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20070427

Kampf, Konflikt, Angst, Lust, Zivilisation zt-39

Wandlungen der Angriffslust.- Das Affektgefüge des Menschen ist ein Ganzes auch wenn wir einzelne Triebäußerungen unterscheiden. Diese ergänzen und ersetzen sich, bilden eine Art von Stromkreis im Menschen.

Triebäußerungen sind voneinander wenig trennbar und bilden eine Teilganzheit innerhalb der Ganzheit des Organismus und sind gesellschaftlich geprägt.

Es wird zwar gerne von einzelnen 'Trieben' gesprochen aber die Denkformen die nicht die Zugehörigkeit und die Einheit und Ganzheit des Triebhaushalts sehen bleiben dieser Ganzheit gegenüber ohnmächtig. Jede besondere Triebrichtung gehört zu dieser Ganzheit.

Wenn im folgenden von einem 'Angriffstrieb' gesprochen wird, so nur als eine Triebfunktion im Ganzen eines Organismus, und Wandlungen dieser Funktion zeigen Wandlungen der gesamten Modellierung an.

Der Standard der Kampfeslust ist gegenwärtig durch eine Unzahl von Regeln und Verboten, die zu Selbstzwängen geworden sind, eingeengt und gebändigt. Auch hier die gleiche geschichtliche Verwandlung.

Die Entladung der Affekte im Kampf war vielleicht im Mittelalter nicht mehr ganz so ungedämpft wie in der Frühzeit der Völkerwanderung (S. 265).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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In der mittelalterlichen Gesellschaft gehören Raub, Kampf, Jagd zu den Lebensnotwendigkeiten und treten offen zutage.
Für die Mächtigen und Starken gehört es zu den Freuden des Lebens. Gefangene werden verstümmelt, Brunnen verschüttet, Bäume abgehauen, Felder verwüstet. Das Geld hatte in der Ritterzeit eine dämpfende Wirkung. Ritter wurden ausgelöst, die Armen verstümmelt.

Es gab keine strafende, gesellschaftliche Gewalt. Die einzige Bedrohung war die von einem Stärkeren überwältigt zu werden.

Im 13. Jahrhundert gehört Rauben, Plündern, Morden zum Standard der Kriegergesellschaft. Die Grausamkeitsentladung schloss nicht vom gesellschaftlichen Verkehr aus. Sie war nicht gesellschaftlich verfemt.

Die Freude am Quälen und Töten anderer war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude. Manfrau verhielt sich gesellschaftlich zweckmäßig und fand seine Lust dabei. (Unverstümmelte Gefangene bedeuten eine Bedrohung). Die Zukunft war fast immer ungewiss. Der Augenblick galt dreifach.

Das Gros der weltlichen Oberschicht des Mittelalters führte das Leben von Bandenführern. Der Krieger des Mittelalters liebte den Kampf nicht nur, er lebte darin, sein Leben hatte keine andere Funktion.

Im 15. Jahrhundert gibt der Ritter noch seiner Freude am Kampf Ausdruck, also Kriegslust die die Furcht besiegt, und Freude an der Verbundenheit mit dem Freund.
Beim Bauern war der Spielraum der Angriffslust beschränkt auf seinesgleichen.
Der Ritter war außerhalb seiner Schicht weniger beschränkt als innerhalb (ritterlicher Code).

Für die geistliche Oberschicht des Mittelalters ist das Leben in seiner Gestaltung durch den Gedanken an den Tod und an das was nachher kam, an das Jenseits bestimmt.

In der weltlichen Oberschicht ist das keineswegs mit solcher Ausschließlichkeit der Fall (S. 271).
"Kein courtoiser Mann soll die Freude schelten, er soll Freude lieben" (13. Jahrhundert).
Das sind deutliche Abhebungen des ritterlichen Menschen gegen den Kleriker.

Den Tod nicht zu fürchten, war eine Lebensnotwendigkeit für den Ritter.

Auch das Leben der Bürger in den Städten war, von Fehden durchsetzt, auch hier Angriffslust, Hass und Freude an der Qual anderer, ungebändigter als in der folgenden Phase.

Es war nicht allein die Waffe des Geldes, die den Bürger hoch trug.

Raub, Kampf, Plünderung, Familienfehde, das alles spielte im Leben der Stadtbevölkerung kaum eine geringere Rolle als im Leben der Kriegerkaste.

Wettstreite gegenseitiger Beschuldigungen, wilde Schlachten bei Rittern und Kaufleuten und Handwerkern. Familienfehden. Auch die Bürger, die kleinen Leute, Mützenmacher, Schneider, Hirten, sie alle hatten schnell das Messer in der Hand.

Ausbrüche von Freude und Lustigkeit, aber auch plötzliches Aufflackern von Hass und Angriffslust.

Das sind Symptome des emotionalen Lebens. Die Triebe, die Emotionen spielten ungebundener, unvermittelter, unverhüllter als später.

Die Religion wirkt für sich allein niemals zivilisierend oder Affekt dämpfend. -o- (Anmerkung: Ein überaus interessantes Thema: Religion <---> Zivilisation. Nachdem ich hier auf diesem Blog eine gewisse Basis eingerichtet habe, wird hier etwas mehr Lebendigkeit einkehren. Während des Schreibens für diverse Blogs habe ich auch einen Haufen Daten gesammelt die ich bis zum Herbst bzw. hoffentlich Winteranfang 2007 ausgewertet habe. Und dann gibt's sozusagen neuen Wein! Hoit nur a kloans Glaserl oba wems schmeckt...).-o-

Umgekehrt: Die Religion ist jeweils genau so zivilisiert, wie die Gesellschaft oder wie die Schicht die sie trägt (S. 277).

Das Leben in dieser Zeit, war von einer anderen Affektgeladenheit als unsere. Wer in dieser Gesellschaft nicht aus voller Kraft liebte oder hasste, der mochte ins Kloster gehen, im weltlichen Leben war er ebenso verloren, wie derjenige der in späterer Zeit seine Leidenschaften nicht zu zügeln vermochte.

Hier wie dort ist es der Aufbau der Gesellschaft, der einen bestimmten Standard der Affektbewältigung verlangt und züchtet.
Damals war das Land in Provinzen zerfallen und die Einwohner jeder Provinz bildeten gewissermaßen eine kleine Nation für sich, die alle anderen verabscheute. Es gab eine beständige Rivalität.

Der Zusammenhang von Gesellschaftsaufbau und Affektaufbau: Es gibt hier keine Zentralgewalt, die mächtig genug ist, um Menschen zur Zurückhaltung zu zwingen.
Wenn eine Zentralgewalt wächst, dann ändert sich auch allmählich die Affektmodellierung und der Standard des Triebhaushalts.
Dann schreitet die Rücksicht der Menschen aufeinander im normalen gesellschaftlichen Leben fort. Und die Affektentladung wird auf bestimmte zeitliche und räumliche Enklaven beschränkt.

Heute bedarf es einer gewaltigen sozialen Unruhe und Not, es bedarf vor allem einer bewusst gelenkten Propaganda, um die aus dem zivilisierten Alltag zurückgedrängten, die gesellschaftlich verfemten Triebäußerungen wieder aus ihrer Verdeckung zu wecken und zu legitimieren (S. 279).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Diese Affekte haben in verfeinerter Form ihren legitimen Platz in der zivilisierten Gesellschaft.
Die Kampf- und Angriffslust findet z.B. einen gesellschaftlich erlaubten Ausdruck im sportlichen Wettkampf.

Und sie äußert sich vor allem im 'Zusehen', etwa im Zusehen von Sportkämpfen, in der tagtraumartigen Identifizierung zur Entladung solcher Affekte. -o- (Anmerkung: 2007: Wirkung von Konsum, Angebot und Nachfrage, Fernsehen, Radio, Musik, MP3 Player, Bands, etc. Weiters heute auch Reizüberflutung in den wohlhabenden Regionen der Erde, Diskrepanz Reichtum-Armut, imperialistische Macht-Interessen, Neo-Kolonialismus, ja es wird viel auf der Affekt-Klaviatur gespielt).-o-
Und dieses Ausleben von Affekten im Zusehen, oder selbst im bloßen Hören ist ein besonders charakteristischer Zug der zivilisierten Gesellschaft.

Was ursprünglich als aggressive Lustäußerung auftritt wird verwandelt in die passivere, gesittetere Lust am Zusehen, eine bloße Augenlust, 'wird bloß mit dem Auge berührt'(S. 280).
Das Auge wird zum Vermittler von Lust, weil die unmittelbareren Befriedigungen des Lustvorganges in der zivilisierten Gesellschaft durch eine Unzahl von Verboten und Schranken eingeengt sind.
Die unmittelbaren Triebäußerungen (Aktionen) werden ins Zusehen verlegt. Aber auch der Boxkampf ist eine gemäßigte Form verwandelter Angriffs- und Grausamkeitsneigungen.

Der Affekthaushalt verwandelte sich in der Geschichte. Vieles von dem, was ehemals Lust erregte, erregt heute Unlust.
Hier wie dort, sind die Vergnügungen, die die Gesellschaft sich verschafft, Inkarnationen eines gesellschaftlichen Affektstandards, in dessen Rahmen sich alle individuellen Affektmodellierungen halten.
Wer aus dem Rahmen tritt gilt als anormal.

Auch hier der psychische Mechanismus, auf Grund dessen sich die geschichtliche Transformation des Affektlebens vollzieht: Gesellschaftlich unerwünschte Trieb- und Lustäußerungen werden mit Maßnahmen bedroht und bestraft, die Unlust erzeugen oder dominant werden lassen.

Und so kämpft die gesellschaftlich erweckte Unlust und Angst mit einer verdeckten Lust.

Frage: Welche Veränderung des gesellschaftlichen Aufbaus löste eigentlich diese psychischen Mechanismen aus. Welche Veränderung der Fremdzwänge setzte diese Zivilisation der Affektäußerungen und des Verhaltens in Gange? (S. 283).

20070304

'SCIENCE' fights against 'RELIGION'?

There is usually a certain point when 'rational' discussions turn to get emotional. The pot gets boiling, we enjoy the fume ... It gets down to the nitty gritty, to the place where 'faith' is, to the place where decisions are made. It's sometimes quite difficult to distinguish between what's rational thinking and what's faith or belief.

So called 'scientific' thinking may be just another form of legitimation of faith-like rationalisms or some ideology. Usually there are spoken words of might and power which do the qualifying, which do say what is what. Maybe implications of a giants shoulder.

However the situation remains unclear. Religionists are supposed to have faith, are supposed to be believers. On the other hand Scientists are supposed to have knowledge and to work and think rational. In the current Evolution-Creation-Intelligent Design Debate, all these things get mixed together.

One thing is definitely not possible: To seperate religion (or religious-like thinking and believe-acting) from science especially when it comes to natural philosophy. With a combination in application of diverse sciences, like science science, psychology, sociology, theology and others it might be possible to clear the minds for all participants in a form to which all can agree.

Of course including my mind too, because neither I'm all of the time in the 'bliss' or 'in the spirit' nore in some kind of 'samadhi' or have gotten a so very special super smartness.
However when it comes to 'religious business' it might not only take 'mind cleaning' but also 'heart cleaning' and to question our beloved values.

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20070228

STEIN & BUCH, SÜNDENGELD

Große Filmstudios produzieren Filme über bekannte Werke der Weltliteratur. Eindringliche Botschaften der Buchautoren können da schon unter den Tisch fallen. Auch Bücher werden gekürzt. So ist es zum Beispiel nicht so einfach eine Ausgabe von Tolstojs Krieg und Frieden mit SEINEM Nachwort zu bekommen. Bei Victor Hugos' Glöckner von Notredame fällt ein ganzes Kapitel in irgendein Wasser. Ja, der Begriff Killerapplikation ist schon passend geschaffen worden und passt recht gut in das Weltbild der Evolution. Eines tötet das Andere um zu überleben. Ergodessen töten? Nein, natürlich nicht, aber mit dem Fortschritt gehen. Oder? Der Übergang zu etwas ?Neuem, ?Anderem, zu mehr undoder weniger? Auf jeden Fall etwas das dieses Blog betrifft: Transition

Literaturauszug: Victor Hugo: Der Glöckner von Notre-Dame, Paris 1831
Übersetzung: Arthur von Riha, Atrium Verlag, Zürich, Jahreszahl fehlt (altes Buch).
Auszüge aus dem Kapitel: "Dieses wird jenes vernichten."

Abstract: Victor Hugo's Gesichtspunkt, dass das Buch den Bau vernichtete, eine Macht die andere ablösen wollte. Vernichtet Presse die Kirche?

"Seit Beginn aller Kultur bis zum 15. Jh. bildete die Baukunst das große Buch der Menschheit.
Als die Gedächtniskraft der ersten Menschheit zu stark überlastet wurde und der Ballast ihrer Erinnerungen in ein Chaos auszuarten drohte, lief das flüchtig gesprochene Wort Gefahr, verloren zu werden. Da übertrug man es dem sichersten und zugleich dauerhaftesten Material, dem Erdgestein. Man legte die Überlieferung in Baudenkmälern fest.
Die Architektur war in ihren Anfangsgründen ein Alphabet. Man stellte einen Stein lotrecht auf und hatte den ersten Buchstaben. Jeder der Buchstaben war eine Hieroglyphe, und auf jeder Hieroglyphe ruhte eine Gedankengruppe gleich dem Kapitell auf der Säule.
Später erst bildete man das Wort, indem man Stein auf Stein stellte. So entstanden die Granitsilben, die zu Worten vereinigt wurden. Das Wort suchte sich die zugehörigen Verbindungen. Aus diesen wurde der Satz. (Dolmen, Cromlech, Druidentempel, Etrurier in Tumulus, Juden in Galgal. Carnac ist schon eine riesige Formel.
Schließlich baute man ganze Bücher. Die Tradition legte Sinnbilder fest, bis die Überlieferung selbst verschwand. Immer mehr begann die Zahl der Sinnbilder zu wachsen. Das Sinnbild fühlte das Verlangen sich im Gebäude zu enthüllen. Die Baukunst entwickelte sich mit dem menschlichen Gedanken zu einer tausendköpfigen und -armigen Riesin um diese Sinngebilde festzuhalten.
Dädalus bedeutete die Kraft, Orpheus die Intelligenz. Aus Meßkunst und aus Dichtkunst erstanden die Säule als Buchstabe, die Wölbung als Silbe, die Pyramide als Wort. Diese verschmolzen ineinander, senkten, hoben und schichteten sich bis der Zeitgedanke Wunderbücher diktierte, wie da sind: die Pagode zu Eklinga, das Rhamseion in Ägypten und der Tempel Salomons.
Das Wort als Grundgedanke war aber in den Bauten nicht nur in ihrer Anlage, sondern auch in ihrer Form vertreten. Der Tempel Salomons war kein einfacher Bucheinband, sonder das Heilige Buch selbst. An jeder seiner konzentrischen Einfriedungen konnten die Hohenpriester das überlieferte und geoffenbarte Wort lesen.
Der Gedanke wurde nicht bloß in der Gestalt des Bauwerkes, sondern auch in dem dafür gewählten Bauplatz ausgedrückt.
Eine Kulturepoche von sechstausend Jahren reicht von den ältesten Hindupagoden zum Kölner Dom, die in Bauten aufgezeichnete Geschichte der Menschheit überhaupt.
Unter dem belebenden Hauch des Christentums bildete sich aus dem Schutt der abgestorbenen griechisch-römischen Bauten unter den Händen von Barbaren die geheimnisvolle romanische Baukunst, als Symbol des katholischen Glaubens, als Hieroglyphe des päpstlichen Einheitsgedankens. Die ganze damalige Gedankenwelt ist in den romanischen Baudenkmälern ausgedrückt. Deren Düsterheit ist ein Reflex ihrer Zeit. An ihr fühlt man die Gewalt der päpstlichen Einheit, die unumschränkte Herrschsucht und die festgefügte Verschlossenheit Gregors VII. Überall sieht man an ihr den Priester,nie den Menschen.
Aus den Kreuzzügen wurde der arabische Spitzbogen in das Abendland gebracht, ebenso wie für die Völker der Freiheitsgedanke. Das Lehenswesen forderte eine Teilung mit der geistlichen Herrschaft. Dabei rechnete es auf die Hilfe des Volkes, das den Löwenanteil an sich riß. Das Aussehen Europas machte Veränderungen durch und die Baukunst hielt damit gleichen Schritt. Die romanische Baukunst begann zu verfallen, in gleicher Weise wie Roms Hegemonie nach und nach zerstückelt wurde. In die Wappenkunde wurde der Turm eingeführt, der dem Lehenswesen seinen Zauber verlieh. Der Dom war nicht mehr das den Glauben sicher ausdrückende Bauwerk, er entzog sich dem Priester, um der Macht des Künstlers anheimzufallen. Der Priester behielt den Altar und das Kirchenschiff, der Künstler besaß die vier Mauern. Das steinerne Buch gehörte nicht mehr dem Priestertum, nicht mehr der römischen Religion. Die Fassaden der Dome änderten sich. Die Drapierungskunst versteckte den dogmatischen Untergrund immer mehr. Der in Stein gehauene Gedanke war jeder Zensur entwachsen, er glich unserer Pressefreiheit. Vom 13.ten Jh. an, mit Bischof Wilhelm von Paris, im 15. mit Flamel sind Seiten rebellischen Inhaltes vollgeschrieben worden. Nur in dieser Form genoß damals der Gedanke Freiheit, nur in dieser Form konnte er daher ausgedrückt werden.
Da die Maurerkunst das einzige Ventil für den die Geister belastenden Druck war, wurde in ihr der Freiheitsdrang aller Richtungen vereint.
Daher stammt die ungeheure Zahl der Europa bedeckenden Kathedralen.
Alle körperlichen und geistigen Kräfte sind in ihnen zusammengeströmt.
Unter dem Vorwand des Gottesdienstes entfaltete sich die Kunst.
Wer sich damals als Dichter fühlte, der machte keine Verse, sondern er ging hin und wurde Baumeister. Der Baumeister war Dichter und Magister zugleich. Daneben gab es nur eine ärmliche Dichtkunst, die hartnäckig auf einem Vegetieren in Handschriften bestand.
Bis zum Auftreten Gutenbergs war die Baukunst die führende Kunst, die gemeinsame Schrift. Sie war ein Buch aus Granit, begonnen im Orient, fortgeführt von der klassischen Epoche Griechenlands und Roms, beendet vom Ausgang des Mittelalters.

Die verschiedenen Geschichtsepochen enthüllten dadurch ein Gesetz, demzufolge in der Urzeit im Morgenland auf die Kunst der Hindus die der Phönizier folgte. Diese war die üppige Mutter des arabischen Stils. Andrerseits schloß sich im Altertum an die ägyptische Baukunst, der etruskische Stil, dessen Abarten die Zyklopenbauten waren. Ihr folgte die griechische Baukunst, von der die römische befruchtet wurde. In neuerer Zeit trat dann der hieraus entstandene romanische Stil dem gotischen die Herrschaft ab.
Bei Trennung dieser drei Stilreihen, ergibt sich am indisch-ägyptisch-römischen Ast das Symbol der Priesterherrschaft, der Kaste, der Einheit, des Dogmas, der Mythen, mit einem Wort: Gott
Der phönizisch-griechisch-gotische Zweig zeigt bei aller Verschiedenheit die Freiheit, das Volk, den Menschen selbst.
Indien, Ägypten oder Rom, Brahmane, Augur oder Papst, Priester ist Priester und seine Kunst ist von der des Volkes durch einen Abgrund geschieden.
Im phönizischen Stil erkennt man den Kaufherrn, im griechischen den Republikaner, im gotischen den Bürger.
Die aus der Zeit der Priesterherrschaft stammenden Bauwerke zeigen als Haupteigenschaften Unveränderlichkeit, Abscheu vor dem Fortschritt, Festhalten an überlieferten Formen, unerschütterliche oft unbegreifliche Normen bei der Darstellung von Mensch und Natur. Jede darin enthaltene Form oder Mißform hat einen unveränderlichen Sinn, dessen Verletzung ein Sakrileg ist.
So gleicht ihre Kunst der Versteinerung von Religion.
Die vom Volk geschaffenen Kunstwerke stehen dazu im schroffen Gegensatz. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Priesterstil und Volkskunst.
Bis in das 15. Jh. war die Baukunst das Hauptbuch der Menschheit. Bis zu diesem Zeitpunkt ist nicht ein Gedanke von Bedeutung gedacht worden, der nicht seine Ausdrucksform als Baudenkmal gefunden hätte. Es geschah nichts, was nicht im Granit niedergeschrieben worden ist.
Und warum?
Weil jeder Gedanke, sei es in der Religion, sei es in der Philosophie, nach Verewigung drängt.
Der Gedanke läßt sich nicht daran genügen, nur eine Generation zu erregen, sondern strebt danach, allen folgenden Generationen seinen Stempel aufzudrücken.
Erst im 15. Jh. trat eine Änderung ein.
Die Baukunst wurde von ihrem Herrscherthron gestürzt.
Das gedruckte Buch war berufen, das Baudenkmal zu vernichten. Daher ist die Erfindung der Buchdruckerkunst das größte Ereignis der Weltgeschichte gewesen. Sie ist die vollständige und letzte Häutung jener symbolischen Schlange, unter der seit Adams Zeiten der Geist zu verstehen ist.
Der Buchdruck verleiht dem Gedanken einer vorher nicht erreichte Unvergänglichkeit. Er zerstreute die Gedanke in alle vier Winde und macht ihn zu einem Vogelschwarm, der alle Punkte des Himmels und der Erde besetzte.
Seit der Erfindung des Buchdrucks, siecht die Baukunst dahin und geht an Auszehrung zugrunde.
Erst seit dem 16. Jh. wird das Siechtum der Baukunst offenkundig. Schon beginnt sie in kläglicher Klassizität zu erstarren.
Der Genius der Gotik leuchtet wie eine sinkende Sonne mit ihren letzten Strahlen.
Die Baukunst hatte als Gesamtkunst unumschränkt die anderen Künste geknechtet und sie ihren selbstherrlichen Regeln unterworfen.
Die emanzipierten Künste machen sich vom Joch des Baumeisters frei. Aus dem Steinmetz entwickelte sich der Bildhauer, aus dem Holzschnitzer der Maler, aus dem strengen Kanon die freie Musik.
Mit der Befreiung der Künste hielt die des Gedankens gleichen Schritt. Schon hatten die Freigeister des Mittelalters dem katholischen Dogma fühlbare Wunden geschlagen. Das 16. Jh. aber brachte in die Glaubenseinheit den unheilbaren Riß. Ohne Buchdruckerkunst wäre die Reformation ein Schisma gleich ihren Vorgängerinnen geblieben, erst Gutenbergs Kunst machte sie zu der die Grundfesten stürzenden Revolution.
Ohne Gutenberg kein Luther.

Michelangelo, das größte Genie des 16. Jh.s schuf als letzten Gedanken der Verzweiflung den Sankt Peters Dom.
Bald hatte jedes Land seinen St. Peters Dom. Nichtssagende Nachäffungen einer versinkenden Kunst, die vor Altersschwäche kindisch wurde, ehe sie ganz verschied.

Seit Franz II. verschwindet die architektonische Form der Bauwerke immer mehr und mehr, und statt ihrer tritt der geometrische Konstruktionsplan aufdringlicher hervor. Ähnlich wie bei einem abgezehrten Kranken das Knochenskelett. Statt schwungvoller Kunst öde gradlinige Mathematik. Eine anerkennswerte genaue Zusammenstellung von Flächen.
Italienische Pastetenbäckerei, kaltherzige, ultrafade, übergeräumige Höflingskasernen. Von Franz II. bis Ludwig XV. wächst das Elend mit dem Fortschritt der Geometrie. Haut und Knochen, das ist die ganze Kunst. Je mehr die Baukunst niedergeht, desto höher steigt der Buchdruck hinan.
Schon im 17. Jh. ist das gedruckte Buch der souveräne Herrscher.
Voltaire rüstet sich mit Luthers Schwert und zieht zum Sturm gegen das alte Europa aus, dessen Baukunst durch den Buchdruck vernichtet war. Und im 19. Jh. baut der Buchdruck zeitgemäß all das wieder auf, was er in der vorhergehenden Epoche als überlebt in Stücke geschlagen hat.
Die Baukunst aber ist tot, verschieden, ohne Hoffnung auf eine Wiederkehr. Erschlagen durch das Buch, weil sie zu teuer und zu wenig nachhaltig ist.. Das große Denkmal wird nicht mehr gebaut, es wird gedruckt. In der Epoche der Baukunst waren die Dichterwerke eine Seltenheit. Durch Zusammentragen entstanden Sammlungen, wie das Nibelungenlied, die Ilias, die Romanzeros, die Maharattas.
Das Menschengeschlecht hat zwei Bücher, zwei Register, zwei Testamente geschaffen, die Baukunst und den Buchdruck.
Das ganze Menschengeschlecht ist auf dem Baugerüst versammelt. Es ist der neue Babel-Turm der Menschheit."
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Dazu eine kleine Anmerkung zum St. Petersdom:
Nachdem ich gestern diesen obigen Auszug geschrieben habe, habe ich am Abend noch ein bißchen im Werwolf von Willibald Alexis gelesen und dabei eine Stelle gefunden wo ein Bezug von dem Mönch Tetzel zum St. Petersdom hergestellt wird. Ich will hier nicht in der üblichen Weise an der Kirche herum mäkeln ich finde die Geschichte halt aber doch interessant:

"Johannes Tezel, Dominikanerorden, große Ehren in Frankfurt an der Oder, dem Wittenberger Augustinermönch Luther zum Trotz. Kann man sich für jede große Sünde loskaufen, der Brief kostet Gulden und Thaler, je nachdem; ist aber auch für alle kleine Sünden gesorgt, und die Briefe sind gar nicht teuer, und das bringt das meiste ein, denn die Leute stürzen nur so, daß sie ihre Groschen und Pfennige in den Kasten werfen, an dem geschrieben steht:

Sobald der Pfennig im Kasten klingt,
Die Seele aus dem Fegfeuer springt.

Darüber sind die Pfarrer so erbost, weil Knechte und Mägde wollen gar nicht mehr bei ihrem Priester beichten; mit ein paar Pfennigen können sie beim Dominikaner alles abthun, und der zieht dann weiter, und die Beichtstühle stehen weit und breit leer.

Und darum (sagte die Burgfrau) ist der Augustinermönch (Luther) auch in Feuer und Flamm! 's gönnt keiner dem anderen, und keiner ist um ein Haar besser als der andere.
Tezel verkauft den Ablaß für den Papst; nämlich eigentlich für den Erzbischof Albrecht von Mainz, unseres allergnädigsten Kurfürsten Bruder, von dem er die Einnahmen gepachtet hat, der aber teilt den Erlös mit dem Papst zu Rom, und dafür wird die neue große Kirche in Rom gebaut. Also hat sich der Augustinermönch unterstanden, gegen den allerheiligsten Papst selbst zu reden, da das Geld in dessen Säckel fließt; aber sagen sie von der anderen Seite, weil das Geld so aus dem Land geht, werden die großen Herren und Fürsten, die's im Grund nicht gern sehen, wohl' eine Aug' zudrücken, und der Wittenberger wird wohl noch mit 'nem blauen Aug' davonkommen, daß er das Maul so weit aufgerissen. Daher erklären sie's auch, daß der allergnädigste Kurfürst den hochwürdigsten Bischof zu ihm geschickt. Der soll im zureden, daß er widerruft, und dann bleibt alles beim alten."
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Einige geschichtliche Daten:

Peterskirche, San Pietro in Vaticano. Beschluß Julius II. ca. 1502, Grundsteinlegung am 18.4. 1506, ab 1546 Michelangelo Bauleiter, Schlußweihe am 18. 11. 1626

Johannes Tetzel, geb. Pirma ca. 1465, gest. Leipzig 11.8.1519
ab 1489 Dominikaner, 1504-1510 Ablaßprediger in deutschen Landen. 1509 Inquisitor für Polen, 1517 Generalsubkommissar des Mainzer Erzbischofs Albrecht II., Markgraf von Brandenburg, auch in der Kirchenprovinz Magdeburg tätig.
Meyers Enz.: Reue und Buße traten hinter dem Gelderlös zurück.
Ab 1518 lebte er im Leipziger Dominikanerkloster.

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