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20070715

Krieg Konflikt Angst tz-21

Die Spannungen zwischen den Staaten, die im Zwange des Konkurrenzmechanismus miteinander um die Vormacht über größere Herrschaftsgebiete ringen, äußern sich für die Individuen in ganz bestimmten Versagungen und Restriktionen; sie bringen den einzelnen Menschen einen verstärkten Arbeitsdruck und eine tief greifende Unsicherheit.

Alles das (Entbehrungen, Unruhe, Arbeitslast, unmittelbare Bedrohtheit) zeugt Ängste (S. 448).

Nicht anders verhält es sich mit den Spannungen innerhalb der verschiedenen Herrschaftseinheiten. die irregulierbaren, die monopolfreien Konkurrenzkämpfe zwischen den Menschen zeugen ihre spezifischen Ängste: Ängste vor der Entlassung, vor dem unberechenbaren Ausgeliefertsein an Mächtigere, vor dem Fall an die Hunger- und Elendsgrenze, wie sie in den unteren Schichten vorherrschen, Ängste vor dem Absinken, vor der Minderung des Besitzes und der Selbständigkeit, vor dem Verlust des gehobenen Prestiges und des gehobenen Standes.

Gerade Ängste dieser Art (Prestige) neigen überdies in besonderem Maße zur Verinnerlichung.

Sie verinnerlichen sich im Einzelnen und werden durch den Druck eines starken Über-Ich automatisch gebunden gehalten (S. 449).

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Seelenaufbau Verhalten Zwänge tz-15

Norbert Elias's Werk 'Prozess der Zivilisation' versucht zu zeigen, dass und wie der Aufbau der psychischen Funktionen, das jeweilige Standardgepräge der Verhaltenssteuerung, mit dem Aufbau der gesellschaftlichen Funktionen, mit dem Wandel der zwischenmenschlichen Beziehungen zusammen hängt.

Das Allgemeinste ist schnell gesagt:
(Satz:) Die (äußeren) Verflechtungszwänge drängen zu korrespondierenden Veränderungen im Gepräge und Seelenaufbau der Menschen.
Der Festigung eines neuen Standards voraus ging eine Zeit der Erschütterung.
Die Auftriebswellen, in deren Mitte wir leben, sind von allen früheren ihrer Struktur nach verschieden, so gewiss sie diese früheren Bewegungen weiterführen und auf ihnen aufbauen.
Heute findet manfrau auch eine gewisse Lockerung des herkömmlichen Verhaltensschemas (S. 442).

Perioden des Übergangs, bieten dem Nachdenken eine besondere Chance: Die älteren Standards sind zum Teil fragwürdig geworden, neue festere noch nicht vorhanden. Die gesellschaftliche Situation selbst macht das 'Verhalten' zu einem akuten Problem. Manfrau denkt weiter an Stellen wo vorher andere Halt machten. Manfrau beginnt nach Gründen zu fragen, wo manfrau früher keinen Grund fand weiter zu fragen. z.B. Warum muss "manfrau" sich hier so und dort so verhalten?

(Satz:) Die Verhaltensschemata unserer Gesellschaft sind etwas geschichtlich Gewordenes, aus dem Gesamtzusammenhang der abendländischen Geschichte (S. 443).

Diese Schemata sind vielschichtig. An ihrer Bildung und ihrer Reproduktion haben emotionale Impulse nicht weniger als rationale, Trieb- und Ich-Funktionen zugleich, ihren Anteil. Es ist seit langem üblich geworden, die Regelung, der das Verhalten des Individuums in unserer Gesellschaft unterliegt, im wesentlichen als etwas Rationales, etwas allein durch vernünftige Überlegungen Begründetes zu erklären. Hier (bei Elias) sah manfrau es anders.

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20070713

Scham Peinlichkeit Angst Gefühle tz-06

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 6

Die Modellierung des Triebhaushaltes

Für den Prozess der Zivilisation ist wie die 'Rationalisierung' die Modellierung des Triebhaushaltes (Scham- und Peinlichkeitsempfindung) eigentümlich. (Besonders vom 16. Jahrhundert an ein starkes Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle.

Das Schamgefühl ist eine Angst vor der sozialen Degradierung bzw. vor den Überlegenheitsgesten Anderer. Es ist eine Form der Unlust oder Angst, die sich dann herstellt, wenn diese Gefahr nicht durch irgendeine Form des Angriffs abgewehrt werden kann. Eine Wehrlosigkeit vor der Überlegenheit anderer. Ein Ausgeliefert sein. Geht auf physische Zwänge, auf die körperliche Unterlegenheit des Kindes gegenüber seinen Modelleuren zurück. Beim Erwachsenen kommt diese Wehrlosigkeit daher, dass Menschen, deren Überlegenheitsgesten manfrau fürchtet, sich in Einklang mit dem eigenen Über-Ich des Wehrlosen und Geängstigten befinden, mit der Selbstzwangapparatur, die in dem Individuum durch Andere, von denen er abhängig war heran gezüchtet worden ist (S. 398).

Die Schamerregung gerät mit sich selbst in Widerspruch. Der Konflikt, der sich in Scham-Angst äußert ist nicht nur ein Konflikt des Individuums mit der herrschenden, gesellschaftlichen Meinung, sondern ein Konflikt in den sein/ihr Verhalten das Individuum mit dem Teil seines Selbst gebracht hat, der diese gesellschaftliche Meinung repräsentiert; es ist ein Konflikt des eigenen Seelenhaushalts; er/sie selbst erkennt sich als unterlegen an. Er/Sie fürchtet den Verlust der Liebe oder Achtung von Anderen, an deren Liebe und Achtung ihm/ihr liegt oder gelegen war. Deren Haltung hat sich in ihm zu einer Haltung verfestigt, die er automatisch sich selbst gegenüber einnimmt. Das ist es was ihn gegenüber den Überlegenheitsgesten Anderer, die in irgendeiner Hinsicht diesem Automatismus in ihm/ihr selbst aktualisieren, so wehrlos macht (S. 398).

Die Angst vor der Übertretung gesellschaftlicher Verbote ist um so stärker und erhält um so stärker den Charakter der Scham, je stärker durch den Aufbau der Gesellschaft Fremdzwänge in Selbstzwänge umgewandelt werden, und je umfassender, je differenzierter der Ring der Selbstzwänge wird.

Manfrau kann von diesen Schamgefühlen nur reden im Zusammenhang mit ihrer Soziogenese, mit Schüben in denen die Schamschwelle vorrückt oder wandert und in denen sich Aufbau und Schema der Selbstzwänge in einer bestimmten Richtung ändern, um sich dann wieder in der gleichen Form zu reproduzieren (S. 399).

Beide, Rationalisierung und Vorrücken der Scham- und Peinlichkeits Grenze sind ein Ausdruck für eine Verringerung der direkten Ängste vor der Bedrohung oder Überwältigung durch andere Wesen und für eine Verstärkung der automatischen, inneren Ängste, der Zwänge, die derdie Einzelne nun auf sich selbst ausübt.

In beiden gleichermaßen, kommt die größere, die differenziertere Vor- und Langsicht zum Ausdruck. Beide sind nichts als verschiedene Aspekte der stärkeren Spaltung des individuellen Seelenhaushalts, die sich mit der zunehmenden Funktionsteilung einstellt.

Verschiedene Aspekte der wachsenden Differenzierung zwischen Triebfunktionen, zwischen 'Es' und 'Ich' oder 'Über-Ich'. Dem 'Ich' im engeren als 'Über-Ich' bezeichnet, kommt im Sinne der psychischen Steuerungsfunktionen eine doppelte Funktion zu. Einerseits als Zentrum von dem aus sich ein Mensch in seinen Beziehungen zu anderen Dingen und Wesen steuert, andererseits als Steuerung und Regulierung, teils automatisch unbewusst, teils bewusst des 'Inneren', der eigenen Triebregungen.

Die Schichten der psychischen Funktionen haben eine doppelte Aufgabe. Sie treiben zugleich eine 'Innenpolitik' und eine 'Außenpolitik', die oft genug im Widerspruch zueinander stehen kann (S. 400).

Auf diese Weise erklärt es sich also, dass in der gleichen, geschichtlich- gesellschaftlichen Periode, in der die Rationalisierung spürbar vorankommt, auch ein Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenze beobachtbar ist.

Ein entsprechender Vorgang ist noch heute im Leben jedes einzelnen Kindes zu beobachten: Die Rationalisierung des Verhaltens ist ein Ausdruck für die Außenpolitik der gleichen Über-Ich-Bildung, deren Innenpolitik in einem Vorrücken der Schamgrenze zum Ausdruck kommt (S. 401).
Schamgefühle sind aber keinesfalls immer in der gleichen Weise in den Seelenhaushalt eingebaut (S. 402).

Aus der Fußnote: Der Verinnerlichungs- und Rationalisierungsschub, der in den verschiedenen puritanisch-protestantischen Bewegungen zum Ausdruck kommt, steht offenbar mit bestimmten Veränderungen in der Lage und im Aufbau mittelständischer Schichten im engsten Zusammenhang (S. 402).

Beispiel: Körperliche Entblößungen: Zuerst unterliegt die Entblößung des sozial Höherstehenden noch keinem strengen gesellschaftlichen Verbot, kann sogar Auszeichnung sein, oder Zeichen des Wohlwollens. Entblößung des Niedrigerstehenden als Zeichen der Respektlosigkeit. Wird mit Angst belegt.

Erst wenn die ständischen Mauern fallen, wenn die funktionelle Abhängigkeit aller von allen noch stärker wird und alle Menschen gleichwertiger, erst dann wird eine Entblößung in Gegenwart jedes anderen Menschen zu einem Verstoß (S. 403).

Das gleiche gilt von den Peinlichkeitsgefühlen. Sie bilden ein untrennbares Gegenstück zu den Schamgefühlen.

Diese (Schamgefühle) stellen sich her, wenn ein Mensch selbst gegen Verbote des Ich und der Gesellschaft verstößt.

Jene (Peinlichkeitsgefühle) stellen sich dadurch ein, wenn irgend etwas außerhalb des Einzelnen an dessen Gefahrenzone rührt, an Verhaltensformen (Gegenstände, Neigungen) die frühzeitig von seiner Umgebung mit Angst belegt wurden, bis sich diese Angst in ihm bei analogen Gelegenheiten automatisch wieder erzeugt.

Peinlichkeitsgefühle sind Unlusterregungen oder Ängste, die auftreten, wenn ein anderes Wesen die durch das Über-Ich repräsentierte Verbotsskala der Gesellschaft zu durchbrechen droht oder durchbricht (S. 404).

Vom 16.Jahrhundert ab rückt die Scham und Peinlichkeitsschwelle allmählich rascher vor. Dieses Vorrücken fällt zusammen mit der beschleunigten Verhöflichung der Oberschicht.

Die Gedankenketten schließen sich langsam. Es ist die Zeit in der die Abhängigkeitsketten, die sich in dem Einzelnen kreuzen, dichter und länger werden.
Immer mehr Menschen sind aneinander gebunden und der Zwang zur Selbstkontrolle wächst.
Wie die wechselseitige Abhängigkeit, so wird auch die wechselseitige Beobachtung der Menschen stärker; die Sensibilität und dementsprechend die Verbote werden differenzierter.
Vielfältiger wird auch das, worüber manfrau sich schämen muss, das, was man an Anderen als peinlich empfindet (S. 404).

Mit der fortschreitenden Funktionsteilung und der stärkeren Integrierung der Menschen verringern sich die Kontraste zwischen verschiedenen Schichten und Ländern, während sich die Schattierungen und Spielarten vergrößern. Die Menschen werden sensibler für kleinere Gesten und Formen.

Die 'Primitiven' erleben den Menschen- und Naturraum in dem relativ engen Bezirk, der für sie lebenswichtig ist, in bestimmter Hinsicht weit differenzierter als die 'Zivilisierten'.

Bei primitiveren Menschen ist die Fähigkeit, in Feld und Wald etwas zu unterscheiden, mehr entwickelt als bei 'Zivilisierten'.

Die Art, wie langsam im Anstieg des Mittelalters und dann beschleunigt vom 16. Jahrhundert an die Natur erlebt wird, ist gekennzeichnet, dass immer größere Menschenräume befriedet werden; Wälder, Wiesen und Berge hören allmählich auf Gefahrenzonen erster Ordnung zu sein.
Raubritter und Raubtiere verschwinden.
Wald und Feld sind nicht mehr Schauplatz ungedämpfter Leidenschaften, wilder Jagden auf Menschen und Tiere, wilder Lust und wilder Angst (S. 405).

Die befriedete Natur wird in einer neuen Weise sichtbar. Sie wird in hohem Maße zu einem Gegenstand der Augenlust, vor allem für die an Städte gebundenen Menschen. Sie werden empfindlicher, sie erfreuen sich am Zusammenklang der Farben und Linien; sie werden offen für das, was manfrau die Schönheit der Natur nennt.

Und im Zuge dieser Pazifizierung ändert sich zugleich auch die Sensibilität der Menschen für ihr Verhalten im Verkehr miteinander.

Nun verstärken sich proportional zur Abnahme der äußeren die inneren Ängste. Auf Grund dieser inneren Spannungen beginnen die Menschen sich gegenseitig differenzierter zu erleben. Die Gefahrenzone geht jetzt gewissermaßen quer durch die Seele aller Individuen hin.
Darum werden die Menschen auch jetzt in dieser Sphäre für Unterschiede empfindlich, die zuvor kaum ins Bewusstsein drangen. Wie die Natur zur Quelle einer durch das Auge vermittelten Lust wird, so werden auch die Menschen nun für einander in höherem Maße zur Quelle einer Augenlust oder der Unlust, zu Erregern von Peinlichkeitsgefühlen verschiedenen Grades (S. 407).

Nirgends in der menschlichen Gesellschaft gibt es einen Nullpunkt der Ängste vor äußeren Mächten und nirgends einen Nullpunkt der automatischen, inneren.

Die Ängste des Menschen vor äußeren Mächten werden geringer. Beide sind voneinander untrennbar. Was vor sich geht (im Zivilisationsprozess) ist nicht das Verschwinden der einen und das Auftauchen der anderen.

Was sich ändert, ist lediglich die Proportion zwischen den äußeren und den selbsttätigen Ängsten und deren gesamter Aufbau (S. 408).

Eines darf manfrau bei alledem nicht übersehen: Dass heute, wie ehemals alle Formen der inneren Ängste eines Erwachsenen mit Ängsten des Kindes in Beziehung zu Anderen, mit Ängsten vor äußeren Mächten zusammenhängen (S. 409).

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20070711

Zwänge Furcht Kontraste Technik tz-03

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 3

Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten.

Zivilisation vollzieht sich in Auf- und Abstiegsbewegungen. Im allgemeinen kann manfrau sagen, dass Unterschichten ihren Affekten und Trieben unmittelbarer nachgeben, dass ihr Verhalten weniger genau reguliert ist, als das der zugehörigen Oberschichten.
Die Zwänge, die auf Unterschichten wirken sind über große Teile der Geschichte hin Zwänge der unmittelbaren körperlichen Bedrohung (Qual, Schwert).
Und solche Gewalten, solche Situationen führen NICHT zu einer stabilen Umformung der Fremdzwänge in Selbstzwänge.

Bild: Der Arme den nach Fleisch gelüstet, aber nur Brösel hat gegenüber dem Asketen der sich Fleisch versagt und Brösel ißt.

Bild: Der begüterte Kaufmann, er arbeitet weil seine Arbeit den Sinn und die Legitimierung seines Lebens darstellt und der sich durch Selbstzwang die Arbeit so zur Gewohnheit macht, 'dass sein Seelenhaushalt etwas von seinem Gleichgewicht verliert, wenn er nicht mehr arbeiten kann'.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der abendländischen Gesellschaft, dass sich dieser Kontrast zwischen der Lage und dem Verhaltenscode der oberen und unteren Schichten erheblich verringert.

Es breiten sich auch Unterschichtcharaktere über alle Schichten hin aus. Früher war Arbeit ein Merkmal der unteren Schichten. Zugleich breiten sich Charaktere, die früher zu den Unterscheidungsmerkmalen von Oberschichten gehörten, ebenfalls über die ganze Gesellschaft hin aus.

Die Verwandlung der gesellschaftlichen Fremdzwänge in Selbstzwänge vollzieht sich innerhalb des Abendlandes mehr und mehr auch bei den breiten Massenschichten

Die Triebmodellierungen, die Verhaltensformen, der ganze Habitus der unteren Schichten in der zivilisierten Gesellschaft nähert sich mit der steigenden Bedeutung ihrer Funktionen im Ganzen dem der Mittelschichten (höheres Prestige).

Diese eigentümliche Durchdringung und Mischung von Verhaltensweisen ist eines der wichtigsten Eigentümlichkeiten des Prozesses der Zivilisation. Diese Bewegung ist nicht geradlinig.

Was wir als 'Ausbreitung der Zivilisation' bezeichnen sind die bisher letzten Wellen einer jahrhundertelangen Bewegung, deren charakteristische Figuren sich hier durchsetzen (S. 344).

Der Verlauf aller dieser Expansionen ist nur zu einem geringen Teil durch die Pläne und Wünsche derer bestimmt, deren Verhaltensweisen übernommen werden.

Die modellgebenden Schichten sind auch heute nicht schlechthin die freien Schöpfer oder Urheber der Expansionsbewegung.

Nicht die 'Technik' ist die Ursache dieser Verhaltensänderung; was wir 'Technik' nennen, ist selbst nur eines der Symbole, eine der letzten Verfestigungsformen jener beständigen Langsicht, zu der die Bildung immer längerer Handlungsketten und der Wettkampf unter den derart Verbundenen hindrängt.

Die 'zivilisierten' Verhaltensformen breiten sich aus, weil durch die Einbeziehung in das Interdependenzgeflecht, dessen Zentrum zunächst die Abendländer bilden, ebenfalls die Struktur der Gesellschaft geändert wird und somit der Aufbau der menschlichen Beziehungen im Ganzen.

Technik, Schulerziehung, alles das sind Teilerscheinungen.
Auch hier in den Expansionsgebieten des alten Occidents (S. 345).

Dies, die Umbildung der gesamten, gesellschaftlichen Existenz, ist auch hier das Fundament der Zivilisation des Verhaltens. Eben darum bahnt sich (im Verhältnis des Abendlandes zu anderen Gebieten der Erde) jene Verringerung der Kontraste an, die allen Wellen der Zivilisationsbewegung eigentümlich ist (S. 346).

Diese immer wiederkehrende Einschmelzung von Verhaltensweisen der funktional oberen Schichten ist nicht wenig bezeichnend für die zwiespältige Stellung der Oberschichten in diesem Prozess.

Die Gewöhnung an eine Langsicht, die strenge Regelung des Verhaltens und der Affekte sind wichtige Instrumente ihrer Überlegenheit über andere.

(Anmerkung : Inwieweit die heutige Ökonomie und das Geldwesen 'langsichtig' funktioniert wäre eine Diskussion wert. Manche Produktzyklen sind sehr kurzlebig, oft muss schnell zugegriffen, schnell gekauft und sehr schnell gekauft werden sonst sind die Gewinne im Eimer. Aktienhandel und andere Spekulationen verlangen nun oft blitzschnelle Reaktionen.
Welche Art von Langfristigkeit mag dahinter stecken? Und ob eine 'Langsicht' sich gegenüber einer 'Kurzsicht' durchsetzen kann? Haftet einer Langsichtigkeit nicht vielleicht auch eine gewisse Trägheit und Unbeweglichkeit an?).

Die Anspannung und Langsicht, die es kostet, die gehobene Stellung als Oberschicht aufrechtzuerhalten, kommt im inneren Verkehr der Gesellschaft durch die Stärke der gesellschaftlichen Überwachung zum Ausdruck, die ihre Mitglieder aufeinander ausüben.

Die Furcht der ganzen Gruppe um die Erhaltung der gehobenen Position und aus deren größerer oder geringerer Bedrohung wirkt unmittelbar eine Triebkraft zur Aufrechterhaltung des Verhaltenscodes, zur Züchtung des Über-Ich in ihren einzelnen Mitgliedern.

Sie setzt sich in individuelle Angst, in die Furcht des Einzelnen vor der persönlichen Degradierung oder Minderung des Prestiges in der eigenen Gesellschaft um; und es ist diese als Selbstzwang angezüchtete Furcht vor der Verringerung des eigenen Ansehens in den Augen anderer, mag sie nun die Gestalt der Scham oder des Ehrgefühls annehmen, die die ständige, gewohnheitsmäßige Wiedererzeugung des unterscheidenden Verhaltens und die strenge Triebregelung dahinter im einzelnen Menschen sichert (S. 347).

Die Oberschichten drängen dazu, ihre spezifische Triebregelung als Unterscheidungsmerkmale mit allen Kräften aufrechtzuerhalten.

Der Aufbau der Gesamtbewegung drängt zur Abschwächung der Verhaltensunterschiede (Kontraste).

Diese Zivilisation ist das unterscheidende und Überlegenheit gebende Kennzeichen der Okzidentalen. Aber zugleich erzeugen und erzwingen die Menschen des Abendlandes unter dem Druck ihres eigenen Konkurrenzkampfes in weiten Teilen der Erde eine Veränderung der menschlichen Beziehungen und Funktionen zu ihrem eigenen Standard hin.

Sie machen weite Teile der Welt von sich abhängig und werden zugleich von ihnen abhängig. So wird in eine Richtung gearbeitet, dass sich die Unterschiede in der gesellschaftlichen Stärke zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten verringern und die Kontraste spürbar kleiner werden.
Auch jenseits des Abendlandes Durchdringungs- und Mischungsprozesse und abendländische Verhaltensweisen, die von oben nach unten dringen (gelegentlich von unten nach oben) (S. 348).

Die Kontraste des Verhaltens zwischen den jeweils oberen und den jeweils unteren Gruppen verringern sich mit der Ausbreitung der Zivilisation; die Spielarten oder Schattierungen des zivilisierten Verhaltens werden größer.

Was sich in der abendländischen Oberschicht in den Kolonialgebieten als untere, aufsteigende Schicht nähert, sind zunächst meist die Oberschichten der dortigen Völkergruppen.

Im Abendland werden die unteren Schichten in den Standard des zivilisierten Verhaltens einbezogen, Regelung der Affekte, Ausbildung einer Selbstzwangapparatur auch bei ihnen.
Manfrau sieht etwa in England im Verhalten der Arbeiter noch das von Landedelleuten, in Frankreich zugleich das der Höflinge und eines durch Revolution zur Macht gekommenen Bürgertums.

In den Kolonialnationen eine weiter ausgeschliffenere Regelung der Affekte bei den Arbeitern als in den anderen Nationen, die spät oder gar nicht zur kolonialen Expansion kamen, weil sich Gewalt- und Steuermonople erst später bildeten (S. 349).

Auch zurück, im 17., 18. u. 19. Jahrhundert begegnet manfrau der gleichen Figur, der Durchdringung von Verhaltensweisen des Adels und des Bürgertums. Als Niederschlag der Prozesse entsteht ein Amalgam, eine neue Einheit von einzigartigem Charakter.

Auch wenn der Adel Abgrenzungen sucht, damit nur der Eingeweihte, nur der Zugehörige das Geheimnis des guten Benehmens kennen sollte; nur im Verkehr mit der guten Gesellschaft sollte manfrau es lernen können. Aber die Gewalten des Verflechtungsstromes sind stärker als der Wall, den der Adel um sich zu ziehen suchte.

Es sind kleine Funktionszentren in denen sich der Zwang der wachsenden Funktionsverflechtung zuerst bemerkbar macht.
Schließlich beginnt die gleiche Transformation der gesellschaftlichen Funktionen und damit des Verhaltens, des ganzen psychischen Apparates, auch in den außereuropäischen Ländern (S. 351).

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20070425

Verhalten im Mittelalter, Spucken, zt-35

Das Spucken bildet ein besonders anschauliches Exempel dafür, wie sich die Zivilisation des Verhaltens produzierte. Im Mittelalter war es nicht nur ein Brauch, sondern offenbar ein allgemeines Bedürfnis, häufig zu spucken. Auch in der ritterlich-höfischen Oberschicht selbstverständlich.

Im 16. Jahrhundert wird der Druck stärker. Erasmus, der eine Übergangszeit markiert, erwähnt die Verwendung eines Tuchs, aber nicht als Notwendigkeit. Spucken wird allmählich peinlicher.

1774 ist der ganze Gebrauch schon erheblich peinlicher. Im 19. Jahrhundert der Spucknapf als technisches Gerät. Dann wird dieses Gerät entbehrlich und das Bedürfnis zu spucken scheint völlig verschwunden zu sein (S. 214).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator. Ab Mai 2007: Erasmus von Rotterdam und sein Lob der Narrheit ('Torheit') auf dem Blog: Ergasmus.
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Das Spuckverbot unterscheidet von anderen Verboten, dass sich hier die Fremdzwänge mehr oder weniger vollkommen in Selbstzwänge verwandelt haben.

Unter dem Druck des 'Über-Ich' schwindet diese Gewohnheit aus dem Bewusstsein. Zurück bleibt im Bewusstsein als Motivation der Furcht irgendeine Überlegung auf längere Sicht, vielleicht ein Bild bestimmter Krankheiten, eine rationale Einsicht.

Aber diese rationale Einsicht war nicht die primäre Ursache der Furcht- und Peinlichkeitsgefühle, nicht der Motor der Zivilisation oder der Antrieb zur Veränderung des Verhaltens (S. 215). Die rationale Einsicht kommt dem Menschen erst in einer späten Phase (19. Jahrhundert), gewissermaßen erst nachträglich.

Jemand, der beim Essen schmatzt weckt gegenwärtig (in den USA und Europa etc.) peinliche Empfindungen.

Die Peinlichkeits- und Ekelgefühle verstärken sich mit den Tabus, bevor manfrau eine Vorstellung von Krankheitskeimen hat.

Was zunächst die Peinlichkeitsgefühle und die Restriktionen auslöst und wachsen macht, ist eine Umformung der menschlichen Beziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse. Die Motivierung aus gesellschaftlicher Rücksicht ist lange da vor der Motivierung durch naturwissenschaftliche Einsichten.

Der König verlangt diese Zurückhaltung als Respekt von den Höflingen. Hier, wie in den anderen Zivilisationskurven, verbindet sich die Mahnung: 'So etwas tut manfrau nicht', mit der manfrau Zurückhaltung, Angst, Scham und Peinlichkeit züchtet, erst sehr spät mit einer wissenschaftlichen Theorie, mit einem Begründungszusammenhang, der für alle Menschen gilt.

Aber: Der primäre Antrieb kommt nicht aus der rationalen Einsicht in die Entstehung von Krankheiten, sondern aus den Veränderungen in der Art wie die Menschen miteinander leben, aus den Veränderungen im Aufbau der Gesellschaft.

Spucken ist ein gutes Beispiel für die Formbarkeit des Seelenhaushaltes.

Es erhebt sich die Frage, nach den Grenzen der Transformierbarkeit des Seelenhaushaltes. Ohne Zweifel hat diese Formbarkeit eine bestimmte natürliche Eigengesetzlichkeit. In ihrem Rahmen formt der geschichtliche Prozess, sie gibt Spielraum und setzt Grenzen. Die Bildung von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen, das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle, ist beides, natürlich und geschichtlich zugleich.

Jedenfalls ist der Seelenhaushalt der 'Primitiven' nicht weniger als der der 'Zivilisierten' geschichtlich, nämlich gesellschaftlich geprägt.

Es gibt keinen Nullpunkt der Geschichtlichkeit in der Entwicklung der Menschen, wie es auch keinen Nullpunkt der Soziebilität, der gesellschaftlichen Verbundenheit von Menschen gibt (S. 218).

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