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20070711

Hof Hofhaltung Verhöflichung der Krieger tz-04

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 4

Die Verhöflichung der Krieger

Die höfische Gesellschaft des 17. u. 18. Jahrhunderts und vor allem der höfische Adel Frankreichs nimmt eine eigentümliche Stellung ein.

Die Hofleute sind nicht die Urheber oder Erfinder der Affektdämpfung und der gleichmäßigeren Durchformung des gesamten Verhaltens. Sie folgen Verflechtungsmechanismen, die kein einzelner und auch keine einzelne Gruppe geplant hat.

Aber in dieser höfischen Gesellschaft wird der Grundstock vieler Verhaltens- und Verkehrsformen ausgeprägt, die mit dem Zwang zur Langsicht zu immer weiteren Funktionskreisen wandern. Ihre besondere Situation macht die Menschen zu Spezialisten für die Durchformung und Modellierung des Verhaltens im gesellschaftlichen Verkehr; denn sie haben zwar eine gesellschaftliche Funktion aber keinen Beruf (S. 352).

Nicht nur im Prozess der abendländischen Zivilisation, auch in Ostasien hat die Verhaltensmodellierung eine gleiche große Bedeutung. Hier zuerst am Sitz des Monopolherrn, laufen alle Fäden eines größeren Interdependenzgeflechts zusammen; hier kreuzen sich längere Aktionsketten als an irgendeinem anderen Punkt des Gewebes.

Die Langsicht, die strenge Regelung des Verhaltens, die dieses Zentralorgan von seinen Funktionären und von dem Fürsten selbst oder von seinen Stellvertretern und Dienern, verlangt ist größer als an irgendeinem anderen Punkt. Zeremoniell und Etikette bringen diese Situation klar zum Ausdruck. Auf den Zentralherrn und seine engere Umgebung dringt viel ein, jeder seiner Schritte ist unter Umständen von folgenschwerer und weitreichender Bedeutung. Vor allem dann, wenn die Monopole noch sehr stark den Charakter von privaten oder persönlichen Monopolen haben (S. 353).

Durch die Personen des Zentralherrn und seiner Minister hindurch wirkt sich jede einigermaßen bedeutende Bewegung und Erschütterung im ganzen Herrschaftsgebiet und dem Gros der Höflinge aus. Die Verflechtung zwingt zu beständiger Vorsicht, zu einem genauen Abwägen alles dessen, was er sagt und tut.

Die Bildung von Gewalt- und Steuermonopolen und von großen Höfen um diese Monopole ist gewiss nicht mehr, als eine Teilerscheinung im Zug der gesamten Prozesse, die eine allmähliche Zivilisation mit sich bringen. Aber sie ist eine von jenen Schlüsselerscheinungen, durch die man Zugang zu dem Triebwerk dieser Prozesse finden kann.

Der große Königshof steht eine Zeit lang im Mittelpunkt jener gesellschaftlichen Verflechtungen, die eine Zivilisation des Verhaltens in Gang setzen. Durch Verfolgung der Soziogenese des Hofes gerät man in die zivilisatorischen Umformungen hinein. Man sieht, wie Schritt für Schritt an Stelle eines Kriegeradels ein gezähmter Adel mit gedämpfteren Affekten tritt, ein höfischer Adel (S. 353).

Innerhalb jedes größeren Zivilisationsprozesses überhaupt, ist einer der entscheidensten Vorgänge die Verhöflichung der Krieger.

Im Abendland vollzieht sich die Verhöflichung der Krieger ganz allmählich vom 11. oder 12. Jahrhundert an bis sie schließlich im 17. u. 18. Jahrhundert langsam ihren Abschluss findet. An den Höfen zwingt das Beieinander einer Reihe von Menschen, deren Handlungen beständig ineinander greifen, auch die Krieger, die in diese Verflechtungen geraten, zu einem gewissen Maß von beständiger Rücksicht und Langsicht, zu einer stärkeren Regelung des Verhaltens und vor allem zu einer größeren Zurückhaltung der Affekte, zu einer Umformung des Triebhaushalts.

Der courteoise Verhaltenscode, die Minnelieder sind Zeugnisse für die ersten Schübe in jener Richtung, die dann schließlich zu einer vollen Verhöflichung des Adels und einer dauernden Umformung seines Verhaltens im Sinne der "Zivilisation" führt (S. 355). Demgegenüber ist die Landstraße voll von Begegnungen, die keine sehr große Regelung des Verhaltens erfordern.

Die friedlicheren Verflechungszwänge, die zu einer tief greifenden Umformung des Triebhaushaltes drängen, wirken zuerst noch nicht beständig und gleichmäßig ins Leben hinein; sie treten nur stellenweise auf, sind ständig durchbrochen und durchsetzt von kriegerischen Zwängen, die eine Affektzurückhaltung weder dulden noch erfordern.

Die courteoisen Vorschriften richten sich an Erwachsene und Kinder. Die Selbstzwangapparatur, das Über-Ich, ist noch nicht sehr stark und gleichmäßig entwickelt. Überdies fehlt hier einer der Hauptmotoren, nämlich der Auftrieb von städtisch-bürgerlichen Schichten gegen den Adel hin.
Dieser ist noch verhältnismäßig gering und auch dementsprechend die Konkurrenzspannung zwischen den beiden Ständen.

An den Territorialhöfen konkurrieren zwar schon Krieger und Städter (noch eine eher isolierte Erscheinung- die wechselseitige Abhängigkeit von Bürgertum und Adel ist noch sehr gering) um die gleichen Chancen, aber erst der absolutistische Hof bringt Menschen bürgerlicher und adeliger Herkunft in ständige Berührung miteinander.
Später ist die funktionelle Verflechtung von Adel und Bürgertum verhältnismäßig groß.
(Verflechtung = wechselseitige Abhängigkeit) (S. 356).

Ein deutlicher Ausdruck dieser geringer entwickelten Funktionsteilung für diese relativ große Ungebundenheit der verschiedenen Stände ist die Tatsache, dass Beziehung und Ausbreitung von Gebräuchen und Ideen zwischen Stadt und Land, zwischen Hof und Hof innerhalb der gleichen Schicht der Gesellschaft (auch über größere Entfernungen) größer sind als zwischen den Schichten.

Das ist der Gesellschaftsaufbau den manfrau vor Augen haben muss um jene anderen sozialen Prozesse zu verstehen mit denen es zu stärkerer "Zivilisation" der psychischen Selbststeuerung kommt (S. 357).

In der naturalwirtschaftenden Gesellschaft ist die wechselseitige Abhängigkeit zwischen verschiedenen Schichten gering. Die Art der Lebensführung ist unausgeglichen. Waffenmacht und Kriegspotential stehen hier in engster Abhängigkeit. Der waffenlose Bauer ist in einem Zustand der Niedrigkeit. Der Krieger ist ungebunden, seine funktionelle Abhängigkeit von Menschen der unteren Schicht ist durch die unmittelbare körperliche Bedrohung, die von ihm ausgeht eingeschränkt (S. 357).

Auch im Lebensstandard besteht ein außerordentlich großer Kontrast zwischen der obersten und der untersten Schicht. Solch großen Kontrasten begegnet manfrau noch heute in Menschenräumen, die in ihrem Aufbau der abendländisch-mittelalterlichen Gesellschaft näher stehen (Indien, Abessinien). Die Bauern leben da in steter Bedrohung durch Missernte oder Hungersnot (S. 358).

Erst wenn sich diese Kontraste verringern, wenn unter dem Konkurrenzdruck, der diese Gesellschaft von oben bis unten in Atem hält, Schritt für Schritt die Funktionsteilung, die wechselseitige Abhängigkeit und Verflechtung verschiedener Funktionen über größere Räume hin immer stärker wird, wenn die funktionelle Abhängigkeit auch der Oberschichten wächst und die gesellschaftliche Stärke mit dem Lebensstandard der unteren steigt, dann erst kommt es langsam zu jener beständigen Langsicht und jenem "Ansichhalten" bei oberen, zu jenem beständigen Auftrieb von unteren Schichten und zu allen jenen anderen Veränderungen, die in den Ausbreitungsschüben der Zivilisationsbewegung zusammenwirken (S. 358).

Zunächst leben alle (Krieger, Städter, Bauern, Schichten) für sich. Der Graben zwischen den Ständen ist tief. Es besteht ein sozialer Kontrast. Die Buntheit des Lebens ist größer. Die Oberschicht, der Adel, spürt noch keinen sonderlich großen sozialen Druck von unten. Er braucht noch nicht beständig an sich zu halten und zu überlegen, um seine Position als Oberschicht zu erhalten. Die vorherrschende Gefahr für den einen Krieger sind andere Krieger. Er braucht das Rohe und Vulgäre nicht aus seinem Leben zu verbannen. Der Gedanke an die unteren Schichten hat nicht viel Beunruhigendes für ihn. Keine Angst im Verkehr mit den Unterschichten. Es erweckt kein Peinlichkeitsgefühl, Unterschichten oder Unterschichtsgebärden zu sehen, sondern ein Gefühl der Verachtung, das unverhüllt, durch keine Zurückhaltung getrübt, durch keine Rücksicht umgeformt oder gedämpft zum Ausdruck gebracht wird (S. 359).
(Siehe dazu auch: Blick auf das Leben eines Ritters Band 1. S.283).

Die Krieger gelangen Schritt für Schritt in funktionelle und institutionelle Abhängigkeit. Das Wirken dieser Verflechtungsmechanismen ist bereits im 11. u. 12. Jahrhundert spürbar, in der Zeit in der sich die Territorialherrschaften verfestigen. Dann heben sich die Feudalhöfe empor. Und im 15. u. 16. Jahrhundert beschleunigt sich die ganze Bewegung, aus der diese Verhöflichung der Krieger ihre Antriebe erhält, die Funktionsteilung, die Integration, die wechselseitige Verflechtung immer größerer Menschenräume und -schichten.

Manfrau sieht es besonders deutlich an der Bewegung jenes Gesellschaftsinstrumentes, dessen Gebrauch und dessen Veränderungen den Stand der Funktionsteilung, Weite und Art der gesellschaftlichen Interdependenzen am genauesten anzeigen, an der Bewegung des Geldes:
Das Geldvolumen wächst rascher, und entsprechend rascher sinkt zugleich die Kaufkraft oder der Wert des Geldes. Auch diese Bewegung setzt früh im Mittelalter ein; neu ist nun, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, nicht die Monetarisierung (Verringerung der Kaufkraft des gemünzten Metalls allein) sondern das Tempo und das Ausmaß dieser Bewegung. Was zunächst als quantitative Veränderung erscheint, ist genauer besehen Ausdruck für qualitative Veränderungen, für Veränderungen im Aufbau der menschlichen Beziehungen, für Umbildungen der Gesellschaftsstruktur (S. 361).

Geldentwertung ist eine Teilerscheinung, nur ein Hebel in einem umfassenden Hebelwerk von gesellschaftlichen Verflechtungen. Unter dem Druck von Konkurrenzkämpfen einer bestimmten Stufe und Struktur wächst in dieser Zeit der Bedarf an Geld. Diese Bewegung hat für verschiedene Gruppen der Gesellschaft eine recht verschiedene Bedeutung. (Hier zeigt sich eine Vergrößerung der wechselseitigen funktionellen Abhängigkeit).

Begünstigt sind jene Gruppen, die durch den Erwerb von mehr Geld, durch eine entsprechende Vergrößerung ihres Geldeinkommens (durch ihre Funktion) die sinkende Kaufkraft ausgleichen können. Also vor allem bürgerliche Schichten und die Inhaber des Abgabenmonopols, die Könige.

Benachteiligt sind die Krieger- oder Adelsgruppen die ein immer geringeres Einkommen haben, je mehr sich das Geld entwertet. Es sind die Strudel dieser Bewegung von denen im 16. u. 17. Jahrhundert nun immer mehr die Krieger an den Hof und damit in die Abhängigkeit des Königs getrieben werden. Auf der anderen Seite wächst auch das Steuereinkommen der Könige, so dass sie eine immer größere Anzahl von Menschen an ihrem Hof erhalten können.

Wenn manfrau den Wandel der 'Stile' betrachtet dann kann manfrau den Eindruck gewinnen, als habe sich von Zeit zu Zeit der Geschmack oder die Seele der Menschen, gleichsam sprunghaft, durch eine plötzliche Mutation von innen her gewandelt: Nun sind es 'gotische Menschen', nun 'Menschen der Renaissance', die manfrau vor sich sieht, und nun 'Menschen des Barock' (S. 362).

Alle diese Veränderungen vollziehen sich geraume Zeit hindurch ganz langsam und lautlos. Die großen 'Explosionen' sind nichts als Teilerscheinungen innerhalb dieser kaum merklichen gesellschaftlichen Umlagerungen, die nur beim Vergleich verschiedener Generationen fassbar wird.

Auch der absolutistische Hof ist nicht von einzelnen irgendwann einmal plötzlich ersonnen oder geschaffen worden, sondern er bildet sich auf Grund einer bestimmten Verlagerung der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse ganz allmählich heran.

Der Hof erzeugt sich als eine viele einzelne Menschen überdauernde Form der menschlichen Beziehungen, als eine festgefügte Institution, die sich immer wieder, solange diese bestimmte Art von wechselseitiger Angewiesenheit sich auf Grund eines bestimmten Aufbaus der Gesamtgesellschaft besteht, von neuem bei weiteren Menschen herstellt.

Wie etwas die gesellschaftliche Institution einer Fabrik nicht fassbar ist, wenn manfrau sie nicht aus dem Aufbau des ganzen sozialen Feldes, der immer wieder Fabriken erzeugt, verständlich zu machen sucht, warum hier Menschen darauf angewiesen sind, als Arbeiter und Angestellt Dienste zu leisten und der Unternehmer seinerseits auf diese Dienste angewiesen ist (S. 363).

Genau so ist auch die gesellschaftliche Institution des absolutistischen Hofes unfassbar, wenn manfrau nicht die Bedürfnisformel kennt, nämlich Art und Maß der wechselseitigen Angewiesenheit, durch die Menschen verschiedener Art in dieser Form zusammengebunden und zusammengehalten wurden.
Erst so verliert er das Aussehen einer zufälligen oder willkürlich geschaffenen Gruppierung. Er gewinnt den Sinn eines Geflechts von menschlichen Beziehungen, das sich eine Zeit lang stets wieder in dieser Weise herstellte.
Eben weil der Hof vielen, einzelnen Menschen Chancen zur Befriedigung bestimmter gezüchteter Bedürfnisse oder Angewiesenheiten bot, welche wiederum vom Hof erzeugt wurden (S. 364). (Anmerkung: Also quasi eine ständige Produktion von Nachfrage durch Eigenwerbung. Verschicke 10000 Emails mit Deinem Photo und irgendwer wird Dich schon heiraten wollen :-).


Der Hof als 'Brut- und Zuchtstätte'.
Zusammenfassung von Teil 4

Der Hof als eine Bedürfniskonstellation die sich über Generationen hinweg immer von neuem herstellte:
Der Adel (Teile des Adels) bedurfte des Königs, weil mit der fortschreitenden Monopolbildung die Funktion des freien Kriegers aus der Gesellschaft verschwand, und weil im Zuge der zunehmenden Geldverflechtung die Gutserträge allein - gemessen am Standard des aufsteigenden Bürgertums - nicht mehr als einen mittelmäßigen Unterhalt und sehr oft nicht einmal ihn gewährten, ganz gewiss keine soziale Existenz, die der wachsenden Stärke bürgerlicher Schichten gegenüber das Prestige des Adels als Oberschicht hätte aufrecht erhalten werden können.

Unter diesem Druck begab sich ein Teil des Adels an den Hof und damit in die unmittelbare Abhängigkeit vom König. Allein das Leben hier, am Hofe, eröffnete dem einzelnen Adeligen noch Zugang zu wirtschaftlichen und zugleich zu Prestige-Chancen.

Wäre es den Adeligen nur um wirtschaftliche Chancen gegangen so hätten sie zu Geld durch eine kaufmännische Betätigung (Einheirat) besser und erfolgreicher kommen können. Aber um durch eine kaufmännische Tätigkeit zu Geld zu kommen, hätten sie ihren Adelsrang ablegen müssen; sie hätten sich in ihren eigenen Augen und denen des Adels degradiert.

Aber gerade dies, ihre Distanz zum Bürgertum, ihr Charakter als Adel, ihre Zugehörigkeit zur obersten Schicht des Landes, war es, was ihrem Leben für ihr eigenes Empfinden Sinn und Richtung gab.

Eben der Wunsch nach Erhaltung ihres ständischen Prestiges, das ist das Motiv des Handelns, welches den Vorrang hat vor dem Verlangen nach Reichtum.

So blieben sie vom König abhängig, weil sie allein durch den Gang an den Hof die Distanz zu allen anderen und das Prestige aufrecht erhalten an dem das Heil ihrer Seele hing.

So war das was sie suchten, nicht wirtschaftliche Existenzmöglichkeiten schlechthin, sondern Existenzmöglichkeiten, die sich mit der Aufrechterhaltung ihres unterscheidenden Prestiges, ihres Adelscharakters vertrugen.

Und diese doppelte Bindung, diese Bindung durch wirtschaftliche und durch Prestigenotwendigkeiten zugleich, ist für alle Oberschichten charakteristisch.

Antriebe beider Art legen sich als eine doppelte und unzertrennbare Kette um den einzelnen Menschen solcher Schichten. Nicht nur für die Träger der 'Civilité"'sondern auch für die der 'Zivilisation'.

Die Bindung durch das Verlangen nach einem bestimmten, sozialen Prestige findet sich als primäres Motiv des Handelns nur bei Angehörigen von Schichten, deren Einkommen unter normalen Umständen nicht allzu gering oder gar im Wachsen ist und erheblich über der Hungergrenze liegt.

Auch der Antrieb zur wirtschaftlichen Aktivität folgt einem Verlangen nach Wahrung eines bestimmten hohen gesellschaftsüblichen Standards und Prestiges. Gerade das erklärt, weshalb in solchen gehobenen Schichten die Affektregelung und vor allem die Ausbildung von Selbstzwängen im allgemeinen größer ist, als bei den korrespondierenden Unterschichten:
Die Angst vor dem Verlust oder auch nur der Minderung des gesellschaftlichen Prestiges ist einer der stärksten Motoren zur Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge.

Im 17. u. 18. Jahrhundert ist noch nicht wie in der bürgerlichen Welt Geld das Zentrum des Prestiges. Die Zugehörigkeit zur höfischen Gesellschaft bedeutet für das Bewusstsein der Zugehörigen mehr als Reichtum; gerade deswegen sind sie an den Hof gebunden. Es gibt für sie keinen anderen Ort, an dem sie ohne Degradierung leben können; und eben deswegen ist auch ihre Angewiesenheit auf den König, ihre Abhängigkeit von dem König so groß (S. 367).

Der König ist seinerseits auf den Adel aus einer ganzen Reihe von Gründen angewiesen. Er bedarf ihrer zur Gesellschaft, weiters um sich herauszuheben. Die Menschen die ihn bedienen gehören zum höchsten Adel des Landes. Ganz besonders aber braucht er den Adel als Gegengewicht gegen das Bürgertum, wie er das Bürgertum als Gegengewicht gegen den Adel braucht, wenn sich sein Spielraum bei der Verfügung über die Schlüsselmonopole nicht verringern soll.
Es ist vor allem die Gesetzlichkeit des 'Königsmechanismus', (Voraussetzungen) die den absolutistischen Herrscher auf den Adel angewiesen macht. Das Spannungsgleichgewicht zwischen Adel und Bürgertum muss aufrecht erhalten werden, damit keiner der beiden Stände zu schwach wird, das ist die Grundlage der Königspolitik.

Der Adel- und ebenso auch das Bürgertum- ist nicht nur von dem König abhängig; der König ist auch von der Existenz des Adels abhängig; aber ganz gewiss ist die Abhängigkeit des einzelnen Adeligen vom König unvergleichlich viel größer, als die Abhängigkeit des Königs von irgendwelchen einzelnen Adligen.

(Anmerkung: dieses Prinzip findet sich des öfteren wie z.B. beim Verhältnis Messeveranstalter - Messeaussteller, oder Marktveranstalter - Marktteilnehmer; die Kunst (eines Veranstalters) besteht hier in der Schaffung einer Art Abhängigkeitsverhältnis; dieses Verhältnis oder besser Beziehung oder Verflechtung könnte manfrau nun auch wieder bei Kommunikationsstrukturen finden: z.B. Zeitung - Abonnenten, Leser oder Website/Blog - Besucher; diese 'Kunst' funktioniert aber natürlich nur wenn 'mitgespielt' wird).

Das kommt in der Beziehung König und Adel, wie sie sich am Hof herstellt, sehr deutlich zum Ausdruck. Der König ist nicht nur der Unterdrücker des Adels, er ist auch Erhalter des Adels.

Der Hof wird so zu einer Zähmungs- und Erhaltungsanstalt des Adels.

Am Hofe stehen die Ritter nicht mehr wie ehemals in freier, kriegerischer Konkurrenz miteinander, sondern in monopolistisch gebundener Konkurrenz um die Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat.
Sie leben nicht nur unter dem Konkurrenzdruck, den sie selbst und eine Reservearmee von ländlichen Adeligen aufeinander ausüben, sondern sie stehen vor allem auch unter dem Druck von aufsteigenden bürgerlichen Schichten.

Aus dem dritten Stand kommen die Steuererträge. Die Interdependenz, die Verflechtung der verschiedenen, gesellschaftlichen Funktionen, und vor allem die Interdependenz von Adel und Bürgertum, ist außerordentlich viel enger geworden, als in den vorangehenden Phasen. Wie sich derart der Aufbau der menschlichen Beziehungen ändert, so ändert sich auch der Aufbau seines Bewusstseins- und Triebhaushalts (S. 368).

Der starke und beständige Druck von den verschiedensten Seiten her verlangt und züchtet eine beständigere Selbstkontrolle, ein stabileres Über-ich und neue Formen des Benehmens im Verkehr von Mensch zu Mensch: aus Kriegern werden Höflinge.

Eine mehr oder weniger entschiedene, stabile Verhöflichung der Krieger gehört zu den elementarsten, sozialen Voraussetzungen jeder größeren Zivilisationsbewegung.

Zum Verständnis des Zivilisationsprozesses ist ein gewisses Verständnis für den Aufbau des Hofes unentbehrlich.

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20070531

Konkurrenzdruck Monopol Staaten Bildung zt-49

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Ausgewählte Quoten und Gestaltung: Transitenator
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Die erste Station des aufsteigenden Königshauses sind Konkurrenzkämpfe und Monopolbildung im Rahmen eines Territoriums.

(Frage:) Es bleibt zu zeigen, welche gesellschaftlichen Prozesse die Ausbildung eines stabilen Herrschaftsapparates und damit zugleich die Bändigung des Einzelnen möglich machen (S. 119).

Bleibt also die Aufgabe die Grundzüge jenes Triebwerkes von Prozessen aufzuzeigen, kraft deren einem der großen Feudal- oder Territorialherrn, dem König, ein Übergewicht über die anderen gegeben wurde und die Chance, eine stabilere Herrschaftsapparatur über ein Gebiet, das viele Territorien umfasst, einen 'Staat' zu lenken.

Das ist zugleich der Weg, der vom Verhaltensstandard der 'Courtoisie' zum Standard der 'Civilité' führt.

Die Königskrone bedeutet in verschiedenen Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung etwas sehr verschiedenes.

Am Beginn des 12. Jahruhunderts ist das ehemalige westfränkische Reich in eine Reihe verschiedener Herrschaftseinheiten zerfallen.
Zunächst ist der der Träger der Königskrone nichts anderes als ein großer Feudalherr. (Ludwig VI. 1108-1137 König). Er ist im wesentlichen Großgrundbesitzer.

Schwache ökonomische Entwicklung, geringe Entwicklung der Transportwege. Verbindungsprobleme.
Die Beziehungen der großen Feudalherren zu den Trägern der Krone sind auf ein Mindestmaß beschränkt.
Später wird dann der kapetingische Domänenbesitz so groß, und kraft der wirtschaftlichen und militärischen Chancen, so dass sie dem Konkurrenzbereich der anderen Krieger entwachsen und eine Art von Monopolstellung in diesem Territorium einnahmen.

In jedem Territorium gelingt es früher oder später durch die Akkumulation von Landbesitz eine Vormachtstellung, Hegemonie oder Monopolstellung zu gewinnen, zuungunsten der vielen kleinen und mittleren Ritterfamilien.

Das Hausgut und die Herrschaft im engeren Stammesgebiet bildet bei dem Aufbau dieser Gesellschaft das wichtigste, militärische und finanzielle Fundament, auch der Königsmacht.

Ludwig VI legt den Grund für die folgende Expansion seines Hauses. Er schafft ein potentielles Kristallisationszentrum für das größere Gebiet Frankreichs.
Keine prophetischen Visionen sondern er handelt unter den unmittelbaren Zwängen seiner aktuellen Situation (S. 128).

Der Mechanismus der Vormachtbildung ist immer der gleiche. Durch Akkumulation des Besitzes, wachsen einzelne Unternehmungen aus dem Konkurrenzbereich heraus und kämpfen miteinander bis nur mehr eines oder zwei einen bestimmten Zweig der Wirtschaft kontrollieren und beherrschen.
Ist die Vorherrschaft eines Kriegerhauses in einem kleinere Gebiet gefestigt, dann tritt der Kampf um die Hegemonie in einem weiteren Gebiet in den Vordergrund.

Die Größe des 'deutschen Imperiums' gab den lokalen, zentrifugalen Tendenzen eine andere Stärke; machte die Zentralisierung schwerer.

Die Größenordnung in der sich gesellschaftliche Prozesse abspielen, bildet ein wichtiges Element ihrer Struktur.

Hier weit größere Spannungen und Interessengegensätze als im westfränkischen Gebiet. Ein Haus nach dem anderen verbrauchte hier im Kampf um die Hegemonie seinen Stammes- oder Domanialbesitz (S. 131).

Der Mechanismus der Staatenbildung ist im europäischen Raum (die naturalwirtschaftliche Phase gelangt kontinuierlich in eine geldwirtschaftliche) immer der gleiche.
In der Geschichte der europäischen Staaten gibt es immer eine frühe Phase, bei der territoriale Herrschaftseinheiten die entscheidende Rolle spielen (z.B. feudale Territorialherrschaften).
Aus den Institutionen eines feudalen Territoriums werden dann kontinuierlich Institutionen eines Staates und eines Imperiums.

Schematisch gezeichnet verläuft der Prozess zwischen den verschiedenen benachbarten Territorialherrschaften ganz analog zu jenem, der sich zuvor innerhalb eines festen Territoriums zwischen den einzelnen Gutsherren der Rittern bis zum Erwerb der Vormachtstellung, eines über die anderen, abspielt.

In der folgenden Phase konkurrieren die nächstgrößeren Herrschaftseinheiten miteinander. Es besteht die ständige Notwendigkeit zu expandieren, wenn sie nicht besiegt oder abhängig werden wollen (S. 133).

Die Konkurrenz um den Boden im Inneren verstärkt sich. Wer bei solchem Konkurrenzdruck nicht 'mehr' erwirbt, wird automatisch 'weniger'.
Ein Druck durchzieht die ganze Gesellschaft. Er treibt auch die Territorialherren gegeneinander und setzt eben damit den Monopolmechanismus in Gang.

Einige werden stärker, andere steigen aus. Der Ausscheidungsprozess wiederholt sich bis die Entscheidung schließlich nur mehr zwischen zwei Territorialherrschaften steht.
In diesen gesellschaftlichen 'Ausscheidungskämpfen', spielen sicherlich persönliche Qualifikationen Einzelner, sowie andere 'Zufälle' eine Rolle, aber der gesellschaftliche Prozess, die Tatsache, dass eine Gesellschaft mit relativ gleich großen Macht- und Besitzeinheiten bei starkem Konkurrenzdruck zur Vergrößerung einiger weniger und schließlich zu einer Monopolbildung tendiert, ist von solchen Zufällen weitgehend unabhängig.

Früher oder später kommt es zu einer solchen Monopolbildung -unter den bisherigen Aufbaubedingungen- mit einer hohen Wahrscheinlichkeit. Ist dieser einfache gesellschaftliche Mechanismus einmal in Gang gesetzt, arbeitet er weiter, wie ein Uhrwerk.

"Ein Menschengeflecht, in dem kraft der Größe ihrer Machtmittel relativ viele Einheiten miteinander konkurrieren, neigt dazu, diese Gleichgewichtslage (Balance vieler durch viele, relativ freie Konkurrenz) zu verlassen und sich einer anderen zu nähern, bei der immer weniger Einheiten miteinander konkurrieren können; sie nähert sich mit anderen Worten einer Lage, bei der eine gesellschaftliche Einheit durch Akkumulation ein Monopol über die umstrittenen Machtchancen erlangt" (S. 135).

Ein Mechanismus dieser Art ist auch bei der Staatenbildung am Werk.
Deutschland: Bei der Größe dieses Gebietes war die Wahrscheinlichkeit der Ausbildung eines 'Kristallisationszentrums' geringer.
Die Ausscheidungskämpfe nahmen mehr Zeit in Anspruch. Schließlich dann doch: die Territorialmacht der Hohenzollern. Sie erlangte die Vormacht unter den deutschen Territorialherrschaften.

Dann beim nächsten Kampf (mit den Habsburgern), der die stärkere Integration einleitete, die Staatenbildung. Die Habsburger schieden aus.

Deutschland zerbröckelte, es zerfiel relativ spät und wurde immer kleiner.

In England und Frankreich ist der Trend der Bewegung annähernd umgekehrt.
Langsames Wachstum vom kleinen zum größeren hin.

In England war gerade wegen der Beschränktheit des Gebietes eine Einigung der verschiedenen Stände und vor allem der Krieger des ganzen Gebietes gegen den Zentralherren leichter möglich.

20070517

Feudalisierung Courtoisie Naturalwirtschaft zt-43

Manfrau sieht zunächst, wie und warum in der frühen vorwiegend natural wirtschaftende Phase der abendländischen Geschichte die Integration und die Errichtung stabiler Herrschaftsapparaturen für große Reiche noch wenig Chancen hat.

Erobererkönige können zwar im Kampf riesige Gebiete zusammen bringen und mit dem Ansehen ihres Schwertes auch zusammen halten, aber der Aufbau der Gesellschaft erlaubt noch nicht die Schaffung einer stabilen Herrschaftsorganisation.

Im 9. u. 10. Jahrhundert mit der geringeren äußeren Bedrohung erreicht die Desintegration der Herrschaftsfunktionen einen außerordentlich hohen Grad. Jedes kleine Gut ist ein Herrschaftsbezirk, ein 'Staat' für sich und jeder kleine Ritter dessen ist unabhängiger Herr und Gebieter.

Die gesellschaftliche Landschaft zeigt nichts als eine Fülle von durcheinander gewürfelten Herrschafts- und Wirtschaftseinheiten; jede von ihnen ist autark und ohne größere Abhängigkeit von anderen.

In der weltlichen Herrenschicht ist die Integration durch den Kampf in Angriff oder Verteidigung die wesentliche Form der Verflechtung. Da ist nicht viel, was die Menschen der Herrenschicht zu einer beständigen Bändigung der Affekte bringen kann.

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Literatur und Quellenhinweis:
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation
Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936
Francke Verlag: 1969 2. Auflage
Suhrkamp: 1976 1. Auflage
19. Auflage 1995
Exzerpt und Gestaltung: Transitenator
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Anmerkung: Die Exzerptreihen hier auf Transitenator sind nur gedacht als eine schnelle Orientierungshilfe und können die jeweilige Literatur nicht ersetzen.
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Es ist eine 'Gesellschaft' im weitesten Sinn des Wortes. Es ist noch keine Gesellschaft in dem Sinn auf eine beständige und gleichmäßige Integration von Menschen mit mehr oder weniger großer Enthaltsamkeit von Gewalttaten.

Die Frühform einer solchen 'Gesellschaft' bildet sich langsam an den großritterlichen Feudalhöfen heraus. Hier mit der Größe der Gutserträge, dem Anschluss an das Handelsnetz, mehr Menschen Dienste suchend, hier sind mehr Menschen zu einem friedlichen Umgang gezwungen und verbunden.

Gegenwart höher stehender Frauen, eine gewisse Zurückhaltung und etwas genauere Modellierung der Affekte und Umgangsformen. Die Courtoise ist ein Schritt auf dem Weg, der zu unserer Triebmodellierung führt, ein Schritt in Richtung der 'Zivilisation'.

Elias frägt: Was sind Grundlinien aus dem Triebwerk der gesellschaftlichen Prozesse, die zur Gestaltung der Gesellschaft im Sinne des 'Feudalsystems' führen und zu Beziehungen, die sich im Minnesang ausdrücken?

1. Das raschere Wachstum der Bevölkerung nach der Völkerwanderungszeit im Zusammenhang mit den immer festeren Besitzverhältnissen, sowie die Bildung eines Menschenüberschusses in der Adelsschicht, wie in der Schicht der Unfreien oder Halbfreien, und der Zwang für die Freigesetzten hier und dort, sich neue Dienste zu suchen.

2. Das langsame Einschalten von Stationen in den Weg der Güter von der Produktion zur Konsumtion, das Wachstum des Bedarfs an einheitlichen mobilen Tauschmitteln, die Verschiebung des Schwergewichts innerhalb der Feudalgesellschaft zugunsten der relativ wenigen großen, zu Ungunsten der vielen kleineren Herren.
Die Bildung groß ritterlicher Feudalhöfe, wo sich ritterlich-feudalen Züge mit höfischen zu einer Einheit verbinden sowie naturalwirtschaftliche und geldwirtschaftlichen Beziehungen im Ganzen dieser Gesellschaft.

3. Das Prestige- und Repräsentationsbedürfnis dieser großen Feudalherren im Konkurrenzkampf untereinander; ihr Distinktionswillen gegenüber den kleineren Rittern; als Ausdruck dessen werden Dichter und Sänger zu festen gesellschaftlichen Institutionen.

4. Erste Vorformen einer Emanzipation, einer größeren Bewegungsfreiheit der Frau. Ein Zwang zum An-Sich-Halten für den sozial abhängigen Mann, zu Rücksicht, zu einer gewissen noch sehr gemäßigten Regelung und Umformung des Trieblebens und Ausdruck solcher schwer verwirklichbarer Wünsche in der Sprache des Traums, im Gedicht. Minnesang als gesellschaftliche Institution.

An den großritterlichen Feudalhöfen bildet sich eine festere Konvention der Umgangsformen, eine Mäßigung der Affekte, eine Regelung der Manieren heraus. Es bildet sich der Standard der 'Courtoisie'.

Die Soziogenese der großen ritterlichen Feudalhöfe ist zugleich die Soziogenese dieses courtoisen Verhaltens.

Courtoisie ist eine Verhaltensform die sich bei den sozial-abhängigeren Existenzen im geselligen Kreise dieser ritterlich-höfischen Oberschicht herausbildete. Er ist kein Anfang. Es gibt keinen Zustand der absoluten Trieb-Ungebundenheit oder des 'Anfangs'.

Die relativ große Ungebundenheit der Triebäußerungen in der courtoisen Oberschicht entspricht genau der Integrationsform, dem Maß und der Art von wechselseitiger Abhängigkeit, in der die Menschen hier miteinander zu leben gehalten sind.

Das gesellschaftliche Geflecht der Abhängigkeiten, die sich in einzelnen Maschen kreuzen, ist hier weniger engmaschig und weniger weit reichend als in Gesellschaften mit höherer Arbeitsteilung. Regelungen und Bindungen des Trieblebens sind an den größeren Feudalhöfen beträchtlich größer als an den kleineren.

Hier stellt die Courtoisie eine Verfeinerung, ein Distinktionsmittel dar. Das Gros der Ritterschaft änderte sein Verhalten vom 9. bis etwa zum 16. Jahrhundert nur so geringfügig wie sich ihre Lebensbedingungen veränderten (S. 116).(Anm.: Verhalten ergibt sich aus den Lebensbedingungen).

Das Reich Karls des Großen war durch Eroberung zusammengebracht worden. Karl mit der Funktion des erobernden Verführers. Diese bildete die Grundlage seiner Königsmacht, seines Ansehens, seiner gesellschaftlichen Stärke.

Er belohnte die Krieger mit Boden. Dienste wurden nicht mit Geld bezahlt, sondern mit Boden. Der größte Teil des Bedarfs wurde unmittelbar vom Boden gedeckt. Alle ernährten sich und ihr Gefolge vom Land.

Die Herrschaftsstruktur hatte entsprechend der Wirtschaftsstruktur einen anderen Charakter als in der Zeit der 'Staaten'. Der Gutsherr hatte Polizei- und Gerichtsgewalt. Der Gutsherr vereinte in seiner Hand alle Herrschaftsfunktionen.

Diese eigentümliche Herrschaftsstruktur ist Beispiel für den Stand der Arbeitsteilung und Differenzierung in dieser gesellschaftlichen Phase. Sie führte zu bezeichnenden Spannungen und erzeugte bestimmte typische Abläufe.
Also hohe Bedeutung des Bodens. Landbesitz gibt Nahrung (Einkommen), Frondienste, Unabhängigkeit.

Wer einmal über ein bestimmtes Gebiet verfügte, war auf den Zentralherrn nicht mehr angewiesen und suchte Unabhängigkeit bei Anzeichen von Schwäche der Zentralgewalt.

Die Herren über ein Teilgebiet des Zentralherren, die Stammesherzöge sind jederzeit der Zentralgewalt gefährlich. Dieses Spiel wiederholt sich ständig. Was ursprünglich ein Lehen war soll erblich werden.

Immer neue Schübe von kriegsstarken Erobererkönigen die ihre Vertrauten ins Land schicken, die dann wieder ihre Hand drauf legen und die Sache behalten wollen. Die Stammesfürsten haben ja tatsächlich das Land zu eigen, brauchen den König nicht mehr und entziehen sich seiner Gewalt.

Ist der Zentralherr im Krieg erfolgreich, erhält er durch die Kraft und Bedrohung, die von seinem Schwert ausgeht, wieder die tatsächliche Verfügung über die Böden des ganzen Gebiets und kann eine Neuverteilung dieser Gebiete vornehmen.


Das ist eine der stehenden Figuren oder Prozesse im Entwicklungsmechanismus der abendländischen Gesellschaft im frühen Mittelalter.

Solche Prozesse findet man noch heute außerhalb Europas, werden aber durch das Einströmen von Geld modifiziert.

In diesem naturalwirtschaftlichen Gebiet also zentrifugale Tendenzen. In der abendländischen Geschichte finden sich Anzeichen für diesen Mechanismus bereits in der Merowingerzeit.

Große Teile des Herrschaftsgebietes gehen aus der Verfügungsgewalt des Zentralherrn in die der Territorialherren über (S.21). Deutlicher noch in der Karolingerzeit.

Karl der Große beseitigt nach Möglichkeit die alten Stammesherzöge und setzt eigene Beamten (Grafen) an deren Stelle. Schon unter Ludwig dem Frommen wird die Grafenfunktion erblich. Die Nachfolger Karls können sich dem Zwang zur tatsächlichen Anerkennung des Anspruchs auf Erblichkeit nicht mehr entziehen.

(Anmerkung: Aber wie könnte man diesen Wunsch nach Erblichkeit noch erklären? Der Ritter wird ziemlich brutal, auch gegen seiner Frau gegenüber dargestellt. Eine Erblichkeit macht für einen 'egoistischen' Ritter keinen Sinn, sondern nur die Sorge für seine Nachkommen. Hatte er also doch ein Herz?).

Die Stärke der zentrifugalen Kräfte erreichen schon unter Karl III. im Jahre 887 einen Höhepunkt, als er die dänischen Normannen nicht von Paris fernhalten kann.

Es zeigt sich unmittelbar, was eigentlich die Macht gebende und legitimierende und wichtigste Funktion des Königtums in dieser Gesellschaft ist. Überall in Europa wachsen kleine Könige hervor.

Mit dem Sieg gegen äußere Feinde schaffen Zentralherren das Fundament für die Stärkung der Zentralgewalt im Innern. Kirchliche Organisation diente damals stärker als heute der Herrschaftssicherung (S.23).

Otto versuchte diesen Mechanismen entgegen zu wirken, einerseits dadurch, dass er einzelne Wirkungsbereiche verkleinerte und Funktionen begrenzte, andererseits dadurch, dass Geistliche -
(die sich theoretischerweise nicht fortpflanzten und damit theoretisch auch nichts vererbten, aber es tatsächlich taten?; Anmerkung)
- mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattet wurden.

Aber diese geistlichen Würdenträger zeigten sich nicht weniger auf die Wahrung ihrer selbständigen Verfügungsgewalt über ein Gebiet bedacht, als die weltlichen.

Und diese Gleichschaltung der Interessen hoher geistlicher und weltlicher Würdenträger hat nicht wenig dazu beigetragen, dass in dem Deutschen Reich die tatsächliche Macht der Zentralgewalt für viele Jahrhunderte gering blieb und sich die Selbständigkeit der Territiorialherren verfestigte.

In Frankreich hingegen wurden die hohen Geistlichen kaum je Territiorialherren. Die Bischöfe blieben an einer starken Zentralgewalt interessiert. Und diese Gleichrichtung der Interessen von Kirche und Königtum, die ziemlich lange Bestand hatte, war nicht der geringste jener Faktoren, die in Frankreich relativ frühzeitig der Zentralgewalt ein Übergewicht über die zentrifugalen Tendenzen gab (S. 25).

Zunächst aber vollzog sich die Desintegration des westfränkischen Reiches rascher und radikaler als im ostfränkischen Reich.

Die Grundlage der gesellschaftlichen Stärke des Zentralherrn bildete, wenn manfrau von seiner 'Eroberermacht' (als Eroberer und Verteiler von neuen Böden) absieht, der Hausbesitz seiner Familie, das Land über das er unmittelbar verfügte.
Hausmacht und Territorium (Familienbesitz) waren es die zählten und waren die Basis der Königsmacht.

Am Beginn des 12. Jahrhunderts ist die uneingeschränkte Erblichkeit und Selbständigkeit der verschiedenen Territorialherrschaften, der ehemaligen Lehnsgebiete eine vollendete Tatsache.

Frankreich ist ein lockerer Bund kleinerer und größerer Herrschaftsgebiete. Das Gleiche in Deutschland am Ende dieses Jahrhunderts.

Während in 'Deutschland' sich die Territorialherrschaften für Jahrhunderte verfestigen, erstarkt in 'Frankreich' langsam wieder eine Zentralgewalt.

Das Bild dieser radikalen Desintegration muss man als Ausgangspunkt ins Auge fassen, wenn man verstehen will, durch welche Prozesse sich in der Gesellschaft jene Zentralorgane für größere Herrschaftsgebiete herausbildeten, die wir 'Absolutismus' nennen und jener Herrschaftsapparatur, die das Gerippe moderner Staaten bildet.

Die Stabilität der Zentralorgane in der Phase, die wir Zeitalter des Absolutismus nennen, steht zu der Instabilität jener Zentralgewalt der vorangehenden 'feudalen' Phase in starkem Kontrast (S. 31).

Was den Aufbau der Gesellschaft begünstigte, dort die Zentralisierung, hier die der Zentralisierung entgegenwirkenden Kräfte?

Hampe: Die Feudalisierung der Staatenwelt zwang die Herrscher ihre Truppenführer und Beamten mit Grundbesitz auszustatten (wollten sie nicht in Armut versinken oder die militärischen Gegenleistungen der Vasallen ausnutzen), so wurden sie zu kriegerischen Ausdehnungsversuchen geradezu getrieben, gegen die machtleeren Räume der Nachbarschaft.

Das war der Mechanismus in den das Königtum verstrickt war. Feudalisierung ist keine außen stehende Ursache.
Diese Verstrickungen (Automatismen):
Zwang zur Ausstattung der Krieger und Beamten mit Böden,
zwangsläufige Verringerung des Königsbesitzes (so keine neuen Eroberungsfeldzüge),
Tendenz zur Schwächung der Zentralgewalt in Friedenszeiten,
alles das sind Teilprozesse in dem großen Prozess der Feudalisierung selbst.

Diese spezifische Herrschaftsform und ihr Herrschaftsapparat waren unablösbar mit einer bestimmten Wirtschaftsform verbunden (S. 32). (Naturalwirtschaft).

Solange naturalwirtschaftliche Beziehungen in der Gesellschaft vorherrschten, war die Ausbildung eines zentralisierten Beamtentums und eines zentralisierten Herrschaftsapparates kaum möglich. Wer Wein trinken wollte, musste ihn in seinem eigenen Gebiet pflanzen lassen.

Die Interdependenzen der verschiedenen Gebiete war gering. Erst wenn diese wachsen, können sich für größere Gebiete Zentralinstitutionen von einiger Stabilität bilden.

Sehr langsam verflechten sich die verschiedenen Landschaften, die Integration größerer Gebiete und Menschenmassen wird stärker und dementsprechend auch der Bedarf an Tauschmitteln und Rechnungseinheiten, an Geld. (Erst im 17. Jahrhundert gab es in der Bourgogne 11 Gemeinden in denen jedermann Weinbauer ist).

Anmerkung von Elias: Es ist für das Verständnis des Prozesses der Zivilisation von besonderer Wichtigkeit, dass manfrau von diesen gesellschaftlichen Prozessen, von dem was
'Natural- oder Hauswirtschaft',
'Geldwirtschaft',
'Verflechtung größerer Menschenmengen',
'Änderung der gesellschaftlichen Abhängigkeit des Einzelnen',
'zunehmende Funktionsteilung' und
Ähnliches eigentlich meinen,
eine ganz anschauliche Vorstellung hat.

Allzu leicht werden diese Begriffe zu Wortfetischen, aus denen jede Anschaulichkeit verschwunden ist und damit im Grunde jede Klarheit.

Zum Beispiel der Begriff 'Naturalwirtschaft'.

Er zeigt eine ganz spezifische Form, in der die Menschen aneinander gebunden und voneinander abhängig sind. Es wird unmittelbar produziert und verbraucht. Keine Zwischenglieder. Der Weg differenziert sich. Immer mehr Menschen schalten sich als Funktionäre der Verarbeitung und Verteilung in den Übergang des Gutes vom ersten Erzeuger zum letzten Verbraucher ein.

Die 'Ketten' verlängern sich. Geld ist nichts anderes als ein Instrument, das manfrau braucht, und das die Gesellschaft sich schafft, wenn diese Ketten länger werden, wenn Arbeit und Verteilung sich differenzieren. Zwischen 'Naturalwirtschaft' und 'Geldwirtschaft' besteht kein absoluter Gegensatz.

Ketten verlagern und verändern sich allmählich. Die Abhängigkeit der Menschen voneinander verändert sich. Alles das sind verschiedene Aspekte des gleichen gesellschaftlichen Prozesses. Und eine Seite dieses Prozesses ist auch die Herrschaftsform und Herrschaftsapparatur.

Die Struktur der Zentralorgane korrespondiert mit dem Aufbau der Funktionsteilung und Verflechtung. Die Stärke der zentrifugalen, auf lokale politische Autarkie gerichteten Tendenzen in den vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaften entspricht dem Grad der lokalen ökonomischen Autarkie.

In Kriegergesellschaften zwei Phasen, die Ausbreitung (Krieg, Heirat) und die Konservierung (Frieden). Bei der Ausbreitung ist die gesellschaftliche Funktion des Zentralherrn die des Heerführers.

Drang zur Eroberung und zur Verteidigung ist hier das wichtigste Bindemittel von Menschen. Nach dem Krieg bedarf man seiner nicht mehr und auch seine sekundären Funktionen (Gerichtsherr, Schiedsrichter) verlieren sich. Ist kein Feind da gewinnen die zentrifugalen Kräfte die Oberhand. Tendenz zur Desintegration der größeren Herrschaftsgebiete.

Diese allmähliche Dezentralisierung der Herrschaft und der Böden, dieser Übergang des Landes aus der Verfügungsgewalt des erobernden Zentralherrn in die Verfügungsgewalt der Kriegerkaste als Ganzem ist nichts anderes als der Prozess der unter dem Namen der Feudalisierung bekannt ist.

Gab es noch andere Ursachen für diese schrittweise Dezentralisierung? (S.37).

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