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20070711

Hof Hofhaltung Verhöflichung der Krieger tz-04

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 4

Die Verhöflichung der Krieger

Die höfische Gesellschaft des 17. u. 18. Jahrhunderts und vor allem der höfische Adel Frankreichs nimmt eine eigentümliche Stellung ein.

Die Hofleute sind nicht die Urheber oder Erfinder der Affektdämpfung und der gleichmäßigeren Durchformung des gesamten Verhaltens. Sie folgen Verflechtungsmechanismen, die kein einzelner und auch keine einzelne Gruppe geplant hat.

Aber in dieser höfischen Gesellschaft wird der Grundstock vieler Verhaltens- und Verkehrsformen ausgeprägt, die mit dem Zwang zur Langsicht zu immer weiteren Funktionskreisen wandern. Ihre besondere Situation macht die Menschen zu Spezialisten für die Durchformung und Modellierung des Verhaltens im gesellschaftlichen Verkehr; denn sie haben zwar eine gesellschaftliche Funktion aber keinen Beruf (S. 352).

Nicht nur im Prozess der abendländischen Zivilisation, auch in Ostasien hat die Verhaltensmodellierung eine gleiche große Bedeutung. Hier zuerst am Sitz des Monopolherrn, laufen alle Fäden eines größeren Interdependenzgeflechts zusammen; hier kreuzen sich längere Aktionsketten als an irgendeinem anderen Punkt des Gewebes.

Die Langsicht, die strenge Regelung des Verhaltens, die dieses Zentralorgan von seinen Funktionären und von dem Fürsten selbst oder von seinen Stellvertretern und Dienern, verlangt ist größer als an irgendeinem anderen Punkt. Zeremoniell und Etikette bringen diese Situation klar zum Ausdruck. Auf den Zentralherrn und seine engere Umgebung dringt viel ein, jeder seiner Schritte ist unter Umständen von folgenschwerer und weitreichender Bedeutung. Vor allem dann, wenn die Monopole noch sehr stark den Charakter von privaten oder persönlichen Monopolen haben (S. 353).

Durch die Personen des Zentralherrn und seiner Minister hindurch wirkt sich jede einigermaßen bedeutende Bewegung und Erschütterung im ganzen Herrschaftsgebiet und dem Gros der Höflinge aus. Die Verflechtung zwingt zu beständiger Vorsicht, zu einem genauen Abwägen alles dessen, was er sagt und tut.

Die Bildung von Gewalt- und Steuermonopolen und von großen Höfen um diese Monopole ist gewiss nicht mehr, als eine Teilerscheinung im Zug der gesamten Prozesse, die eine allmähliche Zivilisation mit sich bringen. Aber sie ist eine von jenen Schlüsselerscheinungen, durch die man Zugang zu dem Triebwerk dieser Prozesse finden kann.

Der große Königshof steht eine Zeit lang im Mittelpunkt jener gesellschaftlichen Verflechtungen, die eine Zivilisation des Verhaltens in Gang setzen. Durch Verfolgung der Soziogenese des Hofes gerät man in die zivilisatorischen Umformungen hinein. Man sieht, wie Schritt für Schritt an Stelle eines Kriegeradels ein gezähmter Adel mit gedämpfteren Affekten tritt, ein höfischer Adel (S. 353).

Innerhalb jedes größeren Zivilisationsprozesses überhaupt, ist einer der entscheidensten Vorgänge die Verhöflichung der Krieger.

Im Abendland vollzieht sich die Verhöflichung der Krieger ganz allmählich vom 11. oder 12. Jahrhundert an bis sie schließlich im 17. u. 18. Jahrhundert langsam ihren Abschluss findet. An den Höfen zwingt das Beieinander einer Reihe von Menschen, deren Handlungen beständig ineinander greifen, auch die Krieger, die in diese Verflechtungen geraten, zu einem gewissen Maß von beständiger Rücksicht und Langsicht, zu einer stärkeren Regelung des Verhaltens und vor allem zu einer größeren Zurückhaltung der Affekte, zu einer Umformung des Triebhaushalts.

Der courteoise Verhaltenscode, die Minnelieder sind Zeugnisse für die ersten Schübe in jener Richtung, die dann schließlich zu einer vollen Verhöflichung des Adels und einer dauernden Umformung seines Verhaltens im Sinne der "Zivilisation" führt (S. 355). Demgegenüber ist die Landstraße voll von Begegnungen, die keine sehr große Regelung des Verhaltens erfordern.

Die friedlicheren Verflechungszwänge, die zu einer tief greifenden Umformung des Triebhaushaltes drängen, wirken zuerst noch nicht beständig und gleichmäßig ins Leben hinein; sie treten nur stellenweise auf, sind ständig durchbrochen und durchsetzt von kriegerischen Zwängen, die eine Affektzurückhaltung weder dulden noch erfordern.

Die courteoisen Vorschriften richten sich an Erwachsene und Kinder. Die Selbstzwangapparatur, das Über-Ich, ist noch nicht sehr stark und gleichmäßig entwickelt. Überdies fehlt hier einer der Hauptmotoren, nämlich der Auftrieb von städtisch-bürgerlichen Schichten gegen den Adel hin.
Dieser ist noch verhältnismäßig gering und auch dementsprechend die Konkurrenzspannung zwischen den beiden Ständen.

An den Territorialhöfen konkurrieren zwar schon Krieger und Städter (noch eine eher isolierte Erscheinung- die wechselseitige Abhängigkeit von Bürgertum und Adel ist noch sehr gering) um die gleichen Chancen, aber erst der absolutistische Hof bringt Menschen bürgerlicher und adeliger Herkunft in ständige Berührung miteinander.
Später ist die funktionelle Verflechtung von Adel und Bürgertum verhältnismäßig groß.
(Verflechtung = wechselseitige Abhängigkeit) (S. 356).

Ein deutlicher Ausdruck dieser geringer entwickelten Funktionsteilung für diese relativ große Ungebundenheit der verschiedenen Stände ist die Tatsache, dass Beziehung und Ausbreitung von Gebräuchen und Ideen zwischen Stadt und Land, zwischen Hof und Hof innerhalb der gleichen Schicht der Gesellschaft (auch über größere Entfernungen) größer sind als zwischen den Schichten.

Das ist der Gesellschaftsaufbau den manfrau vor Augen haben muss um jene anderen sozialen Prozesse zu verstehen mit denen es zu stärkerer "Zivilisation" der psychischen Selbststeuerung kommt (S. 357).

In der naturalwirtschaftenden Gesellschaft ist die wechselseitige Abhängigkeit zwischen verschiedenen Schichten gering. Die Art der Lebensführung ist unausgeglichen. Waffenmacht und Kriegspotential stehen hier in engster Abhängigkeit. Der waffenlose Bauer ist in einem Zustand der Niedrigkeit. Der Krieger ist ungebunden, seine funktionelle Abhängigkeit von Menschen der unteren Schicht ist durch die unmittelbare körperliche Bedrohung, die von ihm ausgeht eingeschränkt (S. 357).

Auch im Lebensstandard besteht ein außerordentlich großer Kontrast zwischen der obersten und der untersten Schicht. Solch großen Kontrasten begegnet manfrau noch heute in Menschenräumen, die in ihrem Aufbau der abendländisch-mittelalterlichen Gesellschaft näher stehen (Indien, Abessinien). Die Bauern leben da in steter Bedrohung durch Missernte oder Hungersnot (S. 358).

Erst wenn sich diese Kontraste verringern, wenn unter dem Konkurrenzdruck, der diese Gesellschaft von oben bis unten in Atem hält, Schritt für Schritt die Funktionsteilung, die wechselseitige Abhängigkeit und Verflechtung verschiedener Funktionen über größere Räume hin immer stärker wird, wenn die funktionelle Abhängigkeit auch der Oberschichten wächst und die gesellschaftliche Stärke mit dem Lebensstandard der unteren steigt, dann erst kommt es langsam zu jener beständigen Langsicht und jenem "Ansichhalten" bei oberen, zu jenem beständigen Auftrieb von unteren Schichten und zu allen jenen anderen Veränderungen, die in den Ausbreitungsschüben der Zivilisationsbewegung zusammenwirken (S. 358).

Zunächst leben alle (Krieger, Städter, Bauern, Schichten) für sich. Der Graben zwischen den Ständen ist tief. Es besteht ein sozialer Kontrast. Die Buntheit des Lebens ist größer. Die Oberschicht, der Adel, spürt noch keinen sonderlich großen sozialen Druck von unten. Er braucht noch nicht beständig an sich zu halten und zu überlegen, um seine Position als Oberschicht zu erhalten. Die vorherrschende Gefahr für den einen Krieger sind andere Krieger. Er braucht das Rohe und Vulgäre nicht aus seinem Leben zu verbannen. Der Gedanke an die unteren Schichten hat nicht viel Beunruhigendes für ihn. Keine Angst im Verkehr mit den Unterschichten. Es erweckt kein Peinlichkeitsgefühl, Unterschichten oder Unterschichtsgebärden zu sehen, sondern ein Gefühl der Verachtung, das unverhüllt, durch keine Zurückhaltung getrübt, durch keine Rücksicht umgeformt oder gedämpft zum Ausdruck gebracht wird (S. 359).
(Siehe dazu auch: Blick auf das Leben eines Ritters Band 1. S.283).

Die Krieger gelangen Schritt für Schritt in funktionelle und institutionelle Abhängigkeit. Das Wirken dieser Verflechtungsmechanismen ist bereits im 11. u. 12. Jahrhundert spürbar, in der Zeit in der sich die Territorialherrschaften verfestigen. Dann heben sich die Feudalhöfe empor. Und im 15. u. 16. Jahrhundert beschleunigt sich die ganze Bewegung, aus der diese Verhöflichung der Krieger ihre Antriebe erhält, die Funktionsteilung, die Integration, die wechselseitige Verflechtung immer größerer Menschenräume und -schichten.

Manfrau sieht es besonders deutlich an der Bewegung jenes Gesellschaftsinstrumentes, dessen Gebrauch und dessen Veränderungen den Stand der Funktionsteilung, Weite und Art der gesellschaftlichen Interdependenzen am genauesten anzeigen, an der Bewegung des Geldes:
Das Geldvolumen wächst rascher, und entsprechend rascher sinkt zugleich die Kaufkraft oder der Wert des Geldes. Auch diese Bewegung setzt früh im Mittelalter ein; neu ist nun, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, nicht die Monetarisierung (Verringerung der Kaufkraft des gemünzten Metalls allein) sondern das Tempo und das Ausmaß dieser Bewegung. Was zunächst als quantitative Veränderung erscheint, ist genauer besehen Ausdruck für qualitative Veränderungen, für Veränderungen im Aufbau der menschlichen Beziehungen, für Umbildungen der Gesellschaftsstruktur (S. 361).

Geldentwertung ist eine Teilerscheinung, nur ein Hebel in einem umfassenden Hebelwerk von gesellschaftlichen Verflechtungen. Unter dem Druck von Konkurrenzkämpfen einer bestimmten Stufe und Struktur wächst in dieser Zeit der Bedarf an Geld. Diese Bewegung hat für verschiedene Gruppen der Gesellschaft eine recht verschiedene Bedeutung. (Hier zeigt sich eine Vergrößerung der wechselseitigen funktionellen Abhängigkeit).

Begünstigt sind jene Gruppen, die durch den Erwerb von mehr Geld, durch eine entsprechende Vergrößerung ihres Geldeinkommens (durch ihre Funktion) die sinkende Kaufkraft ausgleichen können. Also vor allem bürgerliche Schichten und die Inhaber des Abgabenmonopols, die Könige.

Benachteiligt sind die Krieger- oder Adelsgruppen die ein immer geringeres Einkommen haben, je mehr sich das Geld entwertet. Es sind die Strudel dieser Bewegung von denen im 16. u. 17. Jahrhundert nun immer mehr die Krieger an den Hof und damit in die Abhängigkeit des Königs getrieben werden. Auf der anderen Seite wächst auch das Steuereinkommen der Könige, so dass sie eine immer größere Anzahl von Menschen an ihrem Hof erhalten können.

Wenn manfrau den Wandel der 'Stile' betrachtet dann kann manfrau den Eindruck gewinnen, als habe sich von Zeit zu Zeit der Geschmack oder die Seele der Menschen, gleichsam sprunghaft, durch eine plötzliche Mutation von innen her gewandelt: Nun sind es 'gotische Menschen', nun 'Menschen der Renaissance', die manfrau vor sich sieht, und nun 'Menschen des Barock' (S. 362).

Alle diese Veränderungen vollziehen sich geraume Zeit hindurch ganz langsam und lautlos. Die großen 'Explosionen' sind nichts als Teilerscheinungen innerhalb dieser kaum merklichen gesellschaftlichen Umlagerungen, die nur beim Vergleich verschiedener Generationen fassbar wird.

Auch der absolutistische Hof ist nicht von einzelnen irgendwann einmal plötzlich ersonnen oder geschaffen worden, sondern er bildet sich auf Grund einer bestimmten Verlagerung der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse ganz allmählich heran.

Der Hof erzeugt sich als eine viele einzelne Menschen überdauernde Form der menschlichen Beziehungen, als eine festgefügte Institution, die sich immer wieder, solange diese bestimmte Art von wechselseitiger Angewiesenheit sich auf Grund eines bestimmten Aufbaus der Gesamtgesellschaft besteht, von neuem bei weiteren Menschen herstellt.

Wie etwas die gesellschaftliche Institution einer Fabrik nicht fassbar ist, wenn manfrau sie nicht aus dem Aufbau des ganzen sozialen Feldes, der immer wieder Fabriken erzeugt, verständlich zu machen sucht, warum hier Menschen darauf angewiesen sind, als Arbeiter und Angestellt Dienste zu leisten und der Unternehmer seinerseits auf diese Dienste angewiesen ist (S. 363).

Genau so ist auch die gesellschaftliche Institution des absolutistischen Hofes unfassbar, wenn manfrau nicht die Bedürfnisformel kennt, nämlich Art und Maß der wechselseitigen Angewiesenheit, durch die Menschen verschiedener Art in dieser Form zusammengebunden und zusammengehalten wurden.
Erst so verliert er das Aussehen einer zufälligen oder willkürlich geschaffenen Gruppierung. Er gewinnt den Sinn eines Geflechts von menschlichen Beziehungen, das sich eine Zeit lang stets wieder in dieser Weise herstellte.
Eben weil der Hof vielen, einzelnen Menschen Chancen zur Befriedigung bestimmter gezüchteter Bedürfnisse oder Angewiesenheiten bot, welche wiederum vom Hof erzeugt wurden (S. 364). (Anmerkung: Also quasi eine ständige Produktion von Nachfrage durch Eigenwerbung. Verschicke 10000 Emails mit Deinem Photo und irgendwer wird Dich schon heiraten wollen :-).


Der Hof als 'Brut- und Zuchtstätte'.
Zusammenfassung von Teil 4

Der Hof als eine Bedürfniskonstellation die sich über Generationen hinweg immer von neuem herstellte:
Der Adel (Teile des Adels) bedurfte des Königs, weil mit der fortschreitenden Monopolbildung die Funktion des freien Kriegers aus der Gesellschaft verschwand, und weil im Zuge der zunehmenden Geldverflechtung die Gutserträge allein - gemessen am Standard des aufsteigenden Bürgertums - nicht mehr als einen mittelmäßigen Unterhalt und sehr oft nicht einmal ihn gewährten, ganz gewiss keine soziale Existenz, die der wachsenden Stärke bürgerlicher Schichten gegenüber das Prestige des Adels als Oberschicht hätte aufrecht erhalten werden können.

Unter diesem Druck begab sich ein Teil des Adels an den Hof und damit in die unmittelbare Abhängigkeit vom König. Allein das Leben hier, am Hofe, eröffnete dem einzelnen Adeligen noch Zugang zu wirtschaftlichen und zugleich zu Prestige-Chancen.

Wäre es den Adeligen nur um wirtschaftliche Chancen gegangen so hätten sie zu Geld durch eine kaufmännische Betätigung (Einheirat) besser und erfolgreicher kommen können. Aber um durch eine kaufmännische Tätigkeit zu Geld zu kommen, hätten sie ihren Adelsrang ablegen müssen; sie hätten sich in ihren eigenen Augen und denen des Adels degradiert.

Aber gerade dies, ihre Distanz zum Bürgertum, ihr Charakter als Adel, ihre Zugehörigkeit zur obersten Schicht des Landes, war es, was ihrem Leben für ihr eigenes Empfinden Sinn und Richtung gab.

Eben der Wunsch nach Erhaltung ihres ständischen Prestiges, das ist das Motiv des Handelns, welches den Vorrang hat vor dem Verlangen nach Reichtum.

So blieben sie vom König abhängig, weil sie allein durch den Gang an den Hof die Distanz zu allen anderen und das Prestige aufrecht erhalten an dem das Heil ihrer Seele hing.

So war das was sie suchten, nicht wirtschaftliche Existenzmöglichkeiten schlechthin, sondern Existenzmöglichkeiten, die sich mit der Aufrechterhaltung ihres unterscheidenden Prestiges, ihres Adelscharakters vertrugen.

Und diese doppelte Bindung, diese Bindung durch wirtschaftliche und durch Prestigenotwendigkeiten zugleich, ist für alle Oberschichten charakteristisch.

Antriebe beider Art legen sich als eine doppelte und unzertrennbare Kette um den einzelnen Menschen solcher Schichten. Nicht nur für die Träger der 'Civilité"'sondern auch für die der 'Zivilisation'.

Die Bindung durch das Verlangen nach einem bestimmten, sozialen Prestige findet sich als primäres Motiv des Handelns nur bei Angehörigen von Schichten, deren Einkommen unter normalen Umständen nicht allzu gering oder gar im Wachsen ist und erheblich über der Hungergrenze liegt.

Auch der Antrieb zur wirtschaftlichen Aktivität folgt einem Verlangen nach Wahrung eines bestimmten hohen gesellschaftsüblichen Standards und Prestiges. Gerade das erklärt, weshalb in solchen gehobenen Schichten die Affektregelung und vor allem die Ausbildung von Selbstzwängen im allgemeinen größer ist, als bei den korrespondierenden Unterschichten:
Die Angst vor dem Verlust oder auch nur der Minderung des gesellschaftlichen Prestiges ist einer der stärksten Motoren zur Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge.

Im 17. u. 18. Jahrhundert ist noch nicht wie in der bürgerlichen Welt Geld das Zentrum des Prestiges. Die Zugehörigkeit zur höfischen Gesellschaft bedeutet für das Bewusstsein der Zugehörigen mehr als Reichtum; gerade deswegen sind sie an den Hof gebunden. Es gibt für sie keinen anderen Ort, an dem sie ohne Degradierung leben können; und eben deswegen ist auch ihre Angewiesenheit auf den König, ihre Abhängigkeit von dem König so groß (S. 367).

Der König ist seinerseits auf den Adel aus einer ganzen Reihe von Gründen angewiesen. Er bedarf ihrer zur Gesellschaft, weiters um sich herauszuheben. Die Menschen die ihn bedienen gehören zum höchsten Adel des Landes. Ganz besonders aber braucht er den Adel als Gegengewicht gegen das Bürgertum, wie er das Bürgertum als Gegengewicht gegen den Adel braucht, wenn sich sein Spielraum bei der Verfügung über die Schlüsselmonopole nicht verringern soll.
Es ist vor allem die Gesetzlichkeit des 'Königsmechanismus', (Voraussetzungen) die den absolutistischen Herrscher auf den Adel angewiesen macht. Das Spannungsgleichgewicht zwischen Adel und Bürgertum muss aufrecht erhalten werden, damit keiner der beiden Stände zu schwach wird, das ist die Grundlage der Königspolitik.

Der Adel- und ebenso auch das Bürgertum- ist nicht nur von dem König abhängig; der König ist auch von der Existenz des Adels abhängig; aber ganz gewiss ist die Abhängigkeit des einzelnen Adeligen vom König unvergleichlich viel größer, als die Abhängigkeit des Königs von irgendwelchen einzelnen Adligen.

(Anmerkung: dieses Prinzip findet sich des öfteren wie z.B. beim Verhältnis Messeveranstalter - Messeaussteller, oder Marktveranstalter - Marktteilnehmer; die Kunst (eines Veranstalters) besteht hier in der Schaffung einer Art Abhängigkeitsverhältnis; dieses Verhältnis oder besser Beziehung oder Verflechtung könnte manfrau nun auch wieder bei Kommunikationsstrukturen finden: z.B. Zeitung - Abonnenten, Leser oder Website/Blog - Besucher; diese 'Kunst' funktioniert aber natürlich nur wenn 'mitgespielt' wird).

Das kommt in der Beziehung König und Adel, wie sie sich am Hof herstellt, sehr deutlich zum Ausdruck. Der König ist nicht nur der Unterdrücker des Adels, er ist auch Erhalter des Adels.

Der Hof wird so zu einer Zähmungs- und Erhaltungsanstalt des Adels.

Am Hofe stehen die Ritter nicht mehr wie ehemals in freier, kriegerischer Konkurrenz miteinander, sondern in monopolistisch gebundener Konkurrenz um die Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat.
Sie leben nicht nur unter dem Konkurrenzdruck, den sie selbst und eine Reservearmee von ländlichen Adeligen aufeinander ausüben, sondern sie stehen vor allem auch unter dem Druck von aufsteigenden bürgerlichen Schichten.

Aus dem dritten Stand kommen die Steuererträge. Die Interdependenz, die Verflechtung der verschiedenen, gesellschaftlichen Funktionen, und vor allem die Interdependenz von Adel und Bürgertum, ist außerordentlich viel enger geworden, als in den vorangehenden Phasen. Wie sich derart der Aufbau der menschlichen Beziehungen ändert, so ändert sich auch der Aufbau seines Bewusstseins- und Triebhaushalts (S. 368).

Der starke und beständige Druck von den verschiedensten Seiten her verlangt und züchtet eine beständigere Selbstkontrolle, ein stabileres Über-ich und neue Formen des Benehmens im Verkehr von Mensch zu Mensch: aus Kriegern werden Höflinge.

Eine mehr oder weniger entschiedene, stabile Verhöflichung der Krieger gehört zu den elementarsten, sozialen Voraussetzungen jeder größeren Zivilisationsbewegung.

Zum Verständnis des Zivilisationsprozesses ist ein gewisses Verständnis für den Aufbau des Hofes unentbehrlich.

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20070621

Ludwig XIV Adel Absolutismus Hof zt-64

Beim Aufstand der 'Fronde' ist Ludwig der XIV. noch minderjährig. Die Regentschaft der Königin wird ausgeübt durch den Kardinal Mazarin. Die Fronde ist eine Art von sozialem Experiment. Das Bild dieses Aufstandes zeigt, wie gespannt die Beziehungen zwischen allen diesen Gruppen waren.

Jede dieser Gruppen will die Königsmacht schmälern; aber jeder will es zu seinen Gunsten; jeder von ihnen fürchtet zugleich, die Macht eines anderen könne sich vergrößern. Schließlich stellt sich das- auch dank der Geschicklichkeit Mazarins- alte Gleichgewicht wieder her. Ludwig XIV. hat die Lehre dieser Tage nicht vergessen. Er sorgte für die Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts (S. 265).}

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Könige setzen sich (nachdem der Adel genügend geschwächt war) wieder zugunsten des Adels ein. Sie sichern den Bestand des Adels, als einer gehobenen Schicht vor dem andrängenden Bürgertum, um das Spannungsgleichgewicht zu erhalten.

Der Adel hat Steuerfreiheit aber trotzdem ein eher beschränktes Leben. Die Gerichte sind mit Bürgerlichen besetzt. Die Könige halten an der Bestimmung fest, dass ein Adeliger der Kaufmann wird, seine Adelstitel ablegen und auf seine Adelsvorrechte verzichten muss.

Damit ist dem Adel der einzige unmittelbare Weg zu Wohlstand verschlossen. Allenfalls indirekt durch Heirat. Wenn er allerdings am Hofe eine neue Monopolstellung erlangt, ermöglicht ihm diese eine standesgemäße und repräsentative Lebensführung und bewahrt ihn vor bürgerlichen Tätigkeiten.

Die Hofämter, die vielen Ämter des königlichen Haushalts werden dem Adel vorbehalten. Damit finden viele bezahlte Stellen; auch die Nähe zum König gibt diesen Stellen ein hohes Prestige. Und so hebt sich aus dem Gros des ländlichen Adels eine Adelsschicht heraus, die den bürgerlichen Spitzenschichten an Glanz und Einfluss die Waage halten kann, der höfische Adel. Die Hofämter werden zu einem Monopol des Adels (S. 267).

Diese Besetzung der Hofämter ging genauso wenig nach dem Plan eines einzelnen Königs vor sich, wie die Besetzung der anderen Staatsämter mit Bürgerlichen.
Es sind zuerst käufliche Positionen (Eigentum des Inhabers), die der Inhaber eines Amtes nur mit der Einwilligung des Königs ausüben darf. Dann gewinnt die Besetzung der Ämter durch Gunst die Oberhand. Auch der dritte Stand dringt in diese Hofämter und in die militärischen Posten (S. 268).

Das Verhältnis der Königsfunktion zur Funktion des Adels ist ambivalent. Könige (z.B. Heinrich IV. , Richelieu und andere Nachfolger) müssen sich selbst sichern und zwar sie müssen den Adel von allen Stellen, die einen politischen Einfluss geben, nach Möglichkeit fernhalten und sie müssen zugleich den Adel als einen selbständigen, sozialen Faktor im gesellschaftlichen Gleichgewicht erhalten.

Das Doppelgesicht des absolutistischen Hofes entspricht genau diesem zwiespältigen Verhältnis von König und Adel. Dieser Hof ist ein Instrument zur Beherrschung des Adels und gleichzeitig ein Instrument zu seiner Versorgung (S. 268).


Ein Bild der sinkenden Schicht zeigt der Adel unter Ludwig XIII. 1627 in dem Gesuch: 'Requestes et articles pour la rétablissement de la Noblesse'.
Von einer Fülle von Forderungen erfüllt sich nur eine: Die Hofämter werden dem Bürgertum verschlossen und dem Adel vorbehalten (war auch eine Empfehlung in Richelieu's Testament). Alle anderen Forderungen bleiben unerfüllt.

{In den deutschen Territorien hingegen suchen und erhalten Adelige neben den militärischen immer auch Verwaltungs- und Gerichtsämter. Die meisten höheren Staatsämter bleiben hier geradezu ein Monopol des Adels. Hier halten sich gewöhnlich Adlige und Bürgerliche innerhalb vieler Staatsämter nach einem genauen Verteilungsschlüssel die Waage.}

Ludwig XIV. hat dann die Zugangsmöglichkeiten zu solchen Hofämtern auf äußerste verengt.
Der Hof als Versorgungsanstalt für Adlige auf der einen Seite, als Beherrschungs- und Zähmungsanstalt der alten Kriegerschicht auf der anderen.

Das ungebundene, ritterliche Leben ist endgültig vorbei. Für den Gros des Adels verknappt sich von nun an nicht nur die wirtschaftliche Grundlage, sondern auch sein Wirkraum und sein Lebenshorizont wird enger. Er bleibt mehr oder weniger auf seinen Landsitz beschränkt.
Auch im Kriege kämpft er nicht mehr für sich als freier Ritter, sondern in einer strenger geregelten Ordnung als Offizier. Es bedarf eines besonderen Glücksfalles oder besonderer Beziehungen dieses ländlichen Adels um in den Kreis des höfischen Adels zu gelangen (S. 272).

Der Aufbau Versailles entspricht den beiden in einander verschlungenen Tendenzen des Königtums, der Aufgabe, Teile des Adels zu versorgen und sichtbar herauszuheben, wie der anderen, ihn zu beherrschen und zu zähmen in vollkommener Weise.
Der König gibt, aber er verlangt Gehorsam. Er lässt den Adel seine Abhängigkeit von dem Geld und den anderen Chancen, die er zu verteilen hat, ständig fühlen.

Diese Neigung, alles, was vorgeht, ganz genau zu überwachen, ist nicht wenig charakteristisch für den Aufbau dieser Königsherrschaft. In ihr kommen die starken Spannungen zum Ausdruck, die der König beobachten und bewältigen muss, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten.

Ludwig XIV.: Die Kunst der Regierung besteht darin, dass man die wirklichen Gedanken aller Prinzen Europas kennt, dass man alles weiß, was die Menschen vor uns verbergen wollen, ihre Geheimnisse, und sie genau überwacht (S. 273).

Das ist sehr charakteristisch für den eigentümlichen Aufbau der Gesellschaft, der eine Einherrschaft möglich macht, diese Notwendigkeit alles möglichst genau zu überwachen, was in dem Herrschaftsbereich des Zentralherrn vor sich geht.

Diese Notwendigkeit ist ein Ausdruck für die Spannungen und die große Labilität der sozialen Apparatur.

Das starke Spannungsgleichgewicht der zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, die sich annähernd die Waage halten ist gewiss nicht von irgendeinem König geschaffen worden. Aber wenn sich diese Konstellation einmal hergestellt hat, dann ist es für den Zentralherrn lebenswichtig, sie in ihrer ganzen Labilität aufrechtzuerhalten.
Diese Aufgabe aber erfordert eine möglichst genaue Überwachung der Untertanen (S. 274).

Auch einer der Gründe für den Bau von Versailles: Gelegentliche Unruhe unter den Massen. Noch aber ist die Arbeitsteilung nicht so weit fortgeschritten, dass der Druck der Bevölkerung der größte Druck wäre. Die gefährlichsten Rivalen des Königs sind in seinem engsten Kreis (S. 275).

Diese gefährlichsten Rivalen sind die Mitglieder des Königshauses selbst.

Schon oben ist gezeigt worden, wie sich allmählich im Zuge der Monopolbildung der Kreis der Menschen, die miteinander um Herrschaftschancen konkurrieren können auf die Mitglieder des Königshauses selbst beschränkt (S. 275). Unter Ludwig XIII. sind zentrifugale Tendenzen noch spürbar. Richelieu hat schließlich alle diese Kämpfe gewonnen, nicht zuletzt mit Hilfe des Bürgertums und der überlegenen finanziellen Mittel, die es ihm liefert. Ludwig XIV. steckt das Gefühl der Bedrohung in Fleisch und Blut. Der Hof ist für ihn eine Überwachungsanstalt. Fernbleiben macht misstrauisch

Damit haben die Herrschaftsmonopole, zentriert um die Monopole der Steuern und der körperlichen Gewalt, für eine bestimmte Stufe, nämlich als Monopole eines Einzelnen, ihre vollendete Form gefunden.

Aus dem Boden besitzenden und Boden oder Naturalrenten vergebenden König ist ein Geld besitzender und Geldrenten vergebender König geworden: Das gibt der Zentralisierung eine bisher unerreichte Stärke und Festigkeit.

Die Kraft der zentrifugalen, gesellschaftlichen Kräfte ist endgültig gebrochen. Alle möglichen Konkurrenten des Monopolherrn sind in eine institutionell gesicherte Abhängigkeit von ihm gebracht. In monopolistisch gebundener Konkurrenz kämpft nun der höfische Adel miteinander um Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat und dieser höfische Adel steht dabei unter dem Druck einer Reservearmee von ländlichen Adligen und von aufsteigenden bürgerlichen Elementen. Der Hof ist die Organisationsform dieses gebundenen Konkurrenzkampfes (S. 277).

Aber trotz der Größe der persönlichen Verfügungsgewalt über die monopolisierten Chancen, sie ist alles andere als unumschränkt. Es zeichnen sich bereits die Strukturelemente ab, die schließlich dazu führen, dass aus dieser persönlichen Verfügung eines Einzelnen über die Monopole, mehr und mehr eine öffentliche Verfügung, eine Verfügung unter der Kontrolle immer weiterer Teile des arbeitsteiligen Ganzen wird.

Für Ludwig XIV. gilt noch: "L'Etât c'est moi". Der Staat bin ich.

Institutionell hat die Monopolorganisation noch in beträchtlichem Maße den Charakter eines persönlichen Besitztums. Funktionell aber ist die Abhängigkeit des Monopolherrns von anderen Schichten außerordentlich stark und diese funktionelle Abhängigkeit wächst je weiter die Handels- und Geldverflechtung der Gesellschaft fortschreitet.
Nur durch das Spannungsgleichgewicht (aufsteigende Bürgerliche-schwächer werdender Adel) behält der Zentralherr seinen Entscheidungsspielraum. Das gewaltige Menschengeflecht über das Ludwig XIV. herrscht, hat seine eigene Gesetzlichkeit und sein eigenes Schwergewicht, denen er sich fügen muss.

Die Möglichkeit des Zentralfunktionärs, das ganze Menschengeflecht in seinem persönlichen Interesse zu steuern beschränkt sich erst dann, wenn das Spannungsgleichgewicht auf dem er balanciert, zugunsten des Bürgertums umkippt und sich eine neue Gesellschaftsbalance mit neuen Spannungsachsen herstellt.
Erst damit beginnen auch institutionell aus den persönlichen Monopolen öffentliche Monopole zu werden. In einer allmählichen Zentralisierung der physischen Gewaltmittel und der Steuerabgaben, im Zusammenhang mit einer immer stärkeren Funktionsteilung und mit dem Aufstieg berufsbürgerlicher Schichten organisiert sich die französische Gesellschaft Schritt für Schritt in der Form eines Staates (S. 279).

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20070515

Mittelalter Karl Pippin Hof Leben

Ein ganz kurzer Blick ins Mittelalter
in die Zeit Karls des Großen.

Karl der Große, Charlemagne, Carolus Magnus.
Sein Titel: König der Franken, Patrizier der Römer, Erlauchter.
Der Name seines Schwertes: Joyeuse.
Seine Frauen: Himiltrude (Kinder: Pippin der Bucklige und Tochter Rothaid), weiters eine unbenannte Langobardin, die er nach einem Jahr weg schickte und Hildigard (5 Töchter, 4 Söhne). Sie heiratete Karl im Alter von 12 Jahren.

Um die Mitte des 8. Jahrhunderts begann die Kirche ihre Forderungen hinsichtlich Zeremonie und Charakter der Ehe geltend zu machen.

Die Franken waren seit dem 6. Jahrhundet getauft. Die merowingischen Herrscher hatten trotzdem die Polygamie nie aufgegeben.

Laut Bonifatius (belegter Schriftwechsel mit Rom, Papst Zacharias) hielten viele Bischöfe, vier fünf Kebsweiber.

Wenn sich also der Klerus Freiheiten herausnahm, konnte man sich nicht gut über das Verhalten der Könige beklagen.

Bonifatius war über fränkische Zustände bestürzt.

Nach germanischem Recht besaß eine Ehe Gültigkeit, wenn ihr ein Sohn entspross. Die merowingische Dynastie war Ende des 5. Jahrhunderts von Chlodwig begründet worden.
Die merowingische Tradition war heidnisch.

Die christlichen Missionare verleibten die gestürzte Religion der eigenen ein. Bischöfe waren sehr verweltlicht.

Brauch der Franken den neuen König auf den Schild zu heben.

Als Pippin, der Vater Karls, gekrönt wurde (Kirche) waren die Franken schon seit mindestens 800 Jahren mit der römischen Zivilisation in Berührung.

Zwischen Römern und Germanen hatte ein kultureller Austausch stattgefunden (S. 26).

Pippin war der erste europäische Monarch, der sich als König 'von Gottes Gnaden' bezeichnete. Seine Heiligkeit war christlichen und nicht heidnischen Ursprungs ??
Er schwur, mit der Kirche Frieden zu halten.

Mitte des 8. Jahrhunderts war der Sitz der römischen Macht in Konstantinopel und nicht in Rom. Die ganze italienische Halbinsel wurde zu einer unbedeutenden Außenprovinz.
Das Herzogtum Rom fiel fast aus Versehen unter die Herrschaft der Päpste.

Die Pippinsche Schenkung (durch Bändigung der Langobarden) schuf den Kirchenstaat, der das Papsttum für mehr als tausend Jahre zu einer weltlichen Macht innerhalb Europas machte und die Teilung Italiens bis 1870 aufrecht erhielt.

Pippin hatte die wilde Leidenschaft für die Hetzjagd, wie alle Männer des Mittelalters.
Der Hof blieb nie lange an einem Ort.


Pippin folgte dem Brauch der fränkischen Könige und reiste mit den Höflingen umher - einmal um Regierungsgeschäfte in den verschiedenen Teilen des Reiches selbst zu überwachen, zum anderen, um die Kosten seiner Hofhaltung auf die verschiedenen königlichen Güter zu verteilen (S. 47).

An der Palastschule wurden noch die sieben freien Künste des antiken Roms gelehrt: Trivium Grammatik, Logik und Rhetorik, Quadrivium Arithmetik, Musik, Astronomie und Geometrie.

Die Volkssprache hatte sich vom klassischen Latein entfernt. Die Vulgärsprache, die später das Französische ergeben sollte, entwickelte sich bereits.

Lebenslängliche Klosterhaft war der übliche Weg, sich besiegter Feinde zu entledigen.
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Quelle bzw. Literaturhinweis: Charlemagne - from the Hammer to the Cross, Richard Winston, New York, 19?? Auszug bzw. Stichworte von Transitenator.
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20070421

Gutes Benehmen im Mittelalter zt-22

Der mittelalterliche Standard war ganz gewiss kein 'Anfang' oder eine 'unterste Stufe' des Prozesses der 'Zivilisation'. Es war ein anderer Standard als unserer. Und uns interessiert der kleine Weg vom Standard des Mittelalters zum Standard der frühen Neuzeit und zu verstehen, was da eigentlich mit dem Menschen vorging.

Der Standard des guten Benehmens im Mittelalter ist durch den Begriff 'courteoisie' repräsentiert. Dieser Inbegriff des Selbstbewusstseins hieß im englischen courtesy, im italienischen cortezia, im deutschen hövescheit, hübescheit, zuht.

Alle diese Begriffe weisen auf einen bestimmten sozialen Ort hin. Sie sagen: Das ist die Art, wie manfrau sich an den Höfen benimmt. Durch sie bezeichnen zunächst bestimmte Spitzengruppen der weltlichen Oberschicht, nicht etwa der Ritterschaft als Ganzes, sondern in erster Linie die ritterlich-höfischen Kreise um die großen Feudalherren, das, was sie für ihr Gefühl unterscheidet.

Wie sieht dieser Standard aus? Was zeigt sich als typisches Verhalten, als durchgehender Charakter der Vorschriften? Eine Einfalt, eine Naivität. Affekte spielen jäher und unmittelbarer. Wenige psychologische Nuancierungen. Wenig Komplizierungen im Gedankengut. Es gibt Freund-Feind, Lust-Unlust, gute-böse Menschen (S. 79). Triebe und Neigungen sind weniger verhalten als später. Hübsche Leute sind die edlen, die höfischen Leute. Das edle, das 'hoveliche' Benehmen wird immer wieder den 'geburischen siten', dem Verhalten der Bauern gegenübergestellt.

Elementare Vorschriften werden hier zu Erwachsenen gesagt. Merkverse über Sitten und Unsitten sind Zeugnisse für einen bestimmten Standard der Beziehungen von Mensch und Mensch, um Zeugnisse für den Aufbau der mittelalterlichen Gesellschaft und der mittelalterlichen Seelen. Die Verwandtschaft, die zwischen ihnen besteht, ist eine soziogenetische und psychogenetische Verwandtschaft; in den verschieden sprachigen Verhaltensvorschriften. Die Unterschiede treten an Bedeutung gegenüber den Gemeinsamkeiten zurück.

Auch die Bilder von Tafelnden sind Zeugnisse. Wenig Tafelgeschirr. Man bedient sich aus den gemeinsamen Schüsseln. Der Standard der Esstechnik während des Mittelalters entspricht einem ganz bestimmten Standard der menschlichen Beziehungen und der Affektgestaltung (S. 85).

Es ist nicht Armut an Geräten, der diesen Standard aufrecht erhält, sondern manfrau hat ganz einfach nicht das Bedürfnis nach etwas anderem. So zu essen ist selbstverständlich. Es entspricht diesen Menschen. (Ohne Gabel, gemeinsamen Schüsseln, Gläser, Löffel, Messer, Quadra). Am Ausgang des Mittelalters taucht die Gabel als Instrument zum herüber nehmen der Speisen aus der gemeinsamen Schüssel auf.

Die Verhaltensformen beim Essen sind nichts Isolierbares. Sie sind ein charakteristischer Ausschnitt aus dem Ganzen der gesellschaftlich gezüchteten Verhaltensformen. Ihr Standard entspricht einer ganz bestimmten Gesellschaftsstruktur. Welche Struktur ist das?

Das bleibt zu prüfen. Diese Verhaltensformen der mittelalterlichen Menschen waren nicht weniger fest mit ihren gesamten Lebensformen, mit dem Aufbau ihres Daseins verknüpft, als unsere Art des Verhaltens mit unserer Lebensweise und dem Aufbau unserer Gesellschaft (S. 87). Diese Gebräuche sind etwas, das dem Bedürfnis der Menschen entsprach, und das ihnen genau in dieser Form als sinnvoll und notwendig erschien.

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