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20070422

Aufstieg und Abstieg der Begriffe 'Courtoisie' und 'Civilité'. zt-27

Als 'Courtoisie' bezeichnete manfrau ursprünglich die Verhaltensform der größeren, ritterlichen Feudalherren. Es kam auch in bürgerlichen Kreisen in Gebrauch.

Mit dem langsamen Absterben des ritterlich-feudalen Kriegeradels und der Herausbildung einer neuen absolutistisch-höfischen Aristokratie im Laufe des 16. u. 17. Jhs. wird langsam der Begriff 'Civilité' hoch getragen.

Courtoisie kommt im Laufe des 17. Jhs. aus der Mode. 'Courteoisie' erscheint jetzt geradezu als ein bourgoiser Begriff.

Ganz ähnlich verliert im Laufe des 18. Jahrhunderts langsam der Begriff 'Civilité' an Gewicht in der absolutistisch-höfischen Oberschicht. Diese Schicht unterliegt ja nun ihrerseits einem ganz langsamen Umbildungsprozess, einem Verbürgerlichungsprozess der sich allerdings mindestens bis 1750 zugleich mit einem Verhöflichungsprozess bürgerlicher Elemente verbindet (S. 137).

'Courtoisie', 'Civilité' und 'Civilisation' markieren drei Abschnitte einer gesellschaftlichen Entwicklung. Sie zeigen an, aus welcher Gesellschaft, zu welcher Gesellschaft jeweils gesprochen wird.

Die eigentliche Veränderung des Verhaltens vollzieht sich in der mittleren Phase. Der Begriff der Zivilisation weist im Gebrauch des 19. Jhs. ganz stark darauf hin, dass der Prozess der Zivilisation (eine Phase dieses Prozesses) vollzogen und vergessen ist (S. 139). Zivilisation erscheint nun als festes Besitztum. Man wünscht vor allem sie auszubreiten.

Fehlende Identifizierung mit der Oberschicht und gutes Benehmen zt-25

In Deutschland gibt es von der Zeit der Humanisten an immer eine bürgerliche Intelligenz, die von der höfisch-aristokratischen Gesellschaft getrennt lebt.

Hier sind die sozialen Mauern zwischen Bürgertum und höfischem Adel verhältnismäßig hoch. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. hört man wieder die Sprache und Ausdrücke eines Selbstbewusstseins, das dem der Humanisten, besonders dem des Erasmus verwandt ist.

Entfaltung der deutschen Städte war am Ausgang des Mittelalters, dann Schrumpfungen.

Im Gegensatz zu Frankreich ist die völlige Identifizierung der Intelligenz mit der höfischen Oberschicht schwächer und seltener.

Die Haltung des Erasmus distanziert sich, es fehlt die Identifizierung mit der Oberschicht und das verbindet ihn mit der späteren deutschen Intelligenz. Das Maß der Distanzierung die Erasmus besitzt, weist auf eine Phase der Lockerung zwischen zwei Epochen, die durch festere Gesellschaftshierarchien charakterisiert ist (S. 99).

Die Tradition der 'courtoisie' wird in vielem von der Gesellschaft, die den Begriff der 'civilitas' zur Bezeichnung des gesellschaftlichen 'guten Benehmens' wählt weitergeführt. Die verstärkte Neigung der Menschen, sich und andere zu beobachten, ist eines der Anzeichen dafür, wie nun die ganze Frage des Verhaltens einen anderen Charakter erhält.

Die Menschen formen sich und andere mit größerer Bewusstheit als im Mittelalter. Der Zwang, den die Menschen aufeinander ausüben, wird stärker, die Forderung nach 'gutem Benehmen' nachdrücklicher erhoben. Der ganze Problemkreis des Verhaltens gewinnt an Wichtigkeit (S. 102).

Die alten sozialen Verbände sind, wenn nicht zerbrochen, so doch in hohem Maße aufgelockert, und in Umbildung begriffen. Die gesellschaftliche Zirkulation, Auf- und Abstieg vollziehen sich rascher.

Langsam im Laufe des 16. Jhs. beginnt sich eine festere Gesellschaftshierarchie herzustellen und, aus Elementen verschiedener sozialer Herkunft, eine neue Oberschicht, eine neue Aristokratie heraus zu bilden.

Der veränderte Aufbau der neuen Oberschicht setzt den Einzelnen einem Druck und einer Kontrolle der anderen aus. In diese Situation hinein ist die Schrift des Erasmus geschrieben.

Die Menschen, gezwungen in einer neuen Form miteinander zu leben, werden empfindlich für die Regungen anderer. Allmählich wird der Code des Verhaltens strenger und die Rücksichtnahme größer.

Das Wachstum der Empfindlichkeit, die Intensivierung der Menschenbeobachtung und das stärkere Verständnis für das, was in dem anderen selbst vor sich geht, sind unverkennbar (S. 104).

"Sieh anderen ihre Verstöße leicht nach. Das ist eine Haupttugend der civilitas (der Höflichkeit)". Erasmus identifiziert sich nur wenig mit der höfischen Oberschicht und bewahrt eine innere Distanz.

Die Wichtigkeit, die man nun dem 'guten Benehmen' beizumessen beginnt zeigt vor allem auch, wie der Druck, den die Menschen in dieser Richtung aufeinander ausüben sich verstärkt.

Die gesellschaftliche Kontrolle wird bindender. Vor allem ändert sich langsam die Art und der Mechanismus der Affektmodellierung durch die Gesellschaft. Im Laufe des Mittelalters hat sich offenbar der Standard der Sitten und Unsitten bei allen regionalen und sozialen Verschiedenheiten nicht entscheidend gewandelt.

Jetzt mit dem Umbau der Gesellschaft, mit einer neuen Anlage der menschlichen Beziehungen, tritt hier langsam eine Änderung ein: Der Zwang zur Selbstkontrolle wächst. Damit gerät der Standard des Verhaltens in Bewegung (S. 106).

Das 16. Jh. steht noch ganz im Übergang. Bei Erasmus noch ganz die alte Unbefangenheit im Besprechen der körperlichen Verrichtungen, die für den mittelalterlichen Menschen charakteristisch war, aber bereichert durch Beobachtungen, durch die Rücksicht auf das, was andere denken könnten.

Die Menschen dieser Zeit haben ein Doppelgesicht. Bei der Betrachtung fehlt das sichere Maß.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Elias kommentiert seine Vorgangsweise: Man muss Bild an Bild reihen, um von einer bestimmten Seite her den Prozess, die allmähliche Verwandlung der Verhaltensweisen und der Affektlage, das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle im Zusammenhang zu übersehen. Also in einer Art Zeitraffer das Ganze überblicken.

Das empirische Material von Elias sind die Manierenbücher und anhand deren werden die Verhaltensweisen geprüft. Die Verhaltensweisen, die jeweils eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern erwartete, und auf die sie den Einzelnen zu konditionieren suchte. Verhaltensweisen werfen etwas Licht auf Vorgänge im Prozess der Gesellschaft. Sie zeigen Standards von Gebräuchen an die die Gesellschaft den Einzelnen zu gewöhnen suchte.

Die Manierenschriften und -sprüche sind Instrumente der Konditionierung (Fassonierung), der Einpassung des Einzelnen an jene Verhaltensweisen, die der Aufbau und die Situation seiner Gesellschaft erforderlich machte (S. 109).

20070421

Verhaltensänderung in der Renaissance zt-24

Rücken Peinlichkeitsschwelle und Schamgrenze in der Zeit des Erasmus vor? Manfrau könnte es vermuten.

Die Manierenschriften der Humanisten bilden gewissermaßen die Brücke zwischen denen des Mittelalters und denen der neueren Zeit. Auch die Schrift des Erasmus, Gipfelpunkt in der Reihe der humanistischen Manierenschriften hat dieses Doppelgesicht. Sie steht in vielem durchaus im Zuge der mittelalterlichen Tradition.

Aber zugleich sind in ihr offenbar Ansätze zu etwas Neuem enthalten. Mit ihr entwickelt sich allmählich jener Begriff, der den ritterlich-feudalen Begriff von Höflichkeit in den Hintergrund drängte.

Im Laufe des 16. Jhs. tritt der Gebrauch des Begriffes 'courteoisie' in der Oberschicht langsam zurück, der des Begriffes 'civilité' wird häufiger und im 17. Jh. in Frankreich gebräuchlich.

Das ist ein Anzeichen für eine Verhaltensänderung von beträchtlichem Ausmaß. Das Werk des Erasmus steht in vielem noch im Zuge der mittelalterlichen Tradition. Seine Beziehung zur Hinterlassenschaft der Antike ist belegbar.

Erasmus hat einen bestimmten Standard der Sitten vor Augen. Seine Manierenschrift ist auch eine Sammlung von Beobachtungen aus dem Leben der Gesellschaft selbst. Sie ist 'ein wenig das Werk von aller Welt'. Ihr Erfolg, ihre rasche Ausbreitung zeigt, wie sehr sie einem gesellschaftlichen Bedürfnis entsprach, etwas das die Gesellschaft verlangte.

Die Gesellschaft war im Übergang. Bei aller Verbundenheit mit dem Mittelalter ist etwas Neues im Werden. Das was wir als 'Einfalt' empfinden ist verloren gegangen. Manfrau sieht differenzierter, mit stärkerer Zurückhaltung der eigenen Affekte.

Was die Schrift des Erasmus von anderen Manierenschriften unterscheidet, ist der Ton in dem sie geschrieben ist. Hier spricht jemand, der auch seine Erfahrungen niederschreibt. Er ist nicht nur ein Sammler von Sitten und Unsitten sondern hält sich an die gesellschaftliche Wirklichkeit und gewinnt als Nachrichtenquelle über gesellschaftliche Prozesse an Bedeutung.

Das Problem des Verhaltens in der Gesellschaft war in dieser Zeit offenbar so wichtig geworden, dass selbst Menschen von großem Ruf und Begabung die Beschäftigung mit ihm nicht verschmähten. (Seine Schrift war einem Königssohn gewidmet).

Erasmus' Schrift fällt in die Zeit einer sozialen Umgruppierung. Es ist die Phase, in der die alte feudale Adelsschicht noch im Niedergange, die neue höfisch-absolutistische noch in der Bildung begriffen war.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Humanisten, die Vertreter der weltlich-bürgerlichen Intelligenzschicht hatten Chancen des Aufstiegs (Ansehen und geistige Macht zu gewinnen), des Freimuts und der Distanzierung.

Erasmus zeigt das charakteristische Selbstbewusstsein des Intelligenzlers, des durch Geist, Wissen, Schreiben Aufgestiegenen, durch das Buch legitimierten, der auch gegenüber herrschenden Schichten und Meinungen Distanz zu wahren vermag (S. 95).

Es zeigt sich die Verwandtschaft solcher Gedanken mit denen der deutschen Intelligenzschicht des 18. Jhs. mit ihrer Selbstlegitimierung durch Begriffe wie 'Kultur' und 'Bildung'.

Den Rangunterschieden im Benehmen Beachtung zu schenken wird von nun zum Inbegriff der Höflichkeit und zur Grundforderung der 'civilité', wenigstens in Frankreich.

Gabel als Luxus-Instrument zt-23

Vom 16. Jh. ab kommt die Gabel von Italien her zunächst in Frankreich, dann England und Deutschland als Essinstrument in Gebrauch. Die Höflinge Heinrich III. wurden zuerst wegen ihrer 'affektierten' Art zu essen verspottet.

Was wir als selbstverständlich empfinden, musste von der Gesellschaft als Ganzem erst mühsam und langsam erworben und durch formt werden. Noch im 17. Jh. war die Gabel ein Luxusgegenstand der Oberschicht.

Menschen die so miteinander essen, wie es im Mittelalter Brauch war, standen in einer anderen Beziehung zueinander als wir; und zwar nicht nur in der Schicht ihres klar und präzise begründeten Bewusstseins, sondern offenbar hatte ihr emotionales Leben eine andere Struktur und einen anderen Charakter.

Ihr Affekthaushalt war auf Formen der Beziehung und des Verhaltens hin konditioniert, die, entsprechend der Konditionierung in unserer heutigen Welt, als peinlich empfunden werden.

Was dieser courtoisen Welt fehlte oder sich jedenfalls nicht in der gleichen Stärke ausgebildet hatte, war jene unsichtbare Mauer von Affekten, die sich gegenwärtig zwischen Körper und Körper der Menschen, zurückdrängend und trennend, zu erheben scheint (S. 89).

Gutes Benehmen im Mittelalter zt-22

Der mittelalterliche Standard war ganz gewiss kein 'Anfang' oder eine 'unterste Stufe' des Prozesses der 'Zivilisation'. Es war ein anderer Standard als unserer. Und uns interessiert der kleine Weg vom Standard des Mittelalters zum Standard der frühen Neuzeit und zu verstehen, was da eigentlich mit dem Menschen vorging.

Der Standard des guten Benehmens im Mittelalter ist durch den Begriff 'courteoisie' repräsentiert. Dieser Inbegriff des Selbstbewusstseins hieß im englischen courtesy, im italienischen cortezia, im deutschen hövescheit, hübescheit, zuht.

Alle diese Begriffe weisen auf einen bestimmten sozialen Ort hin. Sie sagen: Das ist die Art, wie manfrau sich an den Höfen benimmt. Durch sie bezeichnen zunächst bestimmte Spitzengruppen der weltlichen Oberschicht, nicht etwa der Ritterschaft als Ganzes, sondern in erster Linie die ritterlich-höfischen Kreise um die großen Feudalherren, das, was sie für ihr Gefühl unterscheidet.

Wie sieht dieser Standard aus? Was zeigt sich als typisches Verhalten, als durchgehender Charakter der Vorschriften? Eine Einfalt, eine Naivität. Affekte spielen jäher und unmittelbarer. Wenige psychologische Nuancierungen. Wenig Komplizierungen im Gedankengut. Es gibt Freund-Feind, Lust-Unlust, gute-böse Menschen (S. 79). Triebe und Neigungen sind weniger verhalten als später. Hübsche Leute sind die edlen, die höfischen Leute. Das edle, das 'hoveliche' Benehmen wird immer wieder den 'geburischen siten', dem Verhalten der Bauern gegenübergestellt.

Elementare Vorschriften werden hier zu Erwachsenen gesagt. Merkverse über Sitten und Unsitten sind Zeugnisse für einen bestimmten Standard der Beziehungen von Mensch und Mensch, um Zeugnisse für den Aufbau der mittelalterlichen Gesellschaft und der mittelalterlichen Seelen. Die Verwandtschaft, die zwischen ihnen besteht, ist eine soziogenetische und psychogenetische Verwandtschaft; in den verschieden sprachigen Verhaltensvorschriften. Die Unterschiede treten an Bedeutung gegenüber den Gemeinsamkeiten zurück.

Auch die Bilder von Tafelnden sind Zeugnisse. Wenig Tafelgeschirr. Man bedient sich aus den gemeinsamen Schüsseln. Der Standard der Esstechnik während des Mittelalters entspricht einem ganz bestimmten Standard der menschlichen Beziehungen und der Affektgestaltung (S. 85).

Es ist nicht Armut an Geräten, der diesen Standard aufrecht erhält, sondern manfrau hat ganz einfach nicht das Bedürfnis nach etwas anderem. So zu essen ist selbstverständlich. Es entspricht diesen Menschen. (Ohne Gabel, gemeinsamen Schüsseln, Gläser, Löffel, Messer, Quadra). Am Ausgang des Mittelalters taucht die Gabel als Instrument zum herüber nehmen der Speisen aus der gemeinsamen Schüssel auf.

Die Verhaltensformen beim Essen sind nichts Isolierbares. Sie sind ein charakteristischer Ausschnitt aus dem Ganzen der gesellschaftlich gezüchteten Verhaltensformen. Ihr Standard entspricht einer ganz bestimmten Gesellschaftsstruktur. Welche Struktur ist das?

Das bleibt zu prüfen. Diese Verhaltensformen der mittelalterlichen Menschen waren nicht weniger fest mit ihren gesamten Lebensformen, mit dem Aufbau ihres Daseins verknüpft, als unsere Art des Verhaltens mit unserer Lebensweise und dem Aufbau unserer Gesellschaft (S. 87). Diese Gebräuche sind etwas, das dem Bedürfnis der Menschen entsprach, und das ihnen genau in dieser Form als sinnvoll und notwendig erschien.

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