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20070428

Ritter, Mittelalter, Herrenbewusstsein, zt-40

Die Frage, warum sich Verhalten und Affektlage der Menschen ändern, ist im Grunde die gleiche, wie die, weshalb sich die Lebensformen der Menschen ändern.

Die Ritterfunktion, diese Lebensform, war von einer bestimmten Zeit ab im Gefüge der Gesellschaft nicht mehr vorhanden. Andere Funktionen wie die des Zunfthandwerkers oder des Priesters, die in der mittelalterlichen Phase eine Rolle spielte, verloren an Bedeutung im Gesamtgefüge der gesellschaftlichen Beziehungen.

Warum verändern sich die Funktionen, die Lebensformen, in die sich der Einzelne, wie in mehr oder weniger fest modellierte Gehäuse, ein passen muss, im Lauf der Geschichte?`
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Wie lebten die Ritter? Welcher Lebensraum öffnete sich dem adlig Geborenen? Elias schildert nun Bilder aus dieser Zeit. Es ist vor allem die Art der Darstellung die Unterschiede der Gefühlslagen unterstreicht.

Wenig ist hinter die Kulissen verlegt. Das Peinlichkeitsempfinden der mittelalterlichen Oberschicht verlangt noch nicht, dass alles Vulgäre hinter die Kulissen des Lebens und damit auch der Bilder verdrängt wird.

Es befriedigt die Affekte der oberen sich von den anderen unterschieden zu wissen. Der Anblick des Kontrastes erhöht die Lust am Leben.

Es ist nicht peinlich, dass die Edlen Muße haben und andere für sie arbeiten.

Es fehlt die Identifizierung von Mensch zu Mensch.

Ein 'alle Menschen sind gleich' gibt es noch nicht am Horizont dieses Lebens.

Herrenbewusstsein und selbstsichere Verachtung der anderen. Die oberste Schicht ist eine Kriegerschicht. Erst später wird die Oberschicht auch von den anderen Schichten abhängig.

Die Bilder aus dem Mittelalter die Elias betrachtet sind noch nicht 'sentimentalisch', weil aus ihnen noch nicht jene starke Gebundenheit der Affekte spricht, die von nun an während einer langen Phase in der künstlerischen Darstellung für Oberschichten immer ausschließlicher deren Wunschbilder zutage treten ließ, und die zur Unterdrückung alles dessen zwang, was dem vorrückenden Peinlichkeitsstandard widersprach (S. 293).

Im Mittelalter ist die Welt um den Ritter zentriert. Die erotische Beziehung zwischen Mann und Frau ist sehr viel unverdeckter als in der späteren Phase. Die Nacktheit ist noch nicht mit Schamgefühlen belegt.

Aber die Menschen sind keineswegs in irgendeinem absoluten Sinn ungebunden und gesellschaftlich unmodelliert. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Nullpunkt.

Schon im 15. Jahrhundert bildet sich aus aufsteigenden Elementen eine neue Aristokratie mit einem neuen Lebensraum, neuen Funktionen und mit einer anderen Affektmodellierung.
Ein neuer Zwang, eine neue, eingehendere Regulierung und Modellierung des Verhaltens, wie sie das alte ritterliche Leben weder nötig, noch möglich machte, wird jetzt von dem Edelmann verlangt.

Das sind Konsequenzen der neuen stärkeren Abhängigkeit, in die der Edelmann jetzt geraten ist. Er ist nicht mehr der relativ freie Mann, der Herr in seiner Burg ist, und dessen Burg seine Heimat ist. Er lebt jetzt am Hof und dient dem Fürsten.

Am Hof lebt er mit vielen anderen zusammen. Er muss lernen, seine Gesten dem verschiedenen Rang und Ansehen der Person am Hofe entsprechend genau zu dosieren, seine Sprache genau ab zumessen und selbst seinen Blick genau zu kontrollieren.

Es ist eine neue Selbstdisziplin, ein unvergleichlich viel stärkeres An-sich-halten, die dem Menschen durch diesen neuen Lebensraum und die neue Integrationsform aufgezwungen werden (S. 300).

Was als 'courtoisie' ausgedrückt wurde, findet nun als 'civilité' ihren Ausdruck. In Frankreich wird Heinrich IV. zum Vollstrecker dieser Wandlung.

20070427

Kampf, Konflikt, Angst, Lust, Zivilisation zt-39

Wandlungen der Angriffslust.- Das Affektgefüge des Menschen ist ein Ganzes auch wenn wir einzelne Triebäußerungen unterscheiden. Diese ergänzen und ersetzen sich, bilden eine Art von Stromkreis im Menschen.

Triebäußerungen sind voneinander wenig trennbar und bilden eine Teilganzheit innerhalb der Ganzheit des Organismus und sind gesellschaftlich geprägt.

Es wird zwar gerne von einzelnen 'Trieben' gesprochen aber die Denkformen die nicht die Zugehörigkeit und die Einheit und Ganzheit des Triebhaushalts sehen bleiben dieser Ganzheit gegenüber ohnmächtig. Jede besondere Triebrichtung gehört zu dieser Ganzheit.

Wenn im folgenden von einem 'Angriffstrieb' gesprochen wird, so nur als eine Triebfunktion im Ganzen eines Organismus, und Wandlungen dieser Funktion zeigen Wandlungen der gesamten Modellierung an.

Der Standard der Kampfeslust ist gegenwärtig durch eine Unzahl von Regeln und Verboten, die zu Selbstzwängen geworden sind, eingeengt und gebändigt. Auch hier die gleiche geschichtliche Verwandlung.

Die Entladung der Affekte im Kampf war vielleicht im Mittelalter nicht mehr ganz so ungedämpft wie in der Frühzeit der Völkerwanderung (S. 265).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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In der mittelalterlichen Gesellschaft gehören Raub, Kampf, Jagd zu den Lebensnotwendigkeiten und treten offen zutage.
Für die Mächtigen und Starken gehört es zu den Freuden des Lebens. Gefangene werden verstümmelt, Brunnen verschüttet, Bäume abgehauen, Felder verwüstet. Das Geld hatte in der Ritterzeit eine dämpfende Wirkung. Ritter wurden ausgelöst, die Armen verstümmelt.

Es gab keine strafende, gesellschaftliche Gewalt. Die einzige Bedrohung war die von einem Stärkeren überwältigt zu werden.

Im 13. Jahrhundert gehört Rauben, Plündern, Morden zum Standard der Kriegergesellschaft. Die Grausamkeitsentladung schloss nicht vom gesellschaftlichen Verkehr aus. Sie war nicht gesellschaftlich verfemt.

Die Freude am Quälen und Töten anderer war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude. Manfrau verhielt sich gesellschaftlich zweckmäßig und fand seine Lust dabei. (Unverstümmelte Gefangene bedeuten eine Bedrohung). Die Zukunft war fast immer ungewiss. Der Augenblick galt dreifach.

Das Gros der weltlichen Oberschicht des Mittelalters führte das Leben von Bandenführern. Der Krieger des Mittelalters liebte den Kampf nicht nur, er lebte darin, sein Leben hatte keine andere Funktion.

Im 15. Jahrhundert gibt der Ritter noch seiner Freude am Kampf Ausdruck, also Kriegslust die die Furcht besiegt, und Freude an der Verbundenheit mit dem Freund.
Beim Bauern war der Spielraum der Angriffslust beschränkt auf seinesgleichen.
Der Ritter war außerhalb seiner Schicht weniger beschränkt als innerhalb (ritterlicher Code).

Für die geistliche Oberschicht des Mittelalters ist das Leben in seiner Gestaltung durch den Gedanken an den Tod und an das was nachher kam, an das Jenseits bestimmt.

In der weltlichen Oberschicht ist das keineswegs mit solcher Ausschließlichkeit der Fall (S. 271).
"Kein courtoiser Mann soll die Freude schelten, er soll Freude lieben" (13. Jahrhundert).
Das sind deutliche Abhebungen des ritterlichen Menschen gegen den Kleriker.

Den Tod nicht zu fürchten, war eine Lebensnotwendigkeit für den Ritter.

Auch das Leben der Bürger in den Städten war, von Fehden durchsetzt, auch hier Angriffslust, Hass und Freude an der Qual anderer, ungebändigter als in der folgenden Phase.

Es war nicht allein die Waffe des Geldes, die den Bürger hoch trug.

Raub, Kampf, Plünderung, Familienfehde, das alles spielte im Leben der Stadtbevölkerung kaum eine geringere Rolle als im Leben der Kriegerkaste.

Wettstreite gegenseitiger Beschuldigungen, wilde Schlachten bei Rittern und Kaufleuten und Handwerkern. Familienfehden. Auch die Bürger, die kleinen Leute, Mützenmacher, Schneider, Hirten, sie alle hatten schnell das Messer in der Hand.

Ausbrüche von Freude und Lustigkeit, aber auch plötzliches Aufflackern von Hass und Angriffslust.

Das sind Symptome des emotionalen Lebens. Die Triebe, die Emotionen spielten ungebundener, unvermittelter, unverhüllter als später.

Die Religion wirkt für sich allein niemals zivilisierend oder Affekt dämpfend. -o- (Anmerkung: Ein überaus interessantes Thema: Religion <---> Zivilisation. Nachdem ich hier auf diesem Blog eine gewisse Basis eingerichtet habe, wird hier etwas mehr Lebendigkeit einkehren. Während des Schreibens für diverse Blogs habe ich auch einen Haufen Daten gesammelt die ich bis zum Herbst bzw. hoffentlich Winteranfang 2007 ausgewertet habe. Und dann gibt's sozusagen neuen Wein! Hoit nur a kloans Glaserl oba wems schmeckt...).-o-

Umgekehrt: Die Religion ist jeweils genau so zivilisiert, wie die Gesellschaft oder wie die Schicht die sie trägt (S. 277).

Das Leben in dieser Zeit, war von einer anderen Affektgeladenheit als unsere. Wer in dieser Gesellschaft nicht aus voller Kraft liebte oder hasste, der mochte ins Kloster gehen, im weltlichen Leben war er ebenso verloren, wie derjenige der in späterer Zeit seine Leidenschaften nicht zu zügeln vermochte.

Hier wie dort ist es der Aufbau der Gesellschaft, der einen bestimmten Standard der Affektbewältigung verlangt und züchtet.
Damals war das Land in Provinzen zerfallen und die Einwohner jeder Provinz bildeten gewissermaßen eine kleine Nation für sich, die alle anderen verabscheute. Es gab eine beständige Rivalität.

Der Zusammenhang von Gesellschaftsaufbau und Affektaufbau: Es gibt hier keine Zentralgewalt, die mächtig genug ist, um Menschen zur Zurückhaltung zu zwingen.
Wenn eine Zentralgewalt wächst, dann ändert sich auch allmählich die Affektmodellierung und der Standard des Triebhaushalts.
Dann schreitet die Rücksicht der Menschen aufeinander im normalen gesellschaftlichen Leben fort. Und die Affektentladung wird auf bestimmte zeitliche und räumliche Enklaven beschränkt.

Heute bedarf es einer gewaltigen sozialen Unruhe und Not, es bedarf vor allem einer bewusst gelenkten Propaganda, um die aus dem zivilisierten Alltag zurückgedrängten, die gesellschaftlich verfemten Triebäußerungen wieder aus ihrer Verdeckung zu wecken und zu legitimieren (S. 279).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Diese Affekte haben in verfeinerter Form ihren legitimen Platz in der zivilisierten Gesellschaft.
Die Kampf- und Angriffslust findet z.B. einen gesellschaftlich erlaubten Ausdruck im sportlichen Wettkampf.

Und sie äußert sich vor allem im 'Zusehen', etwa im Zusehen von Sportkämpfen, in der tagtraumartigen Identifizierung zur Entladung solcher Affekte. -o- (Anmerkung: 2007: Wirkung von Konsum, Angebot und Nachfrage, Fernsehen, Radio, Musik, MP3 Player, Bands, etc. Weiters heute auch Reizüberflutung in den wohlhabenden Regionen der Erde, Diskrepanz Reichtum-Armut, imperialistische Macht-Interessen, Neo-Kolonialismus, ja es wird viel auf der Affekt-Klaviatur gespielt).-o-
Und dieses Ausleben von Affekten im Zusehen, oder selbst im bloßen Hören ist ein besonders charakteristischer Zug der zivilisierten Gesellschaft.

Was ursprünglich als aggressive Lustäußerung auftritt wird verwandelt in die passivere, gesittetere Lust am Zusehen, eine bloße Augenlust, 'wird bloß mit dem Auge berührt'(S. 280).
Das Auge wird zum Vermittler von Lust, weil die unmittelbareren Befriedigungen des Lustvorganges in der zivilisierten Gesellschaft durch eine Unzahl von Verboten und Schranken eingeengt sind.
Die unmittelbaren Triebäußerungen (Aktionen) werden ins Zusehen verlegt. Aber auch der Boxkampf ist eine gemäßigte Form verwandelter Angriffs- und Grausamkeitsneigungen.

Der Affekthaushalt verwandelte sich in der Geschichte. Vieles von dem, was ehemals Lust erregte, erregt heute Unlust.
Hier wie dort, sind die Vergnügungen, die die Gesellschaft sich verschafft, Inkarnationen eines gesellschaftlichen Affektstandards, in dessen Rahmen sich alle individuellen Affektmodellierungen halten.
Wer aus dem Rahmen tritt gilt als anormal.

Auch hier der psychische Mechanismus, auf Grund dessen sich die geschichtliche Transformation des Affektlebens vollzieht: Gesellschaftlich unerwünschte Trieb- und Lustäußerungen werden mit Maßnahmen bedroht und bestraft, die Unlust erzeugen oder dominant werden lassen.

Und so kämpft die gesellschaftlich erweckte Unlust und Angst mit einer verdeckten Lust.

Frage: Welche Veränderung des gesellschaftlichen Aufbaus löste eigentlich diese psychischen Mechanismen aus. Welche Veränderung der Fremdzwänge setzte diese Zivilisation der Affektäußerungen und des Verhaltens in Gange? (S. 283).

20070426

Verhalten im Mittelalter, Schlafen, zt-36

Das Schlafzimmer ist zu einem der 'privatesten' und 'intimsten' Bezirke des menschlichen Lebens geworden. Wie die meisten körperlichen Verrichtungen hat sich auch das 'Schlafen' hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Verkehrs verlagert.

Die Kleinfamilie ist als legitime Enklave übrig geblieben. Ihre sichtbaren und unsichtbaren Mauern entziehen das 'Privateste', 'Intimste', 'Tierische' im Dasein des einen Menschen den Blicken der anderen.

Im Mittelalter war es gewöhnlich, dass viele (einander fremde) Menschen in einem Raum übernachteten. Einander fremde Menschen schlafen in einem Bett. Das gilt als selbstverständlich und ist in keiner Weise anstößig. Völlig ausgezogen oder völlig angezogen.

Eventuell Verdacht wenn jemand angezogen war, dass er einen Schaden hatte. Generell größere Unbefangenheit gegenüber dem Zeigen des nackten Körpers. Manfrau sich zu Hause auszog, bevor manfrau ins Badehaus ging. Geringere Distanzierung der Individuen.

Der Anblick völliger Nacktheit war die alltägliche Regel bis ins 16. Jh. Die Menschen waren 'kindlicher'. Das zeigen die Schlaf- und Badesitten.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Diese Unbefangenheit verschwindet langsam im 16. 17. u. 18. Jh. Der Ton verschärft sich. Es wird sogar peinlich Begründungen auszusprechen. Manfrau lässt das Kind nur durch das Bedrohliche des Tons fühlen, dass mit dieser Situation Gefahren verbunden sind. Der Erwachsene erklärt seine Verhaltensforderung nicht. Jede Durchbrechung der Verbote bedeutet eine Gefahr und eine Entwertung der Zurückhaltung.

Der emotionale Unterton verbindet sich mit einer moralischen Forderung, eine bedrohliche Strenge sind Reflexe der Gefahr, in die die Durchbrechung der Verbote bringt. Sie sind Symptome der Angst, die ihre eigene soziale Existenz, wie die Ordnung ihres gesellschaftlichen Lebens bedroht sehen. Eine spezielle Nachtbekleidung kam in der gleichen Zeit langsam in Gebrauch wie Gabel, oder Schnupftuch; wie die anderen 'Zivilisationsgeräte' ein Symbol der entscheidenden Wandlung.

Das Schamgefühl haftete sich an Verhaltensweisen, die bisher nicht mit solchen Gefühlen belegt waren. Die Schamgrenze rückt vor. Die Unbefangenheit schwindet. Auch die mit der manfrau Bedürfnisse vor anderer Augen verrichtet.

Mit dieser geringeren Selbstverständlichkeit, gewinnt der nackte Körper in der Kunst als Traumbild und Wunscherfüllung an Bedeutung. Er wird 'sentimentalisch' (Schiller) im Unterschied zu der vorher naiven Formung (in der Kunst).

Das Nachthemd ist repräsentativ ausgestaltet. Der Übergang vom Nachthemd zum Schlafanzug entspricht dem Schamstandard, aber Schlafen ist auch nicht mehr so wie vorher intimisiert. Das Nachthemd des 19. Jhs. musste alle Körperformen ganz verdecken. Das Intime und Private war dem gesellschaftlichen Leben besonders abgewandt und wenig durchformt. Diese Undurchgeformtheit des Intimen ist für die Gesellschaft des 19. Jhs. charakteristisch.

Ähnlich, wie in der Gestaltung des Essens, wächst kontinuierlich die Wand, die sich zwischen Mensch und Mensch erhebt, die Scheu, die Affektmauer, die durch die Konditionierung zwischen Körper und Körper errichtet wird.

Mit jemandem Fremden das Bett zu teilen ist nun peinlich. Tiefgreifende Veränderungen der zwischenmenschlichen Beziehungen und Verhaltens-weisen kommen in unserer Lebensanordnung zum Ausdruck. Es versteht sich also nicht von selbst, dass Bett und Körper psychische Gefahrenzonen so hohen Grades bilden, wie in der letzten Phase der Zivilisation (S. 230).

20070425

Verhalten im Mittelalter, Spucken, zt-35

Das Spucken bildet ein besonders anschauliches Exempel dafür, wie sich die Zivilisation des Verhaltens produzierte. Im Mittelalter war es nicht nur ein Brauch, sondern offenbar ein allgemeines Bedürfnis, häufig zu spucken. Auch in der ritterlich-höfischen Oberschicht selbstverständlich.

Im 16. Jahrhundert wird der Druck stärker. Erasmus, der eine Übergangszeit markiert, erwähnt die Verwendung eines Tuchs, aber nicht als Notwendigkeit. Spucken wird allmählich peinlicher.

1774 ist der ganze Gebrauch schon erheblich peinlicher. Im 19. Jahrhundert der Spucknapf als technisches Gerät. Dann wird dieses Gerät entbehrlich und das Bedürfnis zu spucken scheint völlig verschwunden zu sein (S. 214).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator. Ab Mai 2007: Erasmus von Rotterdam und sein Lob der Narrheit ('Torheit') auf dem Blog: Ergasmus.
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Das Spuckverbot unterscheidet von anderen Verboten, dass sich hier die Fremdzwänge mehr oder weniger vollkommen in Selbstzwänge verwandelt haben.

Unter dem Druck des 'Über-Ich' schwindet diese Gewohnheit aus dem Bewusstsein. Zurück bleibt im Bewusstsein als Motivation der Furcht irgendeine Überlegung auf längere Sicht, vielleicht ein Bild bestimmter Krankheiten, eine rationale Einsicht.

Aber diese rationale Einsicht war nicht die primäre Ursache der Furcht- und Peinlichkeitsgefühle, nicht der Motor der Zivilisation oder der Antrieb zur Veränderung des Verhaltens (S. 215). Die rationale Einsicht kommt dem Menschen erst in einer späten Phase (19. Jahrhundert), gewissermaßen erst nachträglich.

Jemand, der beim Essen schmatzt weckt gegenwärtig (in den USA und Europa etc.) peinliche Empfindungen.

Die Peinlichkeits- und Ekelgefühle verstärken sich mit den Tabus, bevor manfrau eine Vorstellung von Krankheitskeimen hat.

Was zunächst die Peinlichkeitsgefühle und die Restriktionen auslöst und wachsen macht, ist eine Umformung der menschlichen Beziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse. Die Motivierung aus gesellschaftlicher Rücksicht ist lange da vor der Motivierung durch naturwissenschaftliche Einsichten.

Der König verlangt diese Zurückhaltung als Respekt von den Höflingen. Hier, wie in den anderen Zivilisationskurven, verbindet sich die Mahnung: 'So etwas tut manfrau nicht', mit der manfrau Zurückhaltung, Angst, Scham und Peinlichkeit züchtet, erst sehr spät mit einer wissenschaftlichen Theorie, mit einem Begründungszusammenhang, der für alle Menschen gilt.

Aber: Der primäre Antrieb kommt nicht aus der rationalen Einsicht in die Entstehung von Krankheiten, sondern aus den Veränderungen in der Art wie die Menschen miteinander leben, aus den Veränderungen im Aufbau der Gesellschaft.

Spucken ist ein gutes Beispiel für die Formbarkeit des Seelenhaushaltes.

Es erhebt sich die Frage, nach den Grenzen der Transformierbarkeit des Seelenhaushaltes. Ohne Zweifel hat diese Formbarkeit eine bestimmte natürliche Eigengesetzlichkeit. In ihrem Rahmen formt der geschichtliche Prozess, sie gibt Spielraum und setzt Grenzen. Die Bildung von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen, das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle, ist beides, natürlich und geschichtlich zugleich.

Jedenfalls ist der Seelenhaushalt der 'Primitiven' nicht weniger als der der 'Zivilisierten' geschichtlich, nämlich gesellschaftlich geprägt.

Es gibt keinen Nullpunkt der Geschichtlichkeit in der Entwicklung der Menschen, wie es auch keinen Nullpunkt der Soziebilität, der gesellschaftlichen Verbundenheit von Menschen gibt (S. 218).

20070424

Verhalten im Mittelalter, Schneuzen, Konditionierung, zt-34

In der mittelalterlichen Gesellschaft schneuzte manfrau sich mit den Händen. Die Höflichkeit der Courtoisie: Mit der Linken schneuzen, mit der Rechten das Fleisch nehmen. Keine peinlichen Empfindungen im Mittelalter wenn manfrau sich die Finger beschmutzt.

Es waren besondere gesellschaftliche und seelische Voraussetzungen nötig, um das Bedürfnis nach einem so simplen Instrument wie dem Taschentuch den Gebrauch allgemein möglich zu machen. Der Gebrauch des Taschentuchs breitet sich zuerst in Italien im Zusammenhang mit seinem Prestigewert aus.

Damen hängen es an den Gürtel, Snobs tragen es im Mund. Es ist kostbar und gilt als Zeichen von Reichtum. Erst Ludwig XIV. hat reichlich Taschentücher.

Zur Zeit des Erasmus ist das Taschentuch zwar bekannt aber manfrau schneuzt sich noch links und rechts und vielleicht etwas vom Tisch abgewandt.

Zwei Jahrhunderte später ist der Gebrauch des Taschentuchs allgemein geworden, aber der Gebrauch der Hände ist keinesfalls verschwunden so kann manfrau es es auch noch heute im Jahre 2007 in europäischen Gegenden sehen. Aber es ist zur Unsitte geworden, ordinär und vulgär.

Bis zu dieser Zeit (La Salle) werden Gewohnheiten fast immer ausdrücklich in ihrer Beziehung zu anderen Menschen beurteilt.

Gewohnheiten werden untersagt, weil sie anderen lästig und peinlich sein können, oder weil sie einen Mangel an Respekt verraten (S. 204).

Jetzt werden die gesellschaftlich unerwünschten Triebäußerungen radikaler verdrängt. Sie werden für den Menschen mit Peinlichkeit, Angst, Scham- oder Schuldgefühlen belegt, auch für den Fall, dass er allein ist.

Vieles von dem, was wir 'Moral' oder 'moralische Gründe' nennen, hat als Konditionierungsmittel der Kinder bei einem bestimmten gesellschaftlichen Standard die gleiche Funktion wie zum Beispiel die 'Hygiene' und die 'hygienischen' Gründe (S. 204).

Die Modellierung durch solche Mittel ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erwünschte Verhalten zu einem Automatismus, einem Selbstzwang zu machen und es im Bewusstsein des Einzelnen als von ihm selbst aus eigenem Antrieb, nämlich um seiner eigenen Gesundheit oder seiner eigenen menschlichen Würde willen, so gewolltes Verhalten in Erscheinung treten zu lassen.

Und erst mit dieser Art, Gewohnheiten zu verfestigen, erst mit dieser Konditionierungsart, die mit den mittelständisch-bürgerlichen Schichten zugleich vorherrschend wird, erhalten die Konflikte zwischen den gesellschaftlich unauslebbaren Triebkräften und Triebrichtungen auf der einen und dem im Einzelnen verankerten Schema der gesellschaftlichen Forderungen auf der anderen Seite dermaßen jene Gestalt die von den Seelentheorien in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt werden.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator. Ab Mai 2007: Erasmus von Rotterdam und sein Lob der Narrheit ('Torheit') auf dem Blog: Ergasmus.
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Das was wir heute (40er Jahre des 20. Jahrhunderts) als Neurosen um uns beobachten, ist eine bestimmte, historisch gewordenen Gestalt des psychischen Konflikts, die der psychogenetischen und soziogenetischen Aufhellung bedarf (S. 204).

Die gesellschaftliche Abhängigkeit und ihr Aufbau sind für Aufbau und Schema der Affektrestriktionen von entscheidender Bedeutung.

Mit der wachsenden Abhängigkeit in der Oberschicht verstärken sich auch die Verbote (Einschränkungen, Restriktionen).

Die Tatsache der abhängigen Oberschicht erklärt zugleich das Doppelgesicht, das die Verhaltensweisen und die Zivilisations-instrumente haben: Es sind Instrumente und Verhaltensweisen, die einen gewissen Zwang ausdrücken und Versagung erfordern, aber sie erhalten sofort immer auch den Sinn einer sozialen Waffe gegen die jeweils Niedrigerstehenden, den Sinn eines Distinktionsmittels.

Taschentuch, Teller, Gabel und alle ihre Verwandten sind zunächst Luxusgegenstände mit Prestigewert.

Im 19. u. 20. Jh. handelt es sich um gesellschaftlich in besonders hohem Maße gebundene Oberschichten (S. 207).

Am Arbeitsplatz sind Triebregelung und -zurückhaltung zur 'Arbeit' notwendig. Das gilt für das gesamte Schema der Triebmodellierung in der bürgerlich-industriellen Gesellschaft.

Es sind Zwänge der gesellschaftlichen Verflechtung, der Arbeitsteilung, des Marktes und der Konkurrenz, die zur Zurückhaltung und Regelung der Affekte und der Triebe zwingen. Sie sind es, denen die oben erwähnte Begründungs- und Konditionierungsart entspricht.

Die Modellierung ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erforderliche (geforderte) Verhalten als vom einzelnen Menschen (dem Individuum) selbst (also aus des Individuums eigenem inneren Antrieb gewolltes Verhalten) in Erscheinung treten zu lassen. :-) :-) :-) ...so to speak...

20070423

Fleisch Esser, Tier-Leichen hinter die Kulisse, Hamburger, Seelen-Aufbau zt-32

Was immer wir auch an menschlichen Erscheinungen, losgelöst vom gesellschaftlichen Leben der Menschen betrachten, es ist Substanzialisierung der menschlichen Beziehungen und des menschlichen Verhaltens, es ist Gesellschafts- und Seeleninkarnat.

Das gilt von der Sprache, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik für hochrangige Erscheinungen unseres Lebens etc.

Scheinbar unbeträchtliche Erscheinungen geben über Aufbau und Entwicklung der 'Seelen' und ihrer Beziehungen oft klare und einfache Aufschlüsse. Zum Beispiel das Verhältnis der Menschen zur Fleischnahrung.

Im Mittelalter gibt es drei verschiedene Verhaltensweisen zur Fleischkost. Extreme Uneinheitlichkeiten des Verhaltens sind charakteristisch für diese Zeit.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Bestimmte Verhaltensweisen in einer Schicht oft über das ganze Abendland hin, während andere Verhaltensweisen in anderer Schicht. Daher sind die Unterschiede im Verhalten zwischen verschiedenen Ständen der gleichen Region oft größer, als die zwischen regional getrennten Vertretern der gleichen Schicht. Abgeschlossenheit der Stände (S. 158).

Das Verhältnis zur Fleischnahrung zwischen den Polen des außerordentlichen Verbrauchs in der Oberschicht und des Verzichts z.B in Klöstern oder der Unterschicht. Vieh ist wertvoll und für die Herrentafel bestimmt. Arme Ritter mit ähnlichem Standard wie Bauern. Gewürze spielen eine große, Gemüse eine verhältnismäßig geringe Rolle.

Genauer belegbar ist die Art, wie das Fleisch aufgetragen wird. Die ändert sich vom Mittelalter zur Neuzeit hin beträchtlich. Im Mittelalter kommt bei der Oberschicht das tote Tier als Ganzes auf den Tisch und das Tier wird auf der Tafel zerlegt.

Das Zerlegen und das Austeilen bei Tisch ist eine besondere Ehre. Allmählich hört im 17. Jahrhundert das Zerlegen des Tieres bei der Tafel auf. Faktoren dafür die allmähliche Verkleinerung des Haushaltes, die Aussonderung von Erzeugungs- und Verarbeitungsaufgaben (Weben, Spinnen, Schlachten..) aus dem Haushalt und deren Übergang an Spezialisten (Handwerker, Kaufleute, Fabrikanten). Der Haushalt wird im wesentlichen zu einer Verbrauchseinheit.

Dem Zuge des großen Gesellschaftsprozesses entspricht auch hierin der Zug des Seelischen. Heute ist der Anblick von ganzen toten Tieren in Fleischerläden in den U.S.A. und West-Europa peinlich.

Vorschübe der Peinlichkeitsschwelle. Schübe dieser Art führten in der Vergangenheit zu Standardveränderungen.

Die Richtung ist ganz klar. Von jenem Standard des Empfindens, bei dem der Anblick der erschlagenen Tiere auf der Tafel und sein Zerlegen unmittelbar als lustvoll, jedenfalls ganz und gar nicht als unangenehm empfunden wird, führt die Entwicklung zu einem anderen Standard, bei dem manfrau die Erinnerung daran, dass das Fleischgericht etwas mit einem getöteten Tier zu tun hat, möglichst vermeidet.

Bei unseren Fleischgerichten wird durch die Kunst der Zubereitung die tierische Form verdeckt. (Chicken Mc Nuggets).

Es wird noch gezeigt werden, wie die Menschen im Laufe der Zivilisationsbewegung alles das zurück zu drängen suchen, was sie an sich selbst als 'tierische Charaktere' empfinden (S. 162).

Das stärkere Verlegen des Peinlichen aus der Sicht der Gesellschaft gilt auch für das Zerlegen des ganzen Tieres. Dieses Zerlegen gehörte im Mittelalter zum gesellschaftlichen Leben der Oberschicht.

Dann wird der Anblick mehr und mehr als peinlich empfunden. Das Peinliche wird hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verlegt.

Charakteristisch diese Figur des Aussondern, dieses 'Hinter die Kulisse Verlegen' des peinlich Gewordenen für den ganzen Vorgang dessen, was wir 'Zivilisation' nennen.

Die Kurve: Zerlegen großer Tiere an der Tafel, Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle gegenüber dem Anblick toter Tiere, Verlagerung des Zerlegens hinter die Kulissen in spezialisierte Enklaven ist typisch für okzidentelle Zivilisation. (In China geschah das schon viel früher).

20070421

Gutes Benehmen im Mittelalter zt-22

Der mittelalterliche Standard war ganz gewiss kein 'Anfang' oder eine 'unterste Stufe' des Prozesses der 'Zivilisation'. Es war ein anderer Standard als unserer. Und uns interessiert der kleine Weg vom Standard des Mittelalters zum Standard der frühen Neuzeit und zu verstehen, was da eigentlich mit dem Menschen vorging.

Der Standard des guten Benehmens im Mittelalter ist durch den Begriff 'courteoisie' repräsentiert. Dieser Inbegriff des Selbstbewusstseins hieß im englischen courtesy, im italienischen cortezia, im deutschen hövescheit, hübescheit, zuht.

Alle diese Begriffe weisen auf einen bestimmten sozialen Ort hin. Sie sagen: Das ist die Art, wie manfrau sich an den Höfen benimmt. Durch sie bezeichnen zunächst bestimmte Spitzengruppen der weltlichen Oberschicht, nicht etwa der Ritterschaft als Ganzes, sondern in erster Linie die ritterlich-höfischen Kreise um die großen Feudalherren, das, was sie für ihr Gefühl unterscheidet.

Wie sieht dieser Standard aus? Was zeigt sich als typisches Verhalten, als durchgehender Charakter der Vorschriften? Eine Einfalt, eine Naivität. Affekte spielen jäher und unmittelbarer. Wenige psychologische Nuancierungen. Wenig Komplizierungen im Gedankengut. Es gibt Freund-Feind, Lust-Unlust, gute-böse Menschen (S. 79). Triebe und Neigungen sind weniger verhalten als später. Hübsche Leute sind die edlen, die höfischen Leute. Das edle, das 'hoveliche' Benehmen wird immer wieder den 'geburischen siten', dem Verhalten der Bauern gegenübergestellt.

Elementare Vorschriften werden hier zu Erwachsenen gesagt. Merkverse über Sitten und Unsitten sind Zeugnisse für einen bestimmten Standard der Beziehungen von Mensch und Mensch, um Zeugnisse für den Aufbau der mittelalterlichen Gesellschaft und der mittelalterlichen Seelen. Die Verwandtschaft, die zwischen ihnen besteht, ist eine soziogenetische und psychogenetische Verwandtschaft; in den verschieden sprachigen Verhaltensvorschriften. Die Unterschiede treten an Bedeutung gegenüber den Gemeinsamkeiten zurück.

Auch die Bilder von Tafelnden sind Zeugnisse. Wenig Tafelgeschirr. Man bedient sich aus den gemeinsamen Schüsseln. Der Standard der Esstechnik während des Mittelalters entspricht einem ganz bestimmten Standard der menschlichen Beziehungen und der Affektgestaltung (S. 85).

Es ist nicht Armut an Geräten, der diesen Standard aufrecht erhält, sondern manfrau hat ganz einfach nicht das Bedürfnis nach etwas anderem. So zu essen ist selbstverständlich. Es entspricht diesen Menschen. (Ohne Gabel, gemeinsamen Schüsseln, Gläser, Löffel, Messer, Quadra). Am Ausgang des Mittelalters taucht die Gabel als Instrument zum herüber nehmen der Speisen aus der gemeinsamen Schüssel auf.

Die Verhaltensformen beim Essen sind nichts Isolierbares. Sie sind ein charakteristischer Ausschnitt aus dem Ganzen der gesellschaftlich gezüchteten Verhaltensformen. Ihr Standard entspricht einer ganz bestimmten Gesellschaftsstruktur. Welche Struktur ist das?

Das bleibt zu prüfen. Diese Verhaltensformen der mittelalterlichen Menschen waren nicht weniger fest mit ihren gesamten Lebensformen, mit dem Aufbau ihres Daseins verknüpft, als unsere Art des Verhaltens mit unserer Lebensweise und dem Aufbau unserer Gesellschaft (S. 87). Diese Gebräuche sind etwas, das dem Bedürfnis der Menschen entsprach, und das ihnen genau in dieser Form als sinnvoll und notwendig erschien.

Erasmus von Rotterdam und mittelalterliche Umgangsformen zt-21

Mittelalter und mittelalterliche Umgangsformen
In der Schrift des Erasmus von Rotterdam zeichnet sich eine bestimmte Art des gesellschaftlichen Verhaltens ab. War er der erste, der sich mit solchen Fragen beschäftigte? Keineswegs! Wo immer manfrau beginnt, ist Bewegung, ist etwas, das vorausging.

Für die rückblickende Untersuchung ist es nötig sich Grenzen zu setzen die den Phasen des tatsächlichen Prozesses entsprechen. Hier wird vom mittelalterlichen Standard ausgegangen, um die Bewegung, die Entwicklungskurve zu verfolgen, die von dort zu der neueren Zeit hinüber führt.

Das Mittelalter hat eine Fülle von Mitteilungen. Essen und Trinken standen noch in ganz anderem Maße im Mittelpunkt des geselligen Lebens als heute. Verhaltensvorschriften der Kleriker bzw. der Klerikergesellschaft dann Zeugnisse aus dem Umkreis der ritterlich-höfischen Gesellschaft.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Im Mittelalter spielte das Auswendig lernen (als Erziehungs- und Konditionierungsmittel) eine große Rolle, Bücher waren selten und teuer. Was da schriftlich auf uns gekommen ist, sind Fragmente einer großen mündlichen Tradition, Spiegelbilder dessen, was tatsächlich in dieser Gesellschaft Brauch war, und gerade deshalb bedeutsam, weil es das Typische einer Gesellschaft weiter trägt.

Es sind individuelle Fassungen der vielen Einlieferungsscheine, die durch diese Gesellschaft hindurchgingen. Es sind Zeugnisse eines bestimmten Verhaltens- und Affektstandards im Leben der Gesellschaft selbst. Die sie niederschrieben, waren nicht Gesetzgeber oder Schöpfer dieser Vorschriften sondern Sammler und Ordner gesellschaftsüblicher Gebote und Tabus.

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