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20070602

OECD Europa Anfang 90er sk-37

Ein Facit: Dies ist also das Bild des westlichen OECD-Europa anfangs der neunziger Jahre:

1. eine vorherrschende sozialdemokratische Grundstimmung, die von den meisten politischen Parteien vertreten wird;

2. episodische Versuche, aus dem großen Konsens entweder durch Innovation und Unternehmergeist oder durch Basisdemokratie und alternative Lebensstile auszubrechen;

3. die sanfte Wende von der vorherrschenden Angebotsorientierung der achtziger Jahre zu einem stärkeren Sinn für die Anrechte aller Bürger. Ist das alles?


Die Leute trauen dem Frieden nicht mehr recht. Die Mehrheitsklasse hat ihr Selbstvertrauen verloren und wird in zunehmendem Maß protektionistisch. Die Sozialdemokratie ist als politische Kraft am Ende ihrer Kunst.

Auf die Wähler ist kein Verlass mehr; fast alle sind Wechselwähler geworden. Es liegt ein Aroma der Veränderung in der Luft, ohne dass die Richtung klar wäre, aus der es kommt.

So sieht also die soziopolitische und sozialökonomische Situation aus, in die die Revolution von 1989 die Länder des Comecon-Europa hineingeworfen hat.

Europa Anfang 90er sk-34

Vorher einerseits OECD-Europa, andererseits COMECON-Europa.
Die Welt von Raymond Aron gab den Angebotston der Nachkriegszeit an; die Reformen der 60er und 70er Jahre fügten fehlende Anrechtselemente hinzu. Ein Weltklima der latenten, aber niemals akuten Konfrontation. Der Club der Reichen konnte exklusiv bleiben.

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Hinweis auf Quelle bzw. verwendete Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Textauswahl: Transitenator
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Spätestens 1989 ist es mit dieser Gemütlichkeit vorbei. Die Revolutionen in der früher kommunistischen Welt zerfetzen alte Gewissheiten. Es gibt die Koordinaten des kalten Krieges nicht mehr, und die Aufgaben einer Politik der Freiheit stellen sich elementarer als zuvor. Welches Bild bietet also Europa am Anfang der neunziger Jahre?

Das Europa des alten Westens ist geprägt von einer Grundverfassung, die man sozialdemokratisch nennen kann. Ein wohltuender politischer Konsens umhüllt die Gemeinwesen. Die Staaten sind demokratisch in ihrer Verfassung wie ihrer politischen Struktur. Sie verteidigen den Status ihrer Bürger, einschließlich der sozialen Bürgerrechte und suchen die vernünftige Kooperation aller Gruppen im Innern und aller gleichgesinnten Länder nach außen.

Wo immer die Bürgergesellschaft bedroht ist, findet manfrau die Protagonisten des Konsens auf der Seite von Freiheit und Recht. Warum sollte also jemand nicht Sozialdemokrat sein wollen?

Das schöne Bild hat eine andere nicht so attraktive Seite. Die Bürokratie, dieser Webersche Alptraum erscheint in vielerlei Gestalt. Eine davon ist der Korporatismus.

Es handelt sich um ein Regieren durch Arrangement, um nicht zu sagen Kartell, und damit um die Abkehr sowohl von der Suche nach Führungsimpulsen als auch von der nach einem demokratischen Nachschub.

Eine andere Gestalt der Bürokratie ist der alte Wohlfahrtsstaat. Damit ist der umständliche Transfer von A zu A gemeint (nicht von A zu B), wobei Formulare ausgefüllt, an Schaltern gewartet werden müssen.

Hohe Steuern sind eines der Instrumente der Bürokratie; sie sind ihr Lebenselixier. Ohne Steuern keine Verwaltung. Alle sozialdemokratischen Wege enden beim Staat, genauer bei schwachen Regierungen und starken Verwaltungen.
Die Heroen der sozialdemokratischen Welt sind eher Superbürokraten als innovative Führer.
Max Webers formaler Begriff der rationalen Herrschaft hat über seine Hoffnungen auf Führerschaft in der Demokratie gesiegt (S.. 247).

Warum sollte jemand Sozialdemokrat sein? Die geschilderten Verhältnisse waren für lange Zeit komfortabel, sie repräsentieren die Interessen der Mehrheitsklasse. Es kommt allerdings der Punkt, an dem die Entmutigung von Innovation und Initiative zum Problem wird. Auf einmal geht nichts mehr.

Zwei politische Bewegungen machten sich anheischig, die Erstarrung des von der Mehrheit getragenen sozialdemokratischen Zustandes aufzubrechen.

Eine davon war der Thatcherismus, der andere die Partei der Grünen.

20070506

1968 Demokratisierung Konsens sk-25

In den 60ern werden Regierbarkeit und Legitimität zum Thema der öffentlichen Diskussion sowie die Fähigkeit politischer Systeme Reformen hervorzubringen. In Frankreich, Deutschland und kleineren europäischen Ländern hatte das Thema den Namen 'Demokratisierung'.

Das bedeutete zum Teil die Vollendung des Versprechens der Bürgerrechte für alle, zum anderen Teil aber die ungeduldige Insistenz darauf, dass Teilnahmerechte auch ausgeübt werden müssen, um wirklich zu sein.

"Wir müssen mehr Demokratie wagen" (Willy Brandt bei seiner Regierungserklärung 1969) und meinte damit, dass Demokratie nicht nur ein Zustand ist, eine Verfassung, sondern eine Lebensweise, eine Tätigkeit und Tugend.

Die Revolution von 1968 hatte viele Merkmale einer jener Lawinen, die niemand mehr aufhält, wenn sie erst ins Rutschen gekommen ist (S. 170).
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Hinweis auf Quelle bzw. Literatur: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Raymond Aron missverstand die Zeichen der Zeit. Für ihn war der Tod der alten Universität ein unwiederbringlicher Verlust. Manche halten auch Dahrendorf für den Mord an der alten Universität für mitverantwortlich.
Dahrendorf ging es um Zugangschancen und Demokratie nicht Demokratisierung war sein Ziel.

Die Wogen des Wandels spülten jene Reformer bald weg, die geglaubt hatten, dass sich die Grenze zwischen Chancengleichheit und Gleichheit der Resultate halten lässt und dass es Demokratie geben könnte ohne Demokratisierung.

Dahrendorf: Bis auf heute spaltet 1968 die Menschen in vielen Teilen der OECD-Welt. Was hat es wirklich bedeutet?

Die Nachkriegszeit war eine Zeit von mehr Optionen für mehr Menschen. Diese hätten sich nicht schaffen lassen ohne eine sichere Grundlage in Bürgerrechten für alle, die ihrerseits teils das Erbe früherer Kämpfe, teils das Ergebnis des Sozialvertrags der Nachkriegsjahre und teils die Parallele zum raschen Wachstum des Angebots war.

Zunehmend indes begannen quantitative und ökonomische Prozesse das Feld zu beherrschen.
OECD-Gesellschaften wurden zu Gesellschaften des 'immer mehr'.

Eine Parole der Zeit: "Nach dem Aufbau der Umbau". Ruf nach sozialem Umbau.

Intellektuelle trugen die Reformbewegung. Die letzte große Ausweitung der Bürgerrechte ist möglicherweise der wichtigste Wandel, den die Kraft der sozialen Bewegung der sechziger Jahre hervorgebracht hat.

Andere Wandlungen waren subtiler (akademisch). Es spukte die Fiktion der Gleichrangigkeit von Lehrenden, Studenten und anderen Beschäftigten.

Die Kirchen wurden zu Stätten der Diskussion eher als der Kanzelpredigt (Versetzung des Altars in die Mitte), Ökumenismus.

Das Strafrecht wurde überprüft, Resozialisierung statt Bestrafung und Abschreckung.

Hinter alledem steht der Gedanke, dass Individuen das Produkt sozialer Kräfte und Umstände sind, die daher für ihre Taten nicht persönlich verantwortlich gemacht werden können.
Personalisierte Herrschaft verlor ihren Glanz, ja für viele ihre Berechtigung, sogar in Armeen oder Industrieunternehmungen.

Der Geist der Zeit ('1968') drang vor (S. 173).

Die Jahre der Erfüllung waren zugleich Jahre der Gefährdung. Die Erfüllung ist die des sozialdemokratischen Konsens.
Die Erfüllung ist die Ideologie der Mehrheitsklasse, es dauerte ein Jahrhundert um ihn zu schaffen.

Alle Ingredenzien des sozialdemokratischen Konsens beziehen sich auf soziale Bürgerrechte in einer Welt des Wohlstandes.

Dazu gehört ein starker wohlwollender Staat in einem korporatistisch gedämpften demokratischen System, marktorientierte Wirtschaft, eine Gesellschaft weitreichender Solidarität durch Anrechte und progressive Besteuerung und ein vernünftiges Gleichgewicht. Die Mehrheitsklasse ist damit zufrieden.

Dieser Staat ist verwundbar.

Denn die Phase moderner Sozialentwicklung bezeichnet das Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts. Die These vom Ende der Sozialdemokratie bedeutet nicht den Bedeutungsverlust des Mehrheitskonsens, sie besagt vielmehr, dass eine historische Kraft ihre Energie verloren hat weil sie ob siegt hat.

Große soziale Kräfte sterben im Moment ihres Sieges. Ihr Ende naht, wenn die Zukunft nicht länger auf ihrer Seite steht (S. 175).
Zum Beispiel zeigten in den 60er Jahren in England alle Regierungen sozialdemokratische Züge.

Allesamt teilten sie einen Konsens der Mehrheitsklasse im Hinblick auf die wohltätige Rolle des Staates, der gemischten Wirtschaft und der Sozialpolitik.

1968 symbolisiert den Triumph der Sozialdemokratie, bezeichnet aber zugleich den Anfang vom Ende.
Die Herrschaft der Mehrheitsklasse (vernünftiger Konsens und soziale Demokratie) erwies sich als instabil

20070504

Konvergenz Sozialismus Offene Gesellschaft sk-23

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Anmerkung: Manche der Befunde hier mögen etwas antiquiert erscheinen. Allerdings 'wiederholt die Geschichte sich' einerseits und andererseits haben wir auf der Erde in den verschiedenen Staaten/Regionen äußerst unterschiedliche 'Entwicklungslagen'.
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Das Bild einer friedlichen industriellen Gesellschaft ist irreführend. Zu Raymond Arons Zeiten der kalte Krieg, Konflikt der Systeme. Aron war führender Theoretiker von Krieg und Frieden und den Gesetzen der internationalen Politik.

Arons (Achtzehn Vorlesungen) handelt von der entwickelten Welt überhaupt (OECD und Sowjetunion). Aron geht aus von Clarks und Fourastiés These des Überganges von primären zu sekundären zu tertiären wirtschaftlichen Betätigungen und bezieht sich auf Walt Rostows 'Stadien des wirtschaftlichen Wachstums'.

Aron findet Ähnlichkeiten der Wirtschaftsentwicklung der industriellen Gesellschaften in Ost und West. Aron (1955) meint 'der Schlüssel zur modernen Wirtschaftsgeschichte ist der technische Fortschritt' (der in einem kapitalistischen aber auch sozialistischen Regime stattfinden kann,- zwei verschiedene Beispiele derselben Art von Transformation).

Er sieht also Ähnlichkeiten aber er verwechselt 'Sozialisierung' (übernommen von Schumpeters 'Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie') mit Sozialismus (Dahrendorf S. 153).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Damals (1955) sah es so aus als könnte die Sowjetunion die USA ein- und überholen.

Heute (anfangs der 90er), selbst nach Gorbatschows Perestroika, sehen wir den langen Weg den der Osten noch zu gehen hat. Es gibt sicherlich gewisse gemeinsame Merkmale aller industriellen Gesellschaften aber bei genauerem Hinsehen fallen vornehmlich die Unterschiede zwischen den ökonomischen und den sozialen Strukturen auf. (Arons Beispiel von Renault und Citroen, das eine staatlich das andere privat, das eine stagnierte das andere florierte).

Begriffe und Analysen, die solche Unterschiede überspielen sind offenbar untauglich. In den 50er Jahren war ein Verständnis industrieller Gesellschaften im Schwange, das heute zumindest zu ernsten Fragen (radikalen Revision) Anlass gibt (S. 154).

Sozialismus

Dahrendorf unterscheidet sozialistische Vision (Hoffnung auf Gerechtigkeit in Freiheit) und sozialistische Realität.

Innerhalb der sozialistischen Realität Unterscheidung zwischen Sozialdemokratie (hier geht es um die Ausweitung des Prozesses der Bürgerrechte durch Reform unter den Bedingungen der wirtschaftlichen und politischen Vielfalt) und real existierendem Sozialismus.

Bei letzterem kann man wieder unterscheiden: Die bürokratische Autokratie, der administrative Zentralismus in den Satellitenstaaten der Sowjetunion war weit entfernt vom sozialistischen Traum.

Eine kleine Anzahl Länder (China, Kuba) entwickelten eine eigenständige Form des real existierenden Sozialismus.

Die wirtschaftlichen und sozialen Strukturmuster dieser Länder sind nicht eine Alternative zu denen kapitalistischer Länder. Sie sind eher ein Phänomen der späteren Entwicklung.

Nur eine sehr kleine Anzahl von Ländern hat es geschafft , sowohl den Bürgerstatus als auch wirtschaftlichen Wohlstand, sowohl Anrechte als auch Angebot zu einem gewissen Niveau von Lebenschancen zu entwickeln, das den Test besteht, der dieser Analyse zugrunde liegt. Die meisten Gesellschaften verfangen sich in schmerzhaften Widersprüchen des Verhältnisses von Wirtschaft und Politik.

Das Dilemma des real existierenden Sozialismus.

Die von ihm erfassten Länder definieren ihr Problem zunächst politisch. Eine vornehmlich an Machterhaltung interessierte politische Klasse hält alle spontanen Regungen der Bürger nieder und mobilisiert dies als Untertanen (obwohl 'Genossen' genannt, Druschba-Freundschaft).

Der Wunsch nach florierender Wirtschaft muss immer hinter politischen Notwendigkeiten zurücktreten, welche mit Organisation und Kontrolle, mit Nachfolgefragen, Rekrutierungsmechanismen, Gehorsam, Indoktrinierung, Normierung, Regulierung und mit allen von Max Weber beschriebenen Requisiten der Bürokratisierung zu tun haben.

Die Errichtung einer solchen Herrschaft bedeutet den ständigen Kampf gegen Dilettanten, Idealisten, Kritiker, Rivalen, gegen Initiative und Kreativität.

Jede Linderung der Kontrolle enthält ein hohes Risiko. Das aber bedeutet, dass eine moderne, anpassungsfähige, sich selbst ständig erneuernde Wirtschaft nicht entstehen kann.

Der Gipfel sozialistischer Errungenschaften ist die Kombination von Privilegien der Nomenklatur, die dieser das Äquivalent einer westlichen Kleinbürgerexistenz erlauben und einer unzuverlässigen Versorgung mit Elementargütern für die vielen in einer grauen Alltagswelt (S. 157).

Der Zusammenbruch von 1989 stellt die Frage des Verhältnisses von politischer und wirtschaftlicher Modernisierung mit Schärfe. Um menschliche Lebenschancen zu erhöhen muss beides, der Fortschritt der Anrechte und der Fortschritt des Angebotes angepackt werden und zwar gleichzeitig und parallel.

Die Frage, ob es strategische Hebel gibt, die politische und wirtschaftliche Reformen zugleich in Gang setzen, ist vielleicht die Schlüsselfrage des Weges in die Freiheit (S. 158).

Diese Bemerkungen haben vorgegriffen, noch sind wir in den 50er Jahren und bei dem Denkfehler der Konvergenz der Systeme.

Ein zentraler Schluss: Der Sozialismus ist nicht die andere Industriegesellschaft, sondern eine Methode zur Einleitung des Prozesses der Entwicklung. Sozialismus ist ein Entwicklungsländer-Phänomen und hat seine Chance dort, wo die ersten Schritte der Modernisierung und Industrialisierung unter autoritärer Herrschaft stattgefunden haben.

Der real existierende Sozialismus ist allenfalls ein zweitbester Weg in die moderne Welt. Er ist ineffektiv. Beharrt er auf politischer Kontrolle, dann bleibt die Wirtschaft unterentwickelt; nimmt er die Erfordernisse wirtschaftlichen Fortschritts ernst, dann wird seine politische Grundlage gefährdet.

Wenn es überhaupt so etwas gibt wie eine Konvergenz der Systeme, dann liegt diese in Varianten der Freiheit welche vielleicht nicht zustande kommen, denn es gibt kein historisches Gesetz, wonach alle Menschen in Wohlstand und Freiheit leben müssen.

Der Gedanke einer Konvergenz der Systeme ist weder plausibel noch wünschenswert.

Es liegt kein vernünftiger Sinn darin, einen Begriff wie den der industriellen Gesellschaft sowohl auf die USA als auch auf die Sowjetunion anzuwenden, ganz zu schweigen von einer Mischung beider Systeme (Nach Dahrendorf ist es ein (schwerer) Irrtum, dass eine Konvergenz der Systeme gut und wünschenswert wäre).

Aron war ein Theoretiker der Konvergenz der Systeme. Er behandelte politische und sozialökonomische Entwicklungen fast völlig voneinander getrennt. Er überschätzte den Sozialismus als System und unterschätzte die Beziehungen von Wirtschaft und Politik in seinen soziologischen Schriften der 50er Jahre.

Durch den Kollaps 1989 ist Konvergenz als Programm erledigt. Ein solches Programm ist schon im Ansatz verfehlt.

Vielmehr: Es gibt nur eine Freiheit, so vielfältig die Varianten ihrer Ausprägung in realen Gesellschaften sein mögen.

Das Denken in Systemen ist selbst ein Hindernis auf dem Weg zur Freiheit.

Wenn die Lösung realer Probleme in realen Gesellschaften eine Ausweitung von Anrechten verlangt, um menschliche Lebenschancen zu vergrößern, dann soll diese stattfinden; ist andererseits eine Ausweitung des Angebotes nötig, dann sind dafür die Bedingungen zu schaffen.

Entscheidend sind die Institutionen, die es erlauben, das zu tun, was in einer gegebenen Situation für nötig gehalten wird, und es auch wieder zu lassen, wenn es die Mehrheit nicht mehr will.

Entscheidend ist für Dahrendorf die offene Gesellschaft.

Die offene Gesellschaft, menschliche Lebenschancen, Bürgerrechte, Wohlstand, Freiheit sind unzweideutig Werte.

Die besonderen Bedingungen wirklicher Gesellschaften sind verschieden. Die Vielfalt der wirklichen Welt ist selbst Teil der offenen Gesellschaft. Es gibt sicherlich gut und böse, aber es gibt kein Reich des Bösen und kein Reich des Guten auf dieser Welt (S.161).
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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20070501

Weltkriege, Proletariat, Totalitarismus, Dahrendorf sk-20

1914 war in Europa Scheitelpunkt eines lang andauernden Wirtschaftsaufschwungs. Niemand zweifelte an der Realität des Klassenkampfes. Fortschrittliche liberale Parteien wandten sich der sozialen Frage zu. Veränderung lag in der Luft.

28. Juni 1914 Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich wird ermordet. Manche sprechen von einem begrenzten Krieg auf dem Balkan. Das Reden vom Krieg weckt schlafende Hunde. In den letzten Julitagen waren die europäischen Hauptstädte sich einig, dass Krieg unvermeidlich geworden war.

Edward Grey (britischer Außenminister): "Die Lichter gehen aus in Europa".

Die Geschichte und die Folgen des Juli 1918 lassen sich nicht einfach als Teil des modernen sozialen Konflikts beschreiben. Der erste Weltkrieg war nicht einfach ein imperialistischer Exzess profithungriger Kapitalisten. Wenn je die Wirtschaft zur Magd der Politik geworden ist, dann in der Zeit von 1914 bis 1945.
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Quelle: Der moderne soziale Konflikt von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992 (1), München 1994, dtv Taschenbuch, Exzerpt: transitenator
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Dahrendorf spricht von dieser Zeit (1914-1945) als 'Zweitem Dreißigjährigen Krieg'. Es mussten Hindernisse auf dem Weg der Modernität, der Ausweitung der Bürgerrechte, der Erweiterung von Lebenschancen und Freiheit auf explosive und gewaltsame Weise beseitigt werden (S. 115). Eines der Lichter das ausging in Europa war die revolutionäre Illusion.

Hoffnung ist eine unverzichtbare Bewegkraft des Handelns. Die revolutionäre Illusion dagegen verbindet den Glauben an den unaufhaltsamen Marsch des Fortschritts mit der Fata Morgana der Utopie. Sie lockt Menschen heraus, aus der wirklichen Welt fort von der Freiheit.

Für viele lag der Schlüssel zu solchen übertriebenen Hoffnungen im Begriff des Proletariats. Marx ist verantwortlich dafür, dass viele einen Weg von der Realität zur Utopie sahen. (Siehe dazu Dahrendorfs essentielle Kurzschilderung des Marxschen Weges (S. 115 u. 116).

Die Proletarier aller Länder werden aufgerufen sich zu vereinen. Statt dessen stimmten die parlamentarischen Vertreter des Proletariats für die Kriegskredite auf beiden Seiten der Front, Frankreichs und Deutschlands. Statt eine ganz andere Welt zu schaffen, zogen die Arbeiter für die bestehende Welt in die Schlacht.

Dahrendorf frägt: Wann haben die Armen und Getretenen dieser Erde je eine Welt nach ihrem Bilde geschaffen? Er antwortet: Die Armen suchen einen Platz an der Sonne von heute, nicht im künstlichen Licht einer unbekannten Welt. Wer ihnen sagt, dass sie die Zukunft in ihren Händen tragen, gibt ihnen weder Brot noch ein Dach über den Kopf.

Die industrielle Arbeiterklasse und ihre Organisationen waren gewiss eine Kraft des Wandels, aber dieser Wandel bedeutete die Entfaltung eines Prinzips, das schon wirklich war, des Prinzips der Bürgerrechte. Zwischen 1914 und den 1930 er Jahren verschwand das Proletariat als Leitstern der Hoffnung auf eine andere Welt.

Die Gründe für das Verschwinden des Proletariats weisen auf wichtige Sozialentwicklungen hin.

1. Diejenigen die die neue Welt des Proletariats besangen wussten wenig über die wirklichen Einstellungen arbeitender Menschen. Arbeiter sind nämlich eher intolerant, nationalistisch (als internationalistisch), kritisch (gegenüber Liberalen), Schutz suchend (als freiheitsliebend und offen).

Untere Schichten sind relativ autoritär, finden extreme Bewegungen attraktiver als gemäßigte und demokratische, werden durch den Mangel an innerer Demokratie nicht abgeschreckt.

Lipset zeigte, dass intolerante und extremistische Bewegungen mit größerer Wahrscheinlichkeit aus den unteren Schichten hervorgehen. Ein Dilemma für die Intellektuellen der demokratischen Linken die geglaubt hatte, dass das Proletariat notwendig eine Kraft der Freiheit, der Rassengleichheit und des sozialen Fortschritts ist.

2. Desillusionierung über die Organisation der Arbeiterbewegung. Robert Michels (Soziologie der politischen Parteien, 1911) These besagte, dass sozialistische Parteien sich nicht wesentlich von anderen Parteien und politischen Organisationen unterscheiden.

Diese Einsicht hatte viele Folgen. "Wer immer Organisation sagt, statuiert eine Tendenz zur Oligarchie". Massen selber können nicht führen, wenn sie aber Parteien und Gewerkschaften bilden werden sie von einer Minderheit geführt.

Eine Partei ist eben eine Partei. Er kam zu dem Schluss, dass die Arbeiterbewegung zum Teil des normalen politischen Prozesses geworden ist. Das war die Geburt der Sozialdemokratie (Georg Lukàcs bedauerte den Prozess der realen politischen Organisation, 1922, der das Proletariat zu einem bloßen Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaft mache und nicht zum Motor zu ihrem Untergang und Vernichtung.

Das Wort 'Masse' wird in den 20ern zu einem Modewort. Die angeblich atomisierten Massen wurden als Geißel der Modernität entdeckt (Gustave LeBons Psychologie der Massen, José Ortegas y Gasset : Aufstand der Massen, Theodor Geiger: Die Masse und ihre Aktion, Sigmund Freunds Massenpsychologie.

3. Ein Teil der Arbeiterbewegung stieg in eine mittelständische Existenz auf. Das Wort 'Verbürgerlichung' kam in Umlauf. Jedenfalls musste die These von Marx, wonach im Laufe der Zeit das Proletariat zu einer großen homogenen Klasse werden würde, als widerlegt gelten. Fortschritt in der Industrie. Unterscheidung von an-, un-, gelernten, Arbeitern.

4. Fortschritt der Industrie und allgemeine Wirtschaftsentwicklung führten zu einem massiven Anwachsen des Mittelstandes von privaten und öffentlichen Angestellten. Diese Angestellten waren nicht einfach ein Puffer zwischen Großkapital und Proletariat (Emil Lederer u. Jakob Marschak, Studie des neuen Mittelstandes, 1926) sondern hatten ihre eigene sozialpolitische 'Mentalität' (Theodor Geiger).
Diese führte sie zur Unterstützung einer Partei die sich sowohl gegen die Herrschaft des Kapitals als auch die proletarische Revolution wendete, der Nazipartei.

5. Auch ein beharrliches Überleben des 'alten Mittelstandes' von selbständigen Handwerkern und Kleinunternehmern und Landwirten.
Tatsächlicherweise wuchs die Arbeiterklasse schon bis sie 50 % der Bevölkerung umfasste. Aber andere Schichten wuchsen noch rascher.

Seit den zwanziger Jahren gab es zwei Arten von Sozialismus. Sozialdemokratie und sowjetische Erfahrung. Damit eine Spaltung der Arbeiterbewegung freier Länder. Auch die gnadenlosen Attacken von Kommunisten auf Sozialdemokraten schürten Zweifel.

Was war die Bedeutung dieser Entwicklungen?

Schon oben wurde die Ausweitung der Bürgerrechte auf zuvor Unterprivilegierte durch die Verbindung von sozialem Druck und strategischer politischer Reform beschrieben. Die Arbeiterklasse war zu einem 'machtvollen, selbstbewussten, wohl konstruierten Glied der Gesellschaft' geworden.

Damit verbesserte sie ihre eigene Lebenslage und wandelte den Charakter der bürgerlichen Ökonomie in bedeutsame Richtung (so Karl Renner, Austromarxist, erster Präsident der Republik Österreich in einer 1945 veröffentlichten rückblickenden Analyse).

Das Verschwinden des Proletariats hinterließ ein Vakuum in den Köpfen von Intellektuellen. Manche 'verdampften die Realität' und dankten als politische Kraft ab.

Doch bleiben Intellektuelle Seismographen des sozialen Wandels und manchmal sind sie Fermente oder Katalysatoren. Intellektuelle haben einen wichtigen Ort in jeder liberalen Lösung des Problems der modernen Politik, weil sie die Interessen sozialer Bewegungen in die Sprache der Entscheidungsträger übersetzen, Entscheidungen der Öffentlichkeit verständlich machen und zu alledem einen Abstand halten zu Führern wie Bürokraten und den Interessen des Volkes. Das gilt nur, wenn sie diesen Abstand auch einhalten.

Die Geschichte des 'zweiten 30jährigen Krieges' war eine Geschichte des intellektuellen Verrates wie der illiberalen Politik. Die revolutionäre Illusion selbst war eine Form des Verrats der Intelligenz. Überzogene Hoffnungen und Utopien ebnen den Weg für Ideologie und Tyrannei.

Das verschwindende Proletariat hinterließ ein Vakuum. Immer wieder werden von Autoren Revolutionen ausgerufen. Intellektuelle spielen in zunehmenden Maße eine zentrale Rolle im Weltbild der Intellektuellen. (Karl Mannheims freischwebende Intelligenz als Subjekt der Hoffnung? War er selbst freischwebend? (so Dahrendorf).

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