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20070606

Sozialstaat Grundrechte Bürgerrechte Grundeinkommen sk-43

Dahrendorf Liberale Agenda-2
Anrechte Grundrechte Bürgerrechte Grundeinkommen Bürgergesellschaft Sozialhilfe.
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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur:
Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf,
Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch,
Textauswahl für dieses Blog: Transitenator
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Anrechte
sind, wie wir gesehen haben, nur die eine Hälfte sozialer Optionen. Ein breites Angebot an Wahlmöglichkeiten gehört nicht nur als andere Hälfte dazu, sondern ist auch zu allen Zeiten ein Anlass für liberales Handeln; Liberale sind nie Angebotsgegner.

Am Beginn der 90er Jahre stehen jedoch Anrechte im Vordergrund (S. 264).: Gründe dafür: die Vernachlässigung von Anrechten, die Revolution von 1989 (wobei es um wirtschaftliches Wachstum und im Kern um Bürgerrechte ging), weiters die Not und die Notwendigkeiten der dritten Welt.

Eine Gemeinschaft der freien Staaten Europas muss eine Bürgerrechtsgemeinschaft sein, in der zumindest die Grundsätze der Europäischen Menschenrechtskonvention unmittelbar geltendes Recht werden.

Die Grundrechte sind dabei präzis und eng zu verstehen, vor allem als Rechte auf Unversehrtheit der Person und auf freie Betätigung und Bewegung.

Den Rückfall in die Stammesexistenz vermeiden. Es geht um die Erhaltung und Schaffung von Gemeinwesen, in denen Menschen unterschiedlicher ethnischer, kultureller, religiöser Zugehörigkeit gleiche Rechte und Teilnahmechancen besitzen.
Die Suche nach Homogenität als Untugend des Menschen?

Bürgerrechte müssen sich erst bewähren, bevor sie unter den Bedingungen der Heterogenität auf die Probe gestellt werden.

Der heterogene Nationalstaat, in dem Menschen verschiedener Kultur gleiche Grundanrechte besitzen, ist eine wichtige Errungenschaft der Zivilisation.

Ihn gegen ein enges, exklusives und fast immer Gewalt säendes Sozialverständnis durchzusetzen, wonach Menschen unter Gleichen glücklicher sind, könnte am Anfang der neunziger Jahre die schwierigste liberale Aufgabe sein.

Nur solche Staaten sollten in die Gemeinschaft der europäischen freien Staaten aufgenommen werden, die Bereitschaft und Fähigkeit beweisen, einen gleichen Grundstatus für Menschen unterschiedlicher kultureller Eigenheiten zu garantieren (S. 265).


In den OECD-Ländern sind die neuen Anrechtsfragen in erster Linie sozial.
Sie haben es mit der Neigung der Mehrheitsklasse zu tun, Menschen aus ihrem sozialen Universum heraus zu definieren oder sie zumindest an den Rang zu drängen.

Es geht nicht darum, die tatsächliche soziale Stellung anzugleichen, also Einkommensübertragungen.
Es geht aber darum, allen jenen Chancen der Teilnahme an der politischen Gemeinschaft, am (Arbeits-) Markt und am Leben der Bürgergesellschaft zu sichern, die gleichsam den gemeinsamen Fußboden bilden, auf dem alle stehen, so weit auch manche sich über ihn hinaus erheben wollen im sozialen Konkurrenzkampf.

Als Beispiel hierzu die neue Unterklasse von Dauerarbeitslosen.
Ihre Existenz ist für die Verfassung der Freiheit unerträglich.
Was tun? Mit einem 'Recht auf Arbeit' ist wenig gedient. Was wir brauchen, ist vielmehr eine effektive Mischung von praktischer Politik, wirksamer Bürgergesellschaft und Bürgerrechten (S. 265).


Maßnahmenkatalog:

1. Den Unterklassen-Gefährdeten den Weg zum Arbeitsmarkt öffnen, ohne sie dabei zu arbeitenden Armen zu machen. Flexiblere Arbeitsbedingungen, vielfältige Formen des Arbeitsvertrages, auch die Reduktion von Überstunden sind nötig.
Die bloße Verfügbarkeit von Arbeit ist unzulänglich da Anrechtsschranken zu einer Blockierung führen.

2. Staatliche Maßnahmen allein sind unzulänglich. Eher so was wie die 'Charisma GmbH'. Stiftungen, kirchliche Gruppen, freiwillige Helfer...

3. Die Frage des Lebensunterhaltes. Die Gestolperten empfangen in den OECD-Ländern Sozialhilfe. Doch ist diese ihrer Konzeption und Methode nach kein Anrecht (was sie in einer zivilisierten Gesellschaft sein sollte).

Eine Alternative zu den gängigen Methoden der Hilfe, ist das garantierte Grundeinkommen, welche besonders wirksam wäre, wenn sie an das Steuersystem gekoppelt würde, also als negative Einkommenssteuer.
Wichtig dabei ist dabei, dass es unbedingt, nämlich als Teil des Bürgerstatus gewährt wird. In der Tat sollte ein solches Einkommen den Pressionen politischer Moden ebenso entzogen sein, wie das Wahlrecht oder das Recht auf Meinungsfreiheit.
Also einfach, durchsichtig, einklagbar und Individuen ohne viele bürokratische Umstände zugestehen (S. 267).

William Beveridge, 1942: Alle Bürger sollten Leistungen bis zur Überlebensgrenze (empfangen) und zwar als Recht und ohne Bedürfnisprüfung, so dass die einzelnen darauf aus eigenen Kräften aufbauen können.
Beveridge sieht eine Kraft des Prinzips der Universalität und auch der Nicht-Proportionalität.

Heute ist es nötig, dieses Prinzip erneut zu betonen. Es allein führt uns weg von allerlei demütigenden Fragen (verdienen sie Hilfe) und aufwendigen Mechanismen (Wohlfahrtsbürokratie) und Versuchen der Gängelung von Menschen.

Der Sozialstaat beschreibt das Chancenminimum für alle Bürger einer zivilisierten Gesellschaft, nicht weniger aber auch nicht mehr. Er ersetzt nicht die Bürgergesellschaft als Hilfe zur Selbsthilfe, und er bestreitet nicht das Recht der Menschen, für sich eigene Wege zu gehen, die sich der Staatskontrolle wie dem Gleichheitsneid entziehen.
Das garantierte Grundeinkommen liefert zumindest ein eindringliches Beispiel für diesen Ansatz.

20070318

GRUNDEINKOMMEN sk-11

Einschluss und Ausschluss stellen der bürgerlichen Gesellschaft Fragen. Der Leitfaden der Sozialentwicklung der letzten zwei Jahrhunderte liegt jedoch in der (auch gewaltvollen) Entfaltung des Bürgerstatus selbst.

c. T. H. Marshalls These

Der reiche und gesicherte Status wird zum Inbegriff der Lebenschancen in den hoch entwickelten offenen Gesellschaften.

Das war kein harmloser, stiller Wachstumsvorgang sondern ein Beispiel für Wandel durch Konflikt, Klassenkonflikt. Der Klassenkonflikt der letzten zwei Jahrhunderte hatte immer zugleich zwei Aspekte der Bürgerrechte zum Thema. 1. Ausweitung auf bisher benachteiligte Gruppen. 2. Die Ergänzung um neue Elemente.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch
Exzerpt: transitenator
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T. H. Marshall unterscheidet in 'Citizenship and Social Class' quantitative oder ökonomische Ungleichheit von qualitativer Ungleichheit. Er greift auf eine Frage von A. Marshall (Zukunft der Arbeiterklasse, 1873) zurück:

"Die Frage ist nicht, ob alle Menschen am Ende gleich sein werden - das werden sie sicher nicht-, sondern ob nicht der Fortschritt langsam aber sicher dahin führen wird, dass am Ende jedermann zumindest seinem Beruf nach ein Herr ist."

Quantitative Ungleichheit mag nicht beseitigbar sein, aber würde qualitative Ungleichheit beseitigt, dann verlöre quantitative Ungleichheit ihren Stachel.

Mehr Menschen werden also mit umfassenderen Rechten in die Gesellschaft als Mitglieder aufgenommen. Es ist tatsächlich geschehen.

Die menschliche Grundgleichheit der Mitgliedschaft ist eindeutig mit dem Status des Bürgers identifiziert worden. Das ist Marshalls These.

Der moderne soziale Wandel hat die Formen der Ungleichheit und die aus ihnen hervorgehenden Konflikte transformiert. Qualitative politische Unterschiede der Vergangenheit sind nun zu quantitativen ökonomischen Unterschieden zwischen Menschen geworden. Das geschah durch die Revolution der Modernität und durch die Veränderungen in der modernen Welt.

Marshall erörtert die feudale Hierarchie mit ihren festgelegten Privilegien. Diese Welt des Status zerfiel mit dem modernen Kontrakt.

In der alten Welt bildeten Anrechtsstrukturen eine scheinbar unveränderbare Struktur der Ungleichheit. "Die Wirkung des Bürgerstatus auf ein solches System musste zutiefst aufrührerisch, ja zerstörerisch sein." Sie bedeutete das Ende aller rechtlich definierten Anrechtsschranken (S. 61).

Klassen fangen erst an zu existieren auf der Grundlage des gleichen Bürgerstatus für alle. Menschen müssen dazugehören, um in Klassenkonflikte verwickelt zu werden. Insoweit ist der Klassenkampf die treibende Kraft des modernen sozialen Konflikts.

Es entstehen neue Anrechtsschranken, die zwar keinen rechtlich verbindlichen Charakter haben, aber dennoch die Bürgerrechte behindern. Dazu gehören Naturaleinkommen, Diskriminierung, Immunitätsbarriere, Teilnahmeschwierigkeiten.

Der einzige rechtliche verbindliche Status, der noch bleibt ist der des Bürgers. Der moderne soziale Konflikt hat es aber mit der Wirkung von Ungleichheiten zu tun, die die volle bürgerliche Teilnahme von Menschen mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mitteln einschränken. Es geht also um Anrechte, die die Position des Bürgers zu einem erfüllten Status machen (S. 62).

Marshall unterscheidet drei Stufen dieses Prozesses:
1. die der Bürgerrechte,
2. die der politischen Rechte,
3. die der sozialen Rechte.

Die bürgerlichen Grundrechte sind der Schlüssel zur modernen Welt. Zu ihnen gehören die Elemente des Rechtsstaates, Gleichheit vor dem Gesetz und verlässliche Verfahren der Rechtsfindung. Das Ende der Hierarchie bedeutet den Anfang der bürgerlichen Grundrechte.

Niemand steht über dem Gesetz, alle sind ihm unterworfen. Das Recht begrenzt die Macht und ihre Träger, während es zugleich allen, die sich vorübergehend oder ständig in der Minderheit finden, Schutz gewährt.

Die erste Definition der Bürgerschaft war der Gedanke, dass alle Mitglieder der Gesellschaft Bürger, alle Bürger dem Recht unterworfen und alle gleich vor dem Gesetz sind. Diese Definition war eine notwendige Bedingung aller westlicher Versionen des Kapitalismus.

Die bürgerlichen Grundrechte vergrößerten Anrechte und Angebot für das Bürgertum des 18. Jhs. Die bürgerlichen Grundrechte waren eine strategische Veränderung der modernen Welt. Sie sind das erste Erfordernis für Länder, die sich verspätet auf den Weg der modernen Entwicklung begeben.

Schwächen der bürgerlichen Grundrechte: Sie können einseitig sein, als Spielregeln nur einer Seite. Solange nicht alle Bürger die Chance haben, ihre Interessen in den Prozess der Rechtssetzung einzubringen, lässt der Rechtsstaat schwerwiegende Anrechtsunterschiede unberührt.

Aus diesem Grund waren politische Rechte eine notwendige Ergänzung der bürgerlichen Rechte.

John Stuart Mill (Über die Freiheit): Die politische Öffentlichkeit entspricht dem wirtschaftlichen Markt. Die Öffentlichkeit muss wie der Markt allen zugänglich sein. Politische Rechte sind die Eintrittskarten zur Öffentlichkeit.

Es setzt sich die Auffassung durch, dass Mitglieder der Gesellschaft mehr brauchen als bürgerliche und politische Rechte.

Soziale Rechte kamen hinzu, so dass der Status des vollen Bürgers am Ende, wie Marshall es ausdrückte "ein universelles Recht auf ein Realeinkommen, das nicht am Marktwert des Betroffenen gemessen wird" einschließt.

Bürgerliche Grundrechte werden nicht nur durch die wirtschaftliche Macht der Privilegierten begrenzt, sondern auch durch die wirtschaftliche Schwäche vieler, denen sie durch Gesetz und Verfassung versprochen werden (S. 65).

Was bedeuten Rechte, wenn man sie nicht nutzen kann? Solange nicht jeder Mensch ein Leben frei von elementarer Not und Furcht lebt, bleiben Verfassungsrechte ein leeres Versprechen, ja schlimmer, sie werden zum zynischen Vorwand, hinter dem sich die Tatsache des Schutzes von Privilegien verbirgt. Mindesteinkommen?, Recht auf Arbeit?

Dahrendorf: Die Ungleichheit ist ein Medium der Freiheit, solange sie die Ungleichheit des Angebots bleibt und sich nicht auf Anrechte erstreckt.

Der Fortschritt der Bürgerrechte von der juristischen über die politische zur sozialen Sphäre ist auch ein Prozess der 'Klassendämpfung', der Milderung des Klassenkonflikts.

20070310

MACHT DEMOKRATIE REICH? sk-05

Fred Hirsch unterscheidet in seinem Buch 'Soziale Grenzen des Wachstums' zwischen einer materiellen Ökonomie (Objekte des Wirtschaftswachstums) und einer positionellen Ökonomie (positionelle Güter die knapp bleiben).

Wird Gleichheit in Hinsicht auf materielle Güter betrieben, so wird die positionelle Ungleichheit dadurch nicht beseitigt.

Hirsch bezieht sich auf Roy Harrods Begriffe des demokratischen Wohlstandes (der auf alle ausgedehnt werden kann) und des oligarchischen Wohlstandes (der in wenigen Händen bleibt). Es geht im Kern um die Unterscheidung von ökonomischen Faktoren einerseits und sozialen und politischen Faktoren andererseits (S. 31).

Politische Prozesse beruhen auf menschlichem Eingreifen, während ökonomische Prozesse naturwüchsig ablaufen. Politik geschieht in Institutionen, Ökonomie im Markt. Der Witz der Unterscheidung liegt darin, Politik und Ökonomie wieder zusammenzubringen, also ihr Verhältnis zu bestimmen. Es sind zwei Formen sozialer Prozesse und zwei Perspektiven auf Gesellschaft.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch
Exzerpt: transitenator
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Adam Smith glaubte an einen natürlichen Fortschritt des Reichtums, dass der Markt die Kraft zu seiner eigenen Ausweitung enthält so dass am Ende alle Ungleichheit weggefegt wird und sich allgemeiner Wohlstand quer durch die Gesellschaft ('Ränge der Gesellschaft') ausbreiten würde.

Das Paradox: Wohlstand aber auch Ränge. Nicht eher gleiche Ränge und verschiedenes Einkommen? Also eine Schwäche der ökonomischen Analyse, da Ungleichheiten des Angebots eher erträglich sind als solche der Anrechte.

Seine Disziplin konzentriert sich auf das Angebot. Ökonomie ist Angebotswissenschaft. Alles Mögliche wird aus dem Wachstum des Angebots, der Einkommen, des Lebensstandards und der Wohlfahrt abgeleitet.

Ökonomen halten die zugrundeliegenden Sozialstrukturen ängstlich konstant (S. 32).

Die Schwächen der ökonomischen Analyse darf manfrau nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Der Kapitalismus, das Wachstum des Angebots, löst weder alle Probleme noch schafft er sie.

Adam Smith irrte, als er sich zu viel vom 'natürlichen Fortschritt des Reichtums' erhoffte, und Karl Marx irrte in der Erwartung, dass die Widersprüche des Kapitalismus zur dramatischen Auflösung des gordischen Knotens von Angebot und Anrechten führen würden.

Märkte versagen, wenn es um Anrechtsveränderungen geht, und Regierungen versagen bei der Steigerung des Angebots, aber es wäre falsch den Markt oder den Staat für das verantwortlich zu machen, was sie ihrer Natur nach nicht leisten können (S. 33).

Es gibt nicht nur einen ökonomischen Imperialismus (der sich alles von der Ausweitung des Angebots erhofft) sondern auch einen politischen Imperialismus (der alle ökonomischen Fragen als Anrechtsfragen zu definieren versucht).

Grundrechte werden nicht nur durch Folter und Verhaftung verletzt sondern auch durch Hunger und Not.

Der Zusammenhang von Politik und Ökonomie ist denn auch der fruchtbarste Punkt ihrer Unterscheidung.

Inwiefern setzen Politik und Ökonomie einander voraus? Welche ökonomischen Voraussetzungen hat die politische Freiheit?

Welche politischen Voraussetzungen hat der wirtschaftliche Fortschritt?

Das sind brennende Fragen beim Übergang von autoritären oder totalitären Regimes zu offenen Gesellschaften.

Demokratie und wirtschaftliches Wachstum? Die Korrelation der beiden wird oft als Kausalbeziehung verstanden.
Macht Demokratie reich?

Gorbatschow formulierte, daß Glasnost (politische Freiheit) noch keine Garantie für Perestroika (wirtschaftliche Umgestaltung) bietet.

Zurück zum Beispiel Nicaragua: Nur eine Minderheit profitierte von Wachstum. Die Anrechtsgrenzen waren nicht durchlässig. Das gilt in vielen Entwicklungsländern.

Es gibt keine Grenzen für den Reichtum der Reichen und auch nicht für ihren Zynismus gegenüber den Armen. Die Lage der Besitzlosen ändert sich nicht. Beispiel Nigeria.

Wenn nicht traditionelle Anrechtsstrukturen gebrochen und Elemente einer Bürgergesellschaft geschaffen werden, bedeutet makroökonomisches Wachstum wenig für die vielen, so gut auch Statistiken ausschauen mögen (S. 35).

Gefahren des politischen Wandels: Werden auch Anrechtsstrukturen durchbrochen besteht die Gefahr, dass die Herrenschicht des alten Regimes durch eine neue Funktionärsschicht, eine Nomenklatura ersetzt wird.

Es ist keineswegs klar, dass politische Reform die Triebfeder des ökonomischen Erfolges freisetzt.

Wirtschaftlicher Erfolg verlangt Motivation (geheimnisvolle Kraft) durch das Zuckerbrot der Angebotsökonomen (Menschen müssen mehr wollen) und der Peitsche der Zuchtmeister der Arbeitsdisziplin (auf unmittelbares Vergnügen zugunsten zukünftiger Befriedigungen sollte verzichtet werden).

Das sind zwei große Hindernisse auf dem Weg zum wirtschaftlichen Wohlstand und die Politik kann nur wenig zu ihrer Überwindung tun um Menschen aus ihrer Gewöhnung an den Zyklus der Armut zu befreien und Erfindergeist und Unternehmertum zu entwickeln (S. 36).

Zusammenfassung Dahrendorfs zur ersten Frage inwieweit Politik und Ökonomie einander voraussetzen: "Gewisse Anrechtsstrukturen sind eine notwendige Voraussetzung für das Wachsen des wirtschaftlichen Angebots, aber mehr sind sie nicht. Ein breites und wachsendes Angebot hilft der Etablierung politischer Strukturen, aber ihre Schaffung verlangt einen eigenen Akt".

Nun eine zweite Frage des Verhältnisses von Politik und Ökonomie: Inwiefern lassen sich Anrechtsprobleme durch ein hohes Angebot überspielen? Können umgekehrt Anrechte ein fehlendes Angebot kompensieren?

Kann manfrau sagen, dass herrschende Klassen stets ein Interesse daran haben Probleme ökonomisch zu wenden, während fordernde Klassen die Sprache der Politik bevorzugen? Warum kann manfrau nicht sowohl Zugang für alle, als auch eine Fülle von Gütern haben?

Der Zusammenhang von Politik und Ökonomie ist immer der Zusammenhang zweier verschiedener Prozesse und Perspektiven.

Es gibt strategische Veränderungen, die gleichsam in einem Schlag Anrechte und Angebot zu steigern vermögen; doch sind sie seltene und große Momente der Geschichte. Die Regel ist anders. Sie liegt im Konflikt zwischen den verschiedenen Denkschulen (S.37).

Die Angebotspartei glaubt, dass es vor allem auf das Wirtschaftswachstum ankommt, auf die Vermehrung von Gütern und Dienstleistungen, ihrer Qualität und ihrer Vielfalt.

Sie sehen die Aufgabe der Menschheit gerne als Positivsummenspiel. Fortschritt kann schmerzenlos sein. Alle wichtigen Fragen sind ökonomisch gesehen und die Grenzen der Knappheit müssen weiter hinausgeschoben werden, so dass alle mehr haben können.

Die Anrechtspartei meint, dass manchmal Nullsummenspiele nötig sind, bei denen eine Seite für die Gewinne der anderen bezahlen muß. Fortschritt beruhe nicht auf der gemeinsamen Anstrengung die Grenzen der Knappheit hinauszuschieben, sondern auf dem Kampf von Gruppen um einen Platz an der Sonne.

Der Fortschritt bemisst sich an der Zahl von Menschen, die Zugang zu Märkten wie auch zur aktiven Öffentlichkeit und zu den Chancen der Gesellschaft allgemein finden. Die Hauptfragen sind hier daher politisch in dem Sinne, dass sie bewusstes Handeln zur Etablierung von Rechten und zur Umverteilung von Gütern verlangen (S. 38).

EINTRITTSKARTEN sk-04

Zur Erläuterung der Begriffe 'Anrecht' und 'Angebot' bringt Dahrendorf das Beispiel Nicaragua und sucht eine Antwort auf die Frage: Warum kann manfrau nicht sowohl Zugang für alle, als auch eine Fülle von Gütern haben?

Beispiel Nicaragua: Vor der kommunistischen Machtübernahme waren die Regale in den Märkten voll aber niemand konnte etwas kaufen, nachher waren die Regale ziemlich leer.

Das Martinez Paradox: Von Wachstum ohne Umverteilung zu Umverteilung ohne Wachstum.

Das Doppelgesicht der Moderne: Unterscheidung zwischen dem Zugang den Menschen zu Dingen haben und den Dingen, die es gibt um ihre Wünsche zu befriedigen.

Amartya Sen's Begriff des Entitlement, des Anrechtes. Dieser beschreibt eine Beziehung zwischen Personen und Gütern, durch die deren Zugang zu und Kontrolle über Güter 'legitimiert' wird.

Anrechte geben Menschen einen rechtmäßigen Anspruch auf Dinge. Es ist daher nicht die Verfügbarkeit von Lebensmitteln, sondern die Menge von Zugangschancen (Sen spricht von der Anrechtsmenge) im Besitz sozialer Gruppen oder vielmehr deren Schwinden und endliches Verschwinden, das die großen Katastrophen in Asien und Afrika erklärt (S. 26).

Amartya Sens Theorie besagt also, dass es zumindest in bestimmten Fällen nicht so sehr das Fehlen von Gütern wie das Vorhandensein von sozialen Barrieren ist, das den Tod von vielen Tausenden erklärt.

Selbst wenn Bedürfnisse unabweisbar dringlich werden, wenn es also ums Überleben geht, verletzen Menschen (die Mehrheit) soziale Normen nicht, sondern ergeben sich in ihre Lage, als sei sie ihr Schicksal.

Das Recht steht zwischen der Verfügbarkeit von Lebensmitten und dem Anrecht auf Lebensmittel. Wenn manfrau nicht mehr Lebensmittel, sondern weniger Privilegien braucht, dann liegt die einzige Abhilfe in drastischen sozialen Veränderungen (S. 26).

Hungerkatastrophen lassen sich sinnvoll als ein Versagen von Anrechtsbeziehungen analysieren (S. 27).

Sens technischer Begriff der Anrechte konzentriert sich auf die Fähigkeit von Menschen, Güter mit den in einer Gesellschaft verfügbaren rechtlichen Mitteln zu kontrollieren.

Das ist keine persönliche Fähigkeit, sondern sie ist selbst sozial strukturiert; Sen spricht später von acquirement- Erwerbbarkeit. Besser noch wäre Webers Begriff der 'Erwerbschancen'.

"Das Anrecht einer Person bezeichnet die Menge unterschiedlicher alternativer Warenbündel, die eine Person sich mit Hilfe der verschiedenen legalen Methoden der Erwerbbarkeit, die für jemanden in ihrer Position offenstehen, aneignen kann". (S.##).

Dieser legale Anspruch kann sich gründen auf Eigenschaften (Anlagen) oder Tätigkeiten (Tauschhandlungen).

Die Anrechtsmenge einer Person wird gebildet durch:
Ererbte Eigentumstitel, auf Handel oder Produktion beruhende Anrechte, Rechte auf Grund eigener Arbeit, Transfer Anrechte. (S. 27). Sen verwendet den Begriff Anrecht deskriptiv und nicht präskriptiv.

Anrechte sind sozial definierte Zugangsmittel, Eintrittskarten. Anrechte haben eine normative Qualität, einen Grad der Festigkeit so daß sie nicht ohne Kosten beseitigt werden können.

Auch Grundrechte sind Anrechte, sowie die verfassungsmäßig garantierten Rechte aller Mitglieder einer Gesellschaft, weiters die Bürgerrechte und der Zugang zu den Märkten.

Reallöhne schaffen Anrechte. Geld hat im allgemeinen Anrechtscharakter. Fallendes Einkommen bedeutet eine Veränderung von Anrechten.

Weiterer Aspekt von Anrechten: Eintrittskarten öffnen Türen sonst bleiben sie verschlossen. Anrechte ziehen Grenzen und schaffen Barrieren. Sie sind nicht graduell (eine halbe Eintrittskarte = keine Eintrittskarte).

Anrechte wachsen oder schrumpfen in Stufen, sind nicht kontinuierlich, sie werden geschaffen oder beseitigt, gegeben oder genommen. Anrechte können auch Türen zu nicht-ökonomischen Gütern öffnen wie das Wahlrecht und das Anrecht auf Bildung.

Um das ganze Spektrum jener materiellen und immateriellen Wahlmöglichkeiten zu beschreiben die durch Anrechte geöffnet werden verwendet Dahrendorf den Begriff Angebot. (Statt zB. Güter oder Wohlfahrt).

Das Angebot ist Auswahl im Sinne einer Auswahl von zur Wahl stehenden Gegenständen (kleine oder große Auswahl). Angebot ist der in gegebenen Aktionsfeldern vorhandene Fächer alternativer Möglichkeiten.

Diese Alternativen sind selbst strukturiert durch den Erfindungsreichtum von Märkten, durch die Wünsche von Menschen, durch den Geschmack, durch organisierte Präferenzen.

Der Begriff Angebot ist eher quantitativ als qualitativ, eher ökonomisch als rechtlich oder politisch. Angebote variieren nach ihrer Menge und nach ihrer Vielfalt.

Das Problem des moderen sozialen Konflikts lässt sich nun immerhin schon mit Hilfe dieser Begriffe formulieren.

Die Industrielle Revolution war in erster Linie eine Angebotsrevolution. Sie führte am Ende zu einem großen Anwachsen des Volkswohlstandes. Die Französische Revolution war andererseits eine Anrechtsrevolution.

Angebotsparteien und Anrechtsparteien -eine Politik des Wirtschaftswachstumes und eine Politik der Bürgerrechte- lagen und liegen im Streit miteinander (S. 31).

(Dahrendorf bemerkte hier auch noch zu seinen Ausführungen: "Vokabeln sind keine Theorien. Begriffe müssen laufen lernen, bevor manfrau mit ihnen etwas anfangen kann. Das gilt auch für das Begriffspaar Anrechte und Angebot").

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