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20070625

Ancien Regime Adel als funktionslose Schicht? zt-68

Eine Funktion im Sinne der heutigen arbeitsteiligen Nationen hat dieser Adel nicht gehabt. Der Funktionskreislauf des 'ancien régime' ist ein anderer. Er ist dadurch bestimmt, dass hier der Zentralherr in hohem Maße der persönliche Besitzer der Herrschaftsmonopole ist, dass es noch keine Scheidung zwischen Privatmann und Funktionär gibt.

Der Adel hat eine Funktion für den König. Er gehört zu den Fundamenten seiner Herrschaft. Er ermöglicht es dem König, sich vom Bürgertum zu distanzieren, wo wie es ihm ermöglicht ist sich durch das Bürgertum vom Adel zu distanzieren.

Der Adel hält dem Bürgertum in der Gesellschaft das Gegengewicht. Ohne diese Spannung zwischen Adel und Bürgertum verlöre der König den größten Teil seiner Verfügungsgewalt (S. 309). Der Bestand des Adels ist ein Ausdruck dafür, wie weit hier die Herrschaftsmonopole noch persönlicher Besitz des Zentralherrn sind.

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Ancien Regime Aufbau absolutistische Gesellschaft zt-67

Die weltliche Gesellschaft des französischen ancien régime besteht aus zwei Sektoren (ländlich-agrarischer und städtisch-bürgerlicher).

In beiden gibt es eine Unterschicht (Bauern und städtische Masse der Gesellen, Arbeiter).

In beiden gibt es eine Mittelschicht (Land-, Provinzadel und wohlhabende Kaufleute, Gerichts- und Verwaltungsbeamte).

In beiden gibt es eine Spitzenschicht (Höfischer Adel (noblesse d'épée) und die hohe Beamtenschaft (noblesse de robe).

Der König hält das Spannungsgleichgewicht mit Sorgfalt aufrecht. Er sichert die Privilegien und das gesellschaftliche Prestige des Adels gegenüber der wachsenden, ökonomischen Stärke bürgerlicher Gruppen.
Er verwendet einen Teil des Sozialprodukts zur Ausstattung der adligen Spitzenschicht (S. 310).

Nicht lange vor der Revolution tritt die Forderung nach Beseitigung der Adelsprivilegien in den Vordergrund. Darin ist ganz unmittelbar auch die Forderung nach einer anderen Handhabung des Steuermonopols und der Steuererträge enthalten.

Eine Beseitigung der Adelsprivilegien heißt auf der einen Seite: Abschaffung der Steuerfreiheit des Adels, also eine andere Verteilung der Steuerlasten; es heißt auf der anderen Seite: Abschaffung oder Verringerung der vielen Hofämter, Vernichtung des funktionslosen Adels und damit eine andere Verteilung der Steuererträge.

Somit eine Verteilung nicht mehr im Sinne des Königs, sondern mehr im Sinne des funktionsteiligen Ganzen der Gesellschaft oder zunächst wenigstens im Sinne des höheren Bürgertums selbst.

Die Beseitigung der Adelsprivilegien bedeutet auch die Vernichtung der bisherigen Position des Zentralherrn als Waagehalter zwischen den beiden Ständen in ihrer bestehenden Rangordnung.

Die Zentralherrn der folgenden Periode balancieren auf einem anderen Spannungsgeflecht (S. 311).

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Der Staat bin ich. Werdender Absolutismus zt-66

Es ist die Stärke der Antagonismen zwischen den verschiedenen Gruppen dieser Gesellschaft, die der Zentralfunktion ihre Stärke gibt. Die bürgerliche Oberschicht steht nicht nur in einem Spannungsverhältnis zu den weltlichen und geistlichen Feudalherren, sondern auch zu den unteren, städtischen Schichten.

Hier ist es vor allem die Uneinigkeit der städtischen Schichten selbst, die den Zentralherrn begünstigt. Nicht nur die soziale sondern auch die regionale Zerspaltenheit begünstigt die Zentralfunktion. So sind die Verflechtungen zwischen den Städten noch nicht eng genug.

Gegenüber dem gesammelten Widerstand aller Bevölkerungsteile müsste das Königtum unterliegen. Jeder einzelnen Schicht, jeder einzelnen Region gegenüber ist die Zentralfunktion der stärkere Teil (S. 296).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Jede Machtprobe dieser Art treibt die Verfügungsgewalt des Zentralherrn um ein weiteres Stück voran. Die Bildungsgeschichte der 'Chambre des Aides' ist voll von Erschütterungen bis schließlich eine festgefügte Institution des königlichen Herrschaftsapparates daraus wird. Die Machtproben in diesen Schwankungen geben auch ein Bild von der Soziogenese der Königsfunktion.

Es macht verständlich, wie wenig alle diese Funktionen und Gebilde aus langfristigen Plänen und als bewusste Schöpfungen Einzelner, wie sehr sie als Verflechtungserscheinungen im beständigen Ringen der gesellschaftlichen Kräfte, in tausend kleinen Schritten und Tastversuchen entstehen (S. 297).

Die einzelnen Könige selbst, sind in ihren Handlungen, in ihrer Entfaltung ihrer persönlichen Kräfte völlig abhängig von der Lage, in der sie die Königsfunktion vorfinden.

Karl VII. ist nicht persönlich stark, das Königtum wird in seiner Zeit stärker und stärker. Im Krieg haben sich die ganzen finanziellen und menschlichen Hilfsmittel in der Hand der Zentralgewalt gesammelt. Zentralisierung der Heerführung, monopolistische Verfügung über die Abgaben ist vorangekommen.

Der König hat ein Übergewicht im Inneren. Er lässt 1436 erklären, dass ihm die Stände die 'Aides' für unbegrenzte Zeit bewilligt habe. Er hat nicht einmal die Ständeversammlung einberufen. Diese Ausschaltung der Ständeversammlung ist einfach ein Ausdruck für die gesellschaftliche Stärke des Königs. Der König hält die Verständigung mit den Besteuerten für nicht notwendig. Es kommt zu Widerstandsversuchen.

Aber jede dieser Machtproben zeigt immer von neuem und immer entschiedener, wie zwingend in dieser Phase mit der fortschreitenden Differenzierung und Verflechtung der Gesellschaft auch die Stärke der Zentralfunktion wächst.

Immer wieder ist es die in der Hand der Zentrale konzentrierte Kriegsmacht, die die Verfügungsgewalt der Zentralfunktion über die Abgaben sichert und steigert, und es ist die konzentrierte Verfügung über die Steuern, die eine immer stärkere Monopolisierung der physischen Gewaltausübung, der Kriegsmacht, ermöglicht.

Schritt für Schritt schrauben sich beide Machtmittel hoch, bis sich schließlich an einem bestimmten Punkt die überlegene Stärke, die die Zentralfunktion in diesem Prozess gewinnt, vor den Augen der erstaunten und erbitterten Zeitgenossen unverhüllt zeigt. Das alles bricht als etwas Neues über die Menschen herein, sie wissen nicht wie und warum (S. 298, 299).

Es sind die Untertanen, die auf den öffentlichen Charakter der Funktion des Königs hinweisen. Ausdrücke, wie 'öffentliche Sache', 'Vaterland', 'Staat' werden zunächst meist in der Opposition zu den Fürsten und Königen gebraucht.
Die Könige verfügen über ihr Herrschaftsgebiet, wie über privates Besitztum. In diesem Sinn muss man das verstehen: "Der Staat bin ICH".

Das Erstaunen über die Entwicklungsrichtung beschränkt sich nicht auf die Franzosen. Elias zitiert venezianische Gesandtenberichte in denen auch ein gewisses Erstaunen zum Ausdruck kommt. Gerade in diesen Schilderungen stößt manfrau auf wichtige Struktureigentümlichkeiten, auf Schlüsselstellungen des Absolutismus und bis zu einem gewissen Grad, des Staates überhaupt:

Die Ausgaben haben das Primat vor den Einnahmen. Dem Einzelnen in der Gesellschaft wird es zur Gewohnheit und Notwendigkeit gemacht seine Ausgaben streng nach den Einnahmen zu richten.
Im Haushalt eines gesellschaftlichen Ganzen bilden die Ausgaben den festen Punkt; und von ihnen werden die Einnahmen abhängig gemacht, nämlich die Abgaben, die man auf Grund des Steuermonopols von den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft fordert.

Auch das ist ein Beispiel dafür, wie das Ganze, das sich aus der Verflechtung der Individuen ergibt, Aufbaueigentümlichkeiten besitzt und Gesetzlichkeiten unterliegt, die von denen des einzelnen Menschen verschieden und nicht vom Einzelnen her zu verstehen sind (S. 302).

Die einzige Grenze, die dem Geldbedarf einer solchen gesellschaftlichen Zentrale gesetzt ist, bildet die Steuerkapazität der Gesamtgesellschaft und die gesellschaftliche Stärke der einzelnen Gruppen im Verhältnis zu den verfügungsberechtigten Herren des Steuermonopols innerhalb ihrer.

Später (unter der Kontrolle bürgerlicher Schichten) trennt sich die Haushaltsführung der Gesamtgesellschaft mit aller Entschiedenheit von der Haushaltsführung der einzelnen Personen (die die zentralen Monopole als Funktionäre der Gesellschaft verwalten). Die Könige bzw. Zentralherren haben dann ihre festgelegten Bezüge und richten ihre Ausgaben nach den Einnahmen.

In der ersten Phase des vollendeten Monopols verhält es sich anders.
Königshaushalt und Gesellschaftshaushalt sind noch ungetrennt. Die Könige machen die Abgaben, die sie fordern, von den Ausgaben abhängig (Kriege, Schlösserbau, Geschenke an Günstlinge).

Die Schlüsselmonopole der Herrschaft haben hier in der Tat den Charakter von persönlichen Monopolen. Der venezianische Beobachter um 1500 sieht diese Neubildungen nicht ohne Neugierde.

"Abgesehen davon, dass der König mächtig durch seine Waffen ist, er hat auch durch den Gehorsam seines Volkes Geld... die Landbevölkerung, die den Hauptteil dieser Lasten trägt, sehr arm ist"(S. 304).

"...keines ist so geeint und gehorsam wie Frankreich ... die Ursache seines Ansehens: Einheitlichkeit und Gehorsam ... ihre Freiheit und ihren Willen vollkommen dem König übergeben ... das Ganze wird exekutiert und prompt getan, als ob sie das alle beschlossen hätten ... Belohnungen, nur für Lebenszeit zu geben ... gibt man nur für Lebenszeit, so belohnt man nur die, die es verdienen ... da es nichts als arme Fürsten gibt, so haben sie weder den Sinn noch die Möglichkeit etwas gegen den König zu versuchen ..." (S. 305, 306).

In diesen Berichten der venezianischen Gesandten bekommt manfrau einen Überblick über die entscheidenden Aufbaueigentümlichkeiten des werdenden Absolutismus:
Ein Feudalherr hat die Vormacht vor allen seinen Konkurrenten, die Oberherrschaft über alle Böden gewonnen.

Und diese Verfügung über die Böden kommerzialisiert sich oder monetarisiert sich mehr und mehr. Die Wandlung äußert sich einmal darin, dass der König ein Monopol der Abgabeneinziehung und -festsetzung über das ganze Land hin besitzt, so dass er über das bei weitem größte Einkommen des Landes verfügt. Aus dem Boden besitzenden und Boden vergebenden König wird mehr und mehr ein über Geld verfügender und Geldrenten vergebender König.

Eben damit vermag der König auch immer mehr den verhängnisvollen Zirkel der naturalwirtschaftlichen Herrscher zu durchbrechen. Er bezahlt die Dienste (militärische, höfische, verwaltende) nicht mehr durch Weggabe von Teilen seines Besitzes an Dienende (als deren erbliches Eigentum), sondern vergibt bestenfalls Böden und Geldrenten auf Lebenszeit weg und zieht sie dann wieder ein, so dass sich der Kronbesitz nicht verringert.

Der König belohnt nun hauptsächlich mit Geldgeschenken und Gehältern. (Die Eigenart des Geldes überhebt den König der Notwendigkeit mit Boden zu belohnen, sie überhebt ihn der Notwendigkeit durch ein lebenslängliches vererbliches Besitztum zu vergelten). (Das ist etwas erstaunlich Neues vor den Augen der Menschen damals, für uns heute ist das selbstverständlich).

Der König zentralisiert die Abgaben des ganzen Landes und verteilt sie wieder nach seinem Gutdünken und im Interesse seiner Herrschaft, so dass eine immer wachsende Anzahl von Menschen im ganzen Lande von der Gunst des Königs, von seinen Geldzahlungen der königlichen Finanzverwaltung abhängig sind.
Es sind die mehr oder weniger privaten Interessen der Könige und ihrer nächsten Diener, die zu einer Ausnutzung der gesellschaftlichen Chancen in dieser Richtung hin drängen; aber was sich in dem Interessenkampf der verschiedenen sozialen Funktionen herausbildet, ist jene Organisationsform der Gesellschaft, die wir 'Staat' nennen: Das Steuermonopol ist zusammen mit dem Monopol der physischen Gewalt das Rückgrad dieser Organisationsform.

Manfrau kann die Genese von 'Staaten' nicht verstehen, solange manfrau sich nicht Rechenschaft darüber gibt, wie sich eines dieser Zentralinstitute des 'Staates' im Zuge der Beziehungsdynamik, nämlich auf Grund einer ganz bestimmten Zwangsläufigkeit der Beziehungsstrukturen, der ineinander verflochtenen Interessen und Aktionen, Schritt für Schritt heranbildet (S. 307).

Erst die Monetarisierung der Gesellschaft macht stabile Zentralorgane möglich: Die Geldzahlung hält alle darauf Angewiesenen in dauernder Abhängigkeit von der Zentrale. Nun erst können die zentrifugalen Tendenzen gebrochen werden (S. 308).

Und aus diesem größeren Zusammenhang muss manfrau verstehen was dem Adel in dieser Zeit geschieht: Der König hat in der vorangehenden Zeit, als der Adel noch stärker war, seine Macht als Zentralherr zugunsten des Bürgertums eingesetzt; so ist aus seinem Herrschaftsapparat eine Bastion des Bürgertums geworden.

Nun im Zuge der Geldverflechtung und der militärischen Zentralisierung, wo die Krieger und der Adel immer mehr ins Sinken gerät, setzt der König sein Gewicht und die Chancen, die er zu verteilen hat wieder mehr zugunsten des Adels ein. Er schafft einem Teil des Adels die Möglichkeit, als eine gehobene Schicht über dem Bürgertum fortzubestehen. Nach den letzten Widerstandsversuchen (Religionskriege, Fronde) werden die Hofämter zu einem Privileg und zu einer Bastion des Adels.

Auf diese Weise schützen die Könige den Vorrang des Adels, verteilen Gunst und Geldchancen. Aber damit wird aus dem relativ freien Kriegeradel von ehemals ein Adel, der lebenslänglich in Abhängigkeit und im Dienst des Zentralherrn steht. Aus Rittern werden Höflinge (S. 309).

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20070624

Soziogenese des Steuermonopols, Entstehung von Steuern zt-65

Der rückblickende Betrachter kann sich kaum noch vergegenwärtigen, dass sich dieses absolutistische Königtum und dieser zentralisierte Herrschaftsapparat früher einmal ganz allmählich, als etwas Neues aus der mittelalterlichen Welt heraus hob. Der Versuch diesen Aspekt zurückzugewinnen gibt die Möglichkeit zu einem Verständnis für das, was da vor sich gegangen ist (S. 279).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Linie der Umbildung:

Der Landbesitz einer Kriegerfamilie, ihre Verfügungsgewalt über bestimmte Böden und ihr Anspruch auf Naturalabgaben oder Dienste verschiedener Art von den Menschen, die auf diesen Böden leben, verwandelt sich mit der fortschreitenden Funktionsteilung und im Laufe vieler Ausscheidungs- oder Konkurrenzkämpfe in eine zentralisierte Verfügung über die militärischen Machtmittel und über regelmäßige Geldabgaben oder Steuern eines weit größeren Gebietes (S. 279).

Niemand darf jetzt innerhalb dieses Gebietes Waffen und Befestigungswerke benutzen oder körperliche Gewalt in irgendeiner Art anwenden, ohne die Erlaubnis des Zentralherrn; das ist etwas sehr Neues in einer Gesellschaft, in der ursprünglich eine ganze Schicht von Menschen je nach ihren Einkünften und ihrem Belieben Waffen benutzen und körperliche Gewalt anwenden konnte.

Und jedermann, von dem es der Zentralherr verlangt, ist jetzt gehalten, regelmäßig einen bestimmten Teil seiner Geldeinahmen oder seines Geldbesitzes an den Zentralherrn abzuführen. Das ist erst recht etwas Neues, gemessen an dem, was ursprünglich in der mittelalterlichen Gesellschaft Brauch ist.

In der vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaft empfindet man das als etwas vollkommen Unerhörtes; man steht zu solchen Maßnahmen nicht sehr viel anders als zu Raubzügen oder zum Nehmen von Zins (S. 280). Zunächst waren wahrscheinlich kirchliche Institute wegen ihres großen Geldbesitzes von solchen Maßnahmen betroffen.

Immer wieder werden Zwangsabgaben verlangt. Die Geldabgaben, die die Könige verlangen, bedeuten in dieser relativ geldarmen Gesellschaft in der Tat etwas anderes als die Steuern in einer stärker kommerzialisierten Gesellschaft.

Niemand rechnete mit ihnen, der Marktverkehr und das ganze Preisniveau ist in keiner Weise auf sie eingestellt; sie kommen gewissermaßen aus heiterem Himmel als etwas Außergewöhnliches und Unerwartetes und führen dementsprechend zum Ruin einer ganzen Reihe von Existenzen (S. 281) und zu heftigen Erregungen.

Die allgemeine Vorstellung, auch der Könige selbst ist, dass die Territorialherren sich von ihrem Dominialbesitz erhalten müssen. Jeder Territorialherr verlangt bestimmte Abgaben, wenn sein Sohn zum Ritter geschlagen wird, seine Tochter heiratet, braucht Lösegeld bei Gefangenschaft.
Das sind die ursprünglichen feudalen Geldbeihilfen die 'aides féodales' und die Könige verlangen diese ebenfalls. Geldforderungen darüber hinaus haben keine Grundlage im Brauch; sie haben ein ähnliches Ansehen wie Raub und Erpressung (S. 282).

Im 12. u. 13. Jahrhundert beginnt sich langsam eine weitere Form der fürstlichen Geldbeschaffung einzubürgern. Die Städte wachsen. Die Bürger haben sich mit der Waffe ihre Stadtfreiheit erkämpft. Nun kommt der Brauch auf, auch die Stadtbewohner, die 'Bourgeois', zu Kriegsdiensten heranzuziehen.

Die Stadtbewohner ziehen es aber bald vor, dem Territorialherren statt der Kriegsdienste Geld anzubieten, damit er sich Krieger mieten kann. Sie kommerzialisieren die Kriegsdienste und Königen wie Feudalherren ist das nicht unwillkommen. So wird aus diesen städtischen Geldzahlungen zur Ablösung der Kriegsdienste ziemlich rasch ein fester Brauch oder eine Institution.

Dieser Brauch wird als eine weitere Form der feudalen Beihilfe verstanden. Diese gelegentlichen Geldabgaben zahlt niemand, der sich nicht mittelbar oder unmittelbar dazu gezwungen fühlt. Die Könige können und wollen nicht allzu starken Widerstand erregen, dazu ist die gesellschaftliche Stärke der Königsfunktion noch nicht groß genug. Auf der anderen Seite brauchen sie für Konkurrenzkämpfe, für ihre Funktion, ihre Selbstbehauptung immer wieder Geldbeträge, immer größere Geldbeträge, die sie sich nur durch solche 'Beihilfen' beschaffen können. Ihre Maßnahmen wechseln.

Manfrau spürt bei allem Hin und Her dass die gesellschaftliche Stärke des Königtums ständig im Wachsen ist, und mit diesem Wachstum bekommen die Geldabgaben allmählich einen anderen Charakter (S. 284).

1292 wird eine Abgabe von 1 Denier für jedes Pfund verkaufter Waren vom König verlangt, in den nächsten Jahren erhöht. Die Feudalherren sind höchst empört. Die Krieger fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. 1314 kommt es zu offenem Widerstand (der König brauchte Geld für einen Flandernfeldzug).

Die Adligen und Nichtadligen schlossen sich durch einen Eid zur Aufrechterhaltung ihrer Freiheiten und der des Vaterlandes zusammen. Die Erregung ist so groß, dass sich Städte und Feudalherren gegen den König verbinden.

Hier kann manfrau den Grad der Interessenverschiedenheit messen, die Stärke der Spannung die hier besteht. Die Einigkeit der Stände hält nicht lange, weil wechselseitiges Misstrauen.
Erschütterungen im Innern des Herrschaftsgebietes sind nicht ohne Gefahr für die Führung des Konkurrenzkampfes mit den äußeren Rivalen (S. 286).

Im Laufe des hundertjährigen Krieges wird der Krieg zu einer Dauererscheinung und mit ihm werden es die Geldabgaben, die der Zentralherr zu seiner Führung braucht.

Die Könige selbst haben nicht eigentlich die allgemeine Absicht 'ihre Steuermacht zu vergrößern', sie wollen von Fall zu Fall möglichst viel Geld aus ihrem Herrschaftsgebiet herausholen, es sind bestimmte Aufgaben, die sie drängen.

Kein einzelner Mensch hat die Steuern oder das Steuermonopol geschaffen; kein einzelner und auch keine Reihe von einzelnen durch die Jahrhunderte hat nach einem festgelegten Plan auf dieses Ziel hingearbeitet.

Die Steuern, wie jede andere Institution, ist ein Produkt der gesellschaftlichen Verflechtung. Sie entstehen aus dem Ringen der verschiedenen sozialen Gruppen und Interessen bis schließlich, mehr oder weniger spät, das Instrument, das sich da in einem ständigen Erproben der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse entwickelt hat, von den Interessierten immer bewusster und planmäßiger zu einer festgefügten Organisation oder Institution ausgebaut wird.

Auf diese Weise verwandeln sich die gelegentlichen Beihilfen an den Guts- oder Territorialherren (für einen bestimmten Kriegszug oder als Lösegeld, oder Ausstattung oder..) in regelmäßige Geldabgaben. Es gibt nun nach 1328 eine ganze Reihe von 'Experimenten' vorübergehende Beihilfen einzuziehen.

Dieser Zustrom von Geldern in die Kasse des Königs führt langsam aber sicher zu einer außerordentlichen Stärkung der Zentralfunktion. Jeder der Stände stemmt sich dagegen. Aber die Vielspältigkeit der Interessen schwächt diesen Widerstand.
Die Bedrohung von außen macht diese noch wenig interdependente, wenig einheitliche Gesellschaft auf den König, als obersten Koordinator und auf seinen Herrschaftsapparat angewiesen. Jahr für Jahr immer wieder neue 'außerordentliche Beihilfen' für den Krieg, der nicht endet (S. 289).

Nun vollzieht sich schon eine gewisse Anpassung des Marktverkehrs an solche Abgaben. In dieser Zeit des hundertjährigen Krieges, in der die 'Aides' langsam zu Dauererscheinungen werden, bilden sich auch spezielle Amtsfunktionen (zwei oberste Verwalter) heraus, die dem Einziehen und der damit verbundenen Gerichtsbarkeit (gerichtlichen Fragen) gewidmet sind.

Das ist die erste Erscheinung dessen, was später durch das ganze 'ancien régime' hin eines der wichtigsten Organe der Steuerverwaltung bleibt (Chambre oder Cour des Aides). Hier in den Jahren 1370-1380 ist sie noch im Prozess der Bildung.

Jedesmal, wenn das Königtum sich unter dem Widerstand von Bevölkerungsteilen einschränken muss, treten auch diese Amtsfunktionen zurück. Ihr Bestand und die Kurve ihres Wachstums ist ein ziemlich genauer Gradmesser für die gesellschaftliche Stärke der Zentralfunktion und des Zentralapparates im Verhältnis zu Adel, Klerus und den städtischen Schichten (S. 291).
Die Not wächst im Stillen; mit ihr auch die Unzufriedenheit.

Selbst für den König haben die Abgaben noch den Geruch des Unberechtigten und führen zu Gewissensbissen. 1380 revoltieren die Städte, die Königsbeamten die 'aides' einziehen werden verjagt. Das Finanzsystem wird geopfert.

Es spricht für die gesellschaftliche Stärke, die der Zentralapparat und die Königsfunktion in dieser Zeit tatsächlich schon besitzt, dass die verlorene Position verhältnismäßig schnell wieder gewonnen wird.
Die Chancen, die sich bei diesem Aufbau und bei dieser Lage der französischen Gesellschaft mit der Königsfunktion verbinden, sind bereits so groß, dass das Königtum an gesellschaftlicher Stärke zunehmen kann, selbst wenn der König persönlich schwach oder ganz unbedeutend ist.

Die Angwiesenheit der Gruppen und der Schichten dieser Gesellschaft auf einen obersten Koordinator wächst mit ihrer Interdependenz und sie wächst erst recht unter dem Druck einer Kriegsgefahr. Und so liefern sie dem König bald wieder die Mittel, die zur Kriegsführung notwendig sind; aber sie liefern damit zugleich auch dem Königtum die Mittel zu ihrer eigenen Beherrschung (S. 293).

1382 ist das Königtum wieder in der Lage den Städten, den Hauptzentren des Widerstandes, die Abgaben, die es für nötig hält zu diktieren. Die Frage der Abgaben steht im Zentrum der städtischen Aufstandsbewegung des Jahres 1382.

Im Kampf um die Abgaben und die Verteilung der Lasten wird die ganze Macht- und Herrschaftsverteilung erprobt und entschieden. Die städtischen Notabeln haben das Ziel sich die Mitbestimmung bei der Erhebung und Verteilung der Abgaben von einem zentralen Punkt aus zu sichern. In den Städten selbst gehen die Interessen der verschiedenen Schichten bei aller Verflechtung sehr in verschiedene Richtungen.

Es gibt eine privilegierte Oberschicht (eigentliche Bourgeoisie in städtischen Ämtern), eine Mittelschicht (Kleinbürgertum, Handwerker, Gewerbetreibende) und die Masse der Gesellen und Arbeiter (das 'Volk').

Auch hier bilden die Steuern den Knotenpunkt an dem Gegensätze deutlich zutage treten. Der Aufruhr ist den Oberen zuerst nicht unwillkommen, richtet sich aber dann gegen die Begüterten der Stadt selbst. Die städtische Oberschicht flieht und das Eintreffen der königlichen Truppen bedeutet meistens die Rettung.

Diese Kämpfe enden mit einer weiteren Gewichtsverschiebung zugunsten des Zentralapparates und des Königtums. Die Haupträdelsführer werden getötet, andere mit Geldstrafen bestraft.
Den Städten als Ganzes werden hohe Geldabgaben auferlegt, die festen Königsburgen verstärkt und von 'gens d'armes' besetzt und die städtischen Freiheiten werden beschränkt.
Die lokalen Stadtverwaltungen werden langsam königlichen Beamten unterstellt, bis auch sie im wesentlichen Organe des königlichen Herrschaftsapparates sind; damit reicht die Stufenleiter des zentralen Herrschaftsapparates, deren Stelleninhaber die Spitzengruppe des Bürgertums bilden, von den Ministerposten und den höchsten Gerichtsämtern bis zu den Stellen der Bürger- und Zunftmeister.
Die Frage der Abgaben ist entschieden, sie werden nun von der Zentrale diktiert.

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20070621

Ludwig XIV Adel Absolutismus Hof zt-64

Beim Aufstand der 'Fronde' ist Ludwig der XIV. noch minderjährig. Die Regentschaft der Königin wird ausgeübt durch den Kardinal Mazarin. Die Fronde ist eine Art von sozialem Experiment. Das Bild dieses Aufstandes zeigt, wie gespannt die Beziehungen zwischen allen diesen Gruppen waren.

Jede dieser Gruppen will die Königsmacht schmälern; aber jeder will es zu seinen Gunsten; jeder von ihnen fürchtet zugleich, die Macht eines anderen könne sich vergrößern. Schließlich stellt sich das- auch dank der Geschicklichkeit Mazarins- alte Gleichgewicht wieder her. Ludwig XIV. hat die Lehre dieser Tage nicht vergessen. Er sorgte für die Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts (S. 265).}

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Könige setzen sich (nachdem der Adel genügend geschwächt war) wieder zugunsten des Adels ein. Sie sichern den Bestand des Adels, als einer gehobenen Schicht vor dem andrängenden Bürgertum, um das Spannungsgleichgewicht zu erhalten.

Der Adel hat Steuerfreiheit aber trotzdem ein eher beschränktes Leben. Die Gerichte sind mit Bürgerlichen besetzt. Die Könige halten an der Bestimmung fest, dass ein Adeliger der Kaufmann wird, seine Adelstitel ablegen und auf seine Adelsvorrechte verzichten muss.

Damit ist dem Adel der einzige unmittelbare Weg zu Wohlstand verschlossen. Allenfalls indirekt durch Heirat. Wenn er allerdings am Hofe eine neue Monopolstellung erlangt, ermöglicht ihm diese eine standesgemäße und repräsentative Lebensführung und bewahrt ihn vor bürgerlichen Tätigkeiten.

Die Hofämter, die vielen Ämter des königlichen Haushalts werden dem Adel vorbehalten. Damit finden viele bezahlte Stellen; auch die Nähe zum König gibt diesen Stellen ein hohes Prestige. Und so hebt sich aus dem Gros des ländlichen Adels eine Adelsschicht heraus, die den bürgerlichen Spitzenschichten an Glanz und Einfluss die Waage halten kann, der höfische Adel. Die Hofämter werden zu einem Monopol des Adels (S. 267).

Diese Besetzung der Hofämter ging genauso wenig nach dem Plan eines einzelnen Königs vor sich, wie die Besetzung der anderen Staatsämter mit Bürgerlichen.
Es sind zuerst käufliche Positionen (Eigentum des Inhabers), die der Inhaber eines Amtes nur mit der Einwilligung des Königs ausüben darf. Dann gewinnt die Besetzung der Ämter durch Gunst die Oberhand. Auch der dritte Stand dringt in diese Hofämter und in die militärischen Posten (S. 268).

Das Verhältnis der Königsfunktion zur Funktion des Adels ist ambivalent. Könige (z.B. Heinrich IV. , Richelieu und andere Nachfolger) müssen sich selbst sichern und zwar sie müssen den Adel von allen Stellen, die einen politischen Einfluss geben, nach Möglichkeit fernhalten und sie müssen zugleich den Adel als einen selbständigen, sozialen Faktor im gesellschaftlichen Gleichgewicht erhalten.

Das Doppelgesicht des absolutistischen Hofes entspricht genau diesem zwiespältigen Verhältnis von König und Adel. Dieser Hof ist ein Instrument zur Beherrschung des Adels und gleichzeitig ein Instrument zu seiner Versorgung (S. 268).


Ein Bild der sinkenden Schicht zeigt der Adel unter Ludwig XIII. 1627 in dem Gesuch: 'Requestes et articles pour la rétablissement de la Noblesse'.
Von einer Fülle von Forderungen erfüllt sich nur eine: Die Hofämter werden dem Bürgertum verschlossen und dem Adel vorbehalten (war auch eine Empfehlung in Richelieu's Testament). Alle anderen Forderungen bleiben unerfüllt.

{In den deutschen Territorien hingegen suchen und erhalten Adelige neben den militärischen immer auch Verwaltungs- und Gerichtsämter. Die meisten höheren Staatsämter bleiben hier geradezu ein Monopol des Adels. Hier halten sich gewöhnlich Adlige und Bürgerliche innerhalb vieler Staatsämter nach einem genauen Verteilungsschlüssel die Waage.}

Ludwig XIV. hat dann die Zugangsmöglichkeiten zu solchen Hofämtern auf äußerste verengt.
Der Hof als Versorgungsanstalt für Adlige auf der einen Seite, als Beherrschungs- und Zähmungsanstalt der alten Kriegerschicht auf der anderen.

Das ungebundene, ritterliche Leben ist endgültig vorbei. Für den Gros des Adels verknappt sich von nun an nicht nur die wirtschaftliche Grundlage, sondern auch sein Wirkraum und sein Lebenshorizont wird enger. Er bleibt mehr oder weniger auf seinen Landsitz beschränkt.
Auch im Kriege kämpft er nicht mehr für sich als freier Ritter, sondern in einer strenger geregelten Ordnung als Offizier. Es bedarf eines besonderen Glücksfalles oder besonderer Beziehungen dieses ländlichen Adels um in den Kreis des höfischen Adels zu gelangen (S. 272).

Der Aufbau Versailles entspricht den beiden in einander verschlungenen Tendenzen des Königtums, der Aufgabe, Teile des Adels zu versorgen und sichtbar herauszuheben, wie der anderen, ihn zu beherrschen und zu zähmen in vollkommener Weise.
Der König gibt, aber er verlangt Gehorsam. Er lässt den Adel seine Abhängigkeit von dem Geld und den anderen Chancen, die er zu verteilen hat, ständig fühlen.

Diese Neigung, alles, was vorgeht, ganz genau zu überwachen, ist nicht wenig charakteristisch für den Aufbau dieser Königsherrschaft. In ihr kommen die starken Spannungen zum Ausdruck, die der König beobachten und bewältigen muss, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten.

Ludwig XIV.: Die Kunst der Regierung besteht darin, dass man die wirklichen Gedanken aller Prinzen Europas kennt, dass man alles weiß, was die Menschen vor uns verbergen wollen, ihre Geheimnisse, und sie genau überwacht (S. 273).

Das ist sehr charakteristisch für den eigentümlichen Aufbau der Gesellschaft, der eine Einherrschaft möglich macht, diese Notwendigkeit alles möglichst genau zu überwachen, was in dem Herrschaftsbereich des Zentralherrn vor sich geht.

Diese Notwendigkeit ist ein Ausdruck für die Spannungen und die große Labilität der sozialen Apparatur.

Das starke Spannungsgleichgewicht der zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, die sich annähernd die Waage halten ist gewiss nicht von irgendeinem König geschaffen worden. Aber wenn sich diese Konstellation einmal hergestellt hat, dann ist es für den Zentralherrn lebenswichtig, sie in ihrer ganzen Labilität aufrechtzuerhalten.
Diese Aufgabe aber erfordert eine möglichst genaue Überwachung der Untertanen (S. 274).

Auch einer der Gründe für den Bau von Versailles: Gelegentliche Unruhe unter den Massen. Noch aber ist die Arbeitsteilung nicht so weit fortgeschritten, dass der Druck der Bevölkerung der größte Druck wäre. Die gefährlichsten Rivalen des Königs sind in seinem engsten Kreis (S. 275).

Diese gefährlichsten Rivalen sind die Mitglieder des Königshauses selbst.

Schon oben ist gezeigt worden, wie sich allmählich im Zuge der Monopolbildung der Kreis der Menschen, die miteinander um Herrschaftschancen konkurrieren können auf die Mitglieder des Königshauses selbst beschränkt (S. 275). Unter Ludwig XIII. sind zentrifugale Tendenzen noch spürbar. Richelieu hat schließlich alle diese Kämpfe gewonnen, nicht zuletzt mit Hilfe des Bürgertums und der überlegenen finanziellen Mittel, die es ihm liefert. Ludwig XIV. steckt das Gefühl der Bedrohung in Fleisch und Blut. Der Hof ist für ihn eine Überwachungsanstalt. Fernbleiben macht misstrauisch

Damit haben die Herrschaftsmonopole, zentriert um die Monopole der Steuern und der körperlichen Gewalt, für eine bestimmte Stufe, nämlich als Monopole eines Einzelnen, ihre vollendete Form gefunden.

Aus dem Boden besitzenden und Boden oder Naturalrenten vergebenden König ist ein Geld besitzender und Geldrenten vergebender König geworden: Das gibt der Zentralisierung eine bisher unerreichte Stärke und Festigkeit.

Die Kraft der zentrifugalen, gesellschaftlichen Kräfte ist endgültig gebrochen. Alle möglichen Konkurrenten des Monopolherrn sind in eine institutionell gesicherte Abhängigkeit von ihm gebracht. In monopolistisch gebundener Konkurrenz kämpft nun der höfische Adel miteinander um Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat und dieser höfische Adel steht dabei unter dem Druck einer Reservearmee von ländlichen Adligen und von aufsteigenden bürgerlichen Elementen. Der Hof ist die Organisationsform dieses gebundenen Konkurrenzkampfes (S. 277).

Aber trotz der Größe der persönlichen Verfügungsgewalt über die monopolisierten Chancen, sie ist alles andere als unumschränkt. Es zeichnen sich bereits die Strukturelemente ab, die schließlich dazu führen, dass aus dieser persönlichen Verfügung eines Einzelnen über die Monopole, mehr und mehr eine öffentliche Verfügung, eine Verfügung unter der Kontrolle immer weiterer Teile des arbeitsteiligen Ganzen wird.

Für Ludwig XIV. gilt noch: "L'Etât c'est moi". Der Staat bin ich.

Institutionell hat die Monopolorganisation noch in beträchtlichem Maße den Charakter eines persönlichen Besitztums. Funktionell aber ist die Abhängigkeit des Monopolherrns von anderen Schichten außerordentlich stark und diese funktionelle Abhängigkeit wächst je weiter die Handels- und Geldverflechtung der Gesellschaft fortschreitet.
Nur durch das Spannungsgleichgewicht (aufsteigende Bürgerliche-schwächer werdender Adel) behält der Zentralherr seinen Entscheidungsspielraum. Das gewaltige Menschengeflecht über das Ludwig XIV. herrscht, hat seine eigene Gesetzlichkeit und sein eigenes Schwergewicht, denen er sich fügen muss.

Die Möglichkeit des Zentralfunktionärs, das ganze Menschengeflecht in seinem persönlichen Interesse zu steuern beschränkt sich erst dann, wenn das Spannungsgleichgewicht auf dem er balanciert, zugunsten des Bürgertums umkippt und sich eine neue Gesellschaftsbalance mit neuen Spannungsachsen herstellt.
Erst damit beginnen auch institutionell aus den persönlichen Monopolen öffentliche Monopole zu werden. In einer allmählichen Zentralisierung der physischen Gewaltmittel und der Steuerabgaben, im Zusammenhang mit einer immer stärkeren Funktionsteilung und mit dem Aufstieg berufsbürgerlicher Schichten organisiert sich die französische Gesellschaft Schritt für Schritt in der Form eines Staates (S. 279).

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20070619

Mittelalter Neuzeit Städte Stände Adel Bürgertum zt-63

Die Gewinnung von Kommunalrechten durch die Städte ist der erste Markstein auf diesem Wege. Erst allmählich erfassen die Könige den Nutzen dieser ungewohnten Gebilde und es braucht Zeit bis erkannt wird, dass sie eine gewaltige Vergrößerung der eigenen Chancen bedeutet.
Dann aber fördern sie mit großer Konsequenz die Interessen dieses dritten Standes, soweit es ihren eigenen Interessen entspricht. Sie fördern vor allem die steuerbare, finanzielle Potenz der Bourgeoisie.

Aber sie bekämpfen mit allem Nachdruck den Anspruch der Städte auf Herrschaftsfunktionen. Der Anstieg des Königtums und des Bürgertums stehen in engster, funktioneller Abhängigkeit voneinander (S. 255).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Es fehlte auch nicht an Versuchen von Adel und Bürgertum, gegen den König zu packeln. Könige finden sich im Mittelalter in Situationen, in denen sie für bestimmte Maßnahmen die Einwilligung der versammelten Ständevertreter suchen müssen (S. 256).

Die ständischen Parlamente (wie Parteiparlamente) funktionieren, wenn eine unmittelbare Verständigung zwischen den Schichtenvertretern möglich ist. Umso größer die Spannungen in der Gesellschaft werden, umso größer werden die Machtchancen für den Zentralherrn.

In der mittelalterlichen Welt lebt jeder Stand in einem Bezirk für sich und sie konkurrieren noch nicht häufig. Nur an einer Stelle der Gesellschaft drängen aufsteigende, bürgerliche Elemente mit Hilfe des Königtums Ritter und Geistliche allmählich aus ihren Positionen: innerhalb der Herrschaftsapparatur, als Beamte (S. 256,257).

Im Gebiete Frankreichs steigt mit dem Wachstum der Städte zugleich der Anteil städtischer Elemente an den Posten der Königsverwaltung und diese Elemente durchdringen hier allmählich bereits während des Mittelalters den Herrschaftsapparat bis zu einem Grade, der in den meisten, deutschen Territorien noch bis weit in die Neuzeit hinein nicht erreicht wird (S. 258).

Die Bürger gelangen in diesen Apparat auf einem doppelten Weg. Durch den wachsenden Anteil an den weltlichen Stellen und dann durch ihren Anteil an geistlichen Stellen (clercs, Männer, die studiert haben und Latein lesen und schreiben können).

Der Verwaltungsapparat säkularisiert sich allmählich und man (manfrau eher die Ausnahme) lernt Latein nun auch um Beamter zu werden.
Die Mehrzahl der Bürgerlichen aber gelangt durch das Studium, durch die Kenntnis des kanonischen und römischen Rechts in die höheren Bezirke des Herrschaftsapparats.
Das Studium wird zu einem normalen Aufstiegsweg für die Söhne der städtischen Spitzenschichten.
Bürgerliche Elemente drängen langsam die adligen und geistlichen Elemente in dem Herrschaftsapparat zurück. Die Schicht der Fürstendiener, der Beamten wird -zum Unterschied von Deutschland- zu einer ausschließlich bürgerlichen Formation (S. 258).

Es bildet sich mit dem Wachstum des Königsbesitzes eine Spezialistenschicht, deren soziale Stellung in erster Linie von ihrer Dienststellung abhängt, deren ständisches Prestige, deren persönliches Interesse mit den Interessen des Königtums und des Herrschaftsapparates weitgehend identisch sind.

Nun sind die Angehörigen des dritten Standes die Schreiber, Räte, Steuerverwalter, Mitglieder des Gerichts, die die Interessen der Zentralfunktion und die Kontinuität der Königspolitik über das Leben des einzelnen Königs hinaus wahren. Hier tragen bürgerliche Schichten das Königtum und die Könige bürgerliche Schichten hoch (S. 259).

Mit der Zurückdrängung des Adels aus der Herrschaftsapparatur erlangt das Bürgertum eine Machtposition von großer Bedeutung. Es sind in Frankreich nicht die reichen Kaufleute, nicht unmittelbar die Zünfte, die in den Auseinandersetzung mit dem Adel das Bürgertum repräsentieren, es ist die (hohe) Beamtenschaft in ihren verschiedenen Formationen (S. 259).

Am Anfang des 17. Jahrhunderts (Anmerkung: gilt nicht als Mittelalter das ist 'Neuzeit'. Das 'Mittelalter' dauert so bis ca. 1500 oder je nachdem)erhebt diese (die Beamtenschaft) den Anspruch dem Adel sozial gleichwertig zu sein.
In dieser Zeit hat die Verflechtung zwischen Adel und Bürgertum jene Stärke erreicht, die dem Zentralherrn eine besonders große Macht sichert (S. 260). Diese Gewichtsverschiebung zuungunsten des Adels geht nur zum Teil auf bewusste und planmäßige Aktionen bürgerlicher Kreise zurück.

Die Interdependenz, König-Bürgertum ist eine Folge des Konkurrenzmechanismus, durch den der Adel quasi auf eine Stufe wie das Bürgertum gerät. Sie ist vor allem eine Folge der fortschreitenden Geldverflechtung. Mit der ansteigenden Vermehrung des Geldvolumens geht die ständige Geldentwertung Hand in Hand. Der Adel verarmt (S. 261).

Die Religionskriege verdecken mit Trubel und Unruhen die wahre wirtschaftlichen Umwälzungen. Sie wecken bei den Kriegern Hoffnungen von leichten Beutezügen, Rettung vor dem Absturz, aber sie (die Ritter) ahnen nichts von den wirtschaftlichen Umwälzungen, die sie getroffen haben.
Das Geld vermehrt sich, die Preise steigen und sie wissen nicht warum. Sie sind von Schulden bedrängt und oft ruiniert. Die Männer der Robe drängen auf Bezahlung und bemächtigen sich der Adelsgüter und oft genug der Adelstitel (S. 262).

(Anmerkung: Warum haben die Ritter diese Preissteigerungen so gespürt, wenn sie doch eigenen Boden hatten und gewissermaßen autark waren. Haben sie ihre Ansprüche erhöht, wofür brauchten sie Geld? Antwort: Da waren die Kriegssteuern, aus denen später die Steuern hervorgingen).

Der Kriegeradel begreift die Kräfte und die Gewalt der Prozesse nicht, die ihn aus seiner angestammten Position drängen. Sie müssen nun mit den Männern des dritten Standes um Geld, um die eigenen Böden und um den sozialen Vorrang konkurrieren. Damit stellt sich jene Gleichgewichtsapparatur her, die einem Einzelnen, dem Zentralherrn, seine optimale Verfügungsgewalt gibt (S. 263).

Schon in den Kämpfen des 16. u. 17. Jahrhunderts sind bürgerliche Korporationen so reich, stark und zahlreich, dass sie den Machtansprüchen des Adels stärksten Widerstand entgegensetzen können. Der Adel ist ökonomisch zu schwach um eine ständige Bedrohung zu sein. Er kann nicht über die städtischen Menschen und ihre Abgaben verfügen.

Dem Adel entgleitet in dieser Zeit die Funktion der Verwaltung und der Rechtssprechung völlig. Diese Funktionen liegen ganz in den Händen bürgerlicher Korporationen. Der König erscheint jeder Schicht oder Körperschaft als Helfer gegenüber der Bedrohung durch andere Gruppen, deren sie allein nicht Herr werden können (S. 263).

Spitzengruppen sind nicht an einer radikalen Änderung der bestehenden Ordnung interessiert. Die Vielfalt der Spannungen stärkt so die Herrschaftschancen der Könige.

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Mittelalter Kirche Ritter Klerus König zt-62

In der Gesellschaft des 9. u. 10. Jahrhunderts gibt es zwei Schichten von Freien, die Kleriker und die Krieger. Die Angewiesenheit der Krieger ist (vor allem in Friedenszeiten) vom König gering. Die Angewiesenheit der Kleriker ist größer. Hier im westfränkischen Reich werden die Bischöfe nicht Herzöge. Daher ist ihre zentrifugal wirkende Schwächung gering. Der Klerus liegt verstreut.

Die Kirche wünscht also eine Zentralgewalt, einen König, der Macht genug hat, ihr Schirmherr gegen weltliche Gewalt (ritterliche Übergriffe) zu sein (S. 251).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Verbindung zwischen Kapetingerkönigen und Kirche ist nichts Zufälliges. Ihre Ursache ist Ausdruck einer Interessenkonstellation. Die Königswürde ist ein Instrument der Priester in der Auseinandersetzung mit der Kriegerkaste.

Das Königtum erhält eine Art von sakralem Charakter, es wird gewissermaßen zu einer kirchlichen Funktion. Die Kirche ist älter und auch organisatorisch fester gefügt als die meisten Herrschaftsbereiche dieser Zeit. Bei Konkurrenzsituationen zwischen Zentralherrn und Papst wird der Papst auf seine geistliche Vormachtstellung zurückgeworfen und der weltliche Charakter der Könige tritt reiner hervor (S. 252).

Die enge Verbindung des Königshauses mit der Kirche macht die Klöster, Abteien und Bistümer im Gebiete anderer Territorialherren zu Bastionen des Königtums.

Sie stellt etwas von dem geistlichen Einfluss der kirchlichen Organisation über das ganze Land hin zu seiner Verfügung, die Könige profitieren von der Schreibgewandtheit der Kleriker, dem politischen und organisatorischen Erfahrungsschatz der kirchlichen Bürokratie und ziehen auch von der kirchlichen Finanzkraft auf mannigfache Weise Nutzen. (Anm: Unliebsame Gegner, mögliche Erben, Konkurrenten werden auf Lebenszeit in Kloster verbannt und dort quasi in Haft gehalten. Klöster konnten auch als Gefängnisse dienen).

Eines ist aber auch sicher: Die Könige (der Zentralherr) erhalten aus Gebieten jenseits ihres eigenen Territoriums Abgaben kirchlicher Institutionen.
Wenn etwas dem traditionellen Königshaus einen Vorsprung vor den konkurrierenden Häusern gibt, dann ist es dieses Bündnis der nominellen Zentralherren mit der Kirche (S. 253).

Diese gesellschaftliche Kraft der Kirche arbeitet für eine Kontinuität des Königtums und in Richtung der Zentralisierung.
Diese tritt dann in dem Maße zurück, in dem die gesellschaftliche Triebkraft des dritten Standes (dem Bürgertum) ansteigt.

Aber schon hier kann sich der Zentralherr die Spannungen zwischen Kirche und Kriegerschicht zunutze machen.
Gleichzeitig ist er aber auch an diese Spannungen gebunden und ihr Gefangener. Die Machtfülle der vielen Kriegsherren drängt König und Kirche zusammen.

Zu den ersten großen Auseinandersetzungen zwischen Kirche und König kommt es erst in jener Zeit, in der reichliche Geldmittel aus dem bürgerlichen Lager dem König zuströmen (S. 254).

Mit der Herausbildung des dritten Standes kompliziert sich das Spannungsgeflecht und die Spannungsachse im Innern der Gesellschaft verlagert sich.

Im 11. u. 12. Jahrhundert ist die zentrale Spannung zwischen Kriegern und dem Klerus.
In der Zeit danach rückt der Antagonismus zwischen den Kriegern und den städtisch-bürgerlichen Gruppen als zentrale Spannung in den Vordergrund.

Der Zentralherr gewinnt eine neue Bedeutung. Die Angewiesenheit aller Teile der Gesellschaft auf einen obersten Koordinator wächst.
Die Könige distanzieren sich immer deutlicher von allen übrigen Kriegern durch ihre Stellung zwischen ihnen und den städtischen Schichten. Sie legen ihr Gewicht bald zugunsten der einen, bald zugunsten der anderen in die Waagschale.

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20070616

Monetarisierung Kommerzialisierung Privilegien Königsmechanismus zt-61

Der Antagonismus hat gewiss nicht die Form eines bewussten Kampfes. Was den Ausschlag gibt, was die Spannungen produziert, sind auch hier weit weniger Pläne und bewusst gesetzte Kampfziele, als anonyme Verflechtungsmechanismen.

Es sind weit mehr die Mechanismen der vordringenden Monetarisierung und Kommerzialisierung, als bewusste Anschläge bürgerlich-städtischer Kreise, die am Ausgang des Mittelalters das Gros der ritterlichen Feudalherren bergab drängen (S. 242).
(Anm: Also hier: Sein bestimmt Bewusstsein :-).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Die Frage war: Wie war es möglich, dass sich eine absolutistische Zentralgewalt heran bildete, obwohl die Zentralherren nicht weniger abhängig waren von der ganzen funktionsteiligen Maschinerie, wie die Inhaber andere Stellen?

Das Schema des Königsmechanismus gibt die Antwort: Nicht mehr die militärische Stärke, nicht mehr die Größe der Besitztümer und Einnahmen allein können die gesellschaftliche Stärke des Zentralherren in dieser Phase erklären, sondern es bedarf überdies noch einer besonderen Kräfteverteilung im Inneren der Gesellschaft (S. 243).

Die gesellschaftliche Institution des Königtums erlangt ihre größte gesellschaftliche Stärke in jener Phase der Gesellschaftsgeschichte, in der ein schwächer werdender Adel mit aufsteigenden bürgerlichen Gruppen rivalisieren muss.
Die rascher fortschreitende Monetarisierung und Kommerzialisierung des 16. Jahrhunderts gibt bürgerlichen Gruppen einen mächtigen Auftrieb und drückt den Adel beträchtlich herab.
Am Ende der sozialen Kämpfe ist die Interdependenz zwischen Teilen des Adels und Teilen des Bürgerstandes beträchtlich größer geworden (S. 244).

Das Ziel des Bürgerstande war nicht die Beseitigung des Adels (wie dann 1789) als gesellschaftliche Institution, sondern es war selbst Adelstitel mit seinen Privilegien zu erlangen. Sie wollen den Adel nicht als solches beseitigen sondern bestenfalls als neuer Adel an die Stelle oder neben den alten Adel treten.
Die Spitzengruppe 'Noblesse de robe' betont während des 17. u. 18. Jahrhunderts, dass ihr Adel ein ebenso guter, wichtiger und echter Adel ist wie der des Schwertadels (S. 244).

Das Bürgertum war in jener Phase nicht die gleiche Formation wie heute, so eine Art selbstständiger Kaufleute.
Der sozial einflussreichste repräsentative Vertreter des Bürgertums im 17. u. 18. Jahrhundert war der bürgerliche Fürsten- oder Königsdiener, dessen Vorfahren gewiss Kaufleute waren, der aber selbst nun eine amtsähnliche Stellung innerhalb des Herrschaftsapparates bekleidet.

Bevor kaufmännische Schichten selbst die Spitzengruppe des Bürgertums bildeten, stehen hier zunächst an der Spitze des dritten Standes Beamte, Männer der Robe, die das Bürgertum in den Ständeversammlungen vertreten.

In Frankreich ist dieser Bürger eine Mischung von Rentier und Beamter, der seine Stelle im Staatsapparat als Besitztum gekauft oder von seinem Vater ererbt hat. Auf Grund dieser Amtsstellung genießt er eine Reihe von Privilegien z.B. Steuerfreiheit (S. 245).

Gemeinsam ist dem dritten Stand (1.= Klerus, 2. = Adel) vor allem ein Interesse: Das Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer verschiedenen Privilegien. Denn durch Sonderrechte, durch Privilegien ist nicht nur die soziale Existenz des Adligen oder des Amtsinhabers ausgezeichnet; auf Privilegien ruht auch die Existenz des Kaufmanns in dieser Zeit ab; von Privilegien hängt der Bestand des Zunfthandwerks ab.

Bis in die Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein ist das Bürgertum, wie der Adel selbst, eine ständische, durch Sonderrechte charakterisierte und aufrecht erhaltene Formation.

Hier stößt man jetzt auf jene Verflechtungsmaschinerie, kraft derer dieses Bürgertum niemals zu einem entscheidenden Schlag gegen den Adel (den Gegenspieler) ausholen kann. Es kann und will auch niemals die gesellschaftliche Institution der Privilegien selbst beseitigen, denn seine eigene soziale Existenz, an deren Erhaltung ihm alles liegt, wird ebenfalls durch Privilegien aufrecht erhalten und geschützt (S. 246).

Erst, wenn immer stärker im Zellenaufbau der Gesellschaft bürgerliche Existenzen hervortreten, deren gesellschaftliche Basis nicht mehr ständische Privilegien sind, dann erst sind die sozialen Kräfte vorhanden, die den Adel entschieden bekämpfen können, die nicht nur einzelne Adelsprivilegien sondern das gesellschaftliche Institut der Adelsprivilegien selbst beseitigen wollen (S. 246, 247).

In der Tat ist die Revolution von 1789 nicht einfach ein Kampf des Bürgertums gegen den Adel. Durch sie wird die soziale Existenz des ständischen Bürgertums, voran die der Robe, der privilegierten Amtsinhaber des dritten Standes und auch die des alten, ständischen Zunfthandwerkes ganz ebenso vernichtet, wie die des Adelsstandes.

Vorher sind im Zeitalter des Absolutismus die politisch relevanten Teile des Bürgertums bis zum Hervortreten eines neuen, nicht ständischen Bürgertums völlig an den Bestand und die spezifische Balance einer ständischen Ordnung gebunden (S. 247).

Die gewichtigste Spannungsachse zwischen Adel und Bürgertum ist noch in eine Fülle von anderen, nicht weniger ambivalenten eingebettet.

Weltliche Ämterhierarchie via kirchlicher Ämterhierarchie.

Ein multipolares Balancesystem.

Der König oder sein Stellvertreter lenkt und steuert dieses Getriebe, indem er sein Gewicht bald in der einen, bald in der anderen Richtung einsetzt (Bild des Tauziehens).

Und seine gesellschaftliche Stärke ist eben deswegen so groß, weil die strukturelle Spannung zwischen den Hauptgruppen dieses Gesellschaftsgeflechts zu stark ist, um ein zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen den König zu gelangen. Alle Versuche dieser Art scheitern im 16. u. im frühen 17. Jahrhundert (S. 249).

Jede der Richtungen möchte vielmehr das Königtum zu ihren Gunsten beschränken und jede von ihnen ist gerade stark genug, um zu verhindern, dass das einer anderen gelingt.
Sie halten sich gegenseitig in Schach und finden sich dementsprechend am Ende wieder resigniert in gemeinsamer Abhängigkeit von einem starken König (S. 250).

Die Gegensätze zwischen den beiden Hauptgruppen sind zu groß, um einen entscheidenden Kompromiss zwischen ihnen wahrscheinlich zu machen. So, unfähig sich zu einigen, unfähig, sich mit voller Kraft zu bekämpfen und zu besiegen, müssen sie einem Zentralherrn alle jene Entscheidungen überlassen, die sie selbst nicht herbeiführen können (S. 250).

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20070601

Apanage Dauphine Feudalität Krieg zt-52

Neue Stärkung der zentrifugalen Kräfte:
Der Konkurrenzkreis der Prinzen

Die Bildung des Herrschaftsmonopols vollzieht sich nicht so geradlinig (wie es bei der Betrachtung der Bodenakkumulation erscheint).
Je größer der Landbesitz, desto stärker wird die Tendenz zur Dezentralisierung.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator

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Nun verändert sich die Spielweise der dezentralisierenden gesellschaftlichen Kräfte.
Geld und Handwerk spielen in der Gesellschaft eine erheblich größere Rolle als damals. Jetzt hat das Bürgertum ein eigenes soziales Gewicht bekommen; die Verkehrsmittel haben sich entwickelt.

Alles das bietet der Herrschaftsorganisation eines größeren Gebietes Chancen, die früher gefehlt haben. Ein wachsender Teil der Helfer und Diener des Zentralherren stammt nun überdies aus städtischen Schichten (S. 180).

Nun stellen die nächsten Angehörigen des Zentralherren eine bedeutende Bedrohung dar. Dies sind nun die Hauptexponenten der Dezentralisation.
Herrschaftsgebiet und Herrschaftsmonopol sind ein Familieneigentum und alle nächsten Angehörigen erheben einen Anspruch zum mindesten auf Teile dieses Besitzes.

Zentrifugaler Prozess --> Desintegrationsschub.

Es gibt noch kein allgemeines oder übergreifendes 'Recht', denn es gibt noch keine übergreifende Macht, die ein solches Recht durchsetzen kann. (Erst im Zusammenhang mit der Bildung von Gewaltmonopolen, mit der Zentralisierung der Herrschaftsfunktionen setzt sich ein allgemeineres Recht, ein gemeinsamer Rechtscode für große Gebiete durch).

Die Kinder auszustatten ist eine gesellschaftliche Verpflichtung, ein Brauch. Mit ihm verbindet sich ein hoher Prestigewert begüterter Familien. Es ist da der Impuls die Söhne und Töchter zu versorgen, für eine standesgemäße Ausstattung zu sorgen zur Erhaltung des sozialen Standards und zur Vergrößerung der Chancen für die Macht und die Dauer des Hauses.

Aber diese Abtrennung von Besitzungen und Herrschaftsfunktionen zugunsten von Familienangehörigen gefährdet sehr oft die Macht und die Dauer des Hauses. (Erst Ludwig XIV. hielt alle seine Angehörigen von jeder Herrschaftsfunktion und Machtposition fern).

Das Besitztum der Königsfamilie hat sehr stark den Charakter eines kleinen Familienunternehmens. Gebiete werden als Apanagen an die jüngeren Kinder der Könige gegeben (Kapetinger). Ein 'Dauphine' ist der Thronfolger.
Das Faktum der Apanagierungen zeigt bis zu welchem Grad die französische Territorialmacht auch noch im 14. Jahrhundert noch immer den Charakter eines Familienunternehmens hat.

Was der Konkurrenzsituation innerhalb des westfränkischen Nachfolgegebietes den besonderen Charakter gibt ist die Tatsache, dass beinahe alle, die daran teil haben, Abkömmlinge des Kapetingerhauses selbst sind.
Es sind Apaganierte und ihre Nachkommen, die sich nun als Konkurrenten oder Rivalen gegenüberstehen. Sie sind die Akteure erster Ordnung.

Noch einmal vollzieht sich einer jener Desintegrationsschübe, wie sie Jahrhunderte früher zur Desintegration der Karolingerherrschaft, dann zur feudalen Gesellschaftsordnung des 12. Jahrhunderts hinführten.

Apaganierte, werden zu Konkurrenten eines geschwächten Zentralhauses. Der Konkurrenzkampf ist jetzt auf wenige Abkömmlinge des ursprünglichen Zentralhauses selbst beschränkt. Das ist ein Anzeichen dafür, wie weit dieses Menschengeflecht mindestens in seinem agrarischen Sektor, bereits zu einem System mit geschlossenen Chancen geworden ist (S. 194).

Die Hauptpersonen des Vormachtskampfes unter den Königsverwandten wechseln zuweilen, aber, wie auch die Personen wechseln, die Verflechtungszwänge, die sie treiben, bleiben die gleichen.

Diese Konkurrenzkämpfe zwischen den Königsverwandten aber verflechten sich notwendigerweise zugleich in die größere Auseinandersetzung dieser Zeit, die noch nicht zur Entscheidung gekommen ist, in die Auseinandersetzung mit den Plantagenets (dort analoge Mechanismen und ähnliche Auseinandersetzungen). Ein Anspruch mag schlechter oder besser sein, Sieger ist der Stärkere.

Wie ehemals die Ausscheidungs- oder Vormachtkämpfe innerhalb der breiten, nachkarolingischen Feudalität, so drängen nun analoge Spannungen von neuem Einzelne aus dem weit beschränkteren Konkurrenzkreis der großen kapetingischen Territorialherren zur Ausdehnung ihres Gebietes.

Aber als Mittel der Expansion spielen jetzt Heirat, Erbschaft und Kauf mindestens eine ebenso wichtige Rolle, wie Kriege und Fehden. Nicht nur Habsburg heiratet sich groß.

In dieser Phase haben sich die Konkurrenzmöglichkeiten bereits verringert und der Aufbau der Spannungen zwischen den Menschen drängt zur Bildung von Herrschaftsmonopolen für Gebiete einer höheren Größenordnung hin (S. 198).

Den hundertjährigen Krieg muss manfrau so betrachten: Als eine der unvermeidlichen Entladungen innerhalb einer spannungsreichen Gesellschaft von Territorialbesitzungen bestimmter Größenordnung, als Konkurrenz- oder Vormachtskämpfe rivalisierender Häuser innerhalb eines interdependenten Systems von Herrschaftseinheiten mit sehr labilem Gleichgewicht.

Die Häuser von Paris und von London konkurrieren um die Vormacht in dem gleichen Gebiet. Dann gibt es Spannungen innerhalb dieser Gebiete, vor allem Spannungen zwischen den verschiedenen Zweigen des Pariser Hauses selbst, kristallisieren sich an diese Hauptspannung des ganzen Territorialsystems an.

Wachstum der Funktionsteilung und der überlokalen Interdependenz. In dieser Zeit beginnen auch schon Interdependenzen und Verschiebungen des territorialen Gleichgewichts über den größeren Raum des ganzen westlichen Europas hin spürbar zu werden (S. 200). Im hundertjährigen Krieg tritt diese wachsende Interdependenz über größere Räume hin schon deutlich in Erscheinung.

Es kündigt sich hier bereits an, was wenige Jahrhunderte später, im 30 - jährigen Krieg, schon weit ausgeprägter in Erscheinung tritt:
Der Erdteil Europa als Ganzes beginnt ein interdependentes Ländersystem mit einer eigenen Gleich- und Schwergewichtsdynamik zu werden, innerhalb dessen jede Stärkeverschiebung mittelbar oder unmittelbar jede einzelne Einheit, jedes Land, in Mitleidenschaft zieht.

Im 1.Weltkrieg kündigt sich an, wie die Spannungen und Gleichgewichtsverschiebungen im Zuge der gleichen Transformation, der immer weiter wachsenden Verflechtung, nun schon Herrschaftseinheiten über einen noch größeren Raum, Länder über weite Teile der Erde hin affizieren.

Art und Stufen der Monopolbildung, auf die Spannungen einer solchen Weltverflechtung hinsteuern.
Erscheint das schon am Horizont unseres Bewusstseins?

Die Londoner Herrschaft wurde auf das Inselreich beschränkt und das Haus von Paris wurde Kristallisationszentrum.

Der hundertjährige Krieg hat aber zunächst eine Desintegrierung zur Folge. Den französischen Königen ist der Herrschaftsanspruch auf das Inselreich endgültig entglitten und die englischen Könige scheiden aus dem festländischen Spiel um die Vormacht und um die französische Krone aus.

Ähnliches vollzieht sich später zwischen Preußen und Österreich. Hier wie dort wird durch eine Desintegration die Integration auf ein kleineres Gebiet beschränkt und damit in hohem Maße erleichtert (S. 202).

In Frankreich verlagern sich die Spannungen und die Balance innerhalb des Gebietes selbst. Mit dem Ausscheiden der Engländer wird die Rivalität zwischen den verschiedenen Zweigen des Kapetingerhauses selbst zur beherrschenden Spannung.
Es ist noch nicht entschieden am Ausgang des hundertjährigen Krieges durch welchen dieser Zweige die Integration vollzogen wird. Acht große Häuser, alles Abkömmlinge und Verwandte von Apanagierten, also Abzweigungen des Kapetingerhauses.

Die seigneuriale, die nach-karolingische Feudalität hat sich, wie manfrau es ausgedrückt hat, zu einer 'prinzlichen', einer kapetingischen Feudalität 'kontrahiert' (S. 203). Ein einzelnes Haus ist als Sieger hervorgegangen (die Kapetinger) und nun streiten sich die verschiedenen Zweige der Familie um die Vormacht.

Hier und jetzt nach dem hundertjährigen Krieg haben wir noch nicht eine vollkommene Konzentrierung oder Zentralisierung der herrschaftlichen Verfügungsgewalt.
Hier sind wir erst auf einer Stufe auf dem Weg zum absoluten Monopol. Es ist ein Zustand stark beschränkter Konkurrenz. Wer nicht zur Familie gehört, hat so gut wie keine Chance (S. 204).

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