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20070714

Funktionsteilung Triebmodellierung ÜberIch Emanzipation tz-07

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 7

Stärkere Bindung der Oberschicht.
Stärkerer Auftrieb von unten.

In für die ritterlich-höfische Oberschicht typischen Bildern des späten Mittelalters wird die Darstellung von Unterschichtsgebärden noch nicht als besonders peinlich empfunden.

Später, nach dem Peinlichkeitsschema der absolutistisch-höfischen Oberschicht kommen gemäßigte, verfeinerte Gesten zum Ausdruck. Vulgäres, an untere Schichten Erinnerndes wird der Gestaltung ferngehalten.

Abwehr des Vulgären, mehr Empfindlichkeit, mehr Sensibilität. Diese hängt mit der spezifischen Regelung und Umformung der Triebimpulse zusammen.
Mit Bestimmtheit wird gesagt, 'das ist gut/schlecht'. Die Sicherheit ihres Geschmacks geht mehr auf unbewusst arbeitende Figuren ihrer psychischen Selbststeuerung zurück, als auf bewusste Überlegungen. Zunächst zeigen kleine Kreise wachsende Empfindlichkeit für Schattierungen und Nuancen, 'Delikatessen'. Dieser gute Geschmack stellt für solche Kreise zugleich einen Prestigewert dar (S. 410).

Alles, was an ihre Peinlichkeitsschwelle rührt, riecht bürgerlich, ist gesellschaftlich minderwertig. Alles, was bürgerlich ist, rührt an ihre Peinlichkeitsschwelle. Es ist die Notwendigkeit, sich von allem Bürgerlichen zu unterscheiden, die diese Empfindlichkeit schärft.
Die Ausgeschliffenheit des gesellschaftlich-geselligen Verhaltens wird zum Hauptinstrument der Prestige- und Gunstkonkurrenz (nicht die berufliche Tätigkeit, nicht der Besitz von Geld).

Ab dem 16. Jahrhundert gerät der Standard des gesellschaftlich-geselligen Verhaltens in raschere Bewegung, bleibt in dieser während des 17. u. 18. Jahrhunderts um sich dann im 18. u. 19. Jahrhundert in bestimmter Weise zu transformieren und durch die ganze abendländische Gesellschaft auszubreiten.

Dieser Schub von Restriktionen und Triebwandlungen setzt ein mit der Verwandlung des ritterlichen Adels in eine höfische Aristokratie.
Er hängt auf engste mit der Wandlung im Verhältnis der Oberschicht zu den anderen Funktionsgruppen zusammen.

Die courteoise Kriegergesellschaft steht noch nicht so unter Druck, steht noch nicht dermaßen in Interdependenz mit den bürgerlichen Schichten, wie die höfische Aristokratie.

Die absolutistisch-höfische Oberschicht ist eine Formation in einem weit dichteren Interdependenzgeflecht. Sie ist in der Zange zwischen dem Zentralherrn des Hofes und den wirtschaftlich begünstigten, bürgerlichen Spitzengruppen, die nach oben drängen.

Sie ist durch bürgerliche Schichten, die nach oben drängen (Auftrieb von unten) weit stärker und ständiger in ihrer sozialen Existenz bedroht.
Die Verhöflichung des Adels vollzieht sich überhaupt nur im Zusammenhang mit einer Verstärkung des Auftriebes bürgerlicher Schichten.

Der Bestand einer stärkeren Interdependenz und einer stärkeren Spannung zwischen adligen und bürgerlichen Schichten ist konstitutiv für den höfisch-aristokratischen Charakter der Spitzengruppen des Adels (S. 412).

Verglichen mit der funktionellen Gebundenheit des freien mittelalterlichen Kriegeradels ist die der höfischen Aristokratie bereits sehr groß. Die sozialen Spannungen zwischen Adel und Bürgertum nehmen mit der zunehmenden Pazifizierung einen anderen Charakter an.
Die höfische Aristokratie ist die erste jener stärker gebundenen Oberschichten, der im Laufe der neueren Zeit dann noch andere stärker gebundene Oberschichten folgen.

Schon im 16. u. 17. Jahrhundert besteht bei bestimmten bürgerlichen Spitzengruppen ein starkes Verlangen danach sich selbst an Stelle des Schwertadels oder wenigstens neben dem Schwertadel als Oberschicht des Landes zu etablieren; die Politik dieser bürgerlichen Schichten ist zu einem guten Teil darauf abgestellt, auf Kosten des alten Adels ihre eigenen Privilegien zu vergrößern.

Beide Gruppen müssen die Beunruhigung, die das ständige Tauziehen erzeugt, mehr oder weniger in sich zurückhalten. Die soziale Spannung ruft bei diesem Aufbau der Interdependenzen in den bedrohten Menschen der Oberschicht eine starke innere Spannung hervor (S. 414). Sie kommen in den stark affektgeladenen Abwehrgesten zum Vorschein, mit denen die höfischen Kreise allem begegnen, was 'bürgerlich riecht'. Sie hält alles 'Vulgäre' aus ihrem Lebenskreis ferne. Und diese ständig schwehlende, soziale Angst bildet schließlich auch einen der mächtigsten Antriebe für die starke Kontrolle, die jeder Angehörige dieser höfischen Oberschicht auf sich selbst und auf das Verhalten der anderen Menschen seines Kreises ausübt; Sie äußert sich in der angespannten Aufmerksamkeit.

Der ständige Auftrieb von unten und die Angst, die er oben erzeugt, ist mit einem Wort, zwar nicht die einzige, aber eine der stärksten Triebkräfte jener spezifischen, zivilisatorischen Verfeinerung, die die Menschen dieser Oberschicht aus anderen hervorhebt und die ihnen schließlich zur zweiten Natur wird (S. 415).

Sie werden kopiert.

Immer wieder werden Gebräuche, die zuvor 'fein' waren, nach einiger Zeit 'vulgär' (= Motor). Erst mit der französischen Revolution hört diese Verfeinerung, diese Ausfeilung der Peinlichkeitsschwelle auf (oder verliert an Intensität).

Den Motor der zivilisatorischen Transformation des Adels (Scham- und Peinlichkeits Schwelle) bildet so neben der schärferen Konkurrenz um die Gunst der Mächtigsten innerhalb der höfischen Schichten selbst, der ständige Auftrieb von unten (S. 416).
Von nun werden aber immer mehr Beruf und Geld zur primären Quelle des Prestiges.

In jeder Gesellschaftsschicht wird der Bezirk des Verhaltens, der gemäß ihrer Funktionen für die Menschen dieser Schicht am lebenswichtigsten ist, auch am sorgfältigsten und intensivsten durch modelliert.
Die Genauigkeit, mit der Handgriffe und Etiketten durch bildet werden entspricht der Bedeutung, die alle diese Verrichtungen sowohl als Distinktionsmittel nach unten, wie als Instrumente im Konkurrenzkampf um die Gunst des Königs für die höfischen Menschen haben.
Es handelt sich hier nicht um geübte Privatvergnügungen einzelner Menschen, sondern um lebenswichtige Erfordernisse der gesellschaftlichen Position.

Im 19. Jahrhundert bilden Gelderwerb und Beruf die primären Angriffsflächen der gesellschaftlichen Zwänge, die den Einzelnen modellieren. Die Formen der Geselligkeit fallen jetzt in die Sphäre des Privatlebens.

Nun treten allmählich bürgerlich-mittelständische Züge schrittweise in den Vordergrund. Ganz generell werden in allen abendländischen Gesellschaften mit dem Niedergang der Aristokratie stärker diejenigen Verhaltensweisen und Affektgestaltungen entwickelt, die zur Bewältigung von Erwerbsfunktionen, zur Durchführung einer mehr oder weniger genau geregelten Arbeit notwendig sind.

Zunächst übernimmt die berufsbürgerliche Gesellschaft das Ritual der höfischen Gesellschaft ohne es selbst gleich intensiv weiterzubilden. Der Standard der Affektregelung rückt erst langsam weiter.
In der englischen 'Society' gibt es diese Aufteilung des menschlichen Daseins in eine Berufs- und eine Privatsphäre nicht.

Wenn diese Spaltung allgemeiner wird, beginnt eine neue Phase im Prozess der Zivilisation. Die Anspannung, die die Aufrechterhaltung der bürgerlichen, sozialen Existenz erfordert ist erheblich größer, als die entsprechenden psychischen Figuren, die ein Leben als höfischer Aristokrat erfordert.
(Beispiel: Geschlechterbeziehung, erotische Prägung der Bevölkerung).

Aber die höfisch-aristokratische Menschenmodellierung mündet in dieser oder jener Form in die berufsbürgerliche ein, und wird in ihr aufgehoben weiter getragen.

Manfrau findet diese Imprägnierung breiterer Schichten mit Verhaltensformen und Triebmodellierungen, die ursprünglich der höfischen Gesellschaft eigentümlich waren, besonders stark in Regionen in denen die Höfe groß und reich und ihr Vorbild daher von großer Durchschlagskraft war. (Beispiele: Paris und Wien). Es sind die Sitze der beiden großen, rivalisierenden, absolutistischen Höfe des 18. Jahrhunderts (S. 418).

Die Verhaltensweisen, die Art der Affektregelung zeigen ein großes Maß an Einheitlichkeit. Das ist eine Folge der wechselseitigen Verflechtung der abendländischen Herrschaftsverbände und der beständigen Interdependenz aller funktionsteiligen Prozesse in den verschiedenen Nationalverbänden des Abendlandes.

Die Phase der halb privaten Gewaltmonopole und der höfisch-aristokratischen Gesellschaft spielt mit ihrer starken Interdependenz über ganz Europa hin für das Gepräge des abendländisch-zivilisierten Verhaltens eine besondere Rolle.

Diese höfische Gesellschaft hatte als erste und in besonders reiner Form die Funktion einer guten Gesellschaft, einer Oberschicht, die unter dem Druck einer intensiven und weitreichenden Verflechtung, unter dem Druck von Gewalt- und Steuermonopolen auf der einen Seite, von aufdrängenden, unteren Schichte auf der anderen Seite stand.

Die höfische Gesellschaft war in der Tat die erste Repräsentantin jener eigentümlichen Form von Oberschicht die in einem hohen Maße gebunden war und deren Lage ein beständiges Ansichhalten, eine intensive Triebregelung erforderte.

Die Modelle dieses Ansichhaltens gingen abgestuft und modifiziert, von Schicht zu Schicht weiter. Vor allem bei Völkern, die im Zusammenhang mit einer frühzeitigen Ausbildung von starken Zentralorganen auch frühzeitig zu Kolonialmächten wurden schärfte sich - durch den Druck der weltweiten Verflechtung (Verkörperung durch die Stärke des Konkurrenzkampfes, Prestigewahrung) auch die Stärke der gesellschaftlichen Kontrolle.

So amalgamierten sich Verhaltensweisen einer höfisch-aristokratischen Oberschicht mit Verhaltensweisen der verschiedenen bürgerlichen Schichten, wenn diese aufstiegen und in die Lage von Oberschichten gelangten (S. 420).

So breiteten sich vom 19. Jahrhundert ab diese zivilisierten Verhaltensformen über die aufdrängenden, unteren Schichten der abendländischen Gesellschaft selbst, so über die verschiedenen Schichten der Kolonialländer aus und amalgamierten sich mit Verhaltensweisen, die deren Schicksal und Funktion entsprachen.

Bei jedem dieser Aufstiegsschübe durchdringen sich Verhaltensweisen der jeweils oberen und der aufsteigenden unteren Schichten oder Verbände.

So kommt es, dass sich in dem Trieb- und Verhaltensschema der verschiedenen, bürgerlichen Nationalverbände, in ihrem 'Nationalcharakter', ganz genau die Art der früheren Beziehungen zwischen Adels- und Bürgerschichten und die Struktur der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zeigt, in der einige von diesen schließlich zur Macht gelangten (S. 421).

Das Schema des Verhaltens in Nordamerika ist weit ausgesprochener mittelständisch als in England, weil dort die Aristokratie frühzeitig verschwand.

Jede dieser Ausbreitungsbewegungen des Zivilisationsstandards über eine weitere Schicht hin aber geht Hand in Hand mit einer Zunahme in deren gesellschaftlichen Stärke, mit einer Angleichung ihres Lebensstandards an den der nächsthöheren Schicht oder mindestens mit einer Hebung ihres Lebensstandards in dieser Richtung (S. 422).

Schichten, die dauernd in der Gefahr des Verhungerns oder auch nur in äußerster Beschränkung, in Not und Elend leben, können sich nicht zivilisiert verhalten.

Zur Züchtung und zur Instandhaltung einer stabileren Über-Ich-Apparatur bedurfte und bedarf es eines relativ gehobenen Lebensstandard und eines ziemlich hohen Maßes von Sekurität. (Dritte Welt Problematik).(Entwicklung)

In a nutshell:
Folgen und Teilerscheinungen der Funktionsteilung

Das elementare Schema dieser Zusammenhänge ist einfach genug: Alles, was bisher an einzelnen Erscheinungen erwähnt wurde (Hebung des Lebensstandards, stärkere Abhängigkeit der Oberschicht, Stabilität der Zentralmonopole ...), also alles das sind Folge- und Teilerscheinungen einer bald rascher, bald langsamer fortschreitenden Funktionsteilung.

Mit dieser Funktionsteilung stieg und steigt die Ergiebigkeit der Arbeit; die größere Ergiebigkeit der Arbeit ist die Voraussetzung für die Hebung des Lebensstandards von immer breiteren Schichten; mit dieser Funktionsteilung wächst die funktionelle Abhängigkeit der jeweils oberen Schichten; und erst von einer sehr hohen Stufe der Funktionsteilung ab ist schließlich auch die Bildung von stabilen Gewalt- und Steuermonopolen mit stark spezialisierten Monopolverwaltungen, also die Bildung von Staaten im abendländischen Sinne des Wortes möglich, mit der das Leben des Einzelnen allmählich eine etwas höhere 'Sekurität' erhält.

Aber diese steigende Funktionsteilung bringt auch beständig immer mehr Menschen, immer weitere Menschenräume in Abhängigkeit voneinander; sie verlangt und züchtet eine größere Zurückhaltung des Einzelnen, eine genauere Regelung seines Verhaltens und seiner Affekte; sie fordert eine stärkere Triebbindung und- von einer bestimmten Stufe ab- einen beständigeren Selbstzwang. Dies ist, der Preis, den wir für die größere Sekurität, den wir für alles andere, was in der gleichen Linie liegt, bezahlen (S. 423).

Erläuterung: Zunächst aber sind Zurückhaltung und Selbstzwang noch weitgehend durch die eigentümliche Spaltung der Gesellschaft in Ober- und Unterschichten bestimmt (noch nicht durch die Notwendigkeit der Kooperation jedes Einzelnen mit vielen Anderen).
Die Art der Zurückhaltung und der Triebmodellierung, wie sie sich bei den Menschen in der jeweils höheren Schicht herstellt, erhält daher ihr besonderes Gepräge zunächst noch durch die ständigen Spannungen, die die Gesellschaft durchziehen.

Die Ich- und Über-Ich-Bildung dieser Menschen ist sowohl bestimmt durch den Konkurrenzdruck, durch die Ausscheidungskämpfe innerhalb der eigenen Schicht, wie durch den beständigen Auftrieb von unten, den die fortschreitende Funktionsteilung in immer neueren Formen produziert.
Stärke und Widerspruchsreichtum der gesellschaftlichen Kontrolle, hängt nicht nur damit zusammen, dass es die Kontrolle von konkurrierenden Existenzen ist, sondern vor allem auch damit, dass die Konkurrierenden zugleich gemeinsam ihr unterscheidendes Prestige, ihren gehobenen Standard, gegenüber Aufdrängenden zu wahren haben (S. 423).

Betrachtet manfrau die Linie dieser Prozesse über Jahrhunderte hinweg, dann sieht manfrau eine klare Tendenz zur Angleichung der Lebens- und Verhaltensstandarde, zur Nivellierung der großen Kontraste. Aber diese Bewegung geht nicht geradlinig vor sich.
Manfrau kann in jeder dieser Ausbreitungswellen von Verhaltensweisen eines kleineren Kreises zu einem größeren, aufsteigenden hin deutlich zwei Phasen unterscheiden:
Eine Kolonisations- oder Assimilationsphase in der die untere an der oberen Schicht orientiert ist und eine
zweite Phase der Abstoßung, der Differenzierung oder Emanzipation, in der die aufsteigende Gruppe spürbar an Stärke und Selbstbewusstsein gewinnt und die obere Gruppe zu einem stärkeren Ansichhalten, einer betonteren Abschließung gedrängt wird und in der sich die Kontraste, die Spannungen in der Gesellschaft verstärken (S. 424).

In der zweiten Phase, in der die gesellschaftliche Stärke der jeweils unteren Gruppe wächst verstärkt sich mit der Rivalität und den Abstoßungstendenzen auch das Selbst- und Eigenbewusstsein beider.
Es besteht die Neigung das Unterscheidende hervor zukehren und zu stabilisieren. Das Selbst- und Eigenbewusstsein beider steigt. Die Kontraste zwischen den Schichten werden größer, die Mauern höher.


Die erste Phase (Kolonisations- oder Assimilationsphase): In der ersten Phase tritt die Neigung von oben nach unten zu kolonisieren, von unten nach oben sich anzugleichen stärker zutage. In der ersten Phase sind viele einzelne Menschen der aufsteigenden Schicht sehr stark abhängig. Sie sind in vieler Hinsicht noch ungeformt und sie werden so beeindruckt, dass sie ihre Affektregulierung nach dem Verhaltenscode der oberen Schicht auszurichten suchen.

Hier stößt manfrau auf eine der merkwürdigsten Erscheinungen im Prozess der Zivilisation: Die Menschen der aufsteigenden Schicht entwickeln ein 'Über-Ich' nach dem Muster der überlegenen und kolonisierenden Oberschicht. Dieses Über-Ich ist genau besehen in vieler Hinsicht recht verschieden von seinem Modell.

ES ist unausgeglichener und dabei zugleich oft genug außerordentlich viel strenger und rigoroser. Bei den meisten Menschen der aufstiegsbegierigen Schichten führt das Bemühen darum zunächst zu ganz spezifischen Verkrümmungen des Bewusstseins und der Haltung. (Aus Orientalländern als 'Leviantinismus' bekannt.

Manfrau begegnet solchen Haltungen in der abendländischen Gesellschaft oft genug als 'Halbbildung', als Anspruch etwas zu sein, was manfrau nicht ist, als Unsicherheit des Verhaltens und des Geschmacks, als 'Verkitschung' nicht nur der Dinge (Möbel, Kleider etc.) sondern auch der Seelen.

Alles das bringt eine soziale Lage zum Ausdruck, die zur Imitation von Modellen einer anderen gesellschaftlich höher rangierenden Gruppe drängt. Sie gelingt nicht; sie bleibt als Imitation fremder Modelle erkennbar. Sie erscheint als sonderbare Falschheit und Unförmigkeit des Betragens. Dahinter steht eine echte und wahre Notlage der sozialen Existenz.

Das Verlangen, dem Druck der von oben kommt, und der Unterlegenheit zu entgehen. Und diese Ausprägung des Über-Ichs von der Oberschicht her lässt bei der aufsteigenden Schicht immer eine ganz spezifische Form von Scham- und Unterlegenheitsgefühlen entstehen. Sie sind sehr verschieden von den Empfindungen unterer Schichten ohne Chancen zu einem individuellen Aufstieg.

Die untere Schicht: Deren Verhalten mag gröber sein, aber es ist geschlossener, einheitlicher, ungebrochener, geformter; sie leben stärker in ihrer eigenen Welt, ohne Anspruch auf ein Prestige mit einem größeren Spielraum für Affektentladungen; sie leben stärker nach eigenen Sitten und Gebräuchen; ihre Unterordnungsgesten und ihre Widerstandsgesten sind klar, relativ unverhüllt gleich ihren Affekten durch bestimmte Formen gebunden. In ihrem Bewusstsein haben sie selbst ihre wohl unterschiedene Stellung (S. 426).

Die 'kleinbürgerliche' nach oben orientierte Schicht: Die Unterlegenheitsgefühle und -gesten der individuell aufsteigenden Menschen dagegen identifizieren sich mit der oberen Schicht.

Die Menschen in dieser Lage erkennen mit einem Teil ihres Bewusstseins die Normen und Verhaltensformen der oberen Schicht als für sich selbst verbindlich an, ohne sich daran halten zu können wie diese. In ihnen steckt ein Widerspruch, eine Spannung, die ihrem Affektleben und ihrem Verhalten seinen besonderen Charakter gibt (S. 427).

Zugleich zeigt sich aber hier, welche Bedeutung die strenge Verhaltensregelung für die Oberschicht hat: Sie ist ein Prestigeinstrument und zugleich ein Herrschaftsmittel.

Es ist nicht wenig bezeichnend für den Aufbau der abendländischen Gesellschaft, dass die Parole ihrer Kolonisationsbewegungen 'Zivilisation' heißt. Für Menschen einer Gesellschaft mit starker Funktionsteilung genügt es nicht zu herrschen, manfrau braucht nicht nur den Boden sondern manfrau braucht auch die Menschen; manfrau wünscht die Einbeziehung der anderen Völker in das arbeitsteilige Geflecht des eigenen, des Oberschichtlandes, sei es als Arbeitskräfte, sei es als Verbraucher; das aber zwingt zu einer gewissen Hebung des Lebensstandardes, wie zu einer Züchtung von Selbstzwang- oder Über-Ich-Apparaturen bei den Unterlegenen nach dem Muster der abendländischen Menschen selbst (S. 427).
Es erfordert wirklich eine Zivilisation der unterworfenen Völker.

So wie es im Abendland ab einem bestimmten Stand der Interdependenz nicht mehr möglich war, Menschen alleine durch Waffen und körperliche Bedrohung zu beherrschen, so wurde es nötig, die Menschen durch die Modellierung ihres Über-Ich zu beherrschen.

Damit stellten sich bei einem Teil der Unterworfenen alle jene Erscheinungen ein, die für eine solche erste Aufstiegsphase charakteristisch sind:
• Individueller Aufstieg,
• Assimilation der Aufsteigenden an die Affektregelung und die Gebotstafeln der Oberschicht,
• teilweise Identifizierung,
• Ausbildung oder Umbildung der Über-Ich-Apparatur nach dem Schema,
• mehr oder weniger geglückte Amalgamierung der vorhandenen Gewohnheiten und Selbstzwänge (S. 428).


Wiederholung:
Beispiel: Um solche Erscheinungen zu beobachten, braucht manfrau nicht in die Weite zu gehen. Eine ganz analoge Phase findet sich in der Aufstiegsbewegung des abendländischen Bürgertums selbst: der höfischen Phase. (Erste Phase= Kolonisation nach unten, Anpassung nach oben).

Hier war es zunächst das höchste Streben vieler einzelner Individuen aus bürgerlichen Spitzenschichten sich zu verhalten und zu leben wie ein Adliger.

Sie erkannten innerlich die Überlegenheit des höfisch-aristokratischen Verhaltens an. Die Unterhaltung des Bürgers im höfischen Kreis über das richtige Sprechen ist ein Beispiel dafür.

Diese höfische Phase des Bürgertums ist markiert durch die bekannte Gewohnheit der Sprechenden und Schreibenden, nach jedem dritten oder vierten deutschen Wort ein französisches einzufügen, wenn sie es nicht überhaupt vorzogen in der französischen Sprache, der höfischen Sprache Europas zu sprechen.

Darüber hat manfrau sich oft lustig gemacht. Wenn aber die gesellschaftliche Stärke des Bürgertums wächst, verliert sich der Spott. (Nun, die zweite Phase = Phase des Abstoßens, der Differenzierung und Emanzipation).
Es treten jene Erscheinungen in den Vordergrund die der zweiten Aufstiegsphase ihren Charakter geben. Bürgerliche Gruppen kehren immer stärker und betonter ein eigenes, spezifisch bürgerliches Selbstbewusstsein hervor; sie setzen immer entschiedener und bewusster eigene Gebots- und Verbotstafeln den höfisch-aristokratischen entgegen.

Sie stellen die Arbeit gegen den aristokratischen Müßiggang, die Natur gegen die Etikette, die Pflege des Wissens gegen die Pflege der Umgangsformen, ganz zu schweigen hier von den besonderen bürgerlichen Forderungen nach einer Kontrolle der zentralen Schlüsselmonopole (Steuer- und Heeresverwaltung).
Sie stellen vor allem die "Tugend" gegen die höfische "Frivolität": Die Regelung der Geschlechterbeziehung, der Zaun, mit dem die sexuelle Sphäre des Triebhaushaltes eingehegt wird ist stets weit stärker als bei der höfisch-aristokratischen Oberschicht und stärker als bei großbürgerlichen Gruppen (S. 429).

Die Länder des Abendlandes-
Was ist gleich, was ist verschieden?

Die große Linie dieser Zivilisationsbewegung ist in allen Ländern des Abendlandes die gleiche und gleich ist auch die Aufbaugesetzlichkeit, die ihr zugrunde liegt. Gleich ist der Ablauf der freien Monopolkämpfe. Siehe obige Gegenüberstellung Bürger-Adel. Alles das tritt auf dieser Stufe im Kampf des Bürgertums gegen die Adelsprivilegien, zunächst in dem 'Öffentlichwerden, in der Verbürgerlichung oder Verstaatlichung der ehemals im Interesse noch kleinerer Kreise verwalteten Steuer- und Gewaltmonopole sehr deutlich zutage. Aber verschieden ist auch das Gepräge des Verhaltens, das Schema der Affektregulierung, der Aufbau des Triebhaushaltes und des 'Über-Ich', die sich in den einzelnen Nationen schließlich durchsetzen (S. 430).


Verschieden sind die Wege die dazu führen.
Anders zB. in England, wo die höfisch-absolutistische Phase verhältnismäßig kurz war, wo frühzeitig Bündnisse und Kontakte zwischen städtisch-bürgerlichen Kreisen und Landadelsschichten zustande kamen, wo sich die Amalgamisierung von Verhaltensformen der Oberschichten und der aufsteigenden Mittelschichten ganz allmählich in vielen Schüben und Gegenschüben vollzog.

Anders in Deutschland, mit der fehlenden Zentralisierung und deren Folge, dem dreißigjährigen Krieg, weit länger als seine Nachbarn ein relativ armes Land, mit einer langen Phase des Absolutismus mit vielen Höfen, mit einer späten kolonialen Expansion.

Die innere Spannung, der Abschluss des Adels gegen das Bürgertum war hier stark und nachhaltig.
Die städtisch-bürgerlichen Schichten waren hier im Mittelalter eine Zeitlang politisch und wirtschaftlich mächtiger, selbständig und selbstbewusster als in irgendeinem anderen Land Europas.
Besonders fühlbar daher der Schock ihres politischen und wirtschaftlichen Niedergangs. Dann waren ihre Träger besonders arm und politisch ohnmächtig. Erst sehr spät kam es zu einer Durchdringung von Bürger- und Adelskreisen.

In dieser ganzen Zeit waren in Deutschland die Schlüsselstellungen des Steuermonopols ebenso wie die Polizei- und Heeresverwaltung Monopole des Adels. So prägte sich im Bürgertum die Gewöhnung an eine starke, äußere Staatsautorität tief ein (S. 431).

In England hingegen spielte das Landheer als Prägeinstrument seiner Bewohner nicht irgendeine größere Rolle.

In Preußen-Deutschland spielte das vom Adel geleitete Landheer, wie auch die Polizeigewalt eine große Rolle und war für das Gepräge seiner Bewohner von größter Bedeutung.

In Deutschland werden die einzelnen von klein an auf in höherem Maße an eine Unterordnung unter andere, an den Befehl von außen gewöhnt.
Die Verwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwängen war geringer.
In Deutschland fehlte lange Zeit die Funktion des Zentrums für ein weit ausgesponnenes Interdependenzgeflecht, die Funktion der Oberschicht eines Kolonialreiches.
So blieb die Triebregulierung des Einzelnen hier in besonders hohem Maße auf das Vorhandensein einer starken, äußeren Staatsgewalt abgestimmt.
Es bildete sich ein Über-Ich heraus, das darauf abgestellt war, die spezifische Langsicht, die die Herrschaft und Organisation der ganzen Gesellschaft erforderte, einem abgesonderten und sozial höher rangierenden Kreise zu überlassen.
Das führte zu einer spezifischen Form des bürgerlichen Selbstbewusstseins, zu einer Abwendung von allem, was mit der Verwaltung der Herrschaftsmonopole zu tun hat, und zu einer Vertiefung nach innen, einer besonderen Hochstellung des Geistigen und Kulturellen in der Tafel der Werte.

Anders wiederum in Frankreich: Hier kam es stetiger zur Bildung von höfischen Kreisen, erst courteoisen, dann immer größeren Höfen, schließlich zur Bildung eines großen Königshofes.
Hier kam es frühzeitig zu einer zentral gelenkten, wirtschaftlichen Schutzpolitik, die dem Interesse des Monopolherrn selbst, aber zugleich auch der Entfaltung des Handels diente und zur Entwicklung von begüterten Bürgerschichten führte.
Relativ früh, stellten sich bereits Kontakte zwischen aufsteigenden Bürgern und der immer Geld bedürftigen, höfischen Aristokratie her. Zum Unterschied von den vielen, kleinen und meist wenig begüterten absolutistischen Herrschaften Deutschlands, förderte das zentralisierte und reiche, absolutistische Regime Frankreichs sowohl die allseitige Umformung der Fremdzwänge in Selbstzwänge, wie die Amalgamierung von höfisch-aristokratischen und von bürgerlichen Verhaltensformen.
Die Nivellierung vollendete die Angleichung der gesellschaftlichen Standarde, der Adel verlor seine erblichen Vorrechte und seine Stellung als gesonderte Oberschicht.

-o-o-o-

20070709

Der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang tz-01

Theorie der Zivilisation von Norbert Elias Teil 1

(Frage:) Was hat die Organisierung der Gesellschaft in der Form von 'Staaten' (Monopolisierung u. Zentralisierung der Abgaben und körperlicher Gewalttat) mit der 'Zivilisation' zu schaffen?

Wir sehen (Def.:) , dass der Prozess der Zivilisation eine Veränderung des menschlichen Verhaltens und Empfindens in einer ganz bestimmten Richtung ist.

Sie wurde nicht beabsichtigt und nicht bewusst rational verwirklicht.

Die 'Zivilisation' ist ebenso wenig wie die 'Rationalisierung' ein Produkt der menschlichen 'Ratio' und Resultat einer auf weite Sicht hin berechneten Planung. Nichts in der Geschichte weist darauf hin, dass diese Veränderung 'rational', etwa durch eine zielbewusste Erziehung von einzelnen Menschengruppen durchgeführt worden ist. Sie vollzieht sich als Ganzes ungeplant.

Nun eine Anmerkung aus den Fußnoten (S. 475):
Weit verbreitet ist heute die Vorstellung, dass die Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und die einzelnen gesellschaftlichen Institutionen primär aus ihrer Zweckmäßigkeit für die derart verbundenen Menschen zu erklären sind.
Es sieht nach dieser Vorstellung so aus, als ob die Menschen aus der Einsicht in die Zweckmäßigkeit dieser Institutionen irgend wann einmal gemeinsam den Entschluss gefasst hätten, so und nicht anders miteinander zu leben. Aber diese Vorstellung ist eine Fiktion, und sie ist schon allein deswegen kein sehr gutes Leitinstrument der Forschung.

Die Einwilligung mit anderen zusammen zu leben und die Rechtfertigung dessen ist etwas Nachträgliches. Der Einzelne hat in dieser Hinsicht keine sehr große Wahl. Er wird in eine Ordnung und Institutionen hinein geboren; er wird konditioniert und selbst wenn er diese Ordnung und Institutionen wenig schön, wenig zweckmäßig findet, kann er nicht einfach seine Einwilligung zurückziehen und aus der bestehenden Ordnung herausspringen.

Er/Sie mag Abenteurer, Tramp, Gammler, Hippie, Bücherschreiber und am Ende auf einer einsamen Insel sein, aber er ist ihr Produkt. Die Ordnung zu missbilligen und vor ihr zu fliehen ist kein geringerer Ausdruck der Bedingtheit durch sie, als sie zu preisen und zu rechtfertigen.

Manfrau verstellt sich den Zugang zum Verständnis der Genese von Gesellschaftsformen, wenn manfrau sie sich in der gleichen Weise entstanden denkt, wie die Werke und Taten einzelner Menschen: durch individuelle Zwecksetzungen oder gar durch vernünftige Überlegungen und Pläne.

Die Vorstellung, dass die Zivilisation des Abendlandes auf Grund einer klaren Zwecksetzung geschieht ist durch Tatsachen kaum zu belegen. Es ist also wenig im Grunde getan, wenn manfrau Institutionen, wie den Staat, aus rationalen Zwecksetzungen erklärt.
Diese Verflechtung vieler Menschen ist selbst nichts Geplantes. Hier hat manfrau es mit Erscheinungen, mit Zwängen und Gesetzmäßigkeiten eigener Art zu tun.

Zivilisation ist nicht aus einem gemeinsamen Plane Vieler, sondern als etwas Ungeplantes, hervorgehend aus dem Mit- und Gegeneinander der Pläne vieler Menschen entstanden. So kommt es zu zunehmender Funktionsteilung, Integration von großen Menschenräumen und vielen anderen geschichtlich-gesellschaftlichen Prozessen. Und erst die Eigengesetzlichkeit der Verflechtung von individuellen Plänen und Handlungen, in die Bindung des Einzelnen durch sein Zusammenleben mit Andere, erst sie ermöglicht schließlich auch ein besseres Verständnis für das Phänomen der Individualität.

Das Miteinanderleben der Menschen, das Geflecht ihrer Absichten und Pläne, die Bindungen der Menschen durcheinander, sie bilden (weit entfernt die Individualität des Einzelnen zu vernichten), vielmehr das Medium, in dem sie sich entfaltet. Sie setzen dem Individuum Grenzen, aber sie geben ihm zugleich einen mehr oder weniger großen Spielraum. Das gesellschaftliche Gewebe der Menschen bildet das Substrat, aus dem heraus, in das hinein der Einzelne ständig seine individuellen Zwecke spinnt und webt (S. 477). Genaueres dazu: N. Elias, Die Gesellschaft der Individuen, Basel, 1939).
Ende Anmerkung aus Fußnote.

Aber die Zivilisation vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung. Es ist gezeigt worden
1. wie Fremdzwänge sich in Selbstzwänge verwandeln;
2. wie menschliche Verrichtungen hinter die Kulisse des gesellschaftlichen Lebens verdrängt und mit Schamgefühlen belegt werden;
3. wie die Regelung des gesamten Trieb- und Affektlebens durch eine beständige Selbstkontrolle immer stabiler wird.
Alles das geht nicht auf eine rationale Idee zurück, die vor Jahrhunderten konzipiert und dann einer Generation nach der anderen als Zweck des Handelns, als Ziel der Wünsche eingepflanzt wurde. Aber diese Transformation ist dennoch auch nicht nur ein strukturloser und chaotischer Wechsel (S. 312, 313).

Anmerkung: "Bei Durchsicht meiner ersten Stücke" schrieb Bertold Brecht: "Aber der den großen Sprung machen will, muss einige Schritte zurückgehen. Das Heute geht gespeist durch das Gestern in das Morgen. Die Geschichte macht vielleicht einen reinen Tisch, aber sie scheut den leeren."

Das allgemeine Problem des geschichtlichen Wandels: Dieser Wandel als Ganzes ist nicht 'rational' geplant; aber er ist auch nicht nur ein regelloses Kommen und Gehen ungeordneter Gestalten. (Frage:) Wie ist das möglich? Wie kommt es zu Gestaltungen, die kein Mensch beabsichtigt hat, und die dennoch alles andere sind als Wolkengebilde ohne Festigkeit, ohne Aufbau und Strukur?

Die Antwort auf diese Fragen ist einfach genug:
Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen, menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden. Es ist diese Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt; sie ist es, die dem Prozess der Zivilisation zugrunde liegt.

Diese Ordnung ist weder rational (entstanden aus zweckgerichteten Überlegungen einzelner Menschen) noch irrational (auf unbegreifliche Weise). Diese Ordnung ist von einzelnen Menschen mit der 'Natur' identifiziert worden; sie wurde von Hegel und Anderen als eine Art von überindividuellem Geist interpretiert (seine Vorstellung von einer 'List der Idee' zeigt, wie sehr ihn auch die Tatsache beschäftigte, dass sich aus allem Planen und Handeln der Menschen vieles ergibt, was kein Mensch beabsichtigt hat).

Aber solche Denkgewohnheiten (rational oder irrational) erweisen sich hier als unzulänglich. Die Wirklichkeit ist auch in dieser Hinsicht nicht ganz so aufgebaut, wie es uns die Begriffsapparatur eines bestimmten Standards glauben machen will, die ganz gewiss zu ihrer Zeit als Kompass durch die unbekannte Welt gute Dienste geleistet hat.

Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Verflechtungserscheinungen ist weder identisch mit der Gesetzlichkeit des 'Geistes', des individuellen Denkens und Planens, noch mit der Gesetzlichkeit dessen, was wir die 'Natur' nennen, wenn auch alle diese verschiedenen Dimensionen der Wirklichkeit funktionell unablösbar miteinander verbunden sind (S. 314).

Der allgemeine Hinweis auf die Eigengesetzlichkeit der Verflechtungserscheinungen fördert das Verständnis solcher Erscheinungen wenig, er bleibt leer und missverständlich, wenn manfrau nicht zugleich unmittelbar an bestimmten, geschichtlichen Wandlungen selbst die konkreten Mechanismen der Verflechtung und damit das Wirken dieser Gesetzmäßigkeiten aufzeigt.
Das wurde im dritten Kapitel gezeigt.
Im dritten Kapitel wird gezeigt, welche Art der Verflechtung, der wechselseitigen Angewiesenheit oder Abhängigkeit von Menschen, beispielsweise den Prozess der Zivilisation in Gang bringt. Hier ist gezeigt worden, wie der Zwang von Konkurrenzsituationen eine Reihe von Feudalherren gegeneinander treibt, wie der Kreis der Konkurrenten sich langsam verengt, wie es zur Monopolstellung eines von ihnen und damit im Zusammenhang zur Bildung des absolutistischen Staates kommt.

Diese ganze Umorganisierung der menschlichen Beziehungen hat ganz gewiss ihre unmittelbare Bedeutung für jene Veränderung des menschlichen Habitus, deren vorläufiges Ergebnis unsere Form des 'zivilisierten' Verhaltens und Empfindens ist und von diesem spezifischen Wandel im Aufbau des psychischen Habits wird in der Folge gesprochen werden.

Der Anblick dieser Verflechtungsmechanismen ist auch noch in einem allgemeineren Sinne für das Verständnis des Zivilisationsprozesses von Bedeutung: Erst wenn manfrau sieht, mit welch hohem Maß von Zwangsläufigkeit ein bestimmter Gesellschaftsaufbau, eine bestimmte Form der gesellschaftlichen Verflechtung kraft ihrer Spannungen zu einer spezifischen Veränderung und damit zu anderen Formen der Verflechtung hindrängt, erst dann kann manfrau verstehen, wie jene Veränderungen des menschlichen Habitus, jene Veränderungen in der Modellierung des plastischen, psychischen Apparats zustande kommen, die sich bis zur Gegenwart immer von neuem beobachten lassen. Erst dann kann manfrau auch verstehen, dass der Veränderung des psychischen Habitus im Sinne einer Zivilisation eine ganz bestimmte Richtung und Ordnung innewohnt.

Elias macht in einer Fußnote klar, dass er hier nicht an eine Entwicklung im Sinne Darwins (biologistische Vorstellungen) glaubt, er zitiert aus Social Change, Ogburn, London 1923: "The inevitable series of stages in the development of social institutions has not only not been proven but has been disproven ...(S.477) - the achievements have not been up to the high hopes entertained shortly after the publication of Darwins theory of natural selection. Goldenweiser, Social Evolution in Encyclopedia of Social Sciences, New York 1935:...(Evolution) is no longer accepted as a process to be contemplated, but as a task to be achieved by deliberate and concerted human effort".
Anmerkung: Das könnte bedeuten, dass 'Evolution' keinen für die menschliche 'Entwicklung' bedeutenden wissenschaftlichen Erklärungswert besitzt, sondern selber an sich einen bloßen ideellen Wert (eine zu vollführende Aufgabe) darstellt.

Die Zivilisation ist nichts 'Vernünftiges'; sie ist nichts 'Rationales', so wenig sie etwas 'Irrationales' ist. Sie wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, durch spezifische Veränderungen der Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind (S. 316).

Aber es ist durchaus nicht unmöglich, dass wir etwas 'Vernünftigeres', etwas im Sinne unserer Bedürfnisse und Zwecke besser Funktionierendes daraus machen können. Denn gerade im Zusammenhang mit dem Zivilisationsprozess gibt das blinde Spiel der Verflechtungsmechanismen selbst allmählich einen größeren Spielraum zu planmäßigen Eingriffen in das Verflechtungsgewebe und den psychischen Habitus, zu Eingriffen auf Grund der Kenntnis ihrer ungeplanten Gesetzmäßigkeiten (S. 316).

(Frage:) Aber welche spezifische Veränderung modelliert den psychischen Apparat im Sinne einer 'Zivilisation'?

Von den frühesten Zeiten der abendländischen Geschichte bis zur Gegenwart differenzieren sich die gesellschaftlichen Funktionen unter einem starken Konkurrenzdruck mehr und mehr. Je mehr sie sich differenzieren, desto größer wird die Zahl der Funktionen und damit der Menschen von denen der Einzelne abhängt. Das Verhalten von immer mehr Menschen muss aufeinander abgestimmt, genauer und straffer durch organisiert sein, damit die einzelne Handlung ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt.

Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter zu regulieren. Es handelt sich hier keineswegs nur um eine bewusste Regulierung. Gerade dies ist typisch für die Veränderung des psychischen Apparats im Zuge der Zivilisation, dass die stabilere Regelung des Verhaltens dem einzelnen Menschen als ein Automatismus an gezüchtet wird, als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstsein will.

So verfestigt sich im Einzelnen neben der bewussten Selbstkontrolle zugleich eine automatisch und blind arbeitende Selbstkontrollapparatur, die durch einen Zaun von schweren Ängsten Verstöße zu verhindern sucht. Aber bewusst oder nicht bewusst, die Richtung dieser Veränderung des Verhaltens im Sinne einer immer differenzierteren Regelung der gesamten psychischen Apparatur ist bestimmt durch die Richtung der gesellschaftlichen Differenzierung, durch die fortschreitende Funktionsteilung und die Ausweitung der Interdependenzketten in die jede Regung des Einzelnen eingebettet ist (S. 317).

Ein einfaches Bild dafür sind die Wege und Straßen.
Mittelalter: holprig, ungepflastert, natural-wirtschaftende Kriegergesellschaft, wenig Verkehr, Hauptgefahr der Überfall, die Gefahr ist überall gegenwärtig, ständige Bereitschaft zu kämpfen, die Leidenschaften spielen.
Heutige Zeit: Ein Hindurchwinden, Regulationen, geregelte Kreuzungen, Hauptgefahr, dass jemand die Selbst-Kontrolle verliert.

Mit der Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes wird auch die soziogene psychische Selbstkontrollapparatur differenzierter, allseitiger und stabiler. Aber die fortschreitende Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionen ist nur die erste, die allgemeinste der gesellschaftlichen Transformationen der Ursachen für die Veränderung des psychischen Habitus im Sinne einer 'Zivilisation'.

Mit der fortschreitenden Funktionsteilung geht eine totale Umorganisierung des gesellschaftlichen Gewebes Hand in Hand. (Siehe oben, zentrifugale Tendenzen, Feudalisierung..) Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur, die als ein entscheidender Zug im Habitus jedes 'zivilisierten' Menschen hervortritt, steht mit der Ausbildung von Monopolinstituten der körperlichen Gewalttat und mit der wachsenden Stabilität de gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang.

Erst mit der Ausbildung solcher stabiler Monopolinstitute stellt sich jene gesellschaftliche Prägeapparatur her, die den Einzelnen von klein auf an ein An-sich-Halten gewöhnt; erst im Zusammenhang mit ihr bildet sich im Individuum eine stabilere, zum guten Teil automatisch arbeitende Selbstkontrollapparatur (S. 320).

Wenn sich ein Gewaltmonopol bildet entstehen befriedete Räume, gesellschaftliche Felder, die von Gewalttaten normalerweise frei bleiben. die Zwänge, die innerhalb ihrer auf den einzelnen Menschen wirken, sind von anderer Art, als zuvor. Gewaltformen bleiben für sich in entsprechend veränderter Form den befriedeten Räumen zurück. Am sichtbarsten sind sie durch die wirtschaftliche Gewalt, durch ökonomische Zwänge verkörpert.

Folgendes ist die Richtung, in der sich das Verhalten und der Affekthaushalt der Menschen ändern, wenn sich der Aufbau der menschlichen Beziehungen in der geschilderten Weise umbildet:
Gesellschaften ohne stabiles Gewaltmonopol sind immer Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung relativ gering und die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, verhältnismäßig kurz sind, umgekehrt:
Gesellschaften mit stabileren Gewaltmonopolen, verkörpert zunächst durch einen größeren Königshof, sind Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung mehr oder weniger weit gediehen ist, in denen die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, länger und die funktionellen Abhängigkeiten des einen Menschen von anderen größer sind.
Hier ist der Einzelne geschützt aber auch selbst gezwungen die eigenen Leidenschaften und Wallungen zurück zu drängen (S. 321).

Je dichter das Interdependenzgeflecht wird, in das der Einzelne mit der fortschreitenden Funktionsteilung versponnen ist, je größer die Menschenräume sind, desto mehr ist der Einzelne in seiner sozialen Existenz bedroht, der spontanen Wallungen und Leidenschaften nachgibt; desto mehr ist derjenige im Vorteil, der seine Affekte zu dämpfen vermag. Mit der Monopolisierung der körperlichen Gewalt vollzieht sich eine Veränderung des Verhaltens im Sinne der 'Zivilisation' (S. 322).

Die Verwandlung des Adels aus einer Schicht von Rittern in eine Schicht von Höflingen ist ein Beispiel dafür. Wenn sich Monopolorganisationen der körperlichen Gewalt bilden, streben langsam die Affektäußerungen einer mittleren Linie zu.

Die Gewalttat ist kaserniert und hat in der Form, als Kontrollorganisation einen bestimmten Einfluss auf den Einzelnen in der Gesellschaft, er mag es wissen oder nicht. Diese Kontrollorganisation ist eine eigentümliche Form der Sicherheit. Von dieser gespeicherten Gewalt in der Kulisse des Alltags geht ein beständiger, gleichmäßiger Druck auf das Leben des Einzelnen aus, den er oft kaum noch spürt, weil er sich völlig an ihn gewöhnt hat.
Es ist die ganze Prägeapparatur des Verhaltens, die sich ändert und nicht nur die sondern der ganze Aufbau der psychischen Selbststeuerung.

Die Monopolorganisation zwingt nicht durch eine unmittelbare Bedrohung. Sie wirkt durch das Medium seiner eigenen Überlegung hindurch. Der aktuelle Zwang ist einer, den der/die Einzelne nun auf Grund seines Wissens um die Folgen seiner Handlungen auf sich selbst ausübt.
Die Monopolisierung der körperlichen Gewalt zwingt die waffenlosen Menschen in den befriedeten Räumen zu einer Zurückhaltung durch die eigene Voraussicht oder Überlegung; sie zwingt diese Menschen mit einem Wort zur Selbstbeherrschung (S. 326).

Die psychische Apparatur der Selbstkontrolle (Über-Ich, Gewissen...) wird nur in einer solchen Kriegergesellschaft unmittelbar gezüchtet. Sie ist im Verhältnis zu der Selbstzwangapparatur in stärker pazifizierten Gesellschaften diffus, unstabil und voll von Durchlässen für heftige Entladungen; die Ängste sind hier noch nicht im entferntesten dermaßen aus dem Bewusstsein in das 'Innere' zurückgedrängt. Die Angst hat hier noch stärker die Gestalt einer Angst vor äußeren Mächten (S. 327).

Was sich mit der Monopolisierung der Gewalttat in den befriedeten Räumen herstellt, ist ein anderer Typus von Selbstbeherrschung oder Selbstzwang. Es ist eine leidenschaftslosere Selbstbeherrschung.
Der Kontroll- und Überwachungsapparatur in der Gesellschaft entspricht die Kontrollapparatur, die sich im Seelenhaushalt des Individuums herausbildet. Beide üben einen steten, gleichmäßigen Druck zur Dämpfung der Affektäußerungen aus.

Wie in der Gesellschaft die Monopolisierung der physischen Gewalt die Angst und den Schrecken verringert, die der Mensch vor dem Menschen haben muss, aber zugleich auch die eigenen Affektentladungen hindert so sucht im Einzelnen die stetige Selbstkontrolle, an die er mehr und mehr gewöhnt wird, die Umschwünge im Verhalten und die Affektgeladenheit zu verringern. Wozu der Einzelne nun gedrängt wird, ist eine Umformung des ganzen Seelenhaushalts im Sinne einer kontinuierlichen, gleichmäßigen Regelung seines Trieblebens und seines Verhaltens nach allen Seiten hin (S. 328).

Und ganz in der gleichen Richtung wirken die waffenlosen Zwänge, z.B. die wirtschaftlichen Zwänge, denen der/die Einzelne in den befriedeten Räumen ausgesetzt wird. Sie zwingen zu einer unaufhörlichen Rück- und Voraussicht über den Augenblick hinaus, entsprechend der längeren und differenzierteren Ketten, sie fordern vom Einzelnen eine beständige Bewältigung seiner augenblicklichen Affekt- und Triebregungen.
Sie züchten im Einzelnen eine gleichmäßige Selbstbeherrschung, eine beständige Regelung seiner Triebe im Sinne der gesellschaftlichen Standarde.

Diese Zurückhaltung wird ihm von klein auf so zur Gewohnheit gemacht, dass sich in ihm, gleichsam als eine Relaisstation der gesellschaftlichen Standarde, eine automatische Selbstüberwachung der Triebe im Sinne der jeweiligen gesellschaftsüblichen Schemata und Modelle, eine 'Vernunft', ein 'Über-Ich' herausbildet, und dass ein Teil der zurückgehaltenen Triebregungen und Neigungen ihm überhaupt nicht mehr unmittelbar zum Bewusstsein kommt (S. 329).

Früher in der Kriegergesellschaft wurde die größere Chance zur unmittelbaren Lust mit Furcht (Höllenvorstellungen) bezahlt. Beides Lust und Unlust entlud sich hier offener und freier nach außen. Aber das Individuum war ihr Gefangener. Der/die Einzelne beherrschte seine/ihre Leidenschaften weniger, er/sie war stärker von ihnen beherrscht.
Der einzelne Mensch ist nun weniger Gefangener seiner Leidenschaften als zuvor, aber stärker als früher ist er durch seine funktionelle Abhängigkeit von der Tätigkeit einer immer größeren Anzahl Menschen gebunden und seine unmittelbare Triebbefriedigung ist viel beschränkter als früher.

Das Leben wird in gewissem Sinne gefahrloser, aber auch affekt- oder lustloser. Manfrau schafft sich dafür das, was im Alltag fehlt, im Traum, in Büchern und Bildern einen Ersatz: so beginnt der Adel auf dem Wege der Verhöflichung Ritterromane zu lesen, so sieht der Bürger Gewalttat und Liebesleidenschaft im Film (S. 330).
Der Kriegsschauplatz wird zugleich in gewissem Sinne nach innen verlegt. Ein Teil der Spannungen und Leidenschaften, die ehemals unmittelbar im Kampf zwischen Mensch und Mensch zum Austrag kamen, muss nun der Mensch in sich selbst bewältigen.

Die friedlicheren Zwänge, die seine Beziehungen zu anderen auf ihn ausüben, bilden sich in ihm ab; es verfestigt sich eine eigentümliche Gewohnheitsapparatur in ihm, ein spezifisches 'Über-Ich', das beständig seine Affekte im Sinne des gesellschaftlichen Aufbaus zu regeln, umzuformen oder unterdrücken trachtet. Aber die Triebe kämpfen nun in dem Einzelnen gegen diesen überwachenden Teil seines Selbst (S. 330, 331).

Durch die Interdependenz größerer Menschengruppen voneinander und durch die Aussonderung der physischen Gewalttat innerhalb ihrer stellt sich eine Gesellschaftsapparatur her, in der sich dauernd die Zwänge der Menschen aufeinander in Selbstzwänge umsetzen.
Diese Selbstzwänge, die von klein auf heran gebildet werden, haben teils die Gestalt einer bewussten Selbstbeherrschung, teils die Gestalt automatisch funktionierender Gewohnheiten; sie wirken auf eine genauere Regelung der Trieb- und Affektäußerungen nach einem der gesellschaftlichen Lage entsprechenden Schema hin; aber je nach dem inneren Druck, je nach Lage der Gesellschaft und des Einzelnen in ihr, erzeugen sie auch eigentümliche Spannungen und Störungen im Verhalten und Triebleben des Individuums, zu ständiger Unruhe und Unbefriedigtheit des Menschen, eben weil ein Teil seiner Neigungen und Triebe nur noch in verwandelter Form, etwa in der Phantasie, im Zusehen oder Zuhören, im Tag- oder Nachttraum Befriedigung finden kann.
Manchmal geht die Gewöhnung an eine Affektdämpfung so weit (z.B. Langeweile, Einsamkeitsempfindungen), dass dem Einzelnen eine furchtlose Äußerung der verwandelten Triebe in keiner Form mehr möglich ist.
Triebzwänge werden da anästhisiert und umgeben sich unter dem Druck der Gefahren dermaßen mit automatisch auftretenden Ängsten, dass sie unter Umständen für ein ganzes Leben lang taub und unansprechbar bleiben.
Eine dauernde scheinbar unbegründete innere Unruhe mag anzeigen, wie viele Triebenergien in eine Gestalt gebannt sind, die keine wirkliche Befriedigung zulässt (S. 332).
Kuriose Steckenpferde.

Der individuelle Zivilisationsprozess vollzieht sich größtenteils blind (bewusst ungesehen). Unter der Decke dessen, was die Erwachsenen denken und planen, hat die Art der Beziehung, die sich zwischen ihnen und den Heranwachsenden herstellt, Funktionen und Wirkungen in deren Seelenhaushalt, die sie nicht beabsichtigt haben und von denen sie kaum etwas wissen.

Ungeplant in diesem Sinne (re-)produzieren sich extrem ungünstige abnorme Modellierungserscheinungen, eigentlich psychische Abnormalitäten.
Aber auch der Habitus, der sich im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen Norm hält und zugleich subjektiv befriedigender ist, produziert sich nicht weniger ungeplant. Aus der gleichen, gesellschaftlichen Prägeapparatur gehen in einer breiten Streungskurve günstiger und ungünstiger gelagerte, menschliche Prägungen hervor (S. 333).

Die Umleitung und Verwandlung einzelner Triebenergien (Freud: 'Sublimierung') mag, statt in absonderlichen Vorlieben in einer individuell höchst befriedigenden und gesellschaftlich höchst fruchtbaren Tätigkeit oder Begabung ihren Ausdruck finden.
Hier wie dort (beim 'Abnormen' wie beim 'Angepassten') bildet sich das Beziehungsgeflecht der prägsamsten Phase, der Kinder- und Jugendzeit, in dem psychischen Apparat des einzelnen Menschen, in der Beziehung zwischen seinem Über-Ich und seinem Triebzentrum als sein individuelles Gepräge ab; hier wie dort verfestigt es sich zu einer Gewohnheitsapparatur.

Worin besteht der theoretische Unterschied zwischen einem individuellen Zivilisationsprozess, der als gelungen oder einem der als nicht gelungen gilt?

In dem einen Fall bilden sich schließlich im Rahmen einer gesellschaftlichen Erwachsenenfunktion gut eingepasste Verhaltensweisen und zugleich eine positive Lustbilanz; im anderen Fall schwere Anspannung mit hohen Kosten persönlicher Befriedigung und keine positive Lustbilanz, weil eine Instanz ihm verbietet und bestraft, was die andere möchte (S. 334, 335).

In Wirklichkeit lebt die Mehrzahl der Zivilisierten zwischen diesen beiden Extremen auf einer mittleren Linie.

Der gesellschaftliche Modellierungsprozess im Sinne einer abendländischen Zivilisation ist besonders schwierig. Er muss, um auch nur einigermaßen zu gelinge, entsprechend dem Aufbau der abendländischen Gesellschaft, eine besonders reiche Differenzierung, eine besonders intensive und stabile Regulierung des psychischen Apparates produzieren. Er nimmt daher im allgemeinen, und vor allem in den oberen und den mittleren Schichten, mehr Zeit in Anspruch als der Modellierungsprozess in weniger differenzierten Gesellschaften.
Der Widerstand gegen die Einpassung in den vorgegebenen Zivilisationsstandard, ist immer sehr beträchtlich. Später, als in weniger differenzierten Gesellschaften, erlangt der Einzelne den psychischen Habitus eines Erwachsenen.

Zusammenfassung:

Gesellschaftliche und individuelle Zivilisationsprozesse finden sich überall, wo unter einem Konkurrenzdruck die Funktionsteilung größerer Menschenräume voneinander abhängig, wo eine Monopolisierung der körperlichen Gewalt eine leidenschaftsfreiere Kooperation möglich und notwendig macht, überall, wo sich Funktionen herstellen, die eine beständige Rück- und Voraussicht auf die Aktionen und Absichten Anderer über viele Glieder hinweg erfordern.

Bestimmend für Art und Grad solcher Zivilisationsschübe ist dabei immer die Weite der Interdependenzen, der Grad der Funktionsteilung und der Aufbau der Funktionen innerhalb ihrer (S. 336).

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20070624

Soziogenese des Steuermonopols, Entstehung von Steuern zt-65

Der rückblickende Betrachter kann sich kaum noch vergegenwärtigen, dass sich dieses absolutistische Königtum und dieser zentralisierte Herrschaftsapparat früher einmal ganz allmählich, als etwas Neues aus der mittelalterlichen Welt heraus hob. Der Versuch diesen Aspekt zurückzugewinnen gibt die Möglichkeit zu einem Verständnis für das, was da vor sich gegangen ist (S. 279).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Linie der Umbildung:

Der Landbesitz einer Kriegerfamilie, ihre Verfügungsgewalt über bestimmte Böden und ihr Anspruch auf Naturalabgaben oder Dienste verschiedener Art von den Menschen, die auf diesen Böden leben, verwandelt sich mit der fortschreitenden Funktionsteilung und im Laufe vieler Ausscheidungs- oder Konkurrenzkämpfe in eine zentralisierte Verfügung über die militärischen Machtmittel und über regelmäßige Geldabgaben oder Steuern eines weit größeren Gebietes (S. 279).

Niemand darf jetzt innerhalb dieses Gebietes Waffen und Befestigungswerke benutzen oder körperliche Gewalt in irgendeiner Art anwenden, ohne die Erlaubnis des Zentralherrn; das ist etwas sehr Neues in einer Gesellschaft, in der ursprünglich eine ganze Schicht von Menschen je nach ihren Einkünften und ihrem Belieben Waffen benutzen und körperliche Gewalt anwenden konnte.

Und jedermann, von dem es der Zentralherr verlangt, ist jetzt gehalten, regelmäßig einen bestimmten Teil seiner Geldeinahmen oder seines Geldbesitzes an den Zentralherrn abzuführen. Das ist erst recht etwas Neues, gemessen an dem, was ursprünglich in der mittelalterlichen Gesellschaft Brauch ist.

In der vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaft empfindet man das als etwas vollkommen Unerhörtes; man steht zu solchen Maßnahmen nicht sehr viel anders als zu Raubzügen oder zum Nehmen von Zins (S. 280). Zunächst waren wahrscheinlich kirchliche Institute wegen ihres großen Geldbesitzes von solchen Maßnahmen betroffen.

Immer wieder werden Zwangsabgaben verlangt. Die Geldabgaben, die die Könige verlangen, bedeuten in dieser relativ geldarmen Gesellschaft in der Tat etwas anderes als die Steuern in einer stärker kommerzialisierten Gesellschaft.

Niemand rechnete mit ihnen, der Marktverkehr und das ganze Preisniveau ist in keiner Weise auf sie eingestellt; sie kommen gewissermaßen aus heiterem Himmel als etwas Außergewöhnliches und Unerwartetes und führen dementsprechend zum Ruin einer ganzen Reihe von Existenzen (S. 281) und zu heftigen Erregungen.

Die allgemeine Vorstellung, auch der Könige selbst ist, dass die Territorialherren sich von ihrem Dominialbesitz erhalten müssen. Jeder Territorialherr verlangt bestimmte Abgaben, wenn sein Sohn zum Ritter geschlagen wird, seine Tochter heiratet, braucht Lösegeld bei Gefangenschaft.
Das sind die ursprünglichen feudalen Geldbeihilfen die 'aides féodales' und die Könige verlangen diese ebenfalls. Geldforderungen darüber hinaus haben keine Grundlage im Brauch; sie haben ein ähnliches Ansehen wie Raub und Erpressung (S. 282).

Im 12. u. 13. Jahrhundert beginnt sich langsam eine weitere Form der fürstlichen Geldbeschaffung einzubürgern. Die Städte wachsen. Die Bürger haben sich mit der Waffe ihre Stadtfreiheit erkämpft. Nun kommt der Brauch auf, auch die Stadtbewohner, die 'Bourgeois', zu Kriegsdiensten heranzuziehen.

Die Stadtbewohner ziehen es aber bald vor, dem Territorialherren statt der Kriegsdienste Geld anzubieten, damit er sich Krieger mieten kann. Sie kommerzialisieren die Kriegsdienste und Königen wie Feudalherren ist das nicht unwillkommen. So wird aus diesen städtischen Geldzahlungen zur Ablösung der Kriegsdienste ziemlich rasch ein fester Brauch oder eine Institution.

Dieser Brauch wird als eine weitere Form der feudalen Beihilfe verstanden. Diese gelegentlichen Geldabgaben zahlt niemand, der sich nicht mittelbar oder unmittelbar dazu gezwungen fühlt. Die Könige können und wollen nicht allzu starken Widerstand erregen, dazu ist die gesellschaftliche Stärke der Königsfunktion noch nicht groß genug. Auf der anderen Seite brauchen sie für Konkurrenzkämpfe, für ihre Funktion, ihre Selbstbehauptung immer wieder Geldbeträge, immer größere Geldbeträge, die sie sich nur durch solche 'Beihilfen' beschaffen können. Ihre Maßnahmen wechseln.

Manfrau spürt bei allem Hin und Her dass die gesellschaftliche Stärke des Königtums ständig im Wachsen ist, und mit diesem Wachstum bekommen die Geldabgaben allmählich einen anderen Charakter (S. 284).

1292 wird eine Abgabe von 1 Denier für jedes Pfund verkaufter Waren vom König verlangt, in den nächsten Jahren erhöht. Die Feudalherren sind höchst empört. Die Krieger fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. 1314 kommt es zu offenem Widerstand (der König brauchte Geld für einen Flandernfeldzug).

Die Adligen und Nichtadligen schlossen sich durch einen Eid zur Aufrechterhaltung ihrer Freiheiten und der des Vaterlandes zusammen. Die Erregung ist so groß, dass sich Städte und Feudalherren gegen den König verbinden.

Hier kann manfrau den Grad der Interessenverschiedenheit messen, die Stärke der Spannung die hier besteht. Die Einigkeit der Stände hält nicht lange, weil wechselseitiges Misstrauen.
Erschütterungen im Innern des Herrschaftsgebietes sind nicht ohne Gefahr für die Führung des Konkurrenzkampfes mit den äußeren Rivalen (S. 286).

Im Laufe des hundertjährigen Krieges wird der Krieg zu einer Dauererscheinung und mit ihm werden es die Geldabgaben, die der Zentralherr zu seiner Führung braucht.

Die Könige selbst haben nicht eigentlich die allgemeine Absicht 'ihre Steuermacht zu vergrößern', sie wollen von Fall zu Fall möglichst viel Geld aus ihrem Herrschaftsgebiet herausholen, es sind bestimmte Aufgaben, die sie drängen.

Kein einzelner Mensch hat die Steuern oder das Steuermonopol geschaffen; kein einzelner und auch keine Reihe von einzelnen durch die Jahrhunderte hat nach einem festgelegten Plan auf dieses Ziel hingearbeitet.

Die Steuern, wie jede andere Institution, ist ein Produkt der gesellschaftlichen Verflechtung. Sie entstehen aus dem Ringen der verschiedenen sozialen Gruppen und Interessen bis schließlich, mehr oder weniger spät, das Instrument, das sich da in einem ständigen Erproben der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse entwickelt hat, von den Interessierten immer bewusster und planmäßiger zu einer festgefügten Organisation oder Institution ausgebaut wird.

Auf diese Weise verwandeln sich die gelegentlichen Beihilfen an den Guts- oder Territorialherren (für einen bestimmten Kriegszug oder als Lösegeld, oder Ausstattung oder..) in regelmäßige Geldabgaben. Es gibt nun nach 1328 eine ganze Reihe von 'Experimenten' vorübergehende Beihilfen einzuziehen.

Dieser Zustrom von Geldern in die Kasse des Königs führt langsam aber sicher zu einer außerordentlichen Stärkung der Zentralfunktion. Jeder der Stände stemmt sich dagegen. Aber die Vielspältigkeit der Interessen schwächt diesen Widerstand.
Die Bedrohung von außen macht diese noch wenig interdependente, wenig einheitliche Gesellschaft auf den König, als obersten Koordinator und auf seinen Herrschaftsapparat angewiesen. Jahr für Jahr immer wieder neue 'außerordentliche Beihilfen' für den Krieg, der nicht endet (S. 289).

Nun vollzieht sich schon eine gewisse Anpassung des Marktverkehrs an solche Abgaben. In dieser Zeit des hundertjährigen Krieges, in der die 'Aides' langsam zu Dauererscheinungen werden, bilden sich auch spezielle Amtsfunktionen (zwei oberste Verwalter) heraus, die dem Einziehen und der damit verbundenen Gerichtsbarkeit (gerichtlichen Fragen) gewidmet sind.

Das ist die erste Erscheinung dessen, was später durch das ganze 'ancien régime' hin eines der wichtigsten Organe der Steuerverwaltung bleibt (Chambre oder Cour des Aides). Hier in den Jahren 1370-1380 ist sie noch im Prozess der Bildung.

Jedesmal, wenn das Königtum sich unter dem Widerstand von Bevölkerungsteilen einschränken muss, treten auch diese Amtsfunktionen zurück. Ihr Bestand und die Kurve ihres Wachstums ist ein ziemlich genauer Gradmesser für die gesellschaftliche Stärke der Zentralfunktion und des Zentralapparates im Verhältnis zu Adel, Klerus und den städtischen Schichten (S. 291).
Die Not wächst im Stillen; mit ihr auch die Unzufriedenheit.

Selbst für den König haben die Abgaben noch den Geruch des Unberechtigten und führen zu Gewissensbissen. 1380 revoltieren die Städte, die Königsbeamten die 'aides' einziehen werden verjagt. Das Finanzsystem wird geopfert.

Es spricht für die gesellschaftliche Stärke, die der Zentralapparat und die Königsfunktion in dieser Zeit tatsächlich schon besitzt, dass die verlorene Position verhältnismäßig schnell wieder gewonnen wird.
Die Chancen, die sich bei diesem Aufbau und bei dieser Lage der französischen Gesellschaft mit der Königsfunktion verbinden, sind bereits so groß, dass das Königtum an gesellschaftlicher Stärke zunehmen kann, selbst wenn der König persönlich schwach oder ganz unbedeutend ist.

Die Angwiesenheit der Gruppen und der Schichten dieser Gesellschaft auf einen obersten Koordinator wächst mit ihrer Interdependenz und sie wächst erst recht unter dem Druck einer Kriegsgefahr. Und so liefern sie dem König bald wieder die Mittel, die zur Kriegsführung notwendig sind; aber sie liefern damit zugleich auch dem Königtum die Mittel zu ihrer eigenen Beherrschung (S. 293).

1382 ist das Königtum wieder in der Lage den Städten, den Hauptzentren des Widerstandes, die Abgaben, die es für nötig hält zu diktieren. Die Frage der Abgaben steht im Zentrum der städtischen Aufstandsbewegung des Jahres 1382.

Im Kampf um die Abgaben und die Verteilung der Lasten wird die ganze Macht- und Herrschaftsverteilung erprobt und entschieden. Die städtischen Notabeln haben das Ziel sich die Mitbestimmung bei der Erhebung und Verteilung der Abgaben von einem zentralen Punkt aus zu sichern. In den Städten selbst gehen die Interessen der verschiedenen Schichten bei aller Verflechtung sehr in verschiedene Richtungen.

Es gibt eine privilegierte Oberschicht (eigentliche Bourgeoisie in städtischen Ämtern), eine Mittelschicht (Kleinbürgertum, Handwerker, Gewerbetreibende) und die Masse der Gesellen und Arbeiter (das 'Volk').

Auch hier bilden die Steuern den Knotenpunkt an dem Gegensätze deutlich zutage treten. Der Aufruhr ist den Oberen zuerst nicht unwillkommen, richtet sich aber dann gegen die Begüterten der Stadt selbst. Die städtische Oberschicht flieht und das Eintreffen der königlichen Truppen bedeutet meistens die Rettung.

Diese Kämpfe enden mit einer weiteren Gewichtsverschiebung zugunsten des Zentralapparates und des Königtums. Die Haupträdelsführer werden getötet, andere mit Geldstrafen bestraft.
Den Städten als Ganzes werden hohe Geldabgaben auferlegt, die festen Königsburgen verstärkt und von 'gens d'armes' besetzt und die städtischen Freiheiten werden beschränkt.
Die lokalen Stadtverwaltungen werden langsam königlichen Beamten unterstellt, bis auch sie im wesentlichen Organe des königlichen Herrschaftsapparates sind; damit reicht die Stufenleiter des zentralen Herrschaftsapparates, deren Stelleninhaber die Spitzengruppe des Bürgertums bilden, von den Ministerposten und den höchsten Gerichtsämtern bis zu den Stellen der Bürger- und Zunftmeister.
Die Frage der Abgaben ist entschieden, sie werden nun von der Zentrale diktiert.

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20070616

Zentralisierung Staatenbildung Absolutismus zt-57

Der Verflechtungsmechanismus bestimmt die Zentralgewalt.

Die 'Zentralisierung', die Staatenbildung ist von außerhalb betrachtet worden (Seite der 'auswärtigen Angelegenheiten'). Nun stellt sich das Komplementärproblem.

Es stellt sich nun die Aufgabe jenen Verflechtungsvorgängen nachzugehen die innerhalb einer dieser Herrschaftseinheiten, der Zentralgewalt eine besondere Stärke und Festigkeit und damit dem Ganzen die Gestalt eines 'absolutistischen Staates' geben.

In der geschichtlichen Wirklichkeit wirken diese beiden Prozessreihen (die Gewichtsverteilung und -veränderung der Schichten innerhalb einer Herrschaftseinheit und die Gewichtsverlagerungen im Spannungssystem der verschiedenen Herrschaftseinheiten) unablässig ineinander (Anm: 'Innen- u. Außenpolitik').

Im Zuge der Konkurrenzkämpfe wächst langsam ein Fürstenhaus über die anderen hinaus. Es wächst in die Funktion eines obersten Regulators, aber es hat diese Funktion nicht geschaffen.
Sie fällt ihm kraft der Größe seines in Konkurrenzkämpfen akkumulierten Besitzes und der monopolistischen Verfügungsgewalt über Kriegsinstrumente und Abgaben zu; sie selbst aber bildet sich, sie erhält ihre Gestalt und ihre jeweilige Stärke kraft der zunehmenden Differenzierung der Funktionen im Ganzen dieses Gesellschaftsverbandes (S. 229).

Am Ausgang des Mittelalter erlangt der Zentralherr eine überaus große gesellschaftliche Stärke. Gerade in dieser Zeit gewinnt der Kreislauf der funktionsteiligen Aktionsketten eine immer größere Weite und Festigkeit. Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Prozesse, der Funktionärscharakter der Zentralgewalt macht sich nun bereits stärker geltend als im Mittelalter.

Ohne Zweifel ist Ludwig XIV. bereits viel stärker an diesen Kreislauf, an dieses Eigengesetz der Aktionsketten gebunden, als z.B. Karl der Große.

(Frage:) Wieso hatte der Zentralherr einen so großen Entscheidungsspielraum, ein so hohes Maß an gesellschaftlicher Stärke in der Phase der Staatenbildung ('Absolutheit')?
Warum erhöht sich seine gesellschaftliche Stärke wo er doch auch mit der voranschreitenden Funktionsteilung in funktionelle Abhängigkeit von den anderen Funktionen gerät?

Auf Grund einer eigentümlichen Verflechtungskonstellation war die Angewiesenheit, gerade der Spitzenschichten auf einen obersten Koordinator und Regulator in dieser Phase so groß, dass sie den Kampf um die Kontrolle und um die Mitbestimmung bei den obersten Entscheidungen für längere Zeit aufgeben mussten (S. 230).

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20070601

Apanage Dauphine Feudalität Krieg zt-52

Neue Stärkung der zentrifugalen Kräfte:
Der Konkurrenzkreis der Prinzen

Die Bildung des Herrschaftsmonopols vollzieht sich nicht so geradlinig (wie es bei der Betrachtung der Bodenakkumulation erscheint).
Je größer der Landbesitz, desto stärker wird die Tendenz zur Dezentralisierung.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator

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Nun verändert sich die Spielweise der dezentralisierenden gesellschaftlichen Kräfte.
Geld und Handwerk spielen in der Gesellschaft eine erheblich größere Rolle als damals. Jetzt hat das Bürgertum ein eigenes soziales Gewicht bekommen; die Verkehrsmittel haben sich entwickelt.

Alles das bietet der Herrschaftsorganisation eines größeren Gebietes Chancen, die früher gefehlt haben. Ein wachsender Teil der Helfer und Diener des Zentralherren stammt nun überdies aus städtischen Schichten (S. 180).

Nun stellen die nächsten Angehörigen des Zentralherren eine bedeutende Bedrohung dar. Dies sind nun die Hauptexponenten der Dezentralisation.
Herrschaftsgebiet und Herrschaftsmonopol sind ein Familieneigentum und alle nächsten Angehörigen erheben einen Anspruch zum mindesten auf Teile dieses Besitzes.

Zentrifugaler Prozess --> Desintegrationsschub.

Es gibt noch kein allgemeines oder übergreifendes 'Recht', denn es gibt noch keine übergreifende Macht, die ein solches Recht durchsetzen kann. (Erst im Zusammenhang mit der Bildung von Gewaltmonopolen, mit der Zentralisierung der Herrschaftsfunktionen setzt sich ein allgemeineres Recht, ein gemeinsamer Rechtscode für große Gebiete durch).

Die Kinder auszustatten ist eine gesellschaftliche Verpflichtung, ein Brauch. Mit ihm verbindet sich ein hoher Prestigewert begüterter Familien. Es ist da der Impuls die Söhne und Töchter zu versorgen, für eine standesgemäße Ausstattung zu sorgen zur Erhaltung des sozialen Standards und zur Vergrößerung der Chancen für die Macht und die Dauer des Hauses.

Aber diese Abtrennung von Besitzungen und Herrschaftsfunktionen zugunsten von Familienangehörigen gefährdet sehr oft die Macht und die Dauer des Hauses. (Erst Ludwig XIV. hielt alle seine Angehörigen von jeder Herrschaftsfunktion und Machtposition fern).

Das Besitztum der Königsfamilie hat sehr stark den Charakter eines kleinen Familienunternehmens. Gebiete werden als Apanagen an die jüngeren Kinder der Könige gegeben (Kapetinger). Ein 'Dauphine' ist der Thronfolger.
Das Faktum der Apanagierungen zeigt bis zu welchem Grad die französische Territorialmacht auch noch im 14. Jahrhundert noch immer den Charakter eines Familienunternehmens hat.

Was der Konkurrenzsituation innerhalb des westfränkischen Nachfolgegebietes den besonderen Charakter gibt ist die Tatsache, dass beinahe alle, die daran teil haben, Abkömmlinge des Kapetingerhauses selbst sind.
Es sind Apaganierte und ihre Nachkommen, die sich nun als Konkurrenten oder Rivalen gegenüberstehen. Sie sind die Akteure erster Ordnung.

Noch einmal vollzieht sich einer jener Desintegrationsschübe, wie sie Jahrhunderte früher zur Desintegration der Karolingerherrschaft, dann zur feudalen Gesellschaftsordnung des 12. Jahrhunderts hinführten.

Apaganierte, werden zu Konkurrenten eines geschwächten Zentralhauses. Der Konkurrenzkampf ist jetzt auf wenige Abkömmlinge des ursprünglichen Zentralhauses selbst beschränkt. Das ist ein Anzeichen dafür, wie weit dieses Menschengeflecht mindestens in seinem agrarischen Sektor, bereits zu einem System mit geschlossenen Chancen geworden ist (S. 194).

Die Hauptpersonen des Vormachtskampfes unter den Königsverwandten wechseln zuweilen, aber, wie auch die Personen wechseln, die Verflechtungszwänge, die sie treiben, bleiben die gleichen.

Diese Konkurrenzkämpfe zwischen den Königsverwandten aber verflechten sich notwendigerweise zugleich in die größere Auseinandersetzung dieser Zeit, die noch nicht zur Entscheidung gekommen ist, in die Auseinandersetzung mit den Plantagenets (dort analoge Mechanismen und ähnliche Auseinandersetzungen). Ein Anspruch mag schlechter oder besser sein, Sieger ist der Stärkere.

Wie ehemals die Ausscheidungs- oder Vormachtkämpfe innerhalb der breiten, nachkarolingischen Feudalität, so drängen nun analoge Spannungen von neuem Einzelne aus dem weit beschränkteren Konkurrenzkreis der großen kapetingischen Territorialherren zur Ausdehnung ihres Gebietes.

Aber als Mittel der Expansion spielen jetzt Heirat, Erbschaft und Kauf mindestens eine ebenso wichtige Rolle, wie Kriege und Fehden. Nicht nur Habsburg heiratet sich groß.

In dieser Phase haben sich die Konkurrenzmöglichkeiten bereits verringert und der Aufbau der Spannungen zwischen den Menschen drängt zur Bildung von Herrschaftsmonopolen für Gebiete einer höheren Größenordnung hin (S. 198).

Den hundertjährigen Krieg muss manfrau so betrachten: Als eine der unvermeidlichen Entladungen innerhalb einer spannungsreichen Gesellschaft von Territorialbesitzungen bestimmter Größenordnung, als Konkurrenz- oder Vormachtskämpfe rivalisierender Häuser innerhalb eines interdependenten Systems von Herrschaftseinheiten mit sehr labilem Gleichgewicht.

Die Häuser von Paris und von London konkurrieren um die Vormacht in dem gleichen Gebiet. Dann gibt es Spannungen innerhalb dieser Gebiete, vor allem Spannungen zwischen den verschiedenen Zweigen des Pariser Hauses selbst, kristallisieren sich an diese Hauptspannung des ganzen Territorialsystems an.

Wachstum der Funktionsteilung und der überlokalen Interdependenz. In dieser Zeit beginnen auch schon Interdependenzen und Verschiebungen des territorialen Gleichgewichts über den größeren Raum des ganzen westlichen Europas hin spürbar zu werden (S. 200). Im hundertjährigen Krieg tritt diese wachsende Interdependenz über größere Räume hin schon deutlich in Erscheinung.

Es kündigt sich hier bereits an, was wenige Jahrhunderte später, im 30 - jährigen Krieg, schon weit ausgeprägter in Erscheinung tritt:
Der Erdteil Europa als Ganzes beginnt ein interdependentes Ländersystem mit einer eigenen Gleich- und Schwergewichtsdynamik zu werden, innerhalb dessen jede Stärkeverschiebung mittelbar oder unmittelbar jede einzelne Einheit, jedes Land, in Mitleidenschaft zieht.

Im 1.Weltkrieg kündigt sich an, wie die Spannungen und Gleichgewichtsverschiebungen im Zuge der gleichen Transformation, der immer weiter wachsenden Verflechtung, nun schon Herrschaftseinheiten über einen noch größeren Raum, Länder über weite Teile der Erde hin affizieren.

Art und Stufen der Monopolbildung, auf die Spannungen einer solchen Weltverflechtung hinsteuern.
Erscheint das schon am Horizont unseres Bewusstseins?

Die Londoner Herrschaft wurde auf das Inselreich beschränkt und das Haus von Paris wurde Kristallisationszentrum.

Der hundertjährige Krieg hat aber zunächst eine Desintegrierung zur Folge. Den französischen Königen ist der Herrschaftsanspruch auf das Inselreich endgültig entglitten und die englischen Könige scheiden aus dem festländischen Spiel um die Vormacht und um die französische Krone aus.

Ähnliches vollzieht sich später zwischen Preußen und Österreich. Hier wie dort wird durch eine Desintegration die Integration auf ein kleineres Gebiet beschränkt und damit in hohem Maße erleichtert (S. 202).

In Frankreich verlagern sich die Spannungen und die Balance innerhalb des Gebietes selbst. Mit dem Ausscheiden der Engländer wird die Rivalität zwischen den verschiedenen Zweigen des Kapetingerhauses selbst zur beherrschenden Spannung.
Es ist noch nicht entschieden am Ausgang des hundertjährigen Krieges durch welchen dieser Zweige die Integration vollzogen wird. Acht große Häuser, alles Abkömmlinge und Verwandte von Apanagierten, also Abzweigungen des Kapetingerhauses.

Die seigneuriale, die nach-karolingische Feudalität hat sich, wie manfrau es ausgedrückt hat, zu einer 'prinzlichen', einer kapetingischen Feudalität 'kontrahiert' (S. 203). Ein einzelnes Haus ist als Sieger hervorgegangen (die Kapetinger) und nun streiten sich die verschiedenen Zweige der Familie um die Vormacht.

Hier und jetzt nach dem hundertjährigen Krieg haben wir noch nicht eine vollkommene Konzentrierung oder Zentralisierung der herrschaftlichen Verfügungsgewalt.
Hier sind wir erst auf einer Stufe auf dem Weg zum absoluten Monopol. Es ist ein Zustand stark beschränkter Konkurrenz. Wer nicht zur Familie gehört, hat so gut wie keine Chance (S. 204).

20070308

ANGEWIESENHEIT AUFEINANDER zt-09

Elias' weitere Kritik am neuzeitlichen Menschenbild.

Die Zivilisationstheorie hilft also, das irreführende Menschenbild der neuzeitlichen Periode aus seiner Selbstverständlichkeit zu erlösen und Abstand von ihm zu gewinnen.

So kann die Arbeit an einem Menschenbild beginnen, das weniger an dem eigenen Fühlen und damit verbundenen Wertungen und in höherem Maße an Menschen als dem Objekt ihres eigenen Denkens und Beobachtens orientiert ist.

Eine Kritik des neuzeitlichen Menschenbildes ist notwendig, um den Prozess der Zivilisation zu verstehen.

Die Vorstellung von den absolut unabhängig voneinander entscheidenden, agierenden und 'existierenden' Einzelwesen, ist ein Kunstprodukt der Menschen, das für eine bestimmte Stufe in der Entwicklung ihrer Selbsterfahrung charakteristisch ist.

Es beruht zum Teil auf einer Verwechslung von Ideal und Tatsache, zum Teil auf einer Verdinglichung der individuellen Selbstkontrollapparaturen und der Absperrung individueller Affektimpulse von der motorischen Apparatur.

Diese Selbsterfahrung der eigenen Vereinzelung, der unsichtbaren Mauer, die das eigene 'Innen' von allen Menschen und Dingen 'draußen' absperrt, gewinnt im Laufe der Neuzeit für eine große Anzahl von Menschen die gleiche unmittelbare Überzeugungskraft, wie im Mittelalter die Überzeugung, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt wäre.

Es ist eine offene Frage, wie weit das Gefühl der Vereinzelung und Entfremdung auf Ungeschick und Unwissenheit bei der Entwicklung individueller Selbstkontrollen zurückgeht.

An die Stelle des Bildes vom Menschen als einer 'geschlossenen Persönlichkeit', tritt dann jenes einer 'offenen Persönlichkeit', die in der Tat von Grund auf Zeit ihres Lebens auf andere Menschen ausgerichtet und angewiesen und von anderen Menschen abhängig ist.

Das Geflecht der Angewiesenheit von Menschen aufeinander, ihre Interdependenzen, sind das, was sie aneinander bindet.

Sie sind das Kernstück dessen, was von Elias als Figuration bezeichnet wird, als Figuration aufeinander ausgerichteter, von einander abhängiger Menschen.

Es ist angemessen, wenn man sich unter einem Menschenbild ein Bild vieler interdependenter Menschen vorstellt, die miteinander Figurationen, also Gruppen oder Gesellschaften verschiedener Art bilden. Der Begriff der Figuration ist von Elias darum eingeführt worden, weil er klarer zum Ausdruck bringt, was wir Gesellschaft nennen.

Nach Elias ist Gesellschaft weder eine Abstraktion von Eigentümlichkeiten gesellschaftslos existierender Individuen, noch ein System oder eine 'Ganzheit' jenseits der Individuen, sondern vielmehr das von Individuen gebildete Interdependenzgeflecht selbst (S. LXVIII).

Der Begriff der Figuration lässt sich veranschaulichen durch einen Hinweis auf gesellschaftliche Tänze. Wir sehen das Bild der beweglichen Figurationen interdependenter Menschen beim Tanz. Figurationen wie Staaten, Städte, Familien, kapitalistische, kommunistische, feudalistische Systeme.

Bei dieser Begriffsbildung verschwindet die Gegensätzlichkeit. Ohne eine Pluralität von aufeinander ausgerichteten, voneinander abhängigen Individuen die miteinander tanzen, gibt es keinen Tanz; wie jede andere gesellschaftliche Figuration ist eine Tanzfiguration relativ unabhängig von den spezifischen Individuen, die sie hier und jetzt bilden, aber nicht von Individuen überhaupt.

Es wäre unsinnig zu sagen, dass Tänze Gedankengebilde sind, die man auf Grund von Beobachtungen an einzelnen, für sich betrachteten Individuen abstrahiert.

Die folgenden Untersuchungen von Norbert Elias beschäftigen sich mit solchen Wandlungen, so wie sich Tanzfiguren wandeln.

So ist der Ausgangspunkt, von dem aus hier der Staatsbildungsprozess von Norbert Elias untersucht wird, eine Figuration, die von vielen relativ kleinen miteinander in freier Konkurrenz stehenden Gesellschaftseinheiten gebildet wird.

Wie und warum wandelt sich diese Figuration? Sie demonstriert zugleich, dass es Erklärungen gibt, die nicht den Charakter einer Kausalerklärung haben.

Denn die Wandlung der Figuration erklärt sich zum Teil aus der endogenen Dynamik der Figuration selbst, aus der immanenten Tendenz einer Figuration frei konkurrierender Einheiten zur Monopolbildung. Persönlichkeitsstrukturen ändern sich ebenfalls im Zuge einer solchen Figurationsänderung (S. LXIX).

Das Verständnis der folgenden Untersuchungen verlangt eine ziemlich weitgehende Umorientierung des heute (diesem Exzerpt liegt eine Ausgabe von 1968 zugrunde. Anm.) vorherrschenden soziologischen Denkens und Vorstellungsvermögens.

Sich von der Vorstellung seiner selbst und des einzelnen Menschen überhaupt als eines 'homo clausus' zu lösen, ist gewiss nicht einfach. Aber ohne Loslösung von dieser Vorstellung ist es einfach nicht möglich, zu verstehen, was gemeint ist, wenn man einen Zivilisationsprozess als eine Wandlung der Individualstrukturen bezeichnet.

Es ist ebenfalls nicht einfach, die eigene Vorstellungskraft so zu entwickeln, dass manfrau in Figurationen zu denken vermag und überdies noch in Figurationen, zu deren normalen Eigentümlichkeiten es gehört, sich zu wandeln, manchmal sogar in einer bestimmten Richtung.

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