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20070603

Dahrendorf Weltbürgerschaft sk-39

Was ist wichtig? Den Menschen in den bisher benachteiligten Teilen der Welt zu helfen, den Weg zu freien Bürgergesellschaften zu finden. Diese Länder brauchen nicht nur ein größeres wirtschaftliches Angebot, sondern auch die vollen Anrechte des Bürgerstatus und beide müssen in einem breiten Spektrum von Assoziationen und autonomen Institutionen verankert werden.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur:
Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf,
Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch,
Textauswahl für dieses Blog: Transitenator
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Regierungen können helfen, den Angebotsprozess in Gang zu bringen; internationale Organisationen können bürgerliche Anrechte stabilisieren helfen. Alles übrige ist die Aufgabe von nationalen und internationalen 'Ngos' also Nicht-Regierungs-Organisationen.

Unterklasse und dritte Welt Probleme haben gemeinsame Merkmale. Allerdings ist die Mehrheit der Menschheit arm und unterprivilegiert. Für sie alle gilt, dass makroökonomische Maßnahmen nur begrenzte Erfolge versprechen.

Bürgergesellschaften lassen sich nicht aufrecht erhalten, es sei denn, wir verstehen sie als Schritte auf dem Weg zu einer Weltbürgergesellschaft.

Dahrendorf zitiert Kant (1784, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht).
Das entscheidende Zitat in Kants viertem Satz: "das Mittel, dessen sich die Natur bedient, die Entwicklung aller ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, der Antagonismus derselben in der Gesellschaft (ist), so fern dieser doch am Ende die Ursache einer gesetzesmäßigen Ordnung derselben wird".

Kant führt dann den Begriff der 'ungeselligen Geselligkeit' des Menschen ein, die als Antrieb wirkt, um Arkadien zu verlassen und dem Dasein einen größeren Wert zu verleihen, als es das der dort geweideten Schafe hat.

"Dank sei also der Natur für die Unvertragsamkeit, für die missgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder auch zum Herrschen!"

Konflikt ist die Quelle des Fortschritts zur Zivilisation und am Ende zur Weltbürgerschaft. (Anmerkung: Hallekantja!) Da der Wille des Menschen frei ist, lässt sich nicht von einem ausdrücklichen gemeinsamen Zweck des menschlichen Handelns sprechen; in der Tat erleben wir vornehmlich Widerspruch, ja Chaos.

Dahrendorf: "Doch es könnte immerhin sein, dass es in diesem Chaos eine verborgene 'Naturabsicht' gibt und daher Hinweise auf den Sinn des Ganzen" (S. 282).
Die natürliche Fähigkeit des Menschen ist die Vernunft, aber sie wird nur in der Gattung und nicht in irgendeinem einzelnen Individuum voll entfaltet.

Der Prozess der Entfaltung wird überdies das Werk von Menschen in und durch Gesellschaft sein (S. 283).
Der Antagonismus führt Kant zu seinem fünften Satz: "Das größte Problem für die Menschengattung, zu dessen Auflösung die Natur ihn zwingt, ist die Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft".
Die menschliche Ungeselligkeit treibt die Geschichte voran, aber sie verlangt auch die Bändigung durch Verfassungen, also einen Gesellschaftsvertrag.

Die Geschichte also bei Kant als die Realisierung eines verborgenen Plans der Natur (S. 283). Heute stellt sich die Frage, ob die Menschheit nicht eher sich selbst zerstört als dass sie zu einer Weltgesellschaft zusammenfinden wird.
Kant fehlte es nicht an Selbstkritik.

Kants Ansatz war es nicht zu sagen, dass die Geschichte so und nicht anders verlaufen muss, sondern zu fragen,was denn zu geschehen hätte, wenn wir annehmen, dass Menschen größere Lebenschancen in einer ungewissen Welt suchen.

Bürgerrechte, der Bürgerstatus, die Bürgergesellschaft sind wichtige Schritte auf dem Weg, der sich aus einer solchen Fragestellung ergibt. Sie sind Errungenschaften der Zivilisation, immer wieder gefährdet, immer wider unvollkommen.
Diese Errungenschaften bleiben jedoch solange unbefriedigend, ja verstümmelt, wie sie mit dem Ausschluss anderer verbunden sind.

Die Unterklasse, die Dritte Welt, die Unterdrückung von Minderheiten, der Krieg gegen andere, Andersartige, Anders denkende verletzen das Prinzip der Bürgerfreiheit selbst dort noch, wo dieses verteidigt wird.
Der moralische Anspruch der Freiheit, wie sie in diesem Essay von Dahrendorf verstanden wird, ist nicht nur absolut, sondern auch universell. Es gibt daher keine wirkliche Freiheit für irgend jemanden, solange es nicht Freiheit für alle gibt. Der Optimismus der Aufklärung mag uns abhanden gekommen sein; ihr Anspruch gilt heute so wie vor zweihundert Jahren (S. 284).

Die praktische Frage, wie manfrau dem notwendigen Ziel näher kommen kann. Der heterogene Nationalstaat ist einstweilen der verlässlichste Rahmen, der für die Bürgergesellschaft gefunden worden ist. Aber er schließt auch aus. Er muss daher überwunden werden. Wie?

Die drei Wege sind nicht originell aber wichtig.

Kant spricht von der 'allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft'. Das Recht- der Rechtsstaat- ist das kostbarste Element des liberalen Nationalstaates. Die Frage ist, wie es sich über dessen Grenzen hinaus entwickeln lässt, und zwar als Recht im vollen Sinne des Begriffs, nicht als ein so genanntes zahnloses Völkerrecht, das die willfährige Magd politischer Interessen bleibt (S. 284).

Anfänge eines supranationalen Rechts, europäische Menschenrechtskonvention, Helsinki Akte, Charta der Vereinigten Nationen tragen bei zur Entstehung von Gewohnheiten quasi-rechtlichen Verhaltens.
Zum Richter gehört auch der Henker, das heißt die Instanz, die Sanktionen verhängt. Jeder Schritt in die Richtung einer Schaffung eines effektiven internationalen Rechts ist willkommen.

Der zweite Weg führt über internationale Organisationen. Angebotsorganisationen machen aber halt vor Anrechtsfragen. So kommt es, dass Weltbank und IWF eher dazu beitragen Diktatoren zu bereichern als Bürgerrechte durchzusetzen.
Internationale Organisationen sind wichtige Merkposten für eine künftige Weltregierung. Sie haben Bedeutung in dem Maße als sie zu Anrechtsorganisationen werden, also zum Beispiel Menschenrechtsforderungen mit Wirtschaftshilfe verbinden.

Der dritte Weg bringt uns nochmals zur Bürgergesellschaft, insbesondere zu den privaten Organisationen. Das Fehlen einer europäischen Bürgergesellschaft ist eine der großen Schwächen der EG. Das Vakuum wird gefüllt durch nicht-staatliche Assoziationen.

Das Projekt bleibt höchst zerbrechlich. Nicht alle lesen Kant, schlimmer noch, viele wollen ihn nicht lesen. Sie ziehen Rousseau vor und Hegel und vor allem die minderen Autoren und die Demagogen, die ihnen ein totaleres Angebot an Bindung machen. Das Projekt der Weltbürgergesellschaft ist am Ende des 20en Jhs in erster Linie eine Erinnerung an die Werte, die es zu verteidigen gilt (S. 286).


Strategische Veränderungen

Wie kommt manfrau von hier nach dort? Was die Richtung betrifft, so wurden Hinweise in diesem Kapitel gegeben. Doch es bleibt die methodische Frage. Wie sind die Aufgaben anzupacken, die auf der Agenda für Liberale stehen?

Nicht alle Bewohner von Dahrendorfs Pantheons der Helden waren Urheber strategischer Veränderungen. Sie waren eher nachdenkliche Menschen. Wichtig ist die Substanz des Rates, den die hier angepriesenen Männer zu geben hatten. Diese war radikal und konservativ.

Es geht darum, dass spezielle Reformen vorgeschlagen werden, die nach allen Maßstäben radikal sind, diese aber den Rahmen nicht sprengen, in dem in gegebenen Umständen gehandelt wird, und insoweit konservativ bleiben. Der 'institutionelle Liberalismus' weist in eine ähnliche Richtung.

Politik heißt für Hirschmann 'Stimme', also Protest, und nicht Handeln oder Veränderung. Er erweckt zumindest den Anschein, als sähe er die Welt vom Standpunkt der Opfer, der Armen und Getretenen. Deren Schicksal war für Keynes nicht weniger wichtig, doch sah er sie aus einer ganz anderen Perspektive. Keynes suchte stets nach Hebeln des Handelns 'von oben'. Der Gedanke, dass die Schaffung von Wohlstand die Hauptaufgabe der Herrschenden sei wurde 1919 geboren.

In Keynes Allgemeiner Theorie gibt es ohne effektive Nachfrage keine Vollbeschäftigung und damit keine effektive Ausnützung der wirtschaftlichen Ressourcen. Effektive Nachfrage aber stellt sich nicht automatisch ein; sie verlangt unter Umständen staatliches Handeln einschließlich von Maßnahmen der Umverteilung.

Keynes: "Die hervorstechendsten Mängel der Wirtschaftsgesellschaft, in der wir leben, liegen in ihrem Versagen bei der Schaffung von Vollbeschäftigung und in ihrer willkürlichen und ungerechten Verteilung von Wohlstand und Einkommen". Er empfahl starke Rezepte: Er verlangte also, dass die Anrechtsstrukturen verändert werden um das Angebot zu steigern.

Der kritische Begriff bei Keynes ist der einer Steuerung der effektiven Nachfrage. Es reicht nicht, sich allein auf die Angebotsseite und das Wirken des Marktes zu verlassen; soziale und politische Veränderungen müssen benutzt werden, um Wirtschaftswachstum anzuregen, indem die Menschen in die Lage versetzt werden, mehr nachzufragen.

Damit will jetzt Dahrendorf keine Nachfragesteuerung nahe legen. Keynes hat später (1940) einen Plan entwickelt, der eine Zeit der allgemeinen Opferbereitschaft (nach einem Krieg?) als willkommene Gelegenheit sieht, bei der Reduktion von Ungleichheiten voranzugehen (S. 291).

In den armen Ländern der Welt liegt das Schlüsselproblem in der Verbindung von Wirtschaftsentwicklung und Bürgerstatus. Gründung von Genossenschaften, Varianten der Privatisierung, privates Kleingewerbe, Gewinnbeteiligung, Mitbestimmung. Vielleicht gibt es strategisch noch wirksamere Bindeglieder zwischen Bürgerrechten und einem wachsenden Angebot. Dazu könnte das garantierte Grundeinkommen zählen, aber auch eine Zeitsteuer durch einen allgemeinen Zivildienst.

Michail Gorbatschow ist gescheitert mit dem Versuch, Meinungsfreiheit (Glasnost) und wirtschaftliche Umstrukturierung (Perestroika) zu verbinden. Wie kann manfrau Demokratie und Marktwirtschaft gleichzeitig etablieren.? Wo liegen die strategischen Hebel für diese Verbindung? Ist es die Privatisierung oder die Freigabe der Preise?

Sind die Rezepte möglicherweise von Land zu Land verschieden?

Ein neuer Keynesdie Lösung? Manfrau wird den Propheten daran erkennen an der Fähigkeit, strategische Reformen vorschlagen zu können. Diese lassen sich nunmehr klar definieren. Es handelt sich um Maßnahmen der Veränderung, insofern um Reformen, die an einem spezifischen Punkt ansetzen, diesen jedoch so wählen, dass von ihm aus weitreichende, gar nicht voll absehbare Wirkungen ausgehen.

Dabei handelt es sich typischerweise um Punkte auf der Grenzlinie von Politik und Ökonomie, von Anrechten und Angebot. Jedenfalls gilt das für strategische Veränderungen zugunsten größerer Lebenschancen für mehr Menschen. Hier könnte die Kraft von garantiertem Grundeinkommen liegen.

Strategische Veränderungen sind also praktische Weisen der Vergrößerung von Lebenschancen durch das Handeln der Verantwortlichen.
Sie setzen das gesamte Arsenal der Kritik an den Sozialingenieuren der Utopie voraus, das Popper so reich bestückt hat; es geht eben nicht darum, "das Ganze der Gesellschaft nach einem bestimmten Plan oder Schnittmuster um zu modeln" (Karl Popper, das Elend des Historizismus). Andererseits ist strategische Veränderung mehr als Poppers 'stückweise Sozialtechnologie'.

Auch abgesehen von der eher unglücklichen Wortwahl - die eine rein technische Qualität politischer Entscheidungen unterstellt-, legt das stück- oder schrittweise Vorgehen reaktives und nicht konstruktives Handeln nahe. Auch impliziert es ein Tempo des Wandels, das in kritischen Situationen zu langsam sein könnte.

Poppers Begrifflichkeit ist von den Pragmatikern aufgenommen worden, denen die Methode des Handelns wichtiger war als das Ziel.

Der Begriff 'strategischer Veränderungen' unterscheidet sich offenbar von den im Elend des Historizismus entwickelten Begriffen.
Strategisches Handeln schließt einen Richtungssinn ein und begnügt sich daher nicht mit 'Vorsicht und Vorbereitetsein auf unvermeidliche Überraschungen'.
Der Richtungssinn ist nicht nur formal zu verstehen und die Methoden der Realisierung sind mehr als nur technischer Art.

20070502

Totalitarismus-Diktatur-Bürokratie-Autoritarismus-sk-21

Totalitarismus fällt heraus aus dem Bild des Fortschritts von traditioneller zu rationaler Herrschaft, vom Autoritarismus zur Verfassung der Freiheit.

Ist Totalitarismus wirklich nur eine 'Staatsform' oder eine 'Legitimationsweise'?

Es wird das Ziel der totalen Kontrolle durch Mobilisierung erkennbar. Autoritäre Regimes suchen Kontrolle, aber gestatten große Bereiche der Privatheit und der Apathie; Demokratie mobilisiert, tut dies aber um Kontrolle zu dezentralisieren. In totalitären Regimes ist Mobilisierung das Instrument der zentralisierten Kontrolle.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Der zweite Weltkrieg ist aus den Eroberungsplänen totalitärer Machthaber hervorgegangen. Die Wurzeln totalitärer Ideologien reichen ins 18. Jahrhundert , aber sie wurden erst in der Zwischenkriegszeit virulent.

Nach Autoren die die Sozialstruktur autoritärer Regimes untersucht haben steht im Vordergrund:
Der Totalitarismus ist das Resultat der Ersetzung älterer und gefügterer Sozialstrukturen durch strukturlose 'Massen'-Gesellschaften. (Nach 1918 wurde das klassische Proletariat für manche zur bloßen Masse reduziert).

So Leonard Schapiro: Totalitarismus als eine neue Form der Diktatur, die aus den Bedingungen der Massendemokratie nach dem 1. WK hervorging.

Hannah Arendt führte den Totalitarismus nicht nur auf die 'Strukturlosigkeit einer Massengesellschaft' zurück, sondern auf die 'spezifischen Bedingungen einer atomisierten und individualisierten Masse' (nach Franz Neumann).

Neumann kehrte zu dieser Idee zurück und beschrieb die Technik des Totalitarismus unter anderem durch "die Atomisierung und Isolierung des Individuums, die negativ die Zerstörung oder zumindest Schwächung aller sozialen Einheiten bedeutet, die auf Biologie (Familie), Tradition (Religion) oder Kooperation in Arbeit und Freizeit beruhen und positiv die Oktroyierung von riesigen, undifferenzierten Massenorganisationen, die den Einzelnen isolieren und leichter manipulierbar machen". (So O-Ton Franz Neumann).

Die Autoren zitieren gerne Tocquevilles Befürchtungen der Heraufkunft einer Tyrannis der Mehrheit mit den Risiken eines neuen 'demokratischen Despotismus'.

Arthur Koestler sprach von einer Gesellschaft die nach Glauben dürstete.

Das hat mit Modernität zu tun und dem Verlust an Ligaturen. In der Versuchung des Totalitarismus ist ein anti moderner Zug zu sehen, eine Revolte gegen die Modernität.

Dahrendorf: Aber 'strukturlose Massengesellschaften'? Wovon sprachen die Autoren?

Wenn es eine Massengesellschaft in den 20er Jahren gab, dann war das die amerikanische Gesellschaft. Deutschland (die Weimarer Republik mit Spuren früherer sozialer Formationen) und Russland waren in den 20er Jahren alles andere als typische moderne Massengesellschaften von atomisierten Individuen.

Nun ein klares Wort von Dahrendorf: "Der Totalitarismus führte nicht atomisierte moderne Massen, sondern jene in Versuchung, die auf halbem Weg zwischen alt und neu stecken geblieben waren, die also das eine verloren hatten, ohne das andere zu finden, und vielleicht aus diesem Grunde auf das falsche Versprechen einer Verbindung der besten beider Welten herein fielen. Die Ingredenzien des Totalitarismus sind unvollkommene Modernität, der Verrat der Intellektuellen und die Sirenenklänge des einen Führers" (S.126, 127).

Statt des modernen sozialen Konflikts das Versprechen des Mutterschoßes der Gemeinschaft, mit einer klammen Identität zur Besänftigung der Angst vor der Freiheit, einem ausgeprägtem Verfolgungswahn zum Schutz vor den verbleibenden Selbstzweifel und natürlich der Führer.

Die Versuchung lag in der Hoffnung, den Mißlichkeiten einer unvollkommenen bürgerlichen Gesellschaft bei ungewissen wirtschaftlichen Aussichten zu entrinnen. In Versuchung geführt wurden vor allem die Wähler, die ihren Platz in einem älteren Schema der Dinge verloren hatten, ohne in der neuen Ordnung einen anderen zu finden.

Es waren entwurzelte Schichten, die des orientierten Produkte der Verwerfungen von alt und neu. Ihr Problem war es, dass sie heimatlose Gruppen waren, nicht atomisierte Massen aus einzelnen.

Die Ära des Totalitarismus war eine Ära der Feigheit. Intellektuelle haben die Bürgergesellschaft verraten.

Die Versuchungen des Kommunismus sind weit besser belegt. Verzweiflung und Einsamkeit als Hauptmotive für die Konversion zum Kommunismus (Richard Crossmann) aber eine zwingende Kraft hatte der Gedanke einer aktiven Kampfgemeinschaft und Kameradschaft.

Die Anziehungskraft des Kommunismus lag darin, dass er nichts bot, und alles verlangte einschließlich des Verzichts auf geistige Freiheit. Realität: Massaker von Kronstadt.., der mörderische Pfad der Entkulakisierung und Kollektivierung in der Ukraine ist erst in jüngster Zeit voll dokumentiert worden.

Zwischen der Sowjetunion und Deutschland bestehen Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Atomisierung und Individualisierung des Individuums ist, was Totalitarismus tut, nicht warum es ihn gibt.

Totalitarismus als Prozess (Hannah Arendt: Totalitarismus an der Macht) atomisiert und isoliert Menschen und muss das tun um seinen Zugriff zu sichern.

Der Totalitarismus ist nicht Resultat einer atomisierten Gesellschaft, sondern schafft diese erst (Trotzki: 'permanente Revolution').

Hannah Arendt argumentiert: Der totalitäre Herrscher hat doppelte Aufgabe: er muss die fiktive Welt der Bewegung als greifbare Realität des Alltagslebens etablieren und andererseits die neue Welt daran hindern, eine neue Stabilität zu entwickeln, da diese die Bewegung selbst liquidieren würde. Damit wäre der Totalitarismus keine lebensfähige Staatsform sondern nach Franz Neumanns Beschreibung ' ein Unstaat, ein Chaos, ein Zustand der Gesetzlosigkeit, der Rebellion und Anarchie'.

Der totalitäre Ausgangszustand besteht in einer Gesellschaft, die weder vorwärts zur bürgerlichen Gesellschaft noch zurück zu den traditionellen Mustern gehen kann.

Der totalitäre Prozess zerstört alle verbleibenden traditionellen oder autoritären Strukturen und setzt nichts Dauerhaftes an deren Stelle.

Totalitarismus ist reine Zerstörung. Die permanente Revolution ist ein permanenter Notstand.

Totalitarismus ist daher eine extreme Möglichkeit der Organisation von Desorganisation, ein Regime der Anarchie. Der Krieg half bei der Zementierung der Gewaltherrschaft.
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(Anmerkung: Dahrendorf geht jetzt noch auf Karl Poppers 'Die offene Gesellschaft und ihre Feinde' ein. Siehe dazu S. 133 u. 134 im Buch (Siehe Quelle). Ein Exzerpt oder Frage-Antwort Spiel bezüglich Poppers 'Offener Gesellschaft' wird in Bälde auf Transitenator erscheinen. Im Blickfeld steht auf Transitenator jeweils das Verbindende damit gemeint der soziale Stoff (Formen, Inhalte, etc.) der Menschen, Menschengruppen und diverse andere soziale Gebilde verbinden kann oder könnte bzw. Stoff der geeignet ist zu Menschen zu verbinden unter verschiedenen und aus verschiedenen Gesichtspunkten und sozialen Standorten heraus).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Ungewissheit ist schwer zu ertragen. Durch die Geschichte hin hat der Traum von Gewissheit die Wirklichkeit der Ungewissheit begleitet. Falsche Propheten können aber nicht wissen, was wir Übrigen nicht wissen. Konflikt und Wandel sind unsere Freiheit; ohne sie kann es Freiheit nicht geben. Es gibt keine Rückkehr in einen harmonischen Naturzustand.

So sind sich Dahrendorf und Popper einig: "Wir können wieder zu Bestien werden. Aber wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft" (S. 134).
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Kann der Totalitarismus dasselbe Land zweimal heimsuchen?

Ist Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg gegen Totalitarismus gefeit?

War die Sowjetunion nach Stalins Tod nicht mehr totalitär?

Ist die Geschichte eine Einbahnstraße?

Die Vielfalt und Verwirrung der Begriffe muss geordnet werden. Autoritarismus, Totalitarismus, Demokratie, Bürokratie, Autokratie sind Formen in denen der moderne soziale Konflikt ausgetragen wird. Die Begriffe müssen klar sein.

Jeane Kirkpatrick veröffentlichte 1979 einen Artikel mit dem Titel 'Diktaturen und einfache Maßstäbe' als Angriff auf Jimmy Carters Sicherheitsberater Brzezinskis vertretenen politischen Haltungen. Brzezinski vertrat die Meinung (so K.), dass die Modernisierung ein irreversibler Prozess ist der früher oder später alle vormodernen autoritären Regimes zerstört. Das Ergebnis dieses Prozesses könnte auch Kommunismus heißen. Das Modell Brzezinskis: Der Weg der Modernität führt stets vom Autoritarismus zur Demokratie (S.135).

Kirkpatrick teilte diese Analyse nicht. Vielmehr meint sie es gäbe sehr wenige Demokratien aber im wesentlichen Autokratien. Bei letzteren unterscheidet sie traditionelle und revolutionäre (böswillige). Traditionelle Autokratien tolerieren soziale Ungleichheiten, Brutalität und Armut, revolutionäre Autokratien schaffen diese eigens und zerstören alles Bekannte und Gewohnte.
Der Begriff des Autoritären wird bei ihr für Regimes verwendet, in denen eine relativ schmale Schicht die Herrschaft ausübt (Lehrer Franz Neumann). Die Elite kümmert sich um Wohlfahrt (wenn Menschen nicht mehr Teilnahme fordern).

Autoritarismus lässt sich in der modernen Welt schwer aufrecht erhalten. Die Verwerfungen der unvollkommenen Modernisierung können zum Totalitarismus führen. In Lateinamerika und Asien finden wir Regimes, die sozusagen zugleich pseudo-autoritär und sub-totalitär sind. Selbst ernannte Eliten ohne Tradition berufen sich zwar auf alte Werte, lenken aber den Reichtum in wenige Taschen.

Die bewusste Politik des wachsenden wirtschaftlichen Angebots verbindet sich mit den bewussten Einschränkungen der bürgerlichen Rechte der Mehrheit. Diese Variante schwankt ständig zwischen totalitärer Schließung und demokratischer Öffnung.

Kirkpatrick: "Gruppen, die sich als unsere Feinde verstehen, sollen auch als Feinde behandelt werden" (S. 136). ???

Diese Aussage lässt sich als ideologische Begründung der amerikanischen Unterstützung für die Autokratie korrupter Familien und Generäle in Lateinamerika lesen gegen (Anmerkung: 'kommunistische Volksbewegungen'). Geopolitisches Interesse wird moralischen Erwägungen übergeordnet.

Dahrendorf meint, dass Brzezinski wohl besser beraten war als Kirkpatrick, wenn er vor solchen Regimes warnte (auch wenn sie Amerika zugeneigt waren), denn in ihnen können gedankenlose Unternehmer viel Geld und gedankenlose Regierungen viel guten Willen einbüßen (S. 137).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Modernität schließt Diktatur nicht aus.

Die ernsteste Gefahr droht von Max Webers Alptraum, der Bürokratie (extremste Form die post-totalitäre Bürokratie des real existierenden Sozialismus, Breschnew). Sie ist kaum analysiert.

Es gibt eben nicht nur Autokratie und Demokratie, geschweige denn Totalitarismus und Freiheit.

In Osteuropa, in der Sowjetunion, China hatte statt Katastrophenregimes eine Nomenklatur die Macht übernommen. Ihre Hand war bleiern. Sie bildete eine gigantische Administration, die alle Lebensbereiche kontrollierte, ohne selbst kontrollierbar zu sein. Die Nomenklatur war vor allem an ihrem eigenen Überleben, ja Komfort interessiert und hielt alle Übrigen in einem Zustand der Abhängigkeit und Armut.

Der real existierende Sozialismus war eine Form dessen, was er zu überwunden geglaubt hatte oder dieses vorgab, nämlich der Ausbeutung. Angesichts der ökonomischen Inkompetenz der Nomenklatur ließ sich nicht viel ausbeuten.

Warum hielt sich eine solche Form der Herrschaft so lange?

1. Sie war besser als der Totalitarismus vor ihr.

2. Die bürokratische Herrschaft garantierte eine bestimmte Untergrenze der Sozialexistenz.

3. Allgegenwart der Herrschenden (KGB, Stasi, Securitate, Armee des großen Bruders).

Diese Herrschaftsform offerierte keine alternative Chance der Modernität, sondern versperrte eher den Weg zu den Segnungen moderner Gesellschaften. Menschen forderten mehr Anrechte und ein größeres Angebot und dies in einer Verfassung der Freiheit.

Manfrau muss vor allem die Entropie fürchten, die aus der falschen Verbindung von Bürokratie und Demokratie folgt.

Nichts lässt sich aufbrechen, wenn der Wille und Widerstand des Menschen nicht in Innovation und strategische Veränderungen übersetzt wird. Demokratie allein ist nicht genug, um die Bürokratie zu bewegen oder zu kontrollieren.

Der Niedergang und Fall der Nationen hat etwas zu tun mit ihrer Unfähigkeit zum Wandel, zur Erkundung neuer Wege, zur Steigerung der Lebenschancen sowohl durch die Anhebung der allen gemeinsamen Anrechte als auch durch die Ausweitung eines vielfältigen Angebots.
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(Anmerkung: Nun kommen noch zwei Fragen und eine Hoffnung von Dahrendorf zu Wegen zur Demokratie die er wohl so vor 15-20 Jahren (Schätzung) gestellt hat. Heute (2007) kommen wir zu welchen Antworten? Welche Antworten wollen wir? Welche Hoffnungen haben/wollen wir? Welche Fragen wollen wir (stellen wir), damit wir welche Antworten bekommen?).
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Dahrendorf: Warum sollte ein erfolgreiches Land nicht 'die Hebamme der Welt für Demokratie' sein? Die Verfassung der Freiheit ist nicht ein Privileg sondern eine Verpflichtung. Nur Diktaturen haben so einfache Maßstäbe. Offene freie Gesellschaften können anderen helfen und deren Eigenart respektieren. (???)
Was sind Markierungspunkte auf dem Weg zur Weltbürgerschaft?
Die Vereinten Nationen als Organisation zur Bewahrung von Frieden und Menschenrechten; der internationale Währungsfond und das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen als Wächter der Spielregeln wachsender Wirtschaften und das Weltbanksystem als Instrument der Förderung der Entwicklung (???) (S. 141).

20070328

ZIVILISIERUNG & HÖFLICHKEIT zt-12

Norbert Elias vermutet im ersten Band von 'Prozess der Zivilisation', dass es Kant gewesen sei, der einer bestimmten Erfahrung und Antithese seiner Gesellschaft zuerst in verwandten Begriffen Ausdruck gab.

"Wir sind", sagt Kant 1784 in seinen 'Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht', "in hohem Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert, wir sind zivilisiert bis zum Überlästigen zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit...".

"Die Idee der Moralität gehört zur Kultur. Der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sitten ähnliche in der Ehrliebe und die äußere Anständigkeit hinausläuft, macht bloß die Zivilisierung aus" (S. 8).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Die Gegenüberstellung bezieht sich hier auf zwei Schichten, den Gegensatz zwischen dem vorwiegend französisch sprechenden, nach französischen Mustern 'zivilisierten', höfischen Adel auf der einen Seite und einer deutsch sprechenden, mittelständischen Intelligenzschicht auf der anderen. Es ist die Polemik der deutschen mittelständischen Intelligenzschicht gegen die Gesittung der herrschenden höfischen Oberschicht.

'Höflichkeit'- man macht den anderen glauben, dass wir bei aller Gelegenheit nach äußersten Kräften ihm zu dienen bereit sind, so dass er eine gute Hoffnung von uns fasst. Das erwirbt Vertrauen woraus eine Liebe zu uns erweckt wird und er begierig wird uns Gutes zu tun.

Also eine eher berechnende trügende äußerliche 'Höflichkeit' gegenüber einer 'wahren Tugend'.

20070319

UNWIRKLICHE VERNUNFT? sk-13

Haben wir das 'Ende der Geschichte' (Francis Fukuyama) erreicht nach der Verwirklichung des Bürgerstatus, wenn die Angebotsmaschine gut läuft, und wenn eine Bürgergesellschaft vorhanden ist mit Bürgersinn? Bleibt da noch etwas zu tun?

In seinen Vorlesungen um 1950 hatte Marshall darin recht, dass der moderne soziale Konflikt seine absolute Qualität zu verlieren begann. Wenn die grundlegenden Anrechte aller Bürger erst garantiert sind, reichen die verbleibenden Ungleichheiten der Angebotslage nicht mehr aus, um im alten Sinn ('klassenkämpferisch') Geschichte zu machen.

Ungleichheiten geben Anlass zum Neid, aber nicht zum Klassenkampf.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch
Exzerpt: transitenator
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Der moderne soziale Konflikt hat mit dem Bürgerstatus, dem Wirtschaftswachstum und der Bürgergesellschaft den Rahmen geschaffen, innerhalb dessen sich fast alle bekannten Probleme anpacken lassen (S.76).

Allerdings mit zwei Ausnahmen:

1. Manfrau muss erkennen, dass das Vernünftige (!) weder wirklich ist noch nur notwendig wirklich wird. Die Freiheit bleibt immer bedroht.

2. Die Bürgergesellschaft ist von Anomie bedroht. Menschen verlieren den Halt, den ihnen nur tiefe kulturelle Bindungen vermitteln können; am Ende geht nichts mehr, alles wird gleichgültig. Zeiten der Anomie sind Zeiten äußerster Unsicherheit im täglichen Leben.

Menschen suchen Halt wo sie ihn finden können. Die Rattenfänger von Hammeln erleben Hochkonjunktur (S. 77). Erinnerungen tauchen aus dem Schoß der Geschichte auf, an verlorene Nestwärme in alten sozialen Zusammenhängen.

Nationalismus und Fundamentalismus sind zwei der großen Anfechtungen der Modernität und sie sind jetzt mit Händen zu greifen. Die Extreme tolerieren weder die Vielfalt noch die Autonomie der Bürgergesellschaft, geschweige denn ihre Zivilität.

Sie lösen alle Anrechte in einen religiösen oder ideologischen Wahn auf. Vor allem und für viele überraschend, kümmern sie sich nicht um die wirtschaftlichen Folgen ihres Tuns.

Manfrau muss im eigenen Haus beginnen eine zivilisierte Bürgergesellschaft zu bauen. Die historische Aufgabe der Schaffung der Bürgergesellschaft wird erst vollendet sein, wenn es für alle Menschen gleiche Bürgerrechte gibt.

Wir brauchen die Weltbürgerschaft. Bürgerrechte müssen überall geschaffen werden wo Menschen leben. Die Weltarmut verwandelt die Lebenschancen der Reichen in Privilegien. Auch aus diesem Grunde ist die Weltbürgerschaft nötig. Die Existenz der dritten Welt ist unvereinbar mit den Werten einer zivilisierten Welt der Bürgerrechte und des Wachstums.

Immanuel Kant sah ein Ziel einer 'allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft'. Der Prozess dahin braucht Zeit und strategisches Handeln. Wir müssen ihn beginnen, wenn wir nicht die Errungenschaften der Bürgergesellschaft aufs Spiel setzen wollen (S. 79).

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