Funktionen aufeinander.
Dass die 'Herrschaftsgewalt' der Zentralfunktionäre größer wird (bei hoher Funktionsteilung) ist ein Ausdruck dafür, dass die Angewiesenheit anderer Gruppen und Schichten innerhalb dieses Verbandes auf ein oberstes Koordinations- und Regulationsorgan steigt.

Die Veränderungen in der gesellschaftlichen Stärke der Zentralfunktionäre, sind sichere Anzeichen für spezifische Veränderungen der Spannungsverhältnisse im Innern der ganzen Gesellschaft.

Es ist also eine bestimmte Anordnung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, die die Stellung der Zentralgewalt in ihrer Mitte stärkt, eine andere, die sie schwächt (S. 227 u. 228).

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