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20070423

Höfische Modellierung des Sprechens, Sprache-, Sozial-,-Entwicklung zt-29

Auch für das Sprechen bildet ein begrenzter Kreis von Menschen gewisse Standards heraus.

In Frankreich spricht die höfische Gesellschaft eine andere Sprache als die Bourgeoisie. (Ähnlich wie in Deutschland). Vieles von dem was im 17. zum Teil noch im 18. Jahrhundert unterscheidende Ausdrucksform und Sprache der höfischen Gesellschaft ist, wird allmählich französische Nationalsprache.

Wie bei den Umgangsformen gibt es eine Art von Doppelbewegung: Verhöflichung bürgerlicher Menschen, Verbürgerlichung höfischer Menschen oder genauer: bürgerliche werden durch das Verhalten höfischer Menschen, höfische durch das Verhalten bürgerlicher Menschen beeinflusst.

Die Beeinflussung von unten ist im 17. Jh viel schwächer als im 18.

Der Reichtum der bürgerlichen Spitzenschichten zwingt oben zum Wettbewerb. Und der unablässige Zustrom bürgerlicher Menschen in den höfischen Kreis (in Frankreich) schafft auch im Prozess des Sprechens eine spezifische Bewegung: er trägt den Slang der Bougeoisie in den höfischen Kreis.

Fast in allen Fällen ist in der Tat die höfische Sprachform zur nationalen geworden.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995 Exzerpt: transitenator.
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Die Sprache ist eine der zugänglichsten Manifestationen dessen, was wir als 'National-Charakter' empfinden.

Eine entscheidende Prägestation der französischen Sprache war der Hof und die höfische Gesellschaft.

Für die deutsche Sprache hat eine Zeit lang die kaiserliche Kammer und Kanzlei eine verwandte (aber nicht so intensive) Rolle gespielt. Dann waren es vor allem die Universitäten, die für die deutsche Bildung und Sprache annähernd die gleiche Bedeutung erlangten wie in Frankreich der Hof.

Kanzlei und Universität (Fachbeamte) beeinflussten weniger das Sprechen, als das Schreiben; sie formten nicht durch die Unterhaltung, sondern durch Akten, Briefe und Bücher die deutsche 'Schriftsprache' und waren die Prägestation des Sprachstroms.

Wonach beurteilst eigentlich Du, was gut und schlecht in der Sprache ist?

Elias: Redewendungen, Worte und Nuancierungen sind (sozial-im Umgang mit anderen Menschen) gut, weil die soziale Elite, sich ihrer bedient, und sie sind schlecht, weil die sozialen Niedrigerstehenden in dieser Form sprechen (S. 150).

Die rationale Begründung hat die soziale Begründung, dass etwas besser sei, weil es Gebrauch der Oberschicht sei hat bei weitem den Vorrang.

Die Art, wie die Sprache sich entwickelt und geprägt wird, entspricht einer bestimmten Art des gesellschaftlichen Aufbaus.

In der französischen Sprache bleibt der Durchgang durch eine höfisch-aristokratische Phase spürbar. In der deutschen Sprache bleibt der Durchgang durch eine gelehrte- mittelständische Intelligenzschicht spürbar.

Zu der Frage, wie die Menschen es begründen, dass dies 'schlechtes' und jenes 'gutes' oder 'besseres' Benehmen sei:

Die Sprache ist eine der Verkörperungen des Gesellschafts- oder Seelenlebens. Sprache ist nichts als Laut (Anm.: hörbares, verstehbares Geräusch) gewordene menschliche Beziehung (S. 157).

Rationale Begründungen des Zivilisationsprozesses wie z.B. Veränderung des Essens aus 'hygenischen Gründen' stehen zum mindesten sehr im Hintergrund.

In den Begründungen der Zurückhaltung heißt es meistens: Tue das und jenes nicht, denn es ist nicht courtois, nicht höfisch, ein edler Mann tut so was nicht.

Allenfalls Begründung mit Rücksichtnahme auf das Peinlichkeitsgefühl der anderen. Später: Lass das, es ist nicht Civil. Die gesellschaftlichen Motivierungen, das Ausrichten des Verhaltens nach den Modellen der tonangebenden Kreise hat bei weitem den Vorrang (S. 153).

Die 'Delikatesse', diese Sensibilität und das besonders entwickelte Gefühl für 'Peinliches', ist unterscheidendes Merkmal kleiner höfischer Kreise, dann der höfischen Gesellschaft. Worauf sie sich gründet, wird nicht gesagt und nicht gefragt.

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20070422

Kurve der Zivilisation des Essens. zt-28

Am Ende des 18. Jhs. ist jener Standard der Essgebräuche erreicht der in der ganzen 'zivilisierten' Welt als selbstverständlich gilt.

Es findet zwar eine weitere Durchdringung der Volksmassen, der Mittelschichten, der Arbeiterschaft, der Bauern mit dem uniformen Ritual der Zivilisation statt, aber der Grundstock, der Standard der Esstechnik bleibt unverändert.

Selbst die Entwicklung der Technik (Kochtechnik, neue Kraftquellen) hat die Esstechnik ziemlich unverändert gelassen. Was sich noch verändert ist also die Technik der Produktion des Essens aber die Technik der Konsumption ist besonders von gesellschaftlichen Formationen entwickelt die (in nicht mehr erreichten Ausmaßen) Konsumptionsschichten waren.

Nun verlangsamt sich das Tempo der Bewegung (S. 140). Differenzierungen der Geräte stellen genau betrachtet nicht eigentlich etwas Neues dar. Sie sind Variationen über das gleiche Thema, Differenzierungen innerhalb des gleichen Standards.

In der Zeit bis zum 15. Jh. bleibt der Standard der Esstechnik, der Grundstock des gesellschaftlich Verbotenen und Erlaubten in den wesentlichen Zügen ziemlich gleich.
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Quelle: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Erstmals veröffentlicht 1936, Francke Verlag: 1969 2. Auflage,Suhrkamp:1976 1. Auflage,19. Auflage 1995
Exzerpt: transitenator
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Die Gestalt der Kurve ist überall die gleiche.

Erst die mittelalterliche Phase mit Höhepunkt in der ritterlich-höfischen Blütezeit, markiert durch das Essen mit den Händen. Dann eine Phase relativ rascher Bewegung und Veränderung, etwa das 16., 17. und 18. Jahrhundert umfassend, in der die Zwänge zur Durchformung des Verhaltens beim Essen dauernd in einer Richtung vorangetrieben werden.

Von da an eine Phase, die sich im Rahmen des einmal erreichten Standards hält. Das alltägliche Verhalten spielt nicht mehr die gleiche Rolle wie in der vorhergehenden Phase. Zur Grundlage der sozialen Unterschiede wird ausschließlicher als zuvor der Geldbesitz. Und die Verdinglichungen der Menschen, ihre Leistungen und Produkte werden wichtiger, als ihr Gebaren.

Weder Löffel, noch Gabel, oder Serviette werden einfach, wie ein technisches Gerät, mit klar erkennbarem Zweck und deutlicher Gebrauchsanweisung eines Tages von einem Einzelnen erfunden; sondern durch Jahrhunderte wird unmittelbar im gesellschaftlichen Verkehr und Gebrauch allmählich ihre Funktion umgrenzt, ihre Form gesucht und gefestigt.

Der höfische Kreis prägt die Modelle und zwar zunächst nur für die Bedürfnisse der eigenen gesellschaftlichen Situation und entsprechend der Seelenlage, die dieser sozialen Lage entspricht.

Weitere Schichten sind begierig die oben entwickelten Modelle anzunehmen.

Die Wanderung (Übernahme) von Modellen aus einer sozialen Einheit zur anderen gehören im Gesamtprozess der Zivilisation zu den wichtigsten Einzelbewegungen.

Nicht nur die Art des Essens, auch die Art des Denkens wird in Frankreich auf ähnliche Weise modelliert.

Die Herausbildung eines bestimmten Rituals der menschlichen Beziehungen, im Wandel der menschlichen Beziehungen, im Wandel der Gesellschafts- und Seelenlage ist nichts Isolierbares (auch wenn eine Linie verfolgt wird). Es sind umfassende Wandlungen im Verhalten der Gesellschaft (S. 145).

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