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20070711

Hof Hofhaltung Verhöflichung der Krieger tz-04

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 4

Die Verhöflichung der Krieger

Die höfische Gesellschaft des 17. u. 18. Jahrhunderts und vor allem der höfische Adel Frankreichs nimmt eine eigentümliche Stellung ein.

Die Hofleute sind nicht die Urheber oder Erfinder der Affektdämpfung und der gleichmäßigeren Durchformung des gesamten Verhaltens. Sie folgen Verflechtungsmechanismen, die kein einzelner und auch keine einzelne Gruppe geplant hat.

Aber in dieser höfischen Gesellschaft wird der Grundstock vieler Verhaltens- und Verkehrsformen ausgeprägt, die mit dem Zwang zur Langsicht zu immer weiteren Funktionskreisen wandern. Ihre besondere Situation macht die Menschen zu Spezialisten für die Durchformung und Modellierung des Verhaltens im gesellschaftlichen Verkehr; denn sie haben zwar eine gesellschaftliche Funktion aber keinen Beruf (S. 352).

Nicht nur im Prozess der abendländischen Zivilisation, auch in Ostasien hat die Verhaltensmodellierung eine gleiche große Bedeutung. Hier zuerst am Sitz des Monopolherrn, laufen alle Fäden eines größeren Interdependenzgeflechts zusammen; hier kreuzen sich längere Aktionsketten als an irgendeinem anderen Punkt des Gewebes.

Die Langsicht, die strenge Regelung des Verhaltens, die dieses Zentralorgan von seinen Funktionären und von dem Fürsten selbst oder von seinen Stellvertretern und Dienern, verlangt ist größer als an irgendeinem anderen Punkt. Zeremoniell und Etikette bringen diese Situation klar zum Ausdruck. Auf den Zentralherrn und seine engere Umgebung dringt viel ein, jeder seiner Schritte ist unter Umständen von folgenschwerer und weitreichender Bedeutung. Vor allem dann, wenn die Monopole noch sehr stark den Charakter von privaten oder persönlichen Monopolen haben (S. 353).

Durch die Personen des Zentralherrn und seiner Minister hindurch wirkt sich jede einigermaßen bedeutende Bewegung und Erschütterung im ganzen Herrschaftsgebiet und dem Gros der Höflinge aus. Die Verflechtung zwingt zu beständiger Vorsicht, zu einem genauen Abwägen alles dessen, was er sagt und tut.

Die Bildung von Gewalt- und Steuermonopolen und von großen Höfen um diese Monopole ist gewiss nicht mehr, als eine Teilerscheinung im Zug der gesamten Prozesse, die eine allmähliche Zivilisation mit sich bringen. Aber sie ist eine von jenen Schlüsselerscheinungen, durch die man Zugang zu dem Triebwerk dieser Prozesse finden kann.

Der große Königshof steht eine Zeit lang im Mittelpunkt jener gesellschaftlichen Verflechtungen, die eine Zivilisation des Verhaltens in Gang setzen. Durch Verfolgung der Soziogenese des Hofes gerät man in die zivilisatorischen Umformungen hinein. Man sieht, wie Schritt für Schritt an Stelle eines Kriegeradels ein gezähmter Adel mit gedämpfteren Affekten tritt, ein höfischer Adel (S. 353).

Innerhalb jedes größeren Zivilisationsprozesses überhaupt, ist einer der entscheidensten Vorgänge die Verhöflichung der Krieger.

Im Abendland vollzieht sich die Verhöflichung der Krieger ganz allmählich vom 11. oder 12. Jahrhundert an bis sie schließlich im 17. u. 18. Jahrhundert langsam ihren Abschluss findet. An den Höfen zwingt das Beieinander einer Reihe von Menschen, deren Handlungen beständig ineinander greifen, auch die Krieger, die in diese Verflechtungen geraten, zu einem gewissen Maß von beständiger Rücksicht und Langsicht, zu einer stärkeren Regelung des Verhaltens und vor allem zu einer größeren Zurückhaltung der Affekte, zu einer Umformung des Triebhaushalts.

Der courteoise Verhaltenscode, die Minnelieder sind Zeugnisse für die ersten Schübe in jener Richtung, die dann schließlich zu einer vollen Verhöflichung des Adels und einer dauernden Umformung seines Verhaltens im Sinne der "Zivilisation" führt (S. 355). Demgegenüber ist die Landstraße voll von Begegnungen, die keine sehr große Regelung des Verhaltens erfordern.

Die friedlicheren Verflechungszwänge, die zu einer tief greifenden Umformung des Triebhaushaltes drängen, wirken zuerst noch nicht beständig und gleichmäßig ins Leben hinein; sie treten nur stellenweise auf, sind ständig durchbrochen und durchsetzt von kriegerischen Zwängen, die eine Affektzurückhaltung weder dulden noch erfordern.

Die courteoisen Vorschriften richten sich an Erwachsene und Kinder. Die Selbstzwangapparatur, das Über-Ich, ist noch nicht sehr stark und gleichmäßig entwickelt. Überdies fehlt hier einer der Hauptmotoren, nämlich der Auftrieb von städtisch-bürgerlichen Schichten gegen den Adel hin.
Dieser ist noch verhältnismäßig gering und auch dementsprechend die Konkurrenzspannung zwischen den beiden Ständen.

An den Territorialhöfen konkurrieren zwar schon Krieger und Städter (noch eine eher isolierte Erscheinung- die wechselseitige Abhängigkeit von Bürgertum und Adel ist noch sehr gering) um die gleichen Chancen, aber erst der absolutistische Hof bringt Menschen bürgerlicher und adeliger Herkunft in ständige Berührung miteinander.
Später ist die funktionelle Verflechtung von Adel und Bürgertum verhältnismäßig groß.
(Verflechtung = wechselseitige Abhängigkeit) (S. 356).

Ein deutlicher Ausdruck dieser geringer entwickelten Funktionsteilung für diese relativ große Ungebundenheit der verschiedenen Stände ist die Tatsache, dass Beziehung und Ausbreitung von Gebräuchen und Ideen zwischen Stadt und Land, zwischen Hof und Hof innerhalb der gleichen Schicht der Gesellschaft (auch über größere Entfernungen) größer sind als zwischen den Schichten.

Das ist der Gesellschaftsaufbau den manfrau vor Augen haben muss um jene anderen sozialen Prozesse zu verstehen mit denen es zu stärkerer "Zivilisation" der psychischen Selbststeuerung kommt (S. 357).

In der naturalwirtschaftenden Gesellschaft ist die wechselseitige Abhängigkeit zwischen verschiedenen Schichten gering. Die Art der Lebensführung ist unausgeglichen. Waffenmacht und Kriegspotential stehen hier in engster Abhängigkeit. Der waffenlose Bauer ist in einem Zustand der Niedrigkeit. Der Krieger ist ungebunden, seine funktionelle Abhängigkeit von Menschen der unteren Schicht ist durch die unmittelbare körperliche Bedrohung, die von ihm ausgeht eingeschränkt (S. 357).

Auch im Lebensstandard besteht ein außerordentlich großer Kontrast zwischen der obersten und der untersten Schicht. Solch großen Kontrasten begegnet manfrau noch heute in Menschenräumen, die in ihrem Aufbau der abendländisch-mittelalterlichen Gesellschaft näher stehen (Indien, Abessinien). Die Bauern leben da in steter Bedrohung durch Missernte oder Hungersnot (S. 358).

Erst wenn sich diese Kontraste verringern, wenn unter dem Konkurrenzdruck, der diese Gesellschaft von oben bis unten in Atem hält, Schritt für Schritt die Funktionsteilung, die wechselseitige Abhängigkeit und Verflechtung verschiedener Funktionen über größere Räume hin immer stärker wird, wenn die funktionelle Abhängigkeit auch der Oberschichten wächst und die gesellschaftliche Stärke mit dem Lebensstandard der unteren steigt, dann erst kommt es langsam zu jener beständigen Langsicht und jenem "Ansichhalten" bei oberen, zu jenem beständigen Auftrieb von unteren Schichten und zu allen jenen anderen Veränderungen, die in den Ausbreitungsschüben der Zivilisationsbewegung zusammenwirken (S. 358).

Zunächst leben alle (Krieger, Städter, Bauern, Schichten) für sich. Der Graben zwischen den Ständen ist tief. Es besteht ein sozialer Kontrast. Die Buntheit des Lebens ist größer. Die Oberschicht, der Adel, spürt noch keinen sonderlich großen sozialen Druck von unten. Er braucht noch nicht beständig an sich zu halten und zu überlegen, um seine Position als Oberschicht zu erhalten. Die vorherrschende Gefahr für den einen Krieger sind andere Krieger. Er braucht das Rohe und Vulgäre nicht aus seinem Leben zu verbannen. Der Gedanke an die unteren Schichten hat nicht viel Beunruhigendes für ihn. Keine Angst im Verkehr mit den Unterschichten. Es erweckt kein Peinlichkeitsgefühl, Unterschichten oder Unterschichtsgebärden zu sehen, sondern ein Gefühl der Verachtung, das unverhüllt, durch keine Zurückhaltung getrübt, durch keine Rücksicht umgeformt oder gedämpft zum Ausdruck gebracht wird (S. 359).
(Siehe dazu auch: Blick auf das Leben eines Ritters Band 1. S.283).

Die Krieger gelangen Schritt für Schritt in funktionelle und institutionelle Abhängigkeit. Das Wirken dieser Verflechtungsmechanismen ist bereits im 11. u. 12. Jahrhundert spürbar, in der Zeit in der sich die Territorialherrschaften verfestigen. Dann heben sich die Feudalhöfe empor. Und im 15. u. 16. Jahrhundert beschleunigt sich die ganze Bewegung, aus der diese Verhöflichung der Krieger ihre Antriebe erhält, die Funktionsteilung, die Integration, die wechselseitige Verflechtung immer größerer Menschenräume und -schichten.

Manfrau sieht es besonders deutlich an der Bewegung jenes Gesellschaftsinstrumentes, dessen Gebrauch und dessen Veränderungen den Stand der Funktionsteilung, Weite und Art der gesellschaftlichen Interdependenzen am genauesten anzeigen, an der Bewegung des Geldes:
Das Geldvolumen wächst rascher, und entsprechend rascher sinkt zugleich die Kaufkraft oder der Wert des Geldes. Auch diese Bewegung setzt früh im Mittelalter ein; neu ist nun, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, nicht die Monetarisierung (Verringerung der Kaufkraft des gemünzten Metalls allein) sondern das Tempo und das Ausmaß dieser Bewegung. Was zunächst als quantitative Veränderung erscheint, ist genauer besehen Ausdruck für qualitative Veränderungen, für Veränderungen im Aufbau der menschlichen Beziehungen, für Umbildungen der Gesellschaftsstruktur (S. 361).

Geldentwertung ist eine Teilerscheinung, nur ein Hebel in einem umfassenden Hebelwerk von gesellschaftlichen Verflechtungen. Unter dem Druck von Konkurrenzkämpfen einer bestimmten Stufe und Struktur wächst in dieser Zeit der Bedarf an Geld. Diese Bewegung hat für verschiedene Gruppen der Gesellschaft eine recht verschiedene Bedeutung. (Hier zeigt sich eine Vergrößerung der wechselseitigen funktionellen Abhängigkeit).

Begünstigt sind jene Gruppen, die durch den Erwerb von mehr Geld, durch eine entsprechende Vergrößerung ihres Geldeinkommens (durch ihre Funktion) die sinkende Kaufkraft ausgleichen können. Also vor allem bürgerliche Schichten und die Inhaber des Abgabenmonopols, die Könige.

Benachteiligt sind die Krieger- oder Adelsgruppen die ein immer geringeres Einkommen haben, je mehr sich das Geld entwertet. Es sind die Strudel dieser Bewegung von denen im 16. u. 17. Jahrhundert nun immer mehr die Krieger an den Hof und damit in die Abhängigkeit des Königs getrieben werden. Auf der anderen Seite wächst auch das Steuereinkommen der Könige, so dass sie eine immer größere Anzahl von Menschen an ihrem Hof erhalten können.

Wenn manfrau den Wandel der 'Stile' betrachtet dann kann manfrau den Eindruck gewinnen, als habe sich von Zeit zu Zeit der Geschmack oder die Seele der Menschen, gleichsam sprunghaft, durch eine plötzliche Mutation von innen her gewandelt: Nun sind es 'gotische Menschen', nun 'Menschen der Renaissance', die manfrau vor sich sieht, und nun 'Menschen des Barock' (S. 362).

Alle diese Veränderungen vollziehen sich geraume Zeit hindurch ganz langsam und lautlos. Die großen 'Explosionen' sind nichts als Teilerscheinungen innerhalb dieser kaum merklichen gesellschaftlichen Umlagerungen, die nur beim Vergleich verschiedener Generationen fassbar wird.

Auch der absolutistische Hof ist nicht von einzelnen irgendwann einmal plötzlich ersonnen oder geschaffen worden, sondern er bildet sich auf Grund einer bestimmten Verlagerung der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse ganz allmählich heran.

Der Hof erzeugt sich als eine viele einzelne Menschen überdauernde Form der menschlichen Beziehungen, als eine festgefügte Institution, die sich immer wieder, solange diese bestimmte Art von wechselseitiger Angewiesenheit sich auf Grund eines bestimmten Aufbaus der Gesamtgesellschaft besteht, von neuem bei weiteren Menschen herstellt.

Wie etwas die gesellschaftliche Institution einer Fabrik nicht fassbar ist, wenn manfrau sie nicht aus dem Aufbau des ganzen sozialen Feldes, der immer wieder Fabriken erzeugt, verständlich zu machen sucht, warum hier Menschen darauf angewiesen sind, als Arbeiter und Angestellt Dienste zu leisten und der Unternehmer seinerseits auf diese Dienste angewiesen ist (S. 363).

Genau so ist auch die gesellschaftliche Institution des absolutistischen Hofes unfassbar, wenn manfrau nicht die Bedürfnisformel kennt, nämlich Art und Maß der wechselseitigen Angewiesenheit, durch die Menschen verschiedener Art in dieser Form zusammengebunden und zusammengehalten wurden.
Erst so verliert er das Aussehen einer zufälligen oder willkürlich geschaffenen Gruppierung. Er gewinnt den Sinn eines Geflechts von menschlichen Beziehungen, das sich eine Zeit lang stets wieder in dieser Weise herstellte.
Eben weil der Hof vielen, einzelnen Menschen Chancen zur Befriedigung bestimmter gezüchteter Bedürfnisse oder Angewiesenheiten bot, welche wiederum vom Hof erzeugt wurden (S. 364). (Anmerkung: Also quasi eine ständige Produktion von Nachfrage durch Eigenwerbung. Verschicke 10000 Emails mit Deinem Photo und irgendwer wird Dich schon heiraten wollen :-).


Der Hof als 'Brut- und Zuchtstätte'.
Zusammenfassung von Teil 4

Der Hof als eine Bedürfniskonstellation die sich über Generationen hinweg immer von neuem herstellte:
Der Adel (Teile des Adels) bedurfte des Königs, weil mit der fortschreitenden Monopolbildung die Funktion des freien Kriegers aus der Gesellschaft verschwand, und weil im Zuge der zunehmenden Geldverflechtung die Gutserträge allein - gemessen am Standard des aufsteigenden Bürgertums - nicht mehr als einen mittelmäßigen Unterhalt und sehr oft nicht einmal ihn gewährten, ganz gewiss keine soziale Existenz, die der wachsenden Stärke bürgerlicher Schichten gegenüber das Prestige des Adels als Oberschicht hätte aufrecht erhalten werden können.

Unter diesem Druck begab sich ein Teil des Adels an den Hof und damit in die unmittelbare Abhängigkeit vom König. Allein das Leben hier, am Hofe, eröffnete dem einzelnen Adeligen noch Zugang zu wirtschaftlichen und zugleich zu Prestige-Chancen.

Wäre es den Adeligen nur um wirtschaftliche Chancen gegangen so hätten sie zu Geld durch eine kaufmännische Betätigung (Einheirat) besser und erfolgreicher kommen können. Aber um durch eine kaufmännische Tätigkeit zu Geld zu kommen, hätten sie ihren Adelsrang ablegen müssen; sie hätten sich in ihren eigenen Augen und denen des Adels degradiert.

Aber gerade dies, ihre Distanz zum Bürgertum, ihr Charakter als Adel, ihre Zugehörigkeit zur obersten Schicht des Landes, war es, was ihrem Leben für ihr eigenes Empfinden Sinn und Richtung gab.

Eben der Wunsch nach Erhaltung ihres ständischen Prestiges, das ist das Motiv des Handelns, welches den Vorrang hat vor dem Verlangen nach Reichtum.

So blieben sie vom König abhängig, weil sie allein durch den Gang an den Hof die Distanz zu allen anderen und das Prestige aufrecht erhalten an dem das Heil ihrer Seele hing.

So war das was sie suchten, nicht wirtschaftliche Existenzmöglichkeiten schlechthin, sondern Existenzmöglichkeiten, die sich mit der Aufrechterhaltung ihres unterscheidenden Prestiges, ihres Adelscharakters vertrugen.

Und diese doppelte Bindung, diese Bindung durch wirtschaftliche und durch Prestigenotwendigkeiten zugleich, ist für alle Oberschichten charakteristisch.

Antriebe beider Art legen sich als eine doppelte und unzertrennbare Kette um den einzelnen Menschen solcher Schichten. Nicht nur für die Träger der 'Civilité"'sondern auch für die der 'Zivilisation'.

Die Bindung durch das Verlangen nach einem bestimmten, sozialen Prestige findet sich als primäres Motiv des Handelns nur bei Angehörigen von Schichten, deren Einkommen unter normalen Umständen nicht allzu gering oder gar im Wachsen ist und erheblich über der Hungergrenze liegt.

Auch der Antrieb zur wirtschaftlichen Aktivität folgt einem Verlangen nach Wahrung eines bestimmten hohen gesellschaftsüblichen Standards und Prestiges. Gerade das erklärt, weshalb in solchen gehobenen Schichten die Affektregelung und vor allem die Ausbildung von Selbstzwängen im allgemeinen größer ist, als bei den korrespondierenden Unterschichten:
Die Angst vor dem Verlust oder auch nur der Minderung des gesellschaftlichen Prestiges ist einer der stärksten Motoren zur Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge.

Im 17. u. 18. Jahrhundert ist noch nicht wie in der bürgerlichen Welt Geld das Zentrum des Prestiges. Die Zugehörigkeit zur höfischen Gesellschaft bedeutet für das Bewusstsein der Zugehörigen mehr als Reichtum; gerade deswegen sind sie an den Hof gebunden. Es gibt für sie keinen anderen Ort, an dem sie ohne Degradierung leben können; und eben deswegen ist auch ihre Angewiesenheit auf den König, ihre Abhängigkeit von dem König so groß (S. 367).

Der König ist seinerseits auf den Adel aus einer ganzen Reihe von Gründen angewiesen. Er bedarf ihrer zur Gesellschaft, weiters um sich herauszuheben. Die Menschen die ihn bedienen gehören zum höchsten Adel des Landes. Ganz besonders aber braucht er den Adel als Gegengewicht gegen das Bürgertum, wie er das Bürgertum als Gegengewicht gegen den Adel braucht, wenn sich sein Spielraum bei der Verfügung über die Schlüsselmonopole nicht verringern soll.
Es ist vor allem die Gesetzlichkeit des 'Königsmechanismus', (Voraussetzungen) die den absolutistischen Herrscher auf den Adel angewiesen macht. Das Spannungsgleichgewicht zwischen Adel und Bürgertum muss aufrecht erhalten werden, damit keiner der beiden Stände zu schwach wird, das ist die Grundlage der Königspolitik.

Der Adel- und ebenso auch das Bürgertum- ist nicht nur von dem König abhängig; der König ist auch von der Existenz des Adels abhängig; aber ganz gewiss ist die Abhängigkeit des einzelnen Adeligen vom König unvergleichlich viel größer, als die Abhängigkeit des Königs von irgendwelchen einzelnen Adligen.

(Anmerkung: dieses Prinzip findet sich des öfteren wie z.B. beim Verhältnis Messeveranstalter - Messeaussteller, oder Marktveranstalter - Marktteilnehmer; die Kunst (eines Veranstalters) besteht hier in der Schaffung einer Art Abhängigkeitsverhältnis; dieses Verhältnis oder besser Beziehung oder Verflechtung könnte manfrau nun auch wieder bei Kommunikationsstrukturen finden: z.B. Zeitung - Abonnenten, Leser oder Website/Blog - Besucher; diese 'Kunst' funktioniert aber natürlich nur wenn 'mitgespielt' wird).

Das kommt in der Beziehung König und Adel, wie sie sich am Hof herstellt, sehr deutlich zum Ausdruck. Der König ist nicht nur der Unterdrücker des Adels, er ist auch Erhalter des Adels.

Der Hof wird so zu einer Zähmungs- und Erhaltungsanstalt des Adels.

Am Hofe stehen die Ritter nicht mehr wie ehemals in freier, kriegerischer Konkurrenz miteinander, sondern in monopolistisch gebundener Konkurrenz um die Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat.
Sie leben nicht nur unter dem Konkurrenzdruck, den sie selbst und eine Reservearmee von ländlichen Adeligen aufeinander ausüben, sondern sie stehen vor allem auch unter dem Druck von aufsteigenden bürgerlichen Schichten.

Aus dem dritten Stand kommen die Steuererträge. Die Interdependenz, die Verflechtung der verschiedenen, gesellschaftlichen Funktionen, und vor allem die Interdependenz von Adel und Bürgertum, ist außerordentlich viel enger geworden, als in den vorangehenden Phasen. Wie sich derart der Aufbau der menschlichen Beziehungen ändert, so ändert sich auch der Aufbau seines Bewusstseins- und Triebhaushalts (S. 368).

Der starke und beständige Druck von den verschiedensten Seiten her verlangt und züchtet eine beständigere Selbstkontrolle, ein stabileres Über-ich und neue Formen des Benehmens im Verkehr von Mensch zu Mensch: aus Kriegern werden Höflinge.

Eine mehr oder weniger entschiedene, stabile Verhöflichung der Krieger gehört zu den elementarsten, sozialen Voraussetzungen jeder größeren Zivilisationsbewegung.

Zum Verständnis des Zivilisationsprozesses ist ein gewisses Verständnis für den Aufbau des Hofes unentbehrlich.

-o-o-o-

20070709

Der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang tz-01

Theorie der Zivilisation von Norbert Elias Teil 1

(Frage:) Was hat die Organisierung der Gesellschaft in der Form von 'Staaten' (Monopolisierung u. Zentralisierung der Abgaben und körperlicher Gewalttat) mit der 'Zivilisation' zu schaffen?

Wir sehen (Def.:) , dass der Prozess der Zivilisation eine Veränderung des menschlichen Verhaltens und Empfindens in einer ganz bestimmten Richtung ist.

Sie wurde nicht beabsichtigt und nicht bewusst rational verwirklicht.

Die 'Zivilisation' ist ebenso wenig wie die 'Rationalisierung' ein Produkt der menschlichen 'Ratio' und Resultat einer auf weite Sicht hin berechneten Planung. Nichts in der Geschichte weist darauf hin, dass diese Veränderung 'rational', etwa durch eine zielbewusste Erziehung von einzelnen Menschengruppen durchgeführt worden ist. Sie vollzieht sich als Ganzes ungeplant.

Nun eine Anmerkung aus den Fußnoten (S. 475):
Weit verbreitet ist heute die Vorstellung, dass die Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und die einzelnen gesellschaftlichen Institutionen primär aus ihrer Zweckmäßigkeit für die derart verbundenen Menschen zu erklären sind.
Es sieht nach dieser Vorstellung so aus, als ob die Menschen aus der Einsicht in die Zweckmäßigkeit dieser Institutionen irgend wann einmal gemeinsam den Entschluss gefasst hätten, so und nicht anders miteinander zu leben. Aber diese Vorstellung ist eine Fiktion, und sie ist schon allein deswegen kein sehr gutes Leitinstrument der Forschung.

Die Einwilligung mit anderen zusammen zu leben und die Rechtfertigung dessen ist etwas Nachträgliches. Der Einzelne hat in dieser Hinsicht keine sehr große Wahl. Er wird in eine Ordnung und Institutionen hinein geboren; er wird konditioniert und selbst wenn er diese Ordnung und Institutionen wenig schön, wenig zweckmäßig findet, kann er nicht einfach seine Einwilligung zurückziehen und aus der bestehenden Ordnung herausspringen.

Er/Sie mag Abenteurer, Tramp, Gammler, Hippie, Bücherschreiber und am Ende auf einer einsamen Insel sein, aber er ist ihr Produkt. Die Ordnung zu missbilligen und vor ihr zu fliehen ist kein geringerer Ausdruck der Bedingtheit durch sie, als sie zu preisen und zu rechtfertigen.

Manfrau verstellt sich den Zugang zum Verständnis der Genese von Gesellschaftsformen, wenn manfrau sie sich in der gleichen Weise entstanden denkt, wie die Werke und Taten einzelner Menschen: durch individuelle Zwecksetzungen oder gar durch vernünftige Überlegungen und Pläne.

Die Vorstellung, dass die Zivilisation des Abendlandes auf Grund einer klaren Zwecksetzung geschieht ist durch Tatsachen kaum zu belegen. Es ist also wenig im Grunde getan, wenn manfrau Institutionen, wie den Staat, aus rationalen Zwecksetzungen erklärt.
Diese Verflechtung vieler Menschen ist selbst nichts Geplantes. Hier hat manfrau es mit Erscheinungen, mit Zwängen und Gesetzmäßigkeiten eigener Art zu tun.

Zivilisation ist nicht aus einem gemeinsamen Plane Vieler, sondern als etwas Ungeplantes, hervorgehend aus dem Mit- und Gegeneinander der Pläne vieler Menschen entstanden. So kommt es zu zunehmender Funktionsteilung, Integration von großen Menschenräumen und vielen anderen geschichtlich-gesellschaftlichen Prozessen. Und erst die Eigengesetzlichkeit der Verflechtung von individuellen Plänen und Handlungen, in die Bindung des Einzelnen durch sein Zusammenleben mit Andere, erst sie ermöglicht schließlich auch ein besseres Verständnis für das Phänomen der Individualität.

Das Miteinanderleben der Menschen, das Geflecht ihrer Absichten und Pläne, die Bindungen der Menschen durcheinander, sie bilden (weit entfernt die Individualität des Einzelnen zu vernichten), vielmehr das Medium, in dem sie sich entfaltet. Sie setzen dem Individuum Grenzen, aber sie geben ihm zugleich einen mehr oder weniger großen Spielraum. Das gesellschaftliche Gewebe der Menschen bildet das Substrat, aus dem heraus, in das hinein der Einzelne ständig seine individuellen Zwecke spinnt und webt (S. 477). Genaueres dazu: N. Elias, Die Gesellschaft der Individuen, Basel, 1939).
Ende Anmerkung aus Fußnote.

Aber die Zivilisation vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung. Es ist gezeigt worden
1. wie Fremdzwänge sich in Selbstzwänge verwandeln;
2. wie menschliche Verrichtungen hinter die Kulisse des gesellschaftlichen Lebens verdrängt und mit Schamgefühlen belegt werden;
3. wie die Regelung des gesamten Trieb- und Affektlebens durch eine beständige Selbstkontrolle immer stabiler wird.
Alles das geht nicht auf eine rationale Idee zurück, die vor Jahrhunderten konzipiert und dann einer Generation nach der anderen als Zweck des Handelns, als Ziel der Wünsche eingepflanzt wurde. Aber diese Transformation ist dennoch auch nicht nur ein strukturloser und chaotischer Wechsel (S. 312, 313).

Anmerkung: "Bei Durchsicht meiner ersten Stücke" schrieb Bertold Brecht: "Aber der den großen Sprung machen will, muss einige Schritte zurückgehen. Das Heute geht gespeist durch das Gestern in das Morgen. Die Geschichte macht vielleicht einen reinen Tisch, aber sie scheut den leeren."

Das allgemeine Problem des geschichtlichen Wandels: Dieser Wandel als Ganzes ist nicht 'rational' geplant; aber er ist auch nicht nur ein regelloses Kommen und Gehen ungeordneter Gestalten. (Frage:) Wie ist das möglich? Wie kommt es zu Gestaltungen, die kein Mensch beabsichtigt hat, und die dennoch alles andere sind als Wolkengebilde ohne Festigkeit, ohne Aufbau und Strukur?

Die Antwort auf diese Fragen ist einfach genug:
Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen, menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden. Es ist diese Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt; sie ist es, die dem Prozess der Zivilisation zugrunde liegt.

Diese Ordnung ist weder rational (entstanden aus zweckgerichteten Überlegungen einzelner Menschen) noch irrational (auf unbegreifliche Weise). Diese Ordnung ist von einzelnen Menschen mit der 'Natur' identifiziert worden; sie wurde von Hegel und Anderen als eine Art von überindividuellem Geist interpretiert (seine Vorstellung von einer 'List der Idee' zeigt, wie sehr ihn auch die Tatsache beschäftigte, dass sich aus allem Planen und Handeln der Menschen vieles ergibt, was kein Mensch beabsichtigt hat).

Aber solche Denkgewohnheiten (rational oder irrational) erweisen sich hier als unzulänglich. Die Wirklichkeit ist auch in dieser Hinsicht nicht ganz so aufgebaut, wie es uns die Begriffsapparatur eines bestimmten Standards glauben machen will, die ganz gewiss zu ihrer Zeit als Kompass durch die unbekannte Welt gute Dienste geleistet hat.

Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Verflechtungserscheinungen ist weder identisch mit der Gesetzlichkeit des 'Geistes', des individuellen Denkens und Planens, noch mit der Gesetzlichkeit dessen, was wir die 'Natur' nennen, wenn auch alle diese verschiedenen Dimensionen der Wirklichkeit funktionell unablösbar miteinander verbunden sind (S. 314).

Der allgemeine Hinweis auf die Eigengesetzlichkeit der Verflechtungserscheinungen fördert das Verständnis solcher Erscheinungen wenig, er bleibt leer und missverständlich, wenn manfrau nicht zugleich unmittelbar an bestimmten, geschichtlichen Wandlungen selbst die konkreten Mechanismen der Verflechtung und damit das Wirken dieser Gesetzmäßigkeiten aufzeigt.
Das wurde im dritten Kapitel gezeigt.
Im dritten Kapitel wird gezeigt, welche Art der Verflechtung, der wechselseitigen Angewiesenheit oder Abhängigkeit von Menschen, beispielsweise den Prozess der Zivilisation in Gang bringt. Hier ist gezeigt worden, wie der Zwang von Konkurrenzsituationen eine Reihe von Feudalherren gegeneinander treibt, wie der Kreis der Konkurrenten sich langsam verengt, wie es zur Monopolstellung eines von ihnen und damit im Zusammenhang zur Bildung des absolutistischen Staates kommt.

Diese ganze Umorganisierung der menschlichen Beziehungen hat ganz gewiss ihre unmittelbare Bedeutung für jene Veränderung des menschlichen Habitus, deren vorläufiges Ergebnis unsere Form des 'zivilisierten' Verhaltens und Empfindens ist und von diesem spezifischen Wandel im Aufbau des psychischen Habits wird in der Folge gesprochen werden.

Der Anblick dieser Verflechtungsmechanismen ist auch noch in einem allgemeineren Sinne für das Verständnis des Zivilisationsprozesses von Bedeutung: Erst wenn manfrau sieht, mit welch hohem Maß von Zwangsläufigkeit ein bestimmter Gesellschaftsaufbau, eine bestimmte Form der gesellschaftlichen Verflechtung kraft ihrer Spannungen zu einer spezifischen Veränderung und damit zu anderen Formen der Verflechtung hindrängt, erst dann kann manfrau verstehen, wie jene Veränderungen des menschlichen Habitus, jene Veränderungen in der Modellierung des plastischen, psychischen Apparats zustande kommen, die sich bis zur Gegenwart immer von neuem beobachten lassen. Erst dann kann manfrau auch verstehen, dass der Veränderung des psychischen Habitus im Sinne einer Zivilisation eine ganz bestimmte Richtung und Ordnung innewohnt.

Elias macht in einer Fußnote klar, dass er hier nicht an eine Entwicklung im Sinne Darwins (biologistische Vorstellungen) glaubt, er zitiert aus Social Change, Ogburn, London 1923: "The inevitable series of stages in the development of social institutions has not only not been proven but has been disproven ...(S.477) - the achievements have not been up to the high hopes entertained shortly after the publication of Darwins theory of natural selection. Goldenweiser, Social Evolution in Encyclopedia of Social Sciences, New York 1935:...(Evolution) is no longer accepted as a process to be contemplated, but as a task to be achieved by deliberate and concerted human effort".
Anmerkung: Das könnte bedeuten, dass 'Evolution' keinen für die menschliche 'Entwicklung' bedeutenden wissenschaftlichen Erklärungswert besitzt, sondern selber an sich einen bloßen ideellen Wert (eine zu vollführende Aufgabe) darstellt.

Die Zivilisation ist nichts 'Vernünftiges'; sie ist nichts 'Rationales', so wenig sie etwas 'Irrationales' ist. Sie wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, durch spezifische Veränderungen der Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind (S. 316).

Aber es ist durchaus nicht unmöglich, dass wir etwas 'Vernünftigeres', etwas im Sinne unserer Bedürfnisse und Zwecke besser Funktionierendes daraus machen können. Denn gerade im Zusammenhang mit dem Zivilisationsprozess gibt das blinde Spiel der Verflechtungsmechanismen selbst allmählich einen größeren Spielraum zu planmäßigen Eingriffen in das Verflechtungsgewebe und den psychischen Habitus, zu Eingriffen auf Grund der Kenntnis ihrer ungeplanten Gesetzmäßigkeiten (S. 316).

(Frage:) Aber welche spezifische Veränderung modelliert den psychischen Apparat im Sinne einer 'Zivilisation'?

Von den frühesten Zeiten der abendländischen Geschichte bis zur Gegenwart differenzieren sich die gesellschaftlichen Funktionen unter einem starken Konkurrenzdruck mehr und mehr. Je mehr sie sich differenzieren, desto größer wird die Zahl der Funktionen und damit der Menschen von denen der Einzelne abhängt. Das Verhalten von immer mehr Menschen muss aufeinander abgestimmt, genauer und straffer durch organisiert sein, damit die einzelne Handlung ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt.

Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter zu regulieren. Es handelt sich hier keineswegs nur um eine bewusste Regulierung. Gerade dies ist typisch für die Veränderung des psychischen Apparats im Zuge der Zivilisation, dass die stabilere Regelung des Verhaltens dem einzelnen Menschen als ein Automatismus an gezüchtet wird, als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstsein will.

So verfestigt sich im Einzelnen neben der bewussten Selbstkontrolle zugleich eine automatisch und blind arbeitende Selbstkontrollapparatur, die durch einen Zaun von schweren Ängsten Verstöße zu verhindern sucht. Aber bewusst oder nicht bewusst, die Richtung dieser Veränderung des Verhaltens im Sinne einer immer differenzierteren Regelung der gesamten psychischen Apparatur ist bestimmt durch die Richtung der gesellschaftlichen Differenzierung, durch die fortschreitende Funktionsteilung und die Ausweitung der Interdependenzketten in die jede Regung des Einzelnen eingebettet ist (S. 317).

Ein einfaches Bild dafür sind die Wege und Straßen.
Mittelalter: holprig, ungepflastert, natural-wirtschaftende Kriegergesellschaft, wenig Verkehr, Hauptgefahr der Überfall, die Gefahr ist überall gegenwärtig, ständige Bereitschaft zu kämpfen, die Leidenschaften spielen.
Heutige Zeit: Ein Hindurchwinden, Regulationen, geregelte Kreuzungen, Hauptgefahr, dass jemand die Selbst-Kontrolle verliert.

Mit der Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes wird auch die soziogene psychische Selbstkontrollapparatur differenzierter, allseitiger und stabiler. Aber die fortschreitende Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionen ist nur die erste, die allgemeinste der gesellschaftlichen Transformationen der Ursachen für die Veränderung des psychischen Habitus im Sinne einer 'Zivilisation'.

Mit der fortschreitenden Funktionsteilung geht eine totale Umorganisierung des gesellschaftlichen Gewebes Hand in Hand. (Siehe oben, zentrifugale Tendenzen, Feudalisierung..) Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur, die als ein entscheidender Zug im Habitus jedes 'zivilisierten' Menschen hervortritt, steht mit der Ausbildung von Monopolinstituten der körperlichen Gewalttat und mit der wachsenden Stabilität de gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang.

Erst mit der Ausbildung solcher stabiler Monopolinstitute stellt sich jene gesellschaftliche Prägeapparatur her, die den Einzelnen von klein auf an ein An-sich-Halten gewöhnt; erst im Zusammenhang mit ihr bildet sich im Individuum eine stabilere, zum guten Teil automatisch arbeitende Selbstkontrollapparatur (S. 320).

Wenn sich ein Gewaltmonopol bildet entstehen befriedete Räume, gesellschaftliche Felder, die von Gewalttaten normalerweise frei bleiben. die Zwänge, die innerhalb ihrer auf den einzelnen Menschen wirken, sind von anderer Art, als zuvor. Gewaltformen bleiben für sich in entsprechend veränderter Form den befriedeten Räumen zurück. Am sichtbarsten sind sie durch die wirtschaftliche Gewalt, durch ökonomische Zwänge verkörpert.

Folgendes ist die Richtung, in der sich das Verhalten und der Affekthaushalt der Menschen ändern, wenn sich der Aufbau der menschlichen Beziehungen in der geschilderten Weise umbildet:
Gesellschaften ohne stabiles Gewaltmonopol sind immer Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung relativ gering und die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, verhältnismäßig kurz sind, umgekehrt:
Gesellschaften mit stabileren Gewaltmonopolen, verkörpert zunächst durch einen größeren Königshof, sind Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung mehr oder weniger weit gediehen ist, in denen die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, länger und die funktionellen Abhängigkeiten des einen Menschen von anderen größer sind.
Hier ist der Einzelne geschützt aber auch selbst gezwungen die eigenen Leidenschaften und Wallungen zurück zu drängen (S. 321).

Je dichter das Interdependenzgeflecht wird, in das der Einzelne mit der fortschreitenden Funktionsteilung versponnen ist, je größer die Menschenräume sind, desto mehr ist der Einzelne in seiner sozialen Existenz bedroht, der spontanen Wallungen und Leidenschaften nachgibt; desto mehr ist derjenige im Vorteil, der seine Affekte zu dämpfen vermag. Mit der Monopolisierung der körperlichen Gewalt vollzieht sich eine Veränderung des Verhaltens im Sinne der 'Zivilisation' (S. 322).

Die Verwandlung des Adels aus einer Schicht von Rittern in eine Schicht von Höflingen ist ein Beispiel dafür. Wenn sich Monopolorganisationen der körperlichen Gewalt bilden, streben langsam die Affektäußerungen einer mittleren Linie zu.

Die Gewalttat ist kaserniert und hat in der Form, als Kontrollorganisation einen bestimmten Einfluss auf den Einzelnen in der Gesellschaft, er mag es wissen oder nicht. Diese Kontrollorganisation ist eine eigentümliche Form der Sicherheit. Von dieser gespeicherten Gewalt in der Kulisse des Alltags geht ein beständiger, gleichmäßiger Druck auf das Leben des Einzelnen aus, den er oft kaum noch spürt, weil er sich völlig an ihn gewöhnt hat.
Es ist die ganze Prägeapparatur des Verhaltens, die sich ändert und nicht nur die sondern der ganze Aufbau der psychischen Selbststeuerung.

Die Monopolorganisation zwingt nicht durch eine unmittelbare Bedrohung. Sie wirkt durch das Medium seiner eigenen Überlegung hindurch. Der aktuelle Zwang ist einer, den der/die Einzelne nun auf Grund seines Wissens um die Folgen seiner Handlungen auf sich selbst ausübt.
Die Monopolisierung der körperlichen Gewalt zwingt die waffenlosen Menschen in den befriedeten Räumen zu einer Zurückhaltung durch die eigene Voraussicht oder Überlegung; sie zwingt diese Menschen mit einem Wort zur Selbstbeherrschung (S. 326).

Die psychische Apparatur der Selbstkontrolle (Über-Ich, Gewissen...) wird nur in einer solchen Kriegergesellschaft unmittelbar gezüchtet. Sie ist im Verhältnis zu der Selbstzwangapparatur in stärker pazifizierten Gesellschaften diffus, unstabil und voll von Durchlässen für heftige Entladungen; die Ängste sind hier noch nicht im entferntesten dermaßen aus dem Bewusstsein in das 'Innere' zurückgedrängt. Die Angst hat hier noch stärker die Gestalt einer Angst vor äußeren Mächten (S. 327).

Was sich mit der Monopolisierung der Gewalttat in den befriedeten Räumen herstellt, ist ein anderer Typus von Selbstbeherrschung oder Selbstzwang. Es ist eine leidenschaftslosere Selbstbeherrschung.
Der Kontroll- und Überwachungsapparatur in der Gesellschaft entspricht die Kontrollapparatur, die sich im Seelenhaushalt des Individuums herausbildet. Beide üben einen steten, gleichmäßigen Druck zur Dämpfung der Affektäußerungen aus.

Wie in der Gesellschaft die Monopolisierung der physischen Gewalt die Angst und den Schrecken verringert, die der Mensch vor dem Menschen haben muss, aber zugleich auch die eigenen Affektentladungen hindert so sucht im Einzelnen die stetige Selbstkontrolle, an die er mehr und mehr gewöhnt wird, die Umschwünge im Verhalten und die Affektgeladenheit zu verringern. Wozu der Einzelne nun gedrängt wird, ist eine Umformung des ganzen Seelenhaushalts im Sinne einer kontinuierlichen, gleichmäßigen Regelung seines Trieblebens und seines Verhaltens nach allen Seiten hin (S. 328).

Und ganz in der gleichen Richtung wirken die waffenlosen Zwänge, z.B. die wirtschaftlichen Zwänge, denen der/die Einzelne in den befriedeten Räumen ausgesetzt wird. Sie zwingen zu einer unaufhörlichen Rück- und Voraussicht über den Augenblick hinaus, entsprechend der längeren und differenzierteren Ketten, sie fordern vom Einzelnen eine beständige Bewältigung seiner augenblicklichen Affekt- und Triebregungen.
Sie züchten im Einzelnen eine gleichmäßige Selbstbeherrschung, eine beständige Regelung seiner Triebe im Sinne der gesellschaftlichen Standarde.

Diese Zurückhaltung wird ihm von klein auf so zur Gewohnheit gemacht, dass sich in ihm, gleichsam als eine Relaisstation der gesellschaftlichen Standarde, eine automatische Selbstüberwachung der Triebe im Sinne der jeweiligen gesellschaftsüblichen Schemata und Modelle, eine 'Vernunft', ein 'Über-Ich' herausbildet, und dass ein Teil der zurückgehaltenen Triebregungen und Neigungen ihm überhaupt nicht mehr unmittelbar zum Bewusstsein kommt (S. 329).

Früher in der Kriegergesellschaft wurde die größere Chance zur unmittelbaren Lust mit Furcht (Höllenvorstellungen) bezahlt. Beides Lust und Unlust entlud sich hier offener und freier nach außen. Aber das Individuum war ihr Gefangener. Der/die Einzelne beherrschte seine/ihre Leidenschaften weniger, er/sie war stärker von ihnen beherrscht.
Der einzelne Mensch ist nun weniger Gefangener seiner Leidenschaften als zuvor, aber stärker als früher ist er durch seine funktionelle Abhängigkeit von der Tätigkeit einer immer größeren Anzahl Menschen gebunden und seine unmittelbare Triebbefriedigung ist viel beschränkter als früher.

Das Leben wird in gewissem Sinne gefahrloser, aber auch affekt- oder lustloser. Manfrau schafft sich dafür das, was im Alltag fehlt, im Traum, in Büchern und Bildern einen Ersatz: so beginnt der Adel auf dem Wege der Verhöflichung Ritterromane zu lesen, so sieht der Bürger Gewalttat und Liebesleidenschaft im Film (S. 330).
Der Kriegsschauplatz wird zugleich in gewissem Sinne nach innen verlegt. Ein Teil der Spannungen und Leidenschaften, die ehemals unmittelbar im Kampf zwischen Mensch und Mensch zum Austrag kamen, muss nun der Mensch in sich selbst bewältigen.

Die friedlicheren Zwänge, die seine Beziehungen zu anderen auf ihn ausüben, bilden sich in ihm ab; es verfestigt sich eine eigentümliche Gewohnheitsapparatur in ihm, ein spezifisches 'Über-Ich', das beständig seine Affekte im Sinne des gesellschaftlichen Aufbaus zu regeln, umzuformen oder unterdrücken trachtet. Aber die Triebe kämpfen nun in dem Einzelnen gegen diesen überwachenden Teil seines Selbst (S. 330, 331).

Durch die Interdependenz größerer Menschengruppen voneinander und durch die Aussonderung der physischen Gewalttat innerhalb ihrer stellt sich eine Gesellschaftsapparatur her, in der sich dauernd die Zwänge der Menschen aufeinander in Selbstzwänge umsetzen.
Diese Selbstzwänge, die von klein auf heran gebildet werden, haben teils die Gestalt einer bewussten Selbstbeherrschung, teils die Gestalt automatisch funktionierender Gewohnheiten; sie wirken auf eine genauere Regelung der Trieb- und Affektäußerungen nach einem der gesellschaftlichen Lage entsprechenden Schema hin; aber je nach dem inneren Druck, je nach Lage der Gesellschaft und des Einzelnen in ihr, erzeugen sie auch eigentümliche Spannungen und Störungen im Verhalten und Triebleben des Individuums, zu ständiger Unruhe und Unbefriedigtheit des Menschen, eben weil ein Teil seiner Neigungen und Triebe nur noch in verwandelter Form, etwa in der Phantasie, im Zusehen oder Zuhören, im Tag- oder Nachttraum Befriedigung finden kann.
Manchmal geht die Gewöhnung an eine Affektdämpfung so weit (z.B. Langeweile, Einsamkeitsempfindungen), dass dem Einzelnen eine furchtlose Äußerung der verwandelten Triebe in keiner Form mehr möglich ist.
Triebzwänge werden da anästhisiert und umgeben sich unter dem Druck der Gefahren dermaßen mit automatisch auftretenden Ängsten, dass sie unter Umständen für ein ganzes Leben lang taub und unansprechbar bleiben.
Eine dauernde scheinbar unbegründete innere Unruhe mag anzeigen, wie viele Triebenergien in eine Gestalt gebannt sind, die keine wirkliche Befriedigung zulässt (S. 332).
Kuriose Steckenpferde.

Der individuelle Zivilisationsprozess vollzieht sich größtenteils blind (bewusst ungesehen). Unter der Decke dessen, was die Erwachsenen denken und planen, hat die Art der Beziehung, die sich zwischen ihnen und den Heranwachsenden herstellt, Funktionen und Wirkungen in deren Seelenhaushalt, die sie nicht beabsichtigt haben und von denen sie kaum etwas wissen.

Ungeplant in diesem Sinne (re-)produzieren sich extrem ungünstige abnorme Modellierungserscheinungen, eigentlich psychische Abnormalitäten.
Aber auch der Habitus, der sich im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen Norm hält und zugleich subjektiv befriedigender ist, produziert sich nicht weniger ungeplant. Aus der gleichen, gesellschaftlichen Prägeapparatur gehen in einer breiten Streungskurve günstiger und ungünstiger gelagerte, menschliche Prägungen hervor (S. 333).

Die Umleitung und Verwandlung einzelner Triebenergien (Freud: 'Sublimierung') mag, statt in absonderlichen Vorlieben in einer individuell höchst befriedigenden und gesellschaftlich höchst fruchtbaren Tätigkeit oder Begabung ihren Ausdruck finden.
Hier wie dort (beim 'Abnormen' wie beim 'Angepassten') bildet sich das Beziehungsgeflecht der prägsamsten Phase, der Kinder- und Jugendzeit, in dem psychischen Apparat des einzelnen Menschen, in der Beziehung zwischen seinem Über-Ich und seinem Triebzentrum als sein individuelles Gepräge ab; hier wie dort verfestigt es sich zu einer Gewohnheitsapparatur.

Worin besteht der theoretische Unterschied zwischen einem individuellen Zivilisationsprozess, der als gelungen oder einem der als nicht gelungen gilt?

In dem einen Fall bilden sich schließlich im Rahmen einer gesellschaftlichen Erwachsenenfunktion gut eingepasste Verhaltensweisen und zugleich eine positive Lustbilanz; im anderen Fall schwere Anspannung mit hohen Kosten persönlicher Befriedigung und keine positive Lustbilanz, weil eine Instanz ihm verbietet und bestraft, was die andere möchte (S. 334, 335).

In Wirklichkeit lebt die Mehrzahl der Zivilisierten zwischen diesen beiden Extremen auf einer mittleren Linie.

Der gesellschaftliche Modellierungsprozess im Sinne einer abendländischen Zivilisation ist besonders schwierig. Er muss, um auch nur einigermaßen zu gelinge, entsprechend dem Aufbau der abendländischen Gesellschaft, eine besonders reiche Differenzierung, eine besonders intensive und stabile Regulierung des psychischen Apparates produzieren. Er nimmt daher im allgemeinen, und vor allem in den oberen und den mittleren Schichten, mehr Zeit in Anspruch als der Modellierungsprozess in weniger differenzierten Gesellschaften.
Der Widerstand gegen die Einpassung in den vorgegebenen Zivilisationsstandard, ist immer sehr beträchtlich. Später, als in weniger differenzierten Gesellschaften, erlangt der Einzelne den psychischen Habitus eines Erwachsenen.

Zusammenfassung:

Gesellschaftliche und individuelle Zivilisationsprozesse finden sich überall, wo unter einem Konkurrenzdruck die Funktionsteilung größerer Menschenräume voneinander abhängig, wo eine Monopolisierung der körperlichen Gewalt eine leidenschaftsfreiere Kooperation möglich und notwendig macht, überall, wo sich Funktionen herstellen, die eine beständige Rück- und Voraussicht auf die Aktionen und Absichten Anderer über viele Glieder hinweg erfordern.

Bestimmend für Art und Grad solcher Zivilisationsschübe ist dabei immer die Weite der Interdependenzen, der Grad der Funktionsteilung und der Aufbau der Funktionen innerhalb ihrer (S. 336).

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20070619

Mittelalter Neuzeit Städte Stände Adel Bürgertum zt-63

Die Gewinnung von Kommunalrechten durch die Städte ist der erste Markstein auf diesem Wege. Erst allmählich erfassen die Könige den Nutzen dieser ungewohnten Gebilde und es braucht Zeit bis erkannt wird, dass sie eine gewaltige Vergrößerung der eigenen Chancen bedeutet.
Dann aber fördern sie mit großer Konsequenz die Interessen dieses dritten Standes, soweit es ihren eigenen Interessen entspricht. Sie fördern vor allem die steuerbare, finanzielle Potenz der Bourgeoisie.

Aber sie bekämpfen mit allem Nachdruck den Anspruch der Städte auf Herrschaftsfunktionen. Der Anstieg des Königtums und des Bürgertums stehen in engster, funktioneller Abhängigkeit voneinander (S. 255).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Es fehlte auch nicht an Versuchen von Adel und Bürgertum, gegen den König zu packeln. Könige finden sich im Mittelalter in Situationen, in denen sie für bestimmte Maßnahmen die Einwilligung der versammelten Ständevertreter suchen müssen (S. 256).

Die ständischen Parlamente (wie Parteiparlamente) funktionieren, wenn eine unmittelbare Verständigung zwischen den Schichtenvertretern möglich ist. Umso größer die Spannungen in der Gesellschaft werden, umso größer werden die Machtchancen für den Zentralherrn.

In der mittelalterlichen Welt lebt jeder Stand in einem Bezirk für sich und sie konkurrieren noch nicht häufig. Nur an einer Stelle der Gesellschaft drängen aufsteigende, bürgerliche Elemente mit Hilfe des Königtums Ritter und Geistliche allmählich aus ihren Positionen: innerhalb der Herrschaftsapparatur, als Beamte (S. 256,257).

Im Gebiete Frankreichs steigt mit dem Wachstum der Städte zugleich der Anteil städtischer Elemente an den Posten der Königsverwaltung und diese Elemente durchdringen hier allmählich bereits während des Mittelalters den Herrschaftsapparat bis zu einem Grade, der in den meisten, deutschen Territorien noch bis weit in die Neuzeit hinein nicht erreicht wird (S. 258).

Die Bürger gelangen in diesen Apparat auf einem doppelten Weg. Durch den wachsenden Anteil an den weltlichen Stellen und dann durch ihren Anteil an geistlichen Stellen (clercs, Männer, die studiert haben und Latein lesen und schreiben können).

Der Verwaltungsapparat säkularisiert sich allmählich und man (manfrau eher die Ausnahme) lernt Latein nun auch um Beamter zu werden.
Die Mehrzahl der Bürgerlichen aber gelangt durch das Studium, durch die Kenntnis des kanonischen und römischen Rechts in die höheren Bezirke des Herrschaftsapparats.
Das Studium wird zu einem normalen Aufstiegsweg für die Söhne der städtischen Spitzenschichten.
Bürgerliche Elemente drängen langsam die adligen und geistlichen Elemente in dem Herrschaftsapparat zurück. Die Schicht der Fürstendiener, der Beamten wird -zum Unterschied von Deutschland- zu einer ausschließlich bürgerlichen Formation (S. 258).

Es bildet sich mit dem Wachstum des Königsbesitzes eine Spezialistenschicht, deren soziale Stellung in erster Linie von ihrer Dienststellung abhängt, deren ständisches Prestige, deren persönliches Interesse mit den Interessen des Königtums und des Herrschaftsapparates weitgehend identisch sind.

Nun sind die Angehörigen des dritten Standes die Schreiber, Räte, Steuerverwalter, Mitglieder des Gerichts, die die Interessen der Zentralfunktion und die Kontinuität der Königspolitik über das Leben des einzelnen Königs hinaus wahren. Hier tragen bürgerliche Schichten das Königtum und die Könige bürgerliche Schichten hoch (S. 259).

Mit der Zurückdrängung des Adels aus der Herrschaftsapparatur erlangt das Bürgertum eine Machtposition von großer Bedeutung. Es sind in Frankreich nicht die reichen Kaufleute, nicht unmittelbar die Zünfte, die in den Auseinandersetzung mit dem Adel das Bürgertum repräsentieren, es ist die (hohe) Beamtenschaft in ihren verschiedenen Formationen (S. 259).

Am Anfang des 17. Jahrhunderts (Anmerkung: gilt nicht als Mittelalter das ist 'Neuzeit'. Das 'Mittelalter' dauert so bis ca. 1500 oder je nachdem)erhebt diese (die Beamtenschaft) den Anspruch dem Adel sozial gleichwertig zu sein.
In dieser Zeit hat die Verflechtung zwischen Adel und Bürgertum jene Stärke erreicht, die dem Zentralherrn eine besonders große Macht sichert (S. 260). Diese Gewichtsverschiebung zuungunsten des Adels geht nur zum Teil auf bewusste und planmäßige Aktionen bürgerlicher Kreise zurück.

Die Interdependenz, König-Bürgertum ist eine Folge des Konkurrenzmechanismus, durch den der Adel quasi auf eine Stufe wie das Bürgertum gerät. Sie ist vor allem eine Folge der fortschreitenden Geldverflechtung. Mit der ansteigenden Vermehrung des Geldvolumens geht die ständige Geldentwertung Hand in Hand. Der Adel verarmt (S. 261).

Die Religionskriege verdecken mit Trubel und Unruhen die wahre wirtschaftlichen Umwälzungen. Sie wecken bei den Kriegern Hoffnungen von leichten Beutezügen, Rettung vor dem Absturz, aber sie (die Ritter) ahnen nichts von den wirtschaftlichen Umwälzungen, die sie getroffen haben.
Das Geld vermehrt sich, die Preise steigen und sie wissen nicht warum. Sie sind von Schulden bedrängt und oft ruiniert. Die Männer der Robe drängen auf Bezahlung und bemächtigen sich der Adelsgüter und oft genug der Adelstitel (S. 262).

(Anmerkung: Warum haben die Ritter diese Preissteigerungen so gespürt, wenn sie doch eigenen Boden hatten und gewissermaßen autark waren. Haben sie ihre Ansprüche erhöht, wofür brauchten sie Geld? Antwort: Da waren die Kriegssteuern, aus denen später die Steuern hervorgingen).

Der Kriegeradel begreift die Kräfte und die Gewalt der Prozesse nicht, die ihn aus seiner angestammten Position drängen. Sie müssen nun mit den Männern des dritten Standes um Geld, um die eigenen Böden und um den sozialen Vorrang konkurrieren. Damit stellt sich jene Gleichgewichtsapparatur her, die einem Einzelnen, dem Zentralherrn, seine optimale Verfügungsgewalt gibt (S. 263).

Schon in den Kämpfen des 16. u. 17. Jahrhunderts sind bürgerliche Korporationen so reich, stark und zahlreich, dass sie den Machtansprüchen des Adels stärksten Widerstand entgegensetzen können. Der Adel ist ökonomisch zu schwach um eine ständige Bedrohung zu sein. Er kann nicht über die städtischen Menschen und ihre Abgaben verfügen.

Dem Adel entgleitet in dieser Zeit die Funktion der Verwaltung und der Rechtssprechung völlig. Diese Funktionen liegen ganz in den Händen bürgerlicher Korporationen. Der König erscheint jeder Schicht oder Körperschaft als Helfer gegenüber der Bedrohung durch andere Gruppen, deren sie allein nicht Herr werden können (S. 263).

Spitzengruppen sind nicht an einer radikalen Änderung der bestehenden Ordnung interessiert. Die Vielfalt der Spannungen stärkt so die Herrschaftschancen der Könige.

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Mittelalter Kirche Ritter Klerus König zt-62

In der Gesellschaft des 9. u. 10. Jahrhunderts gibt es zwei Schichten von Freien, die Kleriker und die Krieger. Die Angewiesenheit der Krieger ist (vor allem in Friedenszeiten) vom König gering. Die Angewiesenheit der Kleriker ist größer. Hier im westfränkischen Reich werden die Bischöfe nicht Herzöge. Daher ist ihre zentrifugal wirkende Schwächung gering. Der Klerus liegt verstreut.

Die Kirche wünscht also eine Zentralgewalt, einen König, der Macht genug hat, ihr Schirmherr gegen weltliche Gewalt (ritterliche Übergriffe) zu sein (S. 251).

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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Die Verbindung zwischen Kapetingerkönigen und Kirche ist nichts Zufälliges. Ihre Ursache ist Ausdruck einer Interessenkonstellation. Die Königswürde ist ein Instrument der Priester in der Auseinandersetzung mit der Kriegerkaste.

Das Königtum erhält eine Art von sakralem Charakter, es wird gewissermaßen zu einer kirchlichen Funktion. Die Kirche ist älter und auch organisatorisch fester gefügt als die meisten Herrschaftsbereiche dieser Zeit. Bei Konkurrenzsituationen zwischen Zentralherrn und Papst wird der Papst auf seine geistliche Vormachtstellung zurückgeworfen und der weltliche Charakter der Könige tritt reiner hervor (S. 252).

Die enge Verbindung des Königshauses mit der Kirche macht die Klöster, Abteien und Bistümer im Gebiete anderer Territorialherren zu Bastionen des Königtums.

Sie stellt etwas von dem geistlichen Einfluss der kirchlichen Organisation über das ganze Land hin zu seiner Verfügung, die Könige profitieren von der Schreibgewandtheit der Kleriker, dem politischen und organisatorischen Erfahrungsschatz der kirchlichen Bürokratie und ziehen auch von der kirchlichen Finanzkraft auf mannigfache Weise Nutzen. (Anm: Unliebsame Gegner, mögliche Erben, Konkurrenten werden auf Lebenszeit in Kloster verbannt und dort quasi in Haft gehalten. Klöster konnten auch als Gefängnisse dienen).

Eines ist aber auch sicher: Die Könige (der Zentralherr) erhalten aus Gebieten jenseits ihres eigenen Territoriums Abgaben kirchlicher Institutionen.
Wenn etwas dem traditionellen Königshaus einen Vorsprung vor den konkurrierenden Häusern gibt, dann ist es dieses Bündnis der nominellen Zentralherren mit der Kirche (S. 253).

Diese gesellschaftliche Kraft der Kirche arbeitet für eine Kontinuität des Königtums und in Richtung der Zentralisierung.
Diese tritt dann in dem Maße zurück, in dem die gesellschaftliche Triebkraft des dritten Standes (dem Bürgertum) ansteigt.

Aber schon hier kann sich der Zentralherr die Spannungen zwischen Kirche und Kriegerschicht zunutze machen.
Gleichzeitig ist er aber auch an diese Spannungen gebunden und ihr Gefangener. Die Machtfülle der vielen Kriegsherren drängt König und Kirche zusammen.

Zu den ersten großen Auseinandersetzungen zwischen Kirche und König kommt es erst in jener Zeit, in der reichliche Geldmittel aus dem bürgerlichen Lager dem König zuströmen (S. 254).

Mit der Herausbildung des dritten Standes kompliziert sich das Spannungsgeflecht und die Spannungsachse im Innern der Gesellschaft verlagert sich.

Im 11. u. 12. Jahrhundert ist die zentrale Spannung zwischen Kriegern und dem Klerus.
In der Zeit danach rückt der Antagonismus zwischen den Kriegern und den städtisch-bürgerlichen Gruppen als zentrale Spannung in den Vordergrund.

Der Zentralherr gewinnt eine neue Bedeutung. Die Angewiesenheit aller Teile der Gesellschaft auf einen obersten Koordinator wächst.
Die Könige distanzieren sich immer deutlicher von allen übrigen Kriegern durch ihre Stellung zwischen ihnen und den städtischen Schichten. Sie legen ihr Gewicht bald zugunsten der einen, bald zugunsten der anderen in die Waagschale.

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20070531

Mittelalter Feudalisierung Ritter Minnesang zt-47

Im Prozess der Feudalisierung zwei Phasen. Eine der äußersten Desintegration und eine der Re-Integration, einem langen geschichtlichen Prozess, in dessen Verlauf immer größere Gebiete und Menschenmengen interdependent und zu fester organisierten Integrationseinheiten werden.

Im 10. u. 11. Jahrhundert geht die Zerstückelung noch weiter, die Lehen zerteilen sich mehr und mehr. Dann schon im 11. u. 12. Jahrhundert vollzieht sich eine Reaktion.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Es tritt ein Phänomen ein, das sich in der Geschichte unter verschiedenen Formen mehrmals wiederholt hat. Die Grundherren, die besser platziert sind und die größeren Chancen haben, belegen die feudale Bewegung mit Beschlag. Sie fixieren es zuungunsten ihrer Vasallen. Eine Reaktion im Sinne einer Konsolidierung.

Nach einer Phase des freieren Konkurrenzkampfes verschiebt sich das Gleichgewicht zugunsten der wirtschaftlich stärkeren Gruppen. Die wenigen reicheren und größeren Grundherren gewinnen an gesellschaftlicher Stärke gegenüber den vielen kleinen.

Welcher Faktor? Die Bedeutung der langsamen Kommerzialisierung. Die Differenzierung der Arbeit, der Sektor des Markt- und Geldverkehrs in der Gesellschaft wächst, wenn auch noch die naturale Wirtschaftsform den Vorrang hat.

Das Wachstum des Handels- und Geldverkehrs kommt den wenigen, reichen und großen Grundherren in ganz anderem Maße zugute als dem Gros der kleinen, die leben wie sie bisher gelebt haben.

Auch die wachsenden Handwerker- und Händlersiedlungen, die Städte, schließen sich meist an die Festungen und Verwaltungszentren der großen Herrschaften an und stärken diese durch die Abgaben an sie.
An den Höfen der großen Grundherren sammelt sich kraft ihrer direkten oder indirekten Verflechtung das Handelsnetz, sei es in Naturalien, sei es in Edelmetall, ein Reichtum, der dem Gros der kleineren Grundherren fehlt.

Das Schicksal Walthers von der Vogelweide ist typisch. Bei geringen Expansionsmöglichkeiten der Gesellschaft, desto größer die Reservearmee der Oberschicht.

Die Höfe der größeren Feudalherren ziehen kraft der wachsenden Chancen auch eine wachsende Anzahl von Menschen an sich.
Das Gros der kleinen Ritter musste ein selbstgenügsames und oft beschränktes Leben führen.
Es vollzieht sich eine Differenzierung in der feudalen Rittergesellschaft die für die Lebenshaltung und Lebensart nicht ohne Folgen blieb.

Auch wachsen zwei neue Arten von Gesellschaftsorganen, zwei neue Siedlungs- oder Integrationsformen heraus. Die Höfe der größeren Feudalherren und die städtischen Siedlungen.

Diese großen Feudalhöfe gewinnen eine weit größere kulturelle Bedeutung als die Stadt.
Sie werden zu Repräsentationsstätten für Macht und Reichtum ihrer Gebieter, sie werden zu potentiellen Zentren der literarischen Patronage und der Geschichtsschreibung.

Es gibt noch keinen Buchmarkt. Der Dichter schafft und spricht hier unmittelbar für Menschen, die er kennt mit denen er täglich umgeht. Spielleute, Possenreißer und Narren, Minnesänger, Troubadoure ziehen von Burg zu Burg.
Die Funktion differenziert sich mit ihrem Publikum. Die Herren der reichen Höfe ziehen die besten Kräfte an ihren Hof. Dichter und Geschichtsschreiber gehören zu den Instrumenten des Prestigekampfes.

Minnesänger sind Ritter ohne Land. Die Ritter des 9. u. 10. Jahrhunderts sind nicht zimperlich mit Frauen (Schlag auf die Nase), Verachtung des Mannes für die Frau, diese gehört in die Kemenate (geht bis ins 16. Jahrhundert im Landadel).

Auch die Burgherrinnen haben lebhafte Leidenschaften und Temperament. Es entwickelt sich eine friedlichere Geselligkeit um die Herrin des Hofes, aber nur in den wenigen großritterlichen Höfen.

Hier tritt die kriegerische Funktion der Männer bis zu einem gewissen Grade zurück. Hier lebte zum ersten mal in der weltlichen Gesellschaft eine größere Anzahl von Menschen, auch von Männern in hierarchischer Ordnung und in beständiger, sehr enger Verflechtung unter den Augen der Zentralperson des Territorialherrn.

Das allein zwang alle Abhängigen zu einer gewissen Zurückhaltung. Hier war eine Fülle von unkriegerischer Verwaltungsarbeit. All das schuf eine friedlichere Atmosphäre. Wie überall dort, wo die Männer zum Verzicht auf körperliche Gewalt gezwungen sind, stieg das soziale Gewicht der Frauen.
Hier im Inneren der großen Feudalhöfe, stellte sich ein gemeinsamer Lebensraum, eine gemeinsame Geselligkeit von Männern und Frauen her (S. 109).

Die Frau war dem Mann in der Sphäre der friedlichen Geselligkeit überlegen. So entstanden hier auch zuerst um die Frauen Zirkel friedlicher, geistiger Regsamkeit. Im vornehmen Kreis war während des 12. Jahrhunderts die Bildung der Frau durchschnittlich feiner als die des Mannes.

Die Form der menschlichen Beziehung, die der Troubadourlyrik und dem Minnesang zugrunde liegt ist diejenige des sozial niedriger stehenden Mannes zu der sozial höher stehenden Frau.
Hier eine Nötigung des An-sich-haltens, zur Versagung, zur Bändigung der Triebe.

Es ist kein Zufall, dass sich hier in dieser menschlichen Situation als gesellschaftliches Phänomen das herausstellt was wir 'Lyrik' nennen, und jene Umformung der Lust, jene Tönung des Gefühls, jene Sublimierung und Verfeinerung der Affekte, die wir 'Liebe' nennen.
Dies ist die Situation und die Gefühlslage des Minnesanges.

Die Entstehung des Minnesanges ist nicht allein aus literarischen Antezedentien zu verstehen.
Warum blieben Marien- und Vagantenlyrik nicht auch weiter vorherrschende Ausdrucksformen der Gesellschaft?
Was sind die Dynamismen der Bewegung, welches die gestaltenden Kräfte der geschichtlichen Veränderung?

Die Quellenforschung, die Untersuchung der Antezedentien hat gewiss eine Bedeutung, aber ohne soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen bleibt seine Entstehung, sein Lehnszusammenhang dunkel.

Die großen geschichtlichen Veränderungen haben ihre strikte Gesetzmäßigkeit (S. 113).

20070526

Feudalismus Feudalsystem zt-46

Die Expansionsbewegung kam im 11. Jahrhundert allmählich zum Stehen. Die Kriegerbevölkerung wuchs weiter. Das so genannte Feudalsystem das im 12. Jahrhundert deutlicher hervortritt, ist nichts anderes als die Abschlussform dieser Expansionsbewegung im agrarischen Sektor der Gesellschaft; im städtischen hält diese Bewegung noch etwas an und findet ihre Abschlussform im geschlossenen Zunftsystem.

Die Besitzverhältnisse versteifen sich. Der Aufstieg wird immer schwerer. Auch die Standesunterschiede versteifen sich. Die Hierarchie in der Adelsschicht, die den verschiedenen Größenordnungen des Landbesitzes korrespondiert, tritt immer deutlicher hervor.

Die verschiedenen Titel verbinden sich mit dem Namen eines bestimmten Hauses als Ausdruck für die Größe seines Bodenbesitzes und damit auch seiner militärischen Macht.

Herzöge, Grafen (Comtes), Schiffseigners (Sires). Jeder hält was er kann. Er lässt sich von oben nichts mehr entreißen. Und es kann von unten niemand mehr hinein. Das Land ist verteilt. Aus einer Gesellschaft mit relativ offenen Chancen, wird im Laufe einiger Generationen eine Gesellschaft mit mehr oder weniger geschlossenen Positionen (S. 77).

Manfrau erkennt solche Perioden schon von weitem an einer gewisseren Verdüsterung der Seelen, mindestens bei den zu kurz Gekommenen, an einer Verhärtung und Erstarrung der gesellschaftlichen Formen, an den Sprengungsversuchen von unten und, wie gesagt, an dem stärkeren Zusammenschluss der Gleichgelagerten in hierarchischer Ordnung.

Die einzelnen Krieger sind nun im weiten Gebiet isolierter als zuvor. Neue Beziehungsformen werden hergestellt. Der Einzelne hat keine andere Möglichkeit sich gegen sozial Stärkere zu schützen, als die sich in den Schutz eines Mächtigeren zu stellen!

Individuelle Angewiesenheiten stellen sich her. Man geht Bündnisse ein. Der im Heer höher Rangierende ist 'Lehnsherr', der sozial Schwächere der 'Vasall'.

Individuelle Bündnisse sind zunächst die einzige Form in der die Menschen vor den Menschen Schutz finden können.

Das Feudalsystem steht in einem eigentümlichen Kontrast zur Stammesverfassung. Mit deren Lösung entstehen neue Integrationsformen und ein mächtiger Schub von Individualisierung.

Es ist eine Individualisierung relativ zum Stammesverband und zum Teil auch relativ zum Familienverband. Der Lehnsschwur ist nichts anderes als die Besiegelung des Schutzbündnisses zwischen einzelnen Kriegern, als die sakrale Verfestigung der individuellen Beziehung zwischen einem Boden vergebenden und schützenden Krieger und einem Dienste vergebenden Krieger.

Der König am einen, der Leibeigene am anderen Ende. Alle Stufen dazwischen haben ein Doppelgesicht. Sie haben nach unten Land und Schutz und nach oben Dienste zu vergeben. Aber dieses Geflecht von Angewiesenheiten des jeweils Höheren auf (kriegerische) Dienste barg Spannungen in sich.

In einer bestimmten Phase ist immer und überall im Abendland die Angewiesenheit der jeweils Höheren auf Dienste größer als die Angewiesenheit der jeweiligen Vasallen, wenn sie einmal über ein Stück Land verfügen, auf Schutz. Das gibt den zentrifugalen Kräften in dieser Gesellschaft, in der jedes Stück Land seinen Herren ernährt, ihre Stärke.

Warum macht der König nicht seine 'Rechtsansprüche' geltend?

Es handelt sich hier nicht um das, was man in einer differenzierten Gesellschaft 'Rechtsfragen' nennt. Die Rechtsformen entsprechen in jeder Zeit dem Aufbau der Gesellschaft.

Das Recht ist nicht vom Himmel gefallen. Es ist wie in jeder Gesellschaft, Funktion des Gesellschaftsaufbaus, Ausdruck der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse, Symbol für den Angewiesenheits- und Abhängigkeitsgrad der verschiedenen sozialen Gruppen oder für die gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse (S. 82).

In der feudalen Gesellschaft gab es keine stabile Machtapparatur über das ganze Gebiet hin. Die Besitzverhältnisse regulierten sich unmittelbar nach dem Maß der wechselseitigen Angewiesenheit und der tatsächlichen gesellschaftlichen Stärke. Es ist geradezu die Voraussetzung für das Verständnis der feudalen Gesellschaft, dass man die eigenen 'Rechtsformen' nicht als das Recht schlechthin betrachtet.

Jeder Ritter hatte ein Schwert, jeder Ritter hatte ein Recht.

Zur gesellschaftlichen Stärke: Die gesellschaftliche Stärke eines Mannes ist, der Chance nach, in der feudalen Kriegergesellschaft genau so groß, wie der Umfang und die Ergiebigkeit des Bodens, über den er faktisch verfügt.

Wer nicht kämpfen kann, hat kaum eine Chance. Aber wer einmal in dieser Gesellschaft über ein größeres Stück Land verfügt, besitzt als Monopolist des in dieser Gesellschaft wichtigsten Produktionsmittels eine gesellschaftliche Stärke, nämlich Chancen über seine persönliche individuelle Kraft hinaus.

Dass seine gesellschaftliche Stärke so groß ist, wie der Umfang und die Ergiebigkeit der Böden, über die er tatsächlich verfügt heißt zugleich: sie ist so groß, wie sein Gefolge, sein Heer, seine kriegerische Stärke.

Damit ist auch klar, dass er auf Gefolgsleute angewiesen ist. Und das ist ein Element in deren gesellschaftlicher Stärke. Das politische Spiel selbst würde manches von seinem Hasard-Charakter und seinen Mysterien verlieren, wenn das Geflecht der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse aller Länder in Analysen einigermaßen offen läge (S. 84).

Auch in den Beziehungen zwischen den Staaten, entscheidet ganz unverhüllt die gesellschaftliche Stärke.

Es fehlt in dieser Zeit eine um greifende Machtapparatur, die einem solchen zwischenstaatlichen Recht Rückhalt geben könnte.

Bei einem Völkerrecht ohne Machtapparatur bedeutet das bloß eine Regulierung nach gesellschaftlichen Stärkeverhältnissen und dass ein Machtzuwachs eines Landes, bei wachsender Verflechtung, eine Schwächung der gesellschaftlichen Stärke anderer Länder bedeutet (S. 85).

Es ist mehr als eine zufällige Analogie, die zwischen dem Verhältnis der einzelnen Burgherren in der feudalen Gesellschaft und dem von Staaten in der industriellen besteht!

Die Beziehungen der einzelnen Burgherren untereinander ähneln denen der heutigen Staaten. Um so unmittelbarer entscheidet für das Verhältnis zwischen den Einzelnen ihr Kriegspotential, Größe des Gefolges, des Bodens. Kein Treueschwur, kein Vertrag hält Veränderungen der gesellschaftlichen Stärke stand. Die Vasallentreue regulierte sich letzten Endes immer ganz genau nach dem tatsächlichen Maß von Angewiesenheit zwischen dem Spiel von Angebot und Nachfrage.

Boden ist in der feudalen Gesellschaft immer 'Eigentum' dessen, der tatsächlich darüber verfügt, der die Besitzrechte wirklich ausübt und stark genug ist es zu verteidigen.

Der, der Böden verlehnen muss um Dienste zu bekommen befindet sich daher im Nachteil. Der 'Lehnsherr' hat das 'Recht' auf den verlehnten Boden, aber der Belehnte verfügt tatsächlich darüber. Der Lehnsherr kann manche vom Boden verjagen aber er kann es nicht mit allen machen, da er Dienste der Krieger braucht um andere Krieger zu verjagen. Den Kriegern die ihm halfen, muss er wieder Boden geben usw.

So zerfällt das westfränkische Reich in eine Fülle kleinerer Herrschaftsgebiete. Feudalisierung ist nichts anderes als die Desintegrierung des Besitzes, der Übergang des Bodens aus der Verfügungsgewalt der Könige in die abgestufte Verfügungsgewalt der Kriegergesellschaft im ganzen (S. 88).


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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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20070523

Kreuzzüge Mittelalter Geld Wirtschaft zt-45

Im Mittelalter: Boden wird knapp. Innere und äußere Kolonisation gehen Hand in Hand. Am Beginn der Kreuzzüge stehen der Druck und die verschlossenen Chancen in der Heimat; die Auswanderung Einzelner und deren Erfolg ziehen andere nach sich. Das Ganze war eigentlich nicht geplant. Kreuzfahrer lassen sich vom oströmischen Kaiser die zu erobernden Länder als Lehen geben und gründen neue feudale Territorialherrschaften.

Ohne dem sozialen Druck im Inneren wäre nichts zustande gekommen.

Die Spannungen im Innern dieser Gesellschaft kamen nicht nur als Verlangen nach Boden und Brot zum Ausdruck. Sie lasteten als seelischer Druck auf dem ganzen Menschen. Der gesellschaftliche Druck gab die bewegende Kraft, wie ein Motor Strom gibt.
Er setzte die Menschen in Bewegung. Die Kirche lenkte die vorgegebene Kraft. Sie nahm die Not auf und gab ihr eine Hoffnung und ein Ziel außerhalb Frankreichs. Sie gab dem Kampf um neue Böden einen umfassenden Sinn und eine Rechtfertigung. Sie ließ ihn zu einem Kampf für den Glauben werden. Die Kreuzzüge sind eine spezifische Form der ersten großen Expansions- und Kolonisationsbewegung des christlichen Abendlandes.

Wenn dann der Prozess der Zivilisation, mit ihm die Bindung und Regelung des Trieblebens, fortschreitet (in den oberen Schichten stärker), dann nimmt auch der Kinderreichtum langsam ab.

Aber in jener ersten Phase vermehrten sich die Herrschenden des Kriegerstandes so rasch wie die unteren Karnickel. Es bildet sich eine Reservearmee der Oberschicht. Die abendländische Ausbreitungsbewegung bekam den Hauptimpuls aus der Landnot der Ritter. Neue Böden konnten nur mit dem Schwert erobert werden.

Der Menschenüberschuss der Oberschicht, des Adels, gab dieser ersten Expansions- und Kolonisationsperiode ihr besonderes Gepräge. Die Abgedrängten aus der Nicht-Adeligen Schicht bilden das Menschenmaterial der werdenden Stadtkommunen.

Die Habenichtse unter den Rittern zeigen sich in den Jahrhunderten unter den verschiedensten sozialen Charaktermasken: Kreuzritter, Raubritter, Bandenführer, Soldritter, Minnesänger..

Jedes Stück Land kommt in festen Besitz. Die Nachfrage nach Land bleibt bestehen oder wächst noch. Drang nach neuen Böden. Manfrau hat geglaubt, das Besitzstreben sei eine kapitalistische Eigenart, aber im Mittelalter stellte Bodenbesitz die wesentliche Form des Besitzes dar.

Das Erwerbsstreben hat also hier eine andere Form und eine andere Richtung. Es verlangt andere Verhaltensweisen.

Zu dieser Zeit haben sich politische und militärische Funktionen (Aktionen) noch nicht von den ökonomischen differenziert wie später. Diese sind weitgehend identisch. Das Streben nach Reichtum = Streben nach Boden = Streben nach Macht. Der Reichste ist auch der militärisch Mächtigste.

Der Inhaber einer Gutsherrschaft stand einem anderen Gutsherrscher wie ein Staat dem anderen gegenüber. Und so ist es der einfache Mechanismus in dieser Phase der inneren und äußeren Expansion, dass sowohl die reicheren und mächtigen Ritter wie die ärmeren in Bewegung sind um den eigenen Besitz zu vergrößern. Wichtig dann die Hausmacht.

Auch die Menschen der Unterschicht wurden vom Boden abgedrängt. Hier führten die Zwänge zu einer Differenzierung der Arbeit. Die vom Boden abgedrängten Unfreien bildeten das Material für die werdenden Handwerkersiedlungen, die sich langsam an günstig gelegene Herrensitze ankristallisierten, das Material für die werdenden Städte.

Ab dem 9. Jahrhundert Agglomerationen von Menschen, Städte wäre zu viel gesagt. Es waren Festungen und zugleich landwirtschafliche Verwaltungszentren größerer Herren. Für jegliche wirtschaftliche Aktivität darin bildete allein die Gutswirtschaft, die Domäne des Gutsherrn, den Rahmen. Manfrau produzierte und konsumierte im wesentlichen auf dem gleichen Platz.

Im 11. Jahrhundert kamen diese Gebilde ins Wachsen. Man schloss sich zusammen und erzwang sich allmählich neue Rechte. Es handelt sich um die ersten Befreiungskämpfe arbeitender bürgerlicher Menschen.

Dieser langsame Auftrieb der unteren arbeitenden städtischen Schichten zu politischer Selbständigkeit, zunächst in Gestalt des Berufsbürgertums enthält den Schlüssel zu fast allen jenen strukturellen Besonderheiten durch die sich die abendländischen Gesellschaften von denen des Orients unterscheiden, und durch die sie ihr spezifisches Gepräge gewinnen (S. 60).

Eine Reihe von Handwerkersiedlungen, Kommunen erstreitet sich eigene Rechte und Rechtsprechung, Privilegien und Autonomie. Ein dritter Stand von Freien (außer Adel und Klerus) tritt neben die anderen. Die Gesellschaft expandiert gewissermaßen auch im Inneren: sie differenziert sich und setzt neue Zellen an, sie bildet neue Organe, die Städte. (Städte sind aber keine abendländische Erfindung).

Mit der wachsenden Differenzierung und neuen größeren Märkten, wächst auch der Bedarf an mobilen und einheitlichen Tauschmitteln. Die Ketten zwischen Produzenten und Konsumenten werden allmählich länger. Sind die Ketten kurz brauchts kein Geld, keine Recheneinheit, keine Tauschmittel. Nun mit der Herauslösung aus dem Gutshof, mit der Ausbildung eines wirtschaftlich selbständigen Handwerks kompliziert sich das Geflecht der Tauschakte. Die Ketten werden länger. Manfrau braucht mehr Geld.

Das Geld ist in der Tat eine Inkarnation des gesellschaftlichen Gewebes, ein Symbol für das Geflecht der Tauschakte und der Menschenketten, in die ein Gut auf dem Wege von seinem Naturalzustand zur Konsumtion gelangt. Manfrau braucht es erst, wenn sich innerhalb einer Austauschgesellschaft längere Ketten bilden, also bei einer bestimmten Bevölkerungsdichte, einer größeren, gesellschaftlichen Verflechtung und Differenzierung (S. 62). Zuerst gab es nur byzantinische Goldmünzen (Aus dem Orient).

In der Karolingerzeit reiste noch der König von Pfalz zu Pfalz, um die Produkte seiner Güter gewissermaßen an Ort und Stelle zu verzehren. Es war so beschwerlich, die Gütermengen, die man zu seiner Ernährung brauchte hin und her zu bewegen, dass sich die Menschen zu den Gütern bewegen mussten (S.64).

Das Wachstum der Binnenlandverflechtung drängte zur Entwicklung der Landverkehrsmittel. Die Landtransportmittel und Geräte zur Ausnutzung der tierischen Arbeitskraft werden verbessert. In einem gewaltigen Konstruktionseifer wird der Nutzungsbereich der tierischen Arbeit vergrößert. Das Hufeisen erscheint.

Und im 13. Jahrhundert ist im Prinzip die moderne Zugtechnik für Pferd und auch für Zugvieh geschaffen. Nun Räderkarren, Ansätze zu Straßenpflasterung. Wassermühle.

In der Antike kein genagelter Eisenhuf. Zentrierung des Hauptverkehrs um die Wasseradern ist für den Aufbau der antiken Gesellschaft nicht wenig charakteristisch. Wie schmale Nervenstränge waren die größeren, städtischen Siedlungen an den Wasserwegen entlang in die weiten Landgebiete eingelagert.

Das Meer (nostre mare) war für das Römerreich die Grundlage seiner politischen und seiner wirtschaftlichen Einheit. Die Besiedelung erfolgte um ein Meer. Nach Mohammed werden die Araber warum auch immer unternehmenslustig. Aus dem römischen Meer wird ein arabisches. Und die alte Bedeutung des Mittelmeeres als Verkehrsmittel und Bindemittel wird zerstört.


Die gesellschaftliche Verflechtung des Abendlandes war im Mittelalter anders als in der Antike. Aber es war in gewisser Hinsicht ein Aufbau auf älteren Fundamenten. Aber der Motor der Bewegung lag nicht im 'Lernen von der Antike'. Er lag im Innern dieser Gesellschaft selbst, in ihren Automatismen, in den Bedingungen, unter denen sich die Menschen miteinander einrichten mussten. Auch die Automatismen waren nicht die gleichen wie in der Antike.

Zwei Strukturunterschiede im Vergleich zur Antike:
1. Es fehlte in der Gesellschaft des Abendlandes die billige Arbeitskraft der Kriegsgefangenen, der Sklaven und
2. die Wiederbesiedelung vollzog sich im Binnenland und im Zusammenhang mit Landverkehrsadern.

Was geschieht bei Sklaverei?
Diese treibt die Freien aus der Arbeit (als einer unwürdigen Beschäftigung). Es bildet sich neben einer nichtarbeitenden Oberschicht eine nichtarbeitende Mittelschicht. Die Reproduktion des Kapitals ist an die Reproduktion der Sklaven gebunden.

(Anmerkung: Hier werden rationale Motive unterstellt. Das beantwortet aber nicht, warum manfrau keine Sklaven mehr 'gemacht'/gehabt hat. War es lustiger die Gefangenen zu metzeln und zu verstümmeln und dann selber zu arbeiten oder hatte man eh schon genügend Quasi-Sklaven, also Leibeigene und Ähnliches? Viel später in Amerika gab es wieder Sklaverei. Eine Reihe von Fragen bezüglich der Sklaverei bleibt hier offen).

Das Fehlen von Sklavenimporten und von Sklavenarbeit gibt den Arbeitenden auch als Unterschicht, ein beträchtliches, gesellschaftliches Schwergewicht. In der Folge (z.B. heute) zieht die abendländische Gesellschaft bei wachsender Abhängigkeit aller von allen, die ehemals nicht arbeitenden Oberschichten in den Kreislauf der Arbeitsteilung hinein. Auch die technische Entwicklung und die Entwicklung des Geldes hat das Fehlen von Sklavenarbeit und die Entwicklung freier Arbeit zur Voraussetzung.

Das Mittelalter war keine statische Periode (versteinerter Wald), es gab Phasen voller Bewegung, Expansion, fortschreitende Arbeitsteilung, gesellschaftliche Transformationen und Revolutionen, Verbesserung der Arbeitsgeräte und Transportgeräte (S. 75).

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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20070517

Feudalisierung Courtoisie Naturalwirtschaft zt-43

Manfrau sieht zunächst, wie und warum in der frühen vorwiegend natural wirtschaftende Phase der abendländischen Geschichte die Integration und die Errichtung stabiler Herrschaftsapparaturen für große Reiche noch wenig Chancen hat.

Erobererkönige können zwar im Kampf riesige Gebiete zusammen bringen und mit dem Ansehen ihres Schwertes auch zusammen halten, aber der Aufbau der Gesellschaft erlaubt noch nicht die Schaffung einer stabilen Herrschaftsorganisation.

Im 9. u. 10. Jahrhundert mit der geringeren äußeren Bedrohung erreicht die Desintegration der Herrschaftsfunktionen einen außerordentlich hohen Grad. Jedes kleine Gut ist ein Herrschaftsbezirk, ein 'Staat' für sich und jeder kleine Ritter dessen ist unabhängiger Herr und Gebieter.

Die gesellschaftliche Landschaft zeigt nichts als eine Fülle von durcheinander gewürfelten Herrschafts- und Wirtschaftseinheiten; jede von ihnen ist autark und ohne größere Abhängigkeit von anderen.

In der weltlichen Herrenschicht ist die Integration durch den Kampf in Angriff oder Verteidigung die wesentliche Form der Verflechtung. Da ist nicht viel, was die Menschen der Herrenschicht zu einer beständigen Bändigung der Affekte bringen kann.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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Anmerkung: Die Exzerptreihen hier auf Transitenator sind nur gedacht als eine schnelle Orientierungshilfe und können die jeweilige Literatur nicht ersetzen.
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Es ist eine 'Gesellschaft' im weitesten Sinn des Wortes. Es ist noch keine Gesellschaft in dem Sinn auf eine beständige und gleichmäßige Integration von Menschen mit mehr oder weniger großer Enthaltsamkeit von Gewalttaten.

Die Frühform einer solchen 'Gesellschaft' bildet sich langsam an den großritterlichen Feudalhöfen heraus. Hier mit der Größe der Gutserträge, dem Anschluss an das Handelsnetz, mehr Menschen Dienste suchend, hier sind mehr Menschen zu einem friedlichen Umgang gezwungen und verbunden.

Gegenwart höher stehender Frauen, eine gewisse Zurückhaltung und etwas genauere Modellierung der Affekte und Umgangsformen. Die Courtoise ist ein Schritt auf dem Weg, der zu unserer Triebmodellierung führt, ein Schritt in Richtung der 'Zivilisation'.

Elias frägt: Was sind Grundlinien aus dem Triebwerk der gesellschaftlichen Prozesse, die zur Gestaltung der Gesellschaft im Sinne des 'Feudalsystems' führen und zu Beziehungen, die sich im Minnesang ausdrücken?

1. Das raschere Wachstum der Bevölkerung nach der Völkerwanderungszeit im Zusammenhang mit den immer festeren Besitzverhältnissen, sowie die Bildung eines Menschenüberschusses in der Adelsschicht, wie in der Schicht der Unfreien oder Halbfreien, und der Zwang für die Freigesetzten hier und dort, sich neue Dienste zu suchen.

2. Das langsame Einschalten von Stationen in den Weg der Güter von der Produktion zur Konsumtion, das Wachstum des Bedarfs an einheitlichen mobilen Tauschmitteln, die Verschiebung des Schwergewichts innerhalb der Feudalgesellschaft zugunsten der relativ wenigen großen, zu Ungunsten der vielen kleineren Herren.
Die Bildung groß ritterlicher Feudalhöfe, wo sich ritterlich-feudalen Züge mit höfischen zu einer Einheit verbinden sowie naturalwirtschaftliche und geldwirtschaftlichen Beziehungen im Ganzen dieser Gesellschaft.

3. Das Prestige- und Repräsentationsbedürfnis dieser großen Feudalherren im Konkurrenzkampf untereinander; ihr Distinktionswillen gegenüber den kleineren Rittern; als Ausdruck dessen werden Dichter und Sänger zu festen gesellschaftlichen Institutionen.

4. Erste Vorformen einer Emanzipation, einer größeren Bewegungsfreiheit der Frau. Ein Zwang zum An-Sich-Halten für den sozial abhängigen Mann, zu Rücksicht, zu einer gewissen noch sehr gemäßigten Regelung und Umformung des Trieblebens und Ausdruck solcher schwer verwirklichbarer Wünsche in der Sprache des Traums, im Gedicht. Minnesang als gesellschaftliche Institution.

An den großritterlichen Feudalhöfen bildet sich eine festere Konvention der Umgangsformen, eine Mäßigung der Affekte, eine Regelung der Manieren heraus. Es bildet sich der Standard der 'Courtoisie'.

Die Soziogenese der großen ritterlichen Feudalhöfe ist zugleich die Soziogenese dieses courtoisen Verhaltens.

Courtoisie ist eine Verhaltensform die sich bei den sozial-abhängigeren Existenzen im geselligen Kreise dieser ritterlich-höfischen Oberschicht herausbildete. Er ist kein Anfang. Es gibt keinen Zustand der absoluten Trieb-Ungebundenheit oder des 'Anfangs'.

Die relativ große Ungebundenheit der Triebäußerungen in der courtoisen Oberschicht entspricht genau der Integrationsform, dem Maß und der Art von wechselseitiger Abhängigkeit, in der die Menschen hier miteinander zu leben gehalten sind.

Das gesellschaftliche Geflecht der Abhängigkeiten, die sich in einzelnen Maschen kreuzen, ist hier weniger engmaschig und weniger weit reichend als in Gesellschaften mit höherer Arbeitsteilung. Regelungen und Bindungen des Trieblebens sind an den größeren Feudalhöfen beträchtlich größer als an den kleineren.

Hier stellt die Courtoisie eine Verfeinerung, ein Distinktionsmittel dar. Das Gros der Ritterschaft änderte sein Verhalten vom 9. bis etwa zum 16. Jahrhundert nur so geringfügig wie sich ihre Lebensbedingungen veränderten (S. 116).(Anm.: Verhalten ergibt sich aus den Lebensbedingungen).

Das Reich Karls des Großen war durch Eroberung zusammengebracht worden. Karl mit der Funktion des erobernden Verführers. Diese bildete die Grundlage seiner Königsmacht, seines Ansehens, seiner gesellschaftlichen Stärke.

Er belohnte die Krieger mit Boden. Dienste wurden nicht mit Geld bezahlt, sondern mit Boden. Der größte Teil des Bedarfs wurde unmittelbar vom Boden gedeckt. Alle ernährten sich und ihr Gefolge vom Land.

Die Herrschaftsstruktur hatte entsprechend der Wirtschaftsstruktur einen anderen Charakter als in der Zeit der 'Staaten'. Der Gutsherr hatte Polizei- und Gerichtsgewalt. Der Gutsherr vereinte in seiner Hand alle Herrschaftsfunktionen.

Diese eigentümliche Herrschaftsstruktur ist Beispiel für den Stand der Arbeitsteilung und Differenzierung in dieser gesellschaftlichen Phase. Sie führte zu bezeichnenden Spannungen und erzeugte bestimmte typische Abläufe.
Also hohe Bedeutung des Bodens. Landbesitz gibt Nahrung (Einkommen), Frondienste, Unabhängigkeit.

Wer einmal über ein bestimmtes Gebiet verfügte, war auf den Zentralherrn nicht mehr angewiesen und suchte Unabhängigkeit bei Anzeichen von Schwäche der Zentralgewalt.

Die Herren über ein Teilgebiet des Zentralherren, die Stammesherzöge sind jederzeit der Zentralgewalt gefährlich. Dieses Spiel wiederholt sich ständig. Was ursprünglich ein Lehen war soll erblich werden.

Immer neue Schübe von kriegsstarken Erobererkönigen die ihre Vertrauten ins Land schicken, die dann wieder ihre Hand drauf legen und die Sache behalten wollen. Die Stammesfürsten haben ja tatsächlich das Land zu eigen, brauchen den König nicht mehr und entziehen sich seiner Gewalt.

Ist der Zentralherr im Krieg erfolgreich, erhält er durch die Kraft und Bedrohung, die von seinem Schwert ausgeht, wieder die tatsächliche Verfügung über die Böden des ganzen Gebiets und kann eine Neuverteilung dieser Gebiete vornehmen.


Das ist eine der stehenden Figuren oder Prozesse im Entwicklungsmechanismus der abendländischen Gesellschaft im frühen Mittelalter.

Solche Prozesse findet man noch heute außerhalb Europas, werden aber durch das Einströmen von Geld modifiziert.

In diesem naturalwirtschaftlichen Gebiet also zentrifugale Tendenzen. In der abendländischen Geschichte finden sich Anzeichen für diesen Mechanismus bereits in der Merowingerzeit.

Große Teile des Herrschaftsgebietes gehen aus der Verfügungsgewalt des Zentralherrn in die der Territorialherren über (S.21). Deutlicher noch in der Karolingerzeit.

Karl der Große beseitigt nach Möglichkeit die alten Stammesherzöge und setzt eigene Beamten (Grafen) an deren Stelle. Schon unter Ludwig dem Frommen wird die Grafenfunktion erblich. Die Nachfolger Karls können sich dem Zwang zur tatsächlichen Anerkennung des Anspruchs auf Erblichkeit nicht mehr entziehen.

(Anmerkung: Aber wie könnte man diesen Wunsch nach Erblichkeit noch erklären? Der Ritter wird ziemlich brutal, auch gegen seiner Frau gegenüber dargestellt. Eine Erblichkeit macht für einen 'egoistischen' Ritter keinen Sinn, sondern nur die Sorge für seine Nachkommen. Hatte er also doch ein Herz?).

Die Stärke der zentrifugalen Kräfte erreichen schon unter Karl III. im Jahre 887 einen Höhepunkt, als er die dänischen Normannen nicht von Paris fernhalten kann.

Es zeigt sich unmittelbar, was eigentlich die Macht gebende und legitimierende und wichtigste Funktion des Königtums in dieser Gesellschaft ist. Überall in Europa wachsen kleine Könige hervor.

Mit dem Sieg gegen äußere Feinde schaffen Zentralherren das Fundament für die Stärkung der Zentralgewalt im Innern. Kirchliche Organisation diente damals stärker als heute der Herrschaftssicherung (S.23).

Otto versuchte diesen Mechanismen entgegen zu wirken, einerseits dadurch, dass er einzelne Wirkungsbereiche verkleinerte und Funktionen begrenzte, andererseits dadurch, dass Geistliche -
(die sich theoretischerweise nicht fortpflanzten und damit theoretisch auch nichts vererbten, aber es tatsächlich taten?; Anmerkung)
- mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattet wurden.

Aber diese geistlichen Würdenträger zeigten sich nicht weniger auf die Wahrung ihrer selbständigen Verfügungsgewalt über ein Gebiet bedacht, als die weltlichen.

Und diese Gleichschaltung der Interessen hoher geistlicher und weltlicher Würdenträger hat nicht wenig dazu beigetragen, dass in dem Deutschen Reich die tatsächliche Macht der Zentralgewalt für viele Jahrhunderte gering blieb und sich die Selbständigkeit der Territiorialherren verfestigte.

In Frankreich hingegen wurden die hohen Geistlichen kaum je Territiorialherren. Die Bischöfe blieben an einer starken Zentralgewalt interessiert. Und diese Gleichrichtung der Interessen von Kirche und Königtum, die ziemlich lange Bestand hatte, war nicht der geringste jener Faktoren, die in Frankreich relativ frühzeitig der Zentralgewalt ein Übergewicht über die zentrifugalen Tendenzen gab (S. 25).

Zunächst aber vollzog sich die Desintegration des westfränkischen Reiches rascher und radikaler als im ostfränkischen Reich.

Die Grundlage der gesellschaftlichen Stärke des Zentralherrn bildete, wenn manfrau von seiner 'Eroberermacht' (als Eroberer und Verteiler von neuen Böden) absieht, der Hausbesitz seiner Familie, das Land über das er unmittelbar verfügte.
Hausmacht und Territorium (Familienbesitz) waren es die zählten und waren die Basis der Königsmacht.

Am Beginn des 12. Jahrhunderts ist die uneingeschränkte Erblichkeit und Selbständigkeit der verschiedenen Territorialherrschaften, der ehemaligen Lehnsgebiete eine vollendete Tatsache.

Frankreich ist ein lockerer Bund kleinerer und größerer Herrschaftsgebiete. Das Gleiche in Deutschland am Ende dieses Jahrhunderts.

Während in 'Deutschland' sich die Territorialherrschaften für Jahrhunderte verfestigen, erstarkt in 'Frankreich' langsam wieder eine Zentralgewalt.

Das Bild dieser radikalen Desintegration muss man als Ausgangspunkt ins Auge fassen, wenn man verstehen will, durch welche Prozesse sich in der Gesellschaft jene Zentralorgane für größere Herrschaftsgebiete herausbildeten, die wir 'Absolutismus' nennen und jener Herrschaftsapparatur, die das Gerippe moderner Staaten bildet.

Die Stabilität der Zentralorgane in der Phase, die wir Zeitalter des Absolutismus nennen, steht zu der Instabilität jener Zentralgewalt der vorangehenden 'feudalen' Phase in starkem Kontrast (S. 31).

Was den Aufbau der Gesellschaft begünstigte, dort die Zentralisierung, hier die der Zentralisierung entgegenwirkenden Kräfte?

Hampe: Die Feudalisierung der Staatenwelt zwang die Herrscher ihre Truppenführer und Beamten mit Grundbesitz auszustatten (wollten sie nicht in Armut versinken oder die militärischen Gegenleistungen der Vasallen ausnutzen), so wurden sie zu kriegerischen Ausdehnungsversuchen geradezu getrieben, gegen die machtleeren Räume der Nachbarschaft.

Das war der Mechanismus in den das Königtum verstrickt war. Feudalisierung ist keine außen stehende Ursache.
Diese Verstrickungen (Automatismen):
Zwang zur Ausstattung der Krieger und Beamten mit Böden,
zwangsläufige Verringerung des Königsbesitzes (so keine neuen Eroberungsfeldzüge),
Tendenz zur Schwächung der Zentralgewalt in Friedenszeiten,
alles das sind Teilprozesse in dem großen Prozess der Feudalisierung selbst.

Diese spezifische Herrschaftsform und ihr Herrschaftsapparat waren unablösbar mit einer bestimmten Wirtschaftsform verbunden (S. 32). (Naturalwirtschaft).

Solange naturalwirtschaftliche Beziehungen in der Gesellschaft vorherrschten, war die Ausbildung eines zentralisierten Beamtentums und eines zentralisierten Herrschaftsapparates kaum möglich. Wer Wein trinken wollte, musste ihn in seinem eigenen Gebiet pflanzen lassen.

Die Interdependenzen der verschiedenen Gebiete war gering. Erst wenn diese wachsen, können sich für größere Gebiete Zentralinstitutionen von einiger Stabilität bilden.

Sehr langsam verflechten sich die verschiedenen Landschaften, die Integration größerer Gebiete und Menschenmassen wird stärker und dementsprechend auch der Bedarf an Tauschmitteln und Rechnungseinheiten, an Geld. (Erst im 17. Jahrhundert gab es in der Bourgogne 11 Gemeinden in denen jedermann Weinbauer ist).

Anmerkung von Elias: Es ist für das Verständnis des Prozesses der Zivilisation von besonderer Wichtigkeit, dass manfrau von diesen gesellschaftlichen Prozessen, von dem was
'Natural- oder Hauswirtschaft',
'Geldwirtschaft',
'Verflechtung größerer Menschenmengen',
'Änderung der gesellschaftlichen Abhängigkeit des Einzelnen',
'zunehmende Funktionsteilung' und
Ähnliches eigentlich meinen,
eine ganz anschauliche Vorstellung hat.

Allzu leicht werden diese Begriffe zu Wortfetischen, aus denen jede Anschaulichkeit verschwunden ist und damit im Grunde jede Klarheit.

Zum Beispiel der Begriff 'Naturalwirtschaft'.

Er zeigt eine ganz spezifische Form, in der die Menschen aneinander gebunden und voneinander abhängig sind. Es wird unmittelbar produziert und verbraucht. Keine Zwischenglieder. Der Weg differenziert sich. Immer mehr Menschen schalten sich als Funktionäre der Verarbeitung und Verteilung in den Übergang des Gutes vom ersten Erzeuger zum letzten Verbraucher ein.

Die 'Ketten' verlängern sich. Geld ist nichts anderes als ein Instrument, das manfrau braucht, und das die Gesellschaft sich schafft, wenn diese Ketten länger werden, wenn Arbeit und Verteilung sich differenzieren. Zwischen 'Naturalwirtschaft' und 'Geldwirtschaft' besteht kein absoluter Gegensatz.

Ketten verlagern und verändern sich allmählich. Die Abhängigkeit der Menschen voneinander verändert sich. Alles das sind verschiedene Aspekte des gleichen gesellschaftlichen Prozesses. Und eine Seite dieses Prozesses ist auch die Herrschaftsform und Herrschaftsapparatur.

Die Struktur der Zentralorgane korrespondiert mit dem Aufbau der Funktionsteilung und Verflechtung. Die Stärke der zentrifugalen, auf lokale politische Autarkie gerichteten Tendenzen in den vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaften entspricht dem Grad der lokalen ökonomischen Autarkie.

In Kriegergesellschaften zwei Phasen, die Ausbreitung (Krieg, Heirat) und die Konservierung (Frieden). Bei der Ausbreitung ist die gesellschaftliche Funktion des Zentralherrn die des Heerführers.

Drang zur Eroberung und zur Verteidigung ist hier das wichtigste Bindemittel von Menschen. Nach dem Krieg bedarf man seiner nicht mehr und auch seine sekundären Funktionen (Gerichtsherr, Schiedsrichter) verlieren sich. Ist kein Feind da gewinnen die zentrifugalen Kräfte die Oberhand. Tendenz zur Desintegration der größeren Herrschaftsgebiete.

Diese allmähliche Dezentralisierung der Herrschaft und der Böden, dieser Übergang des Landes aus der Verfügungsgewalt des erobernden Zentralherrn in die Verfügungsgewalt der Kriegerkaste als Ganzem ist nichts anderes als der Prozess der unter dem Namen der Feudalisierung bekannt ist.

Gab es noch andere Ursachen für diese schrittweise Dezentralisierung? (S.37).

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