Posts mit dem Label Übersicht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Übersicht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

20070714

Funktionsteilung Triebmodellierung ÜberIch Emanzipation tz-07

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 7

Stärkere Bindung der Oberschicht.
Stärkerer Auftrieb von unten.

In für die ritterlich-höfische Oberschicht typischen Bildern des späten Mittelalters wird die Darstellung von Unterschichtsgebärden noch nicht als besonders peinlich empfunden.

Später, nach dem Peinlichkeitsschema der absolutistisch-höfischen Oberschicht kommen gemäßigte, verfeinerte Gesten zum Ausdruck. Vulgäres, an untere Schichten Erinnerndes wird der Gestaltung ferngehalten.

Abwehr des Vulgären, mehr Empfindlichkeit, mehr Sensibilität. Diese hängt mit der spezifischen Regelung und Umformung der Triebimpulse zusammen.
Mit Bestimmtheit wird gesagt, 'das ist gut/schlecht'. Die Sicherheit ihres Geschmacks geht mehr auf unbewusst arbeitende Figuren ihrer psychischen Selbststeuerung zurück, als auf bewusste Überlegungen. Zunächst zeigen kleine Kreise wachsende Empfindlichkeit für Schattierungen und Nuancen, 'Delikatessen'. Dieser gute Geschmack stellt für solche Kreise zugleich einen Prestigewert dar (S. 410).

Alles, was an ihre Peinlichkeitsschwelle rührt, riecht bürgerlich, ist gesellschaftlich minderwertig. Alles, was bürgerlich ist, rührt an ihre Peinlichkeitsschwelle. Es ist die Notwendigkeit, sich von allem Bürgerlichen zu unterscheiden, die diese Empfindlichkeit schärft.
Die Ausgeschliffenheit des gesellschaftlich-geselligen Verhaltens wird zum Hauptinstrument der Prestige- und Gunstkonkurrenz (nicht die berufliche Tätigkeit, nicht der Besitz von Geld).

Ab dem 16. Jahrhundert gerät der Standard des gesellschaftlich-geselligen Verhaltens in raschere Bewegung, bleibt in dieser während des 17. u. 18. Jahrhunderts um sich dann im 18. u. 19. Jahrhundert in bestimmter Weise zu transformieren und durch die ganze abendländische Gesellschaft auszubreiten.

Dieser Schub von Restriktionen und Triebwandlungen setzt ein mit der Verwandlung des ritterlichen Adels in eine höfische Aristokratie.
Er hängt auf engste mit der Wandlung im Verhältnis der Oberschicht zu den anderen Funktionsgruppen zusammen.

Die courteoise Kriegergesellschaft steht noch nicht so unter Druck, steht noch nicht dermaßen in Interdependenz mit den bürgerlichen Schichten, wie die höfische Aristokratie.

Die absolutistisch-höfische Oberschicht ist eine Formation in einem weit dichteren Interdependenzgeflecht. Sie ist in der Zange zwischen dem Zentralherrn des Hofes und den wirtschaftlich begünstigten, bürgerlichen Spitzengruppen, die nach oben drängen.

Sie ist durch bürgerliche Schichten, die nach oben drängen (Auftrieb von unten) weit stärker und ständiger in ihrer sozialen Existenz bedroht.
Die Verhöflichung des Adels vollzieht sich überhaupt nur im Zusammenhang mit einer Verstärkung des Auftriebes bürgerlicher Schichten.

Der Bestand einer stärkeren Interdependenz und einer stärkeren Spannung zwischen adligen und bürgerlichen Schichten ist konstitutiv für den höfisch-aristokratischen Charakter der Spitzengruppen des Adels (S. 412).

Verglichen mit der funktionellen Gebundenheit des freien mittelalterlichen Kriegeradels ist die der höfischen Aristokratie bereits sehr groß. Die sozialen Spannungen zwischen Adel und Bürgertum nehmen mit der zunehmenden Pazifizierung einen anderen Charakter an.
Die höfische Aristokratie ist die erste jener stärker gebundenen Oberschichten, der im Laufe der neueren Zeit dann noch andere stärker gebundene Oberschichten folgen.

Schon im 16. u. 17. Jahrhundert besteht bei bestimmten bürgerlichen Spitzengruppen ein starkes Verlangen danach sich selbst an Stelle des Schwertadels oder wenigstens neben dem Schwertadel als Oberschicht des Landes zu etablieren; die Politik dieser bürgerlichen Schichten ist zu einem guten Teil darauf abgestellt, auf Kosten des alten Adels ihre eigenen Privilegien zu vergrößern.

Beide Gruppen müssen die Beunruhigung, die das ständige Tauziehen erzeugt, mehr oder weniger in sich zurückhalten. Die soziale Spannung ruft bei diesem Aufbau der Interdependenzen in den bedrohten Menschen der Oberschicht eine starke innere Spannung hervor (S. 414). Sie kommen in den stark affektgeladenen Abwehrgesten zum Vorschein, mit denen die höfischen Kreise allem begegnen, was 'bürgerlich riecht'. Sie hält alles 'Vulgäre' aus ihrem Lebenskreis ferne. Und diese ständig schwehlende, soziale Angst bildet schließlich auch einen der mächtigsten Antriebe für die starke Kontrolle, die jeder Angehörige dieser höfischen Oberschicht auf sich selbst und auf das Verhalten der anderen Menschen seines Kreises ausübt; Sie äußert sich in der angespannten Aufmerksamkeit.

Der ständige Auftrieb von unten und die Angst, die er oben erzeugt, ist mit einem Wort, zwar nicht die einzige, aber eine der stärksten Triebkräfte jener spezifischen, zivilisatorischen Verfeinerung, die die Menschen dieser Oberschicht aus anderen hervorhebt und die ihnen schließlich zur zweiten Natur wird (S. 415).

Sie werden kopiert.

Immer wieder werden Gebräuche, die zuvor 'fein' waren, nach einiger Zeit 'vulgär' (= Motor). Erst mit der französischen Revolution hört diese Verfeinerung, diese Ausfeilung der Peinlichkeitsschwelle auf (oder verliert an Intensität).

Den Motor der zivilisatorischen Transformation des Adels (Scham- und Peinlichkeits Schwelle) bildet so neben der schärferen Konkurrenz um die Gunst der Mächtigsten innerhalb der höfischen Schichten selbst, der ständige Auftrieb von unten (S. 416).
Von nun werden aber immer mehr Beruf und Geld zur primären Quelle des Prestiges.

In jeder Gesellschaftsschicht wird der Bezirk des Verhaltens, der gemäß ihrer Funktionen für die Menschen dieser Schicht am lebenswichtigsten ist, auch am sorgfältigsten und intensivsten durch modelliert.
Die Genauigkeit, mit der Handgriffe und Etiketten durch bildet werden entspricht der Bedeutung, die alle diese Verrichtungen sowohl als Distinktionsmittel nach unten, wie als Instrumente im Konkurrenzkampf um die Gunst des Königs für die höfischen Menschen haben.
Es handelt sich hier nicht um geübte Privatvergnügungen einzelner Menschen, sondern um lebenswichtige Erfordernisse der gesellschaftlichen Position.

Im 19. Jahrhundert bilden Gelderwerb und Beruf die primären Angriffsflächen der gesellschaftlichen Zwänge, die den Einzelnen modellieren. Die Formen der Geselligkeit fallen jetzt in die Sphäre des Privatlebens.

Nun treten allmählich bürgerlich-mittelständische Züge schrittweise in den Vordergrund. Ganz generell werden in allen abendländischen Gesellschaften mit dem Niedergang der Aristokratie stärker diejenigen Verhaltensweisen und Affektgestaltungen entwickelt, die zur Bewältigung von Erwerbsfunktionen, zur Durchführung einer mehr oder weniger genau geregelten Arbeit notwendig sind.

Zunächst übernimmt die berufsbürgerliche Gesellschaft das Ritual der höfischen Gesellschaft ohne es selbst gleich intensiv weiterzubilden. Der Standard der Affektregelung rückt erst langsam weiter.
In der englischen 'Society' gibt es diese Aufteilung des menschlichen Daseins in eine Berufs- und eine Privatsphäre nicht.

Wenn diese Spaltung allgemeiner wird, beginnt eine neue Phase im Prozess der Zivilisation. Die Anspannung, die die Aufrechterhaltung der bürgerlichen, sozialen Existenz erfordert ist erheblich größer, als die entsprechenden psychischen Figuren, die ein Leben als höfischer Aristokrat erfordert.
(Beispiel: Geschlechterbeziehung, erotische Prägung der Bevölkerung).

Aber die höfisch-aristokratische Menschenmodellierung mündet in dieser oder jener Form in die berufsbürgerliche ein, und wird in ihr aufgehoben weiter getragen.

Manfrau findet diese Imprägnierung breiterer Schichten mit Verhaltensformen und Triebmodellierungen, die ursprünglich der höfischen Gesellschaft eigentümlich waren, besonders stark in Regionen in denen die Höfe groß und reich und ihr Vorbild daher von großer Durchschlagskraft war. (Beispiele: Paris und Wien). Es sind die Sitze der beiden großen, rivalisierenden, absolutistischen Höfe des 18. Jahrhunderts (S. 418).

Die Verhaltensweisen, die Art der Affektregelung zeigen ein großes Maß an Einheitlichkeit. Das ist eine Folge der wechselseitigen Verflechtung der abendländischen Herrschaftsverbände und der beständigen Interdependenz aller funktionsteiligen Prozesse in den verschiedenen Nationalverbänden des Abendlandes.

Die Phase der halb privaten Gewaltmonopole und der höfisch-aristokratischen Gesellschaft spielt mit ihrer starken Interdependenz über ganz Europa hin für das Gepräge des abendländisch-zivilisierten Verhaltens eine besondere Rolle.

Diese höfische Gesellschaft hatte als erste und in besonders reiner Form die Funktion einer guten Gesellschaft, einer Oberschicht, die unter dem Druck einer intensiven und weitreichenden Verflechtung, unter dem Druck von Gewalt- und Steuermonopolen auf der einen Seite, von aufdrängenden, unteren Schichte auf der anderen Seite stand.

Die höfische Gesellschaft war in der Tat die erste Repräsentantin jener eigentümlichen Form von Oberschicht die in einem hohen Maße gebunden war und deren Lage ein beständiges Ansichhalten, eine intensive Triebregelung erforderte.

Die Modelle dieses Ansichhaltens gingen abgestuft und modifiziert, von Schicht zu Schicht weiter. Vor allem bei Völkern, die im Zusammenhang mit einer frühzeitigen Ausbildung von starken Zentralorganen auch frühzeitig zu Kolonialmächten wurden schärfte sich - durch den Druck der weltweiten Verflechtung (Verkörperung durch die Stärke des Konkurrenzkampfes, Prestigewahrung) auch die Stärke der gesellschaftlichen Kontrolle.

So amalgamierten sich Verhaltensweisen einer höfisch-aristokratischen Oberschicht mit Verhaltensweisen der verschiedenen bürgerlichen Schichten, wenn diese aufstiegen und in die Lage von Oberschichten gelangten (S. 420).

So breiteten sich vom 19. Jahrhundert ab diese zivilisierten Verhaltensformen über die aufdrängenden, unteren Schichten der abendländischen Gesellschaft selbst, so über die verschiedenen Schichten der Kolonialländer aus und amalgamierten sich mit Verhaltensweisen, die deren Schicksal und Funktion entsprachen.

Bei jedem dieser Aufstiegsschübe durchdringen sich Verhaltensweisen der jeweils oberen und der aufsteigenden unteren Schichten oder Verbände.

So kommt es, dass sich in dem Trieb- und Verhaltensschema der verschiedenen, bürgerlichen Nationalverbände, in ihrem 'Nationalcharakter', ganz genau die Art der früheren Beziehungen zwischen Adels- und Bürgerschichten und die Struktur der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zeigt, in der einige von diesen schließlich zur Macht gelangten (S. 421).

Das Schema des Verhaltens in Nordamerika ist weit ausgesprochener mittelständisch als in England, weil dort die Aristokratie frühzeitig verschwand.

Jede dieser Ausbreitungsbewegungen des Zivilisationsstandards über eine weitere Schicht hin aber geht Hand in Hand mit einer Zunahme in deren gesellschaftlichen Stärke, mit einer Angleichung ihres Lebensstandards an den der nächsthöheren Schicht oder mindestens mit einer Hebung ihres Lebensstandards in dieser Richtung (S. 422).

Schichten, die dauernd in der Gefahr des Verhungerns oder auch nur in äußerster Beschränkung, in Not und Elend leben, können sich nicht zivilisiert verhalten.

Zur Züchtung und zur Instandhaltung einer stabileren Über-Ich-Apparatur bedurfte und bedarf es eines relativ gehobenen Lebensstandard und eines ziemlich hohen Maßes von Sekurität. (Dritte Welt Problematik).(Entwicklung)

In a nutshell:
Folgen und Teilerscheinungen der Funktionsteilung

Das elementare Schema dieser Zusammenhänge ist einfach genug: Alles, was bisher an einzelnen Erscheinungen erwähnt wurde (Hebung des Lebensstandards, stärkere Abhängigkeit der Oberschicht, Stabilität der Zentralmonopole ...), also alles das sind Folge- und Teilerscheinungen einer bald rascher, bald langsamer fortschreitenden Funktionsteilung.

Mit dieser Funktionsteilung stieg und steigt die Ergiebigkeit der Arbeit; die größere Ergiebigkeit der Arbeit ist die Voraussetzung für die Hebung des Lebensstandards von immer breiteren Schichten; mit dieser Funktionsteilung wächst die funktionelle Abhängigkeit der jeweils oberen Schichten; und erst von einer sehr hohen Stufe der Funktionsteilung ab ist schließlich auch die Bildung von stabilen Gewalt- und Steuermonopolen mit stark spezialisierten Monopolverwaltungen, also die Bildung von Staaten im abendländischen Sinne des Wortes möglich, mit der das Leben des Einzelnen allmählich eine etwas höhere 'Sekurität' erhält.

Aber diese steigende Funktionsteilung bringt auch beständig immer mehr Menschen, immer weitere Menschenräume in Abhängigkeit voneinander; sie verlangt und züchtet eine größere Zurückhaltung des Einzelnen, eine genauere Regelung seines Verhaltens und seiner Affekte; sie fordert eine stärkere Triebbindung und- von einer bestimmten Stufe ab- einen beständigeren Selbstzwang. Dies ist, der Preis, den wir für die größere Sekurität, den wir für alles andere, was in der gleichen Linie liegt, bezahlen (S. 423).

Erläuterung: Zunächst aber sind Zurückhaltung und Selbstzwang noch weitgehend durch die eigentümliche Spaltung der Gesellschaft in Ober- und Unterschichten bestimmt (noch nicht durch die Notwendigkeit der Kooperation jedes Einzelnen mit vielen Anderen).
Die Art der Zurückhaltung und der Triebmodellierung, wie sie sich bei den Menschen in der jeweils höheren Schicht herstellt, erhält daher ihr besonderes Gepräge zunächst noch durch die ständigen Spannungen, die die Gesellschaft durchziehen.

Die Ich- und Über-Ich-Bildung dieser Menschen ist sowohl bestimmt durch den Konkurrenzdruck, durch die Ausscheidungskämpfe innerhalb der eigenen Schicht, wie durch den beständigen Auftrieb von unten, den die fortschreitende Funktionsteilung in immer neueren Formen produziert.
Stärke und Widerspruchsreichtum der gesellschaftlichen Kontrolle, hängt nicht nur damit zusammen, dass es die Kontrolle von konkurrierenden Existenzen ist, sondern vor allem auch damit, dass die Konkurrierenden zugleich gemeinsam ihr unterscheidendes Prestige, ihren gehobenen Standard, gegenüber Aufdrängenden zu wahren haben (S. 423).

Betrachtet manfrau die Linie dieser Prozesse über Jahrhunderte hinweg, dann sieht manfrau eine klare Tendenz zur Angleichung der Lebens- und Verhaltensstandarde, zur Nivellierung der großen Kontraste. Aber diese Bewegung geht nicht geradlinig vor sich.
Manfrau kann in jeder dieser Ausbreitungswellen von Verhaltensweisen eines kleineren Kreises zu einem größeren, aufsteigenden hin deutlich zwei Phasen unterscheiden:
Eine Kolonisations- oder Assimilationsphase in der die untere an der oberen Schicht orientiert ist und eine
zweite Phase der Abstoßung, der Differenzierung oder Emanzipation, in der die aufsteigende Gruppe spürbar an Stärke und Selbstbewusstsein gewinnt und die obere Gruppe zu einem stärkeren Ansichhalten, einer betonteren Abschließung gedrängt wird und in der sich die Kontraste, die Spannungen in der Gesellschaft verstärken (S. 424).

In der zweiten Phase, in der die gesellschaftliche Stärke der jeweils unteren Gruppe wächst verstärkt sich mit der Rivalität und den Abstoßungstendenzen auch das Selbst- und Eigenbewusstsein beider.
Es besteht die Neigung das Unterscheidende hervor zukehren und zu stabilisieren. Das Selbst- und Eigenbewusstsein beider steigt. Die Kontraste zwischen den Schichten werden größer, die Mauern höher.


Die erste Phase (Kolonisations- oder Assimilationsphase): In der ersten Phase tritt die Neigung von oben nach unten zu kolonisieren, von unten nach oben sich anzugleichen stärker zutage. In der ersten Phase sind viele einzelne Menschen der aufsteigenden Schicht sehr stark abhängig. Sie sind in vieler Hinsicht noch ungeformt und sie werden so beeindruckt, dass sie ihre Affektregulierung nach dem Verhaltenscode der oberen Schicht auszurichten suchen.

Hier stößt manfrau auf eine der merkwürdigsten Erscheinungen im Prozess der Zivilisation: Die Menschen der aufsteigenden Schicht entwickeln ein 'Über-Ich' nach dem Muster der überlegenen und kolonisierenden Oberschicht. Dieses Über-Ich ist genau besehen in vieler Hinsicht recht verschieden von seinem Modell.

ES ist unausgeglichener und dabei zugleich oft genug außerordentlich viel strenger und rigoroser. Bei den meisten Menschen der aufstiegsbegierigen Schichten führt das Bemühen darum zunächst zu ganz spezifischen Verkrümmungen des Bewusstseins und der Haltung. (Aus Orientalländern als 'Leviantinismus' bekannt.

Manfrau begegnet solchen Haltungen in der abendländischen Gesellschaft oft genug als 'Halbbildung', als Anspruch etwas zu sein, was manfrau nicht ist, als Unsicherheit des Verhaltens und des Geschmacks, als 'Verkitschung' nicht nur der Dinge (Möbel, Kleider etc.) sondern auch der Seelen.

Alles das bringt eine soziale Lage zum Ausdruck, die zur Imitation von Modellen einer anderen gesellschaftlich höher rangierenden Gruppe drängt. Sie gelingt nicht; sie bleibt als Imitation fremder Modelle erkennbar. Sie erscheint als sonderbare Falschheit und Unförmigkeit des Betragens. Dahinter steht eine echte und wahre Notlage der sozialen Existenz.

Das Verlangen, dem Druck der von oben kommt, und der Unterlegenheit zu entgehen. Und diese Ausprägung des Über-Ichs von der Oberschicht her lässt bei der aufsteigenden Schicht immer eine ganz spezifische Form von Scham- und Unterlegenheitsgefühlen entstehen. Sie sind sehr verschieden von den Empfindungen unterer Schichten ohne Chancen zu einem individuellen Aufstieg.

Die untere Schicht: Deren Verhalten mag gröber sein, aber es ist geschlossener, einheitlicher, ungebrochener, geformter; sie leben stärker in ihrer eigenen Welt, ohne Anspruch auf ein Prestige mit einem größeren Spielraum für Affektentladungen; sie leben stärker nach eigenen Sitten und Gebräuchen; ihre Unterordnungsgesten und ihre Widerstandsgesten sind klar, relativ unverhüllt gleich ihren Affekten durch bestimmte Formen gebunden. In ihrem Bewusstsein haben sie selbst ihre wohl unterschiedene Stellung (S. 426).

Die 'kleinbürgerliche' nach oben orientierte Schicht: Die Unterlegenheitsgefühle und -gesten der individuell aufsteigenden Menschen dagegen identifizieren sich mit der oberen Schicht.

Die Menschen in dieser Lage erkennen mit einem Teil ihres Bewusstseins die Normen und Verhaltensformen der oberen Schicht als für sich selbst verbindlich an, ohne sich daran halten zu können wie diese. In ihnen steckt ein Widerspruch, eine Spannung, die ihrem Affektleben und ihrem Verhalten seinen besonderen Charakter gibt (S. 427).

Zugleich zeigt sich aber hier, welche Bedeutung die strenge Verhaltensregelung für die Oberschicht hat: Sie ist ein Prestigeinstrument und zugleich ein Herrschaftsmittel.

Es ist nicht wenig bezeichnend für den Aufbau der abendländischen Gesellschaft, dass die Parole ihrer Kolonisationsbewegungen 'Zivilisation' heißt. Für Menschen einer Gesellschaft mit starker Funktionsteilung genügt es nicht zu herrschen, manfrau braucht nicht nur den Boden sondern manfrau braucht auch die Menschen; manfrau wünscht die Einbeziehung der anderen Völker in das arbeitsteilige Geflecht des eigenen, des Oberschichtlandes, sei es als Arbeitskräfte, sei es als Verbraucher; das aber zwingt zu einer gewissen Hebung des Lebensstandardes, wie zu einer Züchtung von Selbstzwang- oder Über-Ich-Apparaturen bei den Unterlegenen nach dem Muster der abendländischen Menschen selbst (S. 427).
Es erfordert wirklich eine Zivilisation der unterworfenen Völker.

So wie es im Abendland ab einem bestimmten Stand der Interdependenz nicht mehr möglich war, Menschen alleine durch Waffen und körperliche Bedrohung zu beherrschen, so wurde es nötig, die Menschen durch die Modellierung ihres Über-Ich zu beherrschen.

Damit stellten sich bei einem Teil der Unterworfenen alle jene Erscheinungen ein, die für eine solche erste Aufstiegsphase charakteristisch sind:
• Individueller Aufstieg,
• Assimilation der Aufsteigenden an die Affektregelung und die Gebotstafeln der Oberschicht,
• teilweise Identifizierung,
• Ausbildung oder Umbildung der Über-Ich-Apparatur nach dem Schema,
• mehr oder weniger geglückte Amalgamierung der vorhandenen Gewohnheiten und Selbstzwänge (S. 428).


Wiederholung:
Beispiel: Um solche Erscheinungen zu beobachten, braucht manfrau nicht in die Weite zu gehen. Eine ganz analoge Phase findet sich in der Aufstiegsbewegung des abendländischen Bürgertums selbst: der höfischen Phase. (Erste Phase= Kolonisation nach unten, Anpassung nach oben).

Hier war es zunächst das höchste Streben vieler einzelner Individuen aus bürgerlichen Spitzenschichten sich zu verhalten und zu leben wie ein Adliger.

Sie erkannten innerlich die Überlegenheit des höfisch-aristokratischen Verhaltens an. Die Unterhaltung des Bürgers im höfischen Kreis über das richtige Sprechen ist ein Beispiel dafür.

Diese höfische Phase des Bürgertums ist markiert durch die bekannte Gewohnheit der Sprechenden und Schreibenden, nach jedem dritten oder vierten deutschen Wort ein französisches einzufügen, wenn sie es nicht überhaupt vorzogen in der französischen Sprache, der höfischen Sprache Europas zu sprechen.

Darüber hat manfrau sich oft lustig gemacht. Wenn aber die gesellschaftliche Stärke des Bürgertums wächst, verliert sich der Spott. (Nun, die zweite Phase = Phase des Abstoßens, der Differenzierung und Emanzipation).
Es treten jene Erscheinungen in den Vordergrund die der zweiten Aufstiegsphase ihren Charakter geben. Bürgerliche Gruppen kehren immer stärker und betonter ein eigenes, spezifisch bürgerliches Selbstbewusstsein hervor; sie setzen immer entschiedener und bewusster eigene Gebots- und Verbotstafeln den höfisch-aristokratischen entgegen.

Sie stellen die Arbeit gegen den aristokratischen Müßiggang, die Natur gegen die Etikette, die Pflege des Wissens gegen die Pflege der Umgangsformen, ganz zu schweigen hier von den besonderen bürgerlichen Forderungen nach einer Kontrolle der zentralen Schlüsselmonopole (Steuer- und Heeresverwaltung).
Sie stellen vor allem die "Tugend" gegen die höfische "Frivolität": Die Regelung der Geschlechterbeziehung, der Zaun, mit dem die sexuelle Sphäre des Triebhaushaltes eingehegt wird ist stets weit stärker als bei der höfisch-aristokratischen Oberschicht und stärker als bei großbürgerlichen Gruppen (S. 429).

Die Länder des Abendlandes-
Was ist gleich, was ist verschieden?

Die große Linie dieser Zivilisationsbewegung ist in allen Ländern des Abendlandes die gleiche und gleich ist auch die Aufbaugesetzlichkeit, die ihr zugrunde liegt. Gleich ist der Ablauf der freien Monopolkämpfe. Siehe obige Gegenüberstellung Bürger-Adel. Alles das tritt auf dieser Stufe im Kampf des Bürgertums gegen die Adelsprivilegien, zunächst in dem 'Öffentlichwerden, in der Verbürgerlichung oder Verstaatlichung der ehemals im Interesse noch kleinerer Kreise verwalteten Steuer- und Gewaltmonopole sehr deutlich zutage. Aber verschieden ist auch das Gepräge des Verhaltens, das Schema der Affektregulierung, der Aufbau des Triebhaushaltes und des 'Über-Ich', die sich in den einzelnen Nationen schließlich durchsetzen (S. 430).


Verschieden sind die Wege die dazu führen.
Anders zB. in England, wo die höfisch-absolutistische Phase verhältnismäßig kurz war, wo frühzeitig Bündnisse und Kontakte zwischen städtisch-bürgerlichen Kreisen und Landadelsschichten zustande kamen, wo sich die Amalgamisierung von Verhaltensformen der Oberschichten und der aufsteigenden Mittelschichten ganz allmählich in vielen Schüben und Gegenschüben vollzog.

Anders in Deutschland, mit der fehlenden Zentralisierung und deren Folge, dem dreißigjährigen Krieg, weit länger als seine Nachbarn ein relativ armes Land, mit einer langen Phase des Absolutismus mit vielen Höfen, mit einer späten kolonialen Expansion.

Die innere Spannung, der Abschluss des Adels gegen das Bürgertum war hier stark und nachhaltig.
Die städtisch-bürgerlichen Schichten waren hier im Mittelalter eine Zeitlang politisch und wirtschaftlich mächtiger, selbständig und selbstbewusster als in irgendeinem anderen Land Europas.
Besonders fühlbar daher der Schock ihres politischen und wirtschaftlichen Niedergangs. Dann waren ihre Träger besonders arm und politisch ohnmächtig. Erst sehr spät kam es zu einer Durchdringung von Bürger- und Adelskreisen.

In dieser ganzen Zeit waren in Deutschland die Schlüsselstellungen des Steuermonopols ebenso wie die Polizei- und Heeresverwaltung Monopole des Adels. So prägte sich im Bürgertum die Gewöhnung an eine starke, äußere Staatsautorität tief ein (S. 431).

In England hingegen spielte das Landheer als Prägeinstrument seiner Bewohner nicht irgendeine größere Rolle.

In Preußen-Deutschland spielte das vom Adel geleitete Landheer, wie auch die Polizeigewalt eine große Rolle und war für das Gepräge seiner Bewohner von größter Bedeutung.

In Deutschland werden die einzelnen von klein an auf in höherem Maße an eine Unterordnung unter andere, an den Befehl von außen gewöhnt.
Die Verwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwängen war geringer.
In Deutschland fehlte lange Zeit die Funktion des Zentrums für ein weit ausgesponnenes Interdependenzgeflecht, die Funktion der Oberschicht eines Kolonialreiches.
So blieb die Triebregulierung des Einzelnen hier in besonders hohem Maße auf das Vorhandensein einer starken, äußeren Staatsgewalt abgestimmt.
Es bildete sich ein Über-Ich heraus, das darauf abgestellt war, die spezifische Langsicht, die die Herrschaft und Organisation der ganzen Gesellschaft erforderte, einem abgesonderten und sozial höher rangierenden Kreise zu überlassen.
Das führte zu einer spezifischen Form des bürgerlichen Selbstbewusstseins, zu einer Abwendung von allem, was mit der Verwaltung der Herrschaftsmonopole zu tun hat, und zu einer Vertiefung nach innen, einer besonderen Hochstellung des Geistigen und Kulturellen in der Tafel der Werte.

Anders wiederum in Frankreich: Hier kam es stetiger zur Bildung von höfischen Kreisen, erst courteoisen, dann immer größeren Höfen, schließlich zur Bildung eines großen Königshofes.
Hier kam es frühzeitig zu einer zentral gelenkten, wirtschaftlichen Schutzpolitik, die dem Interesse des Monopolherrn selbst, aber zugleich auch der Entfaltung des Handels diente und zur Entwicklung von begüterten Bürgerschichten führte.
Relativ früh, stellten sich bereits Kontakte zwischen aufsteigenden Bürgern und der immer Geld bedürftigen, höfischen Aristokratie her. Zum Unterschied von den vielen, kleinen und meist wenig begüterten absolutistischen Herrschaften Deutschlands, förderte das zentralisierte und reiche, absolutistische Regime Frankreichs sowohl die allseitige Umformung der Fremdzwänge in Selbstzwänge, wie die Amalgamierung von höfisch-aristokratischen und von bürgerlichen Verhaltensformen.
Die Nivellierung vollendete die Angleichung der gesellschaftlichen Standarde, der Adel verlor seine erblichen Vorrechte und seine Stellung als gesonderte Oberschicht.

-o-o-o-

20070712

Psychologisierung Rationalisierung Transformation tz-05

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 5

Die Dämpfung der Triebe.


Am großen absolutistischen Hof bildet sich zum ersten mal eine Art von Gesellschaft mit Aufbaueigentümlichkeiten, die durch alle Verwandlungen hindurch immer von neuem eine entscheidende Rolle spielen. Es bildet sich eine "gute Gesellschaft".
Die Anwendung körperlicher Gewalt tritt zurück doch übt nun der Mensch in mannigfachen anderen Formen Zwang und Gewalt aus. Das Leben in diesem Kreis ist kein friedliches Leben. Der Druck der Konkurrenz um Prestige und die Gunst des Königs ist stark. Die "Affairen", die Rang und Gunststreitigkeiten brechen nicht ab. An die Stelle körperlicher Gewalt treten Intrigen und Kämpfe mit Worten um Karriere und sozialen Erfolg. Sie verlangen und züchten andere Eigenschaften, als die Kämpfe die mit der Waffe ausgefochten werden können: Überlegung, Berechnung auf längere Sicht, Selbstbeherrschung, genaueste Regelung der eigenen Affekte, Kenntnis der Menschen und des gesamten Terrains werden zu unerlässlichen Voraussetzungen jedes sozialen Erfolges (S. 370).

Der Einzelne gehört nun zu einer 'Clique', zu einem ihn unterstützenden Verkehrskreis. Er geht Bündnisse ein mit Personen die möglichst hoch im höfischen Kurs rangieren. Aber der Kurs der Personen wechselt, sie haben Konkurrenten, offene und versteckte Feinde; und die Taktik der Kämpfe bedarf einer genauen Überlegung; jeder Gruß, jedes Gespräch hat eine Bedeutung über das unmittelbar Gesagte oder Getane hinaus; sie zeigen den Kurswert der Menschen an; und sie tragen zur Bildung der höfischen Meinung über diesen Wert bei: Der Hof ist eine Art Börse; wie in jeder guten 'Gesellschaft' bildet sich beständig im Austausch der Menschen eine 'Meinung' über den Wert jedes Einzelnen; dieser Wert hat seine reale Grundlage nicht in dem Geldvermögen und nicht in den Leistungen sondern in der Gunst, die er beim König genießt, in dem Einfluss den er bei anderen Mächtigen hat.

Das Spiel um Gunst, Einfluss und Bedeutung ist ein Spiel bei dem unmittelbare körperliche Gewaltanwendung verboten und existenzgefährdend sind aber vielmehr eine beständige Langsicht und eine genaue Kenntnis jedes Anderen, seiner Stellung, seines Kurswertes im Geflecht der höfischen Meinungen erfordert. Es erfordert weiters eine genaue Differenzierung des eigenen Verhaltens entsprechend diesem Verflechtungswert (S. 371).

Die Verwandlung des Adels in Richtung des 'zivilisierten' Verhaltens ist unverkennbar. Sie ist hier noch nicht so tief greifend und umfassend, wie später in der bürgerlichen Gesellschaft; denn der Hofmann tut sich den Zwang nur gegenüber Standesgenossen an, und nur in erheblich geringerem Maß gegenüber sozial Niedrigerstehenden.

Das Schema der Trieb- und Affektregulierung in der höfischen Gesellschaft ist ein anderes als in der bürgerlichen, auch das Wissen darum, dass es sich um eine Regulierung aus gesellschaftlichen Gründen handelt, ist noch wacher (Anm: noch nicht so unbewusst wie in der bürgerlichen).

Die Selbstzwänge sind beim Adel noch nicht eine vollständig automatisch arbeitende Selbstzwangapparatur. Aber der Mensch differenziert sich stärker, er verleugnet sein Herz, er handelt gegen sein Gefühl. Die augenblickliche Lust wird in Voraussicht der Unlust zurückgehalten.

Das ist der gleiche Mechanismus, mit dem nun durch Erwachsene in den Kindern von klein auf ein stabileres 'Über-Ich' gezüchtet wird. Die momentane Trieb- und Affektregung wird gewissermaßen durch die Angst vor der kommenden Unlust überdeckt und bewältigt, bis diese Angst sich schließlich gewohnheitsmäßig den verbotenen Verhaltensweisen und Neigungen entgegen stemmt, selbst wenn gar keine andere Person mehr unmittelbar gegenwärtig ist, die sie erzeugt. Die Energien solcher Neigungen werden in eine ungefährliche, durch keine Unlust bedrohte Richtung gelenkt (S. 372).

Dem Umbau der Gesellschaft entsprechend, baut sich auch der Affekthaushalt des Einzelnen um. Und wie sich Verhalten und Seelenhaushalt des Einzelnen verändern, ändert sich in entsprechender Weise auch die Art, in der ein Mensch den anderen betrachtet; das Bild, das der Mensch vom Menschen hat, wird reicher an Schattierungen, es wird freier von momentanen Emotionen, es 'psychologisiert' sich. Berechnung greift in Berechnung.

Früher, bei den Kriegern griff Affekt in Affekt. Jemand ist gut oder böse, Freund oder Feind. Je nachdem wie manfrau einen Anderen gemäß dieser Schwarzweißzeichnung der Affekte sieht, so verhält manfrau sich. Alles scheint auf den empfindenden Menschen bezogen.

Eine Langsicht auf Natur und Menschen gewinnen die Menschen erst in dem Grade, in dem die fortschreitende Funktionsteilung und die alltägliche Verflechtung in längere Menschenketten den Einzelnen an eine solche Langsicht und eine größere Zurückhaltung der Affekte gewöhnen.
Dann erst lichtet sich der Schleier, den die Leidenschaften vor das Auge legen, ohne dass etwas unmittelbar feindlich oder freundlich für ihn gemeint zu sein braucht. Es kommt zu einer leidenschaftsloseren Beobachtung über lange Strecken hin.

Wie das Gesamtverhalten, so wird auch die Beobachtung der Dinge und Menschen im Zuge der Zivilisation affektneutraler. Das Weltbild wird weniger unmittelbar durch menschliche Wünsche und Ängste bestimmt, und es orientiert sich stärker an 'Erfahrung' oder 'Empirie', an Verflechtungsreihen, die ihre eigene Gesetzmäßigkeit haben.

Besonders im näheren und weiteren Zirkel des Hofes entwickelt sich das, was wir heute wohl eine 'psychologische' Betrachtung des Menschen nennen würden, eine genauere Beobachtung des Anderen und seiner selbst über größere Motivationsreihen und Zusammenhangsketten.
Warum?
Weil hier die Überwachung seiner selbst und die beständige, sorgfältige Beobachtung Anderer zu den elementaren Voraussetzungen für die Wahrung der gesellschaftlichen Position gehört. Das ist eines der Beispiele dafür, was wir die 'Orientierung an der Erfahrung' nennen, die Beobachtung über längere Verflechtungen hin (S. 374).

Diese höfische Kunst der Menschenbeobachtung ist, zum Unterschied von dem was wir heute gewöhnlich 'Psychologie' nennen -, niemals darauf abgestellt, den einzelnen Menschen für sich allein zu betrachten, der Zugriff ist hier um so wirklichkeitsnaher, als der Einzelne immer in seiner gesellschaftlichen Verflochtenheit ins Auge gefasst wird, als ein Mensch in seinen Beziehungen zu anderen, als Einzelner in einer gesellschaftlichen Situation (S. 375).

Diese 'Psychologisierung' der Verhaltensvorschriften (genauer: ihre stärkere Durchtränkung mit Beobachtungen und Erfahrungen) ist ein Ausdruck für die rascher fortschreitende Verhöflichung der Oberschicht und für die engere Verflechtung aller Teile der Gesellschaft. Die Menschenbeobachtung, die das Leben im höfischen Kreise erfordert, findet ihren literarischen Ausdruck in einer Kunst der Menschenschilderung.

Das stärkere Verlangen nach Büchern innerhalb einer Gesellschaft ist an sich bereits ein sicheres Zeichen für einen starken Zivilisationsschub; denn die Triebverwaltung und -regulierung, die es erfordert Bücher zu schreiben ist in jedem Fall beträchtlich. Das Buch spielt aber in der höfischen Gesellschaft noch nicht die gleiche Rolle, wie in der bürgerlichen.

Der gesellige Verkehr, der Markt der Prestigewerte, bildet hier für jeden Einzelnen den Mittelpunkt seines Lebens. Auch die Bücher sind für das gesellschaftlich - gesellige Beisammensein bestimmt; sie sind Teile und Fortsetzungen der Gespräche und geselligen Spiele. Die Kunst der Menschenschilderung gibt einen guten Eindruck von der differenzierten Menschenbeobachtung, zu der das höfische Leben selbst erzieht.

Wie in vielen anderen Beziehungen, entwickelt in Frankreich die bürgerliche Gesellschaft das höfische Erbe besonders kontinuierlich fort.

Menschenschilderer: Saint-Simon, Proust, Balzac, Flaubert, Maupassant.
Klarheit der Menschenbeobachtung, Vermögen Menschen im Ganzen ihrer gesellschaftlichen Verflechtungen zu sehen und aus ihren wechselseitigen Verflechtungen verständlich zu machen.
Die Einzelgestalt wird hier nie aus dem Gewebe ihrer gesellschaftlichen Existenz heraus gelöst. Sie bewahrt in ihrer Schilderung die Atmosphäre und die Plastizität des wirklich Erlebten (S. 377).

Ähnlich, wie mit dieser 'Psychologisierung' verhält es sich mit der 'Rationalisierung', die langsam vom 16. Jahrhundert an spürbar wird. Sie ist nicht ein Faktum, das für sich steht; auch sie ist nur ein Ausdruck für die Veränderung des ganzen Seelenhaushalts, die in dieser Zeit stärker hervortritt, und für die wachsende Langsicht, die von nun ab ein immer größerer Teil der gesellschaftlichen Funktionen züchtet und erfordert.

Exkurs:
Zum Verständnis des geschichtlich-gesellschaftlichen Werdens bedarf es einer Auflockerung der Denkgewohnheiten, mit denen wir groß geworden sind. Es handelt sich bei dieser oft beobachteten geschichtlichen Rationalisierung nicht darum, dass im Lauf der Geschichte, viele einzelne Menschen gleichsam auf Grund einer Art von prästabilisierter Harmonie, von 'innen' her ein neues Organ oder eine neue Substanz entwickeln, einen 'Verstand' oder eine 'Ratio', die bisher noch nicht da war. Es ändert sich die Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind; deshalb ändert sich ihr Verhalten; deshalb ändert sich ihr Bewusstsein und ihr Triebhaushalt als Ganzes. Die 'Umstände', die sich ändern, sind nichts, was gleichsam von 'außen' an den Menschen herankommt; die 'Umstände', die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst (S. 377).

'Ratio', 'Verstand' oder 'Vernunft' existieren nicht wie die Wortbildung es nahe legt in der gleichen Weise in der etwa Herz und Magen existieren. Sie sind nicht unberührt vom geschichtlich-gesellschaftlichen Wandel. Sie sind Ausdrücke für eine bestimmte Modellierung des ganzen Seelenhaushaltes; es sind Aspekte einer Modellierung, die sich sehr allmählich in vielen Schüben und Gegenschüben vollzieht, und die um so stärker hervortritt, je bündiger und totaler durch den Aufbau der menschlichen Abhängigkeiten spontane Trieb- und Affektentladungen des Individuums mit Unlust, mit Absinken und Unterlegenheit im Verhältnis zu Anderen, oder sogar mit dem Ruin der sozialen Existenz bedroht werden; es sind Aspekte jener Modellierung,mit der sich im psychischen Haushalt schärfer und schärfer Triebzentrum und Ich-zentrum voneinander differenzieren, bis sich schließlich eine umfassende, stabile und höchst differenzierte Selbstzwangapparatur herausbildet. Es gibt nicht eigentlich eine 'Ratio', es gibt bestenfalls eine 'Rationalisierung' (S. 378).


Unsere Denkgewohnheiten machen uns leicht geneigt nach 'Anfängen' zu suchen; aber da ist nirgends ein 'Punkt' in der Entwicklung der Menschen, von dem manfrau sagen könnte: Bisher war noch keine 'Ratio' da und nun ist sie 'entstanden'; bisher gab es noch kein 'Über-Ich' und nun ist es plötzlich da. Es gibt keinen Nullpunkt aller dieser Erscheinungen.

Die Selbstzwangapparatur, der Bewusstseins- und Affekthaushalt 'zivilisierter' Menschen, sie unterscheiden sich als Ganzes in ihrem Aufbau klar und deutlich von denen der so genannten 'Primitiven', aber beides sind in ihrer Struktur klar durchschaubare Modellierungen annähernd gleicher naturaler Funktionen.

Die herkömmlichen Denkmodelle stellen uns immer wieder vor statische Alternativen; es sind gewissermaßen eleatische Modelle, an denen sie geschult sind: Man kann sich nur viele, einzelne Punkte, einzelne sprunghafte Veränderungen vorstellen oder überhaupt keine Veränderung.

Was sich im Verlauf, den wir Geschichte nennen, verändert, sind die wechselseitigen Beziehungen der Menschen und die Modellierung, die der Einzelne innerhalb ihrer erfährt.

Wenn der Blick für diese fundamentale Geschichtlichkeit der Menschen frei wird, eröffnet sich ihm zugleich die Gesetzmäßigkeit, die Aufbaueigentümlichkeit des menschlichen Daseins, die sich gleich bleibt. Jede menschliche Einzelerscheinung ist nur verständlich, wenn manfrau sie im Ganzen dieser steten Bewegung sieht; die Einzelheit ist nicht heraus lösbar; sie bildet sich innerhalb dieses Bewegungszusammenhanges. Als Teil einer bestimmten Stufe oder Welle will sie erfasst sein.

So fehlt es nirgends unter Menschen an gesellschaftlichen Triebregulierungen und -restriktionen oder an einer gewissen Voraussicht. Diese wird umso stärker und umfassender, je größer die Funktionsteilung und damit die Anzahl der Menschen wird, auf die die Handlung eines Einzelnen abgestimmt sein muss.

Und die Art des 'Verstandes' oder des 'Denkens', die dem Einzelnen zur Gewohnheit gemacht wird, ist dementsprechend wie die gesellschaftliche Lage, wie die Stellung im Menschengeflecht, in der er auf- und in die er hinein wächst, ähnlich der Funktion seiner Modelleure (S. 380).

Alle unterschiedlichen Modellierungen sind gerade deswegen verstehbar, weil ihnen die gleiche, menschlich-gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt.
Die individuellen Differenzen innerhalb all dieser Gruppen (Deutsche, Franzosen etc.), etwa die Unterschiede der 'Intelligenz', sind nichts als Differenzierungen im Rahmen von ganz bestimmten, geschichtlichen Modellierungsformen, Differenzierungen, zu denen die Gesellschaft, je nach seinem Aufbau einen mehr oder weniger großen Spielraum gibt.

Das Phänomen der stark individualisierten 'schöpferischen Intelligenz'.(Anm: bzw. Kreativität)
(Frage:) Was sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür?
Das Wagnis des unautoritären, individuell selbstständigen Denkens, die Haltung, durch die sich jemand als ein Wesen von 'schöpferischer Intelligenz' beweist, hat nicht nur ein sehr eigentümliches, individuelles Triebschicksal zur Voraussetzung. Dieses Wagnis ist überhaupt nur möglich bei einem ganz bestimmten Aufbau der Machtapparatur; es hat eine ganz spezifische Gesellschaftsstruktur zur Voraussetzung; und es hängt ferner davon ab, dass dem Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft von solcher Struktur diejenige Schulung und diejenigen nicht sehr zahlreichen, gesellschaftlichen Funktionen zugänglich sind, die allein zur Entfaltung dieser individuell selbständigeren Lang- und Tiefsicht befähigen (S. 381).

Ein Wandel im Aufbau der gesellschaftlichen Funktionen erzwingt einen Wandel des Verhaltens.

Die höfische Rationalität (zumeist verkannt) hatte keine geringere, sondern zuerst größere Bedeutung für die 'Aufklärung' (die Entwicklung dessen, was wir 'Aufklärung' nennen), als etwa die städtisch-kaufmännische Rationalität.

Der geschichtliche Prozess der Rationalisierung ist ein Musterbeispiel für eine Art von Vorgängen, die bisher von dem geordneten, wissenschaftlichen Denken kaum oder nur in sehr vager Form erfasst worden sind.

Er gehört in den Bereich einer noch nicht existierenden Wissenschaft, einer historischen Psychologie. Heute wird zwischen der Form der wissenschaftlichen Forschung und der Arbeit des Historikers ein entschiedener Trennstrich gezogen.
Nur die gegenwärtig lebenden Menschen, scheinen einer psychologischen Untersuchung bedürftig und zugänglich. Gerade weil der Psychologe schlechterdings ungeschichtlich denkt, weil er an die psychischen Strukturen der heutigen Menschen herangeht, als ob sie etwas Ungewordenes und Unveränderliches wäre, kann der Historiker mit seinen Forschungsresultaten im allgemeinen wenig anfangen. Und weil der um Fakten bemühte Historiker, psychologischen Problemen nach Möglichkeit zu entgehen sucht, hat er seinerseits dem Psychologen wenig zu sagen (S. 385).

Nicht viel besser steht es mit der Gesellschaftswissenschaft. Soweit sie sich überhaupt mit geschichtlichen Problemen befasst, akzeptiert sie den Trennungsstrich den der Historiker zwischen psychischer Aktivität und deren verschiedenen Erscheinungsformen (Künste, Ideen..) zieht.

Dass es einer historischen Gesellschaftspsychologie, psychogenetischer und soziogenetischer Untersuchungen zugleich bedarf, um die Verbindungslinie zwischen allen diesen verschiedenen Äußerungen der Menschen und ihrem gesellschaftlichen Dasein zu ziehen bleibt unerkannt (S. 386).

Geschichte und Geist erscheinen als verschiedene Gebilde. Gesellschaft jenseits der Ideen und Ideen jenseits der Gesellschaft? Streit darum was was bewegt (Idealismus-Materialismus).

Der Zivilisationsprozess und innerhalb seiner auch die Erscheinungen, wie die allmähliche Psychologisierung und Rationalisierung, sie fügen sich nicht in dieses Schema (Was bewegt was?). Es hat ganz gewiss keinen Sinn, sich zu fragen, ob der allmähliche Übergang von weniger rationalen zu rationaleren Denk- und Verhaltensweisen die Gesellschaft verändere; denn dieser Rationalisierungsprozess ebenso, wie der umfassendere Zivilisationsprozess, ist selbst eine psychische und eine gesellschaftliche Erscheinung zugleich.

Aber es hat ebenso wenig einen Sinn, den Zivilisationsprozess etwa als einen 'Überbau' oder als eine 'Ideologie', nämlich allein aus seiner Funktion als Waffe im Kampfe einzelner sozialer Gruppen und Interessen gegen andere zu erklären (S. 386).

Die allmähliche Rationalisierung und die gesamte zivilisatorische Transformation vollzieht sich ständig im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen verschiedener Schichten und Verbände.

Das abendländische Beziehungsgeflecht ist nicht eine ursprünglich harmonistische Ganzheit, in die nur zufällig, durch bösen Willen oder Unverstand einzelner Menschen Konflikte hinein getragen werden.

Spannungen und Kämpfe bilden ein integrales Element seiner Struktur.
Zivilisationsschübe vollziehen sich auf Grund von mächtigen Verflechtungsmechanismen, deren Gesamtrichtung zu ändern nicht in der Hand einzelner Gruppen liegt.

Sie entziehen sich einer bewussten oder halb- bewussten Manipulierung, einer überlegten Verarbeitung zu Waffen in den sozialen Kämpfen, in ganz anderem Maße als etwa die Denkgehalte.

Wie die Gestalt des ganzen, psychischen Habitus, so bilden sich auch die spezifischen Zivilisationsstrukturen zugleich als Produkt und als ein Hebel im Getriebe jener umfassenden Gesellschaftsprozesse heraus, innerhalb deren sich auch einzelnen Schichten und Interessen von wechselnder Gestalt selbst bilden und umbilden.

Die zivilisatorische Transformation und mit ihr auch die Rationalisierung ist nicht ein Vorgang einer Sondersphäre der 'Ideen' oder 'Gedanken'. Hier hat manfrau es nicht mehr allein mit Transformationen des 'Wissens', mit Wandlungen von 'Ideologien', kurz mit Veränderungen der Bewusstseinsgehalte zu tun, sondern mit den Veränderungen des gesamten menschlichen Habitus, innerhalb dessen die Bewusstseinsgehalte und erst recht die Denkgewohnheiten nur eine recht partiale Erscheinung, nur einen einzelnen Sektor bilden.

Hier handelt es sich um Gestaltwandlungen des ganzen Seelenhaushalts durch all seine Zonen von der bewussteren Ichsteuerung bis zu völlig unbewussten Triebsteuerung hin.
Zur Erfassung von Wandlungen dieser Art reicht das Denkschema von 'Überbau' und 'Ideologien' nicht mehr aus (S. 388). (Anm.: Anspielung auf Marx und Mannheim).

Die geistesgeschichtliche oder auch die wissenssoziologische Forschung sucht den Menschen vor allem von der Seite des Wissens und Denkens her anzugreifen. Gedanken und Ideen scheinen im Lichte solcher Forschungen als am wichtigsten. Und die unbewussteren Antriebe, das gesamte Feld der Trieb- und Affektstrukturen bleibt für sie mehr oder weniger im Dunkel.

Wer sich aber nur auf Ratio und Ideen konzentriert und den Aufbau der Triebe und die Richtung der Affekte nicht in Betracht zieht ist in der Fruchtbarkeit begrenzt.

Die Rationalisierung der Bewusstseinsgehalte selbst und die gesamten Strukturwandlungen der Ich- und Überichfunktionen, all diese Erscheinungen sind nur sehr unvollkommen angreifbar, solange sich die Untersuchung an Bewusstseinsgehalte, an Ich und Überichstrukturen allein zu halten sucht und dem korrespondierenden Wandel der Trieb- und Affektstrukturen keine Beachtung schenkt.
Wirklich verstehen lässt sich auch die Geschichte der Ideen und Denkformen nur dann, wenn manfrau, mit dem Wandel der zwischenmenschlichen Beziehungen, zugleich den Aufbau des Verhaltens, das Gefüge des Seelenhaushalts als Ganzes ins Auge fasst (S. 389).

Eine umgekehrte Akzentuierung findet manfrau heute oft in der psycho- analytischen Forschung. Sie neigt dazu etwas 'Unbewusstes', ein geschichtslos gedachtes 'Es' aus dem Seelengefüge als das Wichtigste heraus zugreifen.

Manfrau unterscheidet nicht zwischen dem rohen naturalen Triebmaterial und den soziogenen Triebrichtungen, die sich von den korrespondierenden Ich- und Überichstrukturen nicht absondern lassen.

Maßgebend für einen Menschen, ist weder allein ein 'Es', noch allein ein 'Ich' oder 'Überich', sondern immer und von Grund auf die Beziehung zwischen diesen, teils miteinander ringenden, teils mit einander kooperierenden Funktionsschichten der psychischen Selbststeuerung, wie die Gestalt seiner Ich- und Überichsteuerung, sie wandelt sich als Ganzes im Laufe des Zivilisationsprozesses entsprechend einer spezifischen Transformation der Beziehungen zwischen den Menschen, der gesellschaftlichen Beziehungen. Im Laufe dieses Prozesses wird, um es schlagwortartig zu sagen, das Bewusstsein weniger triebdurchlässig und die Triebe weniger bewusstseinsdurchlässig.

Mit dem soziogenetischen Grundsatz kann manfrau gleich gerichtete Prozesse heute bei jedem einzelnen Kind beobachten: Erst mit der Herausbildung von weniger triebdurchlässigen Bewusstseinsfunktionen erhalten die Triebautomatismen mehr und mehr jenen Charakter, den manfrau ihnen heute gewöhnlich als eine geschichtslose, eine rein 'naturale' Eigentümlichkeit zuschreibt, den Charakter des 'Unbewussten'. Und im Zuge der gleichen Transformation wandelt sich das Bewusstsein selbst in der Richtung einer zunehmenden 'Rationalisierung' (S. 391).

Manfrau kann die Gestalt und die Struktur niemals verstehen oder beobachten, wenn manfrau sie sich als etwas getrennt voneinander Bestehendes oder Funktionierendes vorstellt.
Beide sind gleich wesentlich; beide bilden einen Funktionszusammenhang. Man kann sie nur verstehen im Zusammenhang mit der Struktur der Beziehungen zwischen den Menschen und mit der Verflechtungsordnung, in der diese, die gesellschaftlichen Strukturen, sich wandeln.

Daher verlangt der Zivilisationsprozess eine Untersuchung zugleich des ganzen psychischen und des ganzen gesellschaftlichen Gestaltwandels.
Er verlangt, im engeren Radius, eine psychogenetische Untersuchung und im weiteren Radius eine soziogenetische Untersuchung (S. 392).

Zum Verständnis der gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse genügt ebenfalls niemals die Untersuchung einer einzelnen Funktionsschicht innerhalb eines sozialen Feldes. Diese Strukturen und Prozesse verlangen, um wirklich verständlich zu werden, eine Untersuchung der Beziehungen zwischen den verschiedenen Funktionsschichten. Es gilt also, wie bei jeder psychogenetischen Untersuchung, nicht allein die psychische Funktionsschicht des 'Unbewussten' oder allein die des 'Bewusstseins' zu betrachten, sondern den ganzen Kreislauf (das Ganze eines sozialen Feldes) der psychischen Funktionen ins Auge zu fassen.

Das zu tun ist nur möglich, weil das gesellschaftliche Gewebe und sein geschichtlicher Gestaltwandel nicht ein Chaos ist, sondern, auch in Phasen der größten, sozialen Unruhe und Unordnung, eine klare Ordnung und Struktur besitzt. Das Ganze eines sozialen Feldes untersuchen, heißt nicht, alle Einzelvorgänge innerhalb seiner untersuchen.
Es heißt zunächst einmal, die Grundstrukturen aufdecken, die allen Einzelvorgängen innerhalb dieses Feldes ihre Richtung und ihr spezifisches Gepräge geben. Es heißt z.B. etwa sich die Frage vorzulegen, worin sich die Spannungsachsen, die Funktionsketten und Institutionen einer Gesellschaft des 15. Jahrhunderts von denen des 16. u. 17. Jahrhunderts unterschieden, und warum sich jene in der Richtung auf diese hin wandelten.

Von einem bestimmten Stand der Materialkenntnis ab lässt sich mit einem Wort in dem unendlichen Haufen der einzelnen, geschichtlichen Fakten ein festeres Gerüst, ein Strukturzusammenhang erkennen (S. 393).

Jede soziogenetische Untersuchung müsse hin auf das Ganze eines sozialen Feldes ausgerichtet sein, so heißt das nicht: auf die Summe aller Einzelheiten, sondern auf das Ganze seiner Struktur (S. 393).

(Anm.: Elias kommt nun zum Kern dieser Sache, der Rationalisierung).

In diesem Sinne ist zu verstehen was oben über Rationalisierung gesagt wurde. Der allmähliche Übergang zu einem 'rationaleren' Verhalten und Denken, ebenso wie der zu einer stärkeren Selbstkontrolle, wird heute meist allein mit bürgerlichen Funktionen in Zusammenhang gebracht.

Manfrau findet in den Köpfen der Mitlebenden oft die Vorstellung verfestigt, das Bürgertum sei der 'Urheber' oder der 'Erfinder' des rationaleren Denkens. So wenig die höfische Aristokratie oder das Bürgertum der Manufakturzeit selbst einen 'Urheber' in irgendeiner anderen sozialen Schicht hat, so wenig hat dieser Rationalisierungsschub einen solchen Urheber.

Was rationaler wird, das sind nicht nur einzelne Produkte des Menschen; das sind vor allem nicht nur die in Büchern niedergelegten Gedankensysteme.

Was sich rationalisiert, das sind zunächst einmal und in erster Linie die Verhaltensweisen bestimmter Menschengruppen. 'Rationalisierung' (z.B. Verhöflichung der Krieger) ist nichts anderes als ein Ausdruck für die Richtung, in der sich das Gepräge der Menschen in bestimmten, gesellschaftlichen Formationen selbst während dieser Periode ändert.

Wandlungen dieser Art aber haben nicht in der einen oder der anderen Schicht ihren 'Ursprung', sondern sie entstehen im Zusammenhang mit den Spannungen zwischen verschiedenen Funktionsgruppen eines sozialen Feldes und zwischen den konkurrierenden Menschen innerhalb ihrer.
Unter dem Druck von Spannungen dieser Art, die das gesamte Gewebe der Gesellschaft durchziehen, ändert sich deren gesamte Struktur in der Richtung einer zunehmenden Zentralisierung einzelner Herrschaftsgebiete und einer reicheren Spezialisierung, einer strafferen Integrierung der einzelnen Menschen darin.
Und mit dieser Transformation des ganzen, sozialen Feldes wandelt sich der Aufbau der sozialen und psychischen Funktionen zugleich im Sinne einer Rationalisierung (S. 395).

Einzelne Phänomene:
Langsame Entmachtung des ersten Standes.
Pazifizierung des zweiten Standes.
Allmähliches Aufrücken des dritten Standes.

Diese lassen sich nicht unabhängig voneinander verstehen. Alles das sind Hebel in jenem umfassenden Prozess der zunehmenden Differenzierung und Verlängerung aller Aktionsketten. Mit dem allmählichen Wandel der gesellschaftlichen Funktionen (Adelsfunktionen, bürgerliche Funktionen ...) geht ein Wandel der psychischen Selbststeuerung in der Richtung einer größeren Langsicht und stärkerer Regelung der triebhaften Augenblicksimpulse (S. 395).

In herkömmlichen Darstellungen wird die Vorstellung genährt, dass die Rationalisierung des Bewusstseins ihre Ursache in dem Auftauchen einer Reihe von genialen und besonders klugen Individuen habe. Nach diesen Darstellungen brachten erleuchtete Individuen, auf Grund ihrer überragenden Intelligenz, den Menschen des Abendlandes bei, wie ihre angeborene Vernunft richtig zu gebrauchen sei.

Elias sieht es anders. Was die großen Denker des Abendlandes zum Ausdruck gaben war, dass sie anderen Menschen eine größere Klarheit über ihre Welt und sich selbst vermittelten. Sie wirkten so als Hebelarme mit ein. Sie waren, je nach ihrer Größe und ihrer persönlichen Lagerung, in höherem oder geringeren Umfang die Interpreten und Sprecher eines gesellschaftlichen Chores.

Aber sie waren NICHT die Urheber des Denktypus, der in ihrer Gesellschaft vorherrschte. Sie waren NICHT die Schöpfer dessen, was wir 'rationales Denken' nennen (S. 396).

Dieser Ausdruck selbst ist statisch und undifferenziert. In der 'Rationalisierung' zeigt sich nur eine Seite einer umfassenderen Wandlung des gesamten Seelenhaushalts. Sie geht Hand in Hand mit einer korrespondierenden Wandlung der Triebstrukturen.

Sie ist kurz gesagt, eine Zivilisationserscheinung unter anderen (S. 397, Band II).

-o-o-o-

20070711

Hof Hofhaltung Verhöflichung der Krieger tz-04

N. E. Th. d. Zivilis. Teil 4

Die Verhöflichung der Krieger

Die höfische Gesellschaft des 17. u. 18. Jahrhunderts und vor allem der höfische Adel Frankreichs nimmt eine eigentümliche Stellung ein.

Die Hofleute sind nicht die Urheber oder Erfinder der Affektdämpfung und der gleichmäßigeren Durchformung des gesamten Verhaltens. Sie folgen Verflechtungsmechanismen, die kein einzelner und auch keine einzelne Gruppe geplant hat.

Aber in dieser höfischen Gesellschaft wird der Grundstock vieler Verhaltens- und Verkehrsformen ausgeprägt, die mit dem Zwang zur Langsicht zu immer weiteren Funktionskreisen wandern. Ihre besondere Situation macht die Menschen zu Spezialisten für die Durchformung und Modellierung des Verhaltens im gesellschaftlichen Verkehr; denn sie haben zwar eine gesellschaftliche Funktion aber keinen Beruf (S. 352).

Nicht nur im Prozess der abendländischen Zivilisation, auch in Ostasien hat die Verhaltensmodellierung eine gleiche große Bedeutung. Hier zuerst am Sitz des Monopolherrn, laufen alle Fäden eines größeren Interdependenzgeflechts zusammen; hier kreuzen sich längere Aktionsketten als an irgendeinem anderen Punkt des Gewebes.

Die Langsicht, die strenge Regelung des Verhaltens, die dieses Zentralorgan von seinen Funktionären und von dem Fürsten selbst oder von seinen Stellvertretern und Dienern, verlangt ist größer als an irgendeinem anderen Punkt. Zeremoniell und Etikette bringen diese Situation klar zum Ausdruck. Auf den Zentralherrn und seine engere Umgebung dringt viel ein, jeder seiner Schritte ist unter Umständen von folgenschwerer und weitreichender Bedeutung. Vor allem dann, wenn die Monopole noch sehr stark den Charakter von privaten oder persönlichen Monopolen haben (S. 353).

Durch die Personen des Zentralherrn und seiner Minister hindurch wirkt sich jede einigermaßen bedeutende Bewegung und Erschütterung im ganzen Herrschaftsgebiet und dem Gros der Höflinge aus. Die Verflechtung zwingt zu beständiger Vorsicht, zu einem genauen Abwägen alles dessen, was er sagt und tut.

Die Bildung von Gewalt- und Steuermonopolen und von großen Höfen um diese Monopole ist gewiss nicht mehr, als eine Teilerscheinung im Zug der gesamten Prozesse, die eine allmähliche Zivilisation mit sich bringen. Aber sie ist eine von jenen Schlüsselerscheinungen, durch die man Zugang zu dem Triebwerk dieser Prozesse finden kann.

Der große Königshof steht eine Zeit lang im Mittelpunkt jener gesellschaftlichen Verflechtungen, die eine Zivilisation des Verhaltens in Gang setzen. Durch Verfolgung der Soziogenese des Hofes gerät man in die zivilisatorischen Umformungen hinein. Man sieht, wie Schritt für Schritt an Stelle eines Kriegeradels ein gezähmter Adel mit gedämpfteren Affekten tritt, ein höfischer Adel (S. 353).

Innerhalb jedes größeren Zivilisationsprozesses überhaupt, ist einer der entscheidensten Vorgänge die Verhöflichung der Krieger.

Im Abendland vollzieht sich die Verhöflichung der Krieger ganz allmählich vom 11. oder 12. Jahrhundert an bis sie schließlich im 17. u. 18. Jahrhundert langsam ihren Abschluss findet. An den Höfen zwingt das Beieinander einer Reihe von Menschen, deren Handlungen beständig ineinander greifen, auch die Krieger, die in diese Verflechtungen geraten, zu einem gewissen Maß von beständiger Rücksicht und Langsicht, zu einer stärkeren Regelung des Verhaltens und vor allem zu einer größeren Zurückhaltung der Affekte, zu einer Umformung des Triebhaushalts.

Der courteoise Verhaltenscode, die Minnelieder sind Zeugnisse für die ersten Schübe in jener Richtung, die dann schließlich zu einer vollen Verhöflichung des Adels und einer dauernden Umformung seines Verhaltens im Sinne der "Zivilisation" führt (S. 355). Demgegenüber ist die Landstraße voll von Begegnungen, die keine sehr große Regelung des Verhaltens erfordern.

Die friedlicheren Verflechungszwänge, die zu einer tief greifenden Umformung des Triebhaushaltes drängen, wirken zuerst noch nicht beständig und gleichmäßig ins Leben hinein; sie treten nur stellenweise auf, sind ständig durchbrochen und durchsetzt von kriegerischen Zwängen, die eine Affektzurückhaltung weder dulden noch erfordern.

Die courteoisen Vorschriften richten sich an Erwachsene und Kinder. Die Selbstzwangapparatur, das Über-Ich, ist noch nicht sehr stark und gleichmäßig entwickelt. Überdies fehlt hier einer der Hauptmotoren, nämlich der Auftrieb von städtisch-bürgerlichen Schichten gegen den Adel hin.
Dieser ist noch verhältnismäßig gering und auch dementsprechend die Konkurrenzspannung zwischen den beiden Ständen.

An den Territorialhöfen konkurrieren zwar schon Krieger und Städter (noch eine eher isolierte Erscheinung- die wechselseitige Abhängigkeit von Bürgertum und Adel ist noch sehr gering) um die gleichen Chancen, aber erst der absolutistische Hof bringt Menschen bürgerlicher und adeliger Herkunft in ständige Berührung miteinander.
Später ist die funktionelle Verflechtung von Adel und Bürgertum verhältnismäßig groß.
(Verflechtung = wechselseitige Abhängigkeit) (S. 356).

Ein deutlicher Ausdruck dieser geringer entwickelten Funktionsteilung für diese relativ große Ungebundenheit der verschiedenen Stände ist die Tatsache, dass Beziehung und Ausbreitung von Gebräuchen und Ideen zwischen Stadt und Land, zwischen Hof und Hof innerhalb der gleichen Schicht der Gesellschaft (auch über größere Entfernungen) größer sind als zwischen den Schichten.

Das ist der Gesellschaftsaufbau den manfrau vor Augen haben muss um jene anderen sozialen Prozesse zu verstehen mit denen es zu stärkerer "Zivilisation" der psychischen Selbststeuerung kommt (S. 357).

In der naturalwirtschaftenden Gesellschaft ist die wechselseitige Abhängigkeit zwischen verschiedenen Schichten gering. Die Art der Lebensführung ist unausgeglichen. Waffenmacht und Kriegspotential stehen hier in engster Abhängigkeit. Der waffenlose Bauer ist in einem Zustand der Niedrigkeit. Der Krieger ist ungebunden, seine funktionelle Abhängigkeit von Menschen der unteren Schicht ist durch die unmittelbare körperliche Bedrohung, die von ihm ausgeht eingeschränkt (S. 357).

Auch im Lebensstandard besteht ein außerordentlich großer Kontrast zwischen der obersten und der untersten Schicht. Solch großen Kontrasten begegnet manfrau noch heute in Menschenräumen, die in ihrem Aufbau der abendländisch-mittelalterlichen Gesellschaft näher stehen (Indien, Abessinien). Die Bauern leben da in steter Bedrohung durch Missernte oder Hungersnot (S. 358).

Erst wenn sich diese Kontraste verringern, wenn unter dem Konkurrenzdruck, der diese Gesellschaft von oben bis unten in Atem hält, Schritt für Schritt die Funktionsteilung, die wechselseitige Abhängigkeit und Verflechtung verschiedener Funktionen über größere Räume hin immer stärker wird, wenn die funktionelle Abhängigkeit auch der Oberschichten wächst und die gesellschaftliche Stärke mit dem Lebensstandard der unteren steigt, dann erst kommt es langsam zu jener beständigen Langsicht und jenem "Ansichhalten" bei oberen, zu jenem beständigen Auftrieb von unteren Schichten und zu allen jenen anderen Veränderungen, die in den Ausbreitungsschüben der Zivilisationsbewegung zusammenwirken (S. 358).

Zunächst leben alle (Krieger, Städter, Bauern, Schichten) für sich. Der Graben zwischen den Ständen ist tief. Es besteht ein sozialer Kontrast. Die Buntheit des Lebens ist größer. Die Oberschicht, der Adel, spürt noch keinen sonderlich großen sozialen Druck von unten. Er braucht noch nicht beständig an sich zu halten und zu überlegen, um seine Position als Oberschicht zu erhalten. Die vorherrschende Gefahr für den einen Krieger sind andere Krieger. Er braucht das Rohe und Vulgäre nicht aus seinem Leben zu verbannen. Der Gedanke an die unteren Schichten hat nicht viel Beunruhigendes für ihn. Keine Angst im Verkehr mit den Unterschichten. Es erweckt kein Peinlichkeitsgefühl, Unterschichten oder Unterschichtsgebärden zu sehen, sondern ein Gefühl der Verachtung, das unverhüllt, durch keine Zurückhaltung getrübt, durch keine Rücksicht umgeformt oder gedämpft zum Ausdruck gebracht wird (S. 359).
(Siehe dazu auch: Blick auf das Leben eines Ritters Band 1. S.283).

Die Krieger gelangen Schritt für Schritt in funktionelle und institutionelle Abhängigkeit. Das Wirken dieser Verflechtungsmechanismen ist bereits im 11. u. 12. Jahrhundert spürbar, in der Zeit in der sich die Territorialherrschaften verfestigen. Dann heben sich die Feudalhöfe empor. Und im 15. u. 16. Jahrhundert beschleunigt sich die ganze Bewegung, aus der diese Verhöflichung der Krieger ihre Antriebe erhält, die Funktionsteilung, die Integration, die wechselseitige Verflechtung immer größerer Menschenräume und -schichten.

Manfrau sieht es besonders deutlich an der Bewegung jenes Gesellschaftsinstrumentes, dessen Gebrauch und dessen Veränderungen den Stand der Funktionsteilung, Weite und Art der gesellschaftlichen Interdependenzen am genauesten anzeigen, an der Bewegung des Geldes:
Das Geldvolumen wächst rascher, und entsprechend rascher sinkt zugleich die Kaufkraft oder der Wert des Geldes. Auch diese Bewegung setzt früh im Mittelalter ein; neu ist nun, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, nicht die Monetarisierung (Verringerung der Kaufkraft des gemünzten Metalls allein) sondern das Tempo und das Ausmaß dieser Bewegung. Was zunächst als quantitative Veränderung erscheint, ist genauer besehen Ausdruck für qualitative Veränderungen, für Veränderungen im Aufbau der menschlichen Beziehungen, für Umbildungen der Gesellschaftsstruktur (S. 361).

Geldentwertung ist eine Teilerscheinung, nur ein Hebel in einem umfassenden Hebelwerk von gesellschaftlichen Verflechtungen. Unter dem Druck von Konkurrenzkämpfen einer bestimmten Stufe und Struktur wächst in dieser Zeit der Bedarf an Geld. Diese Bewegung hat für verschiedene Gruppen der Gesellschaft eine recht verschiedene Bedeutung. (Hier zeigt sich eine Vergrößerung der wechselseitigen funktionellen Abhängigkeit).

Begünstigt sind jene Gruppen, die durch den Erwerb von mehr Geld, durch eine entsprechende Vergrößerung ihres Geldeinkommens (durch ihre Funktion) die sinkende Kaufkraft ausgleichen können. Also vor allem bürgerliche Schichten und die Inhaber des Abgabenmonopols, die Könige.

Benachteiligt sind die Krieger- oder Adelsgruppen die ein immer geringeres Einkommen haben, je mehr sich das Geld entwertet. Es sind die Strudel dieser Bewegung von denen im 16. u. 17. Jahrhundert nun immer mehr die Krieger an den Hof und damit in die Abhängigkeit des Königs getrieben werden. Auf der anderen Seite wächst auch das Steuereinkommen der Könige, so dass sie eine immer größere Anzahl von Menschen an ihrem Hof erhalten können.

Wenn manfrau den Wandel der 'Stile' betrachtet dann kann manfrau den Eindruck gewinnen, als habe sich von Zeit zu Zeit der Geschmack oder die Seele der Menschen, gleichsam sprunghaft, durch eine plötzliche Mutation von innen her gewandelt: Nun sind es 'gotische Menschen', nun 'Menschen der Renaissance', die manfrau vor sich sieht, und nun 'Menschen des Barock' (S. 362).

Alle diese Veränderungen vollziehen sich geraume Zeit hindurch ganz langsam und lautlos. Die großen 'Explosionen' sind nichts als Teilerscheinungen innerhalb dieser kaum merklichen gesellschaftlichen Umlagerungen, die nur beim Vergleich verschiedener Generationen fassbar wird.

Auch der absolutistische Hof ist nicht von einzelnen irgendwann einmal plötzlich ersonnen oder geschaffen worden, sondern er bildet sich auf Grund einer bestimmten Verlagerung der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse ganz allmählich heran.

Der Hof erzeugt sich als eine viele einzelne Menschen überdauernde Form der menschlichen Beziehungen, als eine festgefügte Institution, die sich immer wieder, solange diese bestimmte Art von wechselseitiger Angewiesenheit sich auf Grund eines bestimmten Aufbaus der Gesamtgesellschaft besteht, von neuem bei weiteren Menschen herstellt.

Wie etwas die gesellschaftliche Institution einer Fabrik nicht fassbar ist, wenn manfrau sie nicht aus dem Aufbau des ganzen sozialen Feldes, der immer wieder Fabriken erzeugt, verständlich zu machen sucht, warum hier Menschen darauf angewiesen sind, als Arbeiter und Angestellt Dienste zu leisten und der Unternehmer seinerseits auf diese Dienste angewiesen ist (S. 363).

Genau so ist auch die gesellschaftliche Institution des absolutistischen Hofes unfassbar, wenn manfrau nicht die Bedürfnisformel kennt, nämlich Art und Maß der wechselseitigen Angewiesenheit, durch die Menschen verschiedener Art in dieser Form zusammengebunden und zusammengehalten wurden.
Erst so verliert er das Aussehen einer zufälligen oder willkürlich geschaffenen Gruppierung. Er gewinnt den Sinn eines Geflechts von menschlichen Beziehungen, das sich eine Zeit lang stets wieder in dieser Weise herstellte.
Eben weil der Hof vielen, einzelnen Menschen Chancen zur Befriedigung bestimmter gezüchteter Bedürfnisse oder Angewiesenheiten bot, welche wiederum vom Hof erzeugt wurden (S. 364). (Anmerkung: Also quasi eine ständige Produktion von Nachfrage durch Eigenwerbung. Verschicke 10000 Emails mit Deinem Photo und irgendwer wird Dich schon heiraten wollen :-).


Der Hof als 'Brut- und Zuchtstätte'.
Zusammenfassung von Teil 4

Der Hof als eine Bedürfniskonstellation die sich über Generationen hinweg immer von neuem herstellte:
Der Adel (Teile des Adels) bedurfte des Königs, weil mit der fortschreitenden Monopolbildung die Funktion des freien Kriegers aus der Gesellschaft verschwand, und weil im Zuge der zunehmenden Geldverflechtung die Gutserträge allein - gemessen am Standard des aufsteigenden Bürgertums - nicht mehr als einen mittelmäßigen Unterhalt und sehr oft nicht einmal ihn gewährten, ganz gewiss keine soziale Existenz, die der wachsenden Stärke bürgerlicher Schichten gegenüber das Prestige des Adels als Oberschicht hätte aufrecht erhalten werden können.

Unter diesem Druck begab sich ein Teil des Adels an den Hof und damit in die unmittelbare Abhängigkeit vom König. Allein das Leben hier, am Hofe, eröffnete dem einzelnen Adeligen noch Zugang zu wirtschaftlichen und zugleich zu Prestige-Chancen.

Wäre es den Adeligen nur um wirtschaftliche Chancen gegangen so hätten sie zu Geld durch eine kaufmännische Betätigung (Einheirat) besser und erfolgreicher kommen können. Aber um durch eine kaufmännische Tätigkeit zu Geld zu kommen, hätten sie ihren Adelsrang ablegen müssen; sie hätten sich in ihren eigenen Augen und denen des Adels degradiert.

Aber gerade dies, ihre Distanz zum Bürgertum, ihr Charakter als Adel, ihre Zugehörigkeit zur obersten Schicht des Landes, war es, was ihrem Leben für ihr eigenes Empfinden Sinn und Richtung gab.

Eben der Wunsch nach Erhaltung ihres ständischen Prestiges, das ist das Motiv des Handelns, welches den Vorrang hat vor dem Verlangen nach Reichtum.

So blieben sie vom König abhängig, weil sie allein durch den Gang an den Hof die Distanz zu allen anderen und das Prestige aufrecht erhalten an dem das Heil ihrer Seele hing.

So war das was sie suchten, nicht wirtschaftliche Existenzmöglichkeiten schlechthin, sondern Existenzmöglichkeiten, die sich mit der Aufrechterhaltung ihres unterscheidenden Prestiges, ihres Adelscharakters vertrugen.

Und diese doppelte Bindung, diese Bindung durch wirtschaftliche und durch Prestigenotwendigkeiten zugleich, ist für alle Oberschichten charakteristisch.

Antriebe beider Art legen sich als eine doppelte und unzertrennbare Kette um den einzelnen Menschen solcher Schichten. Nicht nur für die Träger der 'Civilité"'sondern auch für die der 'Zivilisation'.

Die Bindung durch das Verlangen nach einem bestimmten, sozialen Prestige findet sich als primäres Motiv des Handelns nur bei Angehörigen von Schichten, deren Einkommen unter normalen Umständen nicht allzu gering oder gar im Wachsen ist und erheblich über der Hungergrenze liegt.

Auch der Antrieb zur wirtschaftlichen Aktivität folgt einem Verlangen nach Wahrung eines bestimmten hohen gesellschaftsüblichen Standards und Prestiges. Gerade das erklärt, weshalb in solchen gehobenen Schichten die Affektregelung und vor allem die Ausbildung von Selbstzwängen im allgemeinen größer ist, als bei den korrespondierenden Unterschichten:
Die Angst vor dem Verlust oder auch nur der Minderung des gesellschaftlichen Prestiges ist einer der stärksten Motoren zur Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge.

Im 17. u. 18. Jahrhundert ist noch nicht wie in der bürgerlichen Welt Geld das Zentrum des Prestiges. Die Zugehörigkeit zur höfischen Gesellschaft bedeutet für das Bewusstsein der Zugehörigen mehr als Reichtum; gerade deswegen sind sie an den Hof gebunden. Es gibt für sie keinen anderen Ort, an dem sie ohne Degradierung leben können; und eben deswegen ist auch ihre Angewiesenheit auf den König, ihre Abhängigkeit von dem König so groß (S. 367).

Der König ist seinerseits auf den Adel aus einer ganzen Reihe von Gründen angewiesen. Er bedarf ihrer zur Gesellschaft, weiters um sich herauszuheben. Die Menschen die ihn bedienen gehören zum höchsten Adel des Landes. Ganz besonders aber braucht er den Adel als Gegengewicht gegen das Bürgertum, wie er das Bürgertum als Gegengewicht gegen den Adel braucht, wenn sich sein Spielraum bei der Verfügung über die Schlüsselmonopole nicht verringern soll.
Es ist vor allem die Gesetzlichkeit des 'Königsmechanismus', (Voraussetzungen) die den absolutistischen Herrscher auf den Adel angewiesen macht. Das Spannungsgleichgewicht zwischen Adel und Bürgertum muss aufrecht erhalten werden, damit keiner der beiden Stände zu schwach wird, das ist die Grundlage der Königspolitik.

Der Adel- und ebenso auch das Bürgertum- ist nicht nur von dem König abhängig; der König ist auch von der Existenz des Adels abhängig; aber ganz gewiss ist die Abhängigkeit des einzelnen Adeligen vom König unvergleichlich viel größer, als die Abhängigkeit des Königs von irgendwelchen einzelnen Adligen.

(Anmerkung: dieses Prinzip findet sich des öfteren wie z.B. beim Verhältnis Messeveranstalter - Messeaussteller, oder Marktveranstalter - Marktteilnehmer; die Kunst (eines Veranstalters) besteht hier in der Schaffung einer Art Abhängigkeitsverhältnis; dieses Verhältnis oder besser Beziehung oder Verflechtung könnte manfrau nun auch wieder bei Kommunikationsstrukturen finden: z.B. Zeitung - Abonnenten, Leser oder Website/Blog - Besucher; diese 'Kunst' funktioniert aber natürlich nur wenn 'mitgespielt' wird).

Das kommt in der Beziehung König und Adel, wie sie sich am Hof herstellt, sehr deutlich zum Ausdruck. Der König ist nicht nur der Unterdrücker des Adels, er ist auch Erhalter des Adels.

Der Hof wird so zu einer Zähmungs- und Erhaltungsanstalt des Adels.

Am Hofe stehen die Ritter nicht mehr wie ehemals in freier, kriegerischer Konkurrenz miteinander, sondern in monopolistisch gebundener Konkurrenz um die Chancen, die der Monopolherr zu vergeben hat.
Sie leben nicht nur unter dem Konkurrenzdruck, den sie selbst und eine Reservearmee von ländlichen Adeligen aufeinander ausüben, sondern sie stehen vor allem auch unter dem Druck von aufsteigenden bürgerlichen Schichten.

Aus dem dritten Stand kommen die Steuererträge. Die Interdependenz, die Verflechtung der verschiedenen, gesellschaftlichen Funktionen, und vor allem die Interdependenz von Adel und Bürgertum, ist außerordentlich viel enger geworden, als in den vorangehenden Phasen. Wie sich derart der Aufbau der menschlichen Beziehungen ändert, so ändert sich auch der Aufbau seines Bewusstseins- und Triebhaushalts (S. 368).

Der starke und beständige Druck von den verschiedensten Seiten her verlangt und züchtet eine beständigere Selbstkontrolle, ein stabileres Über-ich und neue Formen des Benehmens im Verkehr von Mensch zu Mensch: aus Kriegern werden Höflinge.

Eine mehr oder weniger entschiedene, stabile Verhöflichung der Krieger gehört zu den elementarsten, sozialen Voraussetzungen jeder größeren Zivilisationsbewegung.

Zum Verständnis des Zivilisationsprozesses ist ein gewisses Verständnis für den Aufbau des Hofes unentbehrlich.

-o-o-o-

20070630

Norbert Elias Prozess d. Zivilisation


-o-o-o-
Literatur und Quellenhinweis: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation; Band 2 Erstmals veröffentlicht 1936; Francke Verlag: 1969 2. Auflage; Suhrkamp: 1976 1. Auflage; 19. Auflage 1995; Ausgewählte Quoten, Gestaltung & Anmerkungen: Transitenator
-o-o-o-

Im Zentrum der Untersuchungen von Elias (1936) stehen Verhaltensweisen, die manfrau als typisch für die abendländisch zivilisierten Menschen ansieht. In den vergangenen Perioden der abendländischen Geschichte haben wir es nicht mit Gesellschaften zu tun, die in dem gleichen Maße 'zivilisiert' sind, wie die abendländische Gesellschaft von heute. Wie ging die Veränderung, diese Zivilisation im Abendlande eigentlich vor sich? Worin bestand sie? Und welches waren ihre Antriebe, ihre Ursachen und ihre Motoren? Das sind die Hauptfragen. Es soll der Weg zum Verständnis der psychischen Prozesse in der Zivilisation offen gelegt werden. Die Veränderungen des psychischen Habitus werden durch eine Prüfung des geschichtlichen Erfahrungsmaterials betrachtet. Der spezifische Prozess des psychischen Erwachsenwerdens ist nichts anderes, als der individuelle Zivilisationsprozess, dem jeder Heranwachsende in den zivilisierten Gesellschaften als Folge des jahrhundertelangen, gesellschaftlichen Zivilisationsprozesses, mit mehr oder weniger Erfolg unterworfen wird. Die soziogenetische und psychogenetische Untersuchung zielt darauf hin, die Ordnung der geschichtlichen Veränderungen, ihre Mechanik und ihre konkreten Mechanismen aufzudecken. Die Zusammenfassung im zweiten Band von Elias' 'Prozess der Zivilisation' nämlich der Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation unterstreicht noch einmal diese Zusammenhänge zwischen den Wandlungen im Aufbau der Gesellschaft und den Wandlungen des Verhaltens und des psychischen Habitus.


Elias hat 1968 diesem Werk eine längere Einleitung voraus gefügt, in welcher er die Soziologie des 20. Jahrhunderts kritisiert, dass sie sich vor allem auf Zustände und einem unspezifischen "sozialen Wandel" konzentriere. Elias ist aber kein Verfechter einer Evolution im Sinne des 19. Jahrhunderts. Der erste Band beschäftigt sich vor allem mit der Frage, ob (die auf verstreuten Beobachtungen beruhende Vermutung stimmt, dass) es langfristige Wandlungen der Affekt- und Kontrollstrukturen von Menschen bestimmter Gesellschaften gibt, die über eine Reihe von Generationen gehen. Betrachtet wird die Affektivität des Verhaltens (Affektkontrollen, die Regelung der individuellen Affekte durch Fremd- und Selbstzwänge), also die Veränderung von Persönlichkeitsstrukturen und die gleichzeitige verlaufende Gesamttransformation von Gesellschaften. Die Frage mit der sich der zweite Band beschäftigt: Ist es möglich, diese langfristige Wandlung der Persönlichkeits Strukturen mit langfristigen gesamtgesellschaftlichen Strukturwandlungen die ebenfalls in eine bestimmte Richtung gehen in Zusammenhang zu bringen? Im zweiten Band wird auch der Staatsbildungsprozess untersucht, sowie ein Entwurf einer Theorie der Zivilisation gezeichnet.


Elias untersucht das Problem des Zusammenhangs von individuellen psychischen Strukturen (Persönlichkeitsstrukturen) und von Sozialstrukturen. Diese beiden Strukturtypen sind nicht unwandelbare Strukturen sondern vielmehr sich wandelnde, interdependente Aspekte der gleichen langfristigen Entwicklung. Der entscheidende Unterschied des wissenschaftlichen Vorgehens und in der Vorstellung von den Aufgaben einer soziologischen Theorie zwischen Parsons und Elias: Das was sich bei Elias als Prozess erweist wurde von Parsons durch statische Begriffsbildungen auf Zustände reduziert.


Elias frägt, warum sich diese hoch entwickelte Gesellschaft zu diesem Stand der Differenzierung hin entwickelt hat. Die statischen Bezugsrahmen der vorherrschenden Systemtheorien lassen soziale Prozesse als etwas Zusätzliches erscheinen. Wie ist es zu erklären, dass für die Soziologie des 19. Jahrhunderts die langfristigen gesellschaftlichen Prozesse im Vordergrund des Forschungsinteresses standen und dass die Soziologie des 20. Jahrhunderts zu einer Zustandssoziologie geworden ist? Das Modell der langfristigen Gesellschaftsentwicklung folgt einer Art von heraklitischer Grundvorstellung- alles fließt während das Modell der Zustände von einer Art eleatischen Grundvorstellung (Flug des Pfeils als eine Serie von Ruhezuständen) geprägt ist.


Welche gedanklichen Modelle haben Bedeutung die -unabhängig von ihren Idealen- allein im Hinblick auf belegbare und nachprüfbare Sachzusammenhänge Bedeutung haben? Es geschehen spezifische Wandlungen in der Vorstellungswelt und dem Denkstil! Die Vorstellung von dem einzigartigen Wesen und Wert der eigenen Nation dient hier oft als Legitimation für den Führungsanspruch der eigenen Nation in der Gesamtheit der Völker.


Im 18. u. 19. Jahrhundert wurde Gesellschaft gedacht als 'bürgerliche Gesellschaft', also Aspekt des Zusammenlebens der Menschen die jenseits der staatlichen Aspekte zu liegen scheinen. viele Soziologen des 20. Jahrhunderts., wenn sie von Gesellschaft sprechen, nicht mehr wie ihre Vorgänger, von der bürgerlichen Gesellschaft oder einer menschlichen Gesellschaft jenseits der Staaten, sondern haben das verdünnte Idealbild eines Nationalstaates vor Augen. Gesellschaft also als etwas, das von der Realität des Nationalstaates abstrahiert wird. Da im Laufe des 20. Jahrhunderts die amerikanische Soziologie bei der Weiterentwicklung der theoretischen Soziologie eine Zeit lang eine führende Rolle übernimmt, so findet man entsprechend dem spezifischen Charakter des vorherrschenden amerikanischen Nationalideals, die gleiche Tendenz in dem herrschenden Theorietyp der Zeit (konservative und liberale Züge sind nicht strikt getrennt).


Kritik von Elias an Parsons Begriff des 'sozialen Systems'. Nach Parsons ist 'ein soziales System' eine Gesellschaft im Gleichgewicht. Gesellschaft ist normalerweise im Zustand der Ruhe. Alle zugehörigen Individuen sind durch die gleiche Art der Sozialisierung auf die gleichen Normen abgestimmt. Alle sind normalerweise wohl integriert, folgen in ihren Handlungen den gleichen Werten, füllen die Rollen aus und Konflikte kommen normalerweise nicht vor. Das was manfrau wünscht, wird mit sachlichen Beobachtungen unter mischt und als Tatsache hingestellt zu einem Gemisch von Sein und Sollen, von Sachanalysen und normativen Postulaten. Die Untersuchungen von Elias sollen auf die Möglichkeit hinweisen, das Studium der Gesellschaft aus der Knechtschaft der gesellschaftlichen Ideologien zu befreien.


Ist es gerechtfertigt eine scharfe Scheidelinie zwischen dem menschlichen 'Inneren' und einer 'Außenwelt' des Menschen zugrunde zu legen? Manfrau findet die Vorstellung vom 'Selbst im Gehäuse' bereits in der platonischen Philosophie, dann beim 'denkenden Ich' des Descartes, bei Leibniz' 'fensterlosen Monaden', beim Kantschen 'Subjekt der Erkenntnis', das nie so recht zum 'Ding an sich' vorzudringen vermag etc. Entfremdung als Ausdruck der Selbsterfahrung. Das Menschenbild des homo clausus. Wissenschaftliche Denkweisen können nicht entwickelt und können nicht Gemeingut werden, ohne dass Menschen sich von der primären Selbstverständlichkeit lösen, mit der sie alles Erfahrene zunächst unreflektiert und spontan aus seinem Zweck und Sinn für sich selbst zu verstehen suchen.


Der Übergang von einer zentral durch einen herkömmlichen Glauben legitimierten zu einer auf wissenschaftlicher Forschung beruhenden Naturerkenntnis und der Schub in der Richtung größerer Affektkontrollen, den dieser Übergang einschloß, stellte also einen Aspekt des im folgenden von andern Seiten her untersuchten Zivilisationsprozesses dar. Die Distanzierung des Denkenden von seinen Objekten im Akt des erkennenden Denkens und die Affektzurückhaltung, die sie erforderte stellt nicht als solche einen Akt der Distanzierung dar, sondern eine tatsächliche Distanz, als ein ewiger Zustand der räumlichen Trennung eines scheinbar im Inneren verborgenen Denkapparates, eines 'Verstandes', einer 'Vernunft', die durch unsichtbare Mauern von den Objekten 'draußen' abgetrennt ist. Die Verwandlung zwischenmenschlicher Fremdzwänge in einzelmenschliche Selbstzwänge führt dazu, dass viele Affektimpulse weniger spontan auslebbar sind. Was gibt nun eigentlich zu dieser Vorstellung eines 'Inneren' des Einzelmenschen Anlass, was ist die Kapsel, was ist das Abgekapselte?


Eine Kritik des neuzeitlichen Menschenbildes ist notwendig, um den Prozess der Zivilisation zu verstehen. Die Vorstellung von den absolut unabhängig voneinander entscheidenden, agierenden und 'existierenden' Einzelwesen, ist ein Kunstprodukt der Menschen, das für eine bestimmte Stufe in der Entwicklung ihrer Selbsterfahrung charakteristisch ist. Es beruht zum Teil auf einer Verwechslung von Ideal und Tatsache, zum Teil auf einer Verdinglichung der individuellen Selbstkontrollapparaturen und der Absperrung individueller Affektimpulse von der motorischen Apparatur. Diese Selbsterfahrung der eigenen Vereinzelung, der unsichtbaren Mauer, die das eigene 'Innen' von allen Menschen und Dingen 'draußen' absperrt, gewinnt im Laufe der Neuzeit für eine große Anzahl von Menschen die gleiche unmittelbare Überzeugungskraft, wie im Mittelalter die Überzeugung, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt wäre. Es ist eine offene Frage, wie weit das Gefühl der Vereinzelung und Entfremdung auf Ungeschick und Unwissenheit bei der Entwicklung individueller Selbstkontrollen zurückgeht. Nach Elias ist Gesellschaft weder eine Abstraktion von Eigentümlichkeiten gesellschaftslos existierender Individuen, noch ein System oder eine 'Ganzheit' jenseits der Individuen, sondern vielmehr das von Individuen gebildete Interdependenzgeflecht selbst.


Der Begriff 'Zivilisation' bezieht sich auf verschiedene Fakten: Stand der Technik, Art der Manieren, wissenschaftliche Erkenntnis, religiöse Ideen und Gebräuche, Art des Wohnens u. Zusammenlebens, gerichtliche Bestrafung, Zubereitung des Essens, etc. Prüfen und fragen: Was ist die allgemeine Funktion des Begriffes Zivilisation, wann ist etwas zivilisiert, wann schätzen wir etwas als zivilisiert ein? Dieser Begriff bringt das Selbstbewusstsein des Abendlandes zum Ausdruck, das Nationalbewusstsein. Er unterscheidet von früheren 'primitiveren' Gesellschaften. Kultur' ist das Wort durch das man im Deutschen sich selbst interpretiert. 'Kulturell' bezeichnet Wert und Charakter bestimmter menschlicher Produkte. 'Kultiviert' steht wiederum dem Zivilisationsbegriff nahe und bezeichnet Formen des Verhaltens oder Gebarens von Menschen.


Norbert Elias vermutet im ersten Band von 'Prozess der Zivilisation', dass es Kant gewesen sei, der einer bestimmten Erfahrung und Antithese seiner Gesellschaft zuerst in verwandten Begriffen Ausdruck gab.


Nach dem 30 jährigen Krieg ist Deutschland entvölkert und wirtschaftlich erschöpft. Verglichen mit Frankreich und England ist Deutschland und vor allem das deutsche Bürgertum im 17. u. 18. Jahrhundert arm, der Fernhandel ist verfallen und die Vermögen verstreut.

Dieses deutsche Bürgertum der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spricht eine andere Sprache als der König. Ideale und Geschmack der bürgerlichen Jugend und die Modelle nach denen sie sich verhalten, sind den seinen fast entgegengesetzt. Goethe und Lessing haben den Geschmack des Volkes weit mehr für sich als die französischen Klassiker.


Das wichtigste Präge- und Ausstrahlungszentrum der deutschen Mittelstandskultur war die Universität. Von ihr werden die Ideen ins Land getragen. Die deutsche Universität, war gewissermaßen das mittelständische Gegenzentrum des Hofes


Die Durchdringung bürgerlicher Kreise mit spezifisch aristokratischem Traditionsgut hatte in Frankreich ganz andere Ausmaße. Höfisches Bürgertum und höfische Aristokratie sprachen die gleiche Sprache, lasen die gleichen Bücher, hatten gleiche Manieren. Als das 'ancien régime' gesprengt wurde, als das Bürgertum zur Nation wurde, wurde vieles von dem was im Ursprunge spezifisch höfisch war zum Nationalcharakter.


Der Physiokratismus ist einer der theoretischen Ausdrücke von Fraktionskämpfen. Er ist ein nicht nur ökonomisches sondern ein groß angelegtes politisches und soziales Reformsystem (Turgot). Auf der anderen Seite die Merkantilisten (Forbonnais). In der Debatte zwischen diesen Fraktionen kommt bereits die Differenz innerhalb der modernen, industriellen Gesellschaft zu einem frühen Ausdruck, die Differenz zwischen stärker freihändlerischen und stärker protektionistischen Interessengruppen. Beide gehören zu der mittelständischen Reformbewegung.


Das Wirtschaftsleben der Gesellschaft wird als ein mehr oder weniger selbsttätiger Prozess, als ein geschlossener Kreislauf von Produktion, Zirkulation und Reproduktion der Güter dargestellt. Die Entwicklungsgänge der Wirtschaft, der Bevölkerung, schließlich der gesamten Gesittung werden als ein großer Zusammenhang betrachtet, das alles als ein großer Kreislauf, ein ständiges Auf und Ab. Quesnay spricht von natürlichen Gesetzen des Zusammenlebens im Einklang mit der Vernunft.


Ein Ausdruck und Spiegelbild dieser Reformideen ist der Begriff 'civilisation' der zunächst Ausdruck für die spezifische Hellsicht des Oppositionellen, des Gesellschaftskritikers ist. Auch das 'Zivilisiert-Sein' wird als Ausdruck eines Kreislaufs erkannt. Das ist der Sinn des Wortes 'Zivilisation' in diesem frühen Stadium seines Gebrauchs. Nach Mirabeau steht die echte Zivilisation im Kreislauf zwischen der Barbarei und der falschen der 'dekadenten' Zivilisation, die durch einen Überfluss an Geld erzeugt wird. Es gilt auf einer mittleren Linie zwischen Barbarei und Dekadenz durch zu steuern. Ein Gedeihen der Gesellschaft zwischen diesen beiden Positionen.

Im zweiten Kapitel seines 'Prozesses der Zivilisation' geht Norbert Elias auf 'Zivilisation' als einer spezifischen Änderung des menschlichen Verhaltens ein. Erasmus von Rotterdam wird als 'Zeitzeuge' aufgerufen und als Propagator eines Zivilisationsbegriffes erkannt. Der Begriff 'civilité' erhielt seine Bedeutung für die abendländische Gesellschaft in jener Zeit, in der die Rittergesellschaft und die Einheit der katholischen Kirche zerbrach. Er ist die Inkarnation einer Gesellschaft, die als Station der abendländischen Gesittung oder 'Zivilisation' so wichtig wurde wie zuvor die Feudalgesellschaft. Ausgangspunkt: 16. Jahrhundert Schrift von Erasmus von Rotterdam : 'De civilitate morum puerilium', 1530. Sie behandelte offenbar ein Thema, über das zu reden an der Zeit war. Erasmus gab dem alt bekannten und oft gebrauchten Wort 'civilitas' durch seine Schrift einen neuen Impuls.


In der Schrift des Erasmus von Rotterdam zeichnet sich eine bestimmte Art des gesellschaftlichen Verhaltens ab. War er der erste, der sich mit solchen Fragen beschäftigte? Keineswegs! Wo immer manfrau beginnt, ist Bewegung, ist etwas, das vorausging. Das Mittelalter hat eine Fülle von Mitteilungen. Essen und Trinken standen noch in ganz anderem Maße im Mittelpunkt des geselligen Lebens als heute. Verhaltensvorschriften der Kleriker bzw. der Klerikergesellschaft dann Zeugnisse aus dem Umkreis der ritterlich-höfischen Gesellschaft.


Der mittelalterliche Standard war ganz gewiss kein 'Anfang' oder eine 'unterste Stufe' des Prozesses der 'Zivilisation'. Es war ein anderer Standard als unserer. Und uns interessiert der kleine Weg vom Standard des Mittelalters zum Standard der frühen Neuzeit und zu verstehen, was da eigentlich mit dem Menschen vorging. Der Standard des guten Benehmens im Mittelalter ist durch den Begriff 'courteoisie' repräsentiert. Dieser Inbegriff des Selbstbewusstseins hieß im englischen courtesy, im italienischen cortezia, im deutschen hövescheit, hübescheit, zuht.


Vom 16. Jahrhundert ab kommt die Gabel von Italien her zunächst in Frankreich, dann England und Deutschland als Essinstrument in Gebrauch. Die Höflinge Heinrich III. wurden zuerst wegen ihrer 'affektierten' Art zu essen verspottet.


Die Manierenschriften der Humanisten bilden gewissermaßen die Brücke zwischen denen des Mittelalters und denen der neueren Zeit. Auch die Schrift des Erasmus, Gipfelpunkt in der Reihe der humanistischen Manierenschriften hat dieses Doppelgesicht. Sie steht in vielem durchaus im Zuge der mittelalterlichen Tradition. Aber zugleich sind in ihr offenbar Ansätze zu etwas Neuem enthalten. Mit ihr entwickelt sich allmählich jener Begriff, der den ritterlich-feudalen Begriff von Höflichkeit in den Hintergrund drängte.

Die Haltung des Erasmus distanziert sich, es fehlt die Identifizierung mit der Oberschicht und das verbindet ihn mit der späteren deutschen Intelligenz. Das Maß der Distanzierung die Erasmus besitzt, weist auf eine Phase der Lockerung zwischen zwei Epochen, die durch festere Gesellschaftshierarchien charakterisiert ist. Die Tradition der 'courtoisie' wird in vielem von der Gesellschaft, die den Begriff der 'civilitas' zur Bezeichnung des gesellschaftlichen 'guten Benehmens' wählt weitergeführt. Die verstärkte Neigung der Menschen, sich und andere zu beobachten, ist eines der Anzeichen dafür, wie nun die ganze Frage des Verhaltens einen anderen Charakter erhält.


Elias präsentiert nun sein empirisches Material über das Verhalten beim Essen, teilt einige Gedanken zu den Zitaten über die Tischgebräuche und gibt einen Überblick über die Gesellschaften, zu denen die zitierten Schriften sprachen. Keine einzelnen Menschen haben die Essensgebote ihrer Zeit erfunden. Die Manierenschriften des 16. Jahrhunderts sind Verkörperungen der neuen höfischen Aristokratie, aus Elementen verschiedener sozialer Herkunft. Menschen die in dem Modell gebenden Kreis selbst leben, brauchen keine Bücher, um zu wissen, wie 'manfrau' sich benimmt.


Als 'Courtoisie' bezeichnete manfrau ursprünglich die Verhaltensform der größeren, ritterlichen Feudalherren. Es kam auch in bürgerlichen Kreisen in Gebrauch. Mit dem langsamen Absterben des ritterlich-feudalen Kriegeradels und der Herausbildung einer neuen absolutistisch-höfischen Aristokratie im Laufe des 16. u. 17. Jahrhunderts wird langsam der Begriff 'Civilité' hoch getragen. Courtoisie kommt im Laufe des 17. Jahrhunderts aus der Mode. 'Courteoisie' erscheint jetzt geradezu als ein bourgoiser Begriff.


In der Zeit bis zum 15. Jahrhundert bleibt der Standard der Esstechnik, der Grundstock des gesellschaftlich Verbotenen und Erlaubten in den wesentlichen Zügen ziemlich gleich. Erst die mittelalterliche Phase mit Höhepunkt in der ritterlich-höfischen Blütezeit, markiert durch das Essen mit den Händen. Dann eine Phase relativ rascher Bewegung und Veränderung, etwa das 16., 17. und 18. Jahrhundert umfassend, in der die Zwänge zur Durchformung des Verhaltens beim Essen dauernd in einer Richtung vorangetrieben werden. Am Ende des 18. Jhs. ist jener Standard der Essgebräuche erreicht der in der ganzen 'zivilisierten' Welt als selbstverständlich gilt.


Wie bei den Umgangsformen gibt es eine Art von Doppelbewegung: Verhöflichung bürgerlicher Menschen, Verbürgerlichung höfischer Menschen oder genauer: bürgerliche werden durch das Verhalten höfischer Menschen, höfische durch das Verhalten bürgerlicher Menschen beeinflusst. Die Sprache ist eine der zugänglichsten Manifestationen dessen, was wir als 'National-Charakter' empfinden. Die Art, wie die Sprache sich entwickelt und geprägt wird, entspricht einer bestimmten Art des gesellschaftlichen Aufbaus. Die Sprache ist eine der Verkörperungen des Gesellschafts- oder Seelenlebens. Sprache ist nichts als Laut gewordene menschliche Beziehung.


Gerade die Parallele zwischen der Zivilisierung des Essens und der des Sprechens ist in dieser Hinsicht recht lehrreich. Sie macht deutlich, dass die Veränderung des Verhaltens beim Essen Teil einer sehr umfassenden Wandlung der menschlichen Empfindungen und Haltungen ist.


Bestimmte Verhaltensweisen in einer Schicht oft über das ganze Abendland hin, während andere Verhaltensweisen in anderer Schicht. Daher sind die Unterschiede im Verhalten zwischen verschiedenen Ständen der gleichen Region oft größer, als die zwischen regional getrennten Vertretern der gleichen Schicht. Abgeschlossenheit der Stände. Im Mittelalter kommt bei der Oberschicht das tote Tier als Ganzes auf den Tisch und das Tier wird auf der Tafel zerlegt.


Auch das Messer in der Art seines gesellschaftlichen Gebrauchs ist Inkarnation der Seelen, ihrer veränderten Triebe, Wünsche, geschichtlicher Situationen und gesellschaftlicher Aufbaugesetze. Der Anblick eines gegen das Gesicht gerichteten Messers erweckt Angst. "Richte nicht dein Messer gegen dein Gesicht, denn darin ist viel Schrecken." Hier ist die emotionale Basis des strengen Tabus. Ein gesellschaftliches Ritual bildet sich aus dieser Gefahr, weil sich die gefährliche Geste ganz allgemein als Unlust bringend, als Todes und Gefahrensymbol im Gefühl verfestigt.


Die Schrift des Erasmus markiert auch hier einen Punkt in der Zivilisationskurve, einen Vorstoß der Schamgrenze, aber auch einen Mangel an Scham. Aber es ist ganz deutlich, dass diese Schrift gerade die Funktion hat, Schamgefühle zu züchten. Die Konditionierungstaktiken werden primär durch das Peinlichkeits- und Schamgefühl der Erwachsenen begründet. Eine genauere Triebregelung und Zurückhaltung der Affekte fordern und erzwingen zunächst die sozial Höherstehenden von den sozial Niedrigstehenderen.


In der mittelalterlichen Gesellschaft schneuzte manfrau sich mit den Händen. Die Höflichkeit der Courtoisie: Mit der Linken schneuzen, mit der Rechten das Fleisch nehmen. Keine peinlichen Empfindungen im Mittelalter wenn manfrau sich die Finger beschmutzt. Zur Zeit des Erasmus ist das Taschentuch zwar bekannt aber manfrau schneuzt sich noch links und rechts und vielleicht etwas vom Tisch abgewandt.


Das Spucken bildet ein besonders anschauliches Exempel dafür, wie sich die Zivilisation des Verhaltens produzierte. Im Mittelalter war es nicht nur ein Brauch, sondern offenbar ein allgemeines Bedürfnis, häufig zu spucken. Auch in der ritterlich-höfischen Oberschicht selbstverständlich. Das heutige Spuckverbot unterscheidet von anderen Verboten, dass sich hier die Fremdzwänge mehr oder weniger vollkommen in Selbstzwänge verwandelt haben. Rationale Einsicht ('Hygiene') war nicht die primäre Ursache der Furcht- und Peinlichkeitsgefühle, nicht der Motor der Zivilisation oder der Antrieb zur Veränderung des Verhaltens. Die rationale Einsicht kommt dem Menschen erst in einer späten Phase (19. Jahrhundert), gewissermaßen erst nachträglich.


Im Mittelalter war es gewöhnlich, dass viele (einander fremde) Menschen in einem Raum übernachteten. Einander fremde Menschen schlafen in einem Bett. Das gilt als selbstverständlich und ist in keiner Weise anstößig. Völlig ausgezogen oder völlig angezogen. Der Anblick völliger Nacktheit war die alltägliche Regel bis ins 16. Jahrhundert. Die Menschen waren 'kindlicher'. Das zeigen die Schlaf- und Badesitten.



Das Schamempfinden, das die sexuellen Beziehungen der Menschen umgibt, hat sich im Prozess der Zivilisation beträchtlich verändert und verstärkt. Was dem Betrachter des 19. Jahrhunderts als 'gemeinste Darstellung der Wollust' erscheint, ist für Erasmus und seine Zeitgenossen ein Mustergespräch und Wunschbild. Das 16. Jahrhundert wusste nicht viel von Prüderie und legte den Schülern in ihren Übungsbüchern Sätzen vor, für die sich heutige Pädagogen bedanken würden. 'Ist das Bett beschritten, ist das Recht erstritten'. So hieß es im späteren Mittelalter. Ein anderer Standard des Schamgefühls, als der, der dann im 19. u. 20. Jahrhundert herrschend wird, wo alles was das sexuelle Leben betrifft, in relativ hohem Maße verdeckt und hinter die Kulissen verwiesen wird.


Korrespondenz Gesellschaftsaufbau -- Ich-Aufbau. Die Ausrichtung der Zivilisationsbewegung auf eine immer stärkere und vollkommenere Intimisierung aller körperlichen Funktionen, auf ihre Einklammerung in bestimmten Enklaven, ihre Verlagerung 'hinter verschlossene Türen' hat Konsequenzen sehr verschiedener Art. Es scheiden sich mit anderen Worten im Leben der Menschen selbst mit der fort schreitenden Zivilisation immer stärker eine intime oder heimliche Sphäre und eine öffentliche Sphäre, ein heimliches Verhalten und ein öffentliches Verhalten von einander.


Das Affektgefüge des Menschen ist ein Ganzes auch wenn wir einzelne Triebäußerungen unterscheiden. Diese ergänzen und ersetzen sich, bilden eine Art von Stromkreis im Menschen. Die Entladung der Affekte im Kampf war vielleicht im Mittelalter nicht mehr ganz so ungedämpft wie in der Frühzeit der Völkerwanderung. In der mittelalterlichen Gesellschaft gehören Raub, Kampf, Jagd zu den Lebensnotwendigkeiten und treten offen zutage. Für die Mächtigen und Starken gehört es zu den Freuden des Lebens. Gefangene werden verstümmelt, Brunnen verschüttet, Bäume abgehauen, Felder verwüstet. Das Gros der weltlichen Oberschicht des Mittelalters führte das Leben von Bandenführern. Der Krieger des Mittelalters liebte den Kampf nicht nur, er lebte darin, sein Leben hatte keine andere Funktion.


Wenig ist hinter die Kulissen verlegt. Das Peinlichkeitsempfinden der mittelalterlichen Oberschicht verlangt noch nicht, dass alles Vulgäre hinter die Kulissen des Lebens und damit auch der Bilder verdrängt wird. Herrenbewusstsein und selbstsichere Verachtung der anderen. Die oberste Schicht ist eine Kriegerschicht. Erst später wird die Oberschicht auch von den anderen Schichten abhängig. Im Mittelalter ist die Welt um den Ritter zentriert. Die erotische Beziehung zwischen Mann und Frau ist sehr viel unverdeckter als in der späteren Phase. Die Nacktheit ist noch nicht mit Schamgefühlen belegt.


Im Mittelalter Kämpfe zwischen Adel, Kirche, Fürsten um Anteile an der Herrschaft und Ertrag des Landes. Im Laufe des 12. u. 13. Jahrhunderts eine weitere Gruppe im Kräftespiel: die privilegierten Stadtbewohner, das 'Bürgertum'. Macht sammelt sich in der Hand der Fürsten. Die Fürstenhöfe werden zu den eigentlich Stil bildenden Zentren des Abendlandes. Die maßgebende höfische Gesellschaft bildet sich in Frankreich. Das Zeitalter des Absolutismus. Was in dieser Veränderung der Herrschaftsform zum Ausdruck kommt ist eine Strukturveränderung der abendländischen Gesellschaft im ganzen. Mit der allmählichen Bildung dieser absolutistisch-höfischen Gesellschaft vollzieht sich auch eine Umformung des Triebhaushalts und des Verhaltens der Oberschicht im Sinne der Zivilisation.


Es fehlt uns heute eine sprachliche Apparatur, die dem allmählichen Gleiten all dieser Prozesse angepasst ist.
Es ist ein unpräzises und vorläufiges Hilfsmittel, wenn manfrau sagt: Die Gebundenheit der Menschen und ihrer Triebäußerungen wurde 'größer', die Integration 'enger', die Interdependenz 'stärker'. Es kommt an die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit nicht ganz heran. Unsere Begriffe sind zu undifferenziert; sie haften zu sehr am Bild materieller Substanzen.





Die Frühform einer solchen 'Gesellschaft' bildet sich langsam an den großritterlichen Feudalhöfen heraus. Hier mit der Größe der Gutserträge, dem Anschluss an das Handelsnetz, mehr Menschen Dienste suchend, hier sind mehr Menschen zu einem friedlichen Umgang gezwungen und verbunden. Die Courtoise ist ein Schritt auf dem Weg, der zu unserer Triebmodellierung führt, ein Schritt in Richtung der 'Zivilisation'. Elias frägt: Was sind Grundlinien aus dem Triebwerk der gesellschaftlichen Prozesse, die zur Gestaltung der Gesellschaft im Sinne des 'Feudalsystems' führen und zu Beziehungen, die sich im Minnesang ausdrücken?


Die Neigung, von einzelnen Urhebern her zu denken, die Denkgewohnheiten, nach den individuellen Schöpfern gesellschaftlicher Transformationen zu fragen machte diese Prozesse und Institutionen so unangreifbar für das nachdenkende Bewusstsein, wie es ehemals für die scholastischen Denker die Naturprozesse waren. Wenn manfrau nach den gesellschaftlichen Prozessen fragt, muss manfrau unmittelbar im Geflecht der menschlichen Beziehungen in der Gesellschaft selbst die Zwänge suchen die sie in Bewegung halten.


Im Mittelalter: Boden wird knapp. Innere und äußere Kolonisation gehen Hand in Hand. Am Beginn der Kreuzzüge stehen der Druck und die verschlossenen Chancen in der Heimat. Die Spannungen im Innern dieser Gesellschaft kamen nicht nur als Verlangen nach Boden und Brot zum Ausdruck. Sie lasteten als seelischer Druck auf dem ganzen Menschen. Der gesellschaftliche Druck gab die bewegende Kraft, wie ein Motor Strom gibt. Die abendländische Ausbreitungsbewegung bekam den Hauptimpuls aus der Landnot der Ritter. Neue Böden konnten nur mit dem Schwert erobert werden.


Das so genannte Feudalsystem das im 12. Jahrhundert deutlicher hervortritt, ist nichts anderes als die Abschlussform dieser Expansionsbewegung im agrarischen Sektor der Gesellschaft; im städtischen hält diese Bewegung noch etwas an und findet ihre Abschlussform im geschlossenen Zunftsystem. Das Land ist verteilt. Aus einer Gesellschaft mit relativ offenen Chancen, wird im Laufe einiger Generationen eine Gesellschaft mit mehr oder weniger geschlossenen Positionen. Individuelle Angewiesenheiten stellen sich her. Man (eher ohne frau? :-) geht Bündnisse ein. Der im Heer höher Rangierende ist 'Lehnsherr', der sozial Schwächere der 'Vasall'.



Die Grundherren, die besser platziert sind und die größeren Chancen haben, belegen die feudale Bewegung mit Beschlag. Sie fixieren es zuungunsten ihrer Vasallen. Eine Reaktion im Sinne einer Konsolidierung. Nach einer Phase des freieren Konkurrenzkampfes verschiebt sich das Gleichgewicht zugunsten der wirtschaftlich stärkeren Gruppen. Die wenigen reicheren und größeren Grundherren gewinnen an gesellschaftlicher Stärke gegenüber den vielen kleinen. Das Wachstum des Handels- und Geldverkehrs kommt den wenigen, reichen und großen Grundherren in ganz anderem Maße zugute als dem Gros der kleinen, die leben wie sie bisher gelebt haben. Auch die wachsenden Handwerker- und Händlersiedlungen, die Städte, schließen sich meist an die Festungen und Verwaltungszentren der großen Herrschaften an und stärken diese durch die Abgaben an sie. Das Schicksal Walthers von der Vogelweide ist typisch. Bei geringen Expansionsmöglichkeiten der Gesellschaft, desto größer die Reservearmee der Oberschicht.


Wachsende Verflechtung und Zusammenwachsen zu einer 'Erdgesellschaft'? Das Wachstum der Integrations- und Herrschaftseinheiten zu immer weiteren Größeneinheiten ist immer zugleich ein Ausdruck für strukturelle Veränderungen im Aufbau der Gesellschaft und der menschlichen Beziehungen selbst. Das Geflecht der Angewiesenheiten und Abhängigkeiten, die sich im Einzelnen kreuzen werden größer und seiner Struktur nach anders. In Korrespondenz damit verändert sich auch die Modellierung des Verhaltens und des ganzen emotionalen Lebens, die Gestalt des Seelenhaushalts.


Die erste Station des aufsteigenden Königshauses sind Konkurrenzkämpfe und Monopolbildung im Rahmen eines Territoriums. In jedem Territorium gelingt es früher oder später durch die Akkumulation von Landbesitz eine Vormachtstellung, Hegemonie oder Monopolstellung zu gewinnen, zuungunsten der vielen kleinen und mittleren Ritterfamilien. Der Mechanismus der Vormachtbildung ist immer der gleiche. Durch Akkumulation des Besitzes, wachsen einzelne Unternehmungen aus dem Konkurrenzbereich heraus und kämpfen miteinander bis nur mehr eines oder zwei einen bestimmten Zweig der Wirtschaft kontrollieren und beherrschen.


Die finanziellen Mittel die der gesellschaftlichen Zentralgewalt zufließen halten das Gewaltmonopol aufrecht, das Gewaltmonopol hält das Abgabenmonopol aufrecht. Es handelt sich um zwei Seiten der gleichen Monopolstellung. Erst mit der Herausbildung dieses beständigen Monopols der Zentralgewalt und dieser spezialisierten Herrschaftsapparatur nehmen die Herrschaftseinheiten den Charakter von 'Staaten' an. Mechanismus der Monopolbildung. Je mehr Menschen durch das Spiel des Monopolmechanismus in Abhängigkeit geraten, desto größer wird die gesellschaftliche Stärke zwar nicht der einzelnen Abhängigen, aber der Abhängigen als eines Ganzen im Verhältnis zu den wenigen oder dem einen Monopolisten.


Überall versuchen die Einheiten zweiter Stärke einen Block gegenüber jener Einheit zu bilden, die durch Zusammenschluss vieler Gebiete der Vormachtstellung am nächsten ist; eine Blockierung provoziert die andere; wie lange das Spiel auch hin und her geht, das System als Ganzes tendiert zum festeren Zusammenschluss immer größerer Gebiete um ein Zentrum zur Konzentrierung der wirklichen Entscheidungsgewalt bei immer weniger Einheiten und schließlich in einem einzigen Zentrum. Aus einer Kriegergesellschaft mit relativ freier Konkurrenz ist eine Gesellschaft mit monopolartig beschränkter Konkurrenz geworden.


Es gibt noch kein allgemeines oder übergreifendes 'Recht', denn es gibt noch keine übergreifende Macht, die ein solches Recht durchsetzen kann. Erst im Zusammenhang mit der Bildung von Gewaltmonopolen, mit der Zentralisierung der Herrschaftsfunktionen setzt sich ein allgemeineres Recht, ein gemeinsamer Rechtscode für große Gebiete durch. Das Besitztum der Königsfamilie hat sehr stark den Charakter eines kleinen Familienunternehmens. Apaganierte, werden zu Konkurrenten eines geschwächten Zentralhauses. Der Konkurrenzkampf ist jetzt auf wenige Abkömmlinge des ursprünglichen Zentralhauses selbst beschränkt. Der Erdteil Europa als Ganzes beginnt ein interdependentes Ländersystem mit einer eigenen Gleich- und Schwergewichtsdynamik zu werden, innerhalb dessen jede Stärkeverschiebung mittelbar oder unmittelbar jede einzelne Einheit, jedes Land, in Mitleidenschaft zieht.


In der gesellschaftlichen Position des großen Feudalherren, des Fürsten vereinigte sich die Funktion des reichsten Mannes, des Besitzers der größten Produktionsmittel seines Gebietes, mit der Funktion des Herrschenden, des Besitzers der militärischen Verfügungsgewalt und der Jurisdiktion. Das Schlüsselstück jedes Herrschaftsmonopols, das Monopol der körperlichen, der militärischen Gewaltausübung, über größere Gebiete hin eine feste und stabile gesellschaftliche Institution bildet, während es sich in der vorangehenden Phase durch jahrhundertelange Kämpfe hindurch erst langsam entwickelt und zwar zunächst in der Form eines privaten, eines Familienmonopols. Für alle naturalwirtschaftlichen Kriegergesellschaften (nicht nur für sie) ist das Schwert ein sehr nahe liegendes, ein unentbehrliches Mittel zum Erwerb von Produktionsmitteln und die Gewaltandrohung ein unentbehrliches Mittel der Produktion.


Aus der Verflechtung von unzähligen individuellen Interessen und Absichten entsteht etwas, das so wie es ist, von keinem Einzelnen geplant oder beabsichtigt worden ist, und das doch zugleich aus Absichten und Aktionen vieler Einzelner hervorging. Und das ist eigentlich das ganze Geheimnis der gesellschaftlichen Verflechtung, ihrer Zwangsläufigkeit, ihrer Aufbaugesetzlichkeit, ihrer Struktur, ihres Prozesscharakters und ihrer Entwicklung; dies ist das Geheimnis der Soziogenese und der Beziehungsdynamik.


Tendenzen zu einer Art von 'Vergesellschaftung' zeigen sich, wenn der Besitz oder der Verfügungsbereich von Zentralherren sehr groß zu werden beginnt (in vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaften). Was wir 'Feudalismus' nennen und was oben als das Wirken der zentrifugalen Kräfte beschrieben wurde, ist nichts anderes als der Ausdruck solcher Tendenzen; sie zeigen an, dass die funktionelle Abhängigkeit eines Herrn von seinen Dienern, also von breiteren Schichten, im Wachsen ist; sie führt zum Übergang der Verfügungsgewalt über Böden und (kriegerische) Machtinstrumente aus der Hand des Zentralherrn in die der nächsten Diener. Vergesellschaftung bedeutet eine Auflösung des zentralisierten Monopols. Wenn ein Gesellschaftsverband sich als Ganzes reicher differenziert dann erst werden regulierende und koordinierende Zentralorgane für die Aufrechterhaltung des ganzen gesellschaftlichen Getriebes so unentbehrlich, dass sie nicht mehr aufgelöst werden können.


An den Zentralorganen sind, wie an jeder anderen gesellschaftlichen Formation, zwei Charaktere zu unterscheiden: Ihre Funktion innerhalb des Menschengeflechts dem sie angehören, und die gesellschaftliche Stärke, die sich jeweils mit dieser Funktion verbindet. Was wir 'Herrschaft' nennen, ist in einer hohen differenzierten Gesellschaft nichts anderes als die besondere gesellschaftliche Stärke, die bestimmte Funktionen, die vor allem die Zentralfunktionen ihren Inhabern im Verhältnis zu den Inhabern anderer Funktionen verleihen. Die Veränderungen in der gesellschaftlichen Stärke der Zentralfunktionäre, sind sichere Anzeichen für spezifische Veränderungen der Spannungsverhältnisse im Innern der ganzen Gesellschaft.


Am Ausgang des Mittelalter erlangt der Zentralherr eine überaus große gesellschaftliche Stärke. Gerade in dieser Zeit gewinnt der Kreislauf der funktionsteiligen Aktionsketten eine immer größere Weite und Festigkeit. Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Prozesse, der Funktionärscharakter der Zentralgewalt macht sich nun bereits stärker geltend als im Mittelalter.


In den Beziehungen einzelner Menschen (wie auch in Funktionsschichten) zeigt sich eine spezifische Zwiespältigkeit oder gar eine Vielspältigkeit der Interessen um so stärker, je weiter und reicher gegliedert das Netz der Interdependenzen wird. Alle Menschen sind hier in irgendeiner Form aufeinander angewiesen; sie sind potentielle Freunde und Verbündete zugleich Interessengegner, Konkurrenten oder Feinde. Diese Vielspältigkeit der Interessen ist eine der folgenreichsten Struktureigentümlichkeiten der höher differenzierten Gesellschaften und eine der wichtigsten Prägeapparaturen für das zivilisierte Verhalten.


Nun folgt der Schlüssel zum Verständnis der Veränderungen in der gesellschaftlichen Stärke der Zentralfunktionäre. Wer in dieser Konstellation, in einer solchen, durch entscheidungslose Kämpfe ermüdeten und unruhigen Gesellschaft die Verfügung über die obersten Regulations- und Kontrollorgane erlangen kann, hat die Chance, den Kompromiss zur Erhaltung der bestehenden Gewichtsverteilung zwischen den gespaltenen Interessen zu erzwingen. Die verschiedenen Interessengruppen können weder auseinander noch zueinander; das macht sie zur Erhaltung ihrer aktuellen sozialen Existenz auf die oberste Koordinationszentrale in ganz anderem Maße angewiesen. Es macht sie abhängig. Die Stunde der Zentralgewalt innerhalb einer reich differenzierten Gesellschaft rückt heran, wenn die Interessenambivalenz der wichtigsten Funktionsgruppen so groß wird UND die Gewichte sich zwischen ihnen so gleichmäßig verteilen, dass es weder zu einem entschiedenen Kompromiss, noch zu einem entschiedenen Kampf und Sieg zwischen ihnen kommt.


Wenn sich der Zentralherr zu stark mit einer der Gruppen identifiziert, wenn die Distanz zwischen ihm und irgendeiner Gruppe sich allzu sehr verringert, ist früher oder später die gesellschaftliche Stärke seiner eigenen Position bedroht.
Denn diese Stärke hängt davon ab, dass ein gewisses Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Gruppen und ein gewisses Maß von Kooperation oder Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Interessen einer Gesellschaft besteht; aber sie hängt auch davon ab, dass starke und ständige Spannungen und Interessengegensätze zwischen ihnen vorhanden sind.


Verschiedene Teile der Gesellschaft halten sich an sozialer Stärke annähernd die Waage; die Spannungen zwischen ihnen kommen in einer Reihe von Kämpfen zum Ausdruck, aber keine Seite kann die andere besiegen oder vernichten; sie können nicht zusammenkommen, weil jede Stärkung der einen Seite die soziale Existenz der anderen bedroht; sie können nicht auseinander,weil ihre soziale Existenz interdependent ist. Das ist die Situation, die dem König, dem Mann an der Spitze, dem Zentralherrn seine optimale Macht gibt.


Es sind weit mehr die Mechanismen der vordringenden Monetarisierung und Kommerzialisierung, als bewusste Anschläge bürgerlich-städtischer Kreise, die am Ausgang des Mittelalters das Gros der ritterlichen Feudalherren bergab drängen. Die gesellschaftliche Institution des Königtums erlangt ihre größte gesellschaftliche Stärke in jener Phase der Gesellschaftsgeschichte, in der ein schwächer werdender Adel mit aufsteigenden bürgerlichen Gruppen rivalisieren muss. Die rascher fortschreitende Monetarisierung und Kommerzialisierung des 16. Jahrhunderts gibt bürgerlichen Gruppen einen mächtigen Auftrieb und drückt den Adel beträchtlich herab. Gemeinsam ist dem dritten Stand (1.= Klerus, 2. = Adel) vor allem ein Interesse: Das Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer verschiedenen Privilegien.


In der Gesellschaft des 9. u. 10. Jahrhunderts gibt es zwei Schichten von Freien, die Kleriker und die Krieger. Die Angewiesenheit der Krieger ist (vor allem in Friedenszeiten) vom König gering. Die Angewiesenheit der Kleriker ist größer. Das Königtum erhält eine Art von sakralem Charakter, es wird gewissermaßen zu einer kirchlichen Funktion. Die enge Verbindung des Königshauses mit der Kirche macht die Klöster, Abteien und Bistümer im Gebiete anderer Territorialherren zu Bastionen des Königtums.


In der mittelalterlichen Welt lebt jeder Stand in einem Bezirk für sich und sie konkurrieren noch nicht häufig. Erst allmählich erfassen die Könige den Nutzen der Städte und es braucht Zeit bis erkannt wird, dass sie eine gewaltige Vergrößerung der eigenen Chancen bedeutet. Dann aber fördern sie mit großer Konsequenz die Interessen dieses dritten Standes (Bürger), soweit es ihren eigenen Interessen entspricht. Die Mehrzahl der Bürgerlichen aber gelangt durch das Studium, durch die Kenntnis des kanonischen und römischen Rechts in die höheren Bezirke des Herrschaftsapparats.


Die Hofämter, die vielen Ämter des königlichen Haushalts werden dem Adel vorbehalten. Damit finden viele bezahlte Stellen; auch die Nähe zum König gibt diesen Stellen ein hohes Prestige. Die Hofämter werden zu einem Monopol des Adels. Das Doppelgesicht des absolutistischen Hofes entspricht genau diesem zwiespältigen Verhältnis von König und Adel. Dieser Hof ist ein Instrument zur Beherrschung des Adels und gleichzeitig ein Instrument zu seiner Versorgung.


In der vorwiegend natural wirtschaftenden Gesellschaft empfindet manfrau Steuern als etwas vollkommen Unerhörtes; manfrau steht zu solchen Maßnahmen nicht sehr viel anders als zu Raubzügen oder zum Nehmen von Zins. Die Bürger haben sich mit der Waffe ihre Stadtfreiheit erkämpft. Nun kommt der Brauch auf, auch die Stadtbewohner, die 'Bourgeois', zu Kriegsdiensten heranzuziehen. Die Stadtbewohner ziehen es aber bald vor, dem Territorialherren statt der Kriegsdienste Geld anzubieten, damit er sich Krieger mieten kann. So wird aus diesen städtischen Geldzahlungen zur Ablösung der Kriegsdienste ziemlich rasch ein fester Brauch oder eine Institution.


Die bürgerliche Oberschicht steht nicht nur in einem Spannungsverhältnis zu den weltlichen und geistlichen Feudalherren, sondern auch zu den unteren, städtischen Schichten. Hier ist es vor allem die Uneinigkeit der städtischen Schichten selbst, die den Zentralherrn begünstigt. Nicht nur die soziale sondern auch die regionale Zerspaltenheit begünstigt die Zentralfunktion. Jeder einzelnen Schicht, jeder einzelnen Region gegenüber ist die Zentralfunktion der stärkere Teil. Immer wieder ist es die in der Hand der Zentrale konzentrierte Kriegsmacht, die die Verfügungsgewalt der Zentralfunktion über die Abgaben sichert und steigert, und es ist die konzentrierte Verfügung über die Steuern, die eine immer stärkere Monopolisierung der physischen Gewaltausübung, der Kriegsmacht, ermöglicht.


Die weltliche Gesellschaft des französischen ancien régime besteht aus zwei Sektoren (ländlich-agrarischer und städtisch-bürgerlicher). In beiden gibt es eine Unterschicht (Bauern und städtische Masse der Gesellen, Arbeiter). In beiden gibt es eine Mittelschicht (Land-, Provinzadel und wohlhabende Kaufleute, Gerichts- und Verwaltungsbeamte). Der König hält das Spannungsgleichgewicht mit Sorgfalt aufrecht. Er sichert die Privilegien und das gesellschaftliche Prestige des Adels gegenüber der wachsenden, ökonomischen Stärke bürgerlicher Gruppen.


Eine Funktion im Sinne der heutigen arbeitsteiligen Nationen hat dieser Adel nicht gehabt. Der Adel hat eine Funktion für den König. Er gehört zu den Fundamenten seiner Herrschaft. Er ermöglicht es dem König, sich vom Bürgertum zu distanzieren, wo wie es ihm ermöglicht ist sich durch das Bürgertum vom Adel zu distanzieren. Der Adel hält dem Bürgertum in der Gesellschaft das Gegengewicht. Ohne diese Spannung zwischen Adel und Bürgertum verlöre der König den größten Teil seiner Verfügungsgewalt.

-o-o-o-

Zurück zur Hauptseite

-o-o-o-

Die Theorie der Zivilisation aus dem zweiten Band
kommt Anfang bis Mitte Juli 2007


-o-



misterlinker

backlinksite

stats

BlogCatalog News

twittercounter

TwitterCounter for @transitenator

twitter updates

BC Neighbors

Blogger:

Mein Bild
Bad Goisern @ HallstaetterSee, Upper Austria, Austria
Austrian Blogger Stumbler Digger Social Networker Promoter etc-
Powered By Blogger

  © Blogger template Brooklyn by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP