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20070715

Angstuebertragung auf Kinder tz-22

Ängste dieser Art umspielen das Kind her von klein auf, und zwar in den mittleren, in allen aufstiegswilligen Schichten noch weit stärker als in den oberen. Ängste dieser Art haben an den Regelungen und Geboten, denen das Kind von klein an unterworfen ist einen erheblichen Anteil.

Die Ängste, die den Eltern vielleicht nur zum Teil bewusst sind, übertragen sich durch Gesten nicht weniger als durch Worte auf das Kind. Sie arbeiten beständig mit an der Bildung jenes Feuerkreises von inneren Ängsten (S. 450).
Wenn auch gewiss zuweilen durch die elterlichen Ängste gerade das herbeigeführt wird, was verhindert werden soll, wie es auch ausgeht, immer projizieren sich die gesellschaftlichen Spannungen durch die elterlichen Gesten, Verbote und Ängste in das Kind.

Das Kind bekommt die gesamten Spannungen seines Menschengeflechts zu spüren, auch wenn es noch nichts von ihnen weiß (S. 450 u. 451).

Dieser Zusammenhang zwischen den äußeren, den unmittelbar durch ihre soziale Lage bedingten Ängsten der Eltern und den inneren Ängsten (Angstautomatismen) des Heranwachsenden ist von weit allgemeinerer Bedeutung.

Manfrau kann erst dann ein volleres Verständnis gewinnen, wenn manfrau besser, als es heute möglich ist, über lange Generationsketten hin zu beobachten und zu denken vermag.
Hier wird aber schon deutlich: Wie tief die Spannungen der eigenen Zeit in das Gefüge der einzelnen Seele eingreifen (S. 451).

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Krieg Konflikt Angst tz-21

Die Spannungen zwischen den Staaten, die im Zwange des Konkurrenzmechanismus miteinander um die Vormacht über größere Herrschaftsgebiete ringen, äußern sich für die Individuen in ganz bestimmten Versagungen und Restriktionen; sie bringen den einzelnen Menschen einen verstärkten Arbeitsdruck und eine tief greifende Unsicherheit.

Alles das (Entbehrungen, Unruhe, Arbeitslast, unmittelbare Bedrohtheit) zeugt Ängste (S. 448).

Nicht anders verhält es sich mit den Spannungen innerhalb der verschiedenen Herrschaftseinheiten. die irregulierbaren, die monopolfreien Konkurrenzkämpfe zwischen den Menschen zeugen ihre spezifischen Ängste: Ängste vor der Entlassung, vor dem unberechenbaren Ausgeliefertsein an Mächtigere, vor dem Fall an die Hunger- und Elendsgrenze, wie sie in den unteren Schichten vorherrschen, Ängste vor dem Absinken, vor der Minderung des Besitzes und der Selbständigkeit, vor dem Verlust des gehobenen Prestiges und des gehobenen Standes.

Gerade Ängste dieser Art (Prestige) neigen überdies in besonderem Maße zur Verinnerlichung.

Sie verinnerlichen sich im Einzelnen und werden durch den Druck eines starken Über-Ich automatisch gebunden gehalten (S. 449).

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Angsterzeugung Verhaltensregeln tz-20

Keine Gesellschaft kann bestehen ohne eine Kanalisierung der individuellen Triebe und Affekte, ohne eine ganz bestimmte Regelung des individuellen Verhaltens.

Keine solche Regelung ist möglich, ohne dass die Menschen aufeinander Zwang ausüben und jeder Zwang setzt sich bei dem Gezwungenen in Angst der einen oder anderen Art um.

Manfrau darf sich darüber nicht täuschen:
Eine ständige Erzeugung und Wiedererzeugung von menschlichen Ängsten durch Menschen selbst ist unvermeidlich und unerlässlich, wo immer die Menschen in irgendeiner Form mit einander leben, wo immer Verlangen und Handlungen mehrerer Menschen ineinander greifen, sei es bei der Arbeit, sei es bei Geselligkeit oder Liebesspiel (S. 448).

Unsere Verhaltenstafeln sind so widerspruchsreich und so voll von Disproportionalitäten, wie die Formen unseres Zusammenlebens, wie der Bau unserer Gesellschaft.

Die Zwänge, denen heute der einzelne Mensch unterworfen ist, und die Ängste, die ihnen entsprechen, sie sind in ihrem Charakter, ihrer Stärke und Struktur entscheidend bestimmt durch die spezifischen Verflechtungszwänge unseres Gesellschaftsgebäudes, von denen oben die Rede war: durch seine Niveaudifferenzen und die gewaltigen Spannungen, die es durchziehen (S.448).

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Funktion Aengste Erziehung tz-19

Niemals gelangt der Heranwachsende zu einer Regelung seines Verhaltens, ohne die Erzeugung von Angst durch andere Menschen. Ohne den Hebel solcher von Menschen erzeugten Ängste wird aus dem jungen Menschen nie ein erwachsenes Wesen, das den Namen eines Menschen verdient, so wenig je die Menschlichkeit dessen voll zur Reife kommt, dem sein Leben nicht hinreichend Freude und Lust gewährt.

Ängste, die ältere Menschen bewusst oder unbewusst in dem kleinen Kinde hervorrufen, schlagen sich in ihm nieder und reproduzieren sich von nun an zum Teil auch mehr oder weniger selbsttätig.

Durch Ängste wird die bildsame Seele des Kindes so bearbeitet, dass es sich beim Heranwachsenden allmählich selbst im Sinne des jeweiligen Standards zu verhalten vermag, ob sie nun durch direkte körperliche Gewalt hervorgerufen werden oder durch Versagungen, durch Beschränkung von Nahrung und Lust (S. 447).

Und menschengeschaffene Ängste halten schließlich von innen oder von außen auch noch den Erwachsenen in Bann. Schamempfindungen, Furcht vor Krieg und Furcht vor Gott, Schuldgefühle, Angst vor Strafe oder vor dem Verlust des sozialen Prestiges, die Angst des Menschen vor sich selbst, vor der Überwältigung durch die eigenen Triebe, sie alle werden in dem Menschen direkt oder indirekt durch andere Menschen hervorgerufen.
Ihre Stärke, ihre Gestalt und die Rolle, die sie im Seelenhaushalt des Einzelnen spielen, hängt von dem Aufbau seiner Gesellschaft und seinem Schicksal innerhalb ihrer ab (S. 447).

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Steuerung durch Angst tz-18

(Satz:) Der Aufbau der Ängste ist nichts anderes als der psychische Widerpart der Zwänge, die die Menschen kraft ihrer gesellschaftlichen Verflechtung aufeinander ausüben.

Die Ängste bilden einen der Verbindungswege- einen der wichtigsten- über den hin sich die Struktur der Gesellschaft auf die individuellen psychischen Funktionen überträgt.

Den Motor jener zivilisatorischen Veränderung des Verhaltens, wie der Angst bildet eine ganz bestimmte Veränderung der gesellschaftlichen Zwänge, die auf den Einzelnen einwirken, ein spezifischer Umbau des ganzen Beziehungsgewebes und darin vor allem der Gewaltorganisation (S.446).

Je weiter manfrau sich in die geschichtlichen Zusammenhänge vertieft, in deren Verlauf sich Verbote, wie Ängste bilden und umbilden, desto stärker drängt sich dem Nachdenkenden eine Einsicht auf, die für unser Handeln ebenso, wie für das Verständnis unserer selbst nicht ohne Bedeutung ist; desto klarer zeigt sich, in welchem Maße die Ängste, die den Menschen bewegen, von Menschen geschaffen sind.

Sicherlich ist die Möglichkeit, Angst zu empfinden, genau, wie die Möglichkeit Lust zu empfinden, eine unwandelbare Mitgift der Menschennatur. Aber die Stärke, die Art und Struktur der Ängste, die in dem Einzelnen schwehlen oder aufflammen, sie hängen niemals allein von seiner Natur ab, und, zum mindesten in differenzierten Gesellschaften, auch niemals von der Natur, in deren Mitte er lebt; sie werden letzten Endes immer durch die Geschichte und den aktuellen Aufbau seiner Beziehungen zu anderen Menschen, durch die Struktur seiner Gesellschaft bestimmt; und sie wandeln sich mit dieser.

Hier ist in der Tat einer der unentbehrlichen Schlüssel zu all jenen Problemen, die uns die Verhaltensregelung und die gesellschaftlichen Tafeln der Gebote und der 'Tabus' aufgeben (S. 446).

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Vernunft Aengste Angstspannung Lustoekonomie tz-17

Wir sind an den Bestand von stabilen Gewaltmonopolen und Berechenbarkeit von Gewaltausübung gewöhnt, so dass wir ihre Bedeutung für den Aufbau unseres Verhaltens und unserer Seele kaum noch gewahr werden (S. 444).

Wir sind uns kaum dessen bewusst, wie schnell das, was wir 'Vernunft' nennen, diese Steuerung unseres Verhaltens abbröckeln würde, wenn sich die Angstspannung in und um uns veränderte, wenn wieder Ängste eine Rolle spielen würden.

Erst wenn manfrau bis zu diesen Zusammenhängen vordringt, gewinnt manfrau einen Zugang zum Problem des Verhaltens und seiner Regelung durch die jeweils gültigen gesellschaftlichen Gebote und Verbote.

Die Angstspannung, wie die gesamte Lustökonomie, ist in jedem Menschenverband, sie ist in jeder seiner Schichten und geschichtlichen Phasen eine andere.

Zum Verständnis der Verhaltensregelung, die eine Gesellschaft ihren Angehörigen vorschreibt und einprägt, genügt es nicht, die rationalen Ziele zu kennen, die zur Begründung der Gebote und Verbote angeführt werden, sondern manfrau muss in Gedanken bis auf den Grund der Ängste zurückgehen, die die Angehörigen dieser Gesellschaft und vor allem die Wächter der Verbote selbst zu dieser Regelung des Verhaltens bewegen.

Daher gewinnt manfrau auch für die Wandlungen des Verhaltens im Sinne einer Zivilisation erst ein besseres Verständnis, wenn manfrau gewahr wird, mit welcher Veränderung im Aufbau und Einbau der Ängste sie zusammenhängen.(Siehe dazu auch S. 320ff, 348, 406ff).

Die Furcht, die unmittelbaren Ängste nehmen bis zu einem gewissen Grade ab; die verinnerlichten Ängste nehmen im Verhältnis zu ihnen zu; und die einen wie die anderen werden stetiger; die Angst und Furchtwellen steigen nicht mehr so häufig steil an, um vielleicht ebenso rasch wieder steil abzusinken. Sie gewöhnen sich an eine mittlere Höhe und es zeigt sich das Verhalten eines 'zivilisierten' Charakters (S. 445).

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Rationalisierung als Transformation tz-16

(Satz:) Die Rationalisierung selbst geht Hand in Hand mit einer gewaltigen Differenzierung der Funktionsketten und der korrespondierenden Veränderung in der Organisation der physischen Gewalt.
Sie hat zur Voraussetzung einen Anstieg des Lebensstandards und der Sicherheit, also Schutz vor physischer Überwältigung, Schutz vor irregulierbaren Ängsten die Gesellschaften mit weniger stabilen Gewaltmonopolen durchsetzen.

Rationalisierung ist nur eine Seite einer Transformation die den gesamten Seelenhaushalt umfasst, die Triebsteuerung nicht weniger als die Ich- und Überich-Steuerung.
Vielmehr: Den Motor dieses Wandels der psychischen Selbststeuerung bilden, so wurde gezeigt, Verflechtungszwänge einer bestimmten Richtung, Umlagerungen der Beziehungsformen und des gesamten gesellschaftlichen Gewebes.

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20070713

Scham Peinlichkeit Angst Gefühle tz-06

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 6

Die Modellierung des Triebhaushaltes

Für den Prozess der Zivilisation ist wie die 'Rationalisierung' die Modellierung des Triebhaushaltes (Scham- und Peinlichkeitsempfindung) eigentümlich. (Besonders vom 16. Jahrhundert an ein starkes Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle.

Das Schamgefühl ist eine Angst vor der sozialen Degradierung bzw. vor den Überlegenheitsgesten Anderer. Es ist eine Form der Unlust oder Angst, die sich dann herstellt, wenn diese Gefahr nicht durch irgendeine Form des Angriffs abgewehrt werden kann. Eine Wehrlosigkeit vor der Überlegenheit anderer. Ein Ausgeliefert sein. Geht auf physische Zwänge, auf die körperliche Unterlegenheit des Kindes gegenüber seinen Modelleuren zurück. Beim Erwachsenen kommt diese Wehrlosigkeit daher, dass Menschen, deren Überlegenheitsgesten manfrau fürchtet, sich in Einklang mit dem eigenen Über-Ich des Wehrlosen und Geängstigten befinden, mit der Selbstzwangapparatur, die in dem Individuum durch Andere, von denen er abhängig war heran gezüchtet worden ist (S. 398).

Die Schamerregung gerät mit sich selbst in Widerspruch. Der Konflikt, der sich in Scham-Angst äußert ist nicht nur ein Konflikt des Individuums mit der herrschenden, gesellschaftlichen Meinung, sondern ein Konflikt in den sein/ihr Verhalten das Individuum mit dem Teil seines Selbst gebracht hat, der diese gesellschaftliche Meinung repräsentiert; es ist ein Konflikt des eigenen Seelenhaushalts; er/sie selbst erkennt sich als unterlegen an. Er/Sie fürchtet den Verlust der Liebe oder Achtung von Anderen, an deren Liebe und Achtung ihm/ihr liegt oder gelegen war. Deren Haltung hat sich in ihm zu einer Haltung verfestigt, die er automatisch sich selbst gegenüber einnimmt. Das ist es was ihn gegenüber den Überlegenheitsgesten Anderer, die in irgendeiner Hinsicht diesem Automatismus in ihm/ihr selbst aktualisieren, so wehrlos macht (S. 398).

Die Angst vor der Übertretung gesellschaftlicher Verbote ist um so stärker und erhält um so stärker den Charakter der Scham, je stärker durch den Aufbau der Gesellschaft Fremdzwänge in Selbstzwänge umgewandelt werden, und je umfassender, je differenzierter der Ring der Selbstzwänge wird.

Manfrau kann von diesen Schamgefühlen nur reden im Zusammenhang mit ihrer Soziogenese, mit Schüben in denen die Schamschwelle vorrückt oder wandert und in denen sich Aufbau und Schema der Selbstzwänge in einer bestimmten Richtung ändern, um sich dann wieder in der gleichen Form zu reproduzieren (S. 399).

Beide, Rationalisierung und Vorrücken der Scham- und Peinlichkeits Grenze sind ein Ausdruck für eine Verringerung der direkten Ängste vor der Bedrohung oder Überwältigung durch andere Wesen und für eine Verstärkung der automatischen, inneren Ängste, der Zwänge, die derdie Einzelne nun auf sich selbst ausübt.

In beiden gleichermaßen, kommt die größere, die differenziertere Vor- und Langsicht zum Ausdruck. Beide sind nichts als verschiedene Aspekte der stärkeren Spaltung des individuellen Seelenhaushalts, die sich mit der zunehmenden Funktionsteilung einstellt.

Verschiedene Aspekte der wachsenden Differenzierung zwischen Triebfunktionen, zwischen 'Es' und 'Ich' oder 'Über-Ich'. Dem 'Ich' im engeren als 'Über-Ich' bezeichnet, kommt im Sinne der psychischen Steuerungsfunktionen eine doppelte Funktion zu. Einerseits als Zentrum von dem aus sich ein Mensch in seinen Beziehungen zu anderen Dingen und Wesen steuert, andererseits als Steuerung und Regulierung, teils automatisch unbewusst, teils bewusst des 'Inneren', der eigenen Triebregungen.

Die Schichten der psychischen Funktionen haben eine doppelte Aufgabe. Sie treiben zugleich eine 'Innenpolitik' und eine 'Außenpolitik', die oft genug im Widerspruch zueinander stehen kann (S. 400).

Auf diese Weise erklärt es sich also, dass in der gleichen, geschichtlich- gesellschaftlichen Periode, in der die Rationalisierung spürbar vorankommt, auch ein Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenze beobachtbar ist.

Ein entsprechender Vorgang ist noch heute im Leben jedes einzelnen Kindes zu beobachten: Die Rationalisierung des Verhaltens ist ein Ausdruck für die Außenpolitik der gleichen Über-Ich-Bildung, deren Innenpolitik in einem Vorrücken der Schamgrenze zum Ausdruck kommt (S. 401).
Schamgefühle sind aber keinesfalls immer in der gleichen Weise in den Seelenhaushalt eingebaut (S. 402).

Aus der Fußnote: Der Verinnerlichungs- und Rationalisierungsschub, der in den verschiedenen puritanisch-protestantischen Bewegungen zum Ausdruck kommt, steht offenbar mit bestimmten Veränderungen in der Lage und im Aufbau mittelständischer Schichten im engsten Zusammenhang (S. 402).

Beispiel: Körperliche Entblößungen: Zuerst unterliegt die Entblößung des sozial Höherstehenden noch keinem strengen gesellschaftlichen Verbot, kann sogar Auszeichnung sein, oder Zeichen des Wohlwollens. Entblößung des Niedrigerstehenden als Zeichen der Respektlosigkeit. Wird mit Angst belegt.

Erst wenn die ständischen Mauern fallen, wenn die funktionelle Abhängigkeit aller von allen noch stärker wird und alle Menschen gleichwertiger, erst dann wird eine Entblößung in Gegenwart jedes anderen Menschen zu einem Verstoß (S. 403).

Das gleiche gilt von den Peinlichkeitsgefühlen. Sie bilden ein untrennbares Gegenstück zu den Schamgefühlen.

Diese (Schamgefühle) stellen sich her, wenn ein Mensch selbst gegen Verbote des Ich und der Gesellschaft verstößt.

Jene (Peinlichkeitsgefühle) stellen sich dadurch ein, wenn irgend etwas außerhalb des Einzelnen an dessen Gefahrenzone rührt, an Verhaltensformen (Gegenstände, Neigungen) die frühzeitig von seiner Umgebung mit Angst belegt wurden, bis sich diese Angst in ihm bei analogen Gelegenheiten automatisch wieder erzeugt.

Peinlichkeitsgefühle sind Unlusterregungen oder Ängste, die auftreten, wenn ein anderes Wesen die durch das Über-Ich repräsentierte Verbotsskala der Gesellschaft zu durchbrechen droht oder durchbricht (S. 404).

Vom 16.Jahrhundert ab rückt die Scham und Peinlichkeitsschwelle allmählich rascher vor. Dieses Vorrücken fällt zusammen mit der beschleunigten Verhöflichung der Oberschicht.

Die Gedankenketten schließen sich langsam. Es ist die Zeit in der die Abhängigkeitsketten, die sich in dem Einzelnen kreuzen, dichter und länger werden.
Immer mehr Menschen sind aneinander gebunden und der Zwang zur Selbstkontrolle wächst.
Wie die wechselseitige Abhängigkeit, so wird auch die wechselseitige Beobachtung der Menschen stärker; die Sensibilität und dementsprechend die Verbote werden differenzierter.
Vielfältiger wird auch das, worüber manfrau sich schämen muss, das, was man an Anderen als peinlich empfindet (S. 404).

Mit der fortschreitenden Funktionsteilung und der stärkeren Integrierung der Menschen verringern sich die Kontraste zwischen verschiedenen Schichten und Ländern, während sich die Schattierungen und Spielarten vergrößern. Die Menschen werden sensibler für kleinere Gesten und Formen.

Die 'Primitiven' erleben den Menschen- und Naturraum in dem relativ engen Bezirk, der für sie lebenswichtig ist, in bestimmter Hinsicht weit differenzierter als die 'Zivilisierten'.

Bei primitiveren Menschen ist die Fähigkeit, in Feld und Wald etwas zu unterscheiden, mehr entwickelt als bei 'Zivilisierten'.

Die Art, wie langsam im Anstieg des Mittelalters und dann beschleunigt vom 16. Jahrhundert an die Natur erlebt wird, ist gekennzeichnet, dass immer größere Menschenräume befriedet werden; Wälder, Wiesen und Berge hören allmählich auf Gefahrenzonen erster Ordnung zu sein.
Raubritter und Raubtiere verschwinden.
Wald und Feld sind nicht mehr Schauplatz ungedämpfter Leidenschaften, wilder Jagden auf Menschen und Tiere, wilder Lust und wilder Angst (S. 405).

Die befriedete Natur wird in einer neuen Weise sichtbar. Sie wird in hohem Maße zu einem Gegenstand der Augenlust, vor allem für die an Städte gebundenen Menschen. Sie werden empfindlicher, sie erfreuen sich am Zusammenklang der Farben und Linien; sie werden offen für das, was manfrau die Schönheit der Natur nennt.

Und im Zuge dieser Pazifizierung ändert sich zugleich auch die Sensibilität der Menschen für ihr Verhalten im Verkehr miteinander.

Nun verstärken sich proportional zur Abnahme der äußeren die inneren Ängste. Auf Grund dieser inneren Spannungen beginnen die Menschen sich gegenseitig differenzierter zu erleben. Die Gefahrenzone geht jetzt gewissermaßen quer durch die Seele aller Individuen hin.
Darum werden die Menschen auch jetzt in dieser Sphäre für Unterschiede empfindlich, die zuvor kaum ins Bewusstsein drangen. Wie die Natur zur Quelle einer durch das Auge vermittelten Lust wird, so werden auch die Menschen nun für einander in höherem Maße zur Quelle einer Augenlust oder der Unlust, zu Erregern von Peinlichkeitsgefühlen verschiedenen Grades (S. 407).

Nirgends in der menschlichen Gesellschaft gibt es einen Nullpunkt der Ängste vor äußeren Mächten und nirgends einen Nullpunkt der automatischen, inneren.

Die Ängste des Menschen vor äußeren Mächten werden geringer. Beide sind voneinander untrennbar. Was vor sich geht (im Zivilisationsprozess) ist nicht das Verschwinden der einen und das Auftauchen der anderen.

Was sich ändert, ist lediglich die Proportion zwischen den äußeren und den selbsttätigen Ängsten und deren gesamter Aufbau (S. 408).

Eines darf manfrau bei alledem nicht übersehen: Dass heute, wie ehemals alle Formen der inneren Ängste eines Erwachsenen mit Ängsten des Kindes in Beziehung zu Anderen, mit Ängsten vor äußeren Mächten zusammenhängen (S. 409).

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20070711

Zwänge Furcht Kontraste Technik tz-03

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 3

Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten.

Zivilisation vollzieht sich in Auf- und Abstiegsbewegungen. Im allgemeinen kann manfrau sagen, dass Unterschichten ihren Affekten und Trieben unmittelbarer nachgeben, dass ihr Verhalten weniger genau reguliert ist, als das der zugehörigen Oberschichten.
Die Zwänge, die auf Unterschichten wirken sind über große Teile der Geschichte hin Zwänge der unmittelbaren körperlichen Bedrohung (Qual, Schwert).
Und solche Gewalten, solche Situationen führen NICHT zu einer stabilen Umformung der Fremdzwänge in Selbstzwänge.

Bild: Der Arme den nach Fleisch gelüstet, aber nur Brösel hat gegenüber dem Asketen der sich Fleisch versagt und Brösel ißt.

Bild: Der begüterte Kaufmann, er arbeitet weil seine Arbeit den Sinn und die Legitimierung seines Lebens darstellt und der sich durch Selbstzwang die Arbeit so zur Gewohnheit macht, 'dass sein Seelenhaushalt etwas von seinem Gleichgewicht verliert, wenn er nicht mehr arbeiten kann'.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der abendländischen Gesellschaft, dass sich dieser Kontrast zwischen der Lage und dem Verhaltenscode der oberen und unteren Schichten erheblich verringert.

Es breiten sich auch Unterschichtcharaktere über alle Schichten hin aus. Früher war Arbeit ein Merkmal der unteren Schichten. Zugleich breiten sich Charaktere, die früher zu den Unterscheidungsmerkmalen von Oberschichten gehörten, ebenfalls über die ganze Gesellschaft hin aus.

Die Verwandlung der gesellschaftlichen Fremdzwänge in Selbstzwänge vollzieht sich innerhalb des Abendlandes mehr und mehr auch bei den breiten Massenschichten

Die Triebmodellierungen, die Verhaltensformen, der ganze Habitus der unteren Schichten in der zivilisierten Gesellschaft nähert sich mit der steigenden Bedeutung ihrer Funktionen im Ganzen dem der Mittelschichten (höheres Prestige).

Diese eigentümliche Durchdringung und Mischung von Verhaltensweisen ist eines der wichtigsten Eigentümlichkeiten des Prozesses der Zivilisation. Diese Bewegung ist nicht geradlinig.

Was wir als 'Ausbreitung der Zivilisation' bezeichnen sind die bisher letzten Wellen einer jahrhundertelangen Bewegung, deren charakteristische Figuren sich hier durchsetzen (S. 344).

Der Verlauf aller dieser Expansionen ist nur zu einem geringen Teil durch die Pläne und Wünsche derer bestimmt, deren Verhaltensweisen übernommen werden.

Die modellgebenden Schichten sind auch heute nicht schlechthin die freien Schöpfer oder Urheber der Expansionsbewegung.

Nicht die 'Technik' ist die Ursache dieser Verhaltensänderung; was wir 'Technik' nennen, ist selbst nur eines der Symbole, eine der letzten Verfestigungsformen jener beständigen Langsicht, zu der die Bildung immer längerer Handlungsketten und der Wettkampf unter den derart Verbundenen hindrängt.

Die 'zivilisierten' Verhaltensformen breiten sich aus, weil durch die Einbeziehung in das Interdependenzgeflecht, dessen Zentrum zunächst die Abendländer bilden, ebenfalls die Struktur der Gesellschaft geändert wird und somit der Aufbau der menschlichen Beziehungen im Ganzen.

Technik, Schulerziehung, alles das sind Teilerscheinungen.
Auch hier in den Expansionsgebieten des alten Occidents (S. 345).

Dies, die Umbildung der gesamten, gesellschaftlichen Existenz, ist auch hier das Fundament der Zivilisation des Verhaltens. Eben darum bahnt sich (im Verhältnis des Abendlandes zu anderen Gebieten der Erde) jene Verringerung der Kontraste an, die allen Wellen der Zivilisationsbewegung eigentümlich ist (S. 346).

Diese immer wiederkehrende Einschmelzung von Verhaltensweisen der funktional oberen Schichten ist nicht wenig bezeichnend für die zwiespältige Stellung der Oberschichten in diesem Prozess.

Die Gewöhnung an eine Langsicht, die strenge Regelung des Verhaltens und der Affekte sind wichtige Instrumente ihrer Überlegenheit über andere.

(Anmerkung : Inwieweit die heutige Ökonomie und das Geldwesen 'langsichtig' funktioniert wäre eine Diskussion wert. Manche Produktzyklen sind sehr kurzlebig, oft muss schnell zugegriffen, schnell gekauft und sehr schnell gekauft werden sonst sind die Gewinne im Eimer. Aktienhandel und andere Spekulationen verlangen nun oft blitzschnelle Reaktionen.
Welche Art von Langfristigkeit mag dahinter stecken? Und ob eine 'Langsicht' sich gegenüber einer 'Kurzsicht' durchsetzen kann? Haftet einer Langsichtigkeit nicht vielleicht auch eine gewisse Trägheit und Unbeweglichkeit an?).

Die Anspannung und Langsicht, die es kostet, die gehobene Stellung als Oberschicht aufrechtzuerhalten, kommt im inneren Verkehr der Gesellschaft durch die Stärke der gesellschaftlichen Überwachung zum Ausdruck, die ihre Mitglieder aufeinander ausüben.

Die Furcht der ganzen Gruppe um die Erhaltung der gehobenen Position und aus deren größerer oder geringerer Bedrohung wirkt unmittelbar eine Triebkraft zur Aufrechterhaltung des Verhaltenscodes, zur Züchtung des Über-Ich in ihren einzelnen Mitgliedern.

Sie setzt sich in individuelle Angst, in die Furcht des Einzelnen vor der persönlichen Degradierung oder Minderung des Prestiges in der eigenen Gesellschaft um; und es ist diese als Selbstzwang angezüchtete Furcht vor der Verringerung des eigenen Ansehens in den Augen anderer, mag sie nun die Gestalt der Scham oder des Ehrgefühls annehmen, die die ständige, gewohnheitsmäßige Wiedererzeugung des unterscheidenden Verhaltens und die strenge Triebregelung dahinter im einzelnen Menschen sichert (S. 347).

Die Oberschichten drängen dazu, ihre spezifische Triebregelung als Unterscheidungsmerkmale mit allen Kräften aufrechtzuerhalten.

Der Aufbau der Gesamtbewegung drängt zur Abschwächung der Verhaltensunterschiede (Kontraste).

Diese Zivilisation ist das unterscheidende und Überlegenheit gebende Kennzeichen der Okzidentalen. Aber zugleich erzeugen und erzwingen die Menschen des Abendlandes unter dem Druck ihres eigenen Konkurrenzkampfes in weiten Teilen der Erde eine Veränderung der menschlichen Beziehungen und Funktionen zu ihrem eigenen Standard hin.

Sie machen weite Teile der Welt von sich abhängig und werden zugleich von ihnen abhängig. So wird in eine Richtung gearbeitet, dass sich die Unterschiede in der gesellschaftlichen Stärke zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten verringern und die Kontraste spürbar kleiner werden.
Auch jenseits des Abendlandes Durchdringungs- und Mischungsprozesse und abendländische Verhaltensweisen, die von oben nach unten dringen (gelegentlich von unten nach oben) (S. 348).

Die Kontraste des Verhaltens zwischen den jeweils oberen und den jeweils unteren Gruppen verringern sich mit der Ausbreitung der Zivilisation; die Spielarten oder Schattierungen des zivilisierten Verhaltens werden größer.

Was sich in der abendländischen Oberschicht in den Kolonialgebieten als untere, aufsteigende Schicht nähert, sind zunächst meist die Oberschichten der dortigen Völkergruppen.

Im Abendland werden die unteren Schichten in den Standard des zivilisierten Verhaltens einbezogen, Regelung der Affekte, Ausbildung einer Selbstzwangapparatur auch bei ihnen.
Manfrau sieht etwa in England im Verhalten der Arbeiter noch das von Landedelleuten, in Frankreich zugleich das der Höflinge und eines durch Revolution zur Macht gekommenen Bürgertums.

In den Kolonialnationen eine weiter ausgeschliffenere Regelung der Affekte bei den Arbeitern als in den anderen Nationen, die spät oder gar nicht zur kolonialen Expansion kamen, weil sich Gewalt- und Steuermonople erst später bildeten (S. 349).

Auch zurück, im 17., 18. u. 19. Jahrhundert begegnet manfrau der gleichen Figur, der Durchdringung von Verhaltensweisen des Adels und des Bürgertums. Als Niederschlag der Prozesse entsteht ein Amalgam, eine neue Einheit von einzigartigem Charakter.

Auch wenn der Adel Abgrenzungen sucht, damit nur der Eingeweihte, nur der Zugehörige das Geheimnis des guten Benehmens kennen sollte; nur im Verkehr mit der guten Gesellschaft sollte manfrau es lernen können. Aber die Gewalten des Verflechtungsstromes sind stärker als der Wall, den der Adel um sich zu ziehen suchte.

Es sind kleine Funktionszentren in denen sich der Zwang der wachsenden Funktionsverflechtung zuerst bemerkbar macht.
Schließlich beginnt die gleiche Transformation der gesellschaftlichen Funktionen und damit des Verhaltens, des ganzen psychischen Apparates, auch in den außereuropäischen Ländern (S. 351).

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20070709

Der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang tz-01

Theorie der Zivilisation von Norbert Elias Teil 1

(Frage:) Was hat die Organisierung der Gesellschaft in der Form von 'Staaten' (Monopolisierung u. Zentralisierung der Abgaben und körperlicher Gewalttat) mit der 'Zivilisation' zu schaffen?

Wir sehen (Def.:) , dass der Prozess der Zivilisation eine Veränderung des menschlichen Verhaltens und Empfindens in einer ganz bestimmten Richtung ist.

Sie wurde nicht beabsichtigt und nicht bewusst rational verwirklicht.

Die 'Zivilisation' ist ebenso wenig wie die 'Rationalisierung' ein Produkt der menschlichen 'Ratio' und Resultat einer auf weite Sicht hin berechneten Planung. Nichts in der Geschichte weist darauf hin, dass diese Veränderung 'rational', etwa durch eine zielbewusste Erziehung von einzelnen Menschengruppen durchgeführt worden ist. Sie vollzieht sich als Ganzes ungeplant.

Nun eine Anmerkung aus den Fußnoten (S. 475):
Weit verbreitet ist heute die Vorstellung, dass die Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und die einzelnen gesellschaftlichen Institutionen primär aus ihrer Zweckmäßigkeit für die derart verbundenen Menschen zu erklären sind.
Es sieht nach dieser Vorstellung so aus, als ob die Menschen aus der Einsicht in die Zweckmäßigkeit dieser Institutionen irgend wann einmal gemeinsam den Entschluss gefasst hätten, so und nicht anders miteinander zu leben. Aber diese Vorstellung ist eine Fiktion, und sie ist schon allein deswegen kein sehr gutes Leitinstrument der Forschung.

Die Einwilligung mit anderen zusammen zu leben und die Rechtfertigung dessen ist etwas Nachträgliches. Der Einzelne hat in dieser Hinsicht keine sehr große Wahl. Er wird in eine Ordnung und Institutionen hinein geboren; er wird konditioniert und selbst wenn er diese Ordnung und Institutionen wenig schön, wenig zweckmäßig findet, kann er nicht einfach seine Einwilligung zurückziehen und aus der bestehenden Ordnung herausspringen.

Er/Sie mag Abenteurer, Tramp, Gammler, Hippie, Bücherschreiber und am Ende auf einer einsamen Insel sein, aber er ist ihr Produkt. Die Ordnung zu missbilligen und vor ihr zu fliehen ist kein geringerer Ausdruck der Bedingtheit durch sie, als sie zu preisen und zu rechtfertigen.

Manfrau verstellt sich den Zugang zum Verständnis der Genese von Gesellschaftsformen, wenn manfrau sie sich in der gleichen Weise entstanden denkt, wie die Werke und Taten einzelner Menschen: durch individuelle Zwecksetzungen oder gar durch vernünftige Überlegungen und Pläne.

Die Vorstellung, dass die Zivilisation des Abendlandes auf Grund einer klaren Zwecksetzung geschieht ist durch Tatsachen kaum zu belegen. Es ist also wenig im Grunde getan, wenn manfrau Institutionen, wie den Staat, aus rationalen Zwecksetzungen erklärt.
Diese Verflechtung vieler Menschen ist selbst nichts Geplantes. Hier hat manfrau es mit Erscheinungen, mit Zwängen und Gesetzmäßigkeiten eigener Art zu tun.

Zivilisation ist nicht aus einem gemeinsamen Plane Vieler, sondern als etwas Ungeplantes, hervorgehend aus dem Mit- und Gegeneinander der Pläne vieler Menschen entstanden. So kommt es zu zunehmender Funktionsteilung, Integration von großen Menschenräumen und vielen anderen geschichtlich-gesellschaftlichen Prozessen. Und erst die Eigengesetzlichkeit der Verflechtung von individuellen Plänen und Handlungen, in die Bindung des Einzelnen durch sein Zusammenleben mit Andere, erst sie ermöglicht schließlich auch ein besseres Verständnis für das Phänomen der Individualität.

Das Miteinanderleben der Menschen, das Geflecht ihrer Absichten und Pläne, die Bindungen der Menschen durcheinander, sie bilden (weit entfernt die Individualität des Einzelnen zu vernichten), vielmehr das Medium, in dem sie sich entfaltet. Sie setzen dem Individuum Grenzen, aber sie geben ihm zugleich einen mehr oder weniger großen Spielraum. Das gesellschaftliche Gewebe der Menschen bildet das Substrat, aus dem heraus, in das hinein der Einzelne ständig seine individuellen Zwecke spinnt und webt (S. 477). Genaueres dazu: N. Elias, Die Gesellschaft der Individuen, Basel, 1939).
Ende Anmerkung aus Fußnote.

Aber die Zivilisation vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung. Es ist gezeigt worden
1. wie Fremdzwänge sich in Selbstzwänge verwandeln;
2. wie menschliche Verrichtungen hinter die Kulisse des gesellschaftlichen Lebens verdrängt und mit Schamgefühlen belegt werden;
3. wie die Regelung des gesamten Trieb- und Affektlebens durch eine beständige Selbstkontrolle immer stabiler wird.
Alles das geht nicht auf eine rationale Idee zurück, die vor Jahrhunderten konzipiert und dann einer Generation nach der anderen als Zweck des Handelns, als Ziel der Wünsche eingepflanzt wurde. Aber diese Transformation ist dennoch auch nicht nur ein strukturloser und chaotischer Wechsel (S. 312, 313).

Anmerkung: "Bei Durchsicht meiner ersten Stücke" schrieb Bertold Brecht: "Aber der den großen Sprung machen will, muss einige Schritte zurückgehen. Das Heute geht gespeist durch das Gestern in das Morgen. Die Geschichte macht vielleicht einen reinen Tisch, aber sie scheut den leeren."

Das allgemeine Problem des geschichtlichen Wandels: Dieser Wandel als Ganzes ist nicht 'rational' geplant; aber er ist auch nicht nur ein regelloses Kommen und Gehen ungeordneter Gestalten. (Frage:) Wie ist das möglich? Wie kommt es zu Gestaltungen, die kein Mensch beabsichtigt hat, und die dennoch alles andere sind als Wolkengebilde ohne Festigkeit, ohne Aufbau und Strukur?

Die Antwort auf diese Fragen ist einfach genug:
Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen, menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden. Es ist diese Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt; sie ist es, die dem Prozess der Zivilisation zugrunde liegt.

Diese Ordnung ist weder rational (entstanden aus zweckgerichteten Überlegungen einzelner Menschen) noch irrational (auf unbegreifliche Weise). Diese Ordnung ist von einzelnen Menschen mit der 'Natur' identifiziert worden; sie wurde von Hegel und Anderen als eine Art von überindividuellem Geist interpretiert (seine Vorstellung von einer 'List der Idee' zeigt, wie sehr ihn auch die Tatsache beschäftigte, dass sich aus allem Planen und Handeln der Menschen vieles ergibt, was kein Mensch beabsichtigt hat).

Aber solche Denkgewohnheiten (rational oder irrational) erweisen sich hier als unzulänglich. Die Wirklichkeit ist auch in dieser Hinsicht nicht ganz so aufgebaut, wie es uns die Begriffsapparatur eines bestimmten Standards glauben machen will, die ganz gewiss zu ihrer Zeit als Kompass durch die unbekannte Welt gute Dienste geleistet hat.

Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Verflechtungserscheinungen ist weder identisch mit der Gesetzlichkeit des 'Geistes', des individuellen Denkens und Planens, noch mit der Gesetzlichkeit dessen, was wir die 'Natur' nennen, wenn auch alle diese verschiedenen Dimensionen der Wirklichkeit funktionell unablösbar miteinander verbunden sind (S. 314).

Der allgemeine Hinweis auf die Eigengesetzlichkeit der Verflechtungserscheinungen fördert das Verständnis solcher Erscheinungen wenig, er bleibt leer und missverständlich, wenn manfrau nicht zugleich unmittelbar an bestimmten, geschichtlichen Wandlungen selbst die konkreten Mechanismen der Verflechtung und damit das Wirken dieser Gesetzmäßigkeiten aufzeigt.
Das wurde im dritten Kapitel gezeigt.
Im dritten Kapitel wird gezeigt, welche Art der Verflechtung, der wechselseitigen Angewiesenheit oder Abhängigkeit von Menschen, beispielsweise den Prozess der Zivilisation in Gang bringt. Hier ist gezeigt worden, wie der Zwang von Konkurrenzsituationen eine Reihe von Feudalherren gegeneinander treibt, wie der Kreis der Konkurrenten sich langsam verengt, wie es zur Monopolstellung eines von ihnen und damit im Zusammenhang zur Bildung des absolutistischen Staates kommt.

Diese ganze Umorganisierung der menschlichen Beziehungen hat ganz gewiss ihre unmittelbare Bedeutung für jene Veränderung des menschlichen Habitus, deren vorläufiges Ergebnis unsere Form des 'zivilisierten' Verhaltens und Empfindens ist und von diesem spezifischen Wandel im Aufbau des psychischen Habits wird in der Folge gesprochen werden.

Der Anblick dieser Verflechtungsmechanismen ist auch noch in einem allgemeineren Sinne für das Verständnis des Zivilisationsprozesses von Bedeutung: Erst wenn manfrau sieht, mit welch hohem Maß von Zwangsläufigkeit ein bestimmter Gesellschaftsaufbau, eine bestimmte Form der gesellschaftlichen Verflechtung kraft ihrer Spannungen zu einer spezifischen Veränderung und damit zu anderen Formen der Verflechtung hindrängt, erst dann kann manfrau verstehen, wie jene Veränderungen des menschlichen Habitus, jene Veränderungen in der Modellierung des plastischen, psychischen Apparats zustande kommen, die sich bis zur Gegenwart immer von neuem beobachten lassen. Erst dann kann manfrau auch verstehen, dass der Veränderung des psychischen Habitus im Sinne einer Zivilisation eine ganz bestimmte Richtung und Ordnung innewohnt.

Elias macht in einer Fußnote klar, dass er hier nicht an eine Entwicklung im Sinne Darwins (biologistische Vorstellungen) glaubt, er zitiert aus Social Change, Ogburn, London 1923: "The inevitable series of stages in the development of social institutions has not only not been proven but has been disproven ...(S.477) - the achievements have not been up to the high hopes entertained shortly after the publication of Darwins theory of natural selection. Goldenweiser, Social Evolution in Encyclopedia of Social Sciences, New York 1935:...(Evolution) is no longer accepted as a process to be contemplated, but as a task to be achieved by deliberate and concerted human effort".
Anmerkung: Das könnte bedeuten, dass 'Evolution' keinen für die menschliche 'Entwicklung' bedeutenden wissenschaftlichen Erklärungswert besitzt, sondern selber an sich einen bloßen ideellen Wert (eine zu vollführende Aufgabe) darstellt.

Die Zivilisation ist nichts 'Vernünftiges'; sie ist nichts 'Rationales', so wenig sie etwas 'Irrationales' ist. Sie wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, durch spezifische Veränderungen der Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind (S. 316).

Aber es ist durchaus nicht unmöglich, dass wir etwas 'Vernünftigeres', etwas im Sinne unserer Bedürfnisse und Zwecke besser Funktionierendes daraus machen können. Denn gerade im Zusammenhang mit dem Zivilisationsprozess gibt das blinde Spiel der Verflechtungsmechanismen selbst allmählich einen größeren Spielraum zu planmäßigen Eingriffen in das Verflechtungsgewebe und den psychischen Habitus, zu Eingriffen auf Grund der Kenntnis ihrer ungeplanten Gesetzmäßigkeiten (S. 316).

(Frage:) Aber welche spezifische Veränderung modelliert den psychischen Apparat im Sinne einer 'Zivilisation'?

Von den frühesten Zeiten der abendländischen Geschichte bis zur Gegenwart differenzieren sich die gesellschaftlichen Funktionen unter einem starken Konkurrenzdruck mehr und mehr. Je mehr sie sich differenzieren, desto größer wird die Zahl der Funktionen und damit der Menschen von denen der Einzelne abhängt. Das Verhalten von immer mehr Menschen muss aufeinander abgestimmt, genauer und straffer durch organisiert sein, damit die einzelne Handlung ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt.

Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter zu regulieren. Es handelt sich hier keineswegs nur um eine bewusste Regulierung. Gerade dies ist typisch für die Veränderung des psychischen Apparats im Zuge der Zivilisation, dass die stabilere Regelung des Verhaltens dem einzelnen Menschen als ein Automatismus an gezüchtet wird, als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstsein will.

So verfestigt sich im Einzelnen neben der bewussten Selbstkontrolle zugleich eine automatisch und blind arbeitende Selbstkontrollapparatur, die durch einen Zaun von schweren Ängsten Verstöße zu verhindern sucht. Aber bewusst oder nicht bewusst, die Richtung dieser Veränderung des Verhaltens im Sinne einer immer differenzierteren Regelung der gesamten psychischen Apparatur ist bestimmt durch die Richtung der gesellschaftlichen Differenzierung, durch die fortschreitende Funktionsteilung und die Ausweitung der Interdependenzketten in die jede Regung des Einzelnen eingebettet ist (S. 317).

Ein einfaches Bild dafür sind die Wege und Straßen.
Mittelalter: holprig, ungepflastert, natural-wirtschaftende Kriegergesellschaft, wenig Verkehr, Hauptgefahr der Überfall, die Gefahr ist überall gegenwärtig, ständige Bereitschaft zu kämpfen, die Leidenschaften spielen.
Heutige Zeit: Ein Hindurchwinden, Regulationen, geregelte Kreuzungen, Hauptgefahr, dass jemand die Selbst-Kontrolle verliert.

Mit der Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes wird auch die soziogene psychische Selbstkontrollapparatur differenzierter, allseitiger und stabiler. Aber die fortschreitende Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionen ist nur die erste, die allgemeinste der gesellschaftlichen Transformationen der Ursachen für die Veränderung des psychischen Habitus im Sinne einer 'Zivilisation'.

Mit der fortschreitenden Funktionsteilung geht eine totale Umorganisierung des gesellschaftlichen Gewebes Hand in Hand. (Siehe oben, zentrifugale Tendenzen, Feudalisierung..) Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur, die als ein entscheidender Zug im Habitus jedes 'zivilisierten' Menschen hervortritt, steht mit der Ausbildung von Monopolinstituten der körperlichen Gewalttat und mit der wachsenden Stabilität de gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang.

Erst mit der Ausbildung solcher stabiler Monopolinstitute stellt sich jene gesellschaftliche Prägeapparatur her, die den Einzelnen von klein auf an ein An-sich-Halten gewöhnt; erst im Zusammenhang mit ihr bildet sich im Individuum eine stabilere, zum guten Teil automatisch arbeitende Selbstkontrollapparatur (S. 320).

Wenn sich ein Gewaltmonopol bildet entstehen befriedete Räume, gesellschaftliche Felder, die von Gewalttaten normalerweise frei bleiben. die Zwänge, die innerhalb ihrer auf den einzelnen Menschen wirken, sind von anderer Art, als zuvor. Gewaltformen bleiben für sich in entsprechend veränderter Form den befriedeten Räumen zurück. Am sichtbarsten sind sie durch die wirtschaftliche Gewalt, durch ökonomische Zwänge verkörpert.

Folgendes ist die Richtung, in der sich das Verhalten und der Affekthaushalt der Menschen ändern, wenn sich der Aufbau der menschlichen Beziehungen in der geschilderten Weise umbildet:
Gesellschaften ohne stabiles Gewaltmonopol sind immer Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung relativ gering und die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, verhältnismäßig kurz sind, umgekehrt:
Gesellschaften mit stabileren Gewaltmonopolen, verkörpert zunächst durch einen größeren Königshof, sind Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung mehr oder weniger weit gediehen ist, in denen die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, länger und die funktionellen Abhängigkeiten des einen Menschen von anderen größer sind.
Hier ist der Einzelne geschützt aber auch selbst gezwungen die eigenen Leidenschaften und Wallungen zurück zu drängen (S. 321).

Je dichter das Interdependenzgeflecht wird, in das der Einzelne mit der fortschreitenden Funktionsteilung versponnen ist, je größer die Menschenräume sind, desto mehr ist der Einzelne in seiner sozialen Existenz bedroht, der spontanen Wallungen und Leidenschaften nachgibt; desto mehr ist derjenige im Vorteil, der seine Affekte zu dämpfen vermag. Mit der Monopolisierung der körperlichen Gewalt vollzieht sich eine Veränderung des Verhaltens im Sinne der 'Zivilisation' (S. 322).

Die Verwandlung des Adels aus einer Schicht von Rittern in eine Schicht von Höflingen ist ein Beispiel dafür. Wenn sich Monopolorganisationen der körperlichen Gewalt bilden, streben langsam die Affektäußerungen einer mittleren Linie zu.

Die Gewalttat ist kaserniert und hat in der Form, als Kontrollorganisation einen bestimmten Einfluss auf den Einzelnen in der Gesellschaft, er mag es wissen oder nicht. Diese Kontrollorganisation ist eine eigentümliche Form der Sicherheit. Von dieser gespeicherten Gewalt in der Kulisse des Alltags geht ein beständiger, gleichmäßiger Druck auf das Leben des Einzelnen aus, den er oft kaum noch spürt, weil er sich völlig an ihn gewöhnt hat.
Es ist die ganze Prägeapparatur des Verhaltens, die sich ändert und nicht nur die sondern der ganze Aufbau der psychischen Selbststeuerung.

Die Monopolorganisation zwingt nicht durch eine unmittelbare Bedrohung. Sie wirkt durch das Medium seiner eigenen Überlegung hindurch. Der aktuelle Zwang ist einer, den der/die Einzelne nun auf Grund seines Wissens um die Folgen seiner Handlungen auf sich selbst ausübt.
Die Monopolisierung der körperlichen Gewalt zwingt die waffenlosen Menschen in den befriedeten Räumen zu einer Zurückhaltung durch die eigene Voraussicht oder Überlegung; sie zwingt diese Menschen mit einem Wort zur Selbstbeherrschung (S. 326).

Die psychische Apparatur der Selbstkontrolle (Über-Ich, Gewissen...) wird nur in einer solchen Kriegergesellschaft unmittelbar gezüchtet. Sie ist im Verhältnis zu der Selbstzwangapparatur in stärker pazifizierten Gesellschaften diffus, unstabil und voll von Durchlässen für heftige Entladungen; die Ängste sind hier noch nicht im entferntesten dermaßen aus dem Bewusstsein in das 'Innere' zurückgedrängt. Die Angst hat hier noch stärker die Gestalt einer Angst vor äußeren Mächten (S. 327).

Was sich mit der Monopolisierung der Gewalttat in den befriedeten Räumen herstellt, ist ein anderer Typus von Selbstbeherrschung oder Selbstzwang. Es ist eine leidenschaftslosere Selbstbeherrschung.
Der Kontroll- und Überwachungsapparatur in der Gesellschaft entspricht die Kontrollapparatur, die sich im Seelenhaushalt des Individuums herausbildet. Beide üben einen steten, gleichmäßigen Druck zur Dämpfung der Affektäußerungen aus.

Wie in der Gesellschaft die Monopolisierung der physischen Gewalt die Angst und den Schrecken verringert, die der Mensch vor dem Menschen haben muss, aber zugleich auch die eigenen Affektentladungen hindert so sucht im Einzelnen die stetige Selbstkontrolle, an die er mehr und mehr gewöhnt wird, die Umschwünge im Verhalten und die Affektgeladenheit zu verringern. Wozu der Einzelne nun gedrängt wird, ist eine Umformung des ganzen Seelenhaushalts im Sinne einer kontinuierlichen, gleichmäßigen Regelung seines Trieblebens und seines Verhaltens nach allen Seiten hin (S. 328).

Und ganz in der gleichen Richtung wirken die waffenlosen Zwänge, z.B. die wirtschaftlichen Zwänge, denen der/die Einzelne in den befriedeten Räumen ausgesetzt wird. Sie zwingen zu einer unaufhörlichen Rück- und Voraussicht über den Augenblick hinaus, entsprechend der längeren und differenzierteren Ketten, sie fordern vom Einzelnen eine beständige Bewältigung seiner augenblicklichen Affekt- und Triebregungen.
Sie züchten im Einzelnen eine gleichmäßige Selbstbeherrschung, eine beständige Regelung seiner Triebe im Sinne der gesellschaftlichen Standarde.

Diese Zurückhaltung wird ihm von klein auf so zur Gewohnheit gemacht, dass sich in ihm, gleichsam als eine Relaisstation der gesellschaftlichen Standarde, eine automatische Selbstüberwachung der Triebe im Sinne der jeweiligen gesellschaftsüblichen Schemata und Modelle, eine 'Vernunft', ein 'Über-Ich' herausbildet, und dass ein Teil der zurückgehaltenen Triebregungen und Neigungen ihm überhaupt nicht mehr unmittelbar zum Bewusstsein kommt (S. 329).

Früher in der Kriegergesellschaft wurde die größere Chance zur unmittelbaren Lust mit Furcht (Höllenvorstellungen) bezahlt. Beides Lust und Unlust entlud sich hier offener und freier nach außen. Aber das Individuum war ihr Gefangener. Der/die Einzelne beherrschte seine/ihre Leidenschaften weniger, er/sie war stärker von ihnen beherrscht.
Der einzelne Mensch ist nun weniger Gefangener seiner Leidenschaften als zuvor, aber stärker als früher ist er durch seine funktionelle Abhängigkeit von der Tätigkeit einer immer größeren Anzahl Menschen gebunden und seine unmittelbare Triebbefriedigung ist viel beschränkter als früher.

Das Leben wird in gewissem Sinne gefahrloser, aber auch affekt- oder lustloser. Manfrau schafft sich dafür das, was im Alltag fehlt, im Traum, in Büchern und Bildern einen Ersatz: so beginnt der Adel auf dem Wege der Verhöflichung Ritterromane zu lesen, so sieht der Bürger Gewalttat und Liebesleidenschaft im Film (S. 330).
Der Kriegsschauplatz wird zugleich in gewissem Sinne nach innen verlegt. Ein Teil der Spannungen und Leidenschaften, die ehemals unmittelbar im Kampf zwischen Mensch und Mensch zum Austrag kamen, muss nun der Mensch in sich selbst bewältigen.

Die friedlicheren Zwänge, die seine Beziehungen zu anderen auf ihn ausüben, bilden sich in ihm ab; es verfestigt sich eine eigentümliche Gewohnheitsapparatur in ihm, ein spezifisches 'Über-Ich', das beständig seine Affekte im Sinne des gesellschaftlichen Aufbaus zu regeln, umzuformen oder unterdrücken trachtet. Aber die Triebe kämpfen nun in dem Einzelnen gegen diesen überwachenden Teil seines Selbst (S. 330, 331).

Durch die Interdependenz größerer Menschengruppen voneinander und durch die Aussonderung der physischen Gewalttat innerhalb ihrer stellt sich eine Gesellschaftsapparatur her, in der sich dauernd die Zwänge der Menschen aufeinander in Selbstzwänge umsetzen.
Diese Selbstzwänge, die von klein auf heran gebildet werden, haben teils die Gestalt einer bewussten Selbstbeherrschung, teils die Gestalt automatisch funktionierender Gewohnheiten; sie wirken auf eine genauere Regelung der Trieb- und Affektäußerungen nach einem der gesellschaftlichen Lage entsprechenden Schema hin; aber je nach dem inneren Druck, je nach Lage der Gesellschaft und des Einzelnen in ihr, erzeugen sie auch eigentümliche Spannungen und Störungen im Verhalten und Triebleben des Individuums, zu ständiger Unruhe und Unbefriedigtheit des Menschen, eben weil ein Teil seiner Neigungen und Triebe nur noch in verwandelter Form, etwa in der Phantasie, im Zusehen oder Zuhören, im Tag- oder Nachttraum Befriedigung finden kann.
Manchmal geht die Gewöhnung an eine Affektdämpfung so weit (z.B. Langeweile, Einsamkeitsempfindungen), dass dem Einzelnen eine furchtlose Äußerung der verwandelten Triebe in keiner Form mehr möglich ist.
Triebzwänge werden da anästhisiert und umgeben sich unter dem Druck der Gefahren dermaßen mit automatisch auftretenden Ängsten, dass sie unter Umständen für ein ganzes Leben lang taub und unansprechbar bleiben.
Eine dauernde scheinbar unbegründete innere Unruhe mag anzeigen, wie viele Triebenergien in eine Gestalt gebannt sind, die keine wirkliche Befriedigung zulässt (S. 332).
Kuriose Steckenpferde.

Der individuelle Zivilisationsprozess vollzieht sich größtenteils blind (bewusst ungesehen). Unter der Decke dessen, was die Erwachsenen denken und planen, hat die Art der Beziehung, die sich zwischen ihnen und den Heranwachsenden herstellt, Funktionen und Wirkungen in deren Seelenhaushalt, die sie nicht beabsichtigt haben und von denen sie kaum etwas wissen.

Ungeplant in diesem Sinne (re-)produzieren sich extrem ungünstige abnorme Modellierungserscheinungen, eigentlich psychische Abnormalitäten.
Aber auch der Habitus, der sich im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen Norm hält und zugleich subjektiv befriedigender ist, produziert sich nicht weniger ungeplant. Aus der gleichen, gesellschaftlichen Prägeapparatur gehen in einer breiten Streungskurve günstiger und ungünstiger gelagerte, menschliche Prägungen hervor (S. 333).

Die Umleitung und Verwandlung einzelner Triebenergien (Freud: 'Sublimierung') mag, statt in absonderlichen Vorlieben in einer individuell höchst befriedigenden und gesellschaftlich höchst fruchtbaren Tätigkeit oder Begabung ihren Ausdruck finden.
Hier wie dort (beim 'Abnormen' wie beim 'Angepassten') bildet sich das Beziehungsgeflecht der prägsamsten Phase, der Kinder- und Jugendzeit, in dem psychischen Apparat des einzelnen Menschen, in der Beziehung zwischen seinem Über-Ich und seinem Triebzentrum als sein individuelles Gepräge ab; hier wie dort verfestigt es sich zu einer Gewohnheitsapparatur.

Worin besteht der theoretische Unterschied zwischen einem individuellen Zivilisationsprozess, der als gelungen oder einem der als nicht gelungen gilt?

In dem einen Fall bilden sich schließlich im Rahmen einer gesellschaftlichen Erwachsenenfunktion gut eingepasste Verhaltensweisen und zugleich eine positive Lustbilanz; im anderen Fall schwere Anspannung mit hohen Kosten persönlicher Befriedigung und keine positive Lustbilanz, weil eine Instanz ihm verbietet und bestraft, was die andere möchte (S. 334, 335).

In Wirklichkeit lebt die Mehrzahl der Zivilisierten zwischen diesen beiden Extremen auf einer mittleren Linie.

Der gesellschaftliche Modellierungsprozess im Sinne einer abendländischen Zivilisation ist besonders schwierig. Er muss, um auch nur einigermaßen zu gelinge, entsprechend dem Aufbau der abendländischen Gesellschaft, eine besonders reiche Differenzierung, eine besonders intensive und stabile Regulierung des psychischen Apparates produzieren. Er nimmt daher im allgemeinen, und vor allem in den oberen und den mittleren Schichten, mehr Zeit in Anspruch als der Modellierungsprozess in weniger differenzierten Gesellschaften.
Der Widerstand gegen die Einpassung in den vorgegebenen Zivilisationsstandard, ist immer sehr beträchtlich. Später, als in weniger differenzierten Gesellschaften, erlangt der Einzelne den psychischen Habitus eines Erwachsenen.

Zusammenfassung:

Gesellschaftliche und individuelle Zivilisationsprozesse finden sich überall, wo unter einem Konkurrenzdruck die Funktionsteilung größerer Menschenräume voneinander abhängig, wo eine Monopolisierung der körperlichen Gewalt eine leidenschaftsfreiere Kooperation möglich und notwendig macht, überall, wo sich Funktionen herstellen, die eine beständige Rück- und Voraussicht auf die Aktionen und Absichten Anderer über viele Glieder hinweg erfordern.

Bestimmend für Art und Grad solcher Zivilisationsschübe ist dabei immer die Weite der Interdependenzen, der Grad der Funktionsteilung und der Aufbau der Funktionen innerhalb ihrer (S. 336).

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20070428

Eliten, Klassen, sozialer Wandel, Politik, sk-15

Die Beziehung zwischen Klassentheorie und Elitetheorie. (Dahrendorf: "ist 'ne peinliche Frage").

Absolute Ansprüche werden erhoben mit wenig Licht auf die wirklichen Prozesse des Wandels. Klassen bestimmen wahrscheinlich die Energie und die Richtung des sozialen Wandels. Sie sind unübersehbar und der Inhalt der Interessen, um die sie sich bilden, weist auf die Richtung wohin sich die Dinge bewegen. Aber jemand muss diese Interessen in Handeln übersetzen und die Dinge vorantreiben.

Es gibt viele Untersuchen über die Begrenzungen von Eliten. Sie werden beschrieben: aus engem sozialen Bereich, mit ähnlichen Lebensläufen, Lebenserfahrungen, haben akademische Abschlüsse, sprechen eine gemeinsame Sprache.
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Quelle: 'Der moderne soziale Konflikt' von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Dahrendorf kritisiert, dass solche Studien den Kern des politischen Prozesses verfehlen. Mitglieder von sozial homogenen Eliten sind vielmehr unter bestimmten Umständen durchaus in der Lage unorthodoxe radikale Entscheidungen zu machen. Oft haben eher die Aufsteiger eine Angst anders zu sein und handeln daher stärker konform.

Je selbstbewusster Menschen in ihrer Zugehörigkeit sind, desto weniger defensiv verhalten sie sich, desto offener können sie daher bleiben für die Interessen und Impulse sozialer Kräfte. So könnten möglicherweise homogene Eliten wirksamere Träger des Wandels sein als pluralistische Eliten. Nervöse Eliten sind in aller Regel feige; der Mut zur Reform setzt Selbstbewusstsein voraus.

Politik in der industriellen Gesellschaft hat in ihrem Kern mit der effektiven Vermittlung dieser verschiedenen Elemente (Klassen, Eliten) zu tun. Parlamente haben hier ihre Aufgabe und versammeln organisierte soziale Kräfte, wählen Führer und geben ihnen Chancen des Handelns und zwingen aber auch zum Zuhören. Dieses Wechselspiel wird durch zusätzliche Faktoren gestört. Im nächsten Beitrag (Post) hilft uns Max Weber weiter.

20070427

Kampf, Konflikt, Angst, Lust, Zivilisation zt-39

Wandlungen der Angriffslust.- Das Affektgefüge des Menschen ist ein Ganzes auch wenn wir einzelne Triebäußerungen unterscheiden. Diese ergänzen und ersetzen sich, bilden eine Art von Stromkreis im Menschen.

Triebäußerungen sind voneinander wenig trennbar und bilden eine Teilganzheit innerhalb der Ganzheit des Organismus und sind gesellschaftlich geprägt.

Es wird zwar gerne von einzelnen 'Trieben' gesprochen aber die Denkformen die nicht die Zugehörigkeit und die Einheit und Ganzheit des Triebhaushalts sehen bleiben dieser Ganzheit gegenüber ohnmächtig. Jede besondere Triebrichtung gehört zu dieser Ganzheit.

Wenn im folgenden von einem 'Angriffstrieb' gesprochen wird, so nur als eine Triebfunktion im Ganzen eines Organismus, und Wandlungen dieser Funktion zeigen Wandlungen der gesamten Modellierung an.

Der Standard der Kampfeslust ist gegenwärtig durch eine Unzahl von Regeln und Verboten, die zu Selbstzwängen geworden sind, eingeengt und gebändigt. Auch hier die gleiche geschichtliche Verwandlung.

Die Entladung der Affekte im Kampf war vielleicht im Mittelalter nicht mehr ganz so ungedämpft wie in der Frühzeit der Völkerwanderung (S. 265).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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In der mittelalterlichen Gesellschaft gehören Raub, Kampf, Jagd zu den Lebensnotwendigkeiten und treten offen zutage.
Für die Mächtigen und Starken gehört es zu den Freuden des Lebens. Gefangene werden verstümmelt, Brunnen verschüttet, Bäume abgehauen, Felder verwüstet. Das Geld hatte in der Ritterzeit eine dämpfende Wirkung. Ritter wurden ausgelöst, die Armen verstümmelt.

Es gab keine strafende, gesellschaftliche Gewalt. Die einzige Bedrohung war die von einem Stärkeren überwältigt zu werden.

Im 13. Jahrhundert gehört Rauben, Plündern, Morden zum Standard der Kriegergesellschaft. Die Grausamkeitsentladung schloss nicht vom gesellschaftlichen Verkehr aus. Sie war nicht gesellschaftlich verfemt.

Die Freude am Quälen und Töten anderer war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude. Manfrau verhielt sich gesellschaftlich zweckmäßig und fand seine Lust dabei. (Unverstümmelte Gefangene bedeuten eine Bedrohung). Die Zukunft war fast immer ungewiss. Der Augenblick galt dreifach.

Das Gros der weltlichen Oberschicht des Mittelalters führte das Leben von Bandenführern. Der Krieger des Mittelalters liebte den Kampf nicht nur, er lebte darin, sein Leben hatte keine andere Funktion.

Im 15. Jahrhundert gibt der Ritter noch seiner Freude am Kampf Ausdruck, also Kriegslust die die Furcht besiegt, und Freude an der Verbundenheit mit dem Freund.
Beim Bauern war der Spielraum der Angriffslust beschränkt auf seinesgleichen.
Der Ritter war außerhalb seiner Schicht weniger beschränkt als innerhalb (ritterlicher Code).

Für die geistliche Oberschicht des Mittelalters ist das Leben in seiner Gestaltung durch den Gedanken an den Tod und an das was nachher kam, an das Jenseits bestimmt.

In der weltlichen Oberschicht ist das keineswegs mit solcher Ausschließlichkeit der Fall (S. 271).
"Kein courtoiser Mann soll die Freude schelten, er soll Freude lieben" (13. Jahrhundert).
Das sind deutliche Abhebungen des ritterlichen Menschen gegen den Kleriker.

Den Tod nicht zu fürchten, war eine Lebensnotwendigkeit für den Ritter.

Auch das Leben der Bürger in den Städten war, von Fehden durchsetzt, auch hier Angriffslust, Hass und Freude an der Qual anderer, ungebändigter als in der folgenden Phase.

Es war nicht allein die Waffe des Geldes, die den Bürger hoch trug.

Raub, Kampf, Plünderung, Familienfehde, das alles spielte im Leben der Stadtbevölkerung kaum eine geringere Rolle als im Leben der Kriegerkaste.

Wettstreite gegenseitiger Beschuldigungen, wilde Schlachten bei Rittern und Kaufleuten und Handwerkern. Familienfehden. Auch die Bürger, die kleinen Leute, Mützenmacher, Schneider, Hirten, sie alle hatten schnell das Messer in der Hand.

Ausbrüche von Freude und Lustigkeit, aber auch plötzliches Aufflackern von Hass und Angriffslust.

Das sind Symptome des emotionalen Lebens. Die Triebe, die Emotionen spielten ungebundener, unvermittelter, unverhüllter als später.

Die Religion wirkt für sich allein niemals zivilisierend oder Affekt dämpfend. -o- (Anmerkung: Ein überaus interessantes Thema: Religion <---> Zivilisation. Nachdem ich hier auf diesem Blog eine gewisse Basis eingerichtet habe, wird hier etwas mehr Lebendigkeit einkehren. Während des Schreibens für diverse Blogs habe ich auch einen Haufen Daten gesammelt die ich bis zum Herbst bzw. hoffentlich Winteranfang 2007 ausgewertet habe. Und dann gibt's sozusagen neuen Wein! Hoit nur a kloans Glaserl oba wems schmeckt...).-o-

Umgekehrt: Die Religion ist jeweils genau so zivilisiert, wie die Gesellschaft oder wie die Schicht die sie trägt (S. 277).

Das Leben in dieser Zeit, war von einer anderen Affektgeladenheit als unsere. Wer in dieser Gesellschaft nicht aus voller Kraft liebte oder hasste, der mochte ins Kloster gehen, im weltlichen Leben war er ebenso verloren, wie derjenige der in späterer Zeit seine Leidenschaften nicht zu zügeln vermochte.

Hier wie dort ist es der Aufbau der Gesellschaft, der einen bestimmten Standard der Affektbewältigung verlangt und züchtet.
Damals war das Land in Provinzen zerfallen und die Einwohner jeder Provinz bildeten gewissermaßen eine kleine Nation für sich, die alle anderen verabscheute. Es gab eine beständige Rivalität.

Der Zusammenhang von Gesellschaftsaufbau und Affektaufbau: Es gibt hier keine Zentralgewalt, die mächtig genug ist, um Menschen zur Zurückhaltung zu zwingen.
Wenn eine Zentralgewalt wächst, dann ändert sich auch allmählich die Affektmodellierung und der Standard des Triebhaushalts.
Dann schreitet die Rücksicht der Menschen aufeinander im normalen gesellschaftlichen Leben fort. Und die Affektentladung wird auf bestimmte zeitliche und räumliche Enklaven beschränkt.

Heute bedarf es einer gewaltigen sozialen Unruhe und Not, es bedarf vor allem einer bewusst gelenkten Propaganda, um die aus dem zivilisierten Alltag zurückgedrängten, die gesellschaftlich verfemten Triebäußerungen wieder aus ihrer Verdeckung zu wecken und zu legitimieren (S. 279).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Diese Affekte haben in verfeinerter Form ihren legitimen Platz in der zivilisierten Gesellschaft.
Die Kampf- und Angriffslust findet z.B. einen gesellschaftlich erlaubten Ausdruck im sportlichen Wettkampf.

Und sie äußert sich vor allem im 'Zusehen', etwa im Zusehen von Sportkämpfen, in der tagtraumartigen Identifizierung zur Entladung solcher Affekte. -o- (Anmerkung: 2007: Wirkung von Konsum, Angebot und Nachfrage, Fernsehen, Radio, Musik, MP3 Player, Bands, etc. Weiters heute auch Reizüberflutung in den wohlhabenden Regionen der Erde, Diskrepanz Reichtum-Armut, imperialistische Macht-Interessen, Neo-Kolonialismus, ja es wird viel auf der Affekt-Klaviatur gespielt).-o-
Und dieses Ausleben von Affekten im Zusehen, oder selbst im bloßen Hören ist ein besonders charakteristischer Zug der zivilisierten Gesellschaft.

Was ursprünglich als aggressive Lustäußerung auftritt wird verwandelt in die passivere, gesittetere Lust am Zusehen, eine bloße Augenlust, 'wird bloß mit dem Auge berührt'(S. 280).
Das Auge wird zum Vermittler von Lust, weil die unmittelbareren Befriedigungen des Lustvorganges in der zivilisierten Gesellschaft durch eine Unzahl von Verboten und Schranken eingeengt sind.
Die unmittelbaren Triebäußerungen (Aktionen) werden ins Zusehen verlegt. Aber auch der Boxkampf ist eine gemäßigte Form verwandelter Angriffs- und Grausamkeitsneigungen.

Der Affekthaushalt verwandelte sich in der Geschichte. Vieles von dem, was ehemals Lust erregte, erregt heute Unlust.
Hier wie dort, sind die Vergnügungen, die die Gesellschaft sich verschafft, Inkarnationen eines gesellschaftlichen Affektstandards, in dessen Rahmen sich alle individuellen Affektmodellierungen halten.
Wer aus dem Rahmen tritt gilt als anormal.

Auch hier der psychische Mechanismus, auf Grund dessen sich die geschichtliche Transformation des Affektlebens vollzieht: Gesellschaftlich unerwünschte Trieb- und Lustäußerungen werden mit Maßnahmen bedroht und bestraft, die Unlust erzeugen oder dominant werden lassen.

Und so kämpft die gesellschaftlich erweckte Unlust und Angst mit einer verdeckten Lust.

Frage: Welche Veränderung des gesellschaftlichen Aufbaus löste eigentlich diese psychischen Mechanismen aus. Welche Veränderung der Fremdzwänge setzte diese Zivilisation der Affektäußerungen und des Verhaltens in Gange? (S. 283).

20070426

Zivilisation, Sex, Ehe, Emanzipation, zt-36

Wandlungen in der Einstellung zu den Beziehungen von Mann und Frau

Das Schamempfinden, das die sexuellen Beziehungen der Menschen umgibt, hat sich im Prozess der Zivilisation beträchtlich verändert und verstärkt.

Das zeigt sich bei Schwierigkeiten im Gespräch mit Kindern über Sex. Die 'Colloqien' des Erasmus waren berühmte und weitverbreitete Schriften seiner Zeit (1522).

Die katholische Kirche bekämpfte sie, aber eine Gegenschrift unterscheidet sich nicht in ihrer Unbefangenheit des Sprechens über sexuelle Angelegenheiten.

Die Humanisten schreiben vom Standard der weltlichen Gesellschaft, die Kleriker vom Standpunkt der Klerikergesellschaft.
Die Humanisten lösten die lateinische Sprache aus der kirchlichen Tradition und machten sie zu einer Sprache der weltlichen Oberschicht.

Das Bedürfnis, nach einem weltlichen gelehrten Schrifttum wird stärker.

Was Erasmus sagt, hätte im 19. Jahrhundert niemand, unter keinen Umständen, zu seinem Patenkind gesagt.

Die Gespräche des Erasmus von Rotterdam zeigen gleichzeitig den Stand des Mittelalters, bilden aber gleichzeitig einen Schub in Richtung Triebzurückhaltung, die dann das 19. Jahrhundert vor allem in Form der Moral rechtfertigt.

Die Humanisten (auch Erasmus) sind die Exekutoren dieses Bedürfnisses nach weltlichem Schrifttum der weltlichen Oberschicht.
In ihren Schriften nähert sich das Geschriebene wieder dem weltlich gesellschaftlichen Leben; die Erfahrungen des Lebens finden in das Schrifttum Eingang.

Auch das ist eine Linie in der großen Bewegung der Zivilisation. Hier wird manfrau einen Schlüssel für das 'Wiederaufleben' der Antike suchen müssen (S. 235).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Erasmus: "Socrates Philosophiam e coelo deduxit in terras: ego Philosophiam etiam in lusus, confabulationes et compotationes deduxi" (Wie Sokrates die Philosophie vom Himmel auf die Erde gezogen hat, so habe ich die Philosophie auch zu Spiel und Gelage hingeleitet).

Was dem Betrachter des 19. Jahrhunderts als 'gemeinste Darstellung der Wollust' erscheint, ist für Erasmus und seine Zeitgenossen ein Mustergespräch und Wunschbild.

Das 16. Jahrhundert wusste nicht viel von Prüderie und legte den Schülern in ihren Übungsbüchern Sätzen vor, für die sich heutige Pädagogen bedanken würden (S. 238).

Aber Erasmus hat den pädagogischen Zweck nie aus den Augen verloren.

Erst später entwickelt sich die Tendenz, dass Kinder sich wie Kinder benehmen sollten und dass Triebäußerungen von ihnen fern gehalten werden sollen ('schädlich für das Wachstum').

Erst im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Veränderung können wir die ganze Problematik des 'Erwachsenenseins', wie es sich heute darstellt unserem Verständnis zugänglicher machen.

Heute (Anm.: 1936, bitte siehe Quelle) existiert eine Schamangst mit der der sexuelle Bezirk des Triebhaushalts belegt ist, mit dem Bann des Schweigens, so gut wie vollkommen.
Der Hinweis auf sie im Verkehr mit Kindern ist ein Verbrechen, eine Beschmutzung der Kinderseele, zumindest ein Konditionierungsfehler.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Zu Erasmus' Zeit wussten die Kinder von den verschiedenen Institutionen. Allenfalls warnte manfrau sie davor. Das tut Erasmus.
Die Mauer der Heimlichkeit, der Erwachsenen selbst, war gering.
Kinder wussten über sexuelle Angelegenheiten Bescheid, der Erzieher sollte richtiges Verhalten zeigen.

1438 wurden Dirnen (Hübscherinnen, die schönen Frauen, gemain Frawen) hohen Gästen zur Begrüßung entgegengeschickt. Die hohen Gäste werden im Frauenhaus frei gehalten.
Das gehörte, wie etwa das Gastmahl zur Bewirtung, die man hohen Gästen bot.
Die Hübscherinnen bildeten eine Korporation mit bestimmten Pflichten und Rechten. Ihre soziale Stellung war niedrig und verachtet, aber durchaus öffentlich und nicht mit Heimlickeit umgeben.

Diese Form der außer ehelichen Beziehung zwischen Mann und Frau, war noch nicht 'hinter die Kulissen' verlegt.

Ein Blick auf die Hochzeitsgebräuche: 'Ist das Bett beschritten, ist das Recht erstritten'. So hieß es im späteren Mittelalter.
Ein anderer Standard des Schamgefühls, als der, der dann im 19. u. 20. Jahrhundert herrschend wird, wo alles was das sexuelle Leben betrifft, in relativ hohem Maße verdeckt und hinter die Kulissen verwiesen wird.

Vorher war die Beziehung der Geschlechter noch in das öffentliche Leben eingebaut und selbstverständlicher, dass auch die Kinder damit vertraut waren.

In der höfisch-aristokratischen Gesellschaft, war das sexuelle Leben schon erheblich verdeckter, als in der mittelalterlichen, dennoch ist die Verdeckung der Sexualität gering und eine größere Unbefangenheit des Sprechens und auch des Handeln im Verkehr mit den Kindern.

Erst allmählich breitet sich dann eine stärkere Scham- und Peinlichkeitsbelastung der Geschlechtlichkeit und Zurückhaltung des Verhaltens über die Gesellschaft hin aus.
Und erst dann, wenn die Distanz zwischen Erwachsenen und Kindern wächst, wird das, was wir die 'sexuelle Aufklärung' nennen, zu einem brennenden Problem (S. 245).

1875 hat Raumer eine Schrift über die Erziehung der Mädchen herausgegeben. Er schreibt ein Modellverhalten von Erwachsenen bei der Begegnung mit der sexuellen Frage vor. Er produziert eine lächerliche Gottesvorstellung. (siehe S. 246).

Zwischen der Art von sexuellen Beziehungen, wie sie Erasmus präsentiert und der von Raumer zeichnet sich eine Zivilisationskurve wie bei den anderen Triebäußerungen aufgezeigt.

Die Sexualität wird im Prozess der Zivilisation mehr und mehr hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens in die Enklave der Kleinfamilie eingeklammert, mit einer Aura der Peinlichkeit und Ausdruck der soziogenen Angst.

Raumer gibt keine Begründung, warum manfrau nicht über Sex mit Kindern sprechen soll. In dieser Zeit (19. Jahrhundert) wächst die Überflutung mit Scham- und Peinlichkeitsgefühlen.

So selbstverständlich es zu Erasmus' Zeiten war von Sex zu sprechen, so selbstverständlich ist es im 19. Jh. davon nicht zu sprechen. Beide berufen sich auf Gott.

Es sind nicht rationale Motive die hinter Raumers Modellgebung stehen. Im Vordergrund steht die Notwendigkeit, Scheu vor diesen Dingen, nämlich Scham-, Angst-, Peinlichkeits- und Schuldgefühle zu züchten, oder genauer gesagt, ein Verhalten, das dem gesellschaftlichen Standard gemäß ist.
Es handelt sich nicht um ein individuelles, sondern um ein gesellschaftliches Problem. Die sexuelle Region ist zu einer heimlichen geworden.

Nicht rationale Motive, nicht Zweckmäßigkeitsgründe sind primär für diese Haltung bestimmend, sondern die zum Selbstzwang gewordene Scham des Erwachsenen selbst.

Es sind die gesellschaftlichen Verbote und Widerstände in ihrem Inneren, es ist ihr eigenes 'Über-Ich', das ihnen den Mund schließt (S. 248).

Erasmus hat noch kein Problem aufzuklären. Die Zurückhaltung der Erwachsenen ist noch nicht so groß und damit auch die Mauer der Heimlichkeit zwischen den Kulissen.
Und auch die 'Mauer' um den Heranwachsenden welcher die Schwierigkeit hat, auf den gleichen Standard der Erwachsenen zu kommen, das Sprechen darüber aber schwierig gemacht wird.

Die soziogenen Verdrängungen leisten dem Sprechen Widerstand.

Die psychische Problematik des jungen Menschen, ist nicht ein für alle Zeiten gleicher Ablauf, sondern gestaltet sich nach den Beziehungen zwischen Kind und Erwachsenen.

Diese Beziehungen wandeln sich aber je nach Aufbau einer Gesellschaft. Verstehen kann manfrau also diese Problematik nur aus der geschichtlichen Phase, aus dem Aufbau der ganzen Gesellschaft, der den Standard des Erwachsenen-Verhaltens aufrecht erhält.

Die Kirche hat sicherlich frühzeitig für die Einehe gekämpft, aber bis ins 16. Jahrhundert braucht manfrau sich außer ehelicher Beziehungen nicht zu schämen. Die 'Bastardkinder' werden mit der Familie erzogen.

Erst in der berufsbürgerlichen Gesellschaft Tendenz zur Verheimlichung.

Die kirchliche Forderung ist nicht Maßstab für den wirklichen Standard der weltlichen Gesellschaft. Im 17. u. 18. Jahrhundert wird die Herrschaft des Mannes über die Frau ziemlich gebrochen.

Die soziale Stärke der Frau ist hier annähernd gleich groß. Die gesellschaftliche Meinung wird in sehr hohem Maß von Frauen mitbestimmt.

Auch die außer eheliche Beziehung der Frau gilt in gewissen Grenzen als legitim.

Also eine erste 'Emanzipation' der Frau in der höfisch-absolutistischen Gesellschaft. (S. 252).

Also ein Zurücktreten von Triebrestriktionen für die Frauen und ein Vorrücken der Triebrestriktionen für die Männer; sie bedeutete für beide den Zwang zu einer neuen und stärkeren Selbstdisziplinierung der Affekte im Verkehr miteinander.

"Ich lasse dir deine Freiheit", sagt einer zu seiner Frau, "aber ich weiß, ich setze dir damit engere Schranken, als mit irgendwelchen Geboten oder Vorschriften". Er erwartet mit anderen Worten nun auch von ihr die gleiche Selbstbeschränkung, die gleiche Selbstdisziplin, die er sich auferlegt(S. 253).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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In der höfischen Aristokratie gilt die Beschränkung der sexuellen Beziehung auf die Ehe sehr oft als bürgerlich und nicht als standesgemäß.

Ein bestimmter Stand der menschlich-gesellschaftlichen Gebundenheit korrespondiert mit einer bestimmten Form von Freiheit. Es gibt Befreiungen von einer Form von Gebundenheit, die stark drücken.

Freiheit oder Zwang als Antithesen wie Himmel und Hölle?

Der Prozess der Zivilisation und der Fortschritt der Bindungen geht Hand in Hand mit Befreiungen mannigfachster Art.
Das symbolisiert die Ehe an den absolutistischen Höfen. Die Frau war hier freier von äußeren Zwängen als in der ritterlichen Gesellschaft.

Aber der innere Zwang, der Selbstzwang, den sie entsprechend der Integrationsform und dem Verhaltenscode der höfischen Gesellschaft auferlegen musste, war für die Frau wie für den Mann im Verhältnis zur ritterlichen Gesellschaft gewachsen.

Ähnliches zeigt sich bei der Betrachtung der bürgerlichen Eheform des 19. Jahrhunderts im Vergleich zu der höfisch-aristokratischen des 17. u. 18. Jahrhunderts.

Das Bürgertum als Ganzes ist im 19. Jahrhundert vom Druck der absolutistisch-ständischen Gesellschafts-Verfassung befreit und den Zwängen, als zweitrangige Menschen enthoben. Aber andere Verflechtungen sind gewachsen.

Die gesellschaftliche Gebundenheit des Einzelnen ist stärker als zuvor.

Das Schema der Selbstzwänge, das den Menschen der bürgerlichen Gesellschaft im Zusammenhang mit der Berufsarbeit auferlegt wird ist nun anders.

Der Selbstzwang, den die bürgerlichen Funktionen (Berufsarbeit), den vor allem das Geschäftsleben verlangt und produziert, ist noch stärker als der, den die höfischen Funktionen erforderten.

Eine besonders strenge Disziplinierung der Sexualität wird notwendig.

Vom Standard der bürgerlichen Gesellschaft wird jede außer eheliche Beziehung der Geschlechter verurteilt. Die gesellschaftliche Stärke des Mannes ist zunächst stärker als die der Frau. Der Mann wird nachsichtiger beurteilt.

Manfrau kann den Trend der Bewegung herausarbeiten, durch die Beobachtung der Männer der Oberschicht. Ritter (Krieger)-Höflinge-Berufsbürger.

Die heutige Badekleidung hat einen sehr hohen Standard der Triebgebundenheit zur Voraussetzung.

Nur in einer Gesellschaft, in der ein hohes Maß von Zurückhaltung zur Selbstverständlichkeit geworden ist, und in der Frauen, wie Männer absolut sicher sind, dass starke Selbstzwänge und eine strikte Umgangsetikette jeden Einzelnen im Zaume halten, können sich Bade- und Sportgebräuche von solcher Art und Freiheit entfalten (S. 257).

Verhalten im Mittelalter, Schlafen, zt-36

Das Schlafzimmer ist zu einem der 'privatesten' und 'intimsten' Bezirke des menschlichen Lebens geworden. Wie die meisten körperlichen Verrichtungen hat sich auch das 'Schlafen' hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Verkehrs verlagert.

Die Kleinfamilie ist als legitime Enklave übrig geblieben. Ihre sichtbaren und unsichtbaren Mauern entziehen das 'Privateste', 'Intimste', 'Tierische' im Dasein des einen Menschen den Blicken der anderen.

Im Mittelalter war es gewöhnlich, dass viele (einander fremde) Menschen in einem Raum übernachteten. Einander fremde Menschen schlafen in einem Bett. Das gilt als selbstverständlich und ist in keiner Weise anstößig. Völlig ausgezogen oder völlig angezogen.

Eventuell Verdacht wenn jemand angezogen war, dass er einen Schaden hatte. Generell größere Unbefangenheit gegenüber dem Zeigen des nackten Körpers. Manfrau sich zu Hause auszog, bevor manfrau ins Badehaus ging. Geringere Distanzierung der Individuen.

Der Anblick völliger Nacktheit war die alltägliche Regel bis ins 16. Jh. Die Menschen waren 'kindlicher'. Das zeigen die Schlaf- und Badesitten.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Diese Unbefangenheit verschwindet langsam im 16. 17. u. 18. Jh. Der Ton verschärft sich. Es wird sogar peinlich Begründungen auszusprechen. Manfrau lässt das Kind nur durch das Bedrohliche des Tons fühlen, dass mit dieser Situation Gefahren verbunden sind. Der Erwachsene erklärt seine Verhaltensforderung nicht. Jede Durchbrechung der Verbote bedeutet eine Gefahr und eine Entwertung der Zurückhaltung.

Der emotionale Unterton verbindet sich mit einer moralischen Forderung, eine bedrohliche Strenge sind Reflexe der Gefahr, in die die Durchbrechung der Verbote bringt. Sie sind Symptome der Angst, die ihre eigene soziale Existenz, wie die Ordnung ihres gesellschaftlichen Lebens bedroht sehen. Eine spezielle Nachtbekleidung kam in der gleichen Zeit langsam in Gebrauch wie Gabel, oder Schnupftuch; wie die anderen 'Zivilisationsgeräte' ein Symbol der entscheidenden Wandlung.

Das Schamgefühl haftete sich an Verhaltensweisen, die bisher nicht mit solchen Gefühlen belegt waren. Die Schamgrenze rückt vor. Die Unbefangenheit schwindet. Auch die mit der manfrau Bedürfnisse vor anderer Augen verrichtet.

Mit dieser geringeren Selbstverständlichkeit, gewinnt der nackte Körper in der Kunst als Traumbild und Wunscherfüllung an Bedeutung. Er wird 'sentimentalisch' (Schiller) im Unterschied zu der vorher naiven Formung (in der Kunst).

Das Nachthemd ist repräsentativ ausgestaltet. Der Übergang vom Nachthemd zum Schlafanzug entspricht dem Schamstandard, aber Schlafen ist auch nicht mehr so wie vorher intimisiert. Das Nachthemd des 19. Jhs. musste alle Körperformen ganz verdecken. Das Intime und Private war dem gesellschaftlichen Leben besonders abgewandt und wenig durchformt. Diese Undurchgeformtheit des Intimen ist für die Gesellschaft des 19. Jhs. charakteristisch.

Ähnlich, wie in der Gestaltung des Essens, wächst kontinuierlich die Wand, die sich zwischen Mensch und Mensch erhebt, die Scheu, die Affektmauer, die durch die Konditionierung zwischen Körper und Körper errichtet wird.

Mit jemandem Fremden das Bett zu teilen ist nun peinlich. Tiefgreifende Veränderungen der zwischenmenschlichen Beziehungen und Verhaltens-weisen kommen in unserer Lebensanordnung zum Ausdruck. Es versteht sich also nicht von selbst, dass Bett und Körper psychische Gefahrenzonen so hohen Grades bilden, wie in der letzten Phase der Zivilisation (S. 230).

20070423

Zivilisationskurve, Schamgrenze, Notdurft, zt-33

Wandlungen in der Einstellung zu den natürlichen Bedürfnissen.
"Notdurft in anderer Leute Gegenwart zu verrichten ist abscheulich."
"Denn immer sind die Engel zugegen".
Einige Bemerkungen zu den Beispielen und zu diesen Wandlungen im allgemeinen.

Die courtoisen Verse sagen nicht viel zu diesem Thema. Die gesellschaftlichen Ge- und Verbote, die diese Bezirke des Lebens umgeben sind relativ gering. Alles ist ungezwungener.

Die Schrift des Erasmus markiert auch hier einen Punkt in der Zivilisationskurve, einen Vorstoß der Schamgrenze, aber auch einen Mangel an Scham. Aber es ist ganz deutlich, dass diese Schrift gerade die Funktion hat, Schamgefühle zu züchten.

Begründungen mit der Allgegenwart von Engeln ist recht charakteristisch. Die Begründung für die Angst, die manfrau im jungen Menschen erweckt, um ihn dem gesellschaftliche Verhaltensstandard gemäß zur Zurückdrängung seiner Lustäußerungen zu zwingen, wechselt im Lauf der Jahrhunderte.

Hier erklärt und substanzialisiert man sich und anderen die Trieb- oder Triebverzichts-Angst als Angst vor äußeren Geistern.

In den breiteren Schichten bleibt der Hinweis auf den Schutzengel als Konditionierungsinstrument der Kinder lange erhalten. Wenn dann die 'hygienischen Gründe' auftauchen spielt der Schutzengel nicht mehr eine so große Rolle.

'Hygienische Gründe' die bei den Erwachsenen-Gedanken (Konditionierung) eine gewichtige Rolle spielen. Was ist rational oder schein-rational?

Die Konditionierungstaktiken werden primär durch das Peinlichkeits- und Schamgefühl der Erwachsenen begründet (S. 182). An die Stelle des Hinweises auf den Respekt, den man Höherstehenden schuldet tritt (z.B. im Jahre 1774) der Hinweis auf gesundheitliche Schädigungen als Konditionierungsinstrument (S. 200).

Erasmus ist mit seiner Schrift der Wegbereiter eines neuen Scham- und Peinlichkeitsstandards, der sich zunächst in der weltlichen Oberschicht langsam heraus zu bilden beginnt. Er schildert mit größter Unbefangenheit, wie zu dieser Zeit die Bedürfnisse vor anderer Augen verrichtet werden.

Gesundheitliche Begründungen finden sich nicht sehr häufig in seiner Schrift. Erst im 19. Jahrhundert dienen sie (gesundheitliche Begründungen) als Instrumente der Konditionierung um Zurückhaltung und Triebverzicht zu erzwingen. Mehr und mehr breitet sich über diese Notwendigkeiten der Bann des Schweigens der früher nicht bestand.

Bei dem spezifischen und dauerndem Zusammenleben vieler sozial abhängiger Menschen am Hof verstärkt sich der Druck von oben zu einer schärferen Regelung des Triebhaushaltes und damit zu einer größeren Zurückhaltung (S. 186).

Eine genauere Triebregelung und Zurückhaltung der Affekte fordern und erzwingen zunächst die sozial Höherstehenden von den sozial Niedrigstehenderen.

Erst verhältnismäßig spät wird die Familie zur alleinigen oder genauer gesagt, zur primären und vorherrschenden Produktionsstätte des Triebverzichts; erst dann wird die gesellschaftliche Abhängigkeit des Kindes von den Eltern zu frühesten und besonders intensiven Kraftquelle (Anmerkung: oder Desaster) der gesellschaftlich notwendigen Affekt-Regulierung und -modellierung. (In der ritterlich-höfischen Phase haben die Höfe selbst diese Funktion).

Im Zuge der späteren wachsenden Arbeitsteilung wird die Verflechtung der Menschen intensiver und alle (höhere und niedere) werden gegenseitig abhängig und selbst die sozial Stärkeren schämen sich (nun auch) vor den sozial Niedrigerstehenden.

Es gibt bei Erasmus (Diversoria) Personen , vor denen man sich schämt und andere vor denen man sich nicht schämt. Das Schamgefühl ist hier deutlich eine gesellschaftliche Funktion und modelliert entsprechend dem gesellschaftlichen Aufbau. Noch im 17. Jahrhundert empfangen Hochstehende Niedere auf dem Klo. Das ist Bevorzugung. Die Freundin Voltaires schämt sich beim Baden nicht vor dem Kammerdiener.

In dieser hierarchisch aufgebauten Gesellschaft bekam jede Aktion im Zusammensein der Menschen den Sinn eines Prestigewertes. Dann, wenn alle gleicher werden, wird es langsam zu einem allgemeinen Verstoß.

Die Gesellschaftsbezogenheit der Scham- und Peinlichkeitsgefühle tritt mehr und mehr aus dem Bewusstsein zurück. Das gesellschaftliche Gebot erscheint dem Erwachsenen als Gebot seines eigenen Inneren und erhält die Form eines mehr oder weniger automatisch wirkenden Selbstzwanges.

Diese Aussonderung der natürlichen Verrichtungen aus dem öffentlichen Leben war nur möglich, weil mit der wachsenden Empfindlichkeit zugleich ein technischer Apparat (Victory!, die Klomuschel im speziellen Kämmerlein :-) entwickelt wurde, der dieses Problem der Ausschaltung solcher Funktionen aus dem gesellschaftlichen Leben und ihre Verlegung hinter dessen Kulissen einigermaßen befriedigend löste.

Es verhielt sich auch damit ähnlich wie mit der Esstechnik. Der Prozess der seelischen Veränderung, das Vorrücken der Schamgrenze und der Peinlichkeitsschwelle ist nicht von einer Seite und ganz gewiss nicht aus der Entwicklung der Technik oder der wissenschaftlichen Entdeckungen zu erklären.

Die Entwicklung einer dem veränderten Standard entsprechenden Apparatur bedeutet eine außergewöhnliche Verfestigung der veränderten Gewohnheiten.

Heute tritt eine gewisse Lockerung ein, die in dieser Form nur möglich ist, weil der Stand der Gewohnheiten, der technisch-institutionell verfestigten Selbstzwänge im großen und ganzen gesichert ist.

Der Standard, der sich in unserer Phase der Zivilisation herausbildet, ist durch eine mächtige Distanz zwischen dem Verhalten der Erwachsenen und der Kinder charakterisiert.

Die Kinder müssen in verhältnismäßig wenig Jahren, den vorgerückten Stand der Scham- und Peinlichkeitsgefühle erreichen, die sich in vielen Jahrhunderten herausgebildet hat (S. 190).

Die Eltern sind oft unzulängliche Instrumente, die primären Exekutoren der Konditionierung, aber durch sie ist es die Gesellschaft als Ganzes, die Druck auf den Heranwachsenden ausübt und ihn sich zurecht formt.

Im Mittelalter war Regelung und Zurückhaltung geringer und so auch ein erheblich geringerer Unterschied im Verhalten der Erwachsenen und der Kinder (S. 191). Das Maß von Triebverhaltung und -regelung das die Erwachsenen voneinander erwarteten war nicht viel größer als das den Kindern auferlegte. Die Distanz zwischen Erwachsenen und Kindern war, gemessen an der heutigen Distanz, gering (S. 192).

Ein Kind, das heutzutage nicht auf den Stand der gesellschaftlich geforderten Affektgestaltung gelangt, gilt in verschiedenen Abstufungen als 'krank, anormal, unmöglich...' und bleibt vom öffentlichen Leben (außer Behinderteneinrichtungen etc.) ausgeschlossen.

Die Psychoanalyse entdeckt die Triebrichtungen in der Form unausgelebter Neigungen, die manfrau als Unterbewusstsein oder Traumschicht bezeichnen kann. Und diese Neigungen haben in unserer Gesellschaft den Charakter eines 'infantilen' Residuums, weil der gesellschaftliche Erwachsenenstandard eine völlige Unterdrückung und Umbildung dieser Triebrichtung erforderlich macht. Beim Auftreten im Erwachsenen erscheint sie als ein 'Überbleibsel' aus der Kinderzeit (S. 193).

Die Gesellschaft beginnt an bestimmten Funktionen die positive Lustkomponente durch die Erzeugung von Angst allmählich immer stärker zu unterdrücken oder, genauer gesagt, zu 'privatisieren', nämlich ins 'Innere' des Einzelnen, in die 'Heimlichkeit' abzudrängen, und die negativ geladenen Affekte, Unlust, Abscheu, Peinlichkeit allein als die gesellschaftsüblichen Empfindungen in der Konditionierung herauszuarbeiten.

Mit dieser gesellschaftlichen Verfemung vieler Triebäußerungen und mit ihrer 'Verdrängung' von der Oberfläche sowohl des gesellschaftlichen Lebens, wie des Bewusstseins wächst notwendigerweise auch die Distanz zwischen dem Seelenaufbau und dem Verhalten der Erwachsenen und dem der Kinder.

Messer Affekt, Gabel Inkarnation Emotion zt-32

Auch das Messer in der Art seines gesellschaftlichen Gebrauchs ist Inkarnation der Seelen, ihrer veränderten Triebe, Wünsche, geschichtlicher Situationen und gesellschaftlicher Aufbaugesetze.

An die offensichtliche Gefährlichkeit des Messers heften sich Affekte. Das Messer wird zum Symbol für die verschiedenartigsten Empfindungen, die mit seinem Zweck und seiner Gestalt zusammenhängen.

Das Messer erweckt Angst oder auch Lust. Entsprechend dem Aufbau unserer Gesellschaft ist heute das gesellschaftliche Ritual seines Gebrauchs mehr durch die Unlust, die Angst, die es umgibt, als durch Lust bestimmt.

Die 'Tabus' die es umgeben, sind primär emotionaler Natur. Angst, Peinlichkeit, Schuld, Assoziationen und Emotionen verschiedenster Art übersteigern die wahrscheinliche Gefahr. Gerade das gibt solchen Verboten ihre eigentümliche Verfestigung in der Seele, ihren 'Tabu'-Charakter (S. 165).

Im Mittelalter geringe Messerverbote. Es ist das wichtigste Essgerät.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Dann mit der Andeutung auf Vorsicht, die der Gebrauch des Messers nötig mache liegt nicht nur die rationale Erwägung zugrunde, sondern vor allem die Emotion, die der Anblick oder die Vorstellung des gegen das eigene Gesicht gerichteten Messers erweckt.

Es ist die allgemeine Erinnerung und Assoziation an Tod und Gefahr, der Symbolwert des Instruments, der mit der fortschreitenden Pazifizierung der Gesellschaft zum Überwiegen der Unlustgefühle über die Lustgefühle bei seinem Anblick führt.

Der Anblick eines gegen das Gesicht gerichteten Messers erweckt Angst. "Richte nicht dein Messer gegen dein Gesicht, denn darin ist viel Schrecken." Hier ist die emotionale Basis des strengen Tabus. Ein gesellschaftliches Ritual bildet sich aus dieser Gefahr, weil sich die gefährliche Geste ganz allgemein als Unlust bringend, als Todes und Gefahrensymbol im Gefühl verfestigt.

In späteren Phasen werden rationale Erklärungen für jedes Verbot mit auf den Weg gegeben.

Zu dem Verbot Fisch mit dem Messer zu essen siehe Psychoanalyse.

Dann die Tendenz eiförmige Gegenstände nicht mit dem Messer zu zerteilen (Kartoffel oder Knödel mit dem Messer zu zerschneiden), Tendenz den Gebrauch des Messers einzuschränken.

In China ist das Messer seit vielen Jahrhunderten von der Tafel verschwunden. In China bildete seit langem nicht eine Kriegerklasse sondern eine pazifizierte Beamtengesellschaft die Oberschicht (S. 169).
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Warum ist es kannibalisch, mit den Fingern zu essen?
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Es ist nicht unhygienischer, aber es ist ein peinliches Gefühl, sich die Finger schmutzig zu machen und so in Gesellschaft gesehen zu werden.

Die primäre Instanz für unsere Entscheidung zwischen 'zivilisiertem' und 'unzivilisiertem' Verhalten bei Tisch ist unser Peinlichkeitsgefühl.

Die Gabel ist nichts anderes als die Inkarnation eines bestimmten Affekt- und Peinlichkeitsstandards.

Verhaltensweisen, die im Mittelalter nicht im mindesten als peinlich empfunden wurden, werden mehr und mehr mit Unlustempfindungen belegt. Der Peinlichkeitsstandard kommt in gesellschaftlichen Verboten zum Ausdruck.

Diese Tabus sind, soweit sich sehen lässt nichts anderes als Ritual oder Institution gewordenes Unlust-, Peinlichkeits-, Angst- oder Schamgefühl, das gesellschaftlich unter ganz bestimmten Umständen heran gezüchtet worden ist und sich dann immer wieder reproduziert, weil es sich in bestimmten Umgangsformen institutionell verfestigt hat (S. 171).

Bestimmte Verhaltensweisen werden mit Verboten belegt, nicht weil sie ungesund sind, sondern weil sie zu einem peinlichen Anblick, zu peinlichen Assoziationen führen. Dann reproduzieren sie sich immer wieder von neuem, solange die Struktur der menschlichen Beziehungen sich nicht grundlegend ändert (S. 172).

Die Unlust, die von Erwachsenen gegenüber diesem Verhalten erzeugt wird, stellt sich gewohnheitsmäßig ein, ohne dass sie ein anderer Mensch auslöst.

Dem Druck und Zwang einzelner Erwachsener gesellt sich der Druck der Umwelt hinzu und von den meisten Aufwachsenden wird relativ frühzeitig vergessen oder verdrängt, dass ihre Scham und Peinlichkeitsgefühle, ihre Lust- und Unlustempfindungen durch Druck oder Zwang von außen modelliert und auf einen gewissen Standard gebracht wurden.

Es wird zu einem inneren Automatismus, der Abdruck der Gesellschaft im Inneren, das Über-Ich, das dem Einzelnen verbietet, anders als mit der Gabel zu essen.

Der gesellschaftliche Standard, in den der Einzelne zunächst von außen, durch Fremdzwang, eingepasst worden ist, reproduziert sich schließlich in ihm mehr oder weniger reibungslos durch Selbstzwang, der bis zu einem gewissen Grade arbeitet, auch wenn er es in seinem Bewusstsein nicht wünscht.

Auf diese Weise vollzieht sich also der geschichtlich-gesellschaftliche Prozess von Jahrhunderten, in dessen Verlauf der Standard der Scham- und Peinlichkeitsgefühle langsam vorrückt, im einzelnen Menschen in abgekürzter Form immer wieder (S. 174).

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