Posts mit dem Label Konditionierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Konditionierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

20070709

Der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang tz-01

Theorie der Zivilisation von Norbert Elias Teil 1

(Frage:) Was hat die Organisierung der Gesellschaft in der Form von 'Staaten' (Monopolisierung u. Zentralisierung der Abgaben und körperlicher Gewalttat) mit der 'Zivilisation' zu schaffen?

Wir sehen (Def.:) , dass der Prozess der Zivilisation eine Veränderung des menschlichen Verhaltens und Empfindens in einer ganz bestimmten Richtung ist.

Sie wurde nicht beabsichtigt und nicht bewusst rational verwirklicht.

Die 'Zivilisation' ist ebenso wenig wie die 'Rationalisierung' ein Produkt der menschlichen 'Ratio' und Resultat einer auf weite Sicht hin berechneten Planung. Nichts in der Geschichte weist darauf hin, dass diese Veränderung 'rational', etwa durch eine zielbewusste Erziehung von einzelnen Menschengruppen durchgeführt worden ist. Sie vollzieht sich als Ganzes ungeplant.

Nun eine Anmerkung aus den Fußnoten (S. 475):
Weit verbreitet ist heute die Vorstellung, dass die Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und die einzelnen gesellschaftlichen Institutionen primär aus ihrer Zweckmäßigkeit für die derart verbundenen Menschen zu erklären sind.
Es sieht nach dieser Vorstellung so aus, als ob die Menschen aus der Einsicht in die Zweckmäßigkeit dieser Institutionen irgend wann einmal gemeinsam den Entschluss gefasst hätten, so und nicht anders miteinander zu leben. Aber diese Vorstellung ist eine Fiktion, und sie ist schon allein deswegen kein sehr gutes Leitinstrument der Forschung.

Die Einwilligung mit anderen zusammen zu leben und die Rechtfertigung dessen ist etwas Nachträgliches. Der Einzelne hat in dieser Hinsicht keine sehr große Wahl. Er wird in eine Ordnung und Institutionen hinein geboren; er wird konditioniert und selbst wenn er diese Ordnung und Institutionen wenig schön, wenig zweckmäßig findet, kann er nicht einfach seine Einwilligung zurückziehen und aus der bestehenden Ordnung herausspringen.

Er/Sie mag Abenteurer, Tramp, Gammler, Hippie, Bücherschreiber und am Ende auf einer einsamen Insel sein, aber er ist ihr Produkt. Die Ordnung zu missbilligen und vor ihr zu fliehen ist kein geringerer Ausdruck der Bedingtheit durch sie, als sie zu preisen und zu rechtfertigen.

Manfrau verstellt sich den Zugang zum Verständnis der Genese von Gesellschaftsformen, wenn manfrau sie sich in der gleichen Weise entstanden denkt, wie die Werke und Taten einzelner Menschen: durch individuelle Zwecksetzungen oder gar durch vernünftige Überlegungen und Pläne.

Die Vorstellung, dass die Zivilisation des Abendlandes auf Grund einer klaren Zwecksetzung geschieht ist durch Tatsachen kaum zu belegen. Es ist also wenig im Grunde getan, wenn manfrau Institutionen, wie den Staat, aus rationalen Zwecksetzungen erklärt.
Diese Verflechtung vieler Menschen ist selbst nichts Geplantes. Hier hat manfrau es mit Erscheinungen, mit Zwängen und Gesetzmäßigkeiten eigener Art zu tun.

Zivilisation ist nicht aus einem gemeinsamen Plane Vieler, sondern als etwas Ungeplantes, hervorgehend aus dem Mit- und Gegeneinander der Pläne vieler Menschen entstanden. So kommt es zu zunehmender Funktionsteilung, Integration von großen Menschenräumen und vielen anderen geschichtlich-gesellschaftlichen Prozessen. Und erst die Eigengesetzlichkeit der Verflechtung von individuellen Plänen und Handlungen, in die Bindung des Einzelnen durch sein Zusammenleben mit Andere, erst sie ermöglicht schließlich auch ein besseres Verständnis für das Phänomen der Individualität.

Das Miteinanderleben der Menschen, das Geflecht ihrer Absichten und Pläne, die Bindungen der Menschen durcheinander, sie bilden (weit entfernt die Individualität des Einzelnen zu vernichten), vielmehr das Medium, in dem sie sich entfaltet. Sie setzen dem Individuum Grenzen, aber sie geben ihm zugleich einen mehr oder weniger großen Spielraum. Das gesellschaftliche Gewebe der Menschen bildet das Substrat, aus dem heraus, in das hinein der Einzelne ständig seine individuellen Zwecke spinnt und webt (S. 477). Genaueres dazu: N. Elias, Die Gesellschaft der Individuen, Basel, 1939).
Ende Anmerkung aus Fußnote.

Aber die Zivilisation vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung. Es ist gezeigt worden
1. wie Fremdzwänge sich in Selbstzwänge verwandeln;
2. wie menschliche Verrichtungen hinter die Kulisse des gesellschaftlichen Lebens verdrängt und mit Schamgefühlen belegt werden;
3. wie die Regelung des gesamten Trieb- und Affektlebens durch eine beständige Selbstkontrolle immer stabiler wird.
Alles das geht nicht auf eine rationale Idee zurück, die vor Jahrhunderten konzipiert und dann einer Generation nach der anderen als Zweck des Handelns, als Ziel der Wünsche eingepflanzt wurde. Aber diese Transformation ist dennoch auch nicht nur ein strukturloser und chaotischer Wechsel (S. 312, 313).

Anmerkung: "Bei Durchsicht meiner ersten Stücke" schrieb Bertold Brecht: "Aber der den großen Sprung machen will, muss einige Schritte zurückgehen. Das Heute geht gespeist durch das Gestern in das Morgen. Die Geschichte macht vielleicht einen reinen Tisch, aber sie scheut den leeren."

Das allgemeine Problem des geschichtlichen Wandels: Dieser Wandel als Ganzes ist nicht 'rational' geplant; aber er ist auch nicht nur ein regelloses Kommen und Gehen ungeordneter Gestalten. (Frage:) Wie ist das möglich? Wie kommt es zu Gestaltungen, die kein Mensch beabsichtigt hat, und die dennoch alles andere sind als Wolkengebilde ohne Festigkeit, ohne Aufbau und Strukur?

Die Antwort auf diese Fragen ist einfach genug:
Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen, menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden. Es ist diese Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt; sie ist es, die dem Prozess der Zivilisation zugrunde liegt.

Diese Ordnung ist weder rational (entstanden aus zweckgerichteten Überlegungen einzelner Menschen) noch irrational (auf unbegreifliche Weise). Diese Ordnung ist von einzelnen Menschen mit der 'Natur' identifiziert worden; sie wurde von Hegel und Anderen als eine Art von überindividuellem Geist interpretiert (seine Vorstellung von einer 'List der Idee' zeigt, wie sehr ihn auch die Tatsache beschäftigte, dass sich aus allem Planen und Handeln der Menschen vieles ergibt, was kein Mensch beabsichtigt hat).

Aber solche Denkgewohnheiten (rational oder irrational) erweisen sich hier als unzulänglich. Die Wirklichkeit ist auch in dieser Hinsicht nicht ganz so aufgebaut, wie es uns die Begriffsapparatur eines bestimmten Standards glauben machen will, die ganz gewiss zu ihrer Zeit als Kompass durch die unbekannte Welt gute Dienste geleistet hat.

Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Verflechtungserscheinungen ist weder identisch mit der Gesetzlichkeit des 'Geistes', des individuellen Denkens und Planens, noch mit der Gesetzlichkeit dessen, was wir die 'Natur' nennen, wenn auch alle diese verschiedenen Dimensionen der Wirklichkeit funktionell unablösbar miteinander verbunden sind (S. 314).

Der allgemeine Hinweis auf die Eigengesetzlichkeit der Verflechtungserscheinungen fördert das Verständnis solcher Erscheinungen wenig, er bleibt leer und missverständlich, wenn manfrau nicht zugleich unmittelbar an bestimmten, geschichtlichen Wandlungen selbst die konkreten Mechanismen der Verflechtung und damit das Wirken dieser Gesetzmäßigkeiten aufzeigt.
Das wurde im dritten Kapitel gezeigt.
Im dritten Kapitel wird gezeigt, welche Art der Verflechtung, der wechselseitigen Angewiesenheit oder Abhängigkeit von Menschen, beispielsweise den Prozess der Zivilisation in Gang bringt. Hier ist gezeigt worden, wie der Zwang von Konkurrenzsituationen eine Reihe von Feudalherren gegeneinander treibt, wie der Kreis der Konkurrenten sich langsam verengt, wie es zur Monopolstellung eines von ihnen und damit im Zusammenhang zur Bildung des absolutistischen Staates kommt.

Diese ganze Umorganisierung der menschlichen Beziehungen hat ganz gewiss ihre unmittelbare Bedeutung für jene Veränderung des menschlichen Habitus, deren vorläufiges Ergebnis unsere Form des 'zivilisierten' Verhaltens und Empfindens ist und von diesem spezifischen Wandel im Aufbau des psychischen Habits wird in der Folge gesprochen werden.

Der Anblick dieser Verflechtungsmechanismen ist auch noch in einem allgemeineren Sinne für das Verständnis des Zivilisationsprozesses von Bedeutung: Erst wenn manfrau sieht, mit welch hohem Maß von Zwangsläufigkeit ein bestimmter Gesellschaftsaufbau, eine bestimmte Form der gesellschaftlichen Verflechtung kraft ihrer Spannungen zu einer spezifischen Veränderung und damit zu anderen Formen der Verflechtung hindrängt, erst dann kann manfrau verstehen, wie jene Veränderungen des menschlichen Habitus, jene Veränderungen in der Modellierung des plastischen, psychischen Apparats zustande kommen, die sich bis zur Gegenwart immer von neuem beobachten lassen. Erst dann kann manfrau auch verstehen, dass der Veränderung des psychischen Habitus im Sinne einer Zivilisation eine ganz bestimmte Richtung und Ordnung innewohnt.

Elias macht in einer Fußnote klar, dass er hier nicht an eine Entwicklung im Sinne Darwins (biologistische Vorstellungen) glaubt, er zitiert aus Social Change, Ogburn, London 1923: "The inevitable series of stages in the development of social institutions has not only not been proven but has been disproven ...(S.477) - the achievements have not been up to the high hopes entertained shortly after the publication of Darwins theory of natural selection. Goldenweiser, Social Evolution in Encyclopedia of Social Sciences, New York 1935:...(Evolution) is no longer accepted as a process to be contemplated, but as a task to be achieved by deliberate and concerted human effort".
Anmerkung: Das könnte bedeuten, dass 'Evolution' keinen für die menschliche 'Entwicklung' bedeutenden wissenschaftlichen Erklärungswert besitzt, sondern selber an sich einen bloßen ideellen Wert (eine zu vollführende Aufgabe) darstellt.

Die Zivilisation ist nichts 'Vernünftiges'; sie ist nichts 'Rationales', so wenig sie etwas 'Irrationales' ist. Sie wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, durch spezifische Veränderungen der Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind (S. 316).

Aber es ist durchaus nicht unmöglich, dass wir etwas 'Vernünftigeres', etwas im Sinne unserer Bedürfnisse und Zwecke besser Funktionierendes daraus machen können. Denn gerade im Zusammenhang mit dem Zivilisationsprozess gibt das blinde Spiel der Verflechtungsmechanismen selbst allmählich einen größeren Spielraum zu planmäßigen Eingriffen in das Verflechtungsgewebe und den psychischen Habitus, zu Eingriffen auf Grund der Kenntnis ihrer ungeplanten Gesetzmäßigkeiten (S. 316).

(Frage:) Aber welche spezifische Veränderung modelliert den psychischen Apparat im Sinne einer 'Zivilisation'?

Von den frühesten Zeiten der abendländischen Geschichte bis zur Gegenwart differenzieren sich die gesellschaftlichen Funktionen unter einem starken Konkurrenzdruck mehr und mehr. Je mehr sie sich differenzieren, desto größer wird die Zahl der Funktionen und damit der Menschen von denen der Einzelne abhängt. Das Verhalten von immer mehr Menschen muss aufeinander abgestimmt, genauer und straffer durch organisiert sein, damit die einzelne Handlung ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt.

Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter zu regulieren. Es handelt sich hier keineswegs nur um eine bewusste Regulierung. Gerade dies ist typisch für die Veränderung des psychischen Apparats im Zuge der Zivilisation, dass die stabilere Regelung des Verhaltens dem einzelnen Menschen als ein Automatismus an gezüchtet wird, als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstsein will.

So verfestigt sich im Einzelnen neben der bewussten Selbstkontrolle zugleich eine automatisch und blind arbeitende Selbstkontrollapparatur, die durch einen Zaun von schweren Ängsten Verstöße zu verhindern sucht. Aber bewusst oder nicht bewusst, die Richtung dieser Veränderung des Verhaltens im Sinne einer immer differenzierteren Regelung der gesamten psychischen Apparatur ist bestimmt durch die Richtung der gesellschaftlichen Differenzierung, durch die fortschreitende Funktionsteilung und die Ausweitung der Interdependenzketten in die jede Regung des Einzelnen eingebettet ist (S. 317).

Ein einfaches Bild dafür sind die Wege und Straßen.
Mittelalter: holprig, ungepflastert, natural-wirtschaftende Kriegergesellschaft, wenig Verkehr, Hauptgefahr der Überfall, die Gefahr ist überall gegenwärtig, ständige Bereitschaft zu kämpfen, die Leidenschaften spielen.
Heutige Zeit: Ein Hindurchwinden, Regulationen, geregelte Kreuzungen, Hauptgefahr, dass jemand die Selbst-Kontrolle verliert.

Mit der Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes wird auch die soziogene psychische Selbstkontrollapparatur differenzierter, allseitiger und stabiler. Aber die fortschreitende Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionen ist nur die erste, die allgemeinste der gesellschaftlichen Transformationen der Ursachen für die Veränderung des psychischen Habitus im Sinne einer 'Zivilisation'.

Mit der fortschreitenden Funktionsteilung geht eine totale Umorganisierung des gesellschaftlichen Gewebes Hand in Hand. (Siehe oben, zentrifugale Tendenzen, Feudalisierung..) Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur, die als ein entscheidender Zug im Habitus jedes 'zivilisierten' Menschen hervortritt, steht mit der Ausbildung von Monopolinstituten der körperlichen Gewalttat und mit der wachsenden Stabilität de gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang.

Erst mit der Ausbildung solcher stabiler Monopolinstitute stellt sich jene gesellschaftliche Prägeapparatur her, die den Einzelnen von klein auf an ein An-sich-Halten gewöhnt; erst im Zusammenhang mit ihr bildet sich im Individuum eine stabilere, zum guten Teil automatisch arbeitende Selbstkontrollapparatur (S. 320).

Wenn sich ein Gewaltmonopol bildet entstehen befriedete Räume, gesellschaftliche Felder, die von Gewalttaten normalerweise frei bleiben. die Zwänge, die innerhalb ihrer auf den einzelnen Menschen wirken, sind von anderer Art, als zuvor. Gewaltformen bleiben für sich in entsprechend veränderter Form den befriedeten Räumen zurück. Am sichtbarsten sind sie durch die wirtschaftliche Gewalt, durch ökonomische Zwänge verkörpert.

Folgendes ist die Richtung, in der sich das Verhalten und der Affekthaushalt der Menschen ändern, wenn sich der Aufbau der menschlichen Beziehungen in der geschilderten Weise umbildet:
Gesellschaften ohne stabiles Gewaltmonopol sind immer Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung relativ gering und die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, verhältnismäßig kurz sind, umgekehrt:
Gesellschaften mit stabileren Gewaltmonopolen, verkörpert zunächst durch einen größeren Königshof, sind Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung mehr oder weniger weit gediehen ist, in denen die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, länger und die funktionellen Abhängigkeiten des einen Menschen von anderen größer sind.
Hier ist der Einzelne geschützt aber auch selbst gezwungen die eigenen Leidenschaften und Wallungen zurück zu drängen (S. 321).

Je dichter das Interdependenzgeflecht wird, in das der Einzelne mit der fortschreitenden Funktionsteilung versponnen ist, je größer die Menschenräume sind, desto mehr ist der Einzelne in seiner sozialen Existenz bedroht, der spontanen Wallungen und Leidenschaften nachgibt; desto mehr ist derjenige im Vorteil, der seine Affekte zu dämpfen vermag. Mit der Monopolisierung der körperlichen Gewalt vollzieht sich eine Veränderung des Verhaltens im Sinne der 'Zivilisation' (S. 322).

Die Verwandlung des Adels aus einer Schicht von Rittern in eine Schicht von Höflingen ist ein Beispiel dafür. Wenn sich Monopolorganisationen der körperlichen Gewalt bilden, streben langsam die Affektäußerungen einer mittleren Linie zu.

Die Gewalttat ist kaserniert und hat in der Form, als Kontrollorganisation einen bestimmten Einfluss auf den Einzelnen in der Gesellschaft, er mag es wissen oder nicht. Diese Kontrollorganisation ist eine eigentümliche Form der Sicherheit. Von dieser gespeicherten Gewalt in der Kulisse des Alltags geht ein beständiger, gleichmäßiger Druck auf das Leben des Einzelnen aus, den er oft kaum noch spürt, weil er sich völlig an ihn gewöhnt hat.
Es ist die ganze Prägeapparatur des Verhaltens, die sich ändert und nicht nur die sondern der ganze Aufbau der psychischen Selbststeuerung.

Die Monopolorganisation zwingt nicht durch eine unmittelbare Bedrohung. Sie wirkt durch das Medium seiner eigenen Überlegung hindurch. Der aktuelle Zwang ist einer, den der/die Einzelne nun auf Grund seines Wissens um die Folgen seiner Handlungen auf sich selbst ausübt.
Die Monopolisierung der körperlichen Gewalt zwingt die waffenlosen Menschen in den befriedeten Räumen zu einer Zurückhaltung durch die eigene Voraussicht oder Überlegung; sie zwingt diese Menschen mit einem Wort zur Selbstbeherrschung (S. 326).

Die psychische Apparatur der Selbstkontrolle (Über-Ich, Gewissen...) wird nur in einer solchen Kriegergesellschaft unmittelbar gezüchtet. Sie ist im Verhältnis zu der Selbstzwangapparatur in stärker pazifizierten Gesellschaften diffus, unstabil und voll von Durchlässen für heftige Entladungen; die Ängste sind hier noch nicht im entferntesten dermaßen aus dem Bewusstsein in das 'Innere' zurückgedrängt. Die Angst hat hier noch stärker die Gestalt einer Angst vor äußeren Mächten (S. 327).

Was sich mit der Monopolisierung der Gewalttat in den befriedeten Räumen herstellt, ist ein anderer Typus von Selbstbeherrschung oder Selbstzwang. Es ist eine leidenschaftslosere Selbstbeherrschung.
Der Kontroll- und Überwachungsapparatur in der Gesellschaft entspricht die Kontrollapparatur, die sich im Seelenhaushalt des Individuums herausbildet. Beide üben einen steten, gleichmäßigen Druck zur Dämpfung der Affektäußerungen aus.

Wie in der Gesellschaft die Monopolisierung der physischen Gewalt die Angst und den Schrecken verringert, die der Mensch vor dem Menschen haben muss, aber zugleich auch die eigenen Affektentladungen hindert so sucht im Einzelnen die stetige Selbstkontrolle, an die er mehr und mehr gewöhnt wird, die Umschwünge im Verhalten und die Affektgeladenheit zu verringern. Wozu der Einzelne nun gedrängt wird, ist eine Umformung des ganzen Seelenhaushalts im Sinne einer kontinuierlichen, gleichmäßigen Regelung seines Trieblebens und seines Verhaltens nach allen Seiten hin (S. 328).

Und ganz in der gleichen Richtung wirken die waffenlosen Zwänge, z.B. die wirtschaftlichen Zwänge, denen der/die Einzelne in den befriedeten Räumen ausgesetzt wird. Sie zwingen zu einer unaufhörlichen Rück- und Voraussicht über den Augenblick hinaus, entsprechend der längeren und differenzierteren Ketten, sie fordern vom Einzelnen eine beständige Bewältigung seiner augenblicklichen Affekt- und Triebregungen.
Sie züchten im Einzelnen eine gleichmäßige Selbstbeherrschung, eine beständige Regelung seiner Triebe im Sinne der gesellschaftlichen Standarde.

Diese Zurückhaltung wird ihm von klein auf so zur Gewohnheit gemacht, dass sich in ihm, gleichsam als eine Relaisstation der gesellschaftlichen Standarde, eine automatische Selbstüberwachung der Triebe im Sinne der jeweiligen gesellschaftsüblichen Schemata und Modelle, eine 'Vernunft', ein 'Über-Ich' herausbildet, und dass ein Teil der zurückgehaltenen Triebregungen und Neigungen ihm überhaupt nicht mehr unmittelbar zum Bewusstsein kommt (S. 329).

Früher in der Kriegergesellschaft wurde die größere Chance zur unmittelbaren Lust mit Furcht (Höllenvorstellungen) bezahlt. Beides Lust und Unlust entlud sich hier offener und freier nach außen. Aber das Individuum war ihr Gefangener. Der/die Einzelne beherrschte seine/ihre Leidenschaften weniger, er/sie war stärker von ihnen beherrscht.
Der einzelne Mensch ist nun weniger Gefangener seiner Leidenschaften als zuvor, aber stärker als früher ist er durch seine funktionelle Abhängigkeit von der Tätigkeit einer immer größeren Anzahl Menschen gebunden und seine unmittelbare Triebbefriedigung ist viel beschränkter als früher.

Das Leben wird in gewissem Sinne gefahrloser, aber auch affekt- oder lustloser. Manfrau schafft sich dafür das, was im Alltag fehlt, im Traum, in Büchern und Bildern einen Ersatz: so beginnt der Adel auf dem Wege der Verhöflichung Ritterromane zu lesen, so sieht der Bürger Gewalttat und Liebesleidenschaft im Film (S. 330).
Der Kriegsschauplatz wird zugleich in gewissem Sinne nach innen verlegt. Ein Teil der Spannungen und Leidenschaften, die ehemals unmittelbar im Kampf zwischen Mensch und Mensch zum Austrag kamen, muss nun der Mensch in sich selbst bewältigen.

Die friedlicheren Zwänge, die seine Beziehungen zu anderen auf ihn ausüben, bilden sich in ihm ab; es verfestigt sich eine eigentümliche Gewohnheitsapparatur in ihm, ein spezifisches 'Über-Ich', das beständig seine Affekte im Sinne des gesellschaftlichen Aufbaus zu regeln, umzuformen oder unterdrücken trachtet. Aber die Triebe kämpfen nun in dem Einzelnen gegen diesen überwachenden Teil seines Selbst (S. 330, 331).

Durch die Interdependenz größerer Menschengruppen voneinander und durch die Aussonderung der physischen Gewalttat innerhalb ihrer stellt sich eine Gesellschaftsapparatur her, in der sich dauernd die Zwänge der Menschen aufeinander in Selbstzwänge umsetzen.
Diese Selbstzwänge, die von klein auf heran gebildet werden, haben teils die Gestalt einer bewussten Selbstbeherrschung, teils die Gestalt automatisch funktionierender Gewohnheiten; sie wirken auf eine genauere Regelung der Trieb- und Affektäußerungen nach einem der gesellschaftlichen Lage entsprechenden Schema hin; aber je nach dem inneren Druck, je nach Lage der Gesellschaft und des Einzelnen in ihr, erzeugen sie auch eigentümliche Spannungen und Störungen im Verhalten und Triebleben des Individuums, zu ständiger Unruhe und Unbefriedigtheit des Menschen, eben weil ein Teil seiner Neigungen und Triebe nur noch in verwandelter Form, etwa in der Phantasie, im Zusehen oder Zuhören, im Tag- oder Nachttraum Befriedigung finden kann.
Manchmal geht die Gewöhnung an eine Affektdämpfung so weit (z.B. Langeweile, Einsamkeitsempfindungen), dass dem Einzelnen eine furchtlose Äußerung der verwandelten Triebe in keiner Form mehr möglich ist.
Triebzwänge werden da anästhisiert und umgeben sich unter dem Druck der Gefahren dermaßen mit automatisch auftretenden Ängsten, dass sie unter Umständen für ein ganzes Leben lang taub und unansprechbar bleiben.
Eine dauernde scheinbar unbegründete innere Unruhe mag anzeigen, wie viele Triebenergien in eine Gestalt gebannt sind, die keine wirkliche Befriedigung zulässt (S. 332).
Kuriose Steckenpferde.

Der individuelle Zivilisationsprozess vollzieht sich größtenteils blind (bewusst ungesehen). Unter der Decke dessen, was die Erwachsenen denken und planen, hat die Art der Beziehung, die sich zwischen ihnen und den Heranwachsenden herstellt, Funktionen und Wirkungen in deren Seelenhaushalt, die sie nicht beabsichtigt haben und von denen sie kaum etwas wissen.

Ungeplant in diesem Sinne (re-)produzieren sich extrem ungünstige abnorme Modellierungserscheinungen, eigentlich psychische Abnormalitäten.
Aber auch der Habitus, der sich im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen Norm hält und zugleich subjektiv befriedigender ist, produziert sich nicht weniger ungeplant. Aus der gleichen, gesellschaftlichen Prägeapparatur gehen in einer breiten Streungskurve günstiger und ungünstiger gelagerte, menschliche Prägungen hervor (S. 333).

Die Umleitung und Verwandlung einzelner Triebenergien (Freud: 'Sublimierung') mag, statt in absonderlichen Vorlieben in einer individuell höchst befriedigenden und gesellschaftlich höchst fruchtbaren Tätigkeit oder Begabung ihren Ausdruck finden.
Hier wie dort (beim 'Abnormen' wie beim 'Angepassten') bildet sich das Beziehungsgeflecht der prägsamsten Phase, der Kinder- und Jugendzeit, in dem psychischen Apparat des einzelnen Menschen, in der Beziehung zwischen seinem Über-Ich und seinem Triebzentrum als sein individuelles Gepräge ab; hier wie dort verfestigt es sich zu einer Gewohnheitsapparatur.

Worin besteht der theoretische Unterschied zwischen einem individuellen Zivilisationsprozess, der als gelungen oder einem der als nicht gelungen gilt?

In dem einen Fall bilden sich schließlich im Rahmen einer gesellschaftlichen Erwachsenenfunktion gut eingepasste Verhaltensweisen und zugleich eine positive Lustbilanz; im anderen Fall schwere Anspannung mit hohen Kosten persönlicher Befriedigung und keine positive Lustbilanz, weil eine Instanz ihm verbietet und bestraft, was die andere möchte (S. 334, 335).

In Wirklichkeit lebt die Mehrzahl der Zivilisierten zwischen diesen beiden Extremen auf einer mittleren Linie.

Der gesellschaftliche Modellierungsprozess im Sinne einer abendländischen Zivilisation ist besonders schwierig. Er muss, um auch nur einigermaßen zu gelinge, entsprechend dem Aufbau der abendländischen Gesellschaft, eine besonders reiche Differenzierung, eine besonders intensive und stabile Regulierung des psychischen Apparates produzieren. Er nimmt daher im allgemeinen, und vor allem in den oberen und den mittleren Schichten, mehr Zeit in Anspruch als der Modellierungsprozess in weniger differenzierten Gesellschaften.
Der Widerstand gegen die Einpassung in den vorgegebenen Zivilisationsstandard, ist immer sehr beträchtlich. Später, als in weniger differenzierten Gesellschaften, erlangt der Einzelne den psychischen Habitus eines Erwachsenen.

Zusammenfassung:

Gesellschaftliche und individuelle Zivilisationsprozesse finden sich überall, wo unter einem Konkurrenzdruck die Funktionsteilung größerer Menschenräume voneinander abhängig, wo eine Monopolisierung der körperlichen Gewalt eine leidenschaftsfreiere Kooperation möglich und notwendig macht, überall, wo sich Funktionen herstellen, die eine beständige Rück- und Voraussicht auf die Aktionen und Absichten Anderer über viele Glieder hinweg erfordern.

Bestimmend für Art und Grad solcher Zivilisationsschübe ist dabei immer die Weite der Interdependenzen, der Grad der Funktionsteilung und der Aufbau der Funktionen innerhalb ihrer (S. 336).

-o-o-o-

20070427

Zivilisation, Über-Ich, Konditionierung, Manipulation ,zt-38

Korrespondenz Gesellschaftsaufbau -- Ich-Aufbau

Die Zivilisationskurve des Geschlechtstriebes verläuft, im großen besehen, parallel zu den Kurven anderer Triebäußerungen. Auch hier wird die Regelung immer strikter.

Auch das Geschlechtsleben, der Sex, wird langsam aus dem öffentlichen Leben der Gesellschaft immer stärker zurückgedrängt.

Die Zurückhaltung wird durch den Aufbau des gesellschaftlichen Lebens, durch den Druck der gesellschaftlichen Institutionen, durch bestimmte gesellschaftliche Exekutionsvorgänge, vor allem durch die Familie, dem Einzelnen als Selbstzwang von klein auf an gezüchtet.

Sexualität ist auf eine Enklave beschränkt, auf die gesellschaftlich legitimierte Ehe. Die Kleinfamilie wird zum primären Züchtungs- und Züchtigungsorgan der gesellschaftlich geforderten Triebgewohnheiten und Verhaltensweisen für den Heranwachsenden. (Anmerkung: Elias schrieb seinen 'Prozess der Revolution' vor 1936, hier fließt also noch nicht die Erfahrung der Prozesse in der späteren Sowjet-Union, bzw. der sozialistischen- und kommunistisch orientierten Erziehungssysteme).

Alle Menschen, mit denen das Kind in Berührung kommt, haben ihren Teil daran. Die Reproduktion der gesellschaftlichen Gewohnheiten, die Konditionierung findet in der Kleinfamilie statt.

Die Konditionierung erfolgt durch Reflexe.
-o-o-o
Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
-o-o-o
Die Modellierung, der Charakter wird zum geringsten rational bestimmt, sondern durch den Druck von Scham- und Peinlichkeitsempfindungen und Unlustäußerungen.

Auf diese Weise reproduziert sich der gesellschaftliche Standard des Scham- und Peinlichkeitsempfindes in den Kindern.

Die Ausrichtung der Zivilisationsbewegung auf eine immer stärkere und vollkommenere Intimisierung aller körperlichen Funktionen, auf ihre Einklammerung in bestimmten Enklaven, ihre Verlagerung 'hinter verschlossene Türen' hat Konsequenzen sehr verschiedener Art.

Da ist die eigentümliche Gespaltenheit des Menschen zwischen den Seiten des menschlichen Lebens die sichtbar und die intim bleiben müssen. Alle fühlen sich mit soziogenen Scham- und Peinlichkeitsgefühlen beladen, die sogar das Sprechen einengen; die Funktionen selbst werden verborgen gehalten.

Es scheiden sich mit anderen Worten im Leben der Menschen selbst mit der fort schreitenden Zivilisation immer stärker eine intime oder heimliche Sphäre und eine öffentliche Sphäre, ein heimliches Verhalten und ein öffentliches Verhalten von einander.

Und diese Spaltung wird den Menschen so selbstverständlich, sie wird ihnen dermaßen zur zwingenden Gewohnheit, dass sie ihnen selbst kaum noch zum Bewusstsein kommt (S. 262). Es baut sich auch das psychische Gefüge des Menschen um.

Die durch die gesellschaftlichen Sanktionen gestützten Verbote werden dem Individuum als Selbstzwänge an gezüchtet.

Der Zwang der Zurückhaltung von Triebäußerungen und die Scham werden ihm so zur Gewohnheit gemacht, dass er allein, wenn er im intimen Raum ist sich ihrer nicht erwehren kann.

In ihm selbst kämpfen die Lust versprechenden Triebäußerungen mit den unlust-versprechenden Verboten und Einschränkungen, den soziogenen Scham- und Peinlichkeitsempfindungen.

Das suchte Sigmund Freud aus Wien mit 'Über-Ich', 'Unbewusstes' etc. zum Ausdruck zu bringen. Aber wie immer manfrau es ausdrückt, der gesellschaftliche Verhaltenscode prägt sich in dieser oder jener Form dem Menschen so ein, dass er gewissermaßen ein konstitutives Element des individuellen Selbst wird.

Das Über-Ich, das psychische Gefüge, das individuelle Selbst als Ganzes, wandelt sich in steter Korrespondenz mit dem gesellschaftlichen Verhaltenscode und mit dem Aufbau der Gesellschaft.

Diese Gespaltenheit des Ichs oder des Bewusstseins, das für Menschen in unserer Phase der Zivilisation typisch ist, korrespondiert (bzw. entspricht der) mit der spezifischen Zwiespältigkeit des Verhaltens, zu der das Leben in dieser Gesellschaft zwingt.

20070426

Verhalten im Mittelalter, Schlafen, zt-36

Das Schlafzimmer ist zu einem der 'privatesten' und 'intimsten' Bezirke des menschlichen Lebens geworden. Wie die meisten körperlichen Verrichtungen hat sich auch das 'Schlafen' hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Verkehrs verlagert.

Die Kleinfamilie ist als legitime Enklave übrig geblieben. Ihre sichtbaren und unsichtbaren Mauern entziehen das 'Privateste', 'Intimste', 'Tierische' im Dasein des einen Menschen den Blicken der anderen.

Im Mittelalter war es gewöhnlich, dass viele (einander fremde) Menschen in einem Raum übernachteten. Einander fremde Menschen schlafen in einem Bett. Das gilt als selbstverständlich und ist in keiner Weise anstößig. Völlig ausgezogen oder völlig angezogen.

Eventuell Verdacht wenn jemand angezogen war, dass er einen Schaden hatte. Generell größere Unbefangenheit gegenüber dem Zeigen des nackten Körpers. Manfrau sich zu Hause auszog, bevor manfrau ins Badehaus ging. Geringere Distanzierung der Individuen.

Der Anblick völliger Nacktheit war die alltägliche Regel bis ins 16. Jh. Die Menschen waren 'kindlicher'. Das zeigen die Schlaf- und Badesitten.
-o-o-o
Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
-o-o-o
Diese Unbefangenheit verschwindet langsam im 16. 17. u. 18. Jh. Der Ton verschärft sich. Es wird sogar peinlich Begründungen auszusprechen. Manfrau lässt das Kind nur durch das Bedrohliche des Tons fühlen, dass mit dieser Situation Gefahren verbunden sind. Der Erwachsene erklärt seine Verhaltensforderung nicht. Jede Durchbrechung der Verbote bedeutet eine Gefahr und eine Entwertung der Zurückhaltung.

Der emotionale Unterton verbindet sich mit einer moralischen Forderung, eine bedrohliche Strenge sind Reflexe der Gefahr, in die die Durchbrechung der Verbote bringt. Sie sind Symptome der Angst, die ihre eigene soziale Existenz, wie die Ordnung ihres gesellschaftlichen Lebens bedroht sehen. Eine spezielle Nachtbekleidung kam in der gleichen Zeit langsam in Gebrauch wie Gabel, oder Schnupftuch; wie die anderen 'Zivilisationsgeräte' ein Symbol der entscheidenden Wandlung.

Das Schamgefühl haftete sich an Verhaltensweisen, die bisher nicht mit solchen Gefühlen belegt waren. Die Schamgrenze rückt vor. Die Unbefangenheit schwindet. Auch die mit der manfrau Bedürfnisse vor anderer Augen verrichtet.

Mit dieser geringeren Selbstverständlichkeit, gewinnt der nackte Körper in der Kunst als Traumbild und Wunscherfüllung an Bedeutung. Er wird 'sentimentalisch' (Schiller) im Unterschied zu der vorher naiven Formung (in der Kunst).

Das Nachthemd ist repräsentativ ausgestaltet. Der Übergang vom Nachthemd zum Schlafanzug entspricht dem Schamstandard, aber Schlafen ist auch nicht mehr so wie vorher intimisiert. Das Nachthemd des 19. Jhs. musste alle Körperformen ganz verdecken. Das Intime und Private war dem gesellschaftlichen Leben besonders abgewandt und wenig durchformt. Diese Undurchgeformtheit des Intimen ist für die Gesellschaft des 19. Jhs. charakteristisch.

Ähnlich, wie in der Gestaltung des Essens, wächst kontinuierlich die Wand, die sich zwischen Mensch und Mensch erhebt, die Scheu, die Affektmauer, die durch die Konditionierung zwischen Körper und Körper errichtet wird.

Mit jemandem Fremden das Bett zu teilen ist nun peinlich. Tiefgreifende Veränderungen der zwischenmenschlichen Beziehungen und Verhaltens-weisen kommen in unserer Lebensanordnung zum Ausdruck. Es versteht sich also nicht von selbst, dass Bett und Körper psychische Gefahrenzonen so hohen Grades bilden, wie in der letzten Phase der Zivilisation (S. 230).

20070424

Verhalten im Mittelalter, Schneuzen, Konditionierung, zt-34

In der mittelalterlichen Gesellschaft schneuzte manfrau sich mit den Händen. Die Höflichkeit der Courtoisie: Mit der Linken schneuzen, mit der Rechten das Fleisch nehmen. Keine peinlichen Empfindungen im Mittelalter wenn manfrau sich die Finger beschmutzt.

Es waren besondere gesellschaftliche und seelische Voraussetzungen nötig, um das Bedürfnis nach einem so simplen Instrument wie dem Taschentuch den Gebrauch allgemein möglich zu machen. Der Gebrauch des Taschentuchs breitet sich zuerst in Italien im Zusammenhang mit seinem Prestigewert aus.

Damen hängen es an den Gürtel, Snobs tragen es im Mund. Es ist kostbar und gilt als Zeichen von Reichtum. Erst Ludwig XIV. hat reichlich Taschentücher.

Zur Zeit des Erasmus ist das Taschentuch zwar bekannt aber manfrau schneuzt sich noch links und rechts und vielleicht etwas vom Tisch abgewandt.

Zwei Jahrhunderte später ist der Gebrauch des Taschentuchs allgemein geworden, aber der Gebrauch der Hände ist keinesfalls verschwunden so kann manfrau es es auch noch heute im Jahre 2007 in europäischen Gegenden sehen. Aber es ist zur Unsitte geworden, ordinär und vulgär.

Bis zu dieser Zeit (La Salle) werden Gewohnheiten fast immer ausdrücklich in ihrer Beziehung zu anderen Menschen beurteilt.

Gewohnheiten werden untersagt, weil sie anderen lästig und peinlich sein können, oder weil sie einen Mangel an Respekt verraten (S. 204).

Jetzt werden die gesellschaftlich unerwünschten Triebäußerungen radikaler verdrängt. Sie werden für den Menschen mit Peinlichkeit, Angst, Scham- oder Schuldgefühlen belegt, auch für den Fall, dass er allein ist.

Vieles von dem, was wir 'Moral' oder 'moralische Gründe' nennen, hat als Konditionierungsmittel der Kinder bei einem bestimmten gesellschaftlichen Standard die gleiche Funktion wie zum Beispiel die 'Hygiene' und die 'hygienischen' Gründe (S. 204).

Die Modellierung durch solche Mittel ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erwünschte Verhalten zu einem Automatismus, einem Selbstzwang zu machen und es im Bewusstsein des Einzelnen als von ihm selbst aus eigenem Antrieb, nämlich um seiner eigenen Gesundheit oder seiner eigenen menschlichen Würde willen, so gewolltes Verhalten in Erscheinung treten zu lassen.

Und erst mit dieser Art, Gewohnheiten zu verfestigen, erst mit dieser Konditionierungsart, die mit den mittelständisch-bürgerlichen Schichten zugleich vorherrschend wird, erhalten die Konflikte zwischen den gesellschaftlich unauslebbaren Triebkräften und Triebrichtungen auf der einen und dem im Einzelnen verankerten Schema der gesellschaftlichen Forderungen auf der anderen Seite dermaßen jene Gestalt die von den Seelentheorien in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt werden.
-o-o-o
Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator. Ab Mai 2007: Erasmus von Rotterdam und sein Lob der Narrheit ('Torheit') auf dem Blog: Ergasmus.
-o-o-o
Das was wir heute (40er Jahre des 20. Jahrhunderts) als Neurosen um uns beobachten, ist eine bestimmte, historisch gewordenen Gestalt des psychischen Konflikts, die der psychogenetischen und soziogenetischen Aufhellung bedarf (S. 204).

Die gesellschaftliche Abhängigkeit und ihr Aufbau sind für Aufbau und Schema der Affektrestriktionen von entscheidender Bedeutung.

Mit der wachsenden Abhängigkeit in der Oberschicht verstärken sich auch die Verbote (Einschränkungen, Restriktionen).

Die Tatsache der abhängigen Oberschicht erklärt zugleich das Doppelgesicht, das die Verhaltensweisen und die Zivilisations-instrumente haben: Es sind Instrumente und Verhaltensweisen, die einen gewissen Zwang ausdrücken und Versagung erfordern, aber sie erhalten sofort immer auch den Sinn einer sozialen Waffe gegen die jeweils Niedrigerstehenden, den Sinn eines Distinktionsmittels.

Taschentuch, Teller, Gabel und alle ihre Verwandten sind zunächst Luxusgegenstände mit Prestigewert.

Im 19. u. 20. Jh. handelt es sich um gesellschaftlich in besonders hohem Maße gebundene Oberschichten (S. 207).

Am Arbeitsplatz sind Triebregelung und -zurückhaltung zur 'Arbeit' notwendig. Das gilt für das gesamte Schema der Triebmodellierung in der bürgerlich-industriellen Gesellschaft.

Es sind Zwänge der gesellschaftlichen Verflechtung, der Arbeitsteilung, des Marktes und der Konkurrenz, die zur Zurückhaltung und Regelung der Affekte und der Triebe zwingen. Sie sind es, denen die oben erwähnte Begründungs- und Konditionierungsart entspricht.

Die Modellierung ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erforderliche (geforderte) Verhalten als vom einzelnen Menschen (dem Individuum) selbst (also aus des Individuums eigenem inneren Antrieb gewolltes Verhalten) in Erscheinung treten zu lassen. :-) :-) :-) ...so to speak...

20070423

Zivilisationskurve, Schamgrenze, Notdurft, zt-33

Wandlungen in der Einstellung zu den natürlichen Bedürfnissen.
"Notdurft in anderer Leute Gegenwart zu verrichten ist abscheulich."
"Denn immer sind die Engel zugegen".
Einige Bemerkungen zu den Beispielen und zu diesen Wandlungen im allgemeinen.

Die courtoisen Verse sagen nicht viel zu diesem Thema. Die gesellschaftlichen Ge- und Verbote, die diese Bezirke des Lebens umgeben sind relativ gering. Alles ist ungezwungener.

Die Schrift des Erasmus markiert auch hier einen Punkt in der Zivilisationskurve, einen Vorstoß der Schamgrenze, aber auch einen Mangel an Scham. Aber es ist ganz deutlich, dass diese Schrift gerade die Funktion hat, Schamgefühle zu züchten.

Begründungen mit der Allgegenwart von Engeln ist recht charakteristisch. Die Begründung für die Angst, die manfrau im jungen Menschen erweckt, um ihn dem gesellschaftliche Verhaltensstandard gemäß zur Zurückdrängung seiner Lustäußerungen zu zwingen, wechselt im Lauf der Jahrhunderte.

Hier erklärt und substanzialisiert man sich und anderen die Trieb- oder Triebverzichts-Angst als Angst vor äußeren Geistern.

In den breiteren Schichten bleibt der Hinweis auf den Schutzengel als Konditionierungsinstrument der Kinder lange erhalten. Wenn dann die 'hygienischen Gründe' auftauchen spielt der Schutzengel nicht mehr eine so große Rolle.

'Hygienische Gründe' die bei den Erwachsenen-Gedanken (Konditionierung) eine gewichtige Rolle spielen. Was ist rational oder schein-rational?

Die Konditionierungstaktiken werden primär durch das Peinlichkeits- und Schamgefühl der Erwachsenen begründet (S. 182). An die Stelle des Hinweises auf den Respekt, den man Höherstehenden schuldet tritt (z.B. im Jahre 1774) der Hinweis auf gesundheitliche Schädigungen als Konditionierungsinstrument (S. 200).

Erasmus ist mit seiner Schrift der Wegbereiter eines neuen Scham- und Peinlichkeitsstandards, der sich zunächst in der weltlichen Oberschicht langsam heraus zu bilden beginnt. Er schildert mit größter Unbefangenheit, wie zu dieser Zeit die Bedürfnisse vor anderer Augen verrichtet werden.

Gesundheitliche Begründungen finden sich nicht sehr häufig in seiner Schrift. Erst im 19. Jahrhundert dienen sie (gesundheitliche Begründungen) als Instrumente der Konditionierung um Zurückhaltung und Triebverzicht zu erzwingen. Mehr und mehr breitet sich über diese Notwendigkeiten der Bann des Schweigens der früher nicht bestand.

Bei dem spezifischen und dauerndem Zusammenleben vieler sozial abhängiger Menschen am Hof verstärkt sich der Druck von oben zu einer schärferen Regelung des Triebhaushaltes und damit zu einer größeren Zurückhaltung (S. 186).

Eine genauere Triebregelung und Zurückhaltung der Affekte fordern und erzwingen zunächst die sozial Höherstehenden von den sozial Niedrigstehenderen.

Erst verhältnismäßig spät wird die Familie zur alleinigen oder genauer gesagt, zur primären und vorherrschenden Produktionsstätte des Triebverzichts; erst dann wird die gesellschaftliche Abhängigkeit des Kindes von den Eltern zu frühesten und besonders intensiven Kraftquelle (Anmerkung: oder Desaster) der gesellschaftlich notwendigen Affekt-Regulierung und -modellierung. (In der ritterlich-höfischen Phase haben die Höfe selbst diese Funktion).

Im Zuge der späteren wachsenden Arbeitsteilung wird die Verflechtung der Menschen intensiver und alle (höhere und niedere) werden gegenseitig abhängig und selbst die sozial Stärkeren schämen sich (nun auch) vor den sozial Niedrigerstehenden.

Es gibt bei Erasmus (Diversoria) Personen , vor denen man sich schämt und andere vor denen man sich nicht schämt. Das Schamgefühl ist hier deutlich eine gesellschaftliche Funktion und modelliert entsprechend dem gesellschaftlichen Aufbau. Noch im 17. Jahrhundert empfangen Hochstehende Niedere auf dem Klo. Das ist Bevorzugung. Die Freundin Voltaires schämt sich beim Baden nicht vor dem Kammerdiener.

In dieser hierarchisch aufgebauten Gesellschaft bekam jede Aktion im Zusammensein der Menschen den Sinn eines Prestigewertes. Dann, wenn alle gleicher werden, wird es langsam zu einem allgemeinen Verstoß.

Die Gesellschaftsbezogenheit der Scham- und Peinlichkeitsgefühle tritt mehr und mehr aus dem Bewusstsein zurück. Das gesellschaftliche Gebot erscheint dem Erwachsenen als Gebot seines eigenen Inneren und erhält die Form eines mehr oder weniger automatisch wirkenden Selbstzwanges.

Diese Aussonderung der natürlichen Verrichtungen aus dem öffentlichen Leben war nur möglich, weil mit der wachsenden Empfindlichkeit zugleich ein technischer Apparat (Victory!, die Klomuschel im speziellen Kämmerlein :-) entwickelt wurde, der dieses Problem der Ausschaltung solcher Funktionen aus dem gesellschaftlichen Leben und ihre Verlegung hinter dessen Kulissen einigermaßen befriedigend löste.

Es verhielt sich auch damit ähnlich wie mit der Esstechnik. Der Prozess der seelischen Veränderung, das Vorrücken der Schamgrenze und der Peinlichkeitsschwelle ist nicht von einer Seite und ganz gewiss nicht aus der Entwicklung der Technik oder der wissenschaftlichen Entdeckungen zu erklären.

Die Entwicklung einer dem veränderten Standard entsprechenden Apparatur bedeutet eine außergewöhnliche Verfestigung der veränderten Gewohnheiten.

Heute tritt eine gewisse Lockerung ein, die in dieser Form nur möglich ist, weil der Stand der Gewohnheiten, der technisch-institutionell verfestigten Selbstzwänge im großen und ganzen gesichert ist.

Der Standard, der sich in unserer Phase der Zivilisation herausbildet, ist durch eine mächtige Distanz zwischen dem Verhalten der Erwachsenen und der Kinder charakterisiert.

Die Kinder müssen in verhältnismäßig wenig Jahren, den vorgerückten Stand der Scham- und Peinlichkeitsgefühle erreichen, die sich in vielen Jahrhunderten herausgebildet hat (S. 190).

Die Eltern sind oft unzulängliche Instrumente, die primären Exekutoren der Konditionierung, aber durch sie ist es die Gesellschaft als Ganzes, die Druck auf den Heranwachsenden ausübt und ihn sich zurecht formt.

Im Mittelalter war Regelung und Zurückhaltung geringer und so auch ein erheblich geringerer Unterschied im Verhalten der Erwachsenen und der Kinder (S. 191). Das Maß von Triebverhaltung und -regelung das die Erwachsenen voneinander erwarteten war nicht viel größer als das den Kindern auferlegte. Die Distanz zwischen Erwachsenen und Kindern war, gemessen an der heutigen Distanz, gering (S. 192).

Ein Kind, das heutzutage nicht auf den Stand der gesellschaftlich geforderten Affektgestaltung gelangt, gilt in verschiedenen Abstufungen als 'krank, anormal, unmöglich...' und bleibt vom öffentlichen Leben (außer Behinderteneinrichtungen etc.) ausgeschlossen.

Die Psychoanalyse entdeckt die Triebrichtungen in der Form unausgelebter Neigungen, die manfrau als Unterbewusstsein oder Traumschicht bezeichnen kann. Und diese Neigungen haben in unserer Gesellschaft den Charakter eines 'infantilen' Residuums, weil der gesellschaftliche Erwachsenenstandard eine völlige Unterdrückung und Umbildung dieser Triebrichtung erforderlich macht. Beim Auftreten im Erwachsenen erscheint sie als ein 'Überbleibsel' aus der Kinderzeit (S. 193).

Die Gesellschaft beginnt an bestimmten Funktionen die positive Lustkomponente durch die Erzeugung von Angst allmählich immer stärker zu unterdrücken oder, genauer gesagt, zu 'privatisieren', nämlich ins 'Innere' des Einzelnen, in die 'Heimlichkeit' abzudrängen, und die negativ geladenen Affekte, Unlust, Abscheu, Peinlichkeit allein als die gesellschaftsüblichen Empfindungen in der Konditionierung herauszuarbeiten.

Mit dieser gesellschaftlichen Verfemung vieler Triebäußerungen und mit ihrer 'Verdrängung' von der Oberfläche sowohl des gesellschaftlichen Lebens, wie des Bewusstseins wächst notwendigerweise auch die Distanz zwischen dem Seelenaufbau und dem Verhalten der Erwachsenen und dem der Kinder.

20070422

Fehlende Identifizierung mit der Oberschicht und gutes Benehmen zt-25

In Deutschland gibt es von der Zeit der Humanisten an immer eine bürgerliche Intelligenz, die von der höfisch-aristokratischen Gesellschaft getrennt lebt.

Hier sind die sozialen Mauern zwischen Bürgertum und höfischem Adel verhältnismäßig hoch. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. hört man wieder die Sprache und Ausdrücke eines Selbstbewusstseins, das dem der Humanisten, besonders dem des Erasmus verwandt ist.

Entfaltung der deutschen Städte war am Ausgang des Mittelalters, dann Schrumpfungen.

Im Gegensatz zu Frankreich ist die völlige Identifizierung der Intelligenz mit der höfischen Oberschicht schwächer und seltener.

Die Haltung des Erasmus distanziert sich, es fehlt die Identifizierung mit der Oberschicht und das verbindet ihn mit der späteren deutschen Intelligenz. Das Maß der Distanzierung die Erasmus besitzt, weist auf eine Phase der Lockerung zwischen zwei Epochen, die durch festere Gesellschaftshierarchien charakterisiert ist (S. 99).

Die Tradition der 'courtoisie' wird in vielem von der Gesellschaft, die den Begriff der 'civilitas' zur Bezeichnung des gesellschaftlichen 'guten Benehmens' wählt weitergeführt. Die verstärkte Neigung der Menschen, sich und andere zu beobachten, ist eines der Anzeichen dafür, wie nun die ganze Frage des Verhaltens einen anderen Charakter erhält.

Die Menschen formen sich und andere mit größerer Bewusstheit als im Mittelalter. Der Zwang, den die Menschen aufeinander ausüben, wird stärker, die Forderung nach 'gutem Benehmen' nachdrücklicher erhoben. Der ganze Problemkreis des Verhaltens gewinnt an Wichtigkeit (S. 102).

Die alten sozialen Verbände sind, wenn nicht zerbrochen, so doch in hohem Maße aufgelockert, und in Umbildung begriffen. Die gesellschaftliche Zirkulation, Auf- und Abstieg vollziehen sich rascher.

Langsam im Laufe des 16. Jhs. beginnt sich eine festere Gesellschaftshierarchie herzustellen und, aus Elementen verschiedener sozialer Herkunft, eine neue Oberschicht, eine neue Aristokratie heraus zu bilden.

Der veränderte Aufbau der neuen Oberschicht setzt den Einzelnen einem Druck und einer Kontrolle der anderen aus. In diese Situation hinein ist die Schrift des Erasmus geschrieben.

Die Menschen, gezwungen in einer neuen Form miteinander zu leben, werden empfindlich für die Regungen anderer. Allmählich wird der Code des Verhaltens strenger und die Rücksichtnahme größer.

Das Wachstum der Empfindlichkeit, die Intensivierung der Menschenbeobachtung und das stärkere Verständnis für das, was in dem anderen selbst vor sich geht, sind unverkennbar (S. 104).

"Sieh anderen ihre Verstöße leicht nach. Das ist eine Haupttugend der civilitas (der Höflichkeit)". Erasmus identifiziert sich nur wenig mit der höfischen Oberschicht und bewahrt eine innere Distanz.

Die Wichtigkeit, die man nun dem 'guten Benehmen' beizumessen beginnt zeigt vor allem auch, wie der Druck, den die Menschen in dieser Richtung aufeinander ausüben sich verstärkt.

Die gesellschaftliche Kontrolle wird bindender. Vor allem ändert sich langsam die Art und der Mechanismus der Affektmodellierung durch die Gesellschaft. Im Laufe des Mittelalters hat sich offenbar der Standard der Sitten und Unsitten bei allen regionalen und sozialen Verschiedenheiten nicht entscheidend gewandelt.

Jetzt mit dem Umbau der Gesellschaft, mit einer neuen Anlage der menschlichen Beziehungen, tritt hier langsam eine Änderung ein: Der Zwang zur Selbstkontrolle wächst. Damit gerät der Standard des Verhaltens in Bewegung (S. 106).

Das 16. Jh. steht noch ganz im Übergang. Bei Erasmus noch ganz die alte Unbefangenheit im Besprechen der körperlichen Verrichtungen, die für den mittelalterlichen Menschen charakteristisch war, aber bereichert durch Beobachtungen, durch die Rücksicht auf das, was andere denken könnten.

Die Menschen dieser Zeit haben ein Doppelgesicht. Bei der Betrachtung fehlt das sichere Maß.
------------------------------
Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
------------------------------
Elias kommentiert seine Vorgangsweise: Man muss Bild an Bild reihen, um von einer bestimmten Seite her den Prozess, die allmähliche Verwandlung der Verhaltensweisen und der Affektlage, das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle im Zusammenhang zu übersehen. Also in einer Art Zeitraffer das Ganze überblicken.

Das empirische Material von Elias sind die Manierenbücher und anhand deren werden die Verhaltensweisen geprüft. Die Verhaltensweisen, die jeweils eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern erwartete, und auf die sie den Einzelnen zu konditionieren suchte. Verhaltensweisen werfen etwas Licht auf Vorgänge im Prozess der Gesellschaft. Sie zeigen Standards von Gebräuchen an die die Gesellschaft den Einzelnen zu gewöhnen suchte.

Die Manierenschriften und -sprüche sind Instrumente der Konditionierung (Fassonierung), der Einpassung des Einzelnen an jene Verhaltensweisen, die der Aufbau und die Situation seiner Gesellschaft erforderlich machte (S. 109).

misterlinker

backlinksite

stats

BlogCatalog News

twittercounter

TwitterCounter for @transitenator

twitter updates

BC Neighbors

Blogger:

Mein Bild
Bad Goisern @ HallstaetterSee, Upper Austria, Austria
Austrian Blogger Stumbler Digger Social Networker Promoter etc-
Powered By Blogger

  © Blogger template Brooklyn by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP