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20070602

Die Grünen Anfang 90er sk-36

Ist der Thatcherismus spezifisch britisch, dann sind die Grünen spezifisch deutsch. In den meisten Fällen indes waren die Grünen nur die Übersetzung einer sozialen Bewegung in eine politische Organisation.

Die soziale Bewegung hat ihre Quelle in einer der großen Disparitäten der sozialen Position von Menschen, einem Interesse also, das vielen gemeinsam ist (so sie sich auch in anderer Hinsicht unterscheiden), das ist das Interesse einer erträglichen Lebenswelt.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur:
Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf,
Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch,
Textauswahl für dieses Blog: Transitenator
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Da deren Bedrohungen alle treffen, ist eine 'Partei' zu ihrer Bekämpfung ein Widerspruch in sich. Das heißt trotzdem, dass am Ende eine Mehrheit gefunden werden muss, um die Schäden zu begrenzen, die durch gedankenlose Produktion und gedankenlosen Konsum angerichtet werden.

Die Mehrheitsklasse lässt sich nicht leicht bewegen. Dazu sind Organisationen und Methoden nötig. Es gibt keinen Grund, warum eine wirksame Umweltpolitik nicht ihren Platz auf der Tagesordnung der Sozialdemokratie finden sollte.

Die deutschen Grünen haben versucht, die Ökologie mit zwei anderen Interessenlagen zu verbinden. Sie sind
1. zur Dachorganisation für entfremdete Minderheiten geworden und sie haben
2. diejenigen bei sich versammelt, die das ganze System der Mehrheitsklasse zersetzen wollen.

Der fundamentalistische Flügel der Grünen lässt sich geradezu als Partei zur Abschaffung aller Parteien verstehen. Im Kern geht es hier um den Versuch, alle festen Machtstrukturen in der Gesellschaft und also auch in der Grünen Partei selbst aufzulösen. Jeder Trick im Lehrbuch der 'Basisdemokratie' wird benutzt, um dieses Ziel zu erreichen (Rotation, offene Versammlungen).

In den achtziger Jahren fand diese Kombination von Ökologie, Minderheiten und Demokratisierung in Deutschland beträchtlichen Zulauf.
Offenkundiger mittelständischer, fast akademischer Charakter des Projektes.

Mit den Beschränkungen der Staatsausgaben in den 70er Jahren kam auch die Expansion des öffentlichen Dienstes abrupt zum Stehen. Diese Blockierung führte zu Frustration und Entfremdung.

Die Arbeitslosigkeit von Akademikern hat möglicherweise eine durchaus andere Wirkung als allgemeine Arbeitslosigkeit, insofern als sie Aktivisten hervorbringt.
Sie bringt auch 'ewige Studenten' hervor, die viele Jahre an Universitäten herum hängen und Leute deren 'alternativer Lebensstil' tatsächlich nur eine Version tiefer Armut ist, und eben Grüne (253).

Dieser Zustand dauert indes nicht. Eine nächste Generation geht entweder überhaupt nicht zur Universität oder sucht keine Stellen im öffentlichen Dienst. Das ist der einzige Grund, aus dem sich die Grüne Partei als instabil und am Ende als schwach erwiesen hat. Manche ihrer Mitglieder sehen ihre Interessen durch große Parteien besser vertreten.

Und Fundamentalisten können am Ende dem 'ehernen Gesetz der Oligarchie' (Robert Michels) nicht entkommen.

Organisation hat gewisse Voraussetzungen und Folgen, denen niemand sich je entzogen hat. Die Grünen sind noch deutiger eine Episode als der Thatcherismus. Auch sie bleiben nicht ohne Wirkung. Sie haben die Tagesordnung der Politik verändert und ein Element der 'postmaterialistischen' Wertvorstellungen in das politische Denken eingeführt.

20070510

Langzeitarbeitslosigkeit Entfremdung Anomie sk-33

Reale Konflikte sind immer auch sichtbare Konflikte. Die Mehrheitsklasse führt ihre Umverteilungsgefechte weiter. Das bleierne Gewicht der erdrückenden Mehrheit.

Klassen sind nicht mehr die vorherrschende Basis des Konflikts.

In offenen Gesellschaften individualisiert sich der soziale Konflikt.

(Anmerkung: Die 'Individualisierung sozialer Ungleichheit' hat Ulrich Beck, 1986, im Buch 'Risikogesellschaft' näher ausgeführt. Ich arbeite derzeit an einem diesbezüglichen Exzerpt. Kommt in Kürze. Und kurz gesagt handelt es sich bei dieser Individualisierung um die "Herauslösung von Menschen aus lebensweltlichen Zusammenhängen und Verweisung auf sich selbst" (So O-Ton Beck).
Vulgär gesagt bekommt der einzelne das 'Pummerl' (die Schuld) für das Versagen oder für Fehlkonzeptionen des 'Systems'. Dieser oder diese Einzelne ist nicht mehr politisch organisiert sondern lediglich Bittsteller auf Arbeitsämtern etc. und wird als 'Sozialschmarotzer' (auch und vor allem von politisch Tätigen) gebrandmarkt, diffamiert und stigmatisiert).
Originalton auf einem österreichischen Arbeitsamt: Der Leiter zu einer krankheitsbedingt Langzeitarbeitslosen: "Frau *****, wir werden auch für sie eine ENDLÖSUNG finden". !!! (Ist belegt, Namen könnten genannt werden).

Solidarisches Handeln in organisierten Gruppen ist vielleicht nur die zweitbeste Methode um die eigenen Interessen durchzusetzen. Es ist kräftezehrend, hat hohe emotionale Kosten, und es dauert lange bevor manfrau etwas erreicht.

Wo immer möglich, versuchen Menschen daher, aus eigener Kraft voranzukommen. In den USA ist das die vorherrschende Art, Konflikte auszutragen. Heute gilt dasselbe in den meisten entwickelten Ländern. Individuelle Mobilität tritt an die Stelle des Klassenkampfes.

Menschen die in organisierten Gruppen handeln, sind heute eher Sonderinteressengruppen oder soziale Bewegungen als Klassenparteien. Segmentierung lässt sich durch sozialen Wandel erklären (S. 236).

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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In dem Augenblick, in dem Bürgerrechte nahezu allgemein werden, nehmen 'Disparitäten der Lebensbereiche' (?von wem?) den Platz verallgemeinerter Forderungen nach bürgerlichen, politischen oder sozialen Rechten ein.
Soziale Bewegungen bilden sich durchaus innerhalb der Grenzen der Bürgergesellschaft. Bürgerlicher Ungehorsam hat nur Sinn, wenn ein stabiler Rahmen der Bürgerrechte (und Pflicht zum Gesetzesgehorsam) vorausgesetzt werden kann.

Warum schließen die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen sich nicht zusammen zum Marsch auf die jeweiligen Hauptstädte, um dort ihren vollen Anteil am Bürgerstatus einzufordern?

Warum gibt es nicht so etwas wie eine Arbeitslosenpartei und eine Armenpartei?

Warum macht die Unterklasse keinen Krawall?

Marx und Engels sprachen vom 'Lumpenproletariat', dem 'sozialen Abschaum', die 'passive Verfaulung der alten Gesellschaft'.

Theodor Geiger: Die unterste Schicht ist 'wirtschaftlich-sozial ohne Standort'. Ihre Mentalität führt sie nicht zur organisierten Interessenvertretung, sondern zur hemmungslosen Rebellion.
Ihre Soziallage macht sie zu einer Reservearmee für reaktionäre Umtriebe. Sie sind im Erwerbsleben nicht heimisch, zu stetiger Lebensführung nicht fähig und verdingen sich zu Abenteuer und Fehde.

Doch erklärt das alles nicht den sozialen Konflikt am Ende des 20. Jahrhunderts.
Tatsächlich ist die Unterklasse weder in Nordamerika noch in Europa besonders gewalttätig; sie steht der offiziellen Gesellschaft nicht einmal sonderlich feindselig gegenüber.

Wenn die Langzeitarbeitslosen und die Dauerarmen überhaupt zur Wahl gehen, verteilen sich ihre Stimmen nicht viel anders als die der übrigen Wähler. (Das galt auch in den 30er Jahren für die Geiger schrieb).

Es waren eben nicht die Arbeitslosen, die Hitler zur Macht verholfen haben, wenn gleich ihr Schicksal etwas zu tun hatte mit der Hysterie des Mittelstandes.

Ein Autor: "die Unterklasse sei entfremdet und populistisch, aber nicht radikal". Sie ist in sich gespalten, jeder sucht seinen persönlichen Ausweg, und große Themen der öffentlichen Diskussion lassen sie gleichgültig.

Die Unterklasse neigt zur Lethargie.

Die Schlüsseltatsache für die Unterklasse und die Dauerarbeitslosen ist, dass sie sozusagen keinen Einsatz im Spiel der Gesellschaft haben. Das Spiel findet ohne sie statt.

In einem durchaus ernsten Sinn gilt die moralisch unerträgliche Feststellung, dass die Gesellschaft sie nicht braucht.
In der Mehrheitsklasse wünschen viele, die Unterklasse möge einfach von der Bildfläche verschwinden; täte sie das, dann fiele ihr Fehlen kaum jemandem auf. Die Betroffenen wissen das wohl. Für sie ist die Gesellschaft vor allem weit weg.

Es scheint sich das Gefühl, keinen Einsatz in der Gesellschaft zu haben, über die Grenzen jener Gruppen hinaus ausgebreitet zu haben, die durch Arbeitslosigkeit und Armut geprägt sind.

Junge Menschen vor allem haben eine Neigung, ihre Wertvorstellungen vom sozialen Rand her abzuleiten, auch wenn sie Arbeit haben und einen Platz im komfortablen Haus der Mehrheit finden könnten.
So stellt sich eine eigentümliche Konvergenz der Kultur der Unterklasse mit der Gegenkultur der Mittelklasse ein; es gehört sich sozusagen, nicht dazu zugehören.
Es ist zur verbreiteten Gewohnheit geworden, sich um die Normen und die Werte der offiziellen Gesellschaft nicht zu kümmern (S. 239).

Diese Gewohnheit ist vielleicht das wichtigste einzelne Merkmal der OECD-Gesellschaften in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie hat überdies einen Namen.

Anomie

Konflikte erscheinen nicht als Schlachtordnung in einem revolutionären Krieg oder selbst als demokratischer Klassenkampf, sondern als Anomie.
Ein wichtiger Begriff. Anomie oder Gesetzlosigkeit.

Der Begriff wird Emile Durkheim zugeschrieben, der von Anomie sprach, um die Aufhebung der Wirksamkeit sozialer Normen durch wirtschaftliche und politische Krisen zu beschreiben.
Ihr Ergebnis ist, dass Menschen aller Bindungen verlustig gehen, bis sie im Selbstmord den einzigen Ausweg sehen.

Robert Merton hat unserem Verständnis von Anomie seine eigene Wendung hinzugefügt, indem er sie als jenen 'Kollaps der kulturellen Struktur' beschrieb, der eintritt, wenn Menschen auf Grund ihrer sozialen Stellung nicht in der Lage sind, den Werten der Gesellschaft zu folgen (S. 240).
Der Begriff hilft bei der Beschreibung eines eigentümlichen Merkmals moderner Gesellschaften. Wichtiger als die bloße Zahl der Gesetzesbrüche, ist die Unfähigkeit von Gemeinwesen, mit diesen fertig zu werden.

In der normativen Welt des 20. Jahrhunderts sind gewisse rechts freie Räume entstanden (no-go-areas). Was in ihnen geschieht unterliegt nicht den normalen Sanktionen der Rechtsgemeinschaft. Also 'rechts freie Räume' in dem Sinn, dass die vorherrschenden Normen in ihnen außer Kraft gesetzt scheinen. Diese Räume stellen noch weitere Fragen.

Der 'Freispruch des Schuldigen' ist in den Gesellschaften der Gegenwart zu einem vertrauten Phänomen geworden, selbst bei Mord und Totschlag. Jahrzehntelang herrschte die Neigung, die 'Gesellschaft' verantwortlich zu machen. Der rechts freie Raum der Jugend ist wahrscheinlich der folgen reichste von allen, denn er nimmt diejenigen, die diese noch lernen sollen, von DEN Normen aus, DIE die Gesellschaft zusammenhalten (S. 242).

Anomie beschreibt unter diesem Gesichtspunkt einen Zustand, in dem Normbrüche nicht bestraft werden. Darüber hinaus beschreibt Anomie einen alle Bereiche des sozialen Lebens durchdringenden Zustand.
Dazu gehört der Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung in der Ehe, Steuerhinterziehung und andere Formen der Wirtschaftskriminalität.
Menschen haben keinen Einsatz in der Gesellschaft und fühlen sich daher an ihre Regeln nicht gebunden. Das ist die eine Seite des Bildes. Die andere ist, dass das Vertrauen der Gesellschaft in ihre eigenen Regeln abgenommen hat; die Einhaltung von Regeln wird schlicht nicht mehr erzwungen.


Es bleibt zu prüfen, ob die jüngste Form des sozialen Konflikts nicht zum Thema hat, dass der Gesellschaftsvertrag selbst in Frage steht. Dahrendorf meint die ersten und grundlegenden Artikel des Gesellschaftsvertrages, in denen es um Recht und Ordnung geht.

Hier begegnen wir dem Thema das es erlaubt die Argumentation über den modernen sozialen Konflikt zu bündeln.

Eine Gesellschaft, die allem Anschein nach bereit ist, die fortdauernde Existenz einer Gruppe zu akzeptieren, die keinen wirklichen Einsatz in ihr hat, stellt sich selbst in Frage. Hat die Gesellschaft das Vertrauen in ihre eigenen Regeln verloren?

Es ist die Rede davon, dass die Mehrheitsklasse ihr Selbstvertrauen verliert. Sie ist sich ihrer Stellung nicht mehr sicher. Daher zieht sie Grenzen, wo es keine geben sollte, und sie zögert, wenn die Erzwingung ihrer Regeln auf dem Spiel steht.
Die Zeichen des Selbstzweifels sind unverkennbar. Die Risiken der Anomie liegen auf der Hand. Unordnung, Zweifel und Ungewissheit über alles zu bringen, ist schlimm genug.

Doch liegt das größere Risiko in etwas anderem. Anomie kann nicht dauern. Sie ist eine Einladung an Usurpatoren, der Mehrheit ein falsches Ordnungsschema aufzudrängen. Eben das, was Liberale so stört an den Verfechtern von 'Recht und Ordnung', provozieren sie selbst durch das Fehlen eines entschiedenen Sinns für Institutionen.

Das Risiko der Anomie heißt Tyrannei in vielerlei Gestalt (S. 244).

20070509

Multikultur Bürgerrechte Separatismus Fundamentalismus sk-32

Fragen der Rasse und der ethnischen Zugehörigkeit sind so wichtig, dass sie eine gesonderte Erörterung verlangen. Wenn die Mehrheitsklasse Grenzen der Zugehörigkeit zieht, zieht sie diese nicht nur nach unten, sondern auch an ihren Seiten.

Manche verlieren ihre Bürgerrechte, anderen werden sie von vornherein verweigert. Die Suche nach Homogenität - das Stammesdenken - ist erneut aktuell. Es gibt Zeichen eines sozialen Protektionismus, der sich wie ein Buschfeuer ausbreitet, menschliches Leiden und Formen der Gewalt hervorruft, die sich allen gängigen Methoden der Konfliktbewältigung entziehen.

Die Frage des sozialen Ausschlusses. Die amerikanische Unterklasse ist sicher nicht einfach ein Merkmal der Schwarzen in den USA. Insoweit etwa die ländliche Armut ähnliche Folgen hat, ist sie ein vornehmlich weißes Phänomen.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Trotz hispanischer Einwanderer ist das 'Ghetto' im wesentlichen schwarz (afro-amerikanisch). Auch erfolgreiche Schwarze der 60er Jahre sind in wichtigen Hinsichten Außenseiter. Eine tiefe kulturelle Schranke ist geblieben.

Offenkundig sind Bürgerrechte eines und volle Teilnahme ist ein anderes (S. 229). Wenn wir von Sozialpathologien und ihrer Häufung sprechen, so ist die schwarze Hautfarbe als ein Element der Benachteiligung anzunehmen. Die britische Erfahrung ist andersartig. Viele kamen freiwillig nach GB. Aber Rasse spielt eine Rolle.

Die Mehrheitsklasse zieht subtile und nicht-so-subtile Grenzlinien (traditionelle Arbeiterbewegung, Zugang zu Sozialwohnungen, Mitgliedschaft in Clubs u. Vereinen).

Der 'Charme' der 'multirassischen (Anmerkung: 'multikulturellen') Gesellschaft' entgeht einer Mehrheit, die eher daran interessiert ist Grenzen zu ziehen als Offenheit zu zeigen. Für die Entfaltung der Bürgerschaft ist das ein Rückschritt. Er verlangt die Neubelebung der Kraft der Bürgerrechte.

Immer mehr Menschen (so scheint es) wollen nicht in einer multirassischen oder selbst multikulturellen Gesellschaft leben. Überdies gilt das nicht nur für komfortable Mehrheiten, sondern auch für die betroffenen Minderheiten.

Sie verlangen ihre eigene Nische, wenn nicht ihre eigene Region, ihr eigenes Land. 'Getrennt aber gleich', eine Forderung der Liberalen der 60er Jahre, ist wieder aktuell geworden, wobei vielfach die Trennung stärker betont wird als die Gleichheit.

Es gibt ein Verlangen nach Homogenität, das sich gegen jeden Versuch wehrt, zivilisierte Gemeinwesen dadurch zu schaffen, dass zuerst Bürgergesellschaften gestiftet werden und dann kulturelle Unterschiede in ihnen gedeihen (S. 231).

Die Zweideutigkeit der Forderung nach 'Selbstbestimmung' entwickelt ihre eigene Dynamik. 'Wir sind das Volk' (Leipzig), das Volk will entscheiden. "Wir sind ein Volk!", ist die Anrufung nationaler Sentiments und Ressentiments.

Im zerfallenen Yugoslawien löste diese Verschiebung des 'Selbstbestimmungsrechts' umstrittene Unabhängigkeitserklärungen, Unterdrückung von Minderheiten und Gewalt aus. Plötzlich stehen wir auf einem Scherbenhaufen der Bürgergesellschaft, auf der doch die Hoffnungen der Freiheit ruhten (S. 232).

Die Wiederentdeckung des Ethnischen (der kulturellen Eigenart von Gruppen mit tiefen historischen Gemeinsamkeiten), hätte ein Schritt voran im Prozess der Zivilisation sein können.
Sie bedeutete das wachsende Verständnis dafür, dass gemeinsame Bürgerrechte nicht im Widerspruch stehen zu kulturellen Unterschieden, sondern diesen im Gegenteil neue Spielräume eröffnen.

Aber die glückliche Harmonie sollte nicht dauern.

Unterschiede wurden als Waffe gegen den Bürgerstatus verwendet und noch verstärkt durch soziale Emotion (Fundamentalismus).

Fundamentalismus bedeutet, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe die Aura des Außergewöhnlichen annimmt und eine beinahe religiöse Bedeutung gewinnt. Sogar in Israel wird Judentum in den Begriffen einer Orthodoxie erörtert, die Reformjuden ausschließt.

Die offenbare Unmöglichkeit, einen multikulturellen jüdisch-arabischen Staat Israel auf friedliche Weise zusammen zuhalten, stellt eines der explosiven Probleme der Gegenwart dar. Auch im westlichen Europa machen sich Anzeichen eines fundamentalistischen Nationalismus breit.

Der freischwebende Fundamentalismus eines neuen Kulturpessimismus hat ähnliche Wirkungen. Die Gegentendenz zur Gigantomanie der fünfziger und sechziger Jahre und damit gegen die Annahme, dass Effizienz immer größere Dimensionen verlangt war verständlich.

Viele haben sich von der Kraft und Größe einer internationalen Gemeinschaft abgewandt. Eine neue Sehnsucht nach Authentizität nährt eine romantische Suche nach 'realen' statt bloß 'formalen' Beziehungen, also einer Legitimität durch das wärmende Empfinden des permanenten Diskurses statt durch das Recht und die Institutionen, die es begründet.

Diese Beobachtungen erinnern an das Thema der Modernität und der Ligaturen. Die moderne Welt erscheint als kühler Ort. Der Verschnitt von Tocqueville und Marx hat die Lage beschrieben.

Dahrendorf behauptet, dass viele falsche Götter (Nationalismus, Fundamentalismus ...) einen Aspekt teilen, der einen direkten Bezug hat zum modernen sozialen Konflikt um den Bürgerstatus und um Lebenschancen.
Eine Attacke auf die zivilisierende Kraft der Bürgerrechte im Namen eines falsch verstandenen Selbstbestimmungsrechtes der ethnischen, religiösen, kulturellen Autonomie, ja auch von Minderheitenansprüchen.

Ein weicher Liberalismus hat sich ausgebreitet, der den großen Gewinn eines gemeinsamen Bodens von Bürgerrechte und Anrechten für alle aufs Spiel setzt, um dem Separatismus von Minderheiten entgegen zukommen.

So werden Minderheitenrechte zuerst missverstanden und dann pervertiert zur Herrschaft von Minderheiten.

Eine solche Haltung leistet nicht einmal mehr dem Fundamentalismus Widerstand, so dass lautstarke Minderheiten die angebliche Unterstützung von schweigenden Mehrheiten für sich in Anspruch nehmen können.
Das ist ein großer Rückschritt in der Geschichte der Bürgergesellschaft und wir zahlen dafür einen hohen Preis welcher in Konflikten besteht für die niemand eine Lösung kennt (S. 234).

Keine der Erfahrungen der Organisation, Institutionalisierung und Regelung, die den demokratischen Klassenkampf hervorgebracht haben, lässt sich auf aktive Minderheiten anwenden, die entweder Loslösung von einem bestehenden Ganzen fordern oder allen übrigen ihren fundamentalistischen Glauben aufzudrängen suchen.
Terrorakte und Bürgerkriegsdrohungen sind kein Zufall.

Der teuerste Preis wird in Lebenschancen entrichtet und in der Behinderung des Fortschritts zur Bürgergesellschaft in aller Welt. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn die Beteiligten verstehen, dass der allgemeine Bürgerstatus nicht alle Unterschiede beseitigt (nivelliert) sondern Chancen schafft! Er macht sozialökonomische Ungleichheiten erträglich.

In analoger Weise macht der Bürgerstatus kulturelle Vielfalt erträglich. Das Recht, anders zu sein, ist eines der Grundrechte der Mitglieder von Gesellschaften, aber zu ihnen gehört auch der Verzicht auf Methoden der Durchsetzung, die das Prinzip des gemeinsamen Bürgerstatus gefährden.

Separatisten haben andere Prioritäten als Bürgerrechtler. Sie wollen zuerst ein lettisches Lettland oder ein katholisches Irland und erst viel später Bürgerfreiheiten für Russen in Lettland oder Protestanten in Irland.

Separatisten, Fundamentalisten und Romantiker wollen Homogenität, aber Liberale brauchen Heterogenität, denn sie ist der einzige Weg zu allgemeinen Bürgerrechten in einer Welt der Vielfalt.

Karl Poppers Plädoyer für die offene Gesellschaft: "Wir können zurückkehren zur Stammesexistenz, aber wenn wir die Zivilisation wollen, dann müssen wir voranschreiten zur Bürgergesellschaft" (S. 235).

20070508

Unterklasse Unterschicht Ghettoisierung sk-31

Der amerikanische Aspekt der neuen sozialen Frage.
Auch in den USA Dauerarbeitslosigkeit. Doch sind in den USA Millionen neuer Stellen geschaffen worden und niemand spricht von einer Verknappung der Arbeit oder versteht den Begriff.

Der Grund hiefür liegt in der Flexibilität der Reallöhne nach unten. Amerikanische Reallöhne sind tatsächlich gefallen. Das bedeutet, dass nicht wenige Menschen zwar Arbeit finden aber arm bleiben.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Dauerarmut ist das amerikanische Gegenstück zur europäischen Dauerarbeitslosigkeit.

Das Sinken der Reallöhne begann in den USA in der Mitte der 70er Jahre. Damit Trendbruch. Der Prozentsatz der Menschen unterhalb der offiziellen Armutsgrenze stieg von 11 auf 15 %.
Die Zahlen sind Ergebnis der Tatsache, dass relativ gut bezahlte Stellen abgebaut und neue auf einem niedrigeren Lohnniveau geschaffen worden sind. Dazu gleichzeitiges Ausbleiben von Zusatzleistungen (medizinische Versorgung, Arbeitsplatzsicherheit).

Die Auswirkungen dieses Prozesses sind offenbar deprimierend.

Wenn 'Regularisierung', also die regelmäßige Beschäftigung von Teilzeit- oder Gelegenheitsarbeitern, von Beveridge vor dem Ersten Weltkrieg als Rezept gegen Arbeitslosigkeit empfohlen wurde, dann lässt sich heute eine gegenläufige Entwicklung beobachten.
Stärker als in Europa wirkt sich in den USA die Beschäftigungslage auf den allgemeinen wirtschaftlichen Status von Menschen aus.

Die 'arbeitenden Armen' ('working poor'). Volle Teilnahme am Leben der Gesellschaft bleibt für sie offenkundig prekär; zugleich haben sie ihre Bürgerrechte nicht unwiederbringlich verloren. Ihnen helfen nur Qualifikationen, um sich aus dem Elend herauszuarbeiten.

Dann die noch schlechter Gestellten, die amerikanische 'Ghetto' - Unterklasse. Es gibt keine Industriegesellschaft ohne ein Residuum von Arbeitsunfähigen, Arbeitsunwilligen und Herumtreibern. Doch sind die Clochards von Paris, etc. keine Unterklasse.

Damit eine Unterklasse entsteht, muss es systematische Prozesse ihrer Rekrutierung, ihrer Abgrenzung und der Prägung ihres Verhaltens geben.

Es hat den Anschein, als ob diese in amerikanischen Großstädten existieren.

Die Merkmale: "Minderheitsgruppen, die in den Elendsquartieren unserer Großstädte leben, gekennzeichnet durch eine schwache Bindung an den Arbeitsmarkt, durch Drogen- und Alkoholmissbrauch, uneheliche Geburten, langfristige Abhängigkeit von Sozialhilfe und, zumindest unter Männern eine Tendenz zu kriminellem Verhalten" (Mary Jo Bane u. Paul Jargowsky).

Es ist die Rede von einer sozialen Kategorie, in der sozial pathologische Merkmale sich so sehr häufen, dass ein Dauerzustand der Entfremdung entsteht.
Seine Merkmale sind fehlende Qualifikationen, miserable Wohnverhältnisse, Abhängigkeit von staatlicher Hilfe. Viele gehören ethnischen Minderheiten an, unvollständige Familien, Neigung zu abweichendem Verhalten.
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Die Größe der Unterklasse?
USA: 8,7% der Stadtbevölkerung, ca. 4 Millionen, zwischen 1 u. 5% der Gesamtbevölkerung.
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Solche Schlüsse bleiben unbefriedigend. Wenn der Begriff 'Unterklasse' einen Sinn haben soll, dann muss er eine identifizierbare Kategorie sozialer Stellung und sozialen Verhaltens beschreiben.

Der meist zitierte Soziologe zu dieser Frage ist William Julius Wilson. Er ist der eigentliche Erfinder des wissenschaftlichen Begriffes der Unterklasse, obwohl er es vorzieht von 'wahrhaft Benachteiligten' zu sprechen und soziale Faktoren höher einzuschätzen als ethnische oder rassische. Seine ursprüngliche These war eindringlich.

Viele Mitglieder von Minderheiten sind aus den amerikanischen Innenstädten abgewandert (als Folge teils der Bürgerrechtsbewegung und teils relativ günstiger ökonomischer Bedingungen).

Sie beseitigten damit die Brücke zwischen Einschluss und Ausschluss. (Anmerkung: 'transition'). Mit ihnen verschwanden die 'Rollenmodelle' für die weniger Qualifizierten und Motivierten. Die Zurückgebliebenen fanden sich in einem Zustand 'sozialer Isolierung'.

Alsbald setzte ein 'Konzentrationseffekt' ein, der den Grenzzaun zwischen 'Ghetto' und dem Rest schwerer überwindbar machte. Die Unterklasse fand sich sozial abgekoppelt und in einem zunehmend unausweichlichen Zyklus der Benachteiligung.


Europa: Selbst in England ist dieser Abkoppelungsprozess viel weniger weit fortgeschritten. In den benachteiligten Vierteln der inneren Städte gibt es noch viel Energie, Qualifikation und Motivation und das Fehlen realistischer Möglichkeiten stellt ein größeres Problem dar, als der 'Konzentrationseffekt' der Benachteiligung.


Im übrigen Europa ist die physische Konzentration, die zur Definition der Unterklasse gehört, eher selten und jedenfalls weit weniger ausgeprägt als in den hundert größten Städten Amerikas. Selbst die Dauerarbeitslosen sind häufig verstreut, wenn nicht vereinzelt, was ihre Lebenslage nicht erleichtert, es aber erschwert sie als eine Klasse zu beschreiben.

Die Begriffsfrage stellt sich auch für die amerikanische Unterklasse. Richard Nathan versucht terminologische Genauigkeit.

Er sei zu dem Schluss gekommen, "dass das Wort Unterklasse eine reale und neue Soziallage beschreibt, mit der wir fertig werden müssen. Dies ist eine Lage, die mit dem Begriff Klasse zutreffend beschrieben wird".

Allem Anschein nach ist die als Unterklasse beschriebene Sozialkategorie vom Rest durch Grenzen getrennt, die man Anrechtsgrenzen nennen muss.

Offizielle, normale staatliche Maßnahmen erreichen diese Menschen nicht. Wenn die gesamtwirtschaftliche Konjunktur aufwärts führt, bleiben sie zurück. Ihre Kinder besuchen die Schulen nicht, Arbeitsplätze werden nicht akzeptiert.

Manche zögern, da von Anrechtsschranken zu sprechen; die offizielle Gesellschaft hat den Armen noch stets ihre Lebenslage zum Vorwurf gemacht.

In den USA werden Lösungen ausprobiert. Betonung der, und Lockung, Drängung in die Arbeitswelt. Aber Wilson sagt uns, dass alle Formen der Verbindung von Sozialhilfe und Arbeit bei dieser Gruppe versagen; der 'Konzentrationseffekt' ist zu stark. Er muss zuerst gebrochen werden.

Dahrendorfs Idee einer CHARISMA GmbH., ein Unternehmen, dass einzelne ermutigt, die in der Lage sind, auf örtlicher Ebene andere zu inspirieren. Sie müssten die Fähigkeit haben, diejenigen zu erreichen und einzubeziehen, die für die meisten unzugänglich sind (S. 226).

Weder die neue Arbeitslosigkeit noch die neue Armut wird durch Wirtschaftswachstum beseitigt werden.

Zusätzliches und im weitesten Sinn politisches Handeln ist nötig- ein sicheres Anzeichen dafür, dass wir es mit einem Anrechtsproblem und nicht mit einem Angebotsproblem zu tun haben.

Es ist keineswegs ausgemacht, dass die Mehrheitsklasse ein Interesse daran hat, den Zirkel der Benachteiligung derer zu brechen, die in eine Unterklassenlage abgesunken sind.

Im Gegenteil könnte es Interesse der Mehrheit sein (vor allem in Zeiten der ökonomischen Unsicherheit), einige aus ihrem Umkreis heraus zu definieren um die Stellung derer drinnen zu schützen.

Die Institutionen und Organisationen der Mehrheit helfen der Unterklasse jedenfalls wenig. Bildungseinrichtungen sind nützlich für alle, die sie erreichen. Nachgewiesene Qualifikationen sind die wirksamste Eintrittskarte in die moderne, durch Hochtechnologie bestimmte Wirtschaft, aber diejenigen, denen der Zugang oder die Motivation oder das Sitzfleisch fehlt, bleiben ganz und gar draußen.

Tatsächlich tun die Gewerkschaften wenig für die Unterklasse.

Niemand mag Armut. Wenn gewählt wird, dann haben solche Parteien eine bessere Gewinnchance, die den Beschäftigten ein paar Mark mehr versprechen, als diejenigen die Opfer oder Umverteilung fordern, um den Ausgeschlossenen zu helfen (S. 227).

Die Mehrheitsklasse schützt ihre Interessen so wie andere herrschende Klassen das vor ihr getan haben. Der Unterschied liegt in der Dimension. In gewisser Weise ist das Gegenteil dessen eingetreten, was Marx prophezeit hat.

Die überwältigende Mehrheit der Menschen (die Mehrheitsklasse) hat ohne politische Revolution eine durchaus erträgliche Existenz gefunden. Aber sie sind keineswegs sicher, dass die guten Zeiten für immer andauern werden.

Es werden Grenzen gezogen, die einige draußen in der Kälte lassen.

Die fehlende Phantasie einer Klasse, die in der Angebotswelt lebt und daher die Anrechtsforderungen anderer nicht erkennt, verbindet sich mit dem Interesse an der Sicherung der eigenen Position.

Arbeitslosigkeit Vollbeschäftigung Bürgerstatus sk-30

Stagflation hieß das Symptom der 70er Jahre und ihrer Probleme. Wachsende Erwartungen der Menschen und der Widerspruch wurde schmerzhaft spürbar.

Hier soll die Aufmerksamkeit auf die Anrechte gerichtet werden, darauf ob nach Raymond Arons Zeit, nach den Reformen und der neuen Unübersichtlichkeit eine neue soziale Frage entstanden ist, die die Konflikte der Zukunft bestimmen könnte.

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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Wir sehen auf den seltsamen Widerspruch von beträchtlichem Wirtschaftswachstum und hoher, andauernder Arbeitslosigkeit. Noch in den guten Konjunkturzeiten der 80er blieb die Arbeitslosigkeit fast überall hoch, ja stieg. Anhaltende Wachstumsraten lenkten von der Arbeitslosenrate ab. Hier wird die europäische Geschichte erzählt.

Hohe Arbeitslosigkeit in einer Zeit des Wirtschaftswachstums stellt Fragen der
1. Wirtschaftsentwicklung,
2. der Geschichte der Arbeit und
3. des Bürgerstatus.

Besondere Qualität des Wirtschaftswachstums der 80er Jahre. Eine Wende der vorherrschenden Wirtschaftspolitik (Keynesianismus) hin zur Angebotsseite, Krieg gegen die Gewerkschaften und gegen manche Interessen des Wohlfahrtsstaates.

Die Urheber der Wende waren Politiker (Reagan, Thatcher). Übersetzt man prozentuales Wachstum zurück in die Menge zusätzlicher Güter und Dienstleistungen pro Jahr, dann ist diese in den 80er Jahre zumeist stärker angestiegen als in den 50er und 60er Jahren.

Die achtziger Jahre waren ein Jahrzehnt des Wirtschaftswunders. Was war das für ein Wunder?

Susan Strange hat den Begriff des 'Kasino Kapitalismus' geprägt. Das Wunder der 80er Jahre nährte sich von Schulden und gewagten Finanzoperationen (Spekulationen). Im Oktober 1990 erlebten die Börsen ihren ersten Krach, dem weitere folgten.
Ein Börsenkrach bedeutet nicht unbedingt eine Rezession; manchmal scheint es, als hätten Aktienwerte sich abgelöst von der Entwicklung der Unternehmen.
Auch die Volkswirtschaften stellen Fragen. Wie viel nachhaltiges Wachstum hatte stattgefunden in diesem Jahrzehnt? War das Wunder eine optische Täuschung? Sichtbare Präsenz der Erfolglosen in der Arbeitslosigkeit.

In Europa hat das Wachstum der 80er Jahre den Arbeitslosen kaum geholfen. Beruhte dieses Wunder auf der Arbeitslosigkeit?

Es gibt 2 Methoden der Produktivitätssteigerung.

1. Dieselbe Zahl von Arbeitskräften produziert mehr;

2. dieselbe Leistung wird von wenigeren produziert.

Die letztere Methode war verbreitet. Die Beschäftigtenanzahl wurde auf das unentbehrliche Minimum reduziert. Siehe dazu auch die Beziehung von BSP und Arbeitsmenge pro Kopf.
Die beiden Kurven sind auseinander getreten; heute verlaufen sie gegenläufig. So entstand ein höheres Angebot aus wesentlich geringerer menschlicher Leistung.

Der Gedanke, dass die technische Entwicklung menschliche Arbeit überflüssig macht, ist in den letzten 200 Jahren regelmäßig wiederholt worden, aber er findet heute weniger Anhänger, als in der großen Automationsdiskussion der 50er Jahre.

Heute ist Arbeit nicht mehr die Antwort auf soziale Fragen, sondern sie ist selbst Teil der neuen sozialen Frage.

Arbeit ist das durchgängige Thema der industriellen Welt.

Ein Paradox: Moderne Gesellschaften sind Arbeitsgesellschaften, konstruiert um die Arbeitsethik und um die Arbeitsethik und um Berufsrollen, aber sie werden auch vorwärts getrieben von der Vision einer Welt ohne Arbeit.

Es gibt andere Wege in die Welt des Angebots, Schleichwege, aber der Normalweg führt über die Berufstätigkeit. Sie bestimmt das Einkommen, damit das Transfereinkommen, das Sozialprestige, die Selbstachtung und die Art und Weise wie Menschen ihr Leben organisieren. Andererseits gilt Arbeit als Last und mit Staunen und Neid wird/wurde auf die Mußeklasse geblickt.

Vor hundert Jahren waren alle Lebensaspekte auf die Berufsarbeit bezogen. Heute haben die arbeitsfreien Phasen ihre eigene Bedeutung gewonnen und an Umfang zugenommen. Sie werden als eigenständig definiert.
Die Welt der Bildung und der Ausbildung, die Freizeit hat einen neuen Wirtschaftszweig hervorgebracht. Und Ruhestand ist zu einem dritten Lebensalter geworden.

Diese Entwicklungen haben Folge für die Arbeit gehabt. Neokonservative und Sozialisten verbünden sich in einem Lob der Arbeit, während beide außerstande sind, allen Menschen Beschäftigung zu geben.

In Wahrheit geht es ihnen um soziale und politische Kontrolle, für die bislang kein anderer Mechanismus als die Disziplin der Berufstätigkeit erfunden worden ist.

Auf einmal ist Arbeit keine Last, sondern ein Privileg. Auch die Oberschicht ist eher keine Mußeklasse mehr. Öffentliche Zurschaustellung des neuen Reichtums an Arbeit.

OECD: 20% unterhalb des Alters wo Arbeitsmarkt offen steht, 20% im Ruhestand, 10% in Bildungseinrichtungen, dann suchen noch manche keine Arbeit, manche sind dazu nicht imstande also etwa 15%, dann sind noch 10% arbeitslos.
Es bleiben 25% der Bevölkerung, die etwa die Hälfte der Tage des Jahres am Arbeitsplatz verbringt und an diesen Tagen verlangt ihr Beruf etwa die Hälfte ihrer wachen Zeit. Leben wir wirklich in einer Arbeitsgesellschaft?

Ja und den Beweis liefert das Schicksal der Arbeitslosen. Sie passen nicht hinein. Arbeitslos zu sein ist etwas anderes. Es ist nicht akzeptabel. Es zerstört die Selbstachtung von Menschen, bringt ihre Lebensroutine durcheinander und macht sie von staatlicher Unterstützung abhängig.
Es definiert sie aus der Gemeinschaft der Bürger heraus und schafft dadurch eine neue Anrechtsfrage.

Arbeitslosigkeit in den 80ern unterscheidet sich von früheren Formen desselben Phänomens. Vollbeschäftigung wurde für wünschenswert erklärt und Maßnahmen getroffen, um sie herbeizuführen. Diese Maßnahmen beruhten auf der Annahme, dass gesundes Wirtschaftswachstum Vollbeschäftigung hervorbringen würde und umgekehrt.

Frühe Forderungen nach der Regularisierung von Gelegenheitsarbeit über Nachfragesteuerung zur umfassenden Planung von Vollbeschäftigung in der freien Gesellschaft (William Beveridge, John Maynard Keynes).

Es gab keinen Zweifel daran, dass die Arbeitslosigkeit nicht nur unwürdig, sondern verschwenderisch ist, und dass makroökonomische Expansion ein unentbehrlicher Teil der Lösung ist.

Seit den 80er Jahren ist das nicht mehr so eindeutig. Es gibt eine gewisse Ablösung des Wirtschaftswachstums von der Beschäftigung. Eine Politik der Vollbeschäftigung müsste daher ganz andere Wege gehen.
Die unmittelbaren Gründe für diese Probleme mögen technische sein. Die Erfindung immer neuerer arbeitssparender Maschinen und Mechanismen schreitet seit Jahrzehnten voran.
Die tieferen Ursachen dafür, dass es an Berufspositionen zu mangeln scheint, sind indes sozial.

Neue Erfindungen aus Kostengründen und Gründen der Zuverlässigkeit; diese Gründe haben es ihrerseits mit der Verteidigung von Realeinkommen durch organisierte Arbeitnehmer zu tun. Wenn wir tiefer graben, stoßen wir bald erneut auf die moderne Geschichte der Arbeit.

Die Fähigkeit, mit weniger Arbeit mehr zu produzieren, schafft viele neue Lebenschancen.

Das wirtschaftliche Gesamtprodukt hat sich seit 1870 in den OECD-Ländern wahrscheinlich verzehnfacht, zugleich ist die Zahl der pro Person gearbeiteten Stunden auf die Hälfte zurückgegangen (S. 217).

Die Tatsache, dass mit weniger menschlichem Einsatz mehr produziert werden kann, bedeutet, dass die Arbeit knapp werden kann. Einige werden unter bestimmten Bedingungen aus dem Arbeitsmarkt heraus definiert.

Was sind das für Bedingungen?
Die Segmentierung von Arbeitsmärkten in Teilmärkten mit eigenen Qualifikations Erfordernissen erklärt als solche die Dauerarbeitslosigkeit nicht.
Die Flexibilität der Reallöhne oder ihr Fehlen dagegen liefert eine solche Erklärung.

Wenn Löhne wirklich klebrig sind und es unmöglich ist, Beschäftigung auf einem erheblich niedrigerem Einkommensniveau als für etablierte Berufe gängig ist zu schaffen, dann ist Arbeitslosigkeit in einem engen monetären Sinn billiger als Vollbeschäftigung. Indes kommen andere Faktoren dazu.

Arbeitslosigkeit lässt viele der Kernfunktionen der Wirtschaft unberührt.

Die Landwirtschaft ist seit langem ein Sektor mit hoher Produktivität und niedriger Beschäftigung. Die Industrie folgt ihr auf diesem Weg.
Die industrielle Produktion wächst während die industrielle Beschäftigung schrumpft.
Im tertiären Sektor hat die Beschäftigung in traditionellen Verwaltungs- und Verteilungsberufen zugenommen.

In diesen Bereichen ist Produktivität ein komplizierterer Begriff als in der Landwirtschaft oder der Industrie; die Expansion der neuen Bereiche drückt die allgemeine Produktivitätsindizes nach unten, aber das bedeutet wenig.

Primäre, sekundäre und traditionelle Tätigkeit bilden das, was man den sozioökonomischen Kernbereich nennen kann. Dieser lässt sich mit beträchtlich weniger als Vollbeschäftigung aufrecht erhalten.

Will manfrau Vollbeschäftigung, muss manfrau periphere oder entbehrliche Berufe schaffen. Persönliche Dienstleistungsberufe flukturieren, mal in großer Zahl - und sind dann wieder fast verschwunden.

Die 'Informationsgesellschaft' (? Begriff von wem?) bringe mehr Informationen als manfrau verwerten könne, dazu gehören Berufe mit beträchtlichem Qualifikationsniveau.
Es ist ein Spektrum von Berufen entstanden, die in guten Zeiten gefragt sind, aber in schlechten Zeiten entbehrlich.

Die Mehrheitsklasse wacht mit Argusaugen über 'wirkliche Berufe', andererseits mögen sie die Unordnung der Arbeitslosigkeit nicht.

Jedenfalls beginnt sich eine neue Grenze heraus zu bilden zwischen denen, die sichere, gut bezahlte und offenbar sinnvolle Beschäftigung haben und denen für die das nicht gilt.

Dauerarbeitslosigkeit in Ländern mit klebrigen Reallöhnen und einer kurzsichtigen Mehrheitsklasse ist eines der Symptome, wenngleich die eigentliche Trennlinie eher mitten durch die untere Hälfte der Beschäftigten verläuft als zwischen den Berufstätigen und den Arbeitslosen.

Die dadurch geschaffenen Anrechtsfragen sind ernst und nicht einfach.

Berufspositionen als Schlüssel zu den Lebenschancen der Arbeitsgesellschaft waren lange nicht nur die Eintrittskarten in die Welt des Angebots, sondern auch die Voraussetzung des Bürgerstatus.

Berufe waren gleichsam das Nadelöhr zur Anrechtswelt. Das Wahlrecht setzte voraus, dass einer Steuerzahler und Mitglied eines Berufsstandes war.

Soziale Bürgerrechte waren und sind auf Berufstätigkeit bezogen, vor allem durch das Versicherungsprinzip für soziale Anrechte.

Der Bürgerstatus ist nicht Ergebnis eines Tauschvertrages, er ist nicht vermarktbar.

Die Trennung des Bürgerstatus vom Beruf bedeutet Fortschritt.

Ein 'Recht auf Arbeit' ist entweder eine leere Phrase oder ein Missbrauch des Wortes 'Recht'.
Kein Richter kann Arbeitgeber zwingen Arbeitslose einzustellen.

Im Interesse der Freiheit ist es wichtiger, das Recht, nicht zu arbeiten, zu etablieren, so dass Regierende niemanden in eine Abhängigkeit zwingen können.

Das ist kein Scherz sondern der Ausfluss eines klaren Begriffes von Recht und Anrecht einerseits, Politik und Angebot andererseits.

Die Dauerarbeitslosigkeit stellt nichtsdestoweniger Anrechtsfragen. Solange der Zugang zu Märkten und damit zum Angebot von Beschäftigung abhängt, bedeutet dass Arbeitslosigkeit diesen Zugang versperrt (S. 220).

Postindustrialismus Kasino Kapitalismus sk-29

Dahrendorf gibt in diesem Buch (der moderne soziale Konflikt, 1992) den Analysen der Strukturen von Gesellschaft und Politik den Vorzug vor der Spekulation über weniger greifbare Sachverhalt wie Werte.
In der Welt der Werte ist laut Dahrendorf fast alles gültig und es ist ebenso leicht Behauptungen aufzustellen, wie es schwierig ist ihnen Substanz zu geben, von ihrer Widerlegung ganz zu schweigen.

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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Viele Strukturen haben sich noch nicht herauskristallisiert, sind gewissermaßen amorph. Damit hat der Begriff einer 'postindustriellen Gesellschaft' (Daniel Bell) zu tun.

In den 70ern Veränderung der Beschäftigungsstruktur. Primärer Sektor weniger, sekundärer zuerst mehr dann weniger, tertiärer mehr. Um 1980 über 50% in den Dienstleistungsberufen. Der Trend setzt sich fort.

In einem technischen Sinn rechtfertigt dieser Trend allein die Rede von einer 'postindustriellen Gesellschaft'. Wenn Industrie Produktion heißt, dann sind industrielle durch Dienstleistungsgesellschaften ersetzt worden.
Die Mehrheitsklasse ist auch eine Dienstklasse (Dienstleisterklasse).
Die These der Postadvokaten lautet aber auch, dass die Veränderungen in den Berufsstrukturen von einem Wertwandel begleitet waren.
Daniel Bell prägte diesen Begriff 1973 ('die nach industrielle Gesellschaft', es ist ein Buch der 60er Jahre, so Dahrendorf) und interessierte sich zunächst für Wandlungen der Beschäftigungsstruktur.
Es treten neue Kräfte des Fortschritts auf. Diese haben (hatten) vor allem mit Wissen und Information zu tun.
Wissenschaftler und Technologen sind zu einer etablierten und unentbehrlichen Sozialkategorie geworden.
Bell: "die Heraufkunft eines neuen Prinzips der Schichtung".

1976 Bells Buch: 'Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus'. Hier argumentiert er, dass sich zwar die Sozialstruktur als eine techno-ökonomische Ordnung kennzeichnen lässt, dass die westliche Kultur aber eine ganz andere Richtung genommen habe.

Nicht Produktion, sondern Verteilung, nicht Machen, sondern Verkaufen beherrscht das Leben, und Verkaufen ermutigt Verschwendung.

Während die Ökonomie noch auf Effizienz und Rationalität beruht, wird die Kultur durch entspannte Lust und Belustigung bestimmt; sie ist primär hedonistisch geworden, bezogen auf Spiel, Spaß und demonstratives Vergnügen (S. 204).

Diese angedeutete Entwicklung erreichte in den 80er Jahren im 'Kasino Kapitalismus' (Susan Strange) der sich von Schulden nährte einen Höhepunkt. Genuss jetzt, Arbeit später. Das ist nicht nur eine Stimmung sondern schon Mode.

Durch komplizierte Kreditarrangements wird das Leben aufrecht erhalten. Jedenfalls gibt es Anzeichen einer Veränderung kultureller Haltungen.
Die hedonistische Wendung der protestantischen Ethik ist überdies nicht der einzige Wandel, der gemeinhin mit dem 'Postindustrialismus' verbunden wird.

Ronald Ingleharts 'stille Revolution' bezieht sich auf die Wende von 'materialistischen' zu 'postmaterialistischen' Werten (zu größerer Betonung von Lebensqualität).

Ein Phänomen sticht hervor: Während die alte Arbeiterschicht 'verbürgerlicht' ist und sich politisch nach rechts bewegt hat, ist eine neue Linke junger mittelständischer Menschen zu einer sozialen und politischen Kraft für 'postmaterialistische' Werte geworden.

Das beruht wahrscheinlich auf dem Wohlstand und Frieden der Welt von Raymond Aron. Laut Inglehart hat ein neuer Trend begonnen.

Dahrendorf: Vielleicht ist die 'postmaterialistische' Stimmung nicht so sehr ein neuer Trend wie ein Merkmal der 70er Jahre.
Die könnte durchaus Symptom einer Krise und nicht der Vorbote einer neuen Richtung der Dinge sein.
Dieser Postmaterialismus wäre eher aus einer Verzweiflung als aus einer Vorliebe geboren, obwohl seine Grundstimmung dazu beitrug neue soziale Bewegungen für den Schutz der Umwelt, die Rechte von Minderheiten und die Abrüstung ins Leben zu rufen.

Dahrendorf konstatiert, dass Jahrzehnte des Wirtschaftswachstums und des sozialen Fortschritts in einer Periode der Unübersichtlichkeit endeten.
Die Erfolge der Vergangenheit hatten Probleme geschaffen, die sich mit den bewährten Methoden nicht mehr lösen ließen.

Viele sahen die Zeit zum Innehalten und zum Nachdenken gekommen. Werte wurden herausgefordert und auch verändert.

Der Weg voran verlangt, den Inhalt von Bürgerrechten, Lebenschancen und Freiheit neu zu bestimmen (S. 208).

Demokratiserung Sozialstaat Bürokratie sk-28

Was sind die bleibenden Resultate dieser Reformen? Manche blieben bloße Worte, die Veränderung der Sprache ebnete den Weg für einen Wertwandel.
Eine Tatsache fällt ins Auge. Sie liegt in dem enormen Anwachsen der Zahl der öffentlichen Bediensteten in dieser Periode.

Die Revolution von 1968 war eine Revolution des öffentlichen Dienstes. Das beschreibt die Dauerwirkungen der Reformen der 60er Jahre und frühen 70er Jahre.

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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Die Zahl der im öffentlich Dienst beschäftigten, die in analogen Arbeitsverhältnissen, Pensionsempfänger aus diesem Sektor (öffentlicher Dienst) und deren Familienmitglieder. Diese wuchsen anteilsmäßig von 1965 bis 1975 um mehr als 35%.
Die Zahl der höheren Beamten hat sich innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt. So die Situation in Deutschland.
Für Schweden wurde 1985 berechnet, dass 54% aller schwedischen Wähler ihr Einkommen vom Staat beziehen, 28% als öffentlich Bedienstete und 26% als Bezieher von Transfereinkommen.

Gründe für diesen Prozess:

1. Ein rasch expandierendes System der höheren Bildung, also von Hochschulabsolventen welche Berufe brauchten. Unmittelbar nach ihnen wurde dieser Zugang doppelt verschlossen (Ende der Stellenexpansion und jugendliches Alter der neu eingetretenen). Das Wort 'Demokratisierung' musste für mancherlei herhalten und paradoxerweise zumeist für Tendenzen, die eher zur Bürokratisierung als zur Macht des Volkes führten.

'Demokratisierung' bedeutete neue Gremien und viele Sitzungen; die Schaffung von Berufungsinstanzen für jede Entscheidung, die Produktion von Akten, die Ersetzung des persönlichen Urteils durch ausdrückliche Begründungen; das braucht wiederum Formulare und Archive und Verwalter.
"Anhänger der herrschaftsfreien Kommunikation (Habermas?) mögen glauben, dass sie unbezweifelte Autorität durch die Teilnahme aller an allem ersetzen, aber zunächst unterwerfen sie alle der subtilen Folter der Bürokratie" (S. 195).

2. Eine weitere Ursache der Expansion. Beamtenmentalität hat viel zu tun mit Vorlieben der Mehrheitsklasse. Werte der Sicherheit und des geordneten Vorankommens, verlässlicher nicht anstrengender Berufsarbeit, berechenbarer Unpersönlichkeit aller Herrschaftsverhältnisse.
Das wurde zu bevorzugten Erwartungen von Menschen in vielen Lebensbereichen. Das Leben des öffentlichen Dienstes ist nicht aufregend, hat nicht viel Platz für Innovation, aber befriedigt viele Ansprüche (ist eine beachtliche Sozialkonstruktion).

Ein weiteres Beispiel für die Widersprüche der Modernität. Die rationale Ausübung von Herrschaft überwindet den Dilettantismus und die Willkür früherer Herrschaftsformen, aber erklärt auch die Drohung eines Gehäuses der Hörigkeit, in dem alle Initiative und jeder Individualismus erstickt werden.

Der Wohlfahrtsstaat verkörpert die sozialen Bürgerrechte. Um das Ziel eines vollen Bürgerstatus zu erreichen, sind formelle Anrechte, Einkommenstransfers und Programme der Gesundheitsfürsorge, der Bildung usw. erforderlich.
Das Paket, das sich so ergibt, muss bezahlt und verwaltet werden. Es kommt ein Punkt, an dem die Maschinerie des Sozialstaates dessen Absichten konterkariert.

Auf der Ausgabenseite verlangen sozialpolitische Programme beinahe unbegrenzte Verpflichtungen. Es kann nie genug Bildung oder Gesundheitsfürsorge geben.
Auf der Einkommensseite gibt es Probleme.
Seltsame Paradoxe stellen sich ein.
Während die Realeinkommen der Menschen steigen, wachsen auch ihre Transfereinkommen. Sie sind nicht mehr grundlegende Anrechte für alle Bürger, sondern ein Teil des Angebots, das Mitglieder der Mehrheitsklasse erwarten.

Steuern kehren als Anrechte in ihre Taschen zurück. Dann noch die Verwaltungskosten des Prozesses. Es gibt Reibungskosten der Zirkulation von Anrechtsgeldern, und ihr Name ist Bürokratie.

Die Bürokratie ist der größte Widerspruch des Sozialstaates.

Sie bedeutet, dass diejenigen, die für andere sorgen sollten in Verwaltungsarbeiten ertrinken. Sie bedeutet überdies,dass die Empfänger von Leistungen, statt einfache und verständliche Rechte einfordern zu können, sich demütigende Erfahrungen unterwerfen müssen, wenn sie Formulare ausfüllen, ihre Lebensverhältnisse im einzelnen offen legen und Schlange stehen müssen, um in irgendwelchen Büros darüber zu verhandeln, welcher staatliche Topf ('Tropf'?) für sie zuständig ist (S. 197).

Als Resultat einer Bürokratisierung, die zunächst unvermeidlich schien, werden individuelle Probleme verallgemeinert, formalisiert und zu unpersönlichen Fällen in Aktenordnern gemacht.
Das Ergebnis ist unangemessen und führt zu Frustration und Ärger.

Viele Menschen nehmen ihre Anrechte nicht in Anspruch; das Verfahren ist ihnen lästig, sie wissen nichts davon, sie wollen es nicht wissen... Aus einem System des Rechts wird eine Realität des Unrechts.

Johano Strasser plädierte in 'Grenzen des Sozialstaats' für mehr als weniger Wohlfahrt. Er argumentiert dass die Art und Weise wie der Sozialstaat die Probleme definiert, er neue Probleme schafft.
Strasser kann den Glauben der traditionellen Linken an den wohlwollenden Staat nicht ganz abschütteln, aber er sucht nach Möglichkeiten, um die 'Selbstbestimmung und verantwortliche Partizipation' von Menschen zu steigern, und fordert daher mehr Selbsthilfe, die Stärkung von sozialen Netzen, eine neue Solidarität (S. 197).

Das Problem ist klar: Eine der Krisen der siebziger Jahre war die des Staates, des Großstaates. Die Entwicklung der öffentlichen Ausgaben erzählt dieselbe Geschichte. In vielen OECD-Ländern ist der Staatsanteil des BSP in den 70er Jahren auf 50% und mehr angewachsen.
Die Beamtenmentalität fand ihren Grund nicht nur in Beschäftigungsstrukturen, sondern auch in der ökonomischen Rolle des Staates. Keynesianismus, oder was sich so nannte, eroberte die Welt.

Die 70er Jahre waren auch eine Zeit der Demokratie in der Krise. Wenn die Demokratie für die Mehrheitsklasse zu einer Konkurrenz politischer Unternehmer um Stimmen wird und wenn Erfolg in dieser Konkurrenz von der Fähigkeit abhängt, wenigstens einige der versprochenen Güter beizubringen, dann ist ein wachsendes Angebot eine notwendige Bedingung für das Funktionieren des Spiels. Demokratie so als Positivsummenspiel, das in Gefahr gerät, wenn sich Summen nicht mehr addieren lassen (S. 198).

Dahrendorf versucht zu zeigen,dass die ökonomische Theorie der Demokratie auch im günstigsten Falle ernste Mängel hat, vor allem aber in den meisten politischen Kulturen nicht anwendbar ist. Dennoch haben wirtschaftliche Umstände offenbare Auswirkungen auf Fragen der Regierbarkeit und vielleicht der Legitimität.

Seinerzeit war die Inflation das offenkundigste Zeichen der Schwäche von Regierungen. Menschen hörten auf, von Regierungen viel zu erwarten. Sie schraubten ihre Erwartungen zurück. Der Großstaat wurde nicht demontiert sondern von seinen Bürgern verlassen.
Es ist irreführend von Legitimitätskrisen zu sprechen (S. 199, 200).

Jürgen Habermas sprach von der neuen Unübersichtlichkeit, darin ist Dahrendorf ihm gefolgt.

Der Nachtwächterstaat (Ferdinand Lassalle) des 19. Jhs. hat angesichts der Erfordernisse sich ausweitender Bürgerrechte versagt.
Der Staat wurde eher zu einer Fürsorgerin seiner Bürger (Untertanen?).
Michel Crozier spricht von 'Überladung' von Staatsfunktionen.

Ein härteres Weltklima verband sich mit Zweifeln am Wirtschaftswachstum, dem wankenden Sozialstaat und den Widersprüchen der Bürgerteilnahme.
Für manche gab es darauf eine einfache Antwort. Weniger Staat. In der Wirkung aber überlassen sie die herrschenden Mächte sich selbst und das heißt den Interessen und Lebenschancen der Mehrheit.

Unübersichtlichkeit ist das Thema des Tages. Der Großstaat wird uns noch eine Weile begleiten, obwohl die Bürgergesellschaft mit ihren eigenen Zentren menschlicher Tätigkeit an Bedeutung zunehmen dürfte, womit der Staat wieder reduziert würde auf die Aufgabe, den Ton anzugeben und als Schiedsrichter zu wirken.

Nach dem Nachtwächter und der Fürsorgerin ist es nicht ganz einfach einen Namen für den Staat zu finden. Ein Animateur, der Leuten ein gutes Gefühl gibt? Ein Reiseführer?

20070506

1968 Demokratisierung Konsens sk-25

In den 60ern werden Regierbarkeit und Legitimität zum Thema der öffentlichen Diskussion sowie die Fähigkeit politischer Systeme Reformen hervorzubringen. In Frankreich, Deutschland und kleineren europäischen Ländern hatte das Thema den Namen 'Demokratisierung'.

Das bedeutete zum Teil die Vollendung des Versprechens der Bürgerrechte für alle, zum anderen Teil aber die ungeduldige Insistenz darauf, dass Teilnahmerechte auch ausgeübt werden müssen, um wirklich zu sein.

"Wir müssen mehr Demokratie wagen" (Willy Brandt bei seiner Regierungserklärung 1969) und meinte damit, dass Demokratie nicht nur ein Zustand ist, eine Verfassung, sondern eine Lebensweise, eine Tätigkeit und Tugend.

Die Revolution von 1968 hatte viele Merkmale einer jener Lawinen, die niemand mehr aufhält, wenn sie erst ins Rutschen gekommen ist (S. 170).
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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Raymond Aron missverstand die Zeichen der Zeit. Für ihn war der Tod der alten Universität ein unwiederbringlicher Verlust. Manche halten auch Dahrendorf für den Mord an der alten Universität für mitverantwortlich.
Dahrendorf ging es um Zugangschancen und Demokratie nicht Demokratisierung war sein Ziel.

Die Wogen des Wandels spülten jene Reformer bald weg, die geglaubt hatten, dass sich die Grenze zwischen Chancengleichheit und Gleichheit der Resultate halten lässt und dass es Demokratie geben könnte ohne Demokratisierung.

Dahrendorf: Bis auf heute spaltet 1968 die Menschen in vielen Teilen der OECD-Welt. Was hat es wirklich bedeutet?

Die Nachkriegszeit war eine Zeit von mehr Optionen für mehr Menschen. Diese hätten sich nicht schaffen lassen ohne eine sichere Grundlage in Bürgerrechten für alle, die ihrerseits teils das Erbe früherer Kämpfe, teils das Ergebnis des Sozialvertrags der Nachkriegsjahre und teils die Parallele zum raschen Wachstum des Angebots war.

Zunehmend indes begannen quantitative und ökonomische Prozesse das Feld zu beherrschen.
OECD-Gesellschaften wurden zu Gesellschaften des 'immer mehr'.

Eine Parole der Zeit: "Nach dem Aufbau der Umbau". Ruf nach sozialem Umbau.

Intellektuelle trugen die Reformbewegung. Die letzte große Ausweitung der Bürgerrechte ist möglicherweise der wichtigste Wandel, den die Kraft der sozialen Bewegung der sechziger Jahre hervorgebracht hat.

Andere Wandlungen waren subtiler (akademisch). Es spukte die Fiktion der Gleichrangigkeit von Lehrenden, Studenten und anderen Beschäftigten.

Die Kirchen wurden zu Stätten der Diskussion eher als der Kanzelpredigt (Versetzung des Altars in die Mitte), Ökumenismus.

Das Strafrecht wurde überprüft, Resozialisierung statt Bestrafung und Abschreckung.

Hinter alledem steht der Gedanke, dass Individuen das Produkt sozialer Kräfte und Umstände sind, die daher für ihre Taten nicht persönlich verantwortlich gemacht werden können.
Personalisierte Herrschaft verlor ihren Glanz, ja für viele ihre Berechtigung, sogar in Armeen oder Industrieunternehmungen.

Der Geist der Zeit ('1968') drang vor (S. 173).

Die Jahre der Erfüllung waren zugleich Jahre der Gefährdung. Die Erfüllung ist die des sozialdemokratischen Konsens.
Die Erfüllung ist die Ideologie der Mehrheitsklasse, es dauerte ein Jahrhundert um ihn zu schaffen.

Alle Ingredenzien des sozialdemokratischen Konsens beziehen sich auf soziale Bürgerrechte in einer Welt des Wohlstandes.

Dazu gehört ein starker wohlwollender Staat in einem korporatistisch gedämpften demokratischen System, marktorientierte Wirtschaft, eine Gesellschaft weitreichender Solidarität durch Anrechte und progressive Besteuerung und ein vernünftiges Gleichgewicht. Die Mehrheitsklasse ist damit zufrieden.

Dieser Staat ist verwundbar.

Denn die Phase moderner Sozialentwicklung bezeichnet das Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts. Die These vom Ende der Sozialdemokratie bedeutet nicht den Bedeutungsverlust des Mehrheitskonsens, sie besagt vielmehr, dass eine historische Kraft ihre Energie verloren hat weil sie ob siegt hat.

Große soziale Kräfte sterben im Moment ihres Sieges. Ihr Ende naht, wenn die Zukunft nicht länger auf ihrer Seite steht (S. 175).
Zum Beispiel zeigten in den 60er Jahren in England alle Regierungen sozialdemokratische Züge.

Allesamt teilten sie einen Konsens der Mehrheitsklasse im Hinblick auf die wohltätige Rolle des Staates, der gemischten Wirtschaft und der Sozialpolitik.

1968 symbolisiert den Triumph der Sozialdemokratie, bezeichnet aber zugleich den Anfang vom Ende.
Die Herrschaft der Mehrheitsklasse (vernünftiger Konsens und soziale Demokratie) erwies sich als instabil

20070505

Klassenkampf Korporatismus Institutionalisierung sk-24

Der moderne soziale Konflikt hat es mit Bürgerrechten für alle in einer Welt zunehmender vielfältiger und reicher Wahlchancen zu tun.

Der Konflikt ist in sozialen Zugehörigkeiten begründet, erscheint in einer Vielfalt von Gestalten (kulturelle Bindungen, historische Situationen) und wird in der politischen Arena ausgetragen.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Lipset übernahm den Begriff des 'demokratischen Klassenkampfes'(1959) von Anderson und Davidson (1943). "In jeder modernen Demokratie findet der Konflikt zwischen verschiedenen Gruppen Ausdruck in politischen Parteien, die grundsätzlich eine demokratische Übersetzung des Klassenkampfes repräsentieren..." und verallgemeinert, dass Parteien entweder auf den unteren oder den mittleren und oberen Klassen beruhen. Politische Parteien, Wahlen und Parlamente machen Konflikte ohne Revolution möglich.

Raymond Aron sprach nicht von Klassenkampf sondern von gesunder Rivalität und betonte, dass Demokratie bedeutet "Konflikte zu akzeptieren, nicht um sie zu befrieden, sondern um ihren gewaltsamen Ausbruch zu vermeiden".

Dahrendorf: Es hat seinen guten Sinn zu unterscheiden zwischen den großen Kämpfen für Anrechte, insbesondere für Bürgerrechte, und der Forderung nach einer schrittweisen Umverteilung für diejenigen, die bereits den Status voller Bürger genießen. Es bleibt sinnvoll, am Klassenbegriff festzuhalten.

Theodor Geiger ging in seiner 'Klassengesellschaft im Schmelztiegel' vom Fortschritt der Wirtschaftsdemokratie aus. Kapital und Arbeit standen einander ursprünglich unversöhnlich gegenüber; dann aber Organisation der Wechselbeziehungen. Verhandlungen über Löhne, Arbeitsbedingungen, Schlichtung von Gegensätzen.

Die Spannung zwischen Kapital und Arbeit wurde als legitimes Prinzip des Arbeitsmarktes anerkannt. Geiger nennt diesen Prozess die 'Institutionalisierung des Klassengegensatzes'.

Für die Nachkriegsgeneration ist das vertraut: zwei politische Gruppierungen die um die Mehrheit ringen. Die eine Partei ist eher reformerisch, die andere eher konservativ, die eine eher Anrechtspartei, die andere eher eine Angebotspartei. Varianten des demokratischen Klassenkampfes in den verschiedenen europäischen Ländern.

Diese Entwicklungen führten zu theoretischen Extrapolationen. In den USA hat Joseph Schumpeters Anwendung der ökonomischen Theorie auf die Politik Anhänger gefunden. Mit Hilfe von Kenneth Arrows Theorien sozialer Wahlentscheidungen (social choice) wurde eine ökonomische Theorie der Demokratie entwickelt, die vom nahezu totalen Opportunismus politischer Parteien ausgeht.

Politische Führer und ihre Organisationen sind demnach nur Unternehmer und Unternehmen, die in einem besonderen Markt operieren, und deren Erfolg in Stimmen gemessen wird.

Meinungsforschung tritt dann hier an die Stelle von Ideologien. Politik reduziert sich auf die Konkurrenz um Stimmen. Wo die Einbindung in Gruppensolidaritäten - in Klassen - fehlt, gibt es nur noch Einzelthemen.

Deren Verbindung ist dann nur eine Frage des praktischen Nutzens (möglichst viele Stimmen zu bekommen).

Diese Theorie ist eine Überzeichnung als Beschreibung wirklicher Prozesse. Sogar in den USA wo die Politik seit langem von ökonomischen Themen beherrscht wird. Diese Theorie bekommt wichtige Nebenwirkungen der Bändigung des alten Klassenkonflikts nicht in den Griff und übertreibt die Stabilität der neuen Situation.

In Theodor Geigers Analyse kündigt sich eine dieser Nebenwirkungen an. Er beschrieb die Institutionalisierung des Klassengegensatzes und formuliert die These, dass diejenigen, die ihre Gegensatzbeziehung institutionalisiert haben, dieser damit nicht nur den Stachel genommen, sondern zugleich ein Kartell gebildet haben, um ihre gemeinsamen Interessen zu verteidigen.

Die Kontrahenten streiten zwar um die Verteilung des Kuchens, aber sie sind sicher, dass es ihr Kuchen ist, den sie verteilen. Daher sind diejenigen, die dem Kartell nicht angehören die eigentlichen Opfer.

Geiger hatte Schwierigkeiten diese Opfer zu identifizieren (Elend wächst bei Distanz von Einkommensbeziehern zur Güterproduktion). Dahrendorf meint es hätte Geiger geholfen den Gedanken der 'Disparitäten der Lebensbereiche' schon gekannt zu haben. Hier wird argumentiert, dass wichtige neue Konflikte nicht so sehr ganze soziale Gruppen oder Kategorien wie Aspekte des Lebens aller betreffen.

Umweltverschmutzung z.B. führt zur Forderung nach Aktion bei Menschen, die in anderen Hinsichten unterschiedliche Meinungen haben. Das ist die Basis einer themen- und nicht klassenbezogenen Politik.

Geigers Analyse verweist andererseits auf den Korporatismus als einer Entwicklung der Institutionalisierung oder Demokratisierung des Klassenkampfes.

Die Grundlage des demokratischen Klassenkampfes heißt Organisation und die Methode heißt Konsens.

Menschen handeln nicht als einzelne (auch in dieser Hinsicht reicht die ökonomische Theorie der Demokratie nicht zu) sondern als Mitglieder von Parteien, Gewerkschaften, Verbänden von mancherlei Art.

Der Kampf ist in Wirklichkeit kein Kampf. Es ist hier ein vielfach verschachteltes Kartell von Organisationen. Diese entwickeln immer neue Verfahren, um ihre Sonderinteressen in den politischen Prozess einzubringen.

Sie haben ein gemeinsames Interesse den Kuchen unter Kontrolle zu halten. Das ist ein Angebotskuchen, dahinter liegt die Kontrolle der Macht durch Arrangements zwischen allen Anrechtsträgern.

Das Risiko der korporatistischen Perversion des demokratischen Klassenkampfes liegt darin, dass sie Starre an Stelle von Bewegung hervorbringt.

Der Korporatismus geht nur allzu leicht eine Verbindung mit der Bürokratie ein, und beide rauben der Verfassung der Freiheit ihren Lebenskern, nämlich die Fähigkeit Wandel ohne Revolution hervorzubringen.

Der Korporatismus nimmt das Leben aus dem demokratischen Prozess, Arrangements treten an die Stelle von Debatten, Konsens nimmt den Platz des Konflikts ein. Ein breiter Konsens über Spielregeln und Inhalte herrscht vor. Für die überwiegende Mehrheit ist es im Grunde genommen nicht mehr sehr wichtig, welche der Parteien des großen Konsens' regiert.

Dahrendorf: Klassen sind Kategorien, deren Mitglieder eine gleichartige Stellung in Herrschaftsstrukturen haben. Sie sind entweder am Ruder oder nicht und stehen in einer Konfliktbeziehung zueinander. Solche Konflikte werden politisch virulent, wenn es bei ihnen um Anrechte geht. Die Geschichte des Bürgerstatus ist zugleich die Geschichte des Klassenkonflikts.

Gleichheit vor dem Gesetz durch Kampf der Bourgeoisie. Soziale Bürgerrechte? Diese Rechte sind nirgendwo in der OECD-Welt wirklich allgemein garantiert. Vielmehr gibt es neue Anrechtsfragen. In den 60er und 70er Jahren hat eine große historische Kraft des Wandels ihre Energie verloren, weil das Prinzip, das sie etablieren wollte, weithin akzeptiert worden ist (S. 168).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Der Bürgerstatus ist der Schlüssel zu diesem Prozess. In dem Augenblick, in dem die große Mehrheit der Menschen in den OECD-Gesellschaften zu Bürgern im vollen Sinn des Begriffs geworden war, nahmen soziale Ungleichheiten und politische Gegensätze eine neue Gestalt an. Eine neue Solidarität entstand, die vier Fünftel der Mitglieder der Gesellschaft umfasst.

Die neue Klasse ist die Mehrheitsklasse (S. 169).

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