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20070715

Angstuebertragung auf Kinder tz-22

Ängste dieser Art umspielen das Kind her von klein auf, und zwar in den mittleren, in allen aufstiegswilligen Schichten noch weit stärker als in den oberen. Ängste dieser Art haben an den Regelungen und Geboten, denen das Kind von klein an unterworfen ist einen erheblichen Anteil.

Die Ängste, die den Eltern vielleicht nur zum Teil bewusst sind, übertragen sich durch Gesten nicht weniger als durch Worte auf das Kind. Sie arbeiten beständig mit an der Bildung jenes Feuerkreises von inneren Ängsten (S. 450).
Wenn auch gewiss zuweilen durch die elterlichen Ängste gerade das herbeigeführt wird, was verhindert werden soll, wie es auch ausgeht, immer projizieren sich die gesellschaftlichen Spannungen durch die elterlichen Gesten, Verbote und Ängste in das Kind.

Das Kind bekommt die gesamten Spannungen seines Menschengeflechts zu spüren, auch wenn es noch nichts von ihnen weiß (S. 450 u. 451).

Dieser Zusammenhang zwischen den äußeren, den unmittelbar durch ihre soziale Lage bedingten Ängsten der Eltern und den inneren Ängsten (Angstautomatismen) des Heranwachsenden ist von weit allgemeinerer Bedeutung.

Manfrau kann erst dann ein volleres Verständnis gewinnen, wenn manfrau besser, als es heute möglich ist, über lange Generationsketten hin zu beobachten und zu denken vermag.
Hier wird aber schon deutlich: Wie tief die Spannungen der eigenen Zeit in das Gefüge der einzelnen Seele eingreifen (S. 451).

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Krieg Konflikt Angst tz-21

Die Spannungen zwischen den Staaten, die im Zwange des Konkurrenzmechanismus miteinander um die Vormacht über größere Herrschaftsgebiete ringen, äußern sich für die Individuen in ganz bestimmten Versagungen und Restriktionen; sie bringen den einzelnen Menschen einen verstärkten Arbeitsdruck und eine tief greifende Unsicherheit.

Alles das (Entbehrungen, Unruhe, Arbeitslast, unmittelbare Bedrohtheit) zeugt Ängste (S. 448).

Nicht anders verhält es sich mit den Spannungen innerhalb der verschiedenen Herrschaftseinheiten. die irregulierbaren, die monopolfreien Konkurrenzkämpfe zwischen den Menschen zeugen ihre spezifischen Ängste: Ängste vor der Entlassung, vor dem unberechenbaren Ausgeliefertsein an Mächtigere, vor dem Fall an die Hunger- und Elendsgrenze, wie sie in den unteren Schichten vorherrschen, Ängste vor dem Absinken, vor der Minderung des Besitzes und der Selbständigkeit, vor dem Verlust des gehobenen Prestiges und des gehobenen Standes.

Gerade Ängste dieser Art (Prestige) neigen überdies in besonderem Maße zur Verinnerlichung.

Sie verinnerlichen sich im Einzelnen und werden durch den Druck eines starken Über-Ich automatisch gebunden gehalten (S. 449).

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Angsterzeugung Verhaltensregeln tz-20

Keine Gesellschaft kann bestehen ohne eine Kanalisierung der individuellen Triebe und Affekte, ohne eine ganz bestimmte Regelung des individuellen Verhaltens.

Keine solche Regelung ist möglich, ohne dass die Menschen aufeinander Zwang ausüben und jeder Zwang setzt sich bei dem Gezwungenen in Angst der einen oder anderen Art um.

Manfrau darf sich darüber nicht täuschen:
Eine ständige Erzeugung und Wiedererzeugung von menschlichen Ängsten durch Menschen selbst ist unvermeidlich und unerlässlich, wo immer die Menschen in irgendeiner Form mit einander leben, wo immer Verlangen und Handlungen mehrerer Menschen ineinander greifen, sei es bei der Arbeit, sei es bei Geselligkeit oder Liebesspiel (S. 448).

Unsere Verhaltenstafeln sind so widerspruchsreich und so voll von Disproportionalitäten, wie die Formen unseres Zusammenlebens, wie der Bau unserer Gesellschaft.

Die Zwänge, denen heute der einzelne Mensch unterworfen ist, und die Ängste, die ihnen entsprechen, sie sind in ihrem Charakter, ihrer Stärke und Struktur entscheidend bestimmt durch die spezifischen Verflechtungszwänge unseres Gesellschaftsgebäudes, von denen oben die Rede war: durch seine Niveaudifferenzen und die gewaltigen Spannungen, die es durchziehen (S.448).

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Funktion Aengste Erziehung tz-19

Niemals gelangt der Heranwachsende zu einer Regelung seines Verhaltens, ohne die Erzeugung von Angst durch andere Menschen. Ohne den Hebel solcher von Menschen erzeugten Ängste wird aus dem jungen Menschen nie ein erwachsenes Wesen, das den Namen eines Menschen verdient, so wenig je die Menschlichkeit dessen voll zur Reife kommt, dem sein Leben nicht hinreichend Freude und Lust gewährt.

Ängste, die ältere Menschen bewusst oder unbewusst in dem kleinen Kinde hervorrufen, schlagen sich in ihm nieder und reproduzieren sich von nun an zum Teil auch mehr oder weniger selbsttätig.

Durch Ängste wird die bildsame Seele des Kindes so bearbeitet, dass es sich beim Heranwachsenden allmählich selbst im Sinne des jeweiligen Standards zu verhalten vermag, ob sie nun durch direkte körperliche Gewalt hervorgerufen werden oder durch Versagungen, durch Beschränkung von Nahrung und Lust (S. 447).

Und menschengeschaffene Ängste halten schließlich von innen oder von außen auch noch den Erwachsenen in Bann. Schamempfindungen, Furcht vor Krieg und Furcht vor Gott, Schuldgefühle, Angst vor Strafe oder vor dem Verlust des sozialen Prestiges, die Angst des Menschen vor sich selbst, vor der Überwältigung durch die eigenen Triebe, sie alle werden in dem Menschen direkt oder indirekt durch andere Menschen hervorgerufen.
Ihre Stärke, ihre Gestalt und die Rolle, die sie im Seelenhaushalt des Einzelnen spielen, hängt von dem Aufbau seiner Gesellschaft und seinem Schicksal innerhalb ihrer ab (S. 447).

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Steuerung durch Angst tz-18

(Satz:) Der Aufbau der Ängste ist nichts anderes als der psychische Widerpart der Zwänge, die die Menschen kraft ihrer gesellschaftlichen Verflechtung aufeinander ausüben.

Die Ängste bilden einen der Verbindungswege- einen der wichtigsten- über den hin sich die Struktur der Gesellschaft auf die individuellen psychischen Funktionen überträgt.

Den Motor jener zivilisatorischen Veränderung des Verhaltens, wie der Angst bildet eine ganz bestimmte Veränderung der gesellschaftlichen Zwänge, die auf den Einzelnen einwirken, ein spezifischer Umbau des ganzen Beziehungsgewebes und darin vor allem der Gewaltorganisation (S.446).

Je weiter manfrau sich in die geschichtlichen Zusammenhänge vertieft, in deren Verlauf sich Verbote, wie Ängste bilden und umbilden, desto stärker drängt sich dem Nachdenkenden eine Einsicht auf, die für unser Handeln ebenso, wie für das Verständnis unserer selbst nicht ohne Bedeutung ist; desto klarer zeigt sich, in welchem Maße die Ängste, die den Menschen bewegen, von Menschen geschaffen sind.

Sicherlich ist die Möglichkeit, Angst zu empfinden, genau, wie die Möglichkeit Lust zu empfinden, eine unwandelbare Mitgift der Menschennatur. Aber die Stärke, die Art und Struktur der Ängste, die in dem Einzelnen schwehlen oder aufflammen, sie hängen niemals allein von seiner Natur ab, und, zum mindesten in differenzierten Gesellschaften, auch niemals von der Natur, in deren Mitte er lebt; sie werden letzten Endes immer durch die Geschichte und den aktuellen Aufbau seiner Beziehungen zu anderen Menschen, durch die Struktur seiner Gesellschaft bestimmt; und sie wandeln sich mit dieser.

Hier ist in der Tat einer der unentbehrlichen Schlüssel zu all jenen Problemen, die uns die Verhaltensregelung und die gesellschaftlichen Tafeln der Gebote und der 'Tabus' aufgeben (S. 446).

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20070713

Scham Peinlichkeit Angst Gefühle tz-06

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 6

Die Modellierung des Triebhaushaltes

Für den Prozess der Zivilisation ist wie die 'Rationalisierung' die Modellierung des Triebhaushaltes (Scham- und Peinlichkeitsempfindung) eigentümlich. (Besonders vom 16. Jahrhundert an ein starkes Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle.

Das Schamgefühl ist eine Angst vor der sozialen Degradierung bzw. vor den Überlegenheitsgesten Anderer. Es ist eine Form der Unlust oder Angst, die sich dann herstellt, wenn diese Gefahr nicht durch irgendeine Form des Angriffs abgewehrt werden kann. Eine Wehrlosigkeit vor der Überlegenheit anderer. Ein Ausgeliefert sein. Geht auf physische Zwänge, auf die körperliche Unterlegenheit des Kindes gegenüber seinen Modelleuren zurück. Beim Erwachsenen kommt diese Wehrlosigkeit daher, dass Menschen, deren Überlegenheitsgesten manfrau fürchtet, sich in Einklang mit dem eigenen Über-Ich des Wehrlosen und Geängstigten befinden, mit der Selbstzwangapparatur, die in dem Individuum durch Andere, von denen er abhängig war heran gezüchtet worden ist (S. 398).

Die Schamerregung gerät mit sich selbst in Widerspruch. Der Konflikt, der sich in Scham-Angst äußert ist nicht nur ein Konflikt des Individuums mit der herrschenden, gesellschaftlichen Meinung, sondern ein Konflikt in den sein/ihr Verhalten das Individuum mit dem Teil seines Selbst gebracht hat, der diese gesellschaftliche Meinung repräsentiert; es ist ein Konflikt des eigenen Seelenhaushalts; er/sie selbst erkennt sich als unterlegen an. Er/Sie fürchtet den Verlust der Liebe oder Achtung von Anderen, an deren Liebe und Achtung ihm/ihr liegt oder gelegen war. Deren Haltung hat sich in ihm zu einer Haltung verfestigt, die er automatisch sich selbst gegenüber einnimmt. Das ist es was ihn gegenüber den Überlegenheitsgesten Anderer, die in irgendeiner Hinsicht diesem Automatismus in ihm/ihr selbst aktualisieren, so wehrlos macht (S. 398).

Die Angst vor der Übertretung gesellschaftlicher Verbote ist um so stärker und erhält um so stärker den Charakter der Scham, je stärker durch den Aufbau der Gesellschaft Fremdzwänge in Selbstzwänge umgewandelt werden, und je umfassender, je differenzierter der Ring der Selbstzwänge wird.

Manfrau kann von diesen Schamgefühlen nur reden im Zusammenhang mit ihrer Soziogenese, mit Schüben in denen die Schamschwelle vorrückt oder wandert und in denen sich Aufbau und Schema der Selbstzwänge in einer bestimmten Richtung ändern, um sich dann wieder in der gleichen Form zu reproduzieren (S. 399).

Beide, Rationalisierung und Vorrücken der Scham- und Peinlichkeits Grenze sind ein Ausdruck für eine Verringerung der direkten Ängste vor der Bedrohung oder Überwältigung durch andere Wesen und für eine Verstärkung der automatischen, inneren Ängste, der Zwänge, die derdie Einzelne nun auf sich selbst ausübt.

In beiden gleichermaßen, kommt die größere, die differenziertere Vor- und Langsicht zum Ausdruck. Beide sind nichts als verschiedene Aspekte der stärkeren Spaltung des individuellen Seelenhaushalts, die sich mit der zunehmenden Funktionsteilung einstellt.

Verschiedene Aspekte der wachsenden Differenzierung zwischen Triebfunktionen, zwischen 'Es' und 'Ich' oder 'Über-Ich'. Dem 'Ich' im engeren als 'Über-Ich' bezeichnet, kommt im Sinne der psychischen Steuerungsfunktionen eine doppelte Funktion zu. Einerseits als Zentrum von dem aus sich ein Mensch in seinen Beziehungen zu anderen Dingen und Wesen steuert, andererseits als Steuerung und Regulierung, teils automatisch unbewusst, teils bewusst des 'Inneren', der eigenen Triebregungen.

Die Schichten der psychischen Funktionen haben eine doppelte Aufgabe. Sie treiben zugleich eine 'Innenpolitik' und eine 'Außenpolitik', die oft genug im Widerspruch zueinander stehen kann (S. 400).

Auf diese Weise erklärt es sich also, dass in der gleichen, geschichtlich- gesellschaftlichen Periode, in der die Rationalisierung spürbar vorankommt, auch ein Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenze beobachtbar ist.

Ein entsprechender Vorgang ist noch heute im Leben jedes einzelnen Kindes zu beobachten: Die Rationalisierung des Verhaltens ist ein Ausdruck für die Außenpolitik der gleichen Über-Ich-Bildung, deren Innenpolitik in einem Vorrücken der Schamgrenze zum Ausdruck kommt (S. 401).
Schamgefühle sind aber keinesfalls immer in der gleichen Weise in den Seelenhaushalt eingebaut (S. 402).

Aus der Fußnote: Der Verinnerlichungs- und Rationalisierungsschub, der in den verschiedenen puritanisch-protestantischen Bewegungen zum Ausdruck kommt, steht offenbar mit bestimmten Veränderungen in der Lage und im Aufbau mittelständischer Schichten im engsten Zusammenhang (S. 402).

Beispiel: Körperliche Entblößungen: Zuerst unterliegt die Entblößung des sozial Höherstehenden noch keinem strengen gesellschaftlichen Verbot, kann sogar Auszeichnung sein, oder Zeichen des Wohlwollens. Entblößung des Niedrigerstehenden als Zeichen der Respektlosigkeit. Wird mit Angst belegt.

Erst wenn die ständischen Mauern fallen, wenn die funktionelle Abhängigkeit aller von allen noch stärker wird und alle Menschen gleichwertiger, erst dann wird eine Entblößung in Gegenwart jedes anderen Menschen zu einem Verstoß (S. 403).

Das gleiche gilt von den Peinlichkeitsgefühlen. Sie bilden ein untrennbares Gegenstück zu den Schamgefühlen.

Diese (Schamgefühle) stellen sich her, wenn ein Mensch selbst gegen Verbote des Ich und der Gesellschaft verstößt.

Jene (Peinlichkeitsgefühle) stellen sich dadurch ein, wenn irgend etwas außerhalb des Einzelnen an dessen Gefahrenzone rührt, an Verhaltensformen (Gegenstände, Neigungen) die frühzeitig von seiner Umgebung mit Angst belegt wurden, bis sich diese Angst in ihm bei analogen Gelegenheiten automatisch wieder erzeugt.

Peinlichkeitsgefühle sind Unlusterregungen oder Ängste, die auftreten, wenn ein anderes Wesen die durch das Über-Ich repräsentierte Verbotsskala der Gesellschaft zu durchbrechen droht oder durchbricht (S. 404).

Vom 16.Jahrhundert ab rückt die Scham und Peinlichkeitsschwelle allmählich rascher vor. Dieses Vorrücken fällt zusammen mit der beschleunigten Verhöflichung der Oberschicht.

Die Gedankenketten schließen sich langsam. Es ist die Zeit in der die Abhängigkeitsketten, die sich in dem Einzelnen kreuzen, dichter und länger werden.
Immer mehr Menschen sind aneinander gebunden und der Zwang zur Selbstkontrolle wächst.
Wie die wechselseitige Abhängigkeit, so wird auch die wechselseitige Beobachtung der Menschen stärker; die Sensibilität und dementsprechend die Verbote werden differenzierter.
Vielfältiger wird auch das, worüber manfrau sich schämen muss, das, was man an Anderen als peinlich empfindet (S. 404).

Mit der fortschreitenden Funktionsteilung und der stärkeren Integrierung der Menschen verringern sich die Kontraste zwischen verschiedenen Schichten und Ländern, während sich die Schattierungen und Spielarten vergrößern. Die Menschen werden sensibler für kleinere Gesten und Formen.

Die 'Primitiven' erleben den Menschen- und Naturraum in dem relativ engen Bezirk, der für sie lebenswichtig ist, in bestimmter Hinsicht weit differenzierter als die 'Zivilisierten'.

Bei primitiveren Menschen ist die Fähigkeit, in Feld und Wald etwas zu unterscheiden, mehr entwickelt als bei 'Zivilisierten'.

Die Art, wie langsam im Anstieg des Mittelalters und dann beschleunigt vom 16. Jahrhundert an die Natur erlebt wird, ist gekennzeichnet, dass immer größere Menschenräume befriedet werden; Wälder, Wiesen und Berge hören allmählich auf Gefahrenzonen erster Ordnung zu sein.
Raubritter und Raubtiere verschwinden.
Wald und Feld sind nicht mehr Schauplatz ungedämpfter Leidenschaften, wilder Jagden auf Menschen und Tiere, wilder Lust und wilder Angst (S. 405).

Die befriedete Natur wird in einer neuen Weise sichtbar. Sie wird in hohem Maße zu einem Gegenstand der Augenlust, vor allem für die an Städte gebundenen Menschen. Sie werden empfindlicher, sie erfreuen sich am Zusammenklang der Farben und Linien; sie werden offen für das, was manfrau die Schönheit der Natur nennt.

Und im Zuge dieser Pazifizierung ändert sich zugleich auch die Sensibilität der Menschen für ihr Verhalten im Verkehr miteinander.

Nun verstärken sich proportional zur Abnahme der äußeren die inneren Ängste. Auf Grund dieser inneren Spannungen beginnen die Menschen sich gegenseitig differenzierter zu erleben. Die Gefahrenzone geht jetzt gewissermaßen quer durch die Seele aller Individuen hin.
Darum werden die Menschen auch jetzt in dieser Sphäre für Unterschiede empfindlich, die zuvor kaum ins Bewusstsein drangen. Wie die Natur zur Quelle einer durch das Auge vermittelten Lust wird, so werden auch die Menschen nun für einander in höherem Maße zur Quelle einer Augenlust oder der Unlust, zu Erregern von Peinlichkeitsgefühlen verschiedenen Grades (S. 407).

Nirgends in der menschlichen Gesellschaft gibt es einen Nullpunkt der Ängste vor äußeren Mächten und nirgends einen Nullpunkt der automatischen, inneren.

Die Ängste des Menschen vor äußeren Mächten werden geringer. Beide sind voneinander untrennbar. Was vor sich geht (im Zivilisationsprozess) ist nicht das Verschwinden der einen und das Auftauchen der anderen.

Was sich ändert, ist lediglich die Proportion zwischen den äußeren und den selbsttätigen Ängsten und deren gesamter Aufbau (S. 408).

Eines darf manfrau bei alledem nicht übersehen: Dass heute, wie ehemals alle Formen der inneren Ängste eines Erwachsenen mit Ängsten des Kindes in Beziehung zu Anderen, mit Ängsten vor äußeren Mächten zusammenhängen (S. 409).

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20070428

Max Weber, Politik, Ohnmacht, Bürokratie, sk-16

Politikverdrossenheit?-Die da oben machen was sie wollen?-Europa?-EU-Verfassung?
Auf diesem Blog habe ich bisher hauptsächlich Inhalte von Norbert Elias und Ralph Dahrendorf präsentiert. Mit gutem Grund.

Jeder und jede derdie Wandlungen, Übergänge, Veränderungen, Entwicklungen und Fort-, Vor- und Rückschritte europäischer und internationaler Politik verfolgt kann ein sehen, dass das Demokratie-Thema, bzw. weitere Demokratisierung international höchste Priorität hat.

Da sind Gleichlagen von politischen Parteien, wie z.B. in den U.S.A., Mexiko und sämtlichen europäischen Staaten. Bürger in Europa finden sich von der politischen Führung und Vertretung abgekoppelt.

Die wirklich wichtigen Gespräche finden nach den Wahlen unter Öffentlichkeitsausschluß hinter verschlossenen Türen statt. Was wird da ausgehandelt? Warum kann das nicht öffentlich sein?

Verschiedene bestimmte Formen ökonomischen Denkens stehen ständig im Vordergrund und werden gebetsmühlenartig wiederholt bzw. wehen ständig aus den Fernsehern als medial aufbereitete Gebetsfahnen mit Angstsendeimpulsen. Ängste um Arbeitsplatz, Ängste um Unternehmens-, Firmen-, Industrie-, Wirtschafts- WACHSTUM werden ständig geschürt.

Gleichzeitig wird weiter säkularisiert, religiöse Werte und Personen diskreditiert, ungeprüfte ideologische Vorstellungen als himmlische Lösungen präsentiert und die Bürger und die zukünftigen Generationen sollen das aus baden?
Wir sollen glauben, dass wir von Affen abstammen und dereinst den Weltraum erobern werden. Evolution ist Religion. Anomie die Vorschrift.

Die Tendenzen in den U.S.A. und in Europa gehen in Richtung Totalisierung durch herrschende Bürokratien die in ihrer ökonomischen Argumentation und Denkweise Bündnisse mit zum Beispiel Großkonzernen eingehen, bzw. von diesen schon vor sich her getrieben werden. Politik in den U.S.A. und in Europa wird zunehmend reaktiv.

Fragen der Korruption und Bestechung sind hier noch gar nicht an geschnitten worden.

Das Thema Demokratie bleibt also auch 'für den Westen' eine ständige Frage, Herausforderung und Aufgabe!
Ja und in Afrika, Nahem und Fernen Osten und in ... ... ... ...?

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Weiter im Stoff:

Die Erfahrung des kaiserlichen Deutschland bestimmte Max Weber's Definition des Problems der modernen Politik. Hintergrund: Bismarck.

Weber war geradezu besessen von der Rolle der Bürokratie (Beamtenherrschaft) und dem mit ihr verbundenen allgemeinen 'Willen zur Ohnmacht'. Das Bild der Bürokratie als einem 'Gehäuse der Hörigkeit' für künftige Generationen.

Menschen werden bloße Rädchen einer 'lebenden Maschine', abhängig und ohnmächtig zugleich.

Weber fragt: Wie ist es angesichts dieser Übermacht der Tendenz zur Bürokratisierung überhaupt noch möglich, irgendwelche 'individualistische Bewegungsfreiheit' zu retten? (Weber sucht also keine literarische oder philosophische Antwort. Sein Interesse gilt der Politik und politischen Institutionen).

Weber übersetzt die Frage in zwei genauere. Dahrendorf beschreibt sie als Fragen der Demokratie und Fragen der Führung.

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Quelle bzw. Literaturhinweis: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch. Exzerpt und Kommentar: transitenator
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Die Frage der Demokratie.
Weber fragt wie "irgendwelche Gewähr dafür geboten werden (kann), dass Mächte vorhanden sind, welche die ungeheure Übermacht dieser an Bedeutung stets wachsenden Schicht in Schranken halten und sie wirksam kontrollieren": "Wie wird Demokratie auch nur in diesem beschränkten Sinn überhaupt möglich sein?"

Was bedeutet Demokratie?

Es geht bei ihr darum, die Interessen und Meinungen der vielen in den politischen Prozess einzubringen und es geht um Legitimität. (Der allgemeine Wille hatte zunächst Verwirrung gestiftet als Rousseau, Kant und Hegel ihn auf dreierlei unterschiedliche Weise interpretierten).

Weber zeigt, dass das oben beschriebene Modell (Klassen und Eliten) zu einfach ist. Die bürokratische Gefahr ist ernst. Sie wirkt lähmend, z.B. auf das Parlament, auf die Vermittler von Volk (demos) und Herrschaft (kratia).

Dann wird das Parlament zur Schwatzbude.

Eine derartige Bürokratisierung des Parlaments droht immer und überall.

Sie schreckt die Außen stehenden, 'das Volk', ab von den politischen Institutionen und führt zur Bildung von neuen sozialen Bewegungen sie sich bald mit ähnlichen Problemen konfrontiert finden.

Zwei Prozesse bilden das, was man das demokratische Minimum nennen kann. Der eine besteht in der Eingabe der Meinungen und Interessen des Volkes in das politische System, der andere in der Kontrolle der Herrschenden und ihrer Verwaltung.

Wenn entweder der demokratische Nachschub oder die demokratische Kontrolle blockiert werden, folgt eine Verfassungskrise. Das demokratische Minimum (nicht als schöne Idee oder Traum) ist vielmehr die sicherste Methode, um dafür zu sorgen,dass Wandel ohne Revolution stattfinden kann. In diesem Sinne ist die Demokratie schlicht effizienter als andere Regierungsformen.

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(Anmerkung zur 'Effizienz': Diese nur bei geltenden Bürgerrechten gewährleistet (Bürgergesellschaft). Oder warum bevorzugen in weniger wirtschaftlich entwickelten Ländern autoritäre Führer die Nicht-Demokratie? Sie können über Leichen gehen, damit wenige Akteure Profite machen.

Hier kommt die Anrechtsfrage herein. Wenn Menschen keine Anrechte oder nur wenige Anrechte haben, dann ist die Demokratie als Herrschaftsform für die Herrschenden in diesen Ländern eine leere Formel. Sie sind dann keine 'Citoyens' sondern haben nur Existenz als puppenartige Masse mit Anspruch auf Armut und Elend.

Bedauerlicherweise wird auch gesagt, dass ein Volk bzw. ein Land die Führer bekommt, die es verdient. Das ist ein versteckter Aufruf zu Terror, Gewalt und Revolution bzw. eine kurze Anleitung zum eigenmächtigen Handeln der beherrschten Menschen.

Was die U.S.A. derzeit in Afghanistan und im Irak treiben ist bekannt aus dem Vietnam Krieg und aus Jahrhunderten europäischen Kolonialismus's. Und das Ergebnis solcher Eskapaden ist sicherlich auch schon klar (April 2007).

Psychologen kennen den Begriff 'rezessiv', was soviel bedeutet wie rückfällig, das Zurückrutschen in ein früheres Stadium. Auf Englisch: 'Backsliding'- ein Begriff aus der amerikanischen Christen-Szene. Kanonenbootdiplomatie, ja, die Zeit scheint mit dem wirtschaftlichen Fortschritt politisch, aber auch sittlich rückwärts zu gehen).

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Max Weber: "Die modernen Parlamente sind in erster Linie Vertretungen der durch die Mittel der Bürokratie Beherrschten".

Die Kontrolle der Herrschaft verlangt neben parlamentarischen Verfahren auch rechtliche und andere Mechanismen zur Überprüfung von Entscheidungen einschließlich von Verwaltungsakten.

Vieles, soziale Bewegungen, Sonderinteressengruppen auch die Medien gehören zur Bürgergesellschaft. Demokratie ist ihrer Definition nach unordentlich.

Max Webers Hauptinteresse galt nicht der Demokratie sondern dem was die Bürokratie nicht leistet, der zweiten nun folgenden institutionellen Frage.

Die Frage der Führerschaft
Ein Lieblingsthema von Weber. Das ist die Frage der Innovation, der Initiative, der Bereitschaft und Fähigkeit, Dinge zu tun. (Schumpeter lobte die Rolle des Unternehmers in der Frage der Wirtschaftsentwicklung und seine Tugenden und Talente).

Weber beantwortet diese Frage für die öffentlichen Dinge durch die Sozialgestalt des 'Politikers', des Menschen mit Politik als Beruf.

Es geht bei Dahrendorf nicht um Webers obskurem 'Charisma', also durch Legitimation der Herrschaft durch außergewöhnliche Ansprüche, sondern um die Analyse Webers, dass Bürokratie zwar dominieren, aber nicht führen kann.

Die Bürokratie ist (Anmerkung: NUR) ihrer Definition nach kopflos. An der Spitze stehen bürokratische Charaktere. Es entstehen steuerlose, mittelmäßige Gemeinwesen, die allenfalls verwaltet, aber nicht regiert werden. Bürokraten sollen loyal ausführen. Sie empfangen ihre Richtung von den Führern.

Weber malt das Gemälde der Eigenschaften und Talente von Führern, beschreibt drei Qualitäten die Politiker haben müssen: Leidenschaft (Hingabe an die Sache), Verantwortungsgefühl (Verantwortungsethik) und Augenmaß).

Dahrendorf gebraucht eine Metapher aus der Raumfahrt, nämlich die des richtigen Eintrittswinkels: Führende Politiker die im Kontrollstand bürokratischer Imperien stehen müssen zwei Risiken vermeiden. In die Sphäre des Handelns nämlich entweder mit einem zu steilen Winkel einzutauchen und dabei zu verglühen oder durch einen zu flachen Winkel von dieser Sphäre zurückgestoßen zu werden. Der Winkel muss also stimmen, damit Führer effektiv werden und ihre Integrität bewahren können.

Weber fragte sozusagen: Unter welchen Verfassungsbedingungen ist ein Resultat des Eindringens in diese Sphäre möglich? (Weber unterstützte die Möglichkeit der Direktwahl des Reichspräsidenten und des Regierens mit Notverordnungen, dann Weimarer Verfassung, Hindenburg, 1933, folgenschwer).

Dahrendorf meint, das Fehlen eines wirklichen Präsidialsystems wie in den U.S.A. oder in einer parlamentarischer Demokratie (GB) wäre der größere Mangel gewesen.

Alle Antworten auf das Problem der modernen Demokratie sind kontrovers und verschwinden nicht von der Tagesordnung: Wie lassen Demokratie und Innovation sich angesichts der wachsenden bürokratischen Gefahr sich verbinden?

Wie bleibt Wandel ohne Revolution (Krieg) möglich?

Dahrendorf: Die Verfassung der Freiheit muss auf diese Fragen eine Antwort geben.

20070425

Verhalten im Mittelalter, Spucken, zt-35

Das Spucken bildet ein besonders anschauliches Exempel dafür, wie sich die Zivilisation des Verhaltens produzierte. Im Mittelalter war es nicht nur ein Brauch, sondern offenbar ein allgemeines Bedürfnis, häufig zu spucken. Auch in der ritterlich-höfischen Oberschicht selbstverständlich.

Im 16. Jahrhundert wird der Druck stärker. Erasmus, der eine Übergangszeit markiert, erwähnt die Verwendung eines Tuchs, aber nicht als Notwendigkeit. Spucken wird allmählich peinlicher.

1774 ist der ganze Gebrauch schon erheblich peinlicher. Im 19. Jahrhundert der Spucknapf als technisches Gerät. Dann wird dieses Gerät entbehrlich und das Bedürfnis zu spucken scheint völlig verschwunden zu sein (S. 214).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator. Ab Mai 2007: Erasmus von Rotterdam und sein Lob der Narrheit ('Torheit') auf dem Blog: Ergasmus.
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Das Spuckverbot unterscheidet von anderen Verboten, dass sich hier die Fremdzwänge mehr oder weniger vollkommen in Selbstzwänge verwandelt haben.

Unter dem Druck des 'Über-Ich' schwindet diese Gewohnheit aus dem Bewusstsein. Zurück bleibt im Bewusstsein als Motivation der Furcht irgendeine Überlegung auf längere Sicht, vielleicht ein Bild bestimmter Krankheiten, eine rationale Einsicht.

Aber diese rationale Einsicht war nicht die primäre Ursache der Furcht- und Peinlichkeitsgefühle, nicht der Motor der Zivilisation oder der Antrieb zur Veränderung des Verhaltens (S. 215). Die rationale Einsicht kommt dem Menschen erst in einer späten Phase (19. Jahrhundert), gewissermaßen erst nachträglich.

Jemand, der beim Essen schmatzt weckt gegenwärtig (in den USA und Europa etc.) peinliche Empfindungen.

Die Peinlichkeits- und Ekelgefühle verstärken sich mit den Tabus, bevor manfrau eine Vorstellung von Krankheitskeimen hat.

Was zunächst die Peinlichkeitsgefühle und die Restriktionen auslöst und wachsen macht, ist eine Umformung der menschlichen Beziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse. Die Motivierung aus gesellschaftlicher Rücksicht ist lange da vor der Motivierung durch naturwissenschaftliche Einsichten.

Der König verlangt diese Zurückhaltung als Respekt von den Höflingen. Hier, wie in den anderen Zivilisationskurven, verbindet sich die Mahnung: 'So etwas tut manfrau nicht', mit der manfrau Zurückhaltung, Angst, Scham und Peinlichkeit züchtet, erst sehr spät mit einer wissenschaftlichen Theorie, mit einem Begründungszusammenhang, der für alle Menschen gilt.

Aber: Der primäre Antrieb kommt nicht aus der rationalen Einsicht in die Entstehung von Krankheiten, sondern aus den Veränderungen in der Art wie die Menschen miteinander leben, aus den Veränderungen im Aufbau der Gesellschaft.

Spucken ist ein gutes Beispiel für die Formbarkeit des Seelenhaushaltes.

Es erhebt sich die Frage, nach den Grenzen der Transformierbarkeit des Seelenhaushaltes. Ohne Zweifel hat diese Formbarkeit eine bestimmte natürliche Eigengesetzlichkeit. In ihrem Rahmen formt der geschichtliche Prozess, sie gibt Spielraum und setzt Grenzen. Die Bildung von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen, das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle, ist beides, natürlich und geschichtlich zugleich.

Jedenfalls ist der Seelenhaushalt der 'Primitiven' nicht weniger als der der 'Zivilisierten' geschichtlich, nämlich gesellschaftlich geprägt.

Es gibt keinen Nullpunkt der Geschichtlichkeit in der Entwicklung der Menschen, wie es auch keinen Nullpunkt der Soziebilität, der gesellschaftlichen Verbundenheit von Menschen gibt (S. 218).

20070424

Verhalten im Mittelalter, Schneuzen, Konditionierung, zt-34

In der mittelalterlichen Gesellschaft schneuzte manfrau sich mit den Händen. Die Höflichkeit der Courtoisie: Mit der Linken schneuzen, mit der Rechten das Fleisch nehmen. Keine peinlichen Empfindungen im Mittelalter wenn manfrau sich die Finger beschmutzt.

Es waren besondere gesellschaftliche und seelische Voraussetzungen nötig, um das Bedürfnis nach einem so simplen Instrument wie dem Taschentuch den Gebrauch allgemein möglich zu machen. Der Gebrauch des Taschentuchs breitet sich zuerst in Italien im Zusammenhang mit seinem Prestigewert aus.

Damen hängen es an den Gürtel, Snobs tragen es im Mund. Es ist kostbar und gilt als Zeichen von Reichtum. Erst Ludwig XIV. hat reichlich Taschentücher.

Zur Zeit des Erasmus ist das Taschentuch zwar bekannt aber manfrau schneuzt sich noch links und rechts und vielleicht etwas vom Tisch abgewandt.

Zwei Jahrhunderte später ist der Gebrauch des Taschentuchs allgemein geworden, aber der Gebrauch der Hände ist keinesfalls verschwunden so kann manfrau es es auch noch heute im Jahre 2007 in europäischen Gegenden sehen. Aber es ist zur Unsitte geworden, ordinär und vulgär.

Bis zu dieser Zeit (La Salle) werden Gewohnheiten fast immer ausdrücklich in ihrer Beziehung zu anderen Menschen beurteilt.

Gewohnheiten werden untersagt, weil sie anderen lästig und peinlich sein können, oder weil sie einen Mangel an Respekt verraten (S. 204).

Jetzt werden die gesellschaftlich unerwünschten Triebäußerungen radikaler verdrängt. Sie werden für den Menschen mit Peinlichkeit, Angst, Scham- oder Schuldgefühlen belegt, auch für den Fall, dass er allein ist.

Vieles von dem, was wir 'Moral' oder 'moralische Gründe' nennen, hat als Konditionierungsmittel der Kinder bei einem bestimmten gesellschaftlichen Standard die gleiche Funktion wie zum Beispiel die 'Hygiene' und die 'hygienischen' Gründe (S. 204).

Die Modellierung durch solche Mittel ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erwünschte Verhalten zu einem Automatismus, einem Selbstzwang zu machen und es im Bewusstsein des Einzelnen als von ihm selbst aus eigenem Antrieb, nämlich um seiner eigenen Gesundheit oder seiner eigenen menschlichen Würde willen, so gewolltes Verhalten in Erscheinung treten zu lassen.

Und erst mit dieser Art, Gewohnheiten zu verfestigen, erst mit dieser Konditionierungsart, die mit den mittelständisch-bürgerlichen Schichten zugleich vorherrschend wird, erhalten die Konflikte zwischen den gesellschaftlich unauslebbaren Triebkräften und Triebrichtungen auf der einen und dem im Einzelnen verankerten Schema der gesellschaftlichen Forderungen auf der anderen Seite dermaßen jene Gestalt die von den Seelentheorien in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt werden.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator. Ab Mai 2007: Erasmus von Rotterdam und sein Lob der Narrheit ('Torheit') auf dem Blog: Ergasmus.
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Das was wir heute (40er Jahre des 20. Jahrhunderts) als Neurosen um uns beobachten, ist eine bestimmte, historisch gewordenen Gestalt des psychischen Konflikts, die der psychogenetischen und soziogenetischen Aufhellung bedarf (S. 204).

Die gesellschaftliche Abhängigkeit und ihr Aufbau sind für Aufbau und Schema der Affektrestriktionen von entscheidender Bedeutung.

Mit der wachsenden Abhängigkeit in der Oberschicht verstärken sich auch die Verbote (Einschränkungen, Restriktionen).

Die Tatsache der abhängigen Oberschicht erklärt zugleich das Doppelgesicht, das die Verhaltensweisen und die Zivilisations-instrumente haben: Es sind Instrumente und Verhaltensweisen, die einen gewissen Zwang ausdrücken und Versagung erfordern, aber sie erhalten sofort immer auch den Sinn einer sozialen Waffe gegen die jeweils Niedrigerstehenden, den Sinn eines Distinktionsmittels.

Taschentuch, Teller, Gabel und alle ihre Verwandten sind zunächst Luxusgegenstände mit Prestigewert.

Im 19. u. 20. Jh. handelt es sich um gesellschaftlich in besonders hohem Maße gebundene Oberschichten (S. 207).

Am Arbeitsplatz sind Triebregelung und -zurückhaltung zur 'Arbeit' notwendig. Das gilt für das gesamte Schema der Triebmodellierung in der bürgerlich-industriellen Gesellschaft.

Es sind Zwänge der gesellschaftlichen Verflechtung, der Arbeitsteilung, des Marktes und der Konkurrenz, die zur Zurückhaltung und Regelung der Affekte und der Triebe zwingen. Sie sind es, denen die oben erwähnte Begründungs- und Konditionierungsart entspricht.

Die Modellierung ist darauf abgestellt, das gesellschaftlich erforderliche (geforderte) Verhalten als vom einzelnen Menschen (dem Individuum) selbst (also aus des Individuums eigenem inneren Antrieb gewolltes Verhalten) in Erscheinung treten zu lassen. :-) :-) :-) ...so to speak...

20070423

Zivilisationskurve, Schamgrenze, Notdurft, zt-33

Wandlungen in der Einstellung zu den natürlichen Bedürfnissen.
"Notdurft in anderer Leute Gegenwart zu verrichten ist abscheulich."
"Denn immer sind die Engel zugegen".
Einige Bemerkungen zu den Beispielen und zu diesen Wandlungen im allgemeinen.

Die courtoisen Verse sagen nicht viel zu diesem Thema. Die gesellschaftlichen Ge- und Verbote, die diese Bezirke des Lebens umgeben sind relativ gering. Alles ist ungezwungener.

Die Schrift des Erasmus markiert auch hier einen Punkt in der Zivilisationskurve, einen Vorstoß der Schamgrenze, aber auch einen Mangel an Scham. Aber es ist ganz deutlich, dass diese Schrift gerade die Funktion hat, Schamgefühle zu züchten.

Begründungen mit der Allgegenwart von Engeln ist recht charakteristisch. Die Begründung für die Angst, die manfrau im jungen Menschen erweckt, um ihn dem gesellschaftliche Verhaltensstandard gemäß zur Zurückdrängung seiner Lustäußerungen zu zwingen, wechselt im Lauf der Jahrhunderte.

Hier erklärt und substanzialisiert man sich und anderen die Trieb- oder Triebverzichts-Angst als Angst vor äußeren Geistern.

In den breiteren Schichten bleibt der Hinweis auf den Schutzengel als Konditionierungsinstrument der Kinder lange erhalten. Wenn dann die 'hygienischen Gründe' auftauchen spielt der Schutzengel nicht mehr eine so große Rolle.

'Hygienische Gründe' die bei den Erwachsenen-Gedanken (Konditionierung) eine gewichtige Rolle spielen. Was ist rational oder schein-rational?

Die Konditionierungstaktiken werden primär durch das Peinlichkeits- und Schamgefühl der Erwachsenen begründet (S. 182). An die Stelle des Hinweises auf den Respekt, den man Höherstehenden schuldet tritt (z.B. im Jahre 1774) der Hinweis auf gesundheitliche Schädigungen als Konditionierungsinstrument (S. 200).

Erasmus ist mit seiner Schrift der Wegbereiter eines neuen Scham- und Peinlichkeitsstandards, der sich zunächst in der weltlichen Oberschicht langsam heraus zu bilden beginnt. Er schildert mit größter Unbefangenheit, wie zu dieser Zeit die Bedürfnisse vor anderer Augen verrichtet werden.

Gesundheitliche Begründungen finden sich nicht sehr häufig in seiner Schrift. Erst im 19. Jahrhundert dienen sie (gesundheitliche Begründungen) als Instrumente der Konditionierung um Zurückhaltung und Triebverzicht zu erzwingen. Mehr und mehr breitet sich über diese Notwendigkeiten der Bann des Schweigens der früher nicht bestand.

Bei dem spezifischen und dauerndem Zusammenleben vieler sozial abhängiger Menschen am Hof verstärkt sich der Druck von oben zu einer schärferen Regelung des Triebhaushaltes und damit zu einer größeren Zurückhaltung (S. 186).

Eine genauere Triebregelung und Zurückhaltung der Affekte fordern und erzwingen zunächst die sozial Höherstehenden von den sozial Niedrigstehenderen.

Erst verhältnismäßig spät wird die Familie zur alleinigen oder genauer gesagt, zur primären und vorherrschenden Produktionsstätte des Triebverzichts; erst dann wird die gesellschaftliche Abhängigkeit des Kindes von den Eltern zu frühesten und besonders intensiven Kraftquelle (Anmerkung: oder Desaster) der gesellschaftlich notwendigen Affekt-Regulierung und -modellierung. (In der ritterlich-höfischen Phase haben die Höfe selbst diese Funktion).

Im Zuge der späteren wachsenden Arbeitsteilung wird die Verflechtung der Menschen intensiver und alle (höhere und niedere) werden gegenseitig abhängig und selbst die sozial Stärkeren schämen sich (nun auch) vor den sozial Niedrigerstehenden.

Es gibt bei Erasmus (Diversoria) Personen , vor denen man sich schämt und andere vor denen man sich nicht schämt. Das Schamgefühl ist hier deutlich eine gesellschaftliche Funktion und modelliert entsprechend dem gesellschaftlichen Aufbau. Noch im 17. Jahrhundert empfangen Hochstehende Niedere auf dem Klo. Das ist Bevorzugung. Die Freundin Voltaires schämt sich beim Baden nicht vor dem Kammerdiener.

In dieser hierarchisch aufgebauten Gesellschaft bekam jede Aktion im Zusammensein der Menschen den Sinn eines Prestigewertes. Dann, wenn alle gleicher werden, wird es langsam zu einem allgemeinen Verstoß.

Die Gesellschaftsbezogenheit der Scham- und Peinlichkeitsgefühle tritt mehr und mehr aus dem Bewusstsein zurück. Das gesellschaftliche Gebot erscheint dem Erwachsenen als Gebot seines eigenen Inneren und erhält die Form eines mehr oder weniger automatisch wirkenden Selbstzwanges.

Diese Aussonderung der natürlichen Verrichtungen aus dem öffentlichen Leben war nur möglich, weil mit der wachsenden Empfindlichkeit zugleich ein technischer Apparat (Victory!, die Klomuschel im speziellen Kämmerlein :-) entwickelt wurde, der dieses Problem der Ausschaltung solcher Funktionen aus dem gesellschaftlichen Leben und ihre Verlegung hinter dessen Kulissen einigermaßen befriedigend löste.

Es verhielt sich auch damit ähnlich wie mit der Esstechnik. Der Prozess der seelischen Veränderung, das Vorrücken der Schamgrenze und der Peinlichkeitsschwelle ist nicht von einer Seite und ganz gewiss nicht aus der Entwicklung der Technik oder der wissenschaftlichen Entdeckungen zu erklären.

Die Entwicklung einer dem veränderten Standard entsprechenden Apparatur bedeutet eine außergewöhnliche Verfestigung der veränderten Gewohnheiten.

Heute tritt eine gewisse Lockerung ein, die in dieser Form nur möglich ist, weil der Stand der Gewohnheiten, der technisch-institutionell verfestigten Selbstzwänge im großen und ganzen gesichert ist.

Der Standard, der sich in unserer Phase der Zivilisation herausbildet, ist durch eine mächtige Distanz zwischen dem Verhalten der Erwachsenen und der Kinder charakterisiert.

Die Kinder müssen in verhältnismäßig wenig Jahren, den vorgerückten Stand der Scham- und Peinlichkeitsgefühle erreichen, die sich in vielen Jahrhunderten herausgebildet hat (S. 190).

Die Eltern sind oft unzulängliche Instrumente, die primären Exekutoren der Konditionierung, aber durch sie ist es die Gesellschaft als Ganzes, die Druck auf den Heranwachsenden ausübt und ihn sich zurecht formt.

Im Mittelalter war Regelung und Zurückhaltung geringer und so auch ein erheblich geringerer Unterschied im Verhalten der Erwachsenen und der Kinder (S. 191). Das Maß von Triebverhaltung und -regelung das die Erwachsenen voneinander erwarteten war nicht viel größer als das den Kindern auferlegte. Die Distanz zwischen Erwachsenen und Kindern war, gemessen an der heutigen Distanz, gering (S. 192).

Ein Kind, das heutzutage nicht auf den Stand der gesellschaftlich geforderten Affektgestaltung gelangt, gilt in verschiedenen Abstufungen als 'krank, anormal, unmöglich...' und bleibt vom öffentlichen Leben (außer Behinderteneinrichtungen etc.) ausgeschlossen.

Die Psychoanalyse entdeckt die Triebrichtungen in der Form unausgelebter Neigungen, die manfrau als Unterbewusstsein oder Traumschicht bezeichnen kann. Und diese Neigungen haben in unserer Gesellschaft den Charakter eines 'infantilen' Residuums, weil der gesellschaftliche Erwachsenenstandard eine völlige Unterdrückung und Umbildung dieser Triebrichtung erforderlich macht. Beim Auftreten im Erwachsenen erscheint sie als ein 'Überbleibsel' aus der Kinderzeit (S. 193).

Die Gesellschaft beginnt an bestimmten Funktionen die positive Lustkomponente durch die Erzeugung von Angst allmählich immer stärker zu unterdrücken oder, genauer gesagt, zu 'privatisieren', nämlich ins 'Innere' des Einzelnen, in die 'Heimlichkeit' abzudrängen, und die negativ geladenen Affekte, Unlust, Abscheu, Peinlichkeit allein als die gesellschaftsüblichen Empfindungen in der Konditionierung herauszuarbeiten.

Mit dieser gesellschaftlichen Verfemung vieler Triebäußerungen und mit ihrer 'Verdrängung' von der Oberfläche sowohl des gesellschaftlichen Lebens, wie des Bewusstseins wächst notwendigerweise auch die Distanz zwischen dem Seelenaufbau und dem Verhalten der Erwachsenen und dem der Kinder.

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