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20070531

Konkurrenzdruck Monopol Staaten Bildung zt-49

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Die erste Station des aufsteigenden Königshauses sind Konkurrenzkämpfe und Monopolbildung im Rahmen eines Territoriums.

(Frage:) Es bleibt zu zeigen, welche gesellschaftlichen Prozesse die Ausbildung eines stabilen Herrschaftsapparates und damit zugleich die Bändigung des Einzelnen möglich machen (S. 119).

Bleibt also die Aufgabe die Grundzüge jenes Triebwerkes von Prozessen aufzuzeigen, kraft deren einem der großen Feudal- oder Territorialherrn, dem König, ein Übergewicht über die anderen gegeben wurde und die Chance, eine stabilere Herrschaftsapparatur über ein Gebiet, das viele Territorien umfasst, einen 'Staat' zu lenken.

Das ist zugleich der Weg, der vom Verhaltensstandard der 'Courtoisie' zum Standard der 'Civilité' führt.

Die Königskrone bedeutet in verschiedenen Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung etwas sehr verschiedenes.

Am Beginn des 12. Jahruhunderts ist das ehemalige westfränkische Reich in eine Reihe verschiedener Herrschaftseinheiten zerfallen.
Zunächst ist der der Träger der Königskrone nichts anderes als ein großer Feudalherr. (Ludwig VI. 1108-1137 König). Er ist im wesentlichen Großgrundbesitzer.

Schwache ökonomische Entwicklung, geringe Entwicklung der Transportwege. Verbindungsprobleme.
Die Beziehungen der großen Feudalherren zu den Trägern der Krone sind auf ein Mindestmaß beschränkt.
Später wird dann der kapetingische Domänenbesitz so groß, und kraft der wirtschaftlichen und militärischen Chancen, so dass sie dem Konkurrenzbereich der anderen Krieger entwachsen und eine Art von Monopolstellung in diesem Territorium einnahmen.

In jedem Territorium gelingt es früher oder später durch die Akkumulation von Landbesitz eine Vormachtstellung, Hegemonie oder Monopolstellung zu gewinnen, zuungunsten der vielen kleinen und mittleren Ritterfamilien.

Das Hausgut und die Herrschaft im engeren Stammesgebiet bildet bei dem Aufbau dieser Gesellschaft das wichtigste, militärische und finanzielle Fundament, auch der Königsmacht.

Ludwig VI legt den Grund für die folgende Expansion seines Hauses. Er schafft ein potentielles Kristallisationszentrum für das größere Gebiet Frankreichs.
Keine prophetischen Visionen sondern er handelt unter den unmittelbaren Zwängen seiner aktuellen Situation (S. 128).

Der Mechanismus der Vormachtbildung ist immer der gleiche. Durch Akkumulation des Besitzes, wachsen einzelne Unternehmungen aus dem Konkurrenzbereich heraus und kämpfen miteinander bis nur mehr eines oder zwei einen bestimmten Zweig der Wirtschaft kontrollieren und beherrschen.
Ist die Vorherrschaft eines Kriegerhauses in einem kleinere Gebiet gefestigt, dann tritt der Kampf um die Hegemonie in einem weiteren Gebiet in den Vordergrund.

Die Größe des 'deutschen Imperiums' gab den lokalen, zentrifugalen Tendenzen eine andere Stärke; machte die Zentralisierung schwerer.

Die Größenordnung in der sich gesellschaftliche Prozesse abspielen, bildet ein wichtiges Element ihrer Struktur.

Hier weit größere Spannungen und Interessengegensätze als im westfränkischen Gebiet. Ein Haus nach dem anderen verbrauchte hier im Kampf um die Hegemonie seinen Stammes- oder Domanialbesitz (S. 131).

Der Mechanismus der Staatenbildung ist im europäischen Raum (die naturalwirtschaftliche Phase gelangt kontinuierlich in eine geldwirtschaftliche) immer der gleiche.
In der Geschichte der europäischen Staaten gibt es immer eine frühe Phase, bei der territoriale Herrschaftseinheiten die entscheidende Rolle spielen (z.B. feudale Territorialherrschaften).
Aus den Institutionen eines feudalen Territoriums werden dann kontinuierlich Institutionen eines Staates und eines Imperiums.

Schematisch gezeichnet verläuft der Prozess zwischen den verschiedenen benachbarten Territorialherrschaften ganz analog zu jenem, der sich zuvor innerhalb eines festen Territoriums zwischen den einzelnen Gutsherren der Rittern bis zum Erwerb der Vormachtstellung, eines über die anderen, abspielt.

In der folgenden Phase konkurrieren die nächstgrößeren Herrschaftseinheiten miteinander. Es besteht die ständige Notwendigkeit zu expandieren, wenn sie nicht besiegt oder abhängig werden wollen (S. 133).

Die Konkurrenz um den Boden im Inneren verstärkt sich. Wer bei solchem Konkurrenzdruck nicht 'mehr' erwirbt, wird automatisch 'weniger'.
Ein Druck durchzieht die ganze Gesellschaft. Er treibt auch die Territorialherren gegeneinander und setzt eben damit den Monopolmechanismus in Gang.

Einige werden stärker, andere steigen aus. Der Ausscheidungsprozess wiederholt sich bis die Entscheidung schließlich nur mehr zwischen zwei Territorialherrschaften steht.
In diesen gesellschaftlichen 'Ausscheidungskämpfen', spielen sicherlich persönliche Qualifikationen Einzelner, sowie andere 'Zufälle' eine Rolle, aber der gesellschaftliche Prozess, die Tatsache, dass eine Gesellschaft mit relativ gleich großen Macht- und Besitzeinheiten bei starkem Konkurrenzdruck zur Vergrößerung einiger weniger und schließlich zu einer Monopolbildung tendiert, ist von solchen Zufällen weitgehend unabhängig.

Früher oder später kommt es zu einer solchen Monopolbildung -unter den bisherigen Aufbaubedingungen- mit einer hohen Wahrscheinlichkeit. Ist dieser einfache gesellschaftliche Mechanismus einmal in Gang gesetzt, arbeitet er weiter, wie ein Uhrwerk.

"Ein Menschengeflecht, in dem kraft der Größe ihrer Machtmittel relativ viele Einheiten miteinander konkurrieren, neigt dazu, diese Gleichgewichtslage (Balance vieler durch viele, relativ freie Konkurrenz) zu verlassen und sich einer anderen zu nähern, bei der immer weniger Einheiten miteinander konkurrieren können; sie nähert sich mit anderen Worten einer Lage, bei der eine gesellschaftliche Einheit durch Akkumulation ein Monopol über die umstrittenen Machtchancen erlangt" (S. 135).

Ein Mechanismus dieser Art ist auch bei der Staatenbildung am Werk.
Deutschland: Bei der Größe dieses Gebietes war die Wahrscheinlichkeit der Ausbildung eines 'Kristallisationszentrums' geringer.
Die Ausscheidungskämpfe nahmen mehr Zeit in Anspruch. Schließlich dann doch: die Territorialmacht der Hohenzollern. Sie erlangte die Vormacht unter den deutschen Territorialherrschaften.

Dann beim nächsten Kampf (mit den Habsburgern), der die stärkere Integration einleitete, die Staatenbildung. Die Habsburger schieden aus.

Deutschland zerbröckelte, es zerfiel relativ spät und wurde immer kleiner.

In England und Frankreich ist der Trend der Bewegung annähernd umgekehrt.
Langsames Wachstum vom kleinen zum größeren hin.

In England war gerade wegen der Beschränktheit des Gebietes eine Einigung der verschiedenen Stände und vor allem der Krieger des ganzen Gebietes gegen den Zentralherren leichter möglich.

20070428

Ritter, Mittelalter, Herrenbewusstsein, zt-40

Die Frage, warum sich Verhalten und Affektlage der Menschen ändern, ist im Grunde die gleiche, wie die, weshalb sich die Lebensformen der Menschen ändern.

Die Ritterfunktion, diese Lebensform, war von einer bestimmten Zeit ab im Gefüge der Gesellschaft nicht mehr vorhanden. Andere Funktionen wie die des Zunfthandwerkers oder des Priesters, die in der mittelalterlichen Phase eine Rolle spielte, verloren an Bedeutung im Gesamtgefüge der gesellschaftlichen Beziehungen.

Warum verändern sich die Funktionen, die Lebensformen, in die sich der Einzelne, wie in mehr oder weniger fest modellierte Gehäuse, ein passen muss, im Lauf der Geschichte?`
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Wie lebten die Ritter? Welcher Lebensraum öffnete sich dem adlig Geborenen? Elias schildert nun Bilder aus dieser Zeit. Es ist vor allem die Art der Darstellung die Unterschiede der Gefühlslagen unterstreicht.

Wenig ist hinter die Kulissen verlegt. Das Peinlichkeitsempfinden der mittelalterlichen Oberschicht verlangt noch nicht, dass alles Vulgäre hinter die Kulissen des Lebens und damit auch der Bilder verdrängt wird.

Es befriedigt die Affekte der oberen sich von den anderen unterschieden zu wissen. Der Anblick des Kontrastes erhöht die Lust am Leben.

Es ist nicht peinlich, dass die Edlen Muße haben und andere für sie arbeiten.

Es fehlt die Identifizierung von Mensch zu Mensch.

Ein 'alle Menschen sind gleich' gibt es noch nicht am Horizont dieses Lebens.

Herrenbewusstsein und selbstsichere Verachtung der anderen. Die oberste Schicht ist eine Kriegerschicht. Erst später wird die Oberschicht auch von den anderen Schichten abhängig.

Die Bilder aus dem Mittelalter die Elias betrachtet sind noch nicht 'sentimentalisch', weil aus ihnen noch nicht jene starke Gebundenheit der Affekte spricht, die von nun an während einer langen Phase in der künstlerischen Darstellung für Oberschichten immer ausschließlicher deren Wunschbilder zutage treten ließ, und die zur Unterdrückung alles dessen zwang, was dem vorrückenden Peinlichkeitsstandard widersprach (S. 293).

Im Mittelalter ist die Welt um den Ritter zentriert. Die erotische Beziehung zwischen Mann und Frau ist sehr viel unverdeckter als in der späteren Phase. Die Nacktheit ist noch nicht mit Schamgefühlen belegt.

Aber die Menschen sind keineswegs in irgendeinem absoluten Sinn ungebunden und gesellschaftlich unmodelliert. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Nullpunkt.

Schon im 15. Jahrhundert bildet sich aus aufsteigenden Elementen eine neue Aristokratie mit einem neuen Lebensraum, neuen Funktionen und mit einer anderen Affektmodellierung.
Ein neuer Zwang, eine neue, eingehendere Regulierung und Modellierung des Verhaltens, wie sie das alte ritterliche Leben weder nötig, noch möglich machte, wird jetzt von dem Edelmann verlangt.

Das sind Konsequenzen der neuen stärkeren Abhängigkeit, in die der Edelmann jetzt geraten ist. Er ist nicht mehr der relativ freie Mann, der Herr in seiner Burg ist, und dessen Burg seine Heimat ist. Er lebt jetzt am Hof und dient dem Fürsten.

Am Hof lebt er mit vielen anderen zusammen. Er muss lernen, seine Gesten dem verschiedenen Rang und Ansehen der Person am Hofe entsprechend genau zu dosieren, seine Sprache genau ab zumessen und selbst seinen Blick genau zu kontrollieren.

Es ist eine neue Selbstdisziplin, ein unvergleichlich viel stärkeres An-sich-halten, die dem Menschen durch diesen neuen Lebensraum und die neue Integrationsform aufgezwungen werden (S. 300).

Was als 'courtoisie' ausgedrückt wurde, findet nun als 'civilité' ihren Ausdruck. In Frankreich wird Heinrich IV. zum Vollstrecker dieser Wandlung.

20070422

Aufstieg und Abstieg der Begriffe 'Courtoisie' und 'Civilité'. zt-27

Als 'Courtoisie' bezeichnete manfrau ursprünglich die Verhaltensform der größeren, ritterlichen Feudalherren. Es kam auch in bürgerlichen Kreisen in Gebrauch.

Mit dem langsamen Absterben des ritterlich-feudalen Kriegeradels und der Herausbildung einer neuen absolutistisch-höfischen Aristokratie im Laufe des 16. u. 17. Jhs. wird langsam der Begriff 'Civilité' hoch getragen.

Courtoisie kommt im Laufe des 17. Jhs. aus der Mode. 'Courteoisie' erscheint jetzt geradezu als ein bourgoiser Begriff.

Ganz ähnlich verliert im Laufe des 18. Jahrhunderts langsam der Begriff 'Civilité' an Gewicht in der absolutistisch-höfischen Oberschicht. Diese Schicht unterliegt ja nun ihrerseits einem ganz langsamen Umbildungsprozess, einem Verbürgerlichungsprozess der sich allerdings mindestens bis 1750 zugleich mit einem Verhöflichungsprozess bürgerlicher Elemente verbindet (S. 137).

'Courtoisie', 'Civilité' und 'Civilisation' markieren drei Abschnitte einer gesellschaftlichen Entwicklung. Sie zeigen an, aus welcher Gesellschaft, zu welcher Gesellschaft jeweils gesprochen wird.

Die eigentliche Veränderung des Verhaltens vollzieht sich in der mittleren Phase. Der Begriff der Zivilisation weist im Gebrauch des 19. Jhs. ganz stark darauf hin, dass der Prozess der Zivilisation (eine Phase dieses Prozesses) vollzogen und vergessen ist (S. 139). Zivilisation erscheint nun als festes Besitztum. Man wünscht vor allem sie auszubreiten.

Ausbreitungsrichtung von Verhaltensweisen zt-26

Elias präsentiert nun sein empirisches Material über das Verhalten beim Essen (S. 110-132 im Originaltext, bitte siehe Literaturhinweis bzw. Quellenangabe), teilt einige Gedanken zu den Zitaten über die Tischgebräuche und gibt einen Überblick über die Gesellschaften, zu denen die zitierten Schriften sprachen.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Keine einzelnen Menschen haben die Essensgebote ihrer Zeit erfunden. Die Manierenschriften des 16. Jhs. sind Verkörperungen der neuen höfischen Aristokratie, aus Elementen verschiedener sozialer Herkunft.

Menschen die in dem Modell gebenden Kreis selbst leben, brauchen keine Bücher, um zu wissen, wie 'man' sich benimmt. (Geheimnis des engeren höfisch-aristiokratischen Kreises).

Die Ausbreitungsrichtung ist klar, sie kommt dem Bedürfnis des Provinzadels entgegen über die Verhaltensweisen am Hofe Bescheid zu wissen. Weiters ist da auch das Interesse bürgerlicher Spitzenschichten.

Gebräuche, Verhaltensweisen und Moden dringen ununterbrochen vom Hof in die oberen Mittelschichten ein, werden dort nachgeahmt. Damit verlieren sie bis zu einem gewissen Grad ihren Charakter als Unterscheidungsmittel der Oberschicht. Sie werden etwas entwertet.

Das drängt oben zu einer weiteren Verfeinerung und Fortbildung des Verhaltens.

Von diesem Mechanismus: Entwicklung höfischer Gebräuche, Ausbreitung nach unten, leichte soziale Deformation, Entwertung als Unterscheidungsmerkmal, erhält die dauernde Bewegung der Verhaltensweisen in der Oberschicht einen Teil ihrer Antriebe.

Ein bestimmter gesellschaftlicher Dynamismus löst einen bestimmten, seelischen aus, der seine eigenen Gesetze hat.

Im 18. Jahrhundert Zunahme des Reichtums, Auftrieb bürgerlicher Schichten. In der erweiterten höfischen Gesellschaft verkehren höfisch-aristokratische und höfisch-bürgerliche Elemente miteinander. Keine feste Grenze nach unten. Sie sind die Elite des Landes. Der Drang in sie hinein zu gelangen oder wenigstens sie nachzuahmen, wird mit der wachsenden Verflechtung und Wohlhabenheit breiterer Schichten immer größer.

Auch kirchliche Kreise werden zu Popularisatoren der höfischen Gebräuche. Die 'Civilité' wird christlich-religiös unterbaut. Die Kirche erweist sich, als eines der wichtigsten Organe des Transports von Modellen nach unten (Anm: Sie hat Organisation). In den Händen der kirchlichen Körperschaften liegt ein guter Teil der Erziehung und des Unterrichts in Frankreich.

Eine Flut von Civilité Schriften als Hilfsmittel des Elementar Unterrichts. Damit wird der Begriff der 'Civilité' entwertet. Ähnlicher Prozess wie seinerzeit beim Begriff 'Courtoisie' (S. 136).

20070421

Verhaltensänderung in der Renaissance zt-24

Rücken Peinlichkeitsschwelle und Schamgrenze in der Zeit des Erasmus vor? Manfrau könnte es vermuten.

Die Manierenschriften der Humanisten bilden gewissermaßen die Brücke zwischen denen des Mittelalters und denen der neueren Zeit. Auch die Schrift des Erasmus, Gipfelpunkt in der Reihe der humanistischen Manierenschriften hat dieses Doppelgesicht. Sie steht in vielem durchaus im Zuge der mittelalterlichen Tradition.

Aber zugleich sind in ihr offenbar Ansätze zu etwas Neuem enthalten. Mit ihr entwickelt sich allmählich jener Begriff, der den ritterlich-feudalen Begriff von Höflichkeit in den Hintergrund drängte.

Im Laufe des 16. Jhs. tritt der Gebrauch des Begriffes 'courteoisie' in der Oberschicht langsam zurück, der des Begriffes 'civilité' wird häufiger und im 17. Jh. in Frankreich gebräuchlich.

Das ist ein Anzeichen für eine Verhaltensänderung von beträchtlichem Ausmaß. Das Werk des Erasmus steht in vielem noch im Zuge der mittelalterlichen Tradition. Seine Beziehung zur Hinterlassenschaft der Antike ist belegbar.

Erasmus hat einen bestimmten Standard der Sitten vor Augen. Seine Manierenschrift ist auch eine Sammlung von Beobachtungen aus dem Leben der Gesellschaft selbst. Sie ist 'ein wenig das Werk von aller Welt'. Ihr Erfolg, ihre rasche Ausbreitung zeigt, wie sehr sie einem gesellschaftlichen Bedürfnis entsprach, etwas das die Gesellschaft verlangte.

Die Gesellschaft war im Übergang. Bei aller Verbundenheit mit dem Mittelalter ist etwas Neues im Werden. Das was wir als 'Einfalt' empfinden ist verloren gegangen. Manfrau sieht differenzierter, mit stärkerer Zurückhaltung der eigenen Affekte.

Was die Schrift des Erasmus von anderen Manierenschriften unterscheidet, ist der Ton in dem sie geschrieben ist. Hier spricht jemand, der auch seine Erfahrungen niederschreibt. Er ist nicht nur ein Sammler von Sitten und Unsitten sondern hält sich an die gesellschaftliche Wirklichkeit und gewinnt als Nachrichtenquelle über gesellschaftliche Prozesse an Bedeutung.

Das Problem des Verhaltens in der Gesellschaft war in dieser Zeit offenbar so wichtig geworden, dass selbst Menschen von großem Ruf und Begabung die Beschäftigung mit ihm nicht verschmähten. (Seine Schrift war einem Königssohn gewidmet).

Erasmus' Schrift fällt in die Zeit einer sozialen Umgruppierung. Es ist die Phase, in der die alte feudale Adelsschicht noch im Niedergange, die neue höfisch-absolutistische noch in der Bildung begriffen war.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Humanisten, die Vertreter der weltlich-bürgerlichen Intelligenzschicht hatten Chancen des Aufstiegs (Ansehen und geistige Macht zu gewinnen), des Freimuts und der Distanzierung.

Erasmus zeigt das charakteristische Selbstbewusstsein des Intelligenzlers, des durch Geist, Wissen, Schreiben Aufgestiegenen, durch das Buch legitimierten, der auch gegenüber herrschenden Schichten und Meinungen Distanz zu wahren vermag (S. 95).

Es zeigt sich die Verwandtschaft solcher Gedanken mit denen der deutschen Intelligenzschicht des 18. Jhs. mit ihrer Selbstlegitimierung durch Begriffe wie 'Kultur' und 'Bildung'.

Den Rangunterschieden im Benehmen Beachtung zu schenken wird von nun zum Inbegriff der Höflichkeit und zur Grundforderung der 'civilité', wenigstens in Frankreich.

20070420

Unbehagen, Peinlichkeit, Zivilisation zt-20

Im zweiten Kapitel seines 'Prozesses der Zivilisation' geht Norbert Elias auf 'Zivilisation' als einer spezifischen Änderung des menschlichen Verhaltens ein. Erasmus von Rotterdam wird als 'Zeitzeuge' aufgerufen und als Propagator eines Zivilisationsbegriffes erkannt.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Die Antithese, in der sich das abendländische Selbstbewusstsein während des Mittelalters ausspricht, ist die Antithese des römisch-lateinischen Christentums auf der einen und Heidentum und Häresie auf der anderen Seite.

Im Namen des Kreuzes, später im Namen der Zivilisation werden während des Mittelalters Kolonisierungs- und Ausbreitungskriege geführt.

Rittertum und römisch-lateinischer Glauben sind Zeugen einer bestimmten Station der abendländischen Gesellschaft.

Der Begriff 'civilité' erhielt seine Bedeutung für die abendländische Gesellschaft in jener Zeit, in der die Rittergesellschaft und die Einheit der katholischen Kirche zerbrach. Er ist die Inkarnation einer Gesellschaft, die als Station der abendländischen Gesittung oder 'Zivilisation' so wichtig wurde wie zuvor die Feudalgesellschaft.

Der Begriff 'civilité' ist Ausdruck und Symbol einer gesellschaftlichen Formation die die verschiedensten Nationalitäten umgreift und in der eine gemeinsame Sprache gesprochen wird. Das Rückgrat dieser neuen gesellschaftlichen Formation bildet die höfische Gesellschaft. Deren Selbstbewusstsein, Situation, deren Charaktere sind es, die in dem Begriff 'civilité' einen Ausdruck finden.

Ausgangspunkt: 16.Jh. Schrift von Erasmus von Rotterdam : 'De civilitate morum puerilium', 1530. Sie behandelte offenbar ein Thema, über das zu reden an der Zeit war. Erasmus gab dem alt bekannten und oft gebrauchten Wort 'civilitas' durch seine Schrift einen neuen Impuls.

Er sprach offenbar damit etwas aus, was in dieser Zeit einem gesellschaftlichen Bedürfnis entsprach. Der Begriff 'civilitas' verfestigte sich von nun ab im Bewusstsein der Menschen.

Ein solches plötzliches Aufflammen von Worten inmitten der Sprache deutet fast immer auf Veränderungen im Leben der Menschen selbst hin (S. 67). Diese Schrift (De civilitate morum puerilium) ist Symptom einer Veränderung, eine Substantialisierung gesellschaftlicher Vorgänge. Der Aufstieg ihres Titelwortes zu einem zentralen Ausdruck der Selbstinterpretation in der europäischen Gesellschaft.

Wovon handelt die Schrift? Vom Benehmen des Menschen in der Gesellschaft. Hinter dieser Schrift erblickt man eine Welt, eine Art des Lebens, die der unseren in vielem gewiss schon nahe ist, weist aber auch auf Haltungen hin, die uns verloren gegangen sind, die wir 'barbarisch' nennen würden. Sie trägt vieles vor, was inzwischen unaussprechlich geworden, vieles anderes was selbstverständlich geworden ist.

Das 'äußere' Verhalten, von dem die Schrift handelt, ist Ausdruck des inneren, des ganzen Menschen (S. 69). Die unbefangene Offenheit, mit der Erasmus und seine Zeit alle Bezirke des menschlichen Verhaltens besprechen konnte, ist uns verloren gegangen. Mit vielem überschreitet er unsere Peinlichkeitsschwelle.

Genau das gehört zu den Problemen die wir hier besprechen. 'Civilité' ist der Ahne des Begriffes 'Zivilisation', hier gerät man auf die Spuren des tatsächlichen Zivilisationsprozesses selbst, auf die Spuren der tatsächlichen Verhaltensänderung, die sich im Abendland vollzogen hat.

Dass uns vieles von dem was Erasmus behandelt peinlich erscheint, gehört zu den Symptomen dieses Zivilisationsprozesses.

Dieses Unbehagen bei bestimmten körperlichen Verrichtungen, dominante Empfindungen die in dem Urteil 'barbarisch' oder 'unzivilisiert' zum Ausdruck kommen. Diese ist also das 'Unbehagen an der Barbarei' oder das Unbehagen an jener anderen Affektlage, an jenem anderen Peinlichkeitsstandard.

Es erhebt sich die Frage, wie und warum eigentlich die abendländische Gesellschaft von dem einen zum anderen Standard gelangte, wie sie sich 'zivilisierte'.

Manfrau kann es nicht vermeiden, bei der Betrachtung dieses Prozesses der Zivilisation Unbehagen und Peinlichkeitsgefühle solcher Art wach zurufen. Es ist gut sich ihrer bewusst zu sein.

Unsere Art des Verhaltens ist aus jener, die wir 'unzivilisiert' nennen hervorgegangen.

'Zivilisiert' und 'unzivilisiert' sind nicht Gegensätze wie gut und schlecht sondern es sind Stufen einer Entwicklungsreihe die noch weitergeht.

Die 'Zivilisation' ist ein Prozess oder Teil eines Prozesses, in dem wir selbst stehen. Alles Einzelne was wir zu ihr rechnen, Maschinen, wissenschaftliche Entdeckungen, Staatsformen, was immer es sei, es sind (nur) Zeugnisse für einen bestimmten Aufbau der menschlichen Beziehungen, der Gesellschaft, und für eine bestimmte Art des menschlichen Verhaltens (S. 75).

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