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20070721

Theorie der Zivilisation Elias Norbert

00. Persönliche Bemerkung zu den Posts hier. Literaturhinweis.

01. Der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang.
(Hier dazu jeweils einige Stichworte bzw. Fragestellungen zum jeweiligen Inhalt). Im Laufe der Zivilisation verändert sich menschliches Verhalten und Empfinden, aber nicht durch vernunfgesteuerte Prozesse. Zugang zu einer Genese von Gesellschaftsformen. Aus was entsteht Zivilisation?

02. Ausbreitung des Zwangs zur Langsicht und des Selbstzwangs
Funktionsteilung über weite Räume hinweg. Interdependenzgeflecht, Zwang zu Selbstbeherrschung und Triebregelung. Verflechtungsketten, Arbeitsteilung, Koordinationsfunktionen und Konkurrenzdruck sowie das Tempo der Zeit ... drücken zu Selbstüberwachung, Unterordnung und Langsicht.

03. Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten.
Fremdzwänge und Selbstzwänge. Welche funktionieren? Verwandlung von Fremdzwängen zu Selbstzwängen unter welchen Bedingungen? Triebmodellierung möglich? Was sind Ursachen von Verhaltensänderungen? Furcht als eine Triebkraft zur Aufrechterhaltung von Verhaltenscodes zur Über-Ich-Zucht. Funktion der Angst vor dem Versagen, vor Degradierung, vor sozialem Abstieg. Scham- und Ehrgefühle. Kolonisatoren und Kolonisierte.

04. Die Verhöflichung der Krieger.
Höfische Gesellschaft als Prägeanstalt (Brut- und Zuchtstätte). Verhaltensmodellierung im Interdependenzgeflecht an den Kreuzpunkten der Aktionsketten. Der Zentralherr, die Zentralfunktion. Der Kriegeradel wird gezähmt. Der couteoise Verhaltenscode. Blick in das Mittelalter (11. und 12. Jahrhundert). Starke Kontraste zwischen den Schichten. Von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft. Der absolutistische Hof. Die Variablen der Zivilisation induzierenden Bedürfnisformel sind Art und Maß der wechselseitigen Angewiesenheit der Menschen aufeinander.

05. Die Dämpfung der Triebe,
Psychologisierung und Rationalisierung
Der absolutistische Hof und die gute Gesellschaft. Konkurrenz um Prestige, Gunst, Einfluss, Karriere mit Intrigen und Wortkämpfen. Differenzierung des Verhaltens notwendig. Adel als Schrittmacher in Richtung Zivilisation. Korrespondenz Gesellschaft und Affekthaushalt. Am Hof Beobachtung, Psychologisierung und Überwachung zur Wahrung eigener Position. Was meint Rationalisierung? Die Selbstzwangapparatur als Modellierung. Was sind gesellschaftliche Voraussetzungen für schöpferische Intelligenz? Höfische Rationalität und Aufklärung. Die zivilisatorische Transformation ist nicht allein (einfach) Vorgang einer Transformation des Wissens bzw. der Ideologie. Die Gestaltswandlungen des ganzen Seelenhaushalts. Selbststeuerung und Überichsteuerung.

06. Scham und Peinlichkeit
Die Modellierung des Triebhaushaltes
Die Wurzeln der Scham. Scham Angst und Scham Erregung. Konflikte des Seelenhaushalts. Angst und Selbstzwang. Was sind Peinlichkeitsgefühle? Zusammenhang innerer Angst - äußerer Macht.

07. Stärkere Bindung der Oberschicht. Stärkerer Auftrieb von unten
Guter Geschmack als Prestigewert. Der bürgerliche Geruch. Blick ins 16. 17. und 18. Jahrhundert. Der Drang der bürgerlichen Schichten. Soziale Spannungen zwischen Adel und Bürgertum. Bürger als CopyPaster des Adels. Auftrieb von unten erzeugt Angst oben. Motor der zivilisatorischen Transformation. Ausbreitungsbewegungen des Zivilisationsstandards. Lebensstandard und Überich Züchtung. Funktionsteilung bringt Abhängigkeit von einander. Nivellierung der Kontraste. Imitation von Modellen.

08.01 Überblick auf ein Gerüst von Prozessen.

08.02 Feudale Desintegration

08.03 Konkurrenz Gleichgewicht Machtposition.

08.04 Monopolbildung Monopolzentralen

08.05 Konkurrenzschraube Machtmonopole

08.06 Verflechtungsmechanismen Spannungsdruck

08.07 Monopolzentralen Monopolchancen

08.08 Seelenaufbau Verhalten Zwänge

08.09 Rationalisierung als Transformation

08.10 Vernunft Aengste Angstspannung Lustoekonomie

08.11 Steuerung durch Angst

08.12 Funktion Aengste Erziehung

08.13 Angsterzeugung Verhaltensregeln

08.14 Krieg Konflikt Angst

08.15 Angstuebertragung auf Kinder

08.16 Pazifizierung Gewalt

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20070715

Vernunft Aengste Angstspannung Lustoekonomie tz-17

Wir sind an den Bestand von stabilen Gewaltmonopolen und Berechenbarkeit von Gewaltausübung gewöhnt, so dass wir ihre Bedeutung für den Aufbau unseres Verhaltens und unserer Seele kaum noch gewahr werden (S. 444).

Wir sind uns kaum dessen bewusst, wie schnell das, was wir 'Vernunft' nennen, diese Steuerung unseres Verhaltens abbröckeln würde, wenn sich die Angstspannung in und um uns veränderte, wenn wieder Ängste eine Rolle spielen würden.

Erst wenn manfrau bis zu diesen Zusammenhängen vordringt, gewinnt manfrau einen Zugang zum Problem des Verhaltens und seiner Regelung durch die jeweils gültigen gesellschaftlichen Gebote und Verbote.

Die Angstspannung, wie die gesamte Lustökonomie, ist in jedem Menschenverband, sie ist in jeder seiner Schichten und geschichtlichen Phasen eine andere.

Zum Verständnis der Verhaltensregelung, die eine Gesellschaft ihren Angehörigen vorschreibt und einprägt, genügt es nicht, die rationalen Ziele zu kennen, die zur Begründung der Gebote und Verbote angeführt werden, sondern manfrau muss in Gedanken bis auf den Grund der Ängste zurückgehen, die die Angehörigen dieser Gesellschaft und vor allem die Wächter der Verbote selbst zu dieser Regelung des Verhaltens bewegen.

Daher gewinnt manfrau auch für die Wandlungen des Verhaltens im Sinne einer Zivilisation erst ein besseres Verständnis, wenn manfrau gewahr wird, mit welcher Veränderung im Aufbau und Einbau der Ängste sie zusammenhängen.(Siehe dazu auch S. 320ff, 348, 406ff).

Die Furcht, die unmittelbaren Ängste nehmen bis zu einem gewissen Grade ab; die verinnerlichten Ängste nehmen im Verhältnis zu ihnen zu; und die einen wie die anderen werden stetiger; die Angst und Furchtwellen steigen nicht mehr so häufig steil an, um vielleicht ebenso rasch wieder steil abzusinken. Sie gewöhnen sich an eine mittlere Höhe und es zeigt sich das Verhalten eines 'zivilisierten' Charakters (S. 445).

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Seelenaufbau Verhalten Zwänge tz-15

Norbert Elias's Werk 'Prozess der Zivilisation' versucht zu zeigen, dass und wie der Aufbau der psychischen Funktionen, das jeweilige Standardgepräge der Verhaltenssteuerung, mit dem Aufbau der gesellschaftlichen Funktionen, mit dem Wandel der zwischenmenschlichen Beziehungen zusammen hängt.

Das Allgemeinste ist schnell gesagt:
(Satz:) Die (äußeren) Verflechtungszwänge drängen zu korrespondierenden Veränderungen im Gepräge und Seelenaufbau der Menschen.
Der Festigung eines neuen Standards voraus ging eine Zeit der Erschütterung.
Die Auftriebswellen, in deren Mitte wir leben, sind von allen früheren ihrer Struktur nach verschieden, so gewiss sie diese früheren Bewegungen weiterführen und auf ihnen aufbauen.
Heute findet manfrau auch eine gewisse Lockerung des herkömmlichen Verhaltensschemas (S. 442).

Perioden des Übergangs, bieten dem Nachdenken eine besondere Chance: Die älteren Standards sind zum Teil fragwürdig geworden, neue festere noch nicht vorhanden. Die gesellschaftliche Situation selbst macht das 'Verhalten' zu einem akuten Problem. Manfrau denkt weiter an Stellen wo vorher andere Halt machten. Manfrau beginnt nach Gründen zu fragen, wo manfrau früher keinen Grund fand weiter zu fragen. z.B. Warum muss "manfrau" sich hier so und dort so verhalten?

(Satz:) Die Verhaltensschemata unserer Gesellschaft sind etwas geschichtlich Gewordenes, aus dem Gesamtzusammenhang der abendländischen Geschichte (S. 443).

Diese Schemata sind vielschichtig. An ihrer Bildung und ihrer Reproduktion haben emotionale Impulse nicht weniger als rationale, Trieb- und Ich-Funktionen zugleich, ihren Anteil. Es ist seit langem üblich geworden, die Regelung, der das Verhalten des Individuums in unserer Gesellschaft unterliegt, im wesentlichen als etwas Rationales, etwas allein durch vernünftige Überlegungen Begründetes zu erklären. Hier (bei Elias) sah manfrau es anders.

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20070712

Psychologisierung Rationalisierung Transformation tz-05

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 5

Die Dämpfung der Triebe.


Am großen absolutistischen Hof bildet sich zum ersten mal eine Art von Gesellschaft mit Aufbaueigentümlichkeiten, die durch alle Verwandlungen hindurch immer von neuem eine entscheidende Rolle spielen. Es bildet sich eine "gute Gesellschaft".
Die Anwendung körperlicher Gewalt tritt zurück doch übt nun der Mensch in mannigfachen anderen Formen Zwang und Gewalt aus. Das Leben in diesem Kreis ist kein friedliches Leben. Der Druck der Konkurrenz um Prestige und die Gunst des Königs ist stark. Die "Affairen", die Rang und Gunststreitigkeiten brechen nicht ab. An die Stelle körperlicher Gewalt treten Intrigen und Kämpfe mit Worten um Karriere und sozialen Erfolg. Sie verlangen und züchten andere Eigenschaften, als die Kämpfe die mit der Waffe ausgefochten werden können: Überlegung, Berechnung auf längere Sicht, Selbstbeherrschung, genaueste Regelung der eigenen Affekte, Kenntnis der Menschen und des gesamten Terrains werden zu unerlässlichen Voraussetzungen jedes sozialen Erfolges (S. 370).

Der Einzelne gehört nun zu einer 'Clique', zu einem ihn unterstützenden Verkehrskreis. Er geht Bündnisse ein mit Personen die möglichst hoch im höfischen Kurs rangieren. Aber der Kurs der Personen wechselt, sie haben Konkurrenten, offene und versteckte Feinde; und die Taktik der Kämpfe bedarf einer genauen Überlegung; jeder Gruß, jedes Gespräch hat eine Bedeutung über das unmittelbar Gesagte oder Getane hinaus; sie zeigen den Kurswert der Menschen an; und sie tragen zur Bildung der höfischen Meinung über diesen Wert bei: Der Hof ist eine Art Börse; wie in jeder guten 'Gesellschaft' bildet sich beständig im Austausch der Menschen eine 'Meinung' über den Wert jedes Einzelnen; dieser Wert hat seine reale Grundlage nicht in dem Geldvermögen und nicht in den Leistungen sondern in der Gunst, die er beim König genießt, in dem Einfluss den er bei anderen Mächtigen hat.

Das Spiel um Gunst, Einfluss und Bedeutung ist ein Spiel bei dem unmittelbare körperliche Gewaltanwendung verboten und existenzgefährdend sind aber vielmehr eine beständige Langsicht und eine genaue Kenntnis jedes Anderen, seiner Stellung, seines Kurswertes im Geflecht der höfischen Meinungen erfordert. Es erfordert weiters eine genaue Differenzierung des eigenen Verhaltens entsprechend diesem Verflechtungswert (S. 371).

Die Verwandlung des Adels in Richtung des 'zivilisierten' Verhaltens ist unverkennbar. Sie ist hier noch nicht so tief greifend und umfassend, wie später in der bürgerlichen Gesellschaft; denn der Hofmann tut sich den Zwang nur gegenüber Standesgenossen an, und nur in erheblich geringerem Maß gegenüber sozial Niedrigerstehenden.

Das Schema der Trieb- und Affektregulierung in der höfischen Gesellschaft ist ein anderes als in der bürgerlichen, auch das Wissen darum, dass es sich um eine Regulierung aus gesellschaftlichen Gründen handelt, ist noch wacher (Anm: noch nicht so unbewusst wie in der bürgerlichen).

Die Selbstzwänge sind beim Adel noch nicht eine vollständig automatisch arbeitende Selbstzwangapparatur. Aber der Mensch differenziert sich stärker, er verleugnet sein Herz, er handelt gegen sein Gefühl. Die augenblickliche Lust wird in Voraussicht der Unlust zurückgehalten.

Das ist der gleiche Mechanismus, mit dem nun durch Erwachsene in den Kindern von klein auf ein stabileres 'Über-Ich' gezüchtet wird. Die momentane Trieb- und Affektregung wird gewissermaßen durch die Angst vor der kommenden Unlust überdeckt und bewältigt, bis diese Angst sich schließlich gewohnheitsmäßig den verbotenen Verhaltensweisen und Neigungen entgegen stemmt, selbst wenn gar keine andere Person mehr unmittelbar gegenwärtig ist, die sie erzeugt. Die Energien solcher Neigungen werden in eine ungefährliche, durch keine Unlust bedrohte Richtung gelenkt (S. 372).

Dem Umbau der Gesellschaft entsprechend, baut sich auch der Affekthaushalt des Einzelnen um. Und wie sich Verhalten und Seelenhaushalt des Einzelnen verändern, ändert sich in entsprechender Weise auch die Art, in der ein Mensch den anderen betrachtet; das Bild, das der Mensch vom Menschen hat, wird reicher an Schattierungen, es wird freier von momentanen Emotionen, es 'psychologisiert' sich. Berechnung greift in Berechnung.

Früher, bei den Kriegern griff Affekt in Affekt. Jemand ist gut oder böse, Freund oder Feind. Je nachdem wie manfrau einen Anderen gemäß dieser Schwarzweißzeichnung der Affekte sieht, so verhält manfrau sich. Alles scheint auf den empfindenden Menschen bezogen.

Eine Langsicht auf Natur und Menschen gewinnen die Menschen erst in dem Grade, in dem die fortschreitende Funktionsteilung und die alltägliche Verflechtung in längere Menschenketten den Einzelnen an eine solche Langsicht und eine größere Zurückhaltung der Affekte gewöhnen.
Dann erst lichtet sich der Schleier, den die Leidenschaften vor das Auge legen, ohne dass etwas unmittelbar feindlich oder freundlich für ihn gemeint zu sein braucht. Es kommt zu einer leidenschaftsloseren Beobachtung über lange Strecken hin.

Wie das Gesamtverhalten, so wird auch die Beobachtung der Dinge und Menschen im Zuge der Zivilisation affektneutraler. Das Weltbild wird weniger unmittelbar durch menschliche Wünsche und Ängste bestimmt, und es orientiert sich stärker an 'Erfahrung' oder 'Empirie', an Verflechtungsreihen, die ihre eigene Gesetzmäßigkeit haben.

Besonders im näheren und weiteren Zirkel des Hofes entwickelt sich das, was wir heute wohl eine 'psychologische' Betrachtung des Menschen nennen würden, eine genauere Beobachtung des Anderen und seiner selbst über größere Motivationsreihen und Zusammenhangsketten.
Warum?
Weil hier die Überwachung seiner selbst und die beständige, sorgfältige Beobachtung Anderer zu den elementaren Voraussetzungen für die Wahrung der gesellschaftlichen Position gehört. Das ist eines der Beispiele dafür, was wir die 'Orientierung an der Erfahrung' nennen, die Beobachtung über längere Verflechtungen hin (S. 374).

Diese höfische Kunst der Menschenbeobachtung ist, zum Unterschied von dem was wir heute gewöhnlich 'Psychologie' nennen -, niemals darauf abgestellt, den einzelnen Menschen für sich allein zu betrachten, der Zugriff ist hier um so wirklichkeitsnaher, als der Einzelne immer in seiner gesellschaftlichen Verflochtenheit ins Auge gefasst wird, als ein Mensch in seinen Beziehungen zu anderen, als Einzelner in einer gesellschaftlichen Situation (S. 375).

Diese 'Psychologisierung' der Verhaltensvorschriften (genauer: ihre stärkere Durchtränkung mit Beobachtungen und Erfahrungen) ist ein Ausdruck für die rascher fortschreitende Verhöflichung der Oberschicht und für die engere Verflechtung aller Teile der Gesellschaft. Die Menschenbeobachtung, die das Leben im höfischen Kreise erfordert, findet ihren literarischen Ausdruck in einer Kunst der Menschenschilderung.

Das stärkere Verlangen nach Büchern innerhalb einer Gesellschaft ist an sich bereits ein sicheres Zeichen für einen starken Zivilisationsschub; denn die Triebverwaltung und -regulierung, die es erfordert Bücher zu schreiben ist in jedem Fall beträchtlich. Das Buch spielt aber in der höfischen Gesellschaft noch nicht die gleiche Rolle, wie in der bürgerlichen.

Der gesellige Verkehr, der Markt der Prestigewerte, bildet hier für jeden Einzelnen den Mittelpunkt seines Lebens. Auch die Bücher sind für das gesellschaftlich - gesellige Beisammensein bestimmt; sie sind Teile und Fortsetzungen der Gespräche und geselligen Spiele. Die Kunst der Menschenschilderung gibt einen guten Eindruck von der differenzierten Menschenbeobachtung, zu der das höfische Leben selbst erzieht.

Wie in vielen anderen Beziehungen, entwickelt in Frankreich die bürgerliche Gesellschaft das höfische Erbe besonders kontinuierlich fort.

Menschenschilderer: Saint-Simon, Proust, Balzac, Flaubert, Maupassant.
Klarheit der Menschenbeobachtung, Vermögen Menschen im Ganzen ihrer gesellschaftlichen Verflechtungen zu sehen und aus ihren wechselseitigen Verflechtungen verständlich zu machen.
Die Einzelgestalt wird hier nie aus dem Gewebe ihrer gesellschaftlichen Existenz heraus gelöst. Sie bewahrt in ihrer Schilderung die Atmosphäre und die Plastizität des wirklich Erlebten (S. 377).

Ähnlich, wie mit dieser 'Psychologisierung' verhält es sich mit der 'Rationalisierung', die langsam vom 16. Jahrhundert an spürbar wird. Sie ist nicht ein Faktum, das für sich steht; auch sie ist nur ein Ausdruck für die Veränderung des ganzen Seelenhaushalts, die in dieser Zeit stärker hervortritt, und für die wachsende Langsicht, die von nun ab ein immer größerer Teil der gesellschaftlichen Funktionen züchtet und erfordert.

Exkurs:
Zum Verständnis des geschichtlich-gesellschaftlichen Werdens bedarf es einer Auflockerung der Denkgewohnheiten, mit denen wir groß geworden sind. Es handelt sich bei dieser oft beobachteten geschichtlichen Rationalisierung nicht darum, dass im Lauf der Geschichte, viele einzelne Menschen gleichsam auf Grund einer Art von prästabilisierter Harmonie, von 'innen' her ein neues Organ oder eine neue Substanz entwickeln, einen 'Verstand' oder eine 'Ratio', die bisher noch nicht da war. Es ändert sich die Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind; deshalb ändert sich ihr Verhalten; deshalb ändert sich ihr Bewusstsein und ihr Triebhaushalt als Ganzes. Die 'Umstände', die sich ändern, sind nichts, was gleichsam von 'außen' an den Menschen herankommt; die 'Umstände', die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst (S. 377).

'Ratio', 'Verstand' oder 'Vernunft' existieren nicht wie die Wortbildung es nahe legt in der gleichen Weise in der etwa Herz und Magen existieren. Sie sind nicht unberührt vom geschichtlich-gesellschaftlichen Wandel. Sie sind Ausdrücke für eine bestimmte Modellierung des ganzen Seelenhaushaltes; es sind Aspekte einer Modellierung, die sich sehr allmählich in vielen Schüben und Gegenschüben vollzieht, und die um so stärker hervortritt, je bündiger und totaler durch den Aufbau der menschlichen Abhängigkeiten spontane Trieb- und Affektentladungen des Individuums mit Unlust, mit Absinken und Unterlegenheit im Verhältnis zu Anderen, oder sogar mit dem Ruin der sozialen Existenz bedroht werden; es sind Aspekte jener Modellierung,mit der sich im psychischen Haushalt schärfer und schärfer Triebzentrum und Ich-zentrum voneinander differenzieren, bis sich schließlich eine umfassende, stabile und höchst differenzierte Selbstzwangapparatur herausbildet. Es gibt nicht eigentlich eine 'Ratio', es gibt bestenfalls eine 'Rationalisierung' (S. 378).


Unsere Denkgewohnheiten machen uns leicht geneigt nach 'Anfängen' zu suchen; aber da ist nirgends ein 'Punkt' in der Entwicklung der Menschen, von dem manfrau sagen könnte: Bisher war noch keine 'Ratio' da und nun ist sie 'entstanden'; bisher gab es noch kein 'Über-Ich' und nun ist es plötzlich da. Es gibt keinen Nullpunkt aller dieser Erscheinungen.

Die Selbstzwangapparatur, der Bewusstseins- und Affekthaushalt 'zivilisierter' Menschen, sie unterscheiden sich als Ganzes in ihrem Aufbau klar und deutlich von denen der so genannten 'Primitiven', aber beides sind in ihrer Struktur klar durchschaubare Modellierungen annähernd gleicher naturaler Funktionen.

Die herkömmlichen Denkmodelle stellen uns immer wieder vor statische Alternativen; es sind gewissermaßen eleatische Modelle, an denen sie geschult sind: Man kann sich nur viele, einzelne Punkte, einzelne sprunghafte Veränderungen vorstellen oder überhaupt keine Veränderung.

Was sich im Verlauf, den wir Geschichte nennen, verändert, sind die wechselseitigen Beziehungen der Menschen und die Modellierung, die der Einzelne innerhalb ihrer erfährt.

Wenn der Blick für diese fundamentale Geschichtlichkeit der Menschen frei wird, eröffnet sich ihm zugleich die Gesetzmäßigkeit, die Aufbaueigentümlichkeit des menschlichen Daseins, die sich gleich bleibt. Jede menschliche Einzelerscheinung ist nur verständlich, wenn manfrau sie im Ganzen dieser steten Bewegung sieht; die Einzelheit ist nicht heraus lösbar; sie bildet sich innerhalb dieses Bewegungszusammenhanges. Als Teil einer bestimmten Stufe oder Welle will sie erfasst sein.

So fehlt es nirgends unter Menschen an gesellschaftlichen Triebregulierungen und -restriktionen oder an einer gewissen Voraussicht. Diese wird umso stärker und umfassender, je größer die Funktionsteilung und damit die Anzahl der Menschen wird, auf die die Handlung eines Einzelnen abgestimmt sein muss.

Und die Art des 'Verstandes' oder des 'Denkens', die dem Einzelnen zur Gewohnheit gemacht wird, ist dementsprechend wie die gesellschaftliche Lage, wie die Stellung im Menschengeflecht, in der er auf- und in die er hinein wächst, ähnlich der Funktion seiner Modelleure (S. 380).

Alle unterschiedlichen Modellierungen sind gerade deswegen verstehbar, weil ihnen die gleiche, menschlich-gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt.
Die individuellen Differenzen innerhalb all dieser Gruppen (Deutsche, Franzosen etc.), etwa die Unterschiede der 'Intelligenz', sind nichts als Differenzierungen im Rahmen von ganz bestimmten, geschichtlichen Modellierungsformen, Differenzierungen, zu denen die Gesellschaft, je nach seinem Aufbau einen mehr oder weniger großen Spielraum gibt.

Das Phänomen der stark individualisierten 'schöpferischen Intelligenz'.(Anm: bzw. Kreativität)
(Frage:) Was sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür?
Das Wagnis des unautoritären, individuell selbstständigen Denkens, die Haltung, durch die sich jemand als ein Wesen von 'schöpferischer Intelligenz' beweist, hat nicht nur ein sehr eigentümliches, individuelles Triebschicksal zur Voraussetzung. Dieses Wagnis ist überhaupt nur möglich bei einem ganz bestimmten Aufbau der Machtapparatur; es hat eine ganz spezifische Gesellschaftsstruktur zur Voraussetzung; und es hängt ferner davon ab, dass dem Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft von solcher Struktur diejenige Schulung und diejenigen nicht sehr zahlreichen, gesellschaftlichen Funktionen zugänglich sind, die allein zur Entfaltung dieser individuell selbständigeren Lang- und Tiefsicht befähigen (S. 381).

Ein Wandel im Aufbau der gesellschaftlichen Funktionen erzwingt einen Wandel des Verhaltens.

Die höfische Rationalität (zumeist verkannt) hatte keine geringere, sondern zuerst größere Bedeutung für die 'Aufklärung' (die Entwicklung dessen, was wir 'Aufklärung' nennen), als etwa die städtisch-kaufmännische Rationalität.

Der geschichtliche Prozess der Rationalisierung ist ein Musterbeispiel für eine Art von Vorgängen, die bisher von dem geordneten, wissenschaftlichen Denken kaum oder nur in sehr vager Form erfasst worden sind.

Er gehört in den Bereich einer noch nicht existierenden Wissenschaft, einer historischen Psychologie. Heute wird zwischen der Form der wissenschaftlichen Forschung und der Arbeit des Historikers ein entschiedener Trennstrich gezogen.
Nur die gegenwärtig lebenden Menschen, scheinen einer psychologischen Untersuchung bedürftig und zugänglich. Gerade weil der Psychologe schlechterdings ungeschichtlich denkt, weil er an die psychischen Strukturen der heutigen Menschen herangeht, als ob sie etwas Ungewordenes und Unveränderliches wäre, kann der Historiker mit seinen Forschungsresultaten im allgemeinen wenig anfangen. Und weil der um Fakten bemühte Historiker, psychologischen Problemen nach Möglichkeit zu entgehen sucht, hat er seinerseits dem Psychologen wenig zu sagen (S. 385).

Nicht viel besser steht es mit der Gesellschaftswissenschaft. Soweit sie sich überhaupt mit geschichtlichen Problemen befasst, akzeptiert sie den Trennungsstrich den der Historiker zwischen psychischer Aktivität und deren verschiedenen Erscheinungsformen (Künste, Ideen..) zieht.

Dass es einer historischen Gesellschaftspsychologie, psychogenetischer und soziogenetischer Untersuchungen zugleich bedarf, um die Verbindungslinie zwischen allen diesen verschiedenen Äußerungen der Menschen und ihrem gesellschaftlichen Dasein zu ziehen bleibt unerkannt (S. 386).

Geschichte und Geist erscheinen als verschiedene Gebilde. Gesellschaft jenseits der Ideen und Ideen jenseits der Gesellschaft? Streit darum was was bewegt (Idealismus-Materialismus).

Der Zivilisationsprozess und innerhalb seiner auch die Erscheinungen, wie die allmähliche Psychologisierung und Rationalisierung, sie fügen sich nicht in dieses Schema (Was bewegt was?). Es hat ganz gewiss keinen Sinn, sich zu fragen, ob der allmähliche Übergang von weniger rationalen zu rationaleren Denk- und Verhaltensweisen die Gesellschaft verändere; denn dieser Rationalisierungsprozess ebenso, wie der umfassendere Zivilisationsprozess, ist selbst eine psychische und eine gesellschaftliche Erscheinung zugleich.

Aber es hat ebenso wenig einen Sinn, den Zivilisationsprozess etwa als einen 'Überbau' oder als eine 'Ideologie', nämlich allein aus seiner Funktion als Waffe im Kampfe einzelner sozialer Gruppen und Interessen gegen andere zu erklären (S. 386).

Die allmähliche Rationalisierung und die gesamte zivilisatorische Transformation vollzieht sich ständig im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen verschiedener Schichten und Verbände.

Das abendländische Beziehungsgeflecht ist nicht eine ursprünglich harmonistische Ganzheit, in die nur zufällig, durch bösen Willen oder Unverstand einzelner Menschen Konflikte hinein getragen werden.

Spannungen und Kämpfe bilden ein integrales Element seiner Struktur.
Zivilisationsschübe vollziehen sich auf Grund von mächtigen Verflechtungsmechanismen, deren Gesamtrichtung zu ändern nicht in der Hand einzelner Gruppen liegt.

Sie entziehen sich einer bewussten oder halb- bewussten Manipulierung, einer überlegten Verarbeitung zu Waffen in den sozialen Kämpfen, in ganz anderem Maße als etwa die Denkgehalte.

Wie die Gestalt des ganzen, psychischen Habitus, so bilden sich auch die spezifischen Zivilisationsstrukturen zugleich als Produkt und als ein Hebel im Getriebe jener umfassenden Gesellschaftsprozesse heraus, innerhalb deren sich auch einzelnen Schichten und Interessen von wechselnder Gestalt selbst bilden und umbilden.

Die zivilisatorische Transformation und mit ihr auch die Rationalisierung ist nicht ein Vorgang einer Sondersphäre der 'Ideen' oder 'Gedanken'. Hier hat manfrau es nicht mehr allein mit Transformationen des 'Wissens', mit Wandlungen von 'Ideologien', kurz mit Veränderungen der Bewusstseinsgehalte zu tun, sondern mit den Veränderungen des gesamten menschlichen Habitus, innerhalb dessen die Bewusstseinsgehalte und erst recht die Denkgewohnheiten nur eine recht partiale Erscheinung, nur einen einzelnen Sektor bilden.

Hier handelt es sich um Gestaltwandlungen des ganzen Seelenhaushalts durch all seine Zonen von der bewussteren Ichsteuerung bis zu völlig unbewussten Triebsteuerung hin.
Zur Erfassung von Wandlungen dieser Art reicht das Denkschema von 'Überbau' und 'Ideologien' nicht mehr aus (S. 388). (Anm.: Anspielung auf Marx und Mannheim).

Die geistesgeschichtliche oder auch die wissenssoziologische Forschung sucht den Menschen vor allem von der Seite des Wissens und Denkens her anzugreifen. Gedanken und Ideen scheinen im Lichte solcher Forschungen als am wichtigsten. Und die unbewussteren Antriebe, das gesamte Feld der Trieb- und Affektstrukturen bleibt für sie mehr oder weniger im Dunkel.

Wer sich aber nur auf Ratio und Ideen konzentriert und den Aufbau der Triebe und die Richtung der Affekte nicht in Betracht zieht ist in der Fruchtbarkeit begrenzt.

Die Rationalisierung der Bewusstseinsgehalte selbst und die gesamten Strukturwandlungen der Ich- und Überichfunktionen, all diese Erscheinungen sind nur sehr unvollkommen angreifbar, solange sich die Untersuchung an Bewusstseinsgehalte, an Ich und Überichstrukturen allein zu halten sucht und dem korrespondierenden Wandel der Trieb- und Affektstrukturen keine Beachtung schenkt.
Wirklich verstehen lässt sich auch die Geschichte der Ideen und Denkformen nur dann, wenn manfrau, mit dem Wandel der zwischenmenschlichen Beziehungen, zugleich den Aufbau des Verhaltens, das Gefüge des Seelenhaushalts als Ganzes ins Auge fasst (S. 389).

Eine umgekehrte Akzentuierung findet manfrau heute oft in der psycho- analytischen Forschung. Sie neigt dazu etwas 'Unbewusstes', ein geschichtslos gedachtes 'Es' aus dem Seelengefüge als das Wichtigste heraus zugreifen.

Manfrau unterscheidet nicht zwischen dem rohen naturalen Triebmaterial und den soziogenen Triebrichtungen, die sich von den korrespondierenden Ich- und Überichstrukturen nicht absondern lassen.

Maßgebend für einen Menschen, ist weder allein ein 'Es', noch allein ein 'Ich' oder 'Überich', sondern immer und von Grund auf die Beziehung zwischen diesen, teils miteinander ringenden, teils mit einander kooperierenden Funktionsschichten der psychischen Selbststeuerung, wie die Gestalt seiner Ich- und Überichsteuerung, sie wandelt sich als Ganzes im Laufe des Zivilisationsprozesses entsprechend einer spezifischen Transformation der Beziehungen zwischen den Menschen, der gesellschaftlichen Beziehungen. Im Laufe dieses Prozesses wird, um es schlagwortartig zu sagen, das Bewusstsein weniger triebdurchlässig und die Triebe weniger bewusstseinsdurchlässig.

Mit dem soziogenetischen Grundsatz kann manfrau gleich gerichtete Prozesse heute bei jedem einzelnen Kind beobachten: Erst mit der Herausbildung von weniger triebdurchlässigen Bewusstseinsfunktionen erhalten die Triebautomatismen mehr und mehr jenen Charakter, den manfrau ihnen heute gewöhnlich als eine geschichtslose, eine rein 'naturale' Eigentümlichkeit zuschreibt, den Charakter des 'Unbewussten'. Und im Zuge der gleichen Transformation wandelt sich das Bewusstsein selbst in der Richtung einer zunehmenden 'Rationalisierung' (S. 391).

Manfrau kann die Gestalt und die Struktur niemals verstehen oder beobachten, wenn manfrau sie sich als etwas getrennt voneinander Bestehendes oder Funktionierendes vorstellt.
Beide sind gleich wesentlich; beide bilden einen Funktionszusammenhang. Man kann sie nur verstehen im Zusammenhang mit der Struktur der Beziehungen zwischen den Menschen und mit der Verflechtungsordnung, in der diese, die gesellschaftlichen Strukturen, sich wandeln.

Daher verlangt der Zivilisationsprozess eine Untersuchung zugleich des ganzen psychischen und des ganzen gesellschaftlichen Gestaltwandels.
Er verlangt, im engeren Radius, eine psychogenetische Untersuchung und im weiteren Radius eine soziogenetische Untersuchung (S. 392).

Zum Verständnis der gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse genügt ebenfalls niemals die Untersuchung einer einzelnen Funktionsschicht innerhalb eines sozialen Feldes. Diese Strukturen und Prozesse verlangen, um wirklich verständlich zu werden, eine Untersuchung der Beziehungen zwischen den verschiedenen Funktionsschichten. Es gilt also, wie bei jeder psychogenetischen Untersuchung, nicht allein die psychische Funktionsschicht des 'Unbewussten' oder allein die des 'Bewusstseins' zu betrachten, sondern den ganzen Kreislauf (das Ganze eines sozialen Feldes) der psychischen Funktionen ins Auge zu fassen.

Das zu tun ist nur möglich, weil das gesellschaftliche Gewebe und sein geschichtlicher Gestaltwandel nicht ein Chaos ist, sondern, auch in Phasen der größten, sozialen Unruhe und Unordnung, eine klare Ordnung und Struktur besitzt. Das Ganze eines sozialen Feldes untersuchen, heißt nicht, alle Einzelvorgänge innerhalb seiner untersuchen.
Es heißt zunächst einmal, die Grundstrukturen aufdecken, die allen Einzelvorgängen innerhalb dieses Feldes ihre Richtung und ihr spezifisches Gepräge geben. Es heißt z.B. etwa sich die Frage vorzulegen, worin sich die Spannungsachsen, die Funktionsketten und Institutionen einer Gesellschaft des 15. Jahrhunderts von denen des 16. u. 17. Jahrhunderts unterschieden, und warum sich jene in der Richtung auf diese hin wandelten.

Von einem bestimmten Stand der Materialkenntnis ab lässt sich mit einem Wort in dem unendlichen Haufen der einzelnen, geschichtlichen Fakten ein festeres Gerüst, ein Strukturzusammenhang erkennen (S. 393).

Jede soziogenetische Untersuchung müsse hin auf das Ganze eines sozialen Feldes ausgerichtet sein, so heißt das nicht: auf die Summe aller Einzelheiten, sondern auf das Ganze seiner Struktur (S. 393).

(Anm.: Elias kommt nun zum Kern dieser Sache, der Rationalisierung).

In diesem Sinne ist zu verstehen was oben über Rationalisierung gesagt wurde. Der allmähliche Übergang zu einem 'rationaleren' Verhalten und Denken, ebenso wie der zu einer stärkeren Selbstkontrolle, wird heute meist allein mit bürgerlichen Funktionen in Zusammenhang gebracht.

Manfrau findet in den Köpfen der Mitlebenden oft die Vorstellung verfestigt, das Bürgertum sei der 'Urheber' oder der 'Erfinder' des rationaleren Denkens. So wenig die höfische Aristokratie oder das Bürgertum der Manufakturzeit selbst einen 'Urheber' in irgendeiner anderen sozialen Schicht hat, so wenig hat dieser Rationalisierungsschub einen solchen Urheber.

Was rationaler wird, das sind nicht nur einzelne Produkte des Menschen; das sind vor allem nicht nur die in Büchern niedergelegten Gedankensysteme.

Was sich rationalisiert, das sind zunächst einmal und in erster Linie die Verhaltensweisen bestimmter Menschengruppen. 'Rationalisierung' (z.B. Verhöflichung der Krieger) ist nichts anderes als ein Ausdruck für die Richtung, in der sich das Gepräge der Menschen in bestimmten, gesellschaftlichen Formationen selbst während dieser Periode ändert.

Wandlungen dieser Art aber haben nicht in der einen oder der anderen Schicht ihren 'Ursprung', sondern sie entstehen im Zusammenhang mit den Spannungen zwischen verschiedenen Funktionsgruppen eines sozialen Feldes und zwischen den konkurrierenden Menschen innerhalb ihrer.
Unter dem Druck von Spannungen dieser Art, die das gesamte Gewebe der Gesellschaft durchziehen, ändert sich deren gesamte Struktur in der Richtung einer zunehmenden Zentralisierung einzelner Herrschaftsgebiete und einer reicheren Spezialisierung, einer strafferen Integrierung der einzelnen Menschen darin.
Und mit dieser Transformation des ganzen, sozialen Feldes wandelt sich der Aufbau der sozialen und psychischen Funktionen zugleich im Sinne einer Rationalisierung (S. 395).

Einzelne Phänomene:
Langsame Entmachtung des ersten Standes.
Pazifizierung des zweiten Standes.
Allmähliches Aufrücken des dritten Standes.

Diese lassen sich nicht unabhängig voneinander verstehen. Alles das sind Hebel in jenem umfassenden Prozess der zunehmenden Differenzierung und Verlängerung aller Aktionsketten. Mit dem allmählichen Wandel der gesellschaftlichen Funktionen (Adelsfunktionen, bürgerliche Funktionen ...) geht ein Wandel der psychischen Selbststeuerung in der Richtung einer größeren Langsicht und stärkerer Regelung der triebhaften Augenblicksimpulse (S. 395).

In herkömmlichen Darstellungen wird die Vorstellung genährt, dass die Rationalisierung des Bewusstseins ihre Ursache in dem Auftauchen einer Reihe von genialen und besonders klugen Individuen habe. Nach diesen Darstellungen brachten erleuchtete Individuen, auf Grund ihrer überragenden Intelligenz, den Menschen des Abendlandes bei, wie ihre angeborene Vernunft richtig zu gebrauchen sei.

Elias sieht es anders. Was die großen Denker des Abendlandes zum Ausdruck gaben war, dass sie anderen Menschen eine größere Klarheit über ihre Welt und sich selbst vermittelten. Sie wirkten so als Hebelarme mit ein. Sie waren, je nach ihrer Größe und ihrer persönlichen Lagerung, in höherem oder geringeren Umfang die Interpreten und Sprecher eines gesellschaftlichen Chores.

Aber sie waren NICHT die Urheber des Denktypus, der in ihrer Gesellschaft vorherrschte. Sie waren NICHT die Schöpfer dessen, was wir 'rationales Denken' nennen (S. 396).

Dieser Ausdruck selbst ist statisch und undifferenziert. In der 'Rationalisierung' zeigt sich nur eine Seite einer umfassenderen Wandlung des gesamten Seelenhaushalts. Sie geht Hand in Hand mit einer korrespondierenden Wandlung der Triebstrukturen.

Sie ist kurz gesagt, eine Zivilisationserscheinung unter anderen (S. 397, Band II).

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20070711

Zwänge Furcht Kontraste Technik tz-03

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 3

Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten.

Zivilisation vollzieht sich in Auf- und Abstiegsbewegungen. Im allgemeinen kann manfrau sagen, dass Unterschichten ihren Affekten und Trieben unmittelbarer nachgeben, dass ihr Verhalten weniger genau reguliert ist, als das der zugehörigen Oberschichten.
Die Zwänge, die auf Unterschichten wirken sind über große Teile der Geschichte hin Zwänge der unmittelbaren körperlichen Bedrohung (Qual, Schwert).
Und solche Gewalten, solche Situationen führen NICHT zu einer stabilen Umformung der Fremdzwänge in Selbstzwänge.

Bild: Der Arme den nach Fleisch gelüstet, aber nur Brösel hat gegenüber dem Asketen der sich Fleisch versagt und Brösel ißt.

Bild: Der begüterte Kaufmann, er arbeitet weil seine Arbeit den Sinn und die Legitimierung seines Lebens darstellt und der sich durch Selbstzwang die Arbeit so zur Gewohnheit macht, 'dass sein Seelenhaushalt etwas von seinem Gleichgewicht verliert, wenn er nicht mehr arbeiten kann'.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der abendländischen Gesellschaft, dass sich dieser Kontrast zwischen der Lage und dem Verhaltenscode der oberen und unteren Schichten erheblich verringert.

Es breiten sich auch Unterschichtcharaktere über alle Schichten hin aus. Früher war Arbeit ein Merkmal der unteren Schichten. Zugleich breiten sich Charaktere, die früher zu den Unterscheidungsmerkmalen von Oberschichten gehörten, ebenfalls über die ganze Gesellschaft hin aus.

Die Verwandlung der gesellschaftlichen Fremdzwänge in Selbstzwänge vollzieht sich innerhalb des Abendlandes mehr und mehr auch bei den breiten Massenschichten

Die Triebmodellierungen, die Verhaltensformen, der ganze Habitus der unteren Schichten in der zivilisierten Gesellschaft nähert sich mit der steigenden Bedeutung ihrer Funktionen im Ganzen dem der Mittelschichten (höheres Prestige).

Diese eigentümliche Durchdringung und Mischung von Verhaltensweisen ist eines der wichtigsten Eigentümlichkeiten des Prozesses der Zivilisation. Diese Bewegung ist nicht geradlinig.

Was wir als 'Ausbreitung der Zivilisation' bezeichnen sind die bisher letzten Wellen einer jahrhundertelangen Bewegung, deren charakteristische Figuren sich hier durchsetzen (S. 344).

Der Verlauf aller dieser Expansionen ist nur zu einem geringen Teil durch die Pläne und Wünsche derer bestimmt, deren Verhaltensweisen übernommen werden.

Die modellgebenden Schichten sind auch heute nicht schlechthin die freien Schöpfer oder Urheber der Expansionsbewegung.

Nicht die 'Technik' ist die Ursache dieser Verhaltensänderung; was wir 'Technik' nennen, ist selbst nur eines der Symbole, eine der letzten Verfestigungsformen jener beständigen Langsicht, zu der die Bildung immer längerer Handlungsketten und der Wettkampf unter den derart Verbundenen hindrängt.

Die 'zivilisierten' Verhaltensformen breiten sich aus, weil durch die Einbeziehung in das Interdependenzgeflecht, dessen Zentrum zunächst die Abendländer bilden, ebenfalls die Struktur der Gesellschaft geändert wird und somit der Aufbau der menschlichen Beziehungen im Ganzen.

Technik, Schulerziehung, alles das sind Teilerscheinungen.
Auch hier in den Expansionsgebieten des alten Occidents (S. 345).

Dies, die Umbildung der gesamten, gesellschaftlichen Existenz, ist auch hier das Fundament der Zivilisation des Verhaltens. Eben darum bahnt sich (im Verhältnis des Abendlandes zu anderen Gebieten der Erde) jene Verringerung der Kontraste an, die allen Wellen der Zivilisationsbewegung eigentümlich ist (S. 346).

Diese immer wiederkehrende Einschmelzung von Verhaltensweisen der funktional oberen Schichten ist nicht wenig bezeichnend für die zwiespältige Stellung der Oberschichten in diesem Prozess.

Die Gewöhnung an eine Langsicht, die strenge Regelung des Verhaltens und der Affekte sind wichtige Instrumente ihrer Überlegenheit über andere.

(Anmerkung : Inwieweit die heutige Ökonomie und das Geldwesen 'langsichtig' funktioniert wäre eine Diskussion wert. Manche Produktzyklen sind sehr kurzlebig, oft muss schnell zugegriffen, schnell gekauft und sehr schnell gekauft werden sonst sind die Gewinne im Eimer. Aktienhandel und andere Spekulationen verlangen nun oft blitzschnelle Reaktionen.
Welche Art von Langfristigkeit mag dahinter stecken? Und ob eine 'Langsicht' sich gegenüber einer 'Kurzsicht' durchsetzen kann? Haftet einer Langsichtigkeit nicht vielleicht auch eine gewisse Trägheit und Unbeweglichkeit an?).

Die Anspannung und Langsicht, die es kostet, die gehobene Stellung als Oberschicht aufrechtzuerhalten, kommt im inneren Verkehr der Gesellschaft durch die Stärke der gesellschaftlichen Überwachung zum Ausdruck, die ihre Mitglieder aufeinander ausüben.

Die Furcht der ganzen Gruppe um die Erhaltung der gehobenen Position und aus deren größerer oder geringerer Bedrohung wirkt unmittelbar eine Triebkraft zur Aufrechterhaltung des Verhaltenscodes, zur Züchtung des Über-Ich in ihren einzelnen Mitgliedern.

Sie setzt sich in individuelle Angst, in die Furcht des Einzelnen vor der persönlichen Degradierung oder Minderung des Prestiges in der eigenen Gesellschaft um; und es ist diese als Selbstzwang angezüchtete Furcht vor der Verringerung des eigenen Ansehens in den Augen anderer, mag sie nun die Gestalt der Scham oder des Ehrgefühls annehmen, die die ständige, gewohnheitsmäßige Wiedererzeugung des unterscheidenden Verhaltens und die strenge Triebregelung dahinter im einzelnen Menschen sichert (S. 347).

Die Oberschichten drängen dazu, ihre spezifische Triebregelung als Unterscheidungsmerkmale mit allen Kräften aufrechtzuerhalten.

Der Aufbau der Gesamtbewegung drängt zur Abschwächung der Verhaltensunterschiede (Kontraste).

Diese Zivilisation ist das unterscheidende und Überlegenheit gebende Kennzeichen der Okzidentalen. Aber zugleich erzeugen und erzwingen die Menschen des Abendlandes unter dem Druck ihres eigenen Konkurrenzkampfes in weiten Teilen der Erde eine Veränderung der menschlichen Beziehungen und Funktionen zu ihrem eigenen Standard hin.

Sie machen weite Teile der Welt von sich abhängig und werden zugleich von ihnen abhängig. So wird in eine Richtung gearbeitet, dass sich die Unterschiede in der gesellschaftlichen Stärke zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten verringern und die Kontraste spürbar kleiner werden.
Auch jenseits des Abendlandes Durchdringungs- und Mischungsprozesse und abendländische Verhaltensweisen, die von oben nach unten dringen (gelegentlich von unten nach oben) (S. 348).

Die Kontraste des Verhaltens zwischen den jeweils oberen und den jeweils unteren Gruppen verringern sich mit der Ausbreitung der Zivilisation; die Spielarten oder Schattierungen des zivilisierten Verhaltens werden größer.

Was sich in der abendländischen Oberschicht in den Kolonialgebieten als untere, aufsteigende Schicht nähert, sind zunächst meist die Oberschichten der dortigen Völkergruppen.

Im Abendland werden die unteren Schichten in den Standard des zivilisierten Verhaltens einbezogen, Regelung der Affekte, Ausbildung einer Selbstzwangapparatur auch bei ihnen.
Manfrau sieht etwa in England im Verhalten der Arbeiter noch das von Landedelleuten, in Frankreich zugleich das der Höflinge und eines durch Revolution zur Macht gekommenen Bürgertums.

In den Kolonialnationen eine weiter ausgeschliffenere Regelung der Affekte bei den Arbeitern als in den anderen Nationen, die spät oder gar nicht zur kolonialen Expansion kamen, weil sich Gewalt- und Steuermonople erst später bildeten (S. 349).

Auch zurück, im 17., 18. u. 19. Jahrhundert begegnet manfrau der gleichen Figur, der Durchdringung von Verhaltensweisen des Adels und des Bürgertums. Als Niederschlag der Prozesse entsteht ein Amalgam, eine neue Einheit von einzigartigem Charakter.

Auch wenn der Adel Abgrenzungen sucht, damit nur der Eingeweihte, nur der Zugehörige das Geheimnis des guten Benehmens kennen sollte; nur im Verkehr mit der guten Gesellschaft sollte manfrau es lernen können. Aber die Gewalten des Verflechtungsstromes sind stärker als der Wall, den der Adel um sich zu ziehen suchte.

Es sind kleine Funktionszentren in denen sich der Zwang der wachsenden Funktionsverflechtung zuerst bemerkbar macht.
Schließlich beginnt die gleiche Transformation der gesellschaftlichen Funktionen und damit des Verhaltens, des ganzen psychischen Apparates, auch in den außereuropäischen Ländern (S. 351).

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20070630

Norbert Elias Prozess d. Zivilisation


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Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
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Im Zentrum der Untersuchungen von Elias (1936) stehen Verhaltensweisen, die manfrau als typisch für die abendländisch zivilisierten Menschen ansieht. In den vergangenen Perioden der abendländischen Geschichte haben wir es nicht mit Gesellschaften zu tun, die in dem gleichen Maße 'zivilisiert' sind, wie die abendländische Gesellschaft von heute. Wie ging die Veränderung, diese Zivilisation im Abendlande eigentlich vor sich? Worin bestand sie? Und welches waren ihre Antriebe, ihre Ursachen und ihre Motoren? Das sind die Hauptfragen. Es soll der Weg zum Verständnis der psychischen Prozesse in der Zivilisation offen gelegt werden. Die Veränderungen des psychischen Habitus werden durch eine Prüfung des geschichtlichen Erfahrungsmaterials betrachtet. Der spezifische Prozess des psychischen Erwachsenwerdens ist nichts anderes, als der individuelle Zivilisationsprozess, dem jeder Heranwachsende in den zivilisierten Gesellschaften als Folge des jahrhundertelangen, gesellschaftlichen Zivilisationsprozesses, mit mehr oder weniger Erfolg unterworfen wird. Die soziogenetische und psychogenetische Untersuchung zielt darauf hin, die Ordnung der geschichtlichen Veränderungen, ihre Mechanik und ihre konkreten Mechanismen aufzudecken. Die Zusammenfassung im zweiten Band von Elias' 'Prozess der Zivilisation' nämlich der Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation unterstreicht noch einmal diese Zusammenhänge zwischen den Wandlungen im Aufbau der Gesellschaft und den Wandlungen des Verhaltens und des psychischen Habitus.


Elias hat 1968 diesem Werk eine längere Einleitung voraus gefügt, in welcher er die Soziologie des 20. Jahrhunderts kritisiert, dass sie sich vor allem auf Zustände und einem unspezifischen "sozialen Wandel" konzentriere. Elias ist aber kein Verfechter einer Evolution im Sinne des 19. Jahrhunderts. Der erste Band beschäftigt sich vor allem mit der Frage, ob (die auf verstreuten Beobachtungen beruhende Vermutung stimmt, dass) es langfristige Wandlungen der Affekt- und Kontrollstrukturen von Menschen bestimmter Gesellschaften gibt, die über eine Reihe von Generationen gehen. Betrachtet wird die Affektivität des Verhaltens (Affektkontrollen, die Regelung der individuellen Affekte durch Fremd- und Selbstzwänge), also die Veränderung von Persönlichkeitsstrukturen und die gleichzeitige verlaufende Gesamttransformation von Gesellschaften. Die Frage mit der sich der zweite Band beschäftigt: Ist es möglich, diese langfristige Wandlung der Persönlichkeits Strukturen mit langfristigen gesamtgesellschaftlichen Strukturwandlungen die ebenfalls in eine bestimmte Richtung gehen in Zusammenhang zu bringen? Im zweiten Band wird auch der Staatsbildungsprozess untersucht, sowie ein Entwurf einer Theorie der Zivilisation gezeichnet.


Elias untersucht das Problem des Zusammenhangs von individuellen psychischen Strukturen (Persönlichkeitsstrukturen) und von Sozialstrukturen. Diese beiden Strukturtypen sind nicht unwandelbare Strukturen sondern vielmehr sich wandelnde, interdependente Aspekte der gleichen langfristigen Entwicklung. Der entscheidende Unterschied des wissenschaftlichen Vorgehens und in der Vorstellung von den Aufgaben einer soziologischen Theorie zwischen Parsons und Elias: Das was sich bei Elias als Prozess erweist wurde von Parsons durch statische Begriffsbildungen auf Zustände reduziert.


Elias frägt, warum sich diese hoch entwickelte Gesellschaft zu diesem Stand der Differenzierung hin entwickelt hat. Die statischen Bezugsrahmen der vorherrschenden Systemtheorien lassen soziale Prozesse als etwas Zusätzliches erscheinen. Wie ist es zu erklären, dass für die Soziologie des 19. Jahrhunderts die langfristigen gesellschaftlichen Prozesse im Vordergrund des Forschungsinteresses standen und dass die Soziologie des 20. Jahrhunderts zu einer Zustandssoziologie geworden ist? Das Modell der langfristigen Gesellschaftsentwicklung folgt einer Art von heraklitischer Grundvorstellung- alles fließt während das Modell der Zustände von einer Art eleatischen Grundvorstellung (Flug des Pfeils als eine Serie von Ruhezuständen) geprägt ist.


Welche gedanklichen Modelle haben Bedeutung die -unabhängig von ihren Idealen- allein im Hinblick auf belegbare und nachprüfbare Sachzusammenhänge Bedeutung haben? Es geschehen spezifische Wandlungen in der Vorstellungswelt und dem Denkstil! Die Vorstellung von dem einzigartigen Wesen und Wert der eigenen Nation dient hier oft als Legitimation für den Führungsanspruch der eigenen Nation in der Gesamtheit der Völker.


Im 18. u. 19. Jahrhundert wurde Gesellschaft gedacht als 'bürgerliche Gesellschaft', also Aspekt des Zusammenlebens der Menschen die jenseits der staatlichen Aspekte zu liegen scheinen. viele Soziologen des 20. Jahrhunderts., wenn sie von Gesellschaft sprechen, nicht mehr wie ihre Vorgänger, von der bürgerlichen Gesellschaft oder einer menschlichen Gesellschaft jenseits der Staaten, sondern haben das verdünnte Idealbild eines Nationalstaates vor Augen. Gesellschaft also als etwas, das von der Realität des Nationalstaates abstrahiert wird. Da im Laufe des 20. Jahrhunderts die amerikanische Soziologie bei der Weiterentwicklung der theoretischen Soziologie eine Zeit lang eine führende Rolle übernimmt, so findet man entsprechend dem spezifischen Charakter des vorherrschenden amerikanischen Nationalideals, die gleiche Tendenz in dem herrschenden Theorietyp der Zeit (konservative und liberale Züge sind nicht strikt getrennt).


Kritik von Elias an Parsons Begriff des 'sozialen Systems'. Nach Parsons ist 'ein soziales System' eine Gesellschaft im Gleichgewicht. Gesellschaft ist normalerweise im Zustand der Ruhe. Alle zugehörigen Individuen sind durch die gleiche Art der Sozialisierung auf die gleichen Normen abgestimmt. Alle sind normalerweise wohl integriert, folgen in ihren Handlungen den gleichen Werten, füllen die Rollen aus und Konflikte kommen normalerweise nicht vor. Das was manfrau wünscht, wird mit sachlichen Beobachtungen unter mischt und als Tatsache hingestellt zu einem Gemisch von Sein und Sollen, von Sachanalysen und normativen Postulaten. Die Untersuchungen von Elias sollen auf die Möglichkeit hinweisen, das Studium der Gesellschaft aus der Knechtschaft der gesellschaftlichen Ideologien zu befreien.


Ist es gerechtfertigt eine scharfe Scheidelinie zwischen dem menschlichen 'Inneren' und einer 'Außenwelt' des Menschen zugrunde zu legen? Manfrau findet die Vorstellung vom 'Selbst im Gehäuse' bereits in der platonischen Philosophie, dann beim 'denkenden Ich' des Descartes, bei Leibniz' 'fensterlosen Monaden', beim Kantschen 'Subjekt der Erkenntnis', das nie so recht zum 'Ding an sich' vorzudringen vermag etc. Entfremdung als Ausdruck der Selbsterfahrung. Das Menschenbild des homo clausus. Wissenschaftliche Denkweisen können nicht entwickelt und können nicht Gemeingut werden, ohne dass Menschen sich von der primären Selbstverständlichkeit lösen, mit der sie alles Erfahrene zunächst unreflektiert und spontan aus seinem Zweck und Sinn für sich selbst zu verstehen suchen.


Der Übergang von einer zentral durch einen herkömmlichen Glauben legitimierten zu einer auf wissenschaftlicher Forschung beruhenden Naturerkenntnis und der Schub in der Richtung größerer Affektkontrollen, den dieser Übergang einschloß, stellte also einen Aspekt des im folgenden von andern Seiten her untersuchten Zivilisationsprozesses dar. Die Distanzierung des Denkenden von seinen Objekten im Akt des erkennenden Denkens und die Affektzurückhaltung, die sie erforderte stellt nicht als solche einen Akt der Distanzierung dar, sondern eine tatsächliche Distanz, als ein ewiger Zustand der räumlichen Trennung eines scheinbar im Inneren verborgenen Denkapparates, eines 'Verstandes', einer 'Vernunft', die durch unsichtbare Mauern von den Objekten 'draußen' abgetrennt ist. Die Verwandlung zwischenmenschlicher Fremdzwänge in einzelmenschliche Selbstzwänge führt dazu, dass viele Affektimpulse weniger spontan auslebbar sind. Was gibt nun eigentlich zu dieser Vorstellung eines 'Inneren' des Einzelmenschen Anlass, was ist die Kapsel, was ist das Abgekapselte?


Eine Kritik des neuzeitlichen Menschenbildes ist notwendig, um den Prozess der Zivilisation zu verstehen. Die Vorstellung von den absolut unabhängig voneinander entscheidenden, agierenden und 'existierenden' Einzelwesen, ist ein Kunstprodukt der Menschen, das für eine bestimmte Stufe in der Entwicklung ihrer Selbsterfahrung charakteristisch ist. Es beruht zum Teil auf einer Verwechslung von Ideal und Tatsache, zum Teil auf einer Verdinglichung der individuellen Selbstkontrollapparaturen und der Absperrung individueller Affektimpulse von der motorischen Apparatur. Diese Selbsterfahrung der eigenen Vereinzelung, der unsichtbaren Mauer, die das eigene 'Innen' von allen Menschen und Dingen 'draußen' absperrt, gewinnt im Laufe der Neuzeit für eine große Anzahl von Menschen die gleiche unmittelbare Überzeugungskraft, wie im Mittelalter die Überzeugung, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt wäre. Es ist eine offene Frage, wie weit das Gefühl der Vereinzelung und Entfremdung auf Ungeschick und Unwissenheit bei der Entwicklung individueller Selbstkontrollen zurückgeht. Nach Elias ist Gesellschaft weder eine Abstraktion von Eigentümlichkeiten gesellschaftslos existierender Individuen, noch ein System oder eine 'Ganzheit' jenseits der Individuen, sondern vielmehr das von Individuen gebildete Interdependenzgeflecht selbst.


Der Begriff 'Zivilisation' bezieht sich auf verschiedene Fakten: Stand der Technik, Art der Manieren, wissenschaftliche Erkenntnis, religiöse Ideen und Gebräuche, Art des Wohnens u. Zusammenlebens, gerichtliche Bestrafung, Zubereitung des Essens, etc. Prüfen und fragen: Was ist die allgemeine Funktion des Begriffes Zivilisation, wann ist etwas zivilisiert, wann schätzen wir etwas als zivilisiert ein? Dieser Begriff bringt das Selbstbewusstsein des Abendlandes zum Ausdruck, das Nationalbewusstsein. Er unterscheidet von früheren 'primitiveren' Gesellschaften. Kultur' ist das Wort durch das man im Deutschen sich selbst interpretiert. 'Kulturell' bezeichnet Wert und Charakter bestimmter menschlicher Produkte. 'Kultiviert' steht wiederum dem Zivilisationsbegriff nahe und bezeichnet Formen des Verhaltens oder Gebarens von Menschen.


Norbert Elias vermutet im ersten Band von 'Prozess der Zivilisation', dass es Kant gewesen sei, der einer bestimmten Erfahrung und Antithese seiner Gesellschaft zuerst in verwandten Begriffen Ausdruck gab.


Nach dem 30 jährigen Krieg ist Deutschland entvölkert und wirtschaftlich erschöpft. Verglichen mit Frankreich und England ist Deutschland und vor allem das deutsche Bürgertum im 17. u. 18. Jahrhundert arm, der Fernhandel ist verfallen und die Vermögen verstreut.

Dieses deutsche Bürgertum der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spricht eine andere Sprache als der König. Ideale und Geschmack der bürgerlichen Jugend und die Modelle nach denen sie sich verhalten, sind den seinen fast entgegengesetzt. Goethe und Lessing haben den Geschmack des Volkes weit mehr für sich als die französischen Klassiker.


Das wichtigste Präge- und Ausstrahlungszentrum der deutschen Mittelstandskultur war die Universität. Von ihr werden die Ideen ins Land getragen. Die deutsche Universität, war gewissermaßen das mittelständische Gegenzentrum des Hofes


Die Durchdringung bürgerlicher Kreise mit spezifisch aristokratischem Traditionsgut hatte in Frankreich ganz andere Ausmaße. Höfisches Bürgertum und höfische Aristokratie sprachen die gleiche Sprache, lasen die gleichen Bücher, hatten gleiche Manieren. Als das 'ancien régime' gesprengt wurde, als das Bürgertum zur Nation wurde, wurde vieles von dem was im Ursprunge spezifisch höfisch war zum Nationalcharakter.


Der Physiokratismus ist einer der theoretischen Ausdrücke von Fraktionskämpfen. Er ist ein nicht nur ökonomisches sondern ein groß angelegtes politisches und soziales Reformsystem (Turgot). Auf der anderen Seite die Merkantilisten (Forbonnais). In der Debatte zwischen diesen Fraktionen kommt bereits die Differenz innerhalb der modernen, industriellen Gesellschaft zu einem frühen Ausdruck, die Differenz zwischen stärker freihändlerischen und stärker protektionistischen Interessengruppen. Beide gehören zu der mittelständischen Reformbewegung.


Das Wirtschaftsleben der Gesellschaft wird als ein mehr oder weniger selbsttätiger Prozess, als ein geschlossener Kreislauf von Produktion, Zirkulation und Reproduktion der Güter dargestellt. Die Entwicklungsgänge der Wirtschaft, der Bevölkerung, schließlich der gesamten Gesittung werden als ein großer Zusammenhang betrachtet, das alles als ein großer Kreislauf, ein ständiges Auf und Ab. Quesnay spricht von natürlichen Gesetzen des Zusammenlebens im Einklang mit der Vernunft.


Ein Ausdruck und Spiegelbild dieser Reformideen ist der Begriff 'civilisation' der zunächst Ausdruck für die spezifische Hellsicht des Oppositionellen, des Gesellschaftskritikers ist. Auch das 'Zivilisiert-Sein' wird als Ausdruck eines Kreislaufs erkannt. Das ist der Sinn des Wortes 'Zivilisation' in diesem frühen Stadium seines Gebrauchs. Nach Mirabeau steht die echte Zivilisation im Kreislauf zwischen der Barbarei und der falschen der 'dekadenten' Zivilisation, die durch einen Überfluss an Geld erzeugt wird. Es gilt auf einer mittleren Linie zwischen Barbarei und Dekadenz durch zu steuern. Ein Gedeihen der Gesellschaft zwischen diesen beiden Positionen.

Im zweiten Kapitel seines 'Prozesses der Zivilisation' geht Norbert Elias auf 'Zivilisation' als einer spezifischen Änderung des menschlichen Verhaltens ein. Erasmus von Rotterdam wird als 'Zeitzeuge' aufgerufen und als Propagator eines Zivilisationsbegriffes erkannt. Der Begriff 'civilité' erhielt seine Bedeutung für die abendländische Gesellschaft in jener Zeit, in der die Rittergesellschaft und die Einheit der katholischen Kirche zerbrach. Er ist die Inkarnation einer Gesellschaft, die als Station der abendländischen Gesittung oder 'Zivilisation' so wichtig wurde wie zuvor die Feudalgesellschaft. Ausgangspunkt: 16. Jahrhundert Schrift von Erasmus von Rotterdam : 'De civilitate morum puerilium', 1530. Sie behandelte offenbar ein Thema, über das zu reden an der Zeit war. Erasmus gab dem alt bekannten und oft gebrauchten Wort 'civilitas' durch seine Schrift einen neuen Impuls.


In der Schrift des Erasmus von Rotterdam zeichnet sich eine bestimmte Art des gesellschaftlichen Verhaltens ab. War er der erste, der sich mit solchen Fragen beschäftigte? Keineswegs! Wo immer manfrau beginnt, ist Bewegung, ist etwas, das vorausging. Das Mittelalter hat eine Fülle von Mitteilungen. Essen und Trinken standen noch in ganz anderem Maße im Mittelpunkt des geselligen Lebens als heute. Verhaltensvorschriften der Kleriker bzw. der Klerikergesellschaft dann Zeugnisse aus dem Umkreis der ritterlich-höfischen Gesellschaft.


Der mittelalterliche Standard war ganz gewiss kein 'Anfang' oder eine 'unterste Stufe' des Prozesses der 'Zivilisation'. Es war ein anderer Standard als unserer. Und uns interessiert der kleine Weg vom Standard des Mittelalters zum Standard der frühen Neuzeit und zu verstehen, was da eigentlich mit dem Menschen vorging. Der Standard des guten Benehmens im Mittelalter ist durch den Begriff 'courteoisie' repräsentiert. Dieser Inbegriff des Selbstbewusstseins hieß im englischen courtesy, im italienischen cortezia, im deutschen hövescheit, hübescheit, zuht.


Vom 16. Jahrhundert ab kommt die Gabel von Italien her zunächst in Frankreich, dann England und Deutschland als Essinstrument in Gebrauch. Die Höflinge Heinrich III. wurden zuerst wegen ihrer 'affektierten' Art zu essen verspottet.


Die Manierenschriften der Humanisten bilden gewissermaßen die Brücke zwischen denen des Mittelalters und denen der neueren Zeit. Auch die Schrift des Erasmus, Gipfelpunkt in der Reihe der humanistischen Manierenschriften hat dieses Doppelgesicht. Sie steht in vielem durchaus im Zuge der mittelalterlichen Tradition. Aber zugleich sind in ihr offenbar Ansätze zu etwas Neuem enthalten. Mit ihr entwickelt sich allmählich jener Begriff, der den ritterlich-feudalen Begriff von Höflichkeit in den Hintergrund drängte.

Die Haltung des Erasmus distanziert sich, es fehlt die Identifizierung mit der Oberschicht und das verbindet ihn mit der späteren deutschen Intelligenz. Das Maß der Distanzierung die Erasmus besitzt, weist auf eine Phase der Lockerung zwischen zwei Epochen, die durch festere Gesellschaftshierarchien charakterisiert ist. Die Tradition der 'courtoisie' wird in vielem von der Gesellschaft, die den Begriff der 'civilitas' zur Bezeichnung des gesellschaftlichen 'guten Benehmens' wählt weitergeführt. Die verstärkte Neigung der Menschen, sich und andere zu beobachten, ist eines der Anzeichen dafür, wie nun die ganze Frage des Verhaltens einen anderen Charakter erhält.


Elias präsentiert nun sein empirisches Material über das Verhalten beim Essen, teilt einige Gedanken zu den Zitaten über die Tischgebräuche und gibt einen Überblick über die Gesellschaften, zu denen die zitierten Schriften sprachen. Keine einzelnen Menschen haben die Essensgebote ihrer Zeit erfunden. Die Manierenschriften des 16. Jahrhunderts sind Verkörperungen der neuen höfischen Aristokratie, aus Elementen verschiedener sozialer Herkunft. Menschen die in dem Modell gebenden Kreis selbst leben, brauchen keine Bücher, um zu wissen, wie 'manfrau' sich benimmt.


Als 'Courtoisie' bezeichnete manfrau ursprünglich die Verhaltensform der größeren, ritterlichen Feudalherren. Es kam auch in bürgerlichen Kreisen in Gebrauch. Mit dem langsamen Absterben des ritterlich-feudalen Kriegeradels und der Herausbildung einer neuen absolutistisch-höfischen Aristokratie im Laufe des 16. u. 17. Jahrhunderts wird langsam der Begriff 'Civilité' hoch getragen. Courtoisie kommt im Laufe des 17. Jahrhunderts aus der Mode. 'Courteoisie' erscheint jetzt geradezu als ein bourgoiser Begriff.


In der Zeit bis zum 15. Jahrhundert bleibt der Standard der Esstechnik, der Grundstock des gesellschaftlich Verbotenen und Erlaubten in den wesentlichen Zügen ziemlich gleich. Erst die mittelalterliche Phase mit Höhepunkt in der ritterlich-höfischen Blütezeit, markiert durch das Essen mit den Händen. Dann eine Phase relativ rascher Bewegung und Veränderung, etwa das 16., 17. und 18. Jahrhundert umfassend, in der die Zwänge zur Durchformung des Verhaltens beim Essen dauernd in einer Richtung vorangetrieben werden. Am Ende des 18. Jhs. ist jener Standard der Essgebräuche erreicht der in der ganzen 'zivilisierten' Welt als selbstverständlich gilt.


Wie bei den Umgangsformen gibt es eine Art von Doppelbewegung: Verhöflichung bürgerlicher Menschen, Verbürgerlichung höfischer Menschen oder genauer: bürgerliche werden durch das Verhalten höfischer Menschen, höfische durch das Verhalten bürgerlicher Menschen beeinflusst. Die Sprache ist eine der zugänglichsten Manifestationen dessen, was wir als 'National-Charakter' empfinden. Die Art, wie die Sprache sich entwickelt und geprägt wird, entspricht einer bestimmten Art des gesellschaftlichen Aufbaus. Die Sprache ist eine der Verkörperungen des Gesellschafts- oder Seelenlebens. Sprache ist nichts als Laut gewordene menschliche Beziehung.


Gerade die Parallele zwischen der Zivilisierung des Essens und der des Sprechens ist in dieser Hinsicht recht lehrreich. Sie macht deutlich, dass die Veränderung des Verhaltens beim Essen Teil einer sehr umfassenden Wandlung der menschlichen Empfindungen und Haltungen ist.


Bestimmte Verhaltensweisen in einer Schicht oft über das ganze Abendland hin, während andere Verhaltensweisen in anderer Schicht. Daher sind die Unterschiede im Verhalten zwischen verschiedenen Ständen der gleichen Region oft größer, als die zwischen regional getrennten Vertretern der gleichen Schicht. Abgeschlossenheit der Stände. Im Mittelalter kommt bei der Oberschicht das tote Tier als Ganzes auf den Tisch und das Tier wird auf der Tafel zerlegt.


Auch das Messer in der Art seines gesellschaftlichen Gebrauchs ist Inkarnation der Seelen, ihrer veränderten Triebe, Wünsche, geschichtlicher Situationen und gesellschaftlicher Aufbaugesetze. Der Anblick eines gegen das Gesicht gerichteten Messers erweckt Angst. "Richte nicht dein Messer gegen dein Gesicht, denn darin ist viel Schrecken." Hier ist die emotionale Basis des strengen Tabus. Ein gesellschaftliches Ritual bildet sich aus dieser Gefahr, weil sich die gefährliche Geste ganz allgemein als Unlust bringend, als Todes und Gefahrensymbol im Gefühl verfestigt.


Die Schrift des Erasmus markiert auch hier einen Punkt in der Zivilisationskurve, einen Vorstoß der Schamgrenze, aber auch einen Mangel an Scham. Aber es ist ganz deutlich, dass diese Schrift gerade die Funktion hat, Schamgefühle zu züchten. Die Konditionierungstaktiken werden primär durch das Peinlichkeits- und Schamgefühl der Erwachsenen begründet. Eine genauere Triebregelung und Zurückhaltung der Affekte fordern und erzwingen zunächst die sozial Höherstehenden von den sozial Niedrigstehenderen.


In der mittelalterlichen Gesellschaft schneuzte manfrau sich mit den Händen. Die Höflichkeit der Courtoisie: Mit der Linken schneuzen, mit der Rechten das Fleisch nehmen. Keine peinlichen Empfindungen im Mittelalter wenn manfrau sich die Finger beschmutzt. Zur Zeit des Erasmus ist das Taschentuch zwar bekannt aber manfrau schneuzt sich noch links und rechts und vielleicht etwas vom Tisch abgewandt.


Das Spucken bildet ein besonders anschauliches Exempel dafür, wie sich die Zivilisation des Verhaltens produzierte. Im Mittelalter war es nicht nur ein Brauch, sondern offenbar ein allgemeines Bedürfnis, häufig zu spucken. Auch in der ritterlich-höfischen Oberschicht selbstverständlich. Das heutige Spuckverbot unterscheidet von anderen Verboten, dass sich hier die Fremdzwänge mehr oder weniger vollkommen in Selbstzwänge verwandelt haben. Rationale Einsicht ('Hygiene') war nicht die primäre Ursache der Furcht- und Peinlichkeitsgefühle, nicht der Motor der Zivilisation oder der Antrieb zur Veränderung des Verhaltens. Die rationale Einsicht kommt dem Menschen erst in einer späten Phase (19. Jahrhundert), gewissermaßen erst nachträglich.


Im Mittelalter war es gewöhnlich, dass viele (einander fremde) Menschen in einem Raum übernachteten. Einander fremde Menschen schlafen in einem Bett. Das gilt als selbstverständlich und ist in keiner Weise anstößig. Völlig ausgezogen oder völlig angezogen. Der Anblick völliger Nacktheit war die alltägliche Regel bis ins 16. Jahrhundert. Die Menschen waren 'kindlicher'. Das zeigen die Schlaf- und Badesitten.



Das Schamempfinden, das die sexuellen Beziehungen der Menschen umgibt, hat sich im Prozess der Zivilisation beträchtlich verändert und verstärkt. Was dem Betrachter des 19. Jahrhunderts als 'gemeinste Darstellung der Wollust' erscheint, ist für Erasmus und seine Zeitgenossen ein Mustergespräch und Wunschbild. Das 16. Jahrhundert wusste nicht viel von Prüderie und legte den Schülern in ihren Übungsbüchern Sätzen vor, für die sich heutige Pädagogen bedanken würden. 'Ist das Bett beschritten, ist das Recht erstritten'. So hieß es im späteren Mittelalter. Ein anderer Standard des Schamgefühls, als der, der dann im 19. u. 20. Jahrhundert herrschend wird, wo alles was das sexuelle Leben betrifft, in relativ hohem Maße verdeckt und hinter die Kulissen verwiesen wird.


Korrespondenz Gesellschaftsaufbau -- Ich-Aufbau. Die Ausrichtung der Zivilisationsbewegung auf eine immer stärkere und vollkommenere Intimisierung aller körperlichen Funktionen, auf ihre Einklammerung in bestimmten Enklaven, ihre Verlagerung 'hinter verschlossene Türen' hat Konsequenzen sehr verschiedener Art. Es scheiden sich mit anderen Worten im Leben der Menschen selbst mit der fort schreitenden Zivilisation immer stärker eine intime oder heimliche Sphäre und eine öffentliche Sphäre, ein heimliches Verhalten und ein öffentliches Verhalten von einander.


Das Affektgefüge des Menschen ist ein Ganzes auch wenn wir einzelne Triebäußerungen unterscheiden. Diese ergänzen und ersetzen sich, bilden eine Art von Stromkreis im Menschen. Die Entladung der Affekte im Kampf war vielleicht im Mittelalter nicht mehr ganz so ungedämpft wie in der Frühzeit der Völkerwanderung. In der mittelalterlichen Gesellschaft gehören Raub, Kampf, Jagd zu den Lebensnotwendigkeiten und treten offen zutage. Für die Mächtigen und Starken gehört es zu den Freuden des Lebens. Gefangene werden verstümmelt, Brunnen verschüttet, Bäume abgehauen, Felder verwüstet. Das Gros der weltlichen Oberschicht des Mittelalters führte das Leben von Bandenführern. Der Krieger des Mittelalters liebte den Kampf nicht nur, er lebte darin, sein Leben hatte keine andere Funktion.


Wenig ist hinter die Kulissen verlegt. Das Peinlichkeitsempfinden der mittelalterlichen Oberschicht verlangt noch nicht, dass alles Vulgäre hinter die Kulissen des Lebens und damit auch der Bilder verdrängt wird. Herrenbewusstsein und selbstsichere Verachtung der anderen. Die oberste Schicht ist eine Kriegerschicht. Erst später wird die Oberschicht auch von den anderen Schichten abhängig. Im Mittelalter ist die Welt um den Ritter zentriert. Die erotische Beziehung zwischen Mann und Frau ist sehr viel unverdeckter als in der späteren Phase. Die Nacktheit ist noch nicht mit Schamgefühlen belegt.


Im Mittelalter Kämpfe zwischen Adel, Kirche, Fürsten um Anteile an der Herrschaft und Ertrag des Landes. Im Laufe des 12. u. 13. Jahrhunderts eine weitere Gruppe im Kräftespiel: die privilegierten Stadtbewohner, das 'Bürgertum'. Macht sammelt sich in der Hand der Fürsten. Die Fürstenhöfe werden zu den eigentlich Stil bildenden Zentren des Abendlandes. Die maßgebende höfische Gesellschaft bildet sich in Frankreich. Das Zeitalter des Absolutismus. Was in dieser Veränderung der Herrschaftsform zum Ausdruck kommt ist eine Strukturveränderung der abendländischen Gesellschaft im ganzen. Mit der allmählichen Bildung dieser absolutistisch-höfischen Gesellschaft vollzieht sich auch eine Umformung des Triebhaushalts und des Verhaltens der Oberschicht im Sinne der Zivilisation.


Es fehlt uns heute eine sprachliche Apparatur, die dem allmählichen Gleiten all dieser Prozesse angepasst ist.
Es ist ein unpräzises und vorläufiges Hilfsmittel, wenn manfrau sagt: Die Gebundenheit der Menschen und ihrer Triebäußerungen wurde 'größer', die Integration 'enger', die Interdependenz 'stärker'. Es kommt an die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit nicht ganz heran. Unsere Begriffe sind zu undifferenziert; sie haften zu sehr am Bild materieller Substanzen.





Die Frühform einer solchen 'Gesellschaft' bildet sich langsam an den großritterlichen Feudalhöfen heraus. Hier mit der Größe der Gutserträge, dem Anschluss an das Handelsnetz, mehr Menschen Dienste suchend, hier sind mehr Menschen zu einem friedlichen Umgang gezwungen und verbunden. Die Courtoise ist ein Schritt auf dem Weg, der zu unserer Triebmodellierung führt, ein Schritt in Richtung der 'Zivilisation'. Elias frägt: Was sind Grundlinien aus dem Triebwerk der gesellschaftlichen Prozesse, die zur Gestaltung der Gesellschaft im Sinne des 'Feudalsystems' führen und zu Beziehungen, die sich im Minnesang ausdrücken?


Die Neigung, von einzelnen Urhebern her zu denken, die Denkgewohnheiten, nach den individuellen Schöpfern gesellschaftlicher Transformationen zu fragen machte diese Prozesse und Institutionen so unangreifbar für das nachdenkende Bewusstsein, wie es ehemals für die scholastischen Denker die Naturprozesse waren. Wenn manfrau nach den gesellschaftlichen Prozessen fragt, muss manfrau unmittelbar im Geflecht der menschlichen Beziehungen in der Gesellschaft selbst die Zwänge suchen die sie in Bewegung halten.


Im Mittelalter: Boden wird knapp. Innere und äußere Kolonisation gehen Hand in Hand. Am Beginn der Kreuzzüge stehen der Druck und die verschlossenen Chancen in der Heimat. Die Spannungen im Innern dieser Gesellschaft kamen nicht nur als Verlangen nach Boden und Brot zum Ausdruck. Sie lasteten als seelischer Druck auf dem ganzen Menschen. Der gesellschaftliche Druck gab die bewegende Kraft, wie ein Motor Strom gibt. Die abendländische Ausbreitungsbewegung bekam den Hauptimpuls aus der Landnot der Ritter. Neue Böden konnten nur mit dem Schwert erobert werden.


Das so genannte Feudalsystem das im 12. Jahrhundert deutlicher hervortritt, ist nichts anderes als die Abschlussform dieser Expansionsbewegung im agrarischen Sektor der Gesellschaft; im städtischen hält diese Bewegung noch etwas an und findet ihre Abschlussform im geschlossenen Zunftsystem. Das Land ist verteilt. Aus einer Gesellschaft mit relativ offenen Chancen, wird im Laufe einiger Generationen eine Gesellschaft mit mehr oder weniger geschlossenen Positionen. Individuelle Angewiesenheiten stellen sich her. Man (eher ohne frau? :-) geht Bündnisse ein. Der im Heer höher Rangierende ist 'Lehnsherr', der sozial Schwächere der 'Vasall'.



Die Grundherren, die besser platziert sind und die größeren Chancen haben, belegen die feudale Bewegung mit Beschlag. Sie fixieren es zuungunsten ihrer Vasallen. Eine Reaktion im Sinne einer Konsolidierung. Nach einer Phase des freieren Konkurrenzkampfes verschiebt sich das Gleichgewicht zugunsten der wirtschaftlich stärkeren Gruppen. Die wenigen reicheren und größeren Grundherren gewinnen an gesellschaftlicher Stärke gegenüber den vielen kleinen. Das Wachstum des Handels- und Geldverkehrs kommt den wenigen, reichen und großen Grundherren in ganz anderem Maße zugute als dem Gros der kleinen, die leben wie sie bisher gelebt haben. Auch die wachsenden Handwerker- und Händlersiedlungen, die Städte, schließen sich meist an die Festungen und Verwaltungszentren der großen Herrschaften an und stärken diese durch die Abgaben an sie. Das Schicksal Walthers von der Vogelweide ist typisch. Bei geringen Expansionsmöglichkeiten der Gesellschaft, desto größer die Reservearmee der Oberschicht.


Wachsende Verflechtung und Zusammenwachsen zu einer 'Erdgesellschaft'? Das Wachstum der Integrations- und Herrschaftseinheiten zu immer weiteren Größeneinheiten ist immer zugleich ein Ausdruck für strukturelle Veränderungen im Aufbau der Gesellschaft und der menschlichen Beziehungen selbst. Das Geflecht der Angewiesenheiten und Abhängigkeiten, die sich im Einzelnen kreuzen werden größer und seiner Struktur nach anders. In Korrespondenz damit verändert sich auch die Modellierung des Verhaltens und des ganzen emotionalen Lebens, die Gestalt des Seelenhaushalts.


Die erste Station des aufsteigenden Königshauses sind Konkurrenzkämpfe und Monopolbildung im Rahmen eines Territoriums. In jedem Territorium gelingt es früher oder später durch die Akkumulation von Landbesitz eine Vormachtstellung, Hegemonie oder Monopolstellung zu gewinnen, zuungunsten der vielen kleinen und mittleren Ritterfamilien. Der Mechanismus der Vormachtbildung ist immer der gleiche. Durch Akkumulation des Besitzes, wachsen einzelne Unternehmungen aus dem Konkurrenzbereich heraus und kämpfen miteinander bis nur mehr eines oder zwei einen bestimmten Zweig der Wirtschaft kontrollieren und beherrschen.


Die finanziellen Mittel die der gesellschaftlichen Zentralgewalt zufließen halten das Gewaltmonopol aufrecht, das Gewaltmonopol hält das Abgabenmonopol aufrecht. Es handelt sich um zwei Seiten der gleichen Monopolstellung. Erst mit der Herausbildung dieses beständigen Monopols der Zentralgewalt und dieser spezialisierten Herrschaftsapparatur nehmen die Herrschaftseinheiten den Charakter von 'Staaten' an. Mechanismus der Monopolbildung. Je mehr Menschen durch das Spiel des Monopolmechanismus in Abhängigkeit geraten, desto größer wird die gesellschaftliche Stärke zwar nicht der einzelnen Abhängigen, aber der Abhängigen als eines Ganzen im Verhältnis zu den wenigen oder dem einen Monopolisten.


Überall versuchen die Einheiten zweiter Stärke einen Block gegenüber jener Einheit zu bilden, die durch Zusammenschluss vieler Gebiete der Vormachtstellung am nächsten ist; eine Blockierung provoziert die andere; wie lange das Spiel auch hin und her geht, das System als Ganzes tendiert zum festeren Zusammenschluss immer größerer Gebiete um ein Zentrum zur Konzentrierung der wirklichen Entscheidungsgewalt bei immer weniger Einheiten und schließlich in einem einzigen Zentrum. Aus einer Kriegergesellschaft mit relativ freier Konkurrenz ist eine Gesellschaft mit monopolartig beschränkter Konkurrenz geworden.


Es gibt noch kein allgemeines oder übergreifendes 'Recht', denn es gibt noch keine übergreifende Macht, die ein solches Recht durchsetzen kann. Erst im Zusammenhang mit der Bildung von Gewaltmonopolen, mit der Zentralisierung der Herrschaftsfunktionen setzt sich ein allgemeineres Recht, ein gemeinsamer Rechtscode für große Gebiete durch. Das Besitztum der Königsfamilie hat sehr stark den Charakter eines kleinen Familienunternehmens. Apaganierte, werden zu Konkurrenten eines geschwächten Zentralhauses. Der Konkurrenzkampf ist jetzt auf wenige Abkömmlinge des ursprünglichen Zentralhauses selbst beschränkt. Der Erdteil Europa als Ganzes beginnt ein interdependentes Ländersystem mit einer eigenen Gleich- und Schwergewichtsdynamik zu werden, innerhalb dessen jede Stärkeverschiebung mittelbar oder unmittelbar jede einzelne Einheit, jedes Land, in Mitleidenschaft zieht.


In der gesellschaftlichen Position des großen Feudalherren, des Fürsten vereinigte sich die Funktion des reichsten Mannes, des Besitzers der größten Produktionsmittel seines Gebietes, mit der Funktion des Herrschenden, des Besitzers der militärischen Verfügungsgewalt und der Jurisdiktion. Das Schlüsselstück jedes Herrschaftsmonopols, das Monopol der körperlichen, der militärischen Gewaltausübung, über größere Gebiete hin eine feste und stabile gesellschaftliche Institution bildet, während es sich in der vorangehenden Phase durch jahrhundertelange Kämpfe hindurch erst langsam entwickelt und zwar zunächst in der Form eines privaten, eines Familienmonopols. Für alle naturalwirtschaftlichen Kriegergesellschaften (nicht nur für sie) ist das Schwert ein sehr nahe liegendes, ein unentbehrliches Mittel zum Erwerb von Produktionsmitteln und die Gewaltandrohung ein unentbehrliches Mittel der Produktion.


Aus der Verflechtung von unzähligen individuellen Interessen und Absichten entsteht etwas, das so wie es ist, von keinem Einzelnen geplant oder beabsichtigt worden ist, und das doch zugleich aus Absichten und Aktionen vieler Einzelner hervorging. Und das ist eigentlich das ganze Geheimnis der gesellschaftlichen Verflechtung, ihrer Zwangsläufigkeit, ihrer Aufbaugesetzlichkeit, ihrer Struktur, ihres Prozesscharakters und ihrer Entwicklung; dies ist das Geheimnis der Soziogenese und der Beziehungsdynamik.


Tendenzen zu einer Art von 'Vergesellschaftung' zeigen sich, wenn der Besitz oder der Verfügungsbereich von Zentralherren sehr groß zu werden beginnt (in vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaften). Was wir 'Feudalismus' nennen und was oben als das Wirken der zentrifugalen Kräfte beschrieben wurde, ist nichts anderes als der Ausdruck solcher Tendenzen; sie zeigen an, dass die funktionelle Abhängigkeit eines Herrn von seinen Dienern, also von breiteren Schichten, im Wachsen ist; sie führt zum Übergang der Verfügungsgewalt über Böden und (kriegerische) Machtinstrumente aus der Hand des Zentralherrn in die der nächsten Diener. Vergesellschaftung bedeutet eine Auflösung des zentralisierten Monopols. Wenn ein Gesellschaftsverband sich als Ganzes reicher differenziert dann erst werden regulierende und koordinierende Zentralorgane für die Aufrechterhaltung des ganzen gesellschaftlichen Getriebes so unentbehrlich, dass sie nicht mehr aufgelöst werden können.


An den Zentralorganen sind, wie an jeder anderen gesellschaftlichen Formation, zwei Charaktere zu unterscheiden: Ihre Funktion innerhalb des Menschengeflechts dem sie angehören, und die gesellschaftliche Stärke, die sich jeweils mit dieser Funktion verbindet. Was wir 'Herrschaft' nennen, ist in einer hohen differenzierten Gesellschaft nichts anderes als die besondere gesellschaftliche Stärke, die bestimmte Funktionen, die vor allem die Zentralfunktionen ihren Inhabern im Verhältnis zu den Inhabern anderer Funktionen verleihen. Die Veränderungen in der gesellschaftlichen Stärke der Zentralfunktionäre, sind sichere Anzeichen für spezifische Veränderungen der Spannungsverhältnisse im Innern der ganzen Gesellschaft.


Am Ausgang des Mittelalter erlangt der Zentralherr eine überaus große gesellschaftliche Stärke. Gerade in dieser Zeit gewinnt der Kreislauf der funktionsteiligen Aktionsketten eine immer größere Weite und Festigkeit. Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Prozesse, der Funktionärscharakter der Zentralgewalt macht sich nun bereits stärker geltend als im Mittelalter.


In den Beziehungen einzelner Menschen (wie auch in Funktionsschichten) zeigt sich eine spezifische Zwiespältigkeit oder gar eine Vielspältigkeit der Interessen um so stärker, je weiter und reicher gegliedert das Netz der Interdependenzen wird. Alle Menschen sind hier in irgendeiner Form aufeinander angewiesen; sie sind potentielle Freunde und Verbündete zugleich Interessengegner, Konkurrenten oder Feinde. Diese Vielspältigkeit der Interessen ist eine der folgenreichsten Struktureigentümlichkeiten der höher differenzierten Gesellschaften und eine der wichtigsten Prägeapparaturen für das zivilisierte Verhalten.


Nun folgt der Schlüssel zum Verständnis der Veränderungen in der gesellschaftlichen Stärke der Zentralfunktionäre. Wer in dieser Konstellation, in einer solchen, durch entscheidungslose Kämpfe ermüdeten und unruhigen Gesellschaft die Verfügung über die obersten Regulations- und Kontrollorgane erlangen kann, hat die Chance, den Kompromiss zur Erhaltung der bestehenden Gewichtsverteilung zwischen den gespaltenen Interessen zu erzwingen. Die verschiedenen Interessengruppen können weder auseinander noch zueinander; das macht sie zur Erhaltung ihrer aktuellen sozialen Existenz auf die oberste Koordinationszentrale in ganz anderem Maße angewiesen. Es macht sie abhängig. Die Stunde der Zentralgewalt innerhalb einer reich differenzierten Gesellschaft rückt heran, wenn die Interessenambivalenz der wichtigsten Funktionsgruppen so groß wird UND die Gewichte sich zwischen ihnen so gleichmäßig verteilen, dass es weder zu einem entschiedenen Kompromiss, noch zu einem entschiedenen Kampf und Sieg zwischen ihnen kommt.


Wenn sich der Zentralherr zu stark mit einer der Gruppen identifiziert, wenn die Distanz zwischen ihm und irgendeiner Gruppe sich allzu sehr verringert, ist früher oder später die gesellschaftliche Stärke seiner eigenen Position bedroht.
Denn diese Stärke hängt davon ab, dass ein gewisses Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Gruppen und ein gewisses Maß von Kooperation oder Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Interessen einer Gesellschaft besteht; aber sie hängt auch davon ab, dass starke und ständige Spannungen und Interessengegensätze zwischen ihnen vorhanden sind.


Verschiedene Teile der Gesellschaft halten sich an sozialer Stärke annähernd die Waage; die Spannungen zwischen ihnen kommen in einer Reihe von Kämpfen zum Ausdruck, aber keine Seite kann die andere besiegen oder vernichten; sie können nicht zusammenkommen, weil jede Stärkung der einen Seite die soziale Existenz der anderen bedroht; sie können nicht auseinander,weil ihre soziale Existenz interdependent ist. Das ist die Situation, die dem König, dem Mann an der Spitze, dem Zentralherrn seine optimale Macht gibt.


Es sind weit mehr die Mechanismen der vordringenden Monetarisierung und Kommerzialisierung, als bewusste Anschläge bürgerlich-städtischer Kreise, die am Ausgang des Mittelalters das Gros der ritterlichen Feudalherren bergab drängen. Die gesellschaftliche Institution des Königtums erlangt ihre größte gesellschaftliche Stärke in jener Phase der Gesellschaftsgeschichte, in der ein schwächer werdender Adel mit aufsteigenden bürgerlichen Gruppen rivalisieren muss. Die rascher fortschreitende Monetarisierung und Kommerzialisierung des 16. Jahrhunderts gibt bürgerlichen Gruppen einen mächtigen Auftrieb und drückt den Adel beträchtlich herab. Gemeinsam ist dem dritten Stand (1.= Klerus, 2. = Adel) vor allem ein Interesse: Das Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer verschiedenen Privilegien.


In der Gesellschaft des 9. u. 10. Jahrhunderts gibt es zwei Schichten von Freien, die Kleriker und die Krieger. Die Angewiesenheit der Krieger ist (vor allem in Friedenszeiten) vom König gering. Die Angewiesenheit der Kleriker ist größer. Das Königtum erhält eine Art von sakralem Charakter, es wird gewissermaßen zu einer kirchlichen Funktion. Die enge Verbindung des Königshauses mit der Kirche macht die Klöster, Abteien und Bistümer im Gebiete anderer Territorialherren zu Bastionen des Königtums.


In der mittelalterlichen Welt lebt jeder Stand in einem Bezirk für sich und sie konkurrieren noch nicht häufig. Erst allmählich erfassen die Könige den Nutzen der Städte und es braucht Zeit bis erkannt wird, dass sie eine gewaltige Vergrößerung der eigenen Chancen bedeutet. Dann aber fördern sie mit großer Konsequenz die Interessen dieses dritten Standes (Bürger), soweit es ihren eigenen Interessen entspricht. Die Mehrzahl der Bürgerlichen aber gelangt durch das Studium, durch die Kenntnis des kanonischen und römischen Rechts in die höheren Bezirke des Herrschaftsapparats.


Die Hofämter, die vielen Ämter des königlichen Haushalts werden dem Adel vorbehalten. Damit finden viele bezahlte Stellen; auch die Nähe zum König gibt diesen Stellen ein hohes Prestige. Die Hofämter werden zu einem Monopol des Adels. Das Doppelgesicht des absolutistischen Hofes entspricht genau diesem zwiespältigen Verhältnis von König und Adel. Dieser Hof ist ein Instrument zur Beherrschung des Adels und gleichzeitig ein Instrument zu seiner Versorgung.


In der vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaft empfindet manfrau Steuern als etwas vollkommen Unerhörtes; manfrau steht zu solchen Maßnahmen nicht sehr viel anders als zu Raubzügen oder zum Nehmen von Zins. Die Bürger haben sich mit der Waffe ihre Stadtfreiheit erkämpft. Nun kommt der Brauch auf, auch die Stadtbewohner, die 'Bourgeois', zu Kriegsdiensten heranzuziehen. Die Stadtbewohner ziehen es aber bald vor, dem Territorialherren statt der Kriegsdienste Geld anzubieten, damit er sich Krieger mieten kann. So wird aus diesen städtischen Geldzahlungen zur Ablösung der Kriegsdienste ziemlich rasch ein fester Brauch oder eine Institution.


Die bürgerliche Oberschicht steht nicht nur in einem Spannungsverhältnis zu den weltlichen und geistlichen Feudalherren, sondern auch zu den unteren, städtischen Schichten. Hier ist es vor allem die Uneinigkeit der städtischen Schichten selbst, die den Zentralherrn begünstigt. Nicht nur die soziale sondern auch die regionale Zerspaltenheit begünstigt die Zentralfunktion. Jeder einzelnen Schicht, jeder einzelnen Region gegenüber ist die Zentralfunktion der stärkere Teil. Immer wieder ist es die in der Hand der Zentrale konzentrierte Kriegsmacht, die die Verfügungsgewalt der Zentralfunktion über die Abgaben sichert und steigert, und es ist die konzentrierte Verfügung über die Steuern, die eine immer stärkere Monopolisierung der physischen Gewaltausübung, der Kriegsmacht, ermöglicht.


Die weltliche Gesellschaft des französischen ancien régime besteht aus zwei Sektoren (ländlich-agrarischer und städtisch-bürgerlicher). In beiden gibt es eine Unterschicht (Bauern und städtische Masse der Gesellen, Arbeiter). In beiden gibt es eine Mittelschicht (Land-, Provinzadel und wohlhabende Kaufleute, Gerichts- und Verwaltungsbeamte). Der König hält das Spannungsgleichgewicht mit Sorgfalt aufrecht. Er sichert die Privilegien und das gesellschaftliche Prestige des Adels gegenüber der wachsenden, ökonomischen Stärke bürgerlicher Gruppen.


Eine Funktion im Sinne der heutigen arbeitsteiligen Nationen hat dieser Adel nicht gehabt. Der Adel hat eine Funktion für den König. Er gehört zu den Fundamenten seiner Herrschaft. Er ermöglicht es dem König, sich vom Bürgertum zu distanzieren, wo wie es ihm ermöglicht ist sich durch das Bürgertum vom Adel zu distanzieren. Der Adel hält dem Bürgertum in der Gesellschaft das Gegengewicht. Ohne diese Spannung zwischen Adel und Bürgertum verlöre der König den größten Teil seiner Verfügungsgewalt.

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Die Theorie der Zivilisation aus dem zweiten Band
kommt Anfang bis Mitte Juli 2007


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