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20070419

Zivilisation & Selbstbewusstsein zt-19

Ein Ausdruck und Spiegelbild dieser Reformideen ist der Begriff 'civilisation' der zunächst Ausdruck für die spezifische Hellsicht des Oppositionellen, des Gesellschaftskritikers ist. Auch das 'Zivilisiert-Sein' wird als Ausdruck eines Kreislaufs erkannt. Das ist der Sinn des Wortes 'Zivilisation' in diesem frühen Stadium seines Gebrauchs.

Nach Mirabeau steht die echte Zivilisation im Kreislauf zwischen der Barbarei und der falschen der 'dekadenten' Zivilisation, die durch einen Überfluss an Geld erzeugt wird. Es gilt auf einer mittleren Linie zwischen Barbarei und Dekadenz durch zu steuern. Ein Gedeihen der Gesellschaft zwischen diesen beiden Positionen.

Der Reformwille hält sich im Rahmen des bestehenden, von oben manipulierten Gesellschaftssystems. Er knüpft an das Bestehende an und er wünscht es zu bessern durch geschickte und aufgeklärte Maßnahmen, damit aus der falschen Zivilisation eine gute und wahre Zivilisation werde (S. 57).
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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1773 Boston Tea Party, 1775 Unabhängigkeitserklärung der amerikanischen Kolonien. Die Regierung, heißt es, ist eingesetzt für das Glück des Volkes. Wenn sie dem Zweck nicht entspricht, hat eine Majorität des Volkes das Recht sie abzusetzen.

1774 stirbt Ludwig XV. Kampf um Reform mit verstärkter Gewalt. Turgot wird Finanzminister.

'Civilisation' nun als geläufiger, fixierter Begriff. Zwei Vorstellungen verschmelzen in diesem Begriff. Einmal ist er ein Gegenbegriff zum Zustand der Barbarei. Aber Zivilisiert-Sein ist nicht nur ein Zustand, sondern ein Prozess der weitergeführt werden muss. Das ist das Neue, was in diesem Begriff zum Ausdruck kommt.

Die Befreiung von alledem, was noch barbarisch oder vernunftwidrig an den bestehenden Zuständen ist (ob Gerichtsstrafen, ständische Schranken, Handelsbarrieren..). 'Civilisation' bezieht sich auf alles was noch 'barbarisch' ist. Manfrau sieht, wie die aufsteigende mittelständische Intelligenz Frankreichs im Zuge der höfisch-aristokratischen Tradition steht.

Der Begriff 'civilisation' spiegelt genau in dem gleichen Maße das spezifische, soziale Schicksal des französischen Bürgertums, wie der Begriff der 'Kultur' das des deutschen. Dieser Begriff ist ein Instrument oppositioneller, mittelständischer Kreise in der inneren gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Und er wird mit dem Aufstieg des Bürgertums zum Inbegriff der Nation, zum Ausdruck des nationalen Selbstbewusstseins. Bei der Revolution spielt er keine so große Rolle, aber schon kurz vor der Jahrhundertwende hat er seinen Sinn als Rechtfertigungsbegriff der nationalen Ausbreitungs- und Kolonisationsbestrebungen Frankreichs gefunden.

Napoleon 1798 auf dem Weg nach Ägypten zu seinen Soldaten: "Soldaten, Ihr unternehmt eine Eroberung, deren Folgen für die Zivilisation unberechenbar ist".

Von nun ab, erscheint den Völkern der Prozess der Zivilisation im Innern der eigenen Gesellschaft als vollendet; sie fühlen sich im wesentlichen als Überbringer einer bestehenden oder fertigen Zivilisation zu anderen, als Bannerträger der Zivilisation nach außen (S. 63).

Das Bewusstsein dieser 'Zivilisation' dient von nun ab zum mindesten denjenigen Nationen, die zu kolonisierenden Eroberern und damit zu einer Art von Oberschicht für weite Teile der außer europäischen Erde geworden sind, im gleichen Maße zur Rechtfertigung ihrer Herrschaft.

In der Tat ist eine wesentliche Phase des Prozesses der Zivilisation in eben jener Zeit abgeschlossen, in der das Bewusstsein der Zivilisation, das Bewusstsein von der Überlegenheit des eigenen Verhaltens (Substantialisierungen in Wissenschaft, Technik oder Kunst) sich auszubreiten beginnt (S. 64).

Durchdringung bürgerlicher Kreise zt-16

Soziale Genese des französischen Begriffs 'Zivilisation'.

Die Entwicklung des französischen Bürgertums verlief in gewisser Hinsicht genau umgekehrt wie die des deutschen. Die Intelligenz wurde in die höfischen Kreise hineingezogen. Das alte Distinktionsmittel, die Ahnenprobe, spielte keine sehr entscheidende Rolle mehr als Barriere zwischen den Schichten.

Die Durchdringung bürgerlicher Kreise mit spezifisch aristokratischem Traditionsgut hatte in Frankreich ganz andere Ausmaße. Höfisches Bürgertum und höfische Aristokratie sprachen die gleiche Sprache, lasen die gleichen Bücher, hatten gleiche Manieren. Als das 'ancien régime' gesprengt wurde, als das Bürgertum zur Nation wurde, wurde vieles von dem was im Ursprunge spezifisch höfisch war zum Nationalcharakter.

Affektmodellierung, Wertschätzung der Höflichkeit, Wichtigkeit des Gutsprechens, der Konversation, Artikuliertheit der Sprache etc. bildete sich zunächst innerhalb der höfischen Gesellschaft und wird aus einem Sozial- zum Nationalcharakter (S. 44). In Frankreich war das Bürgertum bereits in ganz anderem Maße entwickelt und wohlhabend. Die aufsteigende Intelligenz hatte neben dem aristokratischen auch ein breiteres bürgerliches Bürgertum.

Hier die Paradoxie, dass in Deutschland wo die soziale Mauer zwischen Mittelstand und Aristokratie höher war, diese Spannung lange keinen politischen Ausdruck fand während die in Frankreich, wo die Standesbarrieren niedriger waren zum politischen Austrag kam (S. 45).

Das ist nur scheinbar paradox: In Frankreich früher Anteil bürgerlicher Elemente an Regierung und Verwaltung, damit eine stärkere politische Schulung und ein Denken in politischen Kategorien, während in Deutschland die Regierungsposten dem Adel vorbehalten waren (bzw. die entscheidende Rolle spielte).

In Deutschland war die gesellschaftliche Kraft des Bürgertums bis ins 19. Jh. relativ gering. Die Bürger waren abgedrängt von den meisten Schlüsselpositionen des Staates.

Der französische Zivilisationsbegriff bildete sich genau wie der entsprechende deutsche Kulturbegriff in dieser Oppositionsbewegung der zweiten Hälfte des 18. Jhs. Der Prozess seiner Bildung, seine Funktion und sein Sinn sind verschieden von denen des deutschen Begriffes. So verschieden wie die Verhältnisse und das Verhalten der Mittelschichten hier und dort. Der 'homme civilisé' als Spielart des Menschentyps, der das eigentliche Ideal der höfischen Gesellschaft darstellte, des 'honnet homme'.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
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Funktion der Charakterisierung des Selbstbewusstseins der europäischen Oberschicht gegenüber anderen. Der Zivilisationsbegriff als die Inkarnation des höfischen Selbstbewusstseins Die Einstellung zum 'einfachen Menschen' ('Wilden') ist ein Symbol für die Einstellung eines Menschen in der inneren gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Aus dem 'homme civilise' wird ein allgemeiner Charakter der Gesellschaft: Zivilisation.

Die höfische Reform-Intelligenz Frankreichs hält sich lange Zeit im Rahmen der höfischen Tradition. Sie schließt den Gedanken in sich, man müsse an Stelle der falschen, eine echte Zivilisation setzen. Sie nimmt die höfischen Modelle auf, um sie fortzubilden und zu transformieren.

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