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20070625

Ancien Regime Aufbau absolutistische Gesellschaft zt-67

Die weltliche Gesellschaft des französischen ancien régime besteht aus zwei Sektoren (ländlich-agrarischer und städtisch-bürgerlicher).

In beiden gibt es eine Unterschicht (Bauern und städtische Masse der Gesellen, Arbeiter).

In beiden gibt es eine Mittelschicht (Land-, Provinzadel und wohlhabende Kaufleute, Gerichts- und Verwaltungsbeamte).

In beiden gibt es eine Spitzenschicht (Höfischer Adel (noblesse d'épée) und die hohe Beamtenschaft (noblesse de robe).

Der König hält das Spannungsgleichgewicht mit Sorgfalt aufrecht. Er sichert die Privilegien und das gesellschaftliche Prestige des Adels gegenüber der wachsenden, ökonomischen Stärke bürgerlicher Gruppen.
Er verwendet einen Teil des Sozialprodukts zur Ausstattung der adligen Spitzenschicht (S. 310).

Nicht lange vor der Revolution tritt die Forderung nach Beseitigung der Adelsprivilegien in den Vordergrund. Darin ist ganz unmittelbar auch die Forderung nach einer anderen Handhabung des Steuermonopols und der Steuererträge enthalten.

Eine Beseitigung der Adelsprivilegien heißt auf der einen Seite: Abschaffung der Steuerfreiheit des Adels, also eine andere Verteilung der Steuerlasten; es heißt auf der anderen Seite: Abschaffung oder Verringerung der vielen Hofämter, Vernichtung des funktionslosen Adels und damit eine andere Verteilung der Steuererträge.

Somit eine Verteilung nicht mehr im Sinne des Königs, sondern mehr im Sinne des funktionsteiligen Ganzen der Gesellschaft oder zunächst wenigstens im Sinne des höheren Bürgertums selbst.

Die Beseitigung der Adelsprivilegien bedeutet auch die Vernichtung der bisherigen Position des Zentralherrn als Waagehalter zwischen den beiden Ständen in ihrer bestehenden Rangordnung.

Die Zentralherrn der folgenden Periode balancieren auf einem anderen Spannungsgeflecht (S. 311).

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20070616

Monetarisierung Kommerzialisierung Privilegien Königsmechanismus zt-61

Der Antagonismus hat gewiss nicht die Form eines bewussten Kampfes. Was den Ausschlag gibt, was die Spannungen produziert, sind auch hier weit weniger Pläne und bewusst gesetzte Kampfziele, als anonyme Verflechtungsmechanismen.

Es sind weit mehr die Mechanismen der vordringenden Monetarisierung und Kommerzialisierung, als bewusste Anschläge bürgerlich-städtischer Kreise, die am Ausgang des Mittelalters das Gros der ritterlichen Feudalherren bergab drängen (S. 242).
(Anm: Also hier: Sein bestimmt Bewusstsein :-).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Die Frage war: Wie war es möglich, dass sich eine absolutistische Zentralgewalt heran bildete, obwohl die Zentralherren nicht weniger abhängig waren von der ganzen funktionsteiligen Maschinerie, wie die Inhaber andere Stellen?

Das Schema des Königsmechanismus gibt die Antwort: Nicht mehr die militärische Stärke, nicht mehr die Größe der Besitztümer und Einnahmen allein können die gesellschaftliche Stärke des Zentralherren in dieser Phase erklären, sondern es bedarf überdies noch einer besonderen Kräfteverteilung im Inneren der Gesellschaft (S. 243).

Die gesellschaftliche Institution des Königtums erlangt ihre größte gesellschaftliche Stärke in jener Phase der Gesellschaftsgeschichte, in der ein schwächer werdender Adel mit aufsteigenden bürgerlichen Gruppen rivalisieren muss.
Die rascher fortschreitende Monetarisierung und Kommerzialisierung des 16. Jahrhunderts gibt bürgerlichen Gruppen einen mächtigen Auftrieb und drückt den Adel beträchtlich herab.
Am Ende der sozialen Kämpfe ist die Interdependenz zwischen Teilen des Adels und Teilen des Bürgerstandes beträchtlich größer geworden (S. 244).

Das Ziel des Bürgerstande war nicht die Beseitigung des Adels (wie dann 1789) als gesellschaftliche Institution, sondern es war selbst Adelstitel mit seinen Privilegien zu erlangen. Sie wollen den Adel nicht als solches beseitigen sondern bestenfalls als neuer Adel an die Stelle oder neben den alten Adel treten.
Die Spitzengruppe 'Noblesse de robe' betont während des 17. u. 18. Jahrhunderts, dass ihr Adel ein ebenso guter, wichtiger und echter Adel ist wie der des Schwertadels (S. 244).

Das Bürgertum war in jener Phase nicht die gleiche Formation wie heute, so eine Art selbstständiger Kaufleute.
Der sozial einflussreichste repräsentative Vertreter des Bürgertums im 17. u. 18. Jahrhundert war der bürgerliche Fürsten- oder Königsdiener, dessen Vorfahren gewiss Kaufleute waren, der aber selbst nun eine amtsähnliche Stellung innerhalb des Herrschaftsapparates bekleidet.

Bevor kaufmännische Schichten selbst die Spitzengruppe des Bürgertums bildeten, stehen hier zunächst an der Spitze des dritten Standes Beamte, Männer der Robe, die das Bürgertum in den Ständeversammlungen vertreten.

In Frankreich ist dieser Bürger eine Mischung von Rentier und Beamter, der seine Stelle im Staatsapparat als Besitztum gekauft oder von seinem Vater ererbt hat. Auf Grund dieser Amtsstellung genießt er eine Reihe von Privilegien z.B. Steuerfreiheit (S. 245).

Gemeinsam ist dem dritten Stand (1.= Klerus, 2. = Adel) vor allem ein Interesse: Das Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer verschiedenen Privilegien. Denn durch Sonderrechte, durch Privilegien ist nicht nur die soziale Existenz des Adligen oder des Amtsinhabers ausgezeichnet; auf Privilegien ruht auch die Existenz des Kaufmanns in dieser Zeit ab; von Privilegien hängt der Bestand des Zunfthandwerks ab.

Bis in die Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein ist das Bürgertum, wie der Adel selbst, eine ständische, durch Sonderrechte charakterisierte und aufrecht erhaltene Formation.

Hier stößt man jetzt auf jene Verflechtungsmaschinerie, kraft derer dieses Bürgertum niemals zu einem entscheidenden Schlag gegen den Adel (den Gegenspieler) ausholen kann. Es kann und will auch niemals die gesellschaftliche Institution der Privilegien selbst beseitigen, denn seine eigene soziale Existenz, an deren Erhaltung ihm alles liegt, wird ebenfalls durch Privilegien aufrecht erhalten und geschützt (S. 246).

Erst, wenn immer stärker im Zellenaufbau der Gesellschaft bürgerliche Existenzen hervortreten, deren gesellschaftliche Basis nicht mehr ständische Privilegien sind, dann erst sind die sozialen Kräfte vorhanden, die den Adel entschieden bekämpfen können, die nicht nur einzelne Adelsprivilegien sondern das gesellschaftliche Institut der Adelsprivilegien selbst beseitigen wollen (S. 246, 247).

In der Tat ist die Revolution von 1789 nicht einfach ein Kampf des Bürgertums gegen den Adel. Durch sie wird die soziale Existenz des ständischen Bürgertums, voran die der Robe, der privilegierten Amtsinhaber des dritten Standes und auch die des alten, ständischen Zunfthandwerkes ganz ebenso vernichtet, wie die des Adelsstandes.

Vorher sind im Zeitalter des Absolutismus die politisch relevanten Teile des Bürgertums bis zum Hervortreten eines neuen, nicht ständischen Bürgertums völlig an den Bestand und die spezifische Balance einer ständischen Ordnung gebunden (S. 247).

Die gewichtigste Spannungsachse zwischen Adel und Bürgertum ist noch in eine Fülle von anderen, nicht weniger ambivalenten eingebettet.

Weltliche Ämterhierarchie via kirchlicher Ämterhierarchie.

Ein multipolares Balancesystem.

Der König oder sein Stellvertreter lenkt und steuert dieses Getriebe, indem er sein Gewicht bald in der einen, bald in der anderen Richtung einsetzt (Bild des Tauziehens).

Und seine gesellschaftliche Stärke ist eben deswegen so groß, weil die strukturelle Spannung zwischen den Hauptgruppen dieses Gesellschaftsgeflechts zu stark ist, um ein zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen den König zu gelangen. Alle Versuche dieser Art scheitern im 16. u. im frühen 17. Jahrhundert (S. 249).

Jede der Richtungen möchte vielmehr das Königtum zu ihren Gunsten beschränken und jede von ihnen ist gerade stark genug, um zu verhindern, dass das einer anderen gelingt.
Sie halten sich gegenseitig in Schach und finden sich dementsprechend am Ende wieder resigniert in gemeinsamer Abhängigkeit von einem starken König (S. 250).

Die Gegensätze zwischen den beiden Hauptgruppen sind zu groß, um einen entscheidenden Kompromiss zwischen ihnen wahrscheinlich zu machen. So, unfähig sich zu einigen, unfähig, sich mit voller Kraft zu bekämpfen und zu besiegen, müssen sie einem Zentralherrn alle jene Entscheidungen überlassen, die sie selbst nicht herbeiführen können (S. 250).

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20070504

Konvergenz Sozialismus Offene Gesellschaft sk-23

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Anmerkung: Manche der Befunde hier mögen etwas antiquiert erscheinen. Allerdings 'wiederholt die Geschichte sich' einerseits und andererseits haben wir auf der Erde in den verschiedenen Staaten/Regionen äußerst unterschiedliche 'Entwicklungslagen'.
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Das Bild einer friedlichen industriellen Gesellschaft ist irreführend. Zu Raymond Arons Zeiten der kalte Krieg, Konflikt der Systeme. Aron war führender Theoretiker von Krieg und Frieden und den Gesetzen der internationalen Politik.

Arons (Achtzehn Vorlesungen) handelt von der entwickelten Welt überhaupt (OECD und Sowjetunion). Aron geht aus von Clarks und Fourastiés These des Überganges von primären zu sekundären zu tertiären wirtschaftlichen Betätigungen und bezieht sich auf Walt Rostows 'Stadien des wirtschaftlichen Wachstums'.

Aron findet Ähnlichkeiten der Wirtschaftsentwicklung der industriellen Gesellschaften in Ost und West. Aron (1955) meint 'der Schlüssel zur modernen Wirtschaftsgeschichte ist der technische Fortschritt' (der in einem kapitalistischen aber auch sozialistischen Regime stattfinden kann,- zwei verschiedene Beispiele derselben Art von Transformation).

Er sieht also Ähnlichkeiten aber er verwechselt 'Sozialisierung' (übernommen von Schumpeters 'Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie') mit Sozialismus (Dahrendorf S. 153).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Damals (1955) sah es so aus als könnte die Sowjetunion die USA ein- und überholen.

Heute (anfangs der 90er), selbst nach Gorbatschows Perestroika, sehen wir den langen Weg den der Osten noch zu gehen hat. Es gibt sicherlich gewisse gemeinsame Merkmale aller industriellen Gesellschaften aber bei genauerem Hinsehen fallen vornehmlich die Unterschiede zwischen den ökonomischen und den sozialen Strukturen auf. (Arons Beispiel von Renault und Citroen, das eine staatlich das andere privat, das eine stagnierte das andere florierte).

Begriffe und Analysen, die solche Unterschiede überspielen sind offenbar untauglich. In den 50er Jahren war ein Verständnis industrieller Gesellschaften im Schwange, das heute zumindest zu ernsten Fragen (radikalen Revision) Anlass gibt (S. 154).

Sozialismus

Dahrendorf unterscheidet sozialistische Vision (Hoffnung auf Gerechtigkeit in Freiheit) und sozialistische Realität.

Innerhalb der sozialistischen Realität Unterscheidung zwischen Sozialdemokratie (hier geht es um die Ausweitung des Prozesses der Bürgerrechte durch Reform unter den Bedingungen der wirtschaftlichen und politischen Vielfalt) und real existierendem Sozialismus.

Bei letzterem kann man wieder unterscheiden: Die bürokratische Autokratie, der administrative Zentralismus in den Satellitenstaaten der Sowjetunion war weit entfernt vom sozialistischen Traum.

Eine kleine Anzahl Länder (China, Kuba) entwickelten eine eigenständige Form des real existierenden Sozialismus.

Die wirtschaftlichen und sozialen Strukturmuster dieser Länder sind nicht eine Alternative zu denen kapitalistischer Länder. Sie sind eher ein Phänomen der späteren Entwicklung.

Nur eine sehr kleine Anzahl von Ländern hat es geschafft , sowohl den Bürgerstatus als auch wirtschaftlichen Wohlstand, sowohl Anrechte als auch Angebot zu einem gewissen Niveau von Lebenschancen zu entwickeln, das den Test besteht, der dieser Analyse zugrunde liegt. Die meisten Gesellschaften verfangen sich in schmerzhaften Widersprüchen des Verhältnisses von Wirtschaft und Politik.

Das Dilemma des real existierenden Sozialismus.

Die von ihm erfassten Länder definieren ihr Problem zunächst politisch. Eine vornehmlich an Machterhaltung interessierte politische Klasse hält alle spontanen Regungen der Bürger nieder und mobilisiert dies als Untertanen (obwohl 'Genossen' genannt, Druschba-Freundschaft).

Der Wunsch nach florierender Wirtschaft muss immer hinter politischen Notwendigkeiten zurücktreten, welche mit Organisation und Kontrolle, mit Nachfolgefragen, Rekrutierungsmechanismen, Gehorsam, Indoktrinierung, Normierung, Regulierung und mit allen von Max Weber beschriebenen Requisiten der Bürokratisierung zu tun haben.

Die Errichtung einer solchen Herrschaft bedeutet den ständigen Kampf gegen Dilettanten, Idealisten, Kritiker, Rivalen, gegen Initiative und Kreativität.

Jede Linderung der Kontrolle enthält ein hohes Risiko. Das aber bedeutet, dass eine moderne, anpassungsfähige, sich selbst ständig erneuernde Wirtschaft nicht entstehen kann.

Der Gipfel sozialistischer Errungenschaften ist die Kombination von Privilegien der Nomenklatur, die dieser das Äquivalent einer westlichen Kleinbürgerexistenz erlauben und einer unzuverlässigen Versorgung mit Elementargütern für die vielen in einer grauen Alltagswelt (S. 157).

Der Zusammenbruch von 1989 stellt die Frage des Verhältnisses von politischer und wirtschaftlicher Modernisierung mit Schärfe. Um menschliche Lebenschancen zu erhöhen muss beides, der Fortschritt der Anrechte und der Fortschritt des Angebotes angepackt werden und zwar gleichzeitig und parallel.

Die Frage, ob es strategische Hebel gibt, die politische und wirtschaftliche Reformen zugleich in Gang setzen, ist vielleicht die Schlüsselfrage des Weges in die Freiheit (S. 158).

Diese Bemerkungen haben vorgegriffen, noch sind wir in den 50er Jahren und bei dem Denkfehler der Konvergenz der Systeme.

Ein zentraler Schluss: Der Sozialismus ist nicht die andere Industriegesellschaft, sondern eine Methode zur Einleitung des Prozesses der Entwicklung. Sozialismus ist ein Entwicklungsländer-Phänomen und hat seine Chance dort, wo die ersten Schritte der Modernisierung und Industrialisierung unter autoritärer Herrschaft stattgefunden haben.

Der real existierende Sozialismus ist allenfalls ein zweitbester Weg in die moderne Welt. Er ist ineffektiv. Beharrt er auf politischer Kontrolle, dann bleibt die Wirtschaft unterentwickelt; nimmt er die Erfordernisse wirtschaftlichen Fortschritts ernst, dann wird seine politische Grundlage gefährdet.

Wenn es überhaupt so etwas gibt wie eine Konvergenz der Systeme, dann liegt diese in Varianten der Freiheit welche vielleicht nicht zustande kommen, denn es gibt kein historisches Gesetz, wonach alle Menschen in Wohlstand und Freiheit leben müssen.

Der Gedanke einer Konvergenz der Systeme ist weder plausibel noch wünschenswert.

Es liegt kein vernünftiger Sinn darin, einen Begriff wie den der industriellen Gesellschaft sowohl auf die USA als auch auf die Sowjetunion anzuwenden, ganz zu schweigen von einer Mischung beider Systeme (Nach Dahrendorf ist es ein (schwerer) Irrtum, dass eine Konvergenz der Systeme gut und wünschenswert wäre).

Aron war ein Theoretiker der Konvergenz der Systeme. Er behandelte politische und sozialökonomische Entwicklungen fast völlig voneinander getrennt. Er überschätzte den Sozialismus als System und unterschätzte die Beziehungen von Wirtschaft und Politik in seinen soziologischen Schriften der 50er Jahre.

Durch den Kollaps 1989 ist Konvergenz als Programm erledigt. Ein solches Programm ist schon im Ansatz verfehlt.

Vielmehr: Es gibt nur eine Freiheit, so vielfältig die Varianten ihrer Ausprägung in realen Gesellschaften sein mögen.

Das Denken in Systemen ist selbst ein Hindernis auf dem Weg zur Freiheit.

Wenn die Lösung realer Probleme in realen Gesellschaften eine Ausweitung von Anrechten verlangt, um menschliche Lebenschancen zu vergrößern, dann soll diese stattfinden; ist andererseits eine Ausweitung des Angebotes nötig, dann sind dafür die Bedingungen zu schaffen.

Entscheidend sind die Institutionen, die es erlauben, das zu tun, was in einer gegebenen Situation für nötig gehalten wird, und es auch wieder zu lassen, wenn es die Mehrheit nicht mehr will.

Entscheidend ist für Dahrendorf die offene Gesellschaft.

Die offene Gesellschaft, menschliche Lebenschancen, Bürgerrechte, Wohlstand, Freiheit sind unzweideutig Werte.

Die besonderen Bedingungen wirklicher Gesellschaften sind verschieden. Die Vielfalt der wirklichen Welt ist selbst Teil der offenen Gesellschaft. Es gibt sicherlich gut und böse, aber es gibt kein Reich des Bösen und kein Reich des Guten auf dieser Welt (S.161).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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20070429

Großbritannien Innovative Politik ohne Wirtschaftserfolg sk-18

Als Gegenbild zu den USA England (Anmerkung: Dahrendorf bezeichnet Großbritannien als 'England'). Grundmerkmal ist politischer Konflikt ohne wirtschaftlichen Erfolg. In England kommt es auf die Politik an.

Die britische Verfassung erwies sich als erstaunlich widerstandsfähig in Zeiten, in denen die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes relativ schlecht und zuweilen miserabel waren, also Kontrast von politischer Stabilität und relativem wirtschaftlichen Niedergang.

Die ökonomische Theorie (von Schumpeter bis Arrow) beschreibt nicht die britische Politik zwischen dem späten 19. Jahrhundert und den 1970er Jahren.

Die ökonomische Theorie (von Schumpeter bis Arrow) beschreibt politische Parteien die sich in Wahlkämpfen einander mit Versprechen überbieten, dann aber in Schwierigkeiten geraten, wenn sie ihre Versprechen (nicht einlösen können.
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Anmerkung von Willem: Evolution of a Promise: Versprechen --> Versprechungen? --> Versprecher? bzw. Verbrecher? (da ja Wählerbetrug ähnlich Heiratsschwindelei z.B.).
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Die britische Politik war lange Zeit eine Politik der Anrechte (nach Dahrendorf verlangt dieses Thema Nullsummenspiele, bei denen die Gewinne der einen mit den Verlusten der anderen bezahlt werden müssen), nicht des Angebots (die Politik des Wachstums gerät in große Schwierigkeiten wenn sie nicht mehr positive Summen hervorbringt).

Themen britischer Politik waren Bürgerschaft und Privilegien, nicht Wirtschaftswachstum. Diese Züge der britischen Politik haben tiefere Wurzeln. Sie spiegeln eine im Kern statische sozialökonomische Gestalt der Gesellschaft.

In Großbritannien hatten sich viele Menschen mit ihren 'Klassen' abgefunden, als seien sie vorindustrielle Stände, ja Kasten. Zugleich Klage aber auch Stolz auf die Klasse. Arbeiterklasse mit einer ausgeprägten eigenen Kultur.

Die Geschichte der Klassen in Großbritannien als eine Verteidigung von und Forderung nach Anrechten, für die der wirtschaftliche Erfolg nie als angemessene Kompensation betrachtet wurde (S. 105). Also fast ständische Struktur. Niedergang des industriellen Geistes (Marin Wiener). Überdrüssigkeit der Revolution.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Sowohl Unternehmer als auch Arbeiterseite nicht begierig auf die unbegrenzten Möglichkeiten des wirtschaftlichen Fortschritts. Es gab das Zweiparteiensystem als Spiel, als eine Art Theateraufführung der sozialen Spaltung in oben und unten, mit Anrechtsveränderungen als Hauptthema.

Unter Thatcher verlagerte sich das öffentliche Interesse weg von Anrechten und hin zu der Auffassung, dass ein wachsendes Angebot alle Probleme lösen wird, und das Land spaltete sich in Erfolgreiche und Erfolglose.

In a nutshell (kurze Zusammenfassung):
U.S.A.: Verbindung von Bürgerrechten und Wirtschaftswachstum.
England: Innovative Politik und wirtschaftliche Schwäche.
Beide erkannten sowohl das Prinzip der Bürgerrechte als auch die Notwendigkeit des Wandels an. Die Mischungen funktionierten.
Das tat die deutsche Mischung nicht. Dazu mehr im nächsten Post sk-19

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