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20070510

Langzeitarbeitslosigkeit Entfremdung Anomie sk-33

Reale Konflikte sind immer auch sichtbare Konflikte. Die Mehrheitsklasse führt ihre Umverteilungsgefechte weiter. Das bleierne Gewicht der erdrückenden Mehrheit.

Klassen sind nicht mehr die vorherrschende Basis des Konflikts.

In offenen Gesellschaften individualisiert sich der soziale Konflikt.

(Anmerkung: Die 'Individualisierung sozialer Ungleichheit' hat Ulrich Beck, 1986, im Buch 'Risikogesellschaft' näher ausgeführt. Ich arbeite derzeit an einem diesbezüglichen Exzerpt. Kommt in Kürze. Und kurz gesagt handelt es sich bei dieser Individualisierung um die "Herauslösung von Menschen aus lebensweltlichen Zusammenhängen und Verweisung auf sich selbst" (So O-Ton Beck).
Vulgär gesagt bekommt der einzelne das 'Pummerl' (die Schuld) für das Versagen oder für Fehlkonzeptionen des 'Systems'. Dieser oder diese Einzelne ist nicht mehr politisch organisiert sondern lediglich Bittsteller auf Arbeitsämtern etc. und wird als 'Sozialschmarotzer' (auch und vor allem von politisch Tätigen) gebrandmarkt, diffamiert und stigmatisiert).
Originalton auf einem österreichischen Arbeitsamt: Der Leiter zu einer krankheitsbedingt Langzeitarbeitslosen: "Frau *****, wir werden auch für sie eine ENDLÖSUNG finden". !!! (Ist belegt, Namen könnten genannt werden).

Solidarisches Handeln in organisierten Gruppen ist vielleicht nur die zweitbeste Methode um die eigenen Interessen durchzusetzen. Es ist kräftezehrend, hat hohe emotionale Kosten, und es dauert lange bevor manfrau etwas erreicht.

Wo immer möglich, versuchen Menschen daher, aus eigener Kraft voranzukommen. In den USA ist das die vorherrschende Art, Konflikte auszutragen. Heute gilt dasselbe in den meisten entwickelten Ländern. Individuelle Mobilität tritt an die Stelle des Klassenkampfes.

Menschen die in organisierten Gruppen handeln, sind heute eher Sonderinteressengruppen oder soziale Bewegungen als Klassenparteien. Segmentierung lässt sich durch sozialen Wandel erklären (S. 236).

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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In dem Augenblick, in dem Bürgerrechte nahezu allgemein werden, nehmen 'Disparitäten der Lebensbereiche' (?von wem?) den Platz verallgemeinerter Forderungen nach bürgerlichen, politischen oder sozialen Rechten ein.
Soziale Bewegungen bilden sich durchaus innerhalb der Grenzen der Bürgergesellschaft. Bürgerlicher Ungehorsam hat nur Sinn, wenn ein stabiler Rahmen der Bürgerrechte (und Pflicht zum Gesetzesgehorsam) vorausgesetzt werden kann.

Warum schließen die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen sich nicht zusammen zum Marsch auf die jeweiligen Hauptstädte, um dort ihren vollen Anteil am Bürgerstatus einzufordern?

Warum gibt es nicht so etwas wie eine Arbeitslosenpartei und eine Armenpartei?

Warum macht die Unterklasse keinen Krawall?

Marx und Engels sprachen vom 'Lumpenproletariat', dem 'sozialen Abschaum', die 'passive Verfaulung der alten Gesellschaft'.

Theodor Geiger: Die unterste Schicht ist 'wirtschaftlich-sozial ohne Standort'. Ihre Mentalität führt sie nicht zur organisierten Interessenvertretung, sondern zur hemmungslosen Rebellion.
Ihre Soziallage macht sie zu einer Reservearmee für reaktionäre Umtriebe. Sie sind im Erwerbsleben nicht heimisch, zu stetiger Lebensführung nicht fähig und verdingen sich zu Abenteuer und Fehde.

Doch erklärt das alles nicht den sozialen Konflikt am Ende des 20. Jahrhunderts.
Tatsächlich ist die Unterklasse weder in Nordamerika noch in Europa besonders gewalttätig; sie steht der offiziellen Gesellschaft nicht einmal sonderlich feindselig gegenüber.

Wenn die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen überhaupt zur Wahl gehen, verteilen sich ihre Stimmen nicht viel anders als die der übrigen Wähler. (Das galt auch in den 30er Jahren für die Geiger schrieb).

Es waren eben nicht die Arbeitslosen, die Hitler zur Macht verholfen haben, wenn gleich ihr Schicksal etwas zu tun hatte mit der Hysterie des Mittelstandes.

Ein Autor: "die Unterklasse sei entfremdet und populistisch, aber nicht radikal". Sie ist in sich gespalten, jeder sucht seinen persönlichen Ausweg, und große Themen der öffentlichen Diskussion lassen sie gleichgültig.

Die Unterklasse neigt zur Lethargie.

Die Schlüsseltatsache für die Unterklasse und die Dauerarbeitslosen ist, dass sie sozusagen keinen Einsatz im Spiel der Gesellschaft haben. Das Spiel findet ohne sie statt.

In einem durchaus ernsten Sinn gilt die moralisch unerträgliche Feststellung, dass die Gesellschaft sie nicht braucht.
In der Mehrheitsklasse wünschen viele, die Unterklasse möge einfach von der Bildfläche verschwinden; täte sie das, dann fiele ihr Fehlen kaum jemandem auf. Die Betroffenen wissen das wohl. Für sie ist die Gesellschaft vor allem weit weg.

Es scheint sich das Gefühl, keinen Einsatz in der Gesellschaft zu haben, über die Grenzen jener Gruppen hinaus ausgebreitet zu haben, die durch Arbeitslosigkeit und Armut geprägt sind.

Junge Menschen vor allem haben eine Neigung, ihre Wertvorstellungen vom sozialen Rand her abzuleiten, auch wenn sie Arbeit haben und einen Platz im komfortablen Haus der Mehrheit finden könnten.
So stellt sich eine eigentümliche Konvergenz der Kultur der Unterklasse mit der Gegenkultur der Mittelklasse ein; es gehört sich sozusagen, nicht dazu zugehören.
Es ist zur verbreiteten Gewohnheit geworden, sich um die Normen und die Werte der offiziellen Gesellschaft nicht zu kümmern (S. 239).

Diese Gewohnheit ist vielleicht das wichtigste einzelne Merkmal der OECD-Gesellschaften in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie hat überdies einen Namen.

Anomie

Konflikte erscheinen nicht als Schlachtordnung in einem revolutionären Krieg oder selbst als demokratischer Klassenkampf, sondern als Anomie.
Ein wichtiger Begriff. Anomie oder Gesetzlosigkeit.

Der Begriff wird Emile Durkheim zugeschrieben, der von Anomie sprach, um die Aufhebung der Wirksamkeit sozialer Normen durch wirtschaftliche und politische Krisen zu beschreiben.
Ihr Ergebnis ist, dass Menschen aller Bindungen verlustig gehen, bis sie im Selbstmord den einzigen Ausweg sehen.

Robert Merton hat unserem Verständnis von Anomie seine eigene Wendung hinzugefügt, indem er sie als jenen 'Kollaps der kulturellen Struktur' beschrieb, der eintritt, wenn Menschen auf Grund ihrer sozialen Stellung nicht in der Lage sind, den Werten der Gesellschaft zu folgen (S. 240).
Der Begriff hilft bei der Beschreibung eines eigentümlichen Merkmals moderner Gesellschaften. Wichtiger als die bloße Zahl der Gesetzesbrüche, ist die Unfähigkeit von Gemeinwesen, mit diesen fertig zu werden.

In der normativen Welt des 20. Jahrhunderts sind gewisse rechts freie Räume entstanden (no-go-areas). Was in ihnen geschieht unterliegt nicht den normalen Sanktionen der Rechtsgemeinschaft. Also 'rechts freie Räume' in dem Sinn, dass die vorherrschenden Normen in ihnen außer Kraft gesetzt scheinen. Diese Räume stellen noch weitere Fragen.

Der 'Freispruch des Schuldigen' ist in den Gesellschaften der Gegenwart zu einem vertrauten Phänomen geworden, selbst bei Mord und Totschlag. Jahrzehntelang herrschte die Neigung, die 'Gesellschaft' verantwortlich zu machen. Der rechts freie Raum der Jugend ist wahrscheinlich der folgen reichste von allen, denn er nimmt diejenigen, die diese noch lernen sollen, von DEN Normen aus, DIE die Gesellschaft zusammenhalten (S. 242).

Anomie beschreibt unter diesem Gesichtspunkt einen Zustand, in dem Normbrüche nicht bestraft werden. Darüber hinaus beschreibt Anomie einen alle Bereiche des sozialen Lebens durchdringenden Zustand.
Dazu gehört der Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung in der Ehe, Steuerhinterziehung und andere Formen der Wirtschaftskriminalität.
Menschen haben keinen Einsatz in der Gesellschaft und fühlen sich daher an ihre Regeln nicht gebunden. Das ist die eine Seite des Bildes. Die andere ist, dass das Vertrauen der Gesellschaft in ihre eigenen Regeln abgenommen hat; die Einhaltung von Regeln wird schlicht nicht mehr erzwungen.


Es bleibt zu prüfen, ob die jüngste Form des sozialen Konflikts nicht zum Thema hat, dass der Gesellschaftsvertrag selbst in Frage steht. Dahrendorf meint die ersten und grundlegenden Artikel des Gesellschaftsvertrages, in denen es um Recht und Ordnung geht.

Hier begegnen wir dem Thema das es erlaubt die Argumentation über den modernen sozialen Konflikt zu bündeln.

Eine Gesellschaft, die allem Anschein nach bereit ist, die fortdauernde Existenz einer Gruppe zu akzeptieren, die keinen wirklichen Einsatz in ihr hat, stellt sich selbst in Frage. Hat die Gesellschaft das Vertrauen in ihre eigenen Regeln verloren?

Es ist die Rede davon, dass die Mehrheitsklasse ihr Selbstvertrauen verliert. Sie ist sich ihrer Stellung nicht mehr sicher. Daher zieht sie Grenzen, wo es keine geben sollte, und sie zögert, wenn die Erzwingung ihrer Regeln auf dem Spiel steht.
Die Zeichen des Selbstzweifels sind unverkennbar. Die Risiken der Anomie liegen auf der Hand. Unordnung, Zweifel und Ungewissheit über alles zu bringen, ist schlimm genug.

Doch liegt das größere Risiko in etwas anderem. Anomie kann nicht dauern. Sie ist eine Einladung an Usurpatoren, der Mehrheit ein falsches Ordnungsschema aufzudrängen. Eben das, was Liberale so stört an den Verfechtern von 'Recht und Ordnung', provozieren sie selbst durch das Fehlen eines entschiedenen Sinns für Institutionen.

Das Risiko der Anomie heißt Tyrannei in vielerlei Gestalt (S. 244).

20070506

1968 Demokratisierung Konsens sk-25

In den 60ern werden Regierbarkeit und Legitimität zum Thema der öffentlichen Diskussion sowie die Fähigkeit politischer Systeme Reformen hervorzubringen. In Frankreich, Deutschland und kleineren europäischen Ländern hatte das Thema den Namen 'Demokratisierung'.

Das bedeutete zum Teil die Vollendung des Versprechens der Bürgerrechte für alle, zum anderen Teil aber die ungeduldige Insistenz darauf, dass Teilnahmerechte auch ausgeübt werden müssen, um wirklich zu sein.

"Wir müssen mehr Demokratie wagen" (Willy Brandt bei seiner Regierungserklärung 1969) und meinte damit, dass Demokratie nicht nur ein Zustand ist, eine Verfassung, sondern eine Lebensweise, eine Tätigkeit und Tugend.

Die Revolution von 1968 hatte viele Merkmale einer jener Lawinen, die niemand mehr aufhält, wenn sie erst ins Rutschen gekommen ist (S. 170).
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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Raymond Aron missverstand die Zeichen der Zeit. Für ihn war der Tod der alten Universität ein unwiederbringlicher Verlust. Manche halten auch Dahrendorf für den Mord an der alten Universität für mitverantwortlich.
Dahrendorf ging es um Zugangschancen und Demokratie nicht Demokratisierung war sein Ziel.

Die Wogen des Wandels spülten jene Reformer bald weg, die geglaubt hatten, dass sich die Grenze zwischen Chancengleichheit und Gleichheit der Resultate halten lässt und dass es Demokratie geben könnte ohne Demokratisierung.

Dahrendorf: Bis auf heute spaltet 1968 die Menschen in vielen Teilen der OECD-Welt. Was hat es wirklich bedeutet?

Die Nachkriegszeit war eine Zeit von mehr Optionen für mehr Menschen. Diese hätten sich nicht schaffen lassen ohne eine sichere Grundlage in Bürgerrechten für alle, die ihrerseits teils das Erbe früherer Kämpfe, teils das Ergebnis des Sozialvertrags der Nachkriegsjahre und teils die Parallele zum raschen Wachstum des Angebots war.

Zunehmend indes begannen quantitative und ökonomische Prozesse das Feld zu beherrschen.
OECD-Gesellschaften wurden zu Gesellschaften des 'immer mehr'.

Eine Parole der Zeit: "Nach dem Aufbau der Umbau". Ruf nach sozialem Umbau.

Intellektuelle trugen die Reformbewegung. Die letzte große Ausweitung der Bürgerrechte ist möglicherweise der wichtigste Wandel, den die Kraft der sozialen Bewegung der sechziger Jahre hervorgebracht hat.

Andere Wandlungen waren subtiler (akademisch). Es spukte die Fiktion der Gleichrangigkeit von Lehrenden, Studenten und anderen Beschäftigten.

Die Kirchen wurden zu Stätten der Diskussion eher als der Kanzelpredigt (Versetzung des Altars in die Mitte), Ökumenismus.

Das Strafrecht wurde überprüft, Resozialisierung statt Bestrafung und Abschreckung.

Hinter alledem steht der Gedanke, dass Individuen das Produkt sozialer Kräfte und Umstände sind, die daher für ihre Taten nicht persönlich verantwortlich gemacht werden können.
Personalisierte Herrschaft verlor ihren Glanz, ja für viele ihre Berechtigung, sogar in Armeen oder Industrieunternehmungen.

Der Geist der Zeit ('1968') drang vor (S. 173).

Die Jahre der Erfüllung waren zugleich Jahre der Gefährdung. Die Erfüllung ist die des sozialdemokratischen Konsens.
Die Erfüllung ist die Ideologie der Mehrheitsklasse, es dauerte ein Jahrhundert um ihn zu schaffen.

Alle Ingredenzien des sozialdemokratischen Konsens beziehen sich auf soziale Bürgerrechte in einer Welt des Wohlstandes.

Dazu gehört ein starker wohlwollender Staat in einem korporatistisch gedämpften demokratischen System, marktorientierte Wirtschaft, eine Gesellschaft weitreichender Solidarität durch Anrechte und progressive Besteuerung und ein vernünftiges Gleichgewicht. Die Mehrheitsklasse ist damit zufrieden.

Dieser Staat ist verwundbar.

Denn die Phase moderner Sozialentwicklung bezeichnet das Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts. Die These vom Ende der Sozialdemokratie bedeutet nicht den Bedeutungsverlust des Mehrheitskonsens, sie besagt vielmehr, dass eine historische Kraft ihre Energie verloren hat weil sie ob siegt hat.

Große soziale Kräfte sterben im Moment ihres Sieges. Ihr Ende naht, wenn die Zukunft nicht länger auf ihrer Seite steht (S. 175).
Zum Beispiel zeigten in den 60er Jahren in England alle Regierungen sozialdemokratische Züge.

Allesamt teilten sie einen Konsens der Mehrheitsklasse im Hinblick auf die wohltätige Rolle des Staates, der gemischten Wirtschaft und der Sozialpolitik.

1968 symbolisiert den Triumph der Sozialdemokratie, bezeichnet aber zugleich den Anfang vom Ende.
Die Herrschaft der Mehrheitsklasse (vernünftiger Konsens und soziale Demokratie) erwies sich als instabil

20070503

Wirtschaft Wachstum Verteilung sk-22

Nach dem zweiten Weltkrieg ging es in den 30 darauf folgenden Jahren zunehmend um Konsum und um sozialen Aufstieg. Die Angebotsseite des Lebens trat in den Vordergrund.

Raymond Aron (geb. 1897?) war Franzose und Jude und widerstand den Versuchungen des Totalitarismus. Er schrieb ein einflussreiches Buch über 'Max Weber und die deutsche Soziologie'.

Aron erlebte die beiden 30-Jahres Perioden (Anmerkung: 1915-1945, 1945-1975) des Jahrhunderts und beschrieb sie für die Zeitgenossen. Er sprach von einer Ära der Tyrannei, wobei er das Band des Totalitarismus betonte (im Hitler-Stalin-Pakt) Sein Biograph unterscheidet zwischen dem 'Philosophen in der Geschichte' (1905-1955, seine Bücher schildern Ereignisse der Geschichte) und dem 'Soziologen in der Gesellschaft' (1955-1983, seine Bücher schildern sein Leben in der Geschichte) (S. 145). -o-o-o
Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Arons erste 40 Jahre sind von der Zeit geprägt worden und er hat nachhaltig über die Ereignisse um ihn nachgedacht. Erst nach dem zweiten Weltkrieg konzentrierte er sich auf die Gesellschaft als Prozess, der rationales Verstehen erlaubt.
1955/56 in seinen '18 Vorlesungen über die industrielle Gesellschaft' spiegelt er die Stimmung seiner Zeit und erzählt die Geschichte eines ständig wachsenden Angebots durch jene wirtschaftliche Expansion, die das beherrschende Merkmal der Zeit von den späten 1940ern bis zur Mitte der 1970er Jahre war.

Wachstum war keine neue Erfahrung. Die Geschichte der Modernität ist durchweg die Geschichte eines immer zunehmenden Angebots.

Schon Erasmus stellte das im 16. Jahrhundert fest: "Heutzutage hat die Besitzgier sich so gesteigert, dass es nichts mehr im Reich der Natur gibt, sei es heilig oder profan, aus dem sich nicht Gewinn schlagen lässt " (S. 145).

Auch das Zeitalter der Entdeckungen war eines der Ausweitung des Handels die wiederum zur frühen Blüte des Bankwesens führte. Leonardo da Vinci als Vorreiter der Erfindungen und Innovationen. Neue Unternehmensarten wurden begründet, mit Besitzanteilen für viele. Die Produktivität der Landwirtschaft nahm zu.

Die industrielle Revolution bezeichnet den Anfang einer Phase des demokratischen Wachstums. Sie ist daher ein Beispiel für die Konflikte und Konfigurationen von Angebot und Anrechten.

Üblicherweise wird die Geschichte nur als eine des Angebots erzählt. Walt Rostow fügte Zahlen zusammen: Der Handel hat sich seit 1720 um das 500fache vermehrt. Die Quantität der Welt-Industrieproduktion hat sich in der Zeit von 1820 bis 1971 um das 1740-fache vermehrt (jährliche Wachstumsrate von 2,84%).

Diese Zahlen sind niedrig im Vergleich zu den Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg. Dies war die Zeit in der Wachstum alle Fragen zu beantworten schien. Wachstum wurde nicht nur ein universelles Glaubensbekenntnis, sondern auch eine in Individuen und Institutionen verwurzelte Annahme.

Die erste Antwort war 'mehr' und nicht 'anders'. Dabei die Annahme, dass mehr zumindest prinzipiell mehr für alle hieß.

Simon Kuznets erkundete als erster die Gesetzmäßigkeiten des Verhältnisses von Wirtschaftswachstum und Ungleichheit: im Verlauf des modernen Wirtschaftswachstums steigen Ungleichheiten in der Verteilung zuerst an, dann Nivellierungseffekt, dann Umkehr der Entwicklung.
Manfrau sprach von U-förmiger Beziehung (Indizes der Gleichheit fallen um wieder anzusteigen).
Peter Berger fand das bestätigt und meinte, dass die Hauptursachen dieses Prozesses technologisch und demographisch, aber nicht sozial und politisch bedingt sind. Das sind Thesen von Ökonomen die Ungleichheiten des Einkommens messen und nicht Anrechtsschwellen.

Dahrendorf meint, dass das U eher wie ein Z aussehe. Eine Voraussetzung des modernen Wirtschaftswachstums ist das Vorhandensein von elementaren Bürgerrechten. Die Kraft des Bürgerstatus muss wirksam sein, damit der Kapitalismus aufglühen kann (moderner Arbeitsvertrag setzt Gleichheit vor dem Gesetz voraus). Der Grundstrich des Z bezeichnet das gemeinsame Niveau der wirtschaftlichen Teilnahme und damit den Fundamentalunterschied zu Systemen hierarchischer Vorrechte.

Bürgerrechte können aber mit massiven Ungleichheiten einhergehen.
1. Die Rechte waren selbst unvollständig, bürgerliche Gleichheit war Fiktion.
2. Bei Einbezug in industriellen Wachstumsprozess erfolgreich, sonst im Niemandsland (wie heute am Rande der großen Städte in den Wellblechhütten).

In den heutigen OECD Ländern sind zwei Dinge geschehen:
1. Der Virus des Bürgerstatus wurde virulent (Ausweitung der Bürgerrechte).
2. Der zweite Prozess lag im Wachstum des Angebots. Es gab mehr zu verteilen. Das ist der Strich hinauf im Z.

Peter Bergers Erklärung dieses Nivellierungsprozesses durch Technologie und Demographie bedeutet vor allem, dass im Verlauf der Entwicklung industrieller Gesellschaften die Arbeit zugleich knapper und qualifizierter wird.

Dahrendorf betont eine zentrale These seines Essays:
"Hier wird nicht angenommen, dass zwischen Anrechten und Angebot eine notwendige Wechselbeziehung der Kausalität oder auch des trade-off besteht. Im Gegenteil liegen die Triumphe der Freiheit in strategischen Veränderungen, die beide verbinden" (S. 148).

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist nicht sehr liberal. Kriege, Wirtschaftskrisen und Totalitarismen waren die Instrumente der Nivellierung.

Einkommensunterschiede, gemessen am Verhältnis des obersten Fünfteils zum untersten, haben sich nicht wesentlich verringert.

Was bedeutet diese Unveränderlichkeit der sozialen Unterschiede?

Ein Fortdauern tiefer sozialer Gegensätze? Erträglichkeit der Einkommensunterschiede? Einen notwendigen Anreiz für den Fortschritt?

Die in Dahrendorfs Essay verwendeten Begriffe liefern ein Kriterium der Entscheidung über solche Meinungsverschiedenheiten.

Die Schlüsselfrage ist also ob Schwellen bloße statistische Werte sind, wie 'obere 20 Prozent', oder reale Hindernisse für die Mobilität.

Ein Lehrer ist in seiner Bewegungsfreiheit (Aufstieg) durch stärkere Kräfte gehindert, als der kleine Unternehmer der die Chance hat ein reicher Mann zu werden.
Quantitative Unterschiede (Ungleichheiten) (T. H. Marshall) führen nicht zu qualitativen Klassenkonflikten.

Der amerikanische Traum lässt Möglichkeiten als real erscheinen, die vielleicht tatsächlich wegen unsichtbarer Anrechtsschwellen unerreichbar bleiben, während andernorts ein verbreitetes Klassendenken (England) Menschen daran hindern kann, ihre tatsächlichen Chancen wahrzunehmen.

Marshalls These besagt, dass es in modernen Gesellschaften einen Wandel von qualitativen zu quantitativen Unterschieden gegeben hat.
Ob dieser Wandel real ist wird uns noch beschäftigen. Auch Marshall schrieb wie Aron über die industrielle Gesellschaft der 50er Jahre. Aron definierte sie als Gesellschaft in der die Großindustrie die charakteristische Form der Produktion ist.
Daraus folgen Trennung von Betrieb und Familie, fortgeschrittene Arbeitsteilung, Akkumulation von Kapital, rationale Buchführung und Wachstum als zentrales Problem der Ökonomie denn moderne Volkswirtschaften sind 'im Kern fortschrittlich'.
Aron fügt hinzu, dass "in den meisten Fällen Wirtschaftswachstum von einer besseren Verteilung begleitet wird".

Dahrendorf sagt aber klar dazu, dass Wachstum als solches keine 'bessere', also fairere oder gerechtere Verteilung hervorbringt. Aron sieht wirtschaftliches Wachstum als selbstverständlich an.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Im 19. Jahrhundert war der Optimismus liberal, der Pessimismus bei den Sozialisten. Heute ist der Optimismus weder liberal noch sozialistisch, er ist im wesentlichen technisch.

Der Schlüssel zur modernen Wirtschaftsgeschichte ist der technische Fortschritt (Fourastié).
Daniel Bells 'postindustrielle Gesellschaft' ist auch ein Ergebnis technisch-wissenschaftlicher Veränderungen, und bis auf den heutigen Tag glauben viele, dass wissenschaftliche Entdeckungen und ihre technische Anwendung der gemeinsame Grund für Wirtschaftswachstum und soziale Gerechtigkeit sind.

Dahrendorf hat dazu eine gewisse Skepsis denn:
Der technische Fortschritt ist kein Selbstläufer, kein Prozess, der isoliert und nur für sich abläuft. Zumindest das E in F & E, also die Entwicklung der Forschung, ist immer eine Antwort auf reale Fragen, und Erfindungen müssen angewendet werden, um etwas zu bewirken.

Wenn Technokraten herrschen (wie Bürokraten), dann können sie nur extrapolieren, nicht dagegen die Richtung verändern. Wenn es um Richtungsänderungen geht, muss manfrau die sozialen Kräfte und die Akteure finden, die für den Gebrauch von Wissenschaft und Technologie, oder auch von Bürokratie, verantwortlich sind, indem sie die Zwecke bestimmen, für die solche Instrumente verwendet werden.

Rationalität alleine reicht nicht aus
, um den Weg der Freiheit zu entwerfen (S.151).

Aron hatte also nicht nur seinen Weber sondern auch seinen Schumpeter gelesen: "Damit eine Wirtschaft auf die Dauer vorankommen kann, müssen Bedingungen vorhanden sein, in denen die Wirtschaftssubjekte die für das Wachstum nötigen Entscheidungen treffen". Unternehmer sind ebenso erforderlich wie der technische Fortschritt, Politiker ebenso wie die Umsetzung von Politik durch Verwaltungen.

Wirtschaftswachstum ist nicht alles.

20070318

GRUNDEINKOMMEN sk-11

Einschluss und Ausschluss stellen der bürgerlichen Gesellschaft Fragen. Der Leitfaden der Sozialentwicklung der letzten zwei Jahrhunderte liegt jedoch in der (auch gewaltvollen) Entfaltung des Bürgerstatus selbst.

c. T. H. Marshalls These

Der reiche und gesicherte Status wird zum Inbegriff der Lebenschancen in den hoch entwickelten offenen Gesellschaften.

Das war kein harmloser, stiller Wachstumsvorgang sondern ein Beispiel für Wandel durch Konflikt, Klassenkonflikt. Der Klassenkonflikt der letzten zwei Jahrhunderte hatte immer zugleich zwei Aspekte der Bürgerrechte zum Thema. 1. Ausweitung auf bisher benachteiligte Gruppen. 2. Die Ergänzung um neue Elemente.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch
Exzerpt: transitenator
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T. H. Marshall unterscheidet in 'Citizenship and Social Class' quantitative oder ökonomische Ungleichheit von qualitativer Ungleichheit. Er greift auf eine Frage von A. Marshall (Zukunft der Arbeiterklasse, 1873) zurück:

"Die Frage ist nicht, ob alle Menschen am Ende gleich sein werden - das werden sie sicher nicht-, sondern ob nicht der Fortschritt langsam aber sicher dahin führen wird, dass am Ende jedermann zumindest seinem Beruf nach ein Herr ist."

Quantitative Ungleichheit mag nicht beseitigbar sein, aber würde qualitative Ungleichheit beseitigt, dann verlöre quantitative Ungleichheit ihren Stachel.

Mehr Menschen werden also mit umfassenderen Rechten in die Gesellschaft als Mitglieder aufgenommen. Es ist tatsächlich geschehen.

Die menschliche Grundgleichheit der Mitgliedschaft ist eindeutig mit dem Status des Bürgers identifiziert worden. Das ist Marshalls These.

Der moderne soziale Wandel hat die Formen der Ungleichheit und die aus ihnen hervorgehenden Konflikte transformiert. Qualitative politische Unterschiede der Vergangenheit sind nun zu quantitativen ökonomischen Unterschieden zwischen Menschen geworden. Das geschah durch die Revolution der Modernität und durch die Veränderungen in der modernen Welt.

Marshall erörtert die feudale Hierarchie mit ihren festgelegten Privilegien. Diese Welt des Status zerfiel mit dem modernen Kontrakt.

In der alten Welt bildeten Anrechtsstrukturen eine scheinbar unveränderbare Struktur der Ungleichheit. "Die Wirkung des Bürgerstatus auf ein solches System musste zutiefst aufrührerisch, ja zerstörerisch sein." Sie bedeutete das Ende aller rechtlich definierten Anrechtsschranken (S. 61).

Klassen fangen erst an zu existieren auf der Grundlage des gleichen Bürgerstatus für alle. Menschen müssen dazugehören, um in Klassenkonflikte verwickelt zu werden. Insoweit ist der Klassenkampf die treibende Kraft des modernen sozialen Konflikts.

Es entstehen neue Anrechtsschranken, die zwar keinen rechtlich verbindlichen Charakter haben, aber dennoch die Bürgerrechte behindern. Dazu gehören Naturaleinkommen, Diskriminierung, Immunitätsbarriere, Teilnahmeschwierigkeiten.

Der einzige rechtliche verbindliche Status, der noch bleibt ist der des Bürgers. Der moderne soziale Konflikt hat es aber mit der Wirkung von Ungleichheiten zu tun, die die volle bürgerliche Teilnahme von Menschen mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mitteln einschränken. Es geht also um Anrechte, die die Position des Bürgers zu einem erfüllten Status machen (S. 62).

Marshall unterscheidet drei Stufen dieses Prozesses:
1. die der Bürgerrechte,
2. die der politischen Rechte,
3. die der sozialen Rechte.

Die bürgerlichen Grundrechte sind der Schlüssel zur modernen Welt. Zu ihnen gehören die Elemente des Rechtsstaates, Gleichheit vor dem Gesetz und verlässliche Verfahren der Rechtsfindung. Das Ende der Hierarchie bedeutet den Anfang der bürgerlichen Grundrechte.

Niemand steht über dem Gesetz, alle sind ihm unterworfen. Das Recht begrenzt die Macht und ihre Träger, während es zugleich allen, die sich vorübergehend oder ständig in der Minderheit finden, Schutz gewährt.

Die erste Definition der Bürgerschaft war der Gedanke, dass alle Mitglieder der Gesellschaft Bürger, alle Bürger dem Recht unterworfen und alle gleich vor dem Gesetz sind. Diese Definition war eine notwendige Bedingung aller westlicher Versionen des Kapitalismus.

Die bürgerlichen Grundrechte vergrößerten Anrechte und Angebot für das Bürgertum des 18. Jhs. Die bürgerlichen Grundrechte waren eine strategische Veränderung der modernen Welt. Sie sind das erste Erfordernis für Länder, die sich verspätet auf den Weg der modernen Entwicklung begeben.

Schwächen der bürgerlichen Grundrechte: Sie können einseitig sein, als Spielregeln nur einer Seite. Solange nicht alle Bürger die Chance haben, ihre Interessen in den Prozess der Rechtssetzung einzubringen, lässt der Rechtsstaat schwerwiegende Anrechtsunterschiede unberührt.

Aus diesem Grund waren politische Rechte eine notwendige Ergänzung der bürgerlichen Rechte.

John Stuart Mill (Über die Freiheit): Die politische Öffentlichkeit entspricht dem wirtschaftlichen Markt. Die Öffentlichkeit muss wie der Markt allen zugänglich sein. Politische Rechte sind die Eintrittskarten zur Öffentlichkeit.

Es setzt sich die Auffassung durch, dass Mitglieder der Gesellschaft mehr brauchen als bürgerliche und politische Rechte.

Soziale Rechte kamen hinzu, so dass der Status des vollen Bürgers am Ende, wie Marshall es ausdrückte "ein universelles Recht auf ein Realeinkommen, das nicht am Marktwert des Betroffenen gemessen wird" einschließt.

Bürgerliche Grundrechte werden nicht nur durch die wirtschaftliche Macht der Privilegierten begrenzt, sondern auch durch die wirtschaftliche Schwäche vieler, denen sie durch Gesetz und Verfassung versprochen werden (S. 65).

Was bedeuten Rechte, wenn man sie nicht nutzen kann? Solange nicht jeder Mensch ein Leben frei von elementarer Not und Furcht lebt, bleiben Verfassungsrechte ein leeres Versprechen, ja schlimmer, sie werden zum zynischen Vorwand, hinter dem sich die Tatsache des Schutzes von Privilegien verbirgt. Mindesteinkommen?, Recht auf Arbeit?

Dahrendorf: Die Ungleichheit ist ein Medium der Freiheit, solange sie die Ungleichheit des Angebots bleibt und sich nicht auf Anrechte erstreckt.

Der Fortschritt der Bürgerrechte von der juristischen über die politische zur sozialen Sphäre ist auch ein Prozess der 'Klassendämpfung', der Milderung des Klassenkonflikts.

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